Radiowissen

Bayerischer Rundfunk
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Jan 23, 2024 • 22min

Das Öffentliche - Philosophische Betrachtungen

Der Mensch als kommunizierendes, politisch handelndes Wesen braucht die Öffentlichkeit. Demokratie ist ohne debattenfreudige Öffentlichkeit nicht vorstellbar. Philosophische Gedanken über die Beziehung Mensch und Öffentlichkeit. Autorin: Beate Meierfrankenfeld (BR 2018)Credits Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Christiane Roßbach, Stefan Wilkening, Hemma Michel Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Jan 22, 2024 • 22min

Pauperismus - Verelendung im vorindustriellen Deutschland

"Pauperismus" nannten Zeitgenossen die Massenarmut, die zwischen 1750 und 1850 in den deutschen Staaten um sich griff in Folge der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche, die mit dem Beginn der Industrialisierung einhergingen. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2019)Credits Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Karl Borromäus Murr (Dr.; Leiter d. Staatlichen Textil- u. Industriemuseums Augsburg) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER:   Zerlumpte Kinder, die betteln, niedrige Hütten aus Lehm und Baumzweigen, nass und feucht, ohne Kamin, voller Rauch und Dunst, eine magre Kuh, karge Felder … Gebe man einem der kleinen bettelnden Mädchen eine Silbermünze, dann sei dies mehr als sie in mehreren Wochen mit Flachsspinnen verdienen könne. ERZÄHLERIN:   Anfang der 1840er Jahre beschrieb der junge Journalist Georg Weerth die Armut in der Senne, einer Heidelandschaft in der Region Ostwestfalen-Lippe. Die Menschen dort hatten über Generationen hauptsächlich vom Flachsspinnen und Leinenweben gelebt. Vom nahegelegenen Bielefeld aus, einem Zentrum des Leinenhandels, wurden ihre Produkte verkauft. Und nicht nur von dort gab es Berichte über die zunehmende Armut. SPRECHER:  Aus allen Gauen Deutschlands gebe es seit einigen Jahren Klagen übersteigende Armut, Nahrungslosigkeit, Verarmung ganzer Bezirke und auch über die Unzulänglichkeit der Almosen, die gegeben werden, um das Leid zu lindern.  ERZÄHLERIN:  Schrieb ein anonymer Autor 1844 in einem Essay in der "Deutschen Vierteljahres Schrift" – und: SPRECHER: Das rasch um sich greifende Übel, der Pauperismus, sei nichts Vorübergehendes – etwa hervorgerufen durch ein Stocken des Handels oder eine Missernte, die Klagen würden seit Jahren immer häufiger und dringender, mit einem Wort: der Notstand wachse und wachse. O1 Murr 36'' Pauperismus ist Massenarmut und zwar in einem Ausmaß, dass die Schere zwischen der wachsenden Bevölkerung und den zur Verfügung stehenden Ressourcen, also Arbeitsplätze, aber auch Nahrung - die Schere geht immer weiter auseinander, so dass plötzlich viel mehr Menschen der Armut verfallen, ans Existenzminimum gelangen, ja Hungertod sterben, Tausende. Das ist also wirklich dramatisch und das ist ein neues Phänomen, das in Deutschland so in den 1820er, 30er, 40er Jahren voll durchschlägt. MUSIK ERZÄHLERIN: In vielen Gebieten Europas grassierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder Hungersnöte. Auch in Deutschland waren ganze Landstriche betroffen. Breite Bevölkerungsmassen verarmten, lebten am Existenzminimum, hungerten. Aufstände drohten. Wie konnte es dazu kommen?  O2 Murr 9'' Wirtschaftlich befinden wir uns in einer Übergangsphase. Der allererste Faktor ist nach wie vor die Agrargesellschaft, die Landwirtschaft. Die meisten Menschen wohnen nach wie vor auf dem Land. ERZÄHLERIN: Und die Menschen auf dem Lande wurden mehr – seit Mitte des 18. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung stark und kontinuierlich. Die Landwirtschaft konnte hier nicht mithalten, die Lebensmittel waren knapp, die Preise stiegen …  Die deutschen Länder, seit 1815 lose vereint im Deutschen Bund, suchten nach Abhilfe. Sie wollten die Landwirtschaft modernisieren, die Produktivität steigern. Dafür mussten die alten feudalen Strukturen, die noch aus dem Mittelalter stammten, überwunden werden. Das hatte allerdings schwerwiegende Folgen für die Bauern. Denn in jenen feudalen Strukturen standen sie in einem komplexen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Grundherren, hatten oft den Status von Leibeigenen ohne persönliche Freiheiten und mussten Frondienste und Abgaben leisten. Dafür bekamen sie allerdings im Gegenzug Hilfe von den Grundherren bei Ernteausfällen, Bränden, Schulden. Diese Strukturen sollten nun aufgebrochen werden. Die deutschen Staaten leiteten Reformen ein, die von der Geschichtsschreibung als "Bauernbefreiung" bezeichnet werden. Der Prozess zog sich über Jahrzehnte hin, lief regional unterschiedlich und ziemlich chaotisch ab. In der Regel bekamen jedenfalls die Bauern persönliche Freiheiten, durften Beruf, Aufenthaltsort, Ehepartner selbst wählen und wurden vom Frondienst befreit, teilweise bekamen sie auch die Höfe, die sie bewirtschafteten, als Eigentum übertragen. Soweit die Vorteile. Aber das Ganze war auch mit existenziellen Nöten verbunden: Denn die Bauern mussten ihre Grundherren entschädigen, sie verschuldeten sich und verloren nicht selten Haus und Hof. Sprich: Sie wurden zwar frei, aber arm. Sie hatten nichts mehr und mussten sich als Landarbeiter verdingen. Später analysierte der Historiker Friedrich Knapp die Zwiespältigkeit der sogenannten "Bauernbefreiung".  SPRECHER:  Das herrschaftliche Gut sei in eine neue Stufe seines Daseins getreten: die Bauern müssten nicht mehr geschützt werden, die Gutsherren, die durch die Entschädigungen bereits Land dazugewonnen hätten, könnten nun auch noch die unabhängig gewordenen Bauernhöfe aufkaufen und hätten zudem Landarbeiter zur Verfügung, die eben keine Landwirte mehr wären, sondern nur Arbeiter, die nicht dauerhaft blieben. MUSIK ERZÄHLERIN:  In ländlichen Gewerbegebieten wie Nordböhmen, Sachsen oder Schlesien versuchten viele Bauern, sich durch zusätzliche Heimarbeit den Lebensunterhalt zu sichern. Mit arbeitsintensiver Handarbeit am Spinnrad oder am Webstuhl produzierten sie zuhause Stoffe und Garne, die dann von sogenannten Verlegern überregional vertrieben wurden.  O3 Murr 22'' Früher war der Verleger sozusagen der Vorgänger des Unternehmers, der eine sogenannte Heimindustrie organisiert hat, dass meinetwegen Handweber oder Spinner, die Textilproduktion, das Textilgewerbe, dass die Aufträge bekommt. Der Verleger sorgt dann für den Verkauf der Waren und verdient auch am meisten, hat zugleich diese Heimindustrie unter seinem Gängelband.  