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Jun 4, 2025 • 24min
Zoonosen - Bedrohung aus dem Tierreich
Tollwut, Ebola, Aids, die Pest und höchstwahrscheinlich auch Covid-19 - viele Erkrankungen, die weltweit vorkommen, haben eines gemeinsam: Ihre Erreger sprangen irgendwann vom Tier auf den Menschen über. Es sind Zoonosen. Wie können wir uns vor den tierischen Erregern schützen? Von Maike Brzoska (BR 2024)
Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprach: Xenia Tiling Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Thomas Müller, Fachtierarzt für Virologie am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald; Hendrik Wilking, Epidemiologe am Robert-Koch-Institut in Berlin
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Linktipps:
- Diverse Autor*innen: Virale Zoonosen in Deutschland aus der One Health Perspektive, 2023, Bundesgesundheitsblatt. Übersichtsartikel zu den sechs häufigsten viralen Zoonosen in Deutschland und wie man sie eindämmen kann, abrufbar unter
- Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Trendbericht Zoonosen, Berichtsjahr 2022. Aktueller Überblick über Zoonosen, die durch Lebensmittel übertragen werden, abrufbar unter
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN
Die Füchse müssen furchterregend ausgesehen haben: Rot unterlaufende Augen, triefender Speichel ums Maul und Kampfeslust in den Augen. Der Biss eines kranken Tieres kam früher einem Todesurteil gleich. Das ist heute bei uns anders. Und trotzdem löst der Anblick eines vorbei streunenden Fuchses bei vielen Menschen immer noch denselben Reflex aus: Achtung, Tollwut!
Deshalb die gute Nachricht vorab:
01 O-TON (Müller)
Der letzte Fall von Tollwut war 2006.
SPRECHERIN
Sagt der Fachtierarzt für Virologie Thomas Müller. Er forscht am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald. Seit 2008 gilt Deutschland offiziell als Tollwut-frei. Die zwei Jahre dazwischen sind eine Art Puffer, um auf Nummer sicher zu gehen.
02 O-TON (Müller)
Sie müssen erst mal sozusagen noch zwei Jahre lang warten, dass die Tollwut in dem Gebiet nicht mehr vorkommen wird.
SPRECHERIN
Die Tollwut ist eine Virus-Erkrankung, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Also eine sogenannte Zoonose. Was man darunter versteht, erklärt der Epidemiologe Hendrik Wilking. Er forscht am Robert-Koch-Institut in Berlin.
03 O-TON (Wilking)
Zoonosen sind vom Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten. Die kommen weltweit vor und können ausgelöst werden durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze.
MUSIK 2 (Alan Jay Reed, Michi Koerner: Genetics 0’47)
SPRECHERIN
Tollwut, Aids, die Pest, Tuberkulose, Ebola und höchstwahrscheinlich auch Covid-19, das die Corona-Pandemie auslöste – die Liste von Zoonosen ist lang. Forschende gehen davon aus, dass zwei Drittel unserer Infektionskrankheiten aus dem Tierreich stammen. Einige sind sehr jung, wie Covid-19, andere sind uralt.
04 O-TON (Müller)
Die Tollwut ist die älteste bekannte Zoonose der Menschheit. Sie ist schon vor über 5.000 Jahren das erste Mal erwähnt worden im Alten Babylon. Also insofern wissen wir schon recht gut Bescheid, dass die Tollwut ein ständiger Begleiter der menschlichen Entwicklung war.
SPRECHERIN
Auch den Begriff gibt es in unserem Sprachraum schon sehr lange.
05 O-TON (Müller)
Also „Tollwut“ ist ein altdeutscher Begriff, der diese Krankheit gut, sag ich mal, schon mit einem Wort beschreibt. In anderen Sprachräumen wurde von ‚Hydrophobie‘ gesprochen.
SPRECHERIN
Hydrophobie, Wasser-Angst, weil die Betroffenen bei fortgeschrittener Krankheit eine starke Abneigung gegen Wasser entwickeln. Das gilt sowohl für Tiere als auch für den Menschen.
06 O-TON (Müller)
Das Virus befällt das zentrale Nervensystem des betroffenen Individuums, und das ist im Prinzip bei Mensch und Tier das Gleiche. Also bei Menschen würde man zunächst Kopfschmerz, Fieber, Angstzustände oder Kribbelgefühle oder ein verändertes Empfinden in der Nähe des Tierbisses merken, das sind die ersten Anzeichen von Tollwut. In den meisten menschlichen Fällen äußert sich die Krankheit dann auch durch eine Pupillenerweiterung, ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Temperatur-Veränderungen. Es gibt Anfälle, Halluzinationen sowie Hydrophobie, das heißt Krämpfe bei Berühren oder bloßen Erblicken von Wasser. Es geht dann weiter bis hin zur Lähmungserscheinung bis hin zum Koma. Und leider unbehandelt endet die Krankheit immer mit dem Tod des betroffenen Individuums.
MUSIK 3 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0‘36
SPRECHERIN
Anders als früher ist Tollwut aber heute kein Todesurteil mehr. Betroffene können sich mit einer Impfung gegen Tollwut schützen – auch nach dem Biss eines infizierten Tieres. Wobei es wichtig ist, dass möglichst schnell nach dem Vorfall geimpft wird.
Auch wenn Füchse noch immer Tollwut-Ängste auslösen, lange Zeit waren sie gar nicht Hauptüberträger der Krankheit, sondern Hunde. Wobei die nicht immer „tollwütig“ waren.
07 O-TON (Müller)
Es muss nicht immer die aggressive Form sozusagen der Tollwut sein, wo Menschen aktiv angegriffen werden, sondern in vielen Fällen sehen wir, dass die Tiere Lähmungserscheinungen haben, sich zusammenkauern, irgendwie krank aussehen, sie können sich kaum noch bewegen, und dann gehen die Menschen hin, wollen sie streicheln, wollen gucken, ob alles in Ordnung ist. In dem Moment schnappt der Hund zu.
MUSIK 4 ( Gustav Mahler: Symphony No. 5 (Blanchett, Wolf, Dresdner Philharmonie) 0‘20)
SPRECHERIN
Im Deutschen Kaiserreich zum Beispiel gab es deshalb eine ganze Reihe von Maßnahmen, um die Krankheit einzudämmen. Hunde mussten angeleint werden, einen Maulkorb tragen – und, bei den ersten Anzeichen von Tollwut, getötet werden.
08 O-TON (Müller)
Und all diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Anzahl der Tollwut bei Menschen dann doch rasant runtergegangen ist.
SPRECHERIN
Dennoch kam es immer wieder zu Tollwut-Erkrankungen bei Mensch und Tier. Das änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
09 O-TON (Müller)
Weil man erst da in der Lage war, entsprechende Impfstoffe zu entwickeln und die Aussicht hatte, dass man mit einer vorbeugenden Impfung Hunde erfolgreich gegen Tollwut schützen kann, und damit auch den Menschen gegen Tollwut schützen kann.
SPRECHERIN
Die Hunde-Tollwut konnte man durch die Impfung ausrotten, aber noch immer steckten sich Menschen an – und zwar jetzt beim Fuchs.
10 O-TON (Müller)
Jetzt hatte man ein Problem gelöst, die Hunde-vermittelte Tollwut, und schon hatten wir die nächste Problematik auf dem Tisch. Diesmal war nicht der Hund der Hauptüberträger der Tollwut, sondern der Rotfuchs.
SPRECHERIN
Deshalb impfte man auch Füchse großflächig, wobei das sehr viel aufwendiger war als bei Hunden. Die Impfstoffe wurden in Futter-Ködern versteckt und überall dort, wo Füchse vorkamen, verteilt. Unter anderem per Flugzeug.
11 O-TON (Müller)
Da fliegen die Flugzeuge sozusagen in einem geringen Abstand über dem Erdboden und computergesteuert werden dann die Köder in bestimmten Abständen ausgelegt. Und über diese sozusagen Maßnahme haben wir es dann geschafft.
MUSIK 5 ( Benjamin Flint: Soul Healing (reduced) 1’07)
SPRECHERIN
Ein riesiger Aufwand, der sich über viele Jahre hinzog, aber letztlich konnte das Tollwut-Virus in Europa ausgerottet werden.
Wobei – so ganz weg ist das Tollwut-Virus auch in Europa nicht. Denn eigentlich sind wir nur frei von terrestrischer Tollwut. Terrestrisch bedeutet so viel wie: am Boden lebend.
12 O-TON (Müller)
Wir sind in Europa frei von terrestrischer Tollwut, aber nicht frei von Fledermaus-Tollwut, weil sie die Fledermaus-Tollwut im Prinzip nicht bekämpfen können.
SPRECHERIN
Weil man nicht alle Fledermäuse impfen könnte, auch weil sie in Europa unter strengem Schutz stehen. Aber dass Menschen sich bei Fledermäusen anstecken, kommt so gut wie nie vor.
Vermutlich stammt das Tollwut-Virus auch ursprünglich von Fledermäusen. Forschende können mithilfe von Gen-Analysen des Erbguts nachvollziehen, wie Zoonosen sich entwickelt haben und von welchem Tier sie stammen.
13 O-TON (Müller)
So kann man sich also gut vorstellen, dass vor mehreren Hunderttausend Jahren es mal zum erfolgreichen Überspringen dieser Viren, die einst bei Fledermäusen waren, dann auf den Fleischfresser – in diesem Fall waren es wildlebende Fleischfresser, also Füchse, Waschbären, Skunks usw. – dann erfolgreich übertragen worden sind und sich dort etabliert haben.
SPRECHERIN
Im Laufe der Zeit hat sich das Tollwut-Virus also so verändert, dass es andere Tierarten – und letztlich auch den Menschen infizieren konnte.
14 O-TON (Wilking)
Das Virus braucht bestimmte genetische Eigenschaften, damit es beim Menschen andocken kann, obwohl es wahrscheinlich nie vorher einen Menschen überhaupt gesehen hat.
SPRECHERIN
Dazu muss man wissen: Erreger wie Viren oder Bakterien verändern sich ständig. Anders ausgedrückt: Es kommt immer wieder zu zufälligen Mutationen im Erbgut. Das ist im Prinzip bei uns Menschen genauso – auch wir haben uns über die Jahrmillionen ja immer weiter verändert. Aber bei Viren und Bakterien geht das sehr viel schneller. Das Erbgut von RNA-Viren zum Beispiel – zu denen gehört die Influenza, also die echte Grippe – verändert sich eine Million Mal schneller als das menschliche Erbgut. Das ist quasi Evolution im Zeitraffer – und übrigens auch der Grund dafür, warum man sich jedes Jahr aufs Neue gegen Grippe impfen lassen muss.
Die enorme Wandlungsfähigkeit macht die Erreger ein Stück weit unberechenbar.
15 O-TON (Wilking)
Einige Viren können sich sehr schnell weiterentwickeln und so ihre Eigenschaften verändern. Also in dem Sinne, dass sie krankmachender werden können. Aber es geht auch umgekehrt, dass sie weniger krankmachend werden. Oder sie können dem Immunsystem des Menschen oder der Tiere sozusagen besser ausweichen oder dass sie durch eine Impfung induzierte Immunität ausweichen. Sie können halt so ihre Eigenschaft verändern. Aber es gibt auch sehr, sehr stabile Viren, die wahrscheinlich seit Hunderten von Jahren genau die gleichen Eigenschaften haben, und bei Bakterien ist es ähnlich. Es gibt einige Bakterien, die sind sehr stabil und dann gibt es Bakterien, die sehr volatil sind und sich sehr schnell auf die Umgebung, auf die Säugetiere oder den Menschen, die sie infizieren, anpassen.
SPRECHERIN
Auch wegen der ständigen Veränderungen gibt es mittlerweile eine große Anzahl von Zoonosen. Forschende unterscheiden sie nach ihrem Übertragungsweg.