ERZÄHLERIN: Das Verlagssystem, das vor allem die Textilindustrie betraf, hielt die Bauern und Heimarbeiter in Armut - denn es waren nicht sie, die wirklich vom Verkauf der hergestellten Waren profitierten, sondern der Verleger. Verglichen mit England war die Heimarbeit in Deutschland ohnehin veraltet. Schon seit mehreren Jahrzehnten lief in England die Industrialisierung auf Hochtouren. Grundherrschaft war schon früh abgeschafft, eine Infrastruktur aufgebaut, freier Handel möglich gemacht worden. Der Einsatz von mechanischen Webstühlen und Spinnmaschinen war dort schon längst die Regel, während in Deutschland erst vereinzelt Manufakturen entstanden, in denen Teilprozesse mechanisiert waren, die meiste Arbeit aber noch mit der Hand gemacht werden musste. Zunächst durften die Engländer aber wegen der sogenannten Kontinentalsperre nicht auf das europäische Festland exportieren. So konnte die rückständige deutsche Heimindustrie mangels Konkurrenz erstmal gedeihen. Als aber 1815 die Kontinentalsperre aufgehoben wurde, fluteten die englischen Industrieprodukte den deutschen Markt. Die Heimindustrie stürzte in eine tiefe Krise. Und mit ihr die Heimarbeiter. O4 Murr 28'' In Deutschland ging ja die Industrialisierung fast eine Generation später los im Vergleich zu England, d.h. es mussten Hand-Weber und Spinner konkurrieren mit Maschinen-Produkten aus England, das konnte nicht gutgehen. Gerade die wirklich krassen Beispiele der schlesischen Weber, die sich ja wiederholt erhoben hatten, die sind ein Zeugnis, dass hier Wettbewerbe einfach nicht mehr gegen die Industrie bestanden oder gewonnen werden konnten.  ERZÄHLERIN: Mittellose Heimarbeiter, verarmte Bauern und Landarbeiter, Arbeitslose – die armen Massen auf dem Land: Auf der Suche nach Arbeit zogen sie in die Städte und landeten oft in den Armenvierteln. Zwar waren die Zünfte mit ihren strikten Arbeitsregelungen in Auflösung begriffen, vielerorts wurde Gewerbefreiheit eingeführt, so dass prinzipiell ein Job als Handwerker möglich war. Doch der Markt war überschwemmt mit Arbeitssuchenden. Miserabel bezahlte Jobs, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alkoholismus, Kriminalität, Bettelei waren die Folge. O5 Murr 14'' Kürzungsmöglichkeit Oft haben sich die Handwerkerzahlen verdoppelt in diesen Jahren. Und so viel Nachfrage gab es gar nicht. Die Konzessionierungen mussten eingeschränkt werden. Es waren einfach viel zu viele Menschen für viel zu wenig Arbeit vorhanden.  MUSIK SPRECHER: Kinder, halbnackt, die in der Hütte kauern, ein kranker Großvater auf einem Strohlager. Sein Sohn, der Bauer, kann seine Familie nicht mehr ernähren. Eine Missernte habe es gegeben, so der Bauer, er habe keine Vorräte mehr. Der Leinen-Handel liege darnieder. England betreibe ihn mit großem Erfolg. Das Garnspinnen bringe nicht mehr genug Geld zum Überleben.  ERZÄHLERIN: Wie viele der zeitgenössischen Journalisten thematisierte auch der Journalist Georg Weerth die Gründe für die Massenverarmung in seinem Artikel über die Senne, der ostwestfälischen Heidelandschaft nahe Bielefeld. Und er stellte in seinem Artikel dem Bauern die Frage, die viele seiner Zeitgenossen beschäftigte und die implizit den Armen die Schuld für ihre Misere gab. SPRECHER:  Warum, zum Teufel, habe er auch so viele Kinder? ERZÄHLERIN: Zwischen 1816 und 1864 stieg die Einwohnerzahl im Deutschen Bund um über 50 Prozent: von 30 Millionen auf 46 Millionen. Über die Ursachen gibt es bis heute in der Wissenschaft Debatten. Diskutiert werden: bessere medizinische Versorgung, geringere Säuglingssterblichkeit, ausbleibende Seuchen wie Pest oder Cholera, Verbesserungen in der Landwirtschaft, dadurch insgesamt bessere Versorgung mit Lebensmitteln. In Sachsen verdoppelte sich die Bevölkerung, in Preußen wuchs sie um über 80 Prozent, im süddeutschen Raum um etwa ein Drittel. In der Öffentlichkeit machte sich die Angst vor einer Überbevölkerung breit und die Angst, die Menschen nicht mehr ernähren zu können. Auch wenn sich die Landwirtschaft zwischen 1750 und 1850 entscheidend verbessert hat.  O6 Murr 16''  Die Produktivität konnte gesteigert werden: von der berühmten Dreifelderwirtschaft, wo ja immer ein Drittel brachlag, wurde eine intensivere Bewirtschaftung aller Flächen mit eben Fruchtfolgenwechsel eingeleitet. Dadurch konnten viel mehr Leute ernährt werden. Erzählerin: Aber dann war ein Sättigungsgrad erreicht. O7 Murr 5'' Ab den ja 1810er, 20er Jahren. Das konnte nicht weiterwachsen. Die Bevölkerung wuchs aber weiter. ERZÄHLERIN:   Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Engländer Thomas Robert Malthus Furore gemacht mit seinem "Essay on the Principle of Population". Darin stellt er die These auf: SPRECHER: Die Lebensmittelproduktion wachse linear, die Bevölkerung aber vermehre sich exponentiell, Lebensmittelproduktion und -nachfrage klafften also immer weiter auseinander, Hunger und Armut seien die Folge. ERZÄHLERIN:   Robert Malthus wurde auch in Deutschland intensiv rezipiert. Hatte man früher Hungersnöte als gottgegeben hingenommen, entbrannte nun eine öffentliche Diskussion um das nicht zu übersehende Phänomen der massenhaften Verarmung, wofür sich den 1820er Jahren der Begriff "Pauperismus" durchsetzte: übernommen aus dem Englischen, abgeleitet vom Lateinischen "pauper", arm. O8 Murr 37'' Der Pauperismus ist nicht nur ein Phänomen auf der sozialen-wirtschaftlichen Ebene, sondern ein Phänomen auch einer neuen Wahrnehmung der Not und auch eine Wahrnehmung der menschgemachten Not. Früher war es Schicksal, heute war es sozusagen vom Menschen gemacht. Und es gibt ganz viele Quellen eigentlich von Schriftstellern, von staatlichen Beamten, die sozusagen in die Landschaft gehen und Beobachtungen anstellen. Und alle versuchen natürlich die Not sich zu erklären, weil es war in dieser Massierung ein neues Phänomen. ERZÄHLERIN: Die Massenarmut beunruhigte die staatlichen Obrigkeiten und das aufstrebende Bürgertum gleichermaßen.  SPRECHER:  Die Reichen hätten Angst und wollten sich um jeden Preis gegen die Gefahren sichern, die sie von dem wachsenden Elend der Armen befürchteten.  ERZÄHLERIN: Schrieb zu jener Zeit der Historiker Friedrich Bülau. SPRECHER: Wenn die Reichen es den Armen erleichtern würden, durch eigene Anstrengung zu mehr Wohlfahrt zu kommen, sei allen geholfen. Die Reichen aber handelten nur auf Kosten der Armen, glaubten, sich durch Verbote vor der Gefahr schützen zu können, die von den Armen ausgeht, verstärkten aber im Grunde genommen die Gefahr dadurch.  