MUSIK 6 ( Alan Jay Reed; Tony Delmonte: Locked 1’12)
16 O-TON (Wilking)
Es gibt so klassische Zoonosen, wo sich Menschen direkt durch den Kontakt zu Tieren anstecken, das können landwirtschaftliche Nutztiere sein, da gibt es zum Beispiel Q-Fieber, Milzbrand oder Brucellose. Das können Wildtiere sein, in Deutschland, insbesondere in Bayern, kommt leider seit einigen Jahren vermehrt das Borna-Virus vor, das greift das Nervengewebe an und das führt dann halt beim Menschen zu Gehirnentzündungen und leider in sehr häufigen Fällen dann auch nachfolgend zum Tod.
SPRECHERIN
Das Borna-Virus wird von Feldspitzmäusen übertragen. Eine meist tödliche Erkrankung, die allerdings extrem selten ist. Aktuell geht das Robert-Koch-Institut von zwei bis sechs Erkrankungen pro Jahr aus.
17 O-TON (Wilking)
Oder Hantavirus-Erkrankungen in vielen Gegenden Deutschland, die werden durch Kontakt zu Nagetieren übertragen. Oder sehr bekannt ist auch der Fuchsbandwurm.
SPRECHERIN
Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der vor allem bei Füchsen, aber auch bei Hunden oder Katzen vorkommt. Die Eier des Parasiten gelangen über den Kot des Fuchses in die Natur. Deshalb wird empfohlen, im Wald – insbesondere in Bodennähe – gesammelte Beeren oder Pilze abzukochen, das tötet die Eier ab. Aber auch hier kann man sagen: Die Krankheit ist sehr selten. Jedes Jahr stecken sich 40 bis 70 Menschen an.
Ein anderer Übertragungsweg für Zoonosen sind Lebensmittel.
18 O-TON (Wilking)
Hepatitis E wird durch ein Hepatitis-E-Virus verursacht und wird durch den Verzehr von Schweinefleisch übertragen. Und gerade, wenn man ne vorgeschädigte Leber hat und dann zusätzlich diese Virusinfektion kommt, kann man schwer erkranken. Aber es gibt auch andere Beispiele: Campylobacter-Infektionen führen zu Durchfällen und in seltenen Fällen auch zu Immunreaktionen. Und das wird durch Verzehr von ungenügend durchgegartem Geflügelfleisch übertragen. Aber es gibt auch die in der Bevölkerung sehr bekannten EHEC-Erkrankungen. EHEC ist eigentlich ein bakterieller Erreger bei Rindern und halt durch den Verzehr von unzureichend durchgegartem Rindfleisch kann es zu EHEC-Ausbrüchen kommen in der Bevölkerung, beziehungsweise das ist in den letzten Jahrzehnten mehrmals vorgekommen.
SPRECHERIN
Deshalb ist es wichtig, Fleisch immer ausreichend durchzugaren. Das tötet Bakterien und auch einen Großteil anderer Erreger wie Viren oder Parasiten ab.
Allerdings gibt es hierzulande einige rohe Fleisch-Speisen, die sehr beliebt sind. Carpaccio aus rohem Rinderfleisch zum Beispiel oder auch rohes Schweinefleisch, das je nach Region anders heißt: Hackepeter, Mett, Bratwurstgehäck oder auch einfach nur Gehäck.
19 O-TON (Wilking)
Also rohes Schweinefleisch, der Verzehr ist halt in Deutschland sehr beliebt und kommt halt im europäischen Ausland sonst so nicht vor, also ist schon eine sehr deutsche Besonderheit irgendwie. Und durch diesen Verzehr können auch bestimmte Infektionskrankheiten übertragen werden. Also Toxoplasma gondii als Parasit kommt in Deutschland sehr häufig vor und halt auch andere bakterielle Erkrankungen können halt so übertragen werden.
SPRECHERIN
Daneben gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen, die sogenannten Vektor-übertragenen Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die über Vektoren wie Mücken oder Zecken weitergegeben werden.
20 O-TON (Wilking)
Da kennen Sie die Lyme-Borreliose. Da gibt es leider viele Erkrankungsfälle pro Jahr in Deutschland, die Gehirnhautentzündung hervorrufen oder auch Gelenkentzündungen. Und dann gibt es, durch die Zecke als Vektor übertragen, die FSME.
SPRECHERIN
Also die Frühsommer-Meningoenzephalitis, die ebenfalls eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute hervorrufen kann.
Forts. 20 O-TON
Da kann man sich gut gegen impfen. Aber seit einiger Zeit, wahrscheinlich auch durch den Klimawandel induziert, auch Mücken-übertragene Erkrankungen in Deutschland, also das West-Nil-Virus in Ostdeutschland. Und wir müssen auch uns darauf einstellen, dass es noch weitere Mücken-übertragene Erkrankungen in den nächsten Jahren in Deutschland geben kann.
SPRECHERIN
Weil es wegen des Klimawandels wärmer wird und sich deshalb andere Mückenarten sich bei uns ansiedeln, rechnen Forschende damit, dass es künftig hierzulande Fälle von Malaria geben wird. Wobei man eigentlich sagen muss: Wieder geben wird.
21 O-TON (Wilking)
Malaria gab es früher ganz viel in Deutschland und die Malaria wurde ausgerottet durch Maßnahmen, also man hat halt Sümpfe trockengelegt, Brachland trockengelegt. Also die Malaria war in Mitteleuropa verbreitet, in England, bis hoch nach Skandinavien.
MUSIK 7 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0’42)
SPRECHERIN
Und dann gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen – mit der wir alle in jüngster Zeit leidvolle Erfahrungen gemacht haben: die sogenannten Spillover-Zoonosen.
22 O-TON (Wilking)
Das sind halt Viruskrankheiten, wo es einmal am Anfang einen Übertrag vom Tierreich auf den Menschen gibt und nachfolgend halt Mensch-zu-Mensch-Übertragungen eines neuen Erregers. Die Influenza ist da zu nennen oder in anderen Weltteilen sehr gefürchtet zum Beispiel das Ebola-Fieber durch das Ebola Virus.