ERZÄHLERIN: Die Angst vor Aufständen war groß, vor einem Heer der Armen, das außer Kontrolle gerät. Schließlich hatte die Französische Revolution 1789 hatte das feudalistische Europa in seinen Grundfesten erschüttert, aller Welt die Macht der Massen vor Augen geführt, ein über Jahrhunderte bestehendes monarchisches Herrschaftssystem hinweggefegt. Die sogenannte Pauperismus-Literatur entstand: Essays, Aufsätze, Stellungnahmen, Analysen, Polemiken. Kritische Stimmen führten wirtschaftlich-strukturelle Gründe an: die Konkurrenz durch die englischen Industrieprodukte, die chaotisch ablaufende Bauernbefreiung, zu hohe Steuern, die von den Armen verlangt würden … Journalisten wie Georg Weerth oder Wilhelm Wolff, die beide Karl Marx, Friedrich Engels und der aufkommenden kommunistischen Bewegung nahestanden, ergriffen die Partei der Armen.   Auf konservativ-bürgerlicher Seite dominierten dagegen Furcht vor Unruhen und Schuldzuweisungen an die Armen: zu viele Kinder, mangelnde Selbstdisziplin, mangelnder Arbeitswille …Und:  O9 Murr 19'' Es gab Stimmen, auch Jeremias Gotthelf zum Beispiel, der Schriftsteller, die alle sozusagen fast apokalyptisch wurden, vor einem Ausbrechen, vor einem Politisch-Werden, vor einem Massenprotest und gewaltsamen Umsturz dieser verelenden Proletarier warnten.  MUSIK ERZÄHLERIN:  Die Armen selbst hatten keine Stimme, die gehört wurde. Sie mußten versuchen zu überleben. Kamen dann noch Naturkatastrophen hinzu, spitzte sich ihre Situation lebensbedrohlich zu. 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Die Ernte in Europa fiel fast komplett aus. Es folgten katastrophale Hungersnöte.   1816/17 waren allein in Köln 18 bis 19 Tausend Menschen auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Das war ein Drittel der Einwohner. Doch auch in Jahren ohne außergewöhnliche Krisen brauchten 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Hilfe – nicht nur in Köln, auch in anderen großen Städten wie Hamburg, Barmen, Elberfeld. 1830 soll jeder vierte Berliner Unterstützung bekommen haben. Auf dem Land in Preußen waren Schätzungen zufolge etwa 50 Prozent der Menschen eigentumslos, also auf Lohnarbeit angewiesen, auf Erwerbsmöglichkeiten, die oft fehlten.  MUSIK ERZÄHLERIN: In den 1840er Jahren erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Missernten und Kartoffelfäule führten zu einer dramatischen Verknappung und explosionsartigen Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Zeitweise konnten sich die meisten nicht einmal mehr Kartoffeln leisten. O11 Murr 27'' Es gibt ganz viele Regionen in Deutschland, die betroffen waren, stark der deutsche Südwesten, aber auch Westdeutschland, Hessen, der Nordwesten, Bielefeld, diese Region war sehr stark betroffen. Schlesien, berühmt ist ja der schlesische Weber-Aufstand 1844. Und auch das Erzgebirge, das heißt: es war schon flächig sehr verteilt und gleichermaßen in Städten und auf dem Land.  ERZÄHLERIN: Die Kommunen, die zuständig waren für die Armenversorgung, waren überfordert, Unruhen und Tumulte die Folge: In Berlin kam es zu der sogenannten "Kartoffel-Revolution", in Bayern zu "Bierkrawallen" … Oft begannen die Proteste auf den Märkten, wo den Händlern Waren weggenommen wurden. Dutzende, oft Hunderte schlossen sich zusammen, bewaffneten sich mit Knüppeln, plünderten Läden und Getreidespeicher, blockierten den Abtransport von zum Export bestimmten Gütern, zogen übers Land, requirierten gewaltsam Nahrungsmittel. Allein 1847 gab es etwa 200 solcher Aufstände in den Ländern des Deutschen Bundes, mehr als die Hälfte davon in Preußen. Es waren Ausbrüche ohne politische Zielsetzung, auch ohne eine überregionale Vernetzung.  Die Regierungen reagierten teils mit Einsatz von Polizei und Militär, teils boten sie Hilfen an: Geld für Kredite, Saatkartoffeln, Getreide aus Militärmagazinen … Aber nachhaltige Konzepte für den Umgang mit den Hungerkrisen und der zunehmenden Massenverelendung fehlten. Die Länder des Deutschen Bundes griffen in erster Linie zu Verboten wie Bettlerverordnungen und Eherechtsbeschränkungen, um die Armen unter Kontrolle zu halten. O12 Murr 51'' Wichtig ist zu wissen, dass Armut lange Zeit kein Gegenstandsbereich staatlicher Fürsorge gewesen ist, sondern dass für die Armen die jeweilige Gemeinde, die Kommune aufzukommen hatte. Das heißt, wenn jetzt die Armut steigt, wenn der Hunger wächst, dann werden die Kommunen viel restriktiver. Es wurde peinlichst darauf geachtet, dass nicht zu viele, die eben sich nicht selbst ernähren können, heiraten dürfen.  ERZÄHLERIN: Preußen war das einzige Land des Deutschen Bundes, in dem es volle Freiheit der Eheschließung gab, obwohl auch in Berlin die Situation in den Armenvierteln katastrophal war: drängende Enge in den Wohnungen, mangelnde Hygiene, Krankheiten … Suppenküchen wurden gegründet, Wärmestuben, Sparvereine, Brotvereine: Das waren aber nur Tropfen auf den heißen Stein. Viele kehrten Deutschland den Rücken. 1844 schrieb ein Journalist: SPRECHER: Die Leute würden sagen, dass es ihnen gleichgültig sei, wo sie den Hungertod sterben, hier in Deutschland oder in Nord- und Südamerika. O13 Murr 22'' Wenn man im Bereich der Antworten auf diesen Pauperismus noch mal weiter denkt, dann muss man eben auch an Massenauswanderung denken, die auch eine Rolle gespielt hat. Und das steigt bis Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf fast eine halbe Million Menschen, die vor allem in die USA auswandern. Und das entspannt die Situation. MUSIK ERZÄHLERIN:  In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation der Menschen. 1834 hatten die Staaten des Deutschen Bundes den Zollverein gegründet. Zollschranken wurden abgebaut. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde forciert, ein gemeinsames Verkehrssystem ausgebaut: ein Netz von Straßen, Wasserstraßen und vor allem von Eisenbahnlinien, jenem neuen Transportmittel, das neue Produktionsstandorte und Märkte erschloss und Massentransporte zu moderaten Preisen möglich machte. Ab den 1870er Jahren lief die Industrialisierung in Deutschland auf Hochtouren. Fabriken wurden gebaut. Industriezentren entwickelten sich. Arbeitsplätze entstanden.  Die heterogene Gruppe der frühindustriellen Armen verschwand. Das Industrieproletariat trat auf die gesellschaftliche Bühne, die Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen, die unter rechtlich nicht geregelten Bedingungen in den Fabriken malochten. Sie wurden als einheitliche Gruppe wahrgenommen: als Arbeiterklasse, die sich zu einer politischen Bewegung formierte und zu einem neuen Machtfaktor in der internationalen Politik wurde. 
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Jan 19, 2024 • 23min

Fräulein Smillas Gespür für Schnee - Ein Umweltkrimi bei den Inuit

Ein kleiner Junge stürzt vom Dach eines Hauses und ist sofort tot. Doch eine Naturwissenschaftlerin, die mit dem Jungen befreundet war, glaubt nicht an einen Unfall. Schriftsteller Peter Høeg. erzählt in seinem Buch nicht nur einen Umweltkrimi sondern gibt auch noch tiefe Einblicke in Themen und die Kultur der Inuit. Autorin: Mira Alexandra Schnoor (BR 2010)Credits Autorin dieser Folge: Mira Alexandra Schnoor Regie: Petra Hermann-Boeck, Andreas Wutz Es sprachen: Stefan Wilkening, Christiane Roßbach, Rainer Buck Technik: Sieglinde Hermann Redaktion: Petra Hermann-Boeck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Jan 18, 2024 • 23min

Harze - Das Blut der Bäume

Harze sind die Wundsekrete von Pflanzen. Menschen nutzen sie auf vielfältige Weise -zum Beispiel in der Medizin, der Technik und der Malerei. Und sie stellen künstliche Harze her, etwa Klebstoffe und Lacke. (BR 2019) Autor: Hellmuth NordwigCredits Autor/in dieser Folge: Hellmuth Nordwig Regie: Axel Wostry Es sprachen: Susanne Schroeder, Andreas Neumann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Ehrentraud Bayer, Botanischer Garten, München; Prof. Rolf Mülhaupt, Makromolekulare Chemie, Universität Freiburg; Dr. Patrick Dietemann, Doerner-Institut München; Dr. Johann Seibert, Apotheker, Teisendorf Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ATMO 1 Schritte Botanischer Garten SPRECHER: Der Botanische Garten in München-Nymphenburg ist schon mehr als hundert Jahre alt. Und der nordamerikanische Baum, auf den Ehrentraud Bayer zielstrebig zusteuert, hat auch schon Jahrzehnte auf dem Buckel. Die wissenschaftliche Leiterin des Gartens darf ausnahmsweise, was für Besucher streng verboten ist - sie zückt ein kleines Taschenmesser …: O-Ton 1: Bayer  Wir stehen jetzt hier an der Balsamtanne. Die bildet das Harz direkt unter der Rinde, und dann gibt es hier zum Beispiel solche Blasen. Und wenn ich so eine Blase aufschneide ... Sehen Sie? Man sticht da rein, und dann tritt das Harz hervor. Es ist etwas mühsam, das einzusammeln. Aber es lohnt sich, Sie können mal daran riechen. Es ist absolut aromatisch, wirklich ganz toll.  SPRECHER: Eine Träne Harz läuft die glatte Rinde hinunter. Ausgesprochen wohlriechend. Wer jetzt aber den Fehler macht, hineinzufassen, hat für lange Zeit klebrige Finger. Denn sie klebt, diese Flüssigkeit, die mal Harz, mal Terpentin genannt wird - und die mitunter auch Balsam oder Pech heißt.  Sie besteht aus einer Mischung ganz verschiedener Stoffe, die je nach Pflanzenart wiederum sehr unterschiedlich ist. Eine Gemeinsamkeit aber gibt es: In Wasser lösen sich die Harze nicht. Man kann also auch nicht einfach abwaschen, was der Baum von sich gibt, wenn er verletzt wird. Etwa, wenn wir einen Ast absägen, wenn Vögel den Stamm anbohren oder wenn Insektenlarven versuchen, im Holz Gänge zu graben. Für den Baum ist das wichtig. Ihm dient das Harz nämlich dazu …: O-Ton 2: Bayer  … Fraßfeinde abzuwehren. Das funktioniert bei den einen besser, bei den anderen schlechter. Aber es sind Fraßfeinde. Es sind auch Pilze, die abgewehrt werden, oder Bakterien. Also dazu dient es.  SPRECHER: Wer sich an der Rinde oder dem Holz gütlich tun will, den verklebt der Baum also kurzerhand. Mit der Zeit wird das Harz immer fester - Insekten und ihre Larven haben dann immer schlechtere Chancen, lebend wieder herauszukommen. Oft sieht man sie in Harztränen eingeschlossen. Dann hat die Pflanze den Zweikampf mit dem "Fraßfeind" gewonnen. Manchmal verliert sie ihn aber auch. Zum Beispiel ein tropischer Baum, der mit dem Weihrauchbaum verwandt ist: Bei dieser Pflanze ist das Harz auch in den Blättern - und auf diese Blätter haben es bestimmte Käferlarven abgesehen: O-Ton 3: Bayer  Und wenn die Käferlarven unvorsichtig sind und an einer falschen Stelle das Blatt anfressen, dann schießt momentan aus dem Harzkanal, der in dem Blatt ist, offensichtlich eine beachtliche Menge an diesem Harz hervor und verklebt diese Larven. Dann gibt es aber wieder Käferlarven, die sind schlau, und die beißen in dem Blatt zuerst den Harzkanal durch, sodass der keinen Druck mehr hat und nicht mehr das Harz ausschießen kann. Das ist eine sehr interessante Entwicklung, finde ich.  SPRECHER: Harze sind für viele Pflanzen eine wichtige Waffe in diesem Wettrüsten der Natur. Nicht nur für Bäume: Hopfen harzt aus speziellen Drüsenhaaren, beim Hanf, auch bekannt als Cannabis, scheiden die weiblichen Blüten ein Harz aus - es ist recht beliebt, weil es die Rauschdroge THC enthält. Und es gibt sogar ein Tier, das harzt: die Lackschildlaus, Lieferantin des Schelllacks, aus dem früher Schallplatten hergestellt wurden. In unseren Breiten sind aber vor allem die Nadelgehölze als Harzlieferanten bekannt: Bei Tannen steckt das Harz in der Rinde. Bei Kiefern, Fichten und Lärchen im Holz. Bei Bedarf befördern es diese Bäume über eigene Harzkanäle nach außen: O-Ton 4: Bayer  Im Prinzip sind die Harze für die Pflanze dazu da, zum Beispiel Wunden zu verschließen. Also wenn jetzt ein Ast abgehackt wird bei so einer Fichte oder Kiefer auch, dann tritt das Harz aus, und zwar wird es dann auch zum Teil vermehrt produziert und an den Ort der Verwundung transportiert. Dann tritt das Harz aus und bildet sozusagen einen Wundverschluss. Und dadurch, dass es mit der Zeit verhärtet, ist es eigentlich eine optimale Methode. MUSIKAKZENT O-Ton 5: Bayer  Dass Harze eingesetzt werden, auch beim Menschen, medizinisch, das ist ja auch bei uns der Fall. Ich weiß das nur von meiner Mutter, die erzählt hat, dass ihr Großvater wiederum, wenn man irgendwie eine Verwundung hatte, ein aufgeschürftes Knie, dann kam darauf eine Paste, die aus Honig und Kiefernharz gemischt war. Und das war einfach ein Wundverschluss. Und so werden verschiedene Harze auch in verschiedenen Naturvölkern immer noch verwendet. Und wahrscheinlich ist es gar nicht das Schlechteste.  SPRECHER: ... erzählt Ehrentraud Bayer. Inzwischen sind wir im Gewächshaus des Botanischen Gartens angekommen und stehen vor dem Guajakbaum aus Südamerika. Eher ein Strauch, größer wird er bei uns nicht. Aber er hat es in sich: In seiner Heimat wäre er fast ausgerottet worden, wegen seiner angeblichen medizinischen Wirkung. "Franzosenholz" heißt der Guajakbaum auch - eine Anspielung auf die "französische Krankheit", die Syphilis. Ob sie durch das Harz des Guajakbaums wirklich behandelt werden kann, das ist aus heutiger Sicht ungewiss.  SPRECHERIN: Heute wird Guajakharz wird in der Medizin ganz woanders verwendet, erklärt Hans Seibert, Apotheker aus Teisendorf:  O-Ton 6: Seibert  Das brauchen wir, um einen Blutnachweis im Stuhl zu führen. Denn wenn dieses Harz mit Hämoglobin zusammenkommt, zusätzlich mit Wasserstoffperoxid, ändert sich die Farbe dieses Harzes, wird eine Blaufärbung erreicht. Und damit habe ich einen Nachweis für Blutvorkommen im Faeces, im Stuhl.  