SPRECHERIN
Und natürlich die Lungenkrankheit Covid-19, besser bekannt als: Corona. Im Januar 2020 berichtete die Tagesschau:
23 TON (Tagesschau)
Hongkong verschärft Kontrollen bei der Einreise, die US-Botschaft in Peking warnt vor Kontakt mit Tieren und erkrankten Menschen. Anlass ist die mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, ausgelöst möglicherweise durch ein neuartiges Corona-Virus, das glauben zumindest chinesische Wissenschaftler.
https://www.youtube.com/watch?v=hU7vVnxFoBk
SPRECHERIN
Kurze Zeit später dann der erste Fall in Deutschland. Die Pandemie nahm ihren Anfang. Es folgten: Maske tragen, Lockdowns, geschlossene Kitas und Schulen, unzählige Erkrankungen – und, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, rund 15 Millionen Tote. Erst die Impfung brachte wirklich Abhilfe. 2023 dann erklärte die WHO den Corona-Notstand für beendet.
Gut drei Jahre hat Covid-19 die Welt in Atem gehalten – dabei sind Corona-Viren eigentlich alte Bekannte.
24 O-TON (Wilking)
Coronaviren, also diese Virusfamilie der Coronaviren, findet man weltweit verbreitet in der Tierwelt. Das ist jetzt erst mal nichts Ungewöhnliches. Und solche Spillover-Vorkommnisse von Corona-Viren sind halt in der Menschheitsgeschichte vielfach vorgekommen.
SPRECHERIN
Zahlreiche Coronaviren kommen zum Beispiel in Fledermäusen vor. Verändern sich die Viren können sie auf andere Tiere oder auch den Menschen überspringen. Und wenn sie dann auch von Mensch zu Mensch übertragen werden können, spricht man von einem Spillover-Event. Bereits 2003 gab es das mit Sars-Cov1.
25 O-TON (Wilking)
Sars-Cov-1 war 2003 auch ein Spillover-Event eines Coronavirus. Es gab auch dann Übertragungen des Virus in andere Teile, also nach Kanada, aber auch nach Europa. Aber der Unterschied zu Sars-Cov-2 war, dass Sars-Cov-1 nicht so übertragbar war und durch Anstrengungen der Gesundheitsbehörden weltweit und durch gute Kommunikation, aber auch durch schnelle Diagnostik, konnte Sars-Cov-1 wieder ausgerottet werden. Das ist halt bei Sars-Cov-2 nicht mehr gelungen.
SPRECHERIN
Statt lokalen Ausbrüchen kam es zu einer weltweiten Pandemie. Aber nach Sars-Cov-1 und Sars-Cov-2 fragt man sich unweigerlich: Wann kommt Sars-Cov-3?
26 O-TON (Wilking)
Ja, das weiß man nicht. Das ist reine Spekulation. Also Sars-Cov-3 kann natürlich vor der Haustür stehen, rein zeitlich gesehen. Aber vielleicht kommt Sars-Cov-3 nie vor. Man weiß es nicht.
SPRECHERIN
Weil die Erreger eben unberechenbar sind. Das hat etwas Bedrohliches. Sind Zoonosen heute gefährlicher als früher? Hendrik Wilking meint: Nein.
27 O-TON (Wilking)
In der Geschichte der Menschheit hat es auch schon ganz fürchterliche Zoonosen gegeben. Also die klassische Pest ist zum Beispiel ja auch eine Zoonose, die von Ratten auf den Menschen übertragen wurde. Und die hat immerhin im 17. Jahrhundert fast die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft.
MUSIK 8 ( Danny Elfman: Day One 0’53)
SPRECHERIN
Zoonosen, auch Spillover-Zoonosen, gab und gibt es immer wieder. Was sich aber grundsätzlich verändert hat, sind unser Wissen und auch unser Gesundheitssystem. Anders als früher sind Übertragungswege heute gut erforscht. Auch stehen für viele Zoonosen Medikamente zur Verfügung. Einen großen Unterschied machen aber Impfungen.
Wobei man leider sagen muss: Das gilt vor allem für die wohlhabenden Länder. In ärmeren Regionen sterben immer noch sehr viele Menschen an Zoonosen, gegen die man eigentlich impfen oder Medikamente geben könnte. Ebola, Malaria oder Affenpocken zum Beispiel. In einigen Gegenden Afrikas und Asiens ist auch die Tollwut immer noch ein großes Problem.
28 O-TON (Müller)
Insbesondere Südostasien muss man hier nennen. Da sterben jährlich, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, immer noch so um die 60.000 Menschen an Tollwut. Das ist leider eine Tatsache. Die Hälfte davon sind Kinder unter 15 Jahren. Alle neun Minuten stirbt in diesen Ländern jemand an einer Tollwut-Infektion.
MUSIK 9 ( Thomas Lemmer; Adrian Marquez Salas: Infinity 0’42)
SPRECHERIN
Das hat vor allem eine Ursache.
29 O-TON (Müller)
Es handelt sich ja teilweise um die ärmsten Länder der Welt, die einfach nicht die Ressourcen haben, großangelegte Tollwut-Impfaktionen durchzuführen, die haben andere Probleme, die noch dazu kommen, wo Tollwut wahrscheinlich auch nur ein Teil des gesamtgesundheitlichen Problems in diesen Ländern sind.
SPRECHERIN
Forschende zählen die Tollwut deshalb zu den neglected tropical diseases, also zu den vernachlässigten tropischen Krankheiten.
30 O-TON (Müller)
Es ist bekannt, aber es wird leider – auch international – dieser Krankheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
SPRECHERIN
Bei uns kann man gerade vom Gegenteil sprechen: Seit der Corona-Pandemie gibt es eine erhöhte Aufmerksamkeit mit Blick auf Zoonosen, die in unseren Breiten auftreten. West-Nil-Fieber, Zika-Virus, Nipah-Virus, Vogelgrippe, Schweinepest. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck bekommen, als stünde die nächste Pandemie schon vor der Tür. Darauf deutet aber aktuell nichts hin.