SPRECHERIN: Ein Besuch in der Markt-Apotheke der Ortschaft im Rupertiwinkel zeigt, dass die Harze in der Medizin auch sonst eine wichtige Rolle spielen. Atmo 2 - Klappern 1-1:05 SPRECHERIN: In kleinen Plastikdosen hat Hans Seibert verschiedene Harze vorrätig, um daraus Medikamente zu machen.  Harte Stücke, zum Beispiel Kiefern- und Fichtenharz, das er selbst gefunden hat. Und in einem Glas eine zähe Masse, die aussieht wie Honig: O-Ton 7: Seibert   Lärchenharz, aus dem Baum heraus gewonnen, wird ja in Österreich in riesigen Lärchenwäldern produziert, indem man die Bäume anbohrt und dann dieses heraustretende Harz sammelt, Und wir können es zur Weiterverarbeitung nutzen. SPRECHERIN: Zum Beispiel für eine sogenannte Zugsalbe, ein traditionelles Rezept der Volksmedizin. Wenn ein Tier oder Mensch sich einen Schiefer einzieht, der nicht herauszubekommen ist, dann streichen Bauern gerne diese Salbe darauf. Das enthaltene Harz reizt die Haut. Dadurch schwillt die Stelle etwas an und der Schiefer lässt sich schließlich herausdrücken. Hans Seibert ist einer der wenigen Apotheker, die eine solche Zugsalbe noch herstellen; wobei die Nachfrage nach dieser traditionellen Zugsalbe heute nicht mehr allzu groß ist. Ein paar Kilogramm pro Jahr stellt Hans Seibert noch her …: O-Ton 9: Seibert Heute greift man schon eher auf pharmazeutische Salben dann auch zurück vor allen Dingen, weil die ja auch Nachweise erbringen, Studien gemacht haben, die wir mit unserer Pechsalbe nicht machen können. Aber wir machen es halt im Rahmen der Volksmedizin und dürfen das in der Apotheke auch herstellen.  SPRECHERIN: Sehr aromatisch riecht es hier, im Labor der Apotheke in Teisendorf. Genau wie im Botanischen Garten. Denn Harze enthalten auch Geruchsstoffe, die leicht verdunsten. Ätherische Öle sagt der Fachmann dazu. Sie lassen sich aus dem Harz gewinnen, mit Hilfe von Wasserdampf: O-Ton 10: Seibert Es funktioniert so: Das Harz wird in einen Behälter gegeben, der wird erhitzt. Und dieser Dampf trägt das ätherische Öl mit sich. Und wenn der abgekühlt wird, der Dampf, dann trennen sie sich wieder. Der Dampf bildet Wasser, und der Rest ist ätherisches Öl. Und ich hab mein Terpentinöl.  SPRECHERIN: Es ist heute vor allem als Pinselreiniger bekannt. Doch auch dieses Terpentinöl haben Menschen in der Volksmedizin verwendet.  Nicht nur für entspannende Badezusätze, die es nach wie vor mit Lärchen- oder Tannennadelduft gibt. Früher gab es Terpentinöl sogar zu trinken. Angeblich sollte es gegen Magenkrankheiten helfen. Doch davon rät Hans Seibert dringend ab.  So spielt das Terpentinöl hauptsächlich in der Tiermedizin noch eine gewisse Rolle. Aber das duftende Öl ist ja nicht der einzige Anteil von Harz. Bei der Destillation bleibt nämlich auch noch ein fester Rückstand. Und der ist ganz ohne Zweifel nützlich - wenn auch für eine ganz andere Verwendung. MUSIK (Geigenstück oder Cello) SPRECHERIN: Kolophonium heißt das, was vom Harz übrigbleibt, wenn man die ätherischen Öle abgetrennt hat. Es ist unerlässlich für das Spiel von Streichinstrumenten.  Die Haare des Bogens werden damit eingerieben, damit er auf der Saite zunächst haftet und dann, bei seitlichem Druck, gleichmäßig darüber gleitet. Nur dank dieses festen Anteils von Harz kann der Musiker einen sauberen Geigen-, Bratschen- oder Celloton hervorbringen. MUSIK SPRECHERIN: Aber es gibt auch noch ganz andere Anwendungen für Kolophonium, die ein Technik-Fachmann parat hat: Rolf Mülhaupt. Er ist Professor für "Makromolekulare Chemie" an der Universität Freiburg. Kennt sich also aus mit großen Molekülen, aus denen eben auch die Harze bestehen: O-Ton 12: Mülhaupt  Kolophonium und andere Naturharze haben sehr viele Anwendungen. Also, wenn Sie Lacke, Klebstoffe machen, haben Sie nicht nur eine Harzkomponente,  sondern oft zehn, 20 verschiedene Füllstoffe. Und da sind Komponenten drin, die zum Beispiel die Klebrigkeit, die Haftung erhöhen. Und da hat man dann häufig auch Naturprodukte mit im Einsatz.  SPRECHERIN: Lacke und Klebstoffe: Das sind zwei technische Anwendungen von Harzen. Bekannt sind zum Beispiel die Epoxidharze. Sie werden in der Regel als zwei flüssige Komponenten ausgeliefert. Erst wenn man beide genau im richtigen Verhältnis zusammenbringt, wird die Mischung hart - gerade so schnell, dass man zum Beispiel eine Schramme am Auto ausbessern oder eine Lackschicht auftragen kann, wenn man sich beeilt. Epoxidharze werden im Labor hergestellt. Den Begriff Kunstharze mag Rolf Mülhaupt trotzdem nicht. Für ihn als Chemiker gibt es so etwas eigentlich nicht: O-Ton 13: Mülhaupt Der Name Harz und Kunststoff und Polymer und Makromolekül wird oft synonym gebraucht. Es hat also durchaus Überlappungen. Ja, man kann nicht zwischen Kunststoff und Harz unterscheiden. Das kennen Sie alles aus der Natur. Ein Baum hat auch Harze. Das waren ganz früher Harze, die irgendwo dann an Luft gehärtet wurden. Und das hat man in der Technik dann übernommen. Aber im Prinzip ist die Bedeutung gleich. Und die Trennlinie existiert nicht.  SPRECHERIN: Darum könnte man auf den ersten Blick auch Kautschuk zu den Harzen zählen. Jene milchige Flüssigkeit, die der Kautschukbaum absondert. Auch er besteht aus großen Molekülen. Fachleute betrachten ihn dennoch nicht als Harz. Denn er wird nicht richtig hart, bleibt weich wie Gummi, den man aus ihm herstellt. Aber es gibt ja jede Menge echte Harze, die mit der Zeit hart werden und mit denen Chemiker einiges anfangen können.  In der Technik haben Harze viele Vorteile. Vor allem: Sie sind ziemlich stabil. Egal ob es heiß ist oder kalt, sie bleiben in Form. Und weder in Wasser lösen sie sich auf noch sind sie sonst leicht zu zerstören. Inzwischen ist das ein großer Nachteil für die Umwelt, in der solche Produkte kaum abgebaut werden. Aber in vielen Bereichen schätzen wir genau diese Eigenschaft von technischen Harzen. Atmo 3 - Bohren Zahnarzt (Archiv) Zum Beispiel beim Zahnarzt: O-Ton 15: Mülhaupt  Was macht der Zahnarzt? Er hat ein Harz und das ist gefüllt mit Quarzmehl zum Beispiel oder anderen Füllstoffen. Und er hat eine Blaulichtlampe. Was er jetzt macht: Er füllt das in ihre Zahnlücke, belichtet das. Und da ist eine Verbindung drin, die zerfällt und dann eine Reaktion auslöst, die zum Härten von diesem Material führt, das dann fest wird und die gewünschten Eigenschaften hat.  SPRECHERIN: Auch der Schiffbau ist ohne Harze undenkbar. Die Römer konnten halb Europa auch deswegen so schnell erobern, weil sie auf Donau und Rhein wendige Kriegsschiffe im Einsatz hatten - und weil die mit Baumpech abgedichtet waren.  