Aber die Sorgen sind groß. Das zeigt sich auch daran, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nach einigen Fällen von Affenpocken in Europa bereits öffentlich klarstellen musste:
31 TON (Lauterbach)
Was wir mit den Affenpocken gerade erleben, ist nicht der Beginn einer neuen Pandemie.
https://www.youtube.com/shorts/HPQnlaizoJY
MUSIK 10 ( Daniel Backes, Patrick Kuhn Botelho, Matthias Deger, Tony Delmonte: Discovery (main) 0’57)
SPRECHERIN
Mit den Affenpocken hatten sich einige Menschen auf Reisen infiziert.
Generell hält Hendrik Wilking vom Robert-Koch-Institut eine erhöhte Aufmerksamkeit aber für sinnvoll.
32 O-TON (Wilking)
Wir brauchen gute Surveillance- und Monitoring-Systeme, die solche Krankheiten und solche Ausbrüche detektieren, und auch diese Übertragung irgendwie schnell sichtbar machen.
SPRECHERIN
Es darf eben nur keine Panik draus werden. Daneben müssen wir unsere Gesundheitssysteme entsprechend ausstatten.
33 O-TON (Wilking)
Unsere Gesundheitssysteme brauchen halt auch so Krisenmodi, um mal für eine Zeit lang größere Zahl bestimmter Krankheitsfälle behandeln zu können. Aber auch um zügig antivirale Medikamente zu entwickeln und herstellen zu können. Oder halt, was ja in der Pandemie hervorragend gelungen ist, schnell Impfstoffe zu entwickeln und produzieren zu können, damit die Bevölkerung geschützt werden kann.
MUSIK 11 Peter Lepahin: Repercussions (rediced) 0‘36
SPRECHERIN
Keine Frage, Zoonosen haben etwas Bedrohliches. Die Corona-Pandemie hat uns eindrücklich vor Augen geführt, welche Folgen es haben kann, wenn Infektionskrankheiten vom Tier auf den Menschen überspringen. Gleichzeitig sind Zoonosen aber etwas ganz Normales, einige haben die Menschheit über viele Hunderttausend Jahre begleitet. Aber anders als in früheren Zeiten können wir uns heute dafür wappnen.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR:
Die Bayrische Republik wird hierdurch proklamiert. Die oberste Behörde ist der von der Bevölkerung gewählte Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat, der provisorisch eingesetzt ist, bis eine endgültige Volksvertretung geschaffen werden wird. (…) Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik!
ERZÄHLERIN:
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O1 KRAUSS:
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MUSIK: Detailed look (reduced) 0‘22
ERZÄHLER:
Industrielle Revolution und demokratische Ideen bereiteten im 19. Jahrhundert den Boden für die Moderne. Die Industrialisierung sorgte für radikale Umbrüche und eine neue gesellschaftliche Schicht: Massen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich zu organisieren begannen und nach politischer Teilhabe strebten. Die Arbeiterbewegung formierte sich auch im Königreich Bayern als soziale und politische Kraft, aus der schließlich die SPD als Partei hervorging. Die Historikerin Marita Krauss war bis zu ihrer Emeritierung Professorin für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Augsburg und hat sich intensiv mit der Geschichte der bayerischen SPD beschäftigt.
O2 KRAUSS:
Da entstanden eben zunächst Arbeitervereine, die sich um Belange der Arbeiter gekümmert haben, und es entstanden dann aber auch natürlich die ersten Gewerkschaften, und diese ganzen Bemühungen stehen im Kontext dieser ersten großen sozialen Bewegungen, die eben auch vor allem dann die zweite Jahrhunderthälfte geprägt haben. Wir haben Arbeiterbewegung, dann Frauenbewegung, Friedensbewegung, alles das ist bereits in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten Jahrhunderts da, natürlich auch die Lebensreform, und zusammen mit diesen Bewegungen ist auch der Erfolg der SPD natürlich zu sehen.
ERZÄHLERIN:
Staatlicherseits wurde der wachsende Einfluss der Arbeiterbewegung mit Misstrauen beobachtet. 1878 setzte Otto von Bismarck die sogenannten "Sozialistengesetze" durch. Sie dienten auch in der bayerischen Monarchie der staatlichen Sozialistenverfolgung.
Musik: In der Finsternis 0‘34
ERZÄHLER:.
Diese Gesetze richteten sich gegen –
ZITATOR:
die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie
ERZÄHLER:
– und boten dem Staat die Möglichkeit, sozialistische Parteien, Versammlungen und Zeitungen zu verbieten.
ERZÄHLERIN:
Zwölf Jahre waren die Sozialistengesetze in Kraft. In dieser Zeit wurden Tausende von Menschen verhaftet oder in die Emigration getrieben. Nach der Entlassung Bismarcks wurden 1890 die Sozialistengesetze schließlich aufgehoben. Die hatten ohnehin wenig gebracht. Denn trotz der Repressionen war der Einfluss der Sozialdemokratie gestiegen – reichsweit und auch im Königreich Bayern. Der kaiserliche Kurswechsel wurde in der Parteizentrale in Berlin anders aufgenommen als bei den bayerischen Sozialdemokraten. Im Juni 1891 hielt der Parteivorsitzende Georg von Vollmar im Münchner Lokal "El Dorado" zwei Reden, mit denen er sich zum Ende der Sozialistengesetze und zum Kurswechsel der kaiserlichen Regierung positionierte und für eine Zusammenarbeit mit den herrschenden Kreisen eintrat.
O3a KRAUSS:
Für Bayern ist dabei sehr spannend, dass die bayerische SPD sich vor allem im Süden Bayerns sehr stark an einem reformistischen Konzept orientiert hat, das gesagt hat, wir wollen nicht die bestehende Gesellschaftsordnung umwälzen, sondern wir wollen innerhalb der Gesellschaft Reformen voranbringen.
ERZÄHLER:
Die bayerische SPD war kompromissbereiter als die Parteizentrale in Berlin. Sie stand –
O3b KRAUSS:
immer im scharfen Gegensatz zu dem mehr zentralistischen und auch sehr viel stärker revolutionsorientierten Zweig der SPD, die jetzt also das Reich auch dominierte. Wir haben da Namen wie eben dann Bebel und andere, die eben dann im Reich eine sehr stark auf Revolution auch noch ausgerichtete Politik voranbrachten.
ERZÄHLERIN:
Diese kritisierten die Politik ihrer bayerischen Genossen als "kleinbürgerlichen Reformismus", was die Bayern aber nicht daran hinderte, ihren eigenen Weg zu gehen. Der erste Landesparteitag der bayerischen Sozialdemokraten fand 1892 in Reinhausen statt, einem damals kleinen Vorort von Regensburg. Dieser Parteitag gilt als Gründungsdatum der bayerischen SPD. Siebzig Delegierte nahmen teil, darunter auch Georg von Vollmar. Sie stellten Kandidaten für die bevorstehenden Landtagswahlen auf und verabschiedeten ein Wahlprogramm, dessen Forderungen im Großen und Ganzen die nächsten zwei Jahrzehnte bestehen blieben.
Musik: Still waiting red 0‘35
ERZÄHLER:
Die wichtigste Forderung war die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Männer und Frauen. Bislang galt nämlich, dass Frauen nicht wählen durften, sondern nur Männer, die Steuern bezahlten. Die Wahl erfolgte indirekt, das heißt die Wahlberechtigten wählten Wahlmänner, die dann ihrerseits die Abgeordneten wählten. Und die Wahl war nicht geheim, sondern der Wahlzettel wurde unterschrieben und offen abgegeben.
Außerdem forderten die Sozialdemokraten: mehr Rechte für das Parlament und für die kommunale Selbstverwaltung, Trennung von Staat und Kirche, Reformen im Schulwesen und bei den Arbeiterversicherungen …
ERZÄHLERIN:
Ein Jahr nach dem ersten Landesparteitag gewannen die Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen 1893 fünf Mandate. Der Landtag bestand damals aus zwei rechtlich gleichgestellten Kammern: der Kammer der Reichsräte, in der adelige und geistliche Würdenträger saßen, die per Verfassung bestimmt oder vom König berufen waren. Und es gab die Kammer der Abgeordneten, die von den Wahlberechtigten gewählt wurde. Die stärkste Kraft dort war die katholisch orientierte Bayerische Zentrumspartei. Unter ihren Abgeordneten fanden sich katholische Geistliche. Sie vertrat in erster Linie die Interessen der mittelständischen Bevölkerung und machte sich für den politischen Katholizismus stark, den kirchlichen Einfluss in der Politik. Ihr Gegenspieler waren die Liberalen, die den kirchlichen Einfluss zurückdrängen und eine Trennung von Staat und Kirche wollten – ebenso wie die SPD und der Bayerische Bauernbund, die beide 1893 erstmals in den Landtag einzogen. Der Bauernbund war antiklerikal und sah sich als Verfechter kleinbäuerlicher Interessen. Und die SPD war die erste Partei, die sich als Interessensvertreterin der Massen von Arbeitern und Arbeiterinnen verstand. Mit den ersten fünf Landtagsmandaten begann der Aufstieg der SPD zu einer politischen Kraft im Königreich Bayern.
Musik: Aufbruch 0‘23
ERZÄHLER:
In diesen Jahren stand Prinzregent Luitpold für seinen psychisch kranken Neffen Otto II. an der Spitze der bayerischen Monarchie. Nach seinem Tod machte es eine Verfassungsänderung möglich, dass ab 1913 sein Sohn als König Ludwig III. regieren konnte. Bayern war eine konstitutionelle Monarchie, das heißt die Macht des Monarchen wurde verfassungsmäßig definiert. Zwar stand der König beziehungsweise der Prinzregent als sein Stellvertreter über allen. Er alleine bestimmte die Regierung, also den Ministerpräsidenten und das Kabinett – unabhängig vom Landtag, den einzuberufen und aufzulösen er berechtigt war. Aber auch der bayerische Landtag hatte Rechte, etwa die Prüfung des Staatshaushaltes und die Bewilligung der Steuern. Und diese Rechte nutzte die SPD, um ihre politischen und sozialen Reformen voranzutreiben. Ein großer Schritt war die Wahlrechtsreform von 1906, die sie gemeinsam mit dem Zentrum durchsetzte.
ERZÄHLERIN:
Die Landtagswahl wurde nun als direkte Mehrheitswahl durchgeführt. Das heißt: Die Wahlmänner wurden abgeschafft, die Abgeordneten direkt und auch geheim gewählt. Der Kandidat mit den meisten Stimmen in seinem Wahlkreis durfte in den Landtag. Allerdings blieb das Wahlrecht auf steuerzahlende Männer ab 25 Jahren beschränkt.
ERZÄHLER:
Ein weiteres Problem, das den Sozialdemokraten unter den Nägeln brannte, war die Absicherung der Arbeiterschaft, so die Historikerin Marita Krauss.
O5 KRAUSS:
Die Idee war, über Tarif-Reformen es zu schaffen, dass die Arbeiter eine andere Form der Sicherheit hatten in Bezug auf Lohn, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, auch in Bezug auf erste Formen von Urlaub, von gesichertem Urlaub.
ERZÄHLERIN:
Viele Unternehmen zeigten sich offen für den Vorschlag, Arbeitsverhältnisse tariflich zu ordnen. Bis 1907 waren etwa 75 Prozent der bayerischen Arbeiterschaft im gewerblichen Bereich mittels Tarifverträgen abgesichert.
Bezüglich der Rechte der Frauen gab es vorerst keine wegweisenden Verbesserungen. Für die Sozialdemokraten, so die Historikerin Maria Krauss, war das Thema Frauenrechte eher schwierig.