Heute verwenden Bootsbauer stattdessen spezielle Epoxidharze. Dass sie leicht sind, ist ein weiterer Vorteil, der bei Flugzeugen und Autos wichtig ist. Hier werden inzwischen viele Teile aus sogenannten Verbundmaterialien hergestellt: zum Beispiel aus einem Gewebe aus Carbonfasern, das mit Harzen verklebt und in Form gebracht wird. MUSIKAKZENT Atmo 4 - Alte Pinakothek 10:30 SPRECHERIN: Von den modernen Hightech-Anwendungen noch einmal weit zurück in die Vergangenheit. Auch Künstler nutzen Harze, und das war schon vor 650 Jahren so. Rogier van der Weyden zum Beispiel, einer der wichtigsten Vertreter der Altniederländischen Malerei. Seinen Columba-Altar, den er im Jahr 1455 fertiggestellt hat, kann man in der Alten Pinakothek in München bestaunen: O-Ton 16: Dietemann  Es ist lebendig, es ist wahnsinnig detailliert. Die Gesichter sind ganz klar, Porträts teilweise. Also es ist wahnsinnig gut gemalt und es wirkt ganz frisch. Und diese Malerei ist nicht nur qualitativ natürlich supertoll, sondern als Chemiker muss ich sagen, es ist auch recht stabil.  SPRECHERIN: Frische, lebendige Farben nach so langer Zeit - das ist erstaunlich. Auch für den Chemiker Patrick Dietemann. Er arbeitet am Doerner-Institut, einer Forschungseinrichtung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Sein Spezialgebiet sind die Bindemittel. Also das, was den Farbstoff, der eigentlich ein festes Pulver ist, zusammenhält und daraus eine Art Paste macht, die der Maler auf den Untergrund pinseln kann. Bindemittel gibt es verschiedene: zum Beispiel eine Emulsion aus Ei und Öl bei der Tempera-Malerei. Oder eben solche, die neben Öl auch Harz enthalten. In einem Kellerraum des Instituts hat Patrick Dietemann eine ganze Sammlung davon: O-Ton 17: Dietemann  Hier ist unsere Schatzkammer mit allen unseren gesammelten Materialien. Wir haben hier natürlich sehr viele Pigmente, und da bin ich als Bindemittelchemiker dann immer neidisch, weil das so schön bunt ist. Meine Welt ist hier die andere Seite des Raums, wo es eigentlich nur zwischen gelb, braun und schwarz variiert, aber eben sehr viele unterschiedliche Materialien da sind. Wir haben viele Harze, wir haben aber auch Teere, Peche, Öle und alles Mögliche, was in der Kunst noch so verwendet wurde. MUSIK SPRECHERIN: Etwa ab dem Mittelalter haben Maler sich neben der Temperatechnik auch der Ölmalerei zugewandt. Dabei werden die Farbstoffe in bestimmten Ölen verteilt, die nach einiger Zeit erstarren, zum Beispiel Leinöl. Kocht man ein solches Öl vorher mit einem Harz auf, wird die Farbe schneller fest - nicht erst nach Tagen, sondern schon nach ein paar Stunden. Das bedeutet:  Der Maler kann rascher die nächste Schicht auftragen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Ölmalerei rasch wichtig geworden ist. Auch glänzen die Farben mehr, sie erscheinen durchsichtiger, und Farbübergänge lassen sich stufenlos gestalten. Das erläutert Patrick Dietemann an Hand eines der berühmtesten Werke der Pinakothek: des "Selbstbildnisses im Pelzrock" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1500. Frontal schaut der Künstler dem Betrachter direkt in die Augen O-Ton 18: Dietemann  Wenn man die Haare oder eben auch den Pelz sieht, dann sind das natürlich einzelne Pinselstriche, die Haare, und das ist natürlich Absicht. Aber da im Stoff vor dem Gesicht, da sieht man eben keine abrupten Farbübergänge. Also das ist quasi wie ein Foto mit so feinen Übergängen, dass man das gar nicht sieht.  Und das wird eben erreicht über das Vermischen der Farben ineinander und über eine erhöhte Transparenz der Schichten, sodass man auch so gut durchsehen kann, dass da  eben keine harten Kontraste sichtbar werden außer da, wo es gewünscht ist künstlerisch. Und das ist typisch für diese Art von Ölmalerei.  SPRECHERIN: Kolophonium, Mastix, Dammar, Drachenblut - welches Harz hat ein Maler verwendet? Diese Frage stellt sich spätestens, wenn ein Werk restauriert werden muss. Dann wollen die Fachleute der Original-Rezeptur möglichst nahekommen. Schriftliche Aufzeichnungen der Künstler gibt es aber nicht immer, und wenn, kann man sich darauf nicht unbedingt verlassen. Zum Beispiel wurden unter dem Begriff "Straßburger Terpentin" je nach Ort und Zeit höchst unterschiedliche Gemische verstanden - das zeigt die Sammlung historischer Bindemittel. Hier ist also das ganze Arsenal der modernen analytischen Chemie gefragt. Aber immer im Dienst der Kunst, das ist Patrick Dietemann wichtig. MUSIKAKZENT SPRECHER: Zurück im Botanischen Garten in München. Im Gewächshaus hat Ehrentraud Bayer einige tropische Baumarten gezeigt, die ganz verschiedene berühmte Harze liefern:  Kopál, Weihrauch, Myrrhe, Perubalsam, und auch das Drachenblut, das Maler gerne wegen seiner rötlichen Färbung verwenden. Nun geht es noch einmal nach draußen: zu einem unscheinbaren Strauch aus der Familie der Pistaziengewächse. Im östlichen Mittelmeerraum wird er größer als hier, dort kann er richtige Bäume bilden. Sein Harz heißt Mastix, vom lateinischen Wort für kauen: O-Ton 20: Bayer  Weil man das Harz auch als Kaugummi verwenden kann. Übrigens auch Harze von unserer Waldkiefer kann man, wenn's gerade so die richtige Konsistenz hat, also wenn's nicht zu fest ist, und auch nicht zu klebrig, sonst bleibt es immer in den Zähnen kleben, kann man das kauen. Ich habe das als Kind des Öfteren gemacht. Kaugummi und so war irgendwie nicht drin. Da hat man halt das Harz gekaut, und es schmeckt nicht schlecht. Schmeckt eben schön harzig.  SPRECHER: Auch die Basis von richtigen Kaugummis ist ein Harz.  Das vom Mastixstrauch riecht sehr gut und wird zum Beispiel zum Ankleben von falschen Wimpern und Bärten verwendet. Außerdem ist es eines der teuersten Harze. Das liegt an der aufwändigen Gewinnung, die zum Beispiel auf der griechischen Insel Chios noch genauso passiert wie in der Antike.ü O-Ton 21: Bayer  Der Baum wird angeritzt, und unten drunter werden entweder Blätter aufgelegt oder Platten aufgelegt, oder Kalk wird zum Teil gestreut, und da sammelt man das. Das Harz tritt dann in kleinen Tröpfchen aus, und dieses Harz muss man dann einsammeln mühsam. Ich glaube, ein Kilogramm hat 85 Euro gekostet von diesem Harz früher. Um ein Kilogramm von diesem Mastixharz zu gewinnen, muss man zehn große Bäume anritzen und das Harz mühsam Tröpfchen für Tröpfchen aufsammeln. Also kein Wunder, dass das so teuer ist.  SPRECHER: Und wenn sich die Harzsammler die Finger verkleben, können sie mit Wasser und Seife nicht viel ausrichten. Aber die Griechen haben da einen Geheimtipp, wie man die klebrige Masse doch wegbekommt. Harze sind nämlich fettlöslich. Man muss die Stelle also einölen, zum Beispiel Olivenöl eine Weile einwirken lassen - und dann mit einem Tuch abwischen. Wahrscheinlich ist auch das ein Rezept aus der Antike. Denn mit Harzen haben Menschen schon lange Erfahrung, da ist sich Ehrentraud Bayer sicher: O-Ton 22: Bayer  Es ist halt so, dass es nicht in allen Pflanzenfamilien auftritt, aber doch in diversen Pflanzenfamilien, und der Mensch es immer schon irgendwie genutzt hat. Entweder als Klebstoff oder um zum Beispiel auch Schiffe wasserfest zu machen. Oder er hat's halt medizinisch genutzt als Pflaster, oder er hat's eben zu Räucherungen verwendet, um böse Geister auszutreiben oder um unbewusst vielleicht auch die Luft etwas zu verbessern. Also das Harz begleitet die Menschheit schon sehr lange. 
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Jan 17, 2024 • 21min

Mobiles Arbeiten - Welche Fallstricke lauern im Homeoffice?

Viele Berufstätige machen die eigenen vier Wände zum Büro; ersetzen persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings. Aber sorgt das für selbstbestimmtes Arbeiten? Oder isoliert es uns und macht uns krank und unzufrieden? Von Martin Schramm (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Johannes Hitzelberger Technik: Robin Auld Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Bettina Kubicek, Arbeits- und Organisationspsychologie, Uni Graz; Martin Zeschke, Arbeits- und Organisationspsychologie, TU Chemnitz; Prof. Michael Kastner, Arbeitspsychologe und Arbeitsmediziner Wir empfehlen außerdem diese spannenden Folgen von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN: AN DIE ARBEIT! Die BewerbungJETZT ANHÖREN AN DIE ARBEIT! Die ArbeitsmoralJETZT ANHÖREN AN DIE ARBEIT! Die GewerkschaftenJETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: Heimatfront im Ersten WeltkriegJETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: NäherinnenJETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: Die WaschfrauenJETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „Radar“; ZEIT: 01:07 SPRECHER „Homeoffice sorgt für ungestörtes, konzentriertes Arbeiten...“ SPRECHERIN „Homeoffice führt zu Überlastung und macht einsam...“ SPRECHER „Dank Homeoffice lassen sich Job und Familie besser vereinbaren...“ SPRECHERIN „Homeoffice führt zur Selbstausbeutung und Stress durch Dauer-Erreichbarkeit...“ SPRECHER Im Homeoffice zu arbeiten, die eigenen vier Wände zum Büro zu machen, persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings, Chats und Emails zu ersetzen, kann offenbar vieles bewirken: Es kann uns entlasten und für Wohlbefinden sorgen. SPRECHERIN …. aber auch belasten, isolieren und krank machen. SPRECHER Vor allem während der Corona - Pandemie fielen die Bilanzen in Sachen Homeoffice recht durchwachsen aus. SPRECHERIN Arbeitspsychologen wie Martin Zeschke warnen allerdings vor voreiligen Schlüssen: MUSIK ENDE 01-O-TON Zeschke Pandemie und heute „Also Homeoffice heute ist was anderes als Homeoffice zu Beginn der Pandemie. Zu Beginn der Pandemie wurden die Beschäftigten und die Führungskräfte gezwungen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und die meisten mussten fünf Tage die Woche von zuhause aus arbeiten. Freiwillig und unfreiwillig war eigentlich egal. Es gab Verordnungen, die kamen nicht von den Unternehmen oder den Organisationen, sondern die kamen vom Staat. Und dann hatten sich da alle daran zu halten. Und Organisationen, die das nicht wollten, die hatten es sehr schwer.“ SPRECHER Vieles von dem, was Menschen während der Pandemie im Homeoffice erlebt haben, hatte außerdem nichts mit dem Homeoffice selbst zu tun. SPRECHERIN Es war vielmehr der Ausnahmesituation in der Pandemie geschuldet: Wir konnten unsere Freunde, Verwandte und Bekannte nicht mehr treffen. Hatten krasse Zusatzbelastungen, weil Kinder parallel zuhause versorgt werden mussten, weil Kitas und Schulen geschlossen waren usw. SPRECHER Homeoffice war also keine Abwechslung mehr zum Arbeiten im Büro, es wurde vielmehr zur „Zwangsveranstaltung“: 02-O-TON Zeschke Zwang „Ein gezwungenes „Ich-muss-von-Zuhause-aus-arbeiten“, teilweise mit einer technischen Ausstattung oder mit einer völlig inadäquaten, ergonomischen Ausstattung, die dazu führt, dass ich körperlich und psychisch mich schlechter fühle als vorher, das heißt, wenn ich dazu gezwungen bin, an fünf Tagen die Woche in der Küche zu arbeiten, wo ich vielleicht an einem kleinen Tisch gemeinsam mit meinen zwei Kindern mich irgendwie dran quetsche, weil mir sonst die Möglichkeiten fehlen, brauche ich mich nicht wundern, dass es mir dann nicht besser geht, als wenn ich ins Büro gehen dürfte, während meine Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind.“ SPRECHERIN Ganz anders in Zeiten ohne Pandemie. Hier beobachten Arbeitspsychologen durchaus positive Effekte: SPRECHER Menschen, die freiwillig ein bis zwei Tage von zuhause aus arbeiten, haben beispielsweise häufig weniger Krankheitstage, sind leistungsfähiger, zeigen subjektiv höheres Wohlbefinden - und berichten davon, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen: 03-O-TON Zeschke Nachpandemisch „Wenn ich zum Beispiel eine Fahrt von über 45 Minuten ins Büro habe, mit Zug oder mit Auto im Fernverkehr oder im Stau stehe und so weiter, dann fällt das weg. Und dann ist es natürlich positiv. Wenn ich im Homeoffice arbeite, dass ich mir diesen Stress nicht antun muss, dann sind es teilweise zwei Stunden am Tag, die ich für andere Sachen verwenden kann. - Wenn allerdings mein Fahrradweg zur Arbeit wegfällt, der mich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde aktiviert, und stattdessen bleibe ich zu Hause und mache gar nichts, sondern falle aus dem Bett an den Schreibtisch. Dann ist es wieder etwas negatives. Das heißt, hier kommt es, klassische Psychologen-Antwort, ganz klar darauf an was mach ich draus? Wie gestalte ich das? - Und da gibt es nicht die eine Antwort.“ MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 00:34 SPRECHER Natürlich lässt sich nicht jeder Job im Homeoffice erledigen: Dachdecker und Maschinenbauer, Pflegepersonal und Kassenkräfte - eher schwierig. SPRECHERIN Versicherungsangestellte und Banker - Designer, Architekten und Journalisten - schon eher. SPRECHER Doch Routinen konzentriert abzuarbeiten ist das eine. Wie aber sieht es aus, wenn es darum geht innovative Lösungen im Team zu entwickeln? MUSIK ENDE 04-O-TON Zeschke Kreativität „Was wichtig ist, ist, dass es verschiedene Studien gibt, die sich angeschaut haben, dass Menschen, die in Präsenz miteinander zusammenarbeiten, zum Beispiel deutlich kreativer sind. Wenn es um Kreativität geht, neue Ideen zu generieren oder auch zügig miteinander zu kommunizieren, Ideen hin und her zu werfen und sofort auf das zu reagieren, was die anderen sagen, dann haben wir eigentlich ein einheitliches Studienbild was da sagt: Trefft euch in Person! SPRECHER Denn produktive, kreative Zusammenarbeit setzt Vertrauen voraus. - Egal ob im Büro oder im Homeoffice. SPRECHERIN Aufbauen lässt sich Vertrauen aber meist nur im direkten Kontakt - nicht über digitale Medien. MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:17 SPRECHER Klar sind Videokonferenzen praktisch: Sie bringen im Extremfall Mitarbeitende verstreut über den ganzen Erdball an einen gemeinsamen, virtuellen Tisch - und machen so Konferenzen möglich, die aus rein organisatorischen Gründen sonst nicht oder nur sehr schwer stattfinden würden. SPRECHERIN Doch wer sich über digitale Medien austauscht, egal ob per Email, Chat oder via Headset und Videokamera - kommuniziert durch eine Art „Filter“. Entscheidende Informationen gehen verloren - selbst bei Videocalls. SPRECHER Ich sehe die anderen zwar - aber eben nur ausschnittsweise - vielleicht nur ihre Gesichter - nicht aber ihre Körperhaltung. SPRECHERIN Die gezückte Augenbraue, der minimal nach unten gezogene Mundwinkel - auf Spielkarten-großen Kacheln auf dem Bildschirm geht all das schnell unter. SPRECHER Ich höre zwar Stimmen - aber eben oft technisch verzerrt - mal mehr, mal weniger verständlich. Und kann so oft keine feinen Nuancen und Schwankungen wahrnehmen, die aber bedeutsam sein können. SPRECHERIN Und ich kann mein Gegenüber nicht anfassen, nicht riechen, eben nicht mit allen Sinnen wahrnehmen. 05-O-TON Zeschke Überforderung “Und selbst wenn ich einen Videocall habe, gibt es ja trotzdem Beschäftigte, die dann die Kamera ausstellen. Und dann kann ich die auch nicht sehen. Und oftmals ist ja auch das Zusammenspiel zwischen dem, was gesagt wird und wie es gesagt wird extrem entscheidend. (Wenn mir jemand schreibt ich kann die Aufgabe gern übernehmen, dann kann das heißen nee, eigentlich übernimmt die Aufgabe. Übernimmt die Person diese Aufgabe gerade überhaupt nicht gerne. Aber im Chat kommt es dann vielleicht nicht rüber, weil ich lese nur das, was da tatsächlich drinsteht.) Und das ist, glaube ich, auch für viele Führungskräfte ein Problem. Wenn Beschäftigte nicht proaktiv kommunizieren und sagen ich bin gerade überfordert, dann haben sie das früher vielleicht gesehen, weil die Person in ihrem Büro saß und auch überfordert aussah. Aber im Homeoffice kann ich das natürlich besser verstecken.