O6 KRAUSS:
Das war eben doch eine kleinbürgerliche Partei, die sehr wohl dachte, dass die Frauen bestimmten Rollen folgen. Andererseits gab es ganz großartige Einzelpersönlichkeiten. Also wir haben natürlich auf der Reichsebene Clara Zetkin und solche Vorkämpferinnen der Frauenbewegung. In München ist es zum Beispiel Dr. Hope Bridges Adams Lehmann, eine sozialdemokratische Ärztin englischer Herkunft, die sehr intensiv vor allem im Gesundheitsbereich die Politik der SPD mitgeprägt hat.
Musik: War is coming 0‘38
ZITATOR:
Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch in Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale Völkerverbrüderung!
ERZÄHLER:
So der Berliner Parteivorstand der SPD am 25. Juli 1914 in der Parteizeitung "Vorwärts". Etwa einen Monat vorher waren der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo erschossen worden. Krieg lag in der Luft. Hunderttausende folgten dem sozialdemokratischen Aufruf und kamen zu Friedenskundgebungen in zahlreichen deutschen Städten – auch in München.
Musik: Political efforts red 0‘23
Nur ein paar Tage später verkündeten Kaiser Wilhelm II. in Berlin und König Ludwig III. in München die Mobilmachung – und brachten auch die Sozialdemokraten sehr schnell auf Kriegskurs.
ZITATOR:
Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.
ERZÄHLERIN:
Diese berühmten Worte stammen aus einer Rede, die Wilhelm II. am 4. August 1914 im Reichstag hielt. Mit der Beschwörung der nationalen Einheit wollte er die Sozialdemokraten auf Linie bringen – und schaffte das auch. Die SPD stellte die stärkste Reichstagsfraktion. Und die kaiserliche Regierung brauchte den Reichstag für die Bewilligung der Kredite, mit denen der Krieg finanziert werden sollte. Und tatsächlich stimmte die SPD an diesem 4. August für die Kriegskredite. Sogar Karl Liebknecht vom linken Flügel ordnete sich der Parteidisziplin unter.
ERZÄHLER:
Wie kam es zu dieser Kehrtwende der SPD innerhalb weniger Tage?
ERZÄHLERIN:
Der Aufruf zu den Friedensdemonstrationen kam aus den links-intellektuellen Führungskreisen der Sozialdemokraten. In der Reichstagsfraktion der SPD waren aber auch viele Gewerkschaftsfunktionäre, die praktische politische Arbeit leisteten wie das Aushandeln von Tarifverträgen, sich nicht prinzipiell in weltanschaulicher Gegnerschaft zum Wilhelminismus sahen, sondern die konkreten Interessen der Arbeiterschaft im Blick hatten – auch wenn damit eine Unterstützung der deutschen Großmachtpolitik verbunden war.
ERZÄHLER:
So wurden zum Beispiel Flottenbau und Kolonialpolitik unter dem Aspekt der Schaffung von Arbeitsplätzen gesehen.
Musik: Foreboding of war 0‘43
ERZÄHLERIN:
Dass dann die gesamte Reichstagsfraktion der SPD geschlossen für die Kriegskredite stimmte, hatte mit der Wirksamkeit der kaiserlichen Propaganda zu tun, wonach das russische Zarenreich der Kriegstreiber war, der Krieg ergo ein Angriffskrieg, gegen den sich das Deutsche Kaiserreich verteidigen musste. Nun wollten die Sozialdemokraten keinesfalls als national unzuverlässig gelten, als sogenannte "Landesverräter", die einen Verteidigungskrieg boykottierten. Zudem stieß die Version vom russischen Aggressor auf offenen Ohren innerhalb der SPD. Denn dort waren antizaristische Ressentiments weit verbreitet.
ERZÄHLER:
Schon im Vorfeld des Krieges hatte der Münchner Journalist und SPD-Politiker Kurt Eisner in einer Rede dem russischen Zarenreich die Kriegsschuld zugeschoben – ganz im Sinne der kaiserlichen Regierungspropaganda. Eisner bezeichnete Russland als "Kriegsfurie", forderte, dass der Zarismus gebändigt werden müsse, wolle man den Frieden in Europa erhalten. Seine antizaristische Haltung war typisch für die Sozialdemokraten, die im russischen Zarenreich ein Überbleibsel des Absolutismus sahen: rückständig, despotisch, reaktionär.
MUSIK: Constant fear 0‘39
ERZÄHLERIN:
Nicht nur Kurt Eisner, sondern die bayerische SPD insgesamt sprach sich für den Kurs der Berliner Reichstagsfraktion aus, also für die Bewilligung der Kriegskredite – auf Reichsebene. In Bayern dagegen stellten sie sich quer, wo auch Ludwig III. noch Geld brauchte für den Krieg. Der Landtag in München bewilligte eine zusätzliche Kreditaufnahme. Allerdings ohne die Stimmen der SPD. Die war nämlich wegen anderer Fragen gerade in erbitterte Streitigkeiten mit der bayerischen Regierung verwickelt – betonte aber ihre vaterländische Gesinnung und ihre Bereitschaft zu kämpfen.
ZITATOR:
Jetzt wird stramm exerziert und die alten Soldatentugenden wieder geweckt. Lieber Vollmar! Dessen dürfen Sie sicher sein; wohin wir auch kommen, meine Pflichten erfülle ich. Dieser Dienst wird der Partei und dem Vaterlande mit Freuden erwiesen.
ERZÄHLER:
Schrieb Erhard Auer, später erster sozialdemokratischer Innenminister Bayerns, an den SPD-Vorsitzenden Georg von Vollmar. Doch die nationale Euphorie erlosch schnell im ganzen Reich und ebenso schnell bröckelte die nationale Einheit. Bereits im Dezember verweigerte Karl Liebknecht im Reichstag seine Zustimmung für weitere Kriegskredite. Und auch Kurt Eisner rückte in München von seiner anfänglichen Unterstützung des Kriegskurses ab.
ERZÄHLERIN:
Für ihn war wie für den gesamten linken Flügel der SPD jetzt klar: Der Krieg diente nicht der Verteidigung, sondern der Eroberung und musste so schnell wie möglich beendet werden.
Musik: Wake keeping- 0‘37
ERZÄHLER:
Die Mehrheit der Sozialdemokraten blieb allerdings auf monarchischem Kriegskurs. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei, die 1917 zur Spaltung führten. Der linke Flügel gründete die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, kurz USPD, die sich in München zu einem Sammelbecken für revolutionäre Kräfte entwickelte. Die hungernde Bevölkerung wollte Frieden – und zeigte das im Januar 1918 mit reichsweiten Massenstreiks. In München nahm Kurt Eisner eine führende Rolle in der USPD ein, hielt Anti-Kriegsreden, war maßgeblich an der Organisation eines Streiks von Munitionsarbeitern beteiligt und wanderte dafür ins Gefängnis. Währenddessen versuchten Mitglieder der weiterhin regierungskonformen MSPD, der Mehrheitssozialdemokratischen Partei, eine Verfassungsreform im Landtag durchzusetzen.
O7 KRAUSS:
Das ist der berühmte Auer-Süßheim-Antrag. Auer ist Erhard Auer, der dann 1918 den Vollmar ablöst als Führer der bayerischen Sozialdemokratie, eigentlich ein großer Reform-Antrag, der die konstitutionelle bayerische Monarchie in eine parlamentarische Monarchie verwandelt hätte, verändert hätte. Und der König hat aber gezögert, und es wurde alles eben im Grunde genommen immer wieder vertagt. Und das war noch auf der Landtags-Tagesordnung gestanden Anfang November. Aber da war es dann zu spät.
Musik: Dark wood 0‘50
ERZÄHLERIN:
Nach seiner Haftentlassung im Oktober 1918 nahm Kurt Eisner seine agitatorische Rednertätigkeit wieder auf – vor Massen von kriegs- und monarchie-müden Menschen. Außerdem besuchte er die Brüder Gandorfer in Niederbayern, um die Landbevölkerung in den revolutionären Prozess einzubinden. Karl Gandorfer war führender Kopf des linken Flügels des Bauernbundes, und sein blinder Bruder Ludwig Mitglied der USPD. Letzterer war mit Kurt Eisner am 7. November auf der Theresienwiese, wo sich Zehntausende zu Friedenskundgebungen versammelt hatten. Auch die MSPD unter Erhard Auer war vor Ort, beendete aber die Kundgebung vorschriftsmäßig. Die Gruppe um Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer dagegen beschloss spontan, zu den Kasernen zu marschieren. Dazu Marita Krauss:
O8 KRAUSS:
Und in den Kasernen waren die vielen unzufriedenen Soldaten in der Heimat, die eben eh schon dachten, jetzt muss der Krieg unbedingt aus sein, und die sich dann diesen Revolutionären anschlossen. Und so fand dann eben eine unblutige Revolution statt. Der König floh aus München. Und am nächsten Tag wachten die Bayern auf, und es gab eine neue Regierung.
ERZÄHLER:
Provisorischer Ministerpräsident war Kurt Eisner. Bei der Zusammensetzung seines Kabinetts musste er – auch mangels politisch versierter Männer in der USPD – mehrheitlich Politiker der MSPD zulassen. Erhard Auer bekam das Innenministerium.
ERZÄHLERIN:
Zwischen Kurt Eisner, der USPD, insgesamt der revolutionären Linken und den Mehrheitssozialdemokraten um Erhard Auer gab es ideologische Unstimmigkeiten. Während die Linken ein basisdemokratisches Rätesystem favorisierten, wollte die MSPD eine parlamentarische Demokratie.
ERZÄHLER:
Innerhalb kurzer Zeit führte die Regierung Eisner die Arbeitslosenversicherung ein, den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht. Die ersten demokratischen Wahlen in Bayern fanden im Januar 1919 statt – und endeten mit einem Wahlsieg der MSPD.
Musik:Schicksal 0‘42
Für die USPD war die Niederlage desaströs. Als Eisner seinen Rücktritt bekanntgeben wollte, wurde er auf dem Weg in den Landtag von einem Rechtsextremisten erschossen. Die junge bayerische Republik stürzte in eine tiefe Krise: Der Landtag wählte den MSPD-Politiker Johannes Hoffmann zum Ministerpräsidenten, doch die Linken riefen in München die Räterepublik aus. Daraufhin floh Hoffmann mit seiner Regierung nach Bamberg. Schließlich schlugen rechte Freikorps und Reichswehreinheiten die Münchner Räterepublik blutig nieder. Das politische Klima kippte nach rechts.
O9 KRAUSS:
Unter dem Gustav von Kahr, der dann den Johannes Hoffmann nach dem Kapp-Putsch beerbt, haben wir eben diese Ordnungszelle Bayern, die sich dann gründet, die eben alles, was links und jüdisch ist, eben verteufelt.
ERZÄHLERIN:
Als Revolutionäre und Gründer der Bayerischen Republik hatten die Sozialdemokraten in den folgenden Jahren der Weimarer Republik einen schweren Stand gegen die immer stärker werdenden rechtsextremen Kräfte.
Musik: Dark operation 0‘28
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden SPD-Mitglieder politisch verfolgt, viele in KZs ermordet – wenn sie es nicht ins Exil schafften, wie etwa der Jurist Wilhelm Hoegner, der nach dem Zweiten Weltkrieg dann Bayerischer Ministerpräsident wurde.

May 28, 2025 • 23min
NS-Vergangenheit als Familiengeschichte - Folgen und Aufarbeitung
Nach 1945 wurde über die NS-Zeit geschwiegen, bis nun auch Familien sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen. Eine Lehrerin erfährt schockierend von der NS-Vergangenheit ihres Vaters und kämpft mit den emotionalen Herausforderungen. Nachkommen von Tätern und Opfern treten in Dialog, um die Belastungen zu verarbeiten. Spannend ist die Reflexion einer Nachkommin, die sich für mehr Bewusstsein über historische Verstrickungen einsetzt. Zudem wird beleuchtet, wie die NS-Vergangenheit die Emotionen und Beziehungen der nachfolgenden Generationen beeinflusst.