“ SPRECHERIN Sprich: All das, was wir ansonsten im Büro in der Firma sehen und beobachten, fällt beim mobilen Arbeiten zuhause weg. SPRECHER Wer komplett ins Home-Office abtaucht, fast nur noch virtuell kommuniziert, kappt also eine entscheidende Ader zur Außenwelt, erläutert die Arbeits- und Organisationspsychologin Bettina Kubicek: 06-TON Kubitschek Beobachtung! „Wir wissen aus Studien, dass Wissensaustausch vor allem mit Personen stattfindet, die uns körperlich physisch nahe sind. Das heißt mit der Kollegin, die neben mir sitzt, weil ich schnell eine Rückfrage stellen kann, weil sie vielleicht auch sieht, wie ich eine Aufgabe erledige. Sozusagen die Wissensvermittlung oder Wissensweitergabe erfolgt nicht immer nur explizit verbal, sondern zum Teil auch implizit über Beobachtung. Und das ist im Homeoffice und bei virtueller Kommunikation erschwert, beziehungsweise scheinen wir so eine Tendenz zu haben, unser Wissen lieber mit Personen teilen zu wollen, die uns auch physisch nahe sind. Und das ist dann im Homeoffice ebenfalls erschwert.“ SPRECHERIN Doch all das sind natürlich keine Argumente gegen Homeoffice an sich, gegen digitale Medien an sich. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, ein Gespür, ein kritisches Bewusstsein dafür zu entwickeln, wann welches Medium, und wann Präsenz angemessen ist. SPRECHER Da gibt es u.a. den schönen Spruch „Dieses Meeting hätte eine E-Mail sein können.“ Sprich: Eine E-Mail, die völlig ausreicht, sollte eben auch eine E-Mail bleiben - und nicht zu einem Präsenz-Meeting aufgeblasen werden, bei dem Mitarbeitende dann das Gefühl bekommen, ihre Zeit zu verschwenden. MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 0:15 SPRECHERIN Wann schreibe ich eine E-Mail? Wann reicht eine Nachricht im Chat? Wann sollte ich jemanden anrufen?  SPRECHER Wann ist eine Videokonferenz sinnvoll - und wann sollte es eben wirklich ein Präsenz-Meeting sein? MUSIK ENDE SPRECHERIN Als Faustformel gilt: Je sachlicher und unkritischer eine Botschaft ist, desto reduzierter und weniger „reichhaltig “ kann der gewählte Kanal sein. SPRECHER Geht es um persönliche, kritische oder eben auch bedeutsame Nachrichten, ist hingegen ein „reichhaltiges“ Medium angebracht. - Martin Zeschke: 07-O-TON Zeschke „Was will ich denn mit einem Lob beispielsweise bezwecken? Will ich es einfach nur gesagt haben, dann reicht es, wenn ich das in den Firmen-Chat schreibe. Wenn ich allerdings ein Meeting einberufe und sage: Hey, wir haben heute etwas zu feiern. Hier gibt es ein neues Projekt, was wir an Land gezogen haben, und diese beiden Personen, die hier neben mir stehen, die haben das bewirkt, und ich möchte jetzt eine große Runde Applaus. Und jetzt kriegt ihr dann noch einen alkoholfreien Sekt und Orangensaft. Und das macht natürlich was damit. Das heißt, ich sollte mir Gedanken darüber machen: Nicht nur was will ich kommunizieren, sondern auch wie will ich's kommunizieren?“ MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 01:09 SPRECHERIN Wenn Mitarbeiter nur noch im Homeoffice sitzen, geht meist eine weitere ganz entscheidende Zutat für ein erfolgreiches Unternehmen verloren: „informelle Kommunikation.“ SPRECHER Zufällige Begegnungen als „Geburtshelfer“ für neue Ideen, für „soziale Lösungen“. SPRECHERIN Der spontane Plausch vor der Kaffeemaschine oder in der Teeküche, - ein reger Umschlagplatz für den neusten Tritsch und Tratsch. SPRECHER Zuhause im Homeoffice fehlt meist die Antenne, um diesen „betrieblichen Flurfunk“ zu empfangen. SPRECHERIN Geht dieser informelle Austausch aber verloren, geht auch der „sozialer Kitt“ eines Unternehmens verloren, - und damit der Zusammenhalt eines Teams: das soziale Klima leidet. SPRECHER Und noch etwas geht verloren: kleine, gemeinsame Regelbrüche, also verschwörerische Verstöße gegen die Regeln einer Organisation, die sich dem Kontrollblick der Vorgesetzten entziehen. SPRECHERIN Brüche, die in der Praxis dem Unternehmen nicht schaden - sondern, ganz im Gegenteil, dessen Existenz sichern. MUSIK ENDE 08-O-TON Zeschke Regelnverletzen “Es gibt die schöne Beobachtung oder die schöne Theorie, dass wenn alle Beschäftigten Dienst nach Vorschrift machen würden, dass jede Organisation zusammenbricht, weil Arbeit eigentlich nur funktioniert, indem Personen ihren gesunden Menschenverstand verwenden, der oftmals eben gegen Vorschriften verstößt. Im Homeoffice fällt es schwerer. Im Homeoffice haben wir einen größeren Grad an Formalität. Zum Beispiel eben die Videocalls, die deutlich zielgerichteter sind, sehr sachorientierter und eben weniger informell.“ SPRECHERIN Videocalls sind daher denkbar ungeeignet für „Regelbrüche“. Dafür braucht es geschützte informelle Freiräume, eben z.B. Teeküchen und Kantinen mit entsprechendem Flurfunk.  SPRECHER Dort sorgt auch gemeinsames „Auskotzen“ und „Ablästern“ für Druckausgleich - und schweißt Teams ungemein zusammen. 09-O-TON Zeschke Auskotzen „Beim sich Auskotzen kommt es darauf an, was der Inhalt des Auskotzens ist. Also es gibt das sogenannte Venting Behaviour, also, dass ich einfach mal alles rauslasse, was mich gerade beschäftigt. Das werde ich nicht im Firmenchat machen, wo alle mitlesen können. Die Online-Kommunikation fördert eine gewisse Seite von uns, die eben ein professionelles Gesicht wahrt. Das heißt, dieses Auskotzen fällt relativ stark weg, und auch Konflikte werden selten offener ausgetragen, als das zum Beispiel in einem Meeting wäre, wo ich weiß, das wird jetzt auch nicht alles mitgeschrieben, was ich hier sage und es ist nicht für die Nachwelt oder für einen Screenshot verfügbar, sondern das ist mündlich geäußert in einem definierten Rahmen, in dem eine gewisse Anzahl an Personen ist, wo ich vielleicht auch eher mal sagen kann: Boah, das geht mir gerade gegen den Strich. Ich mache da nicht mit. Folgende Meinung habe ich dazu.“ SPRECHERIN Es wurden auch bereits Versuche unternommen, solche informellen Freiräume ersatzweise rein virtuell bereitzustellen, um „unbeobachtete Momente“ zu ermöglichen. SPRECHER Also die „geschlossene Tür“ oder den „Tratsch in der Teeküche“ beispielsweise durch ein virtuelles Meeting zu ersetzen, in dem sich dann alle Beteiligten ganz „spontan“ vor einem „virtuellen Wasserspender“ versammeln und austauschen. SPRECHERIN In der Praxis haben sich derartige Angebote nicht wirklich bewährt: SPRECHER Spontanität lässt sich eben nicht einfach „herstellen“ bzw. „verordnen.“ MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 00:17 SPRECHERIN Wenn das Büro ins Zuhause wandert, verzeichnen Stressforscher wie Michael Kastner einen durchgängigen Effekt: die sogenannte „Entgrenzung.“ Und damit letztlich die Herausforderung, Privates und Berufliches klar zu trennen: MUSIK ENDE 10-O-TON Kastner Entgrenzung „Früher hatten wir die Arbeitsbereiche Privates und Zuhause voneinander abgegrenzt. Wir hatten zum Beispiel feste Arbeitszeiten von acht bis fünf oder so. Und dann ging ich nach Hause. Und dann war ich eben zu Hause und habe mich nicht mehr um den Job gekümmert. Hier geht das alles durcheinander. Man hat zwar die höhere Flexibilität, aber es entsteht ein stärkerer Wechsel zwischen Privat und Arbeit. Und es scheint auch ein Befund durchgängig zu sein, dass oft die Leute ein schlechtes Gewissen haben. Ich habe mich jetzt heute so und so oft ablenken lassen. Und dann kann ich nicht mehr abends in Ruhe noch ein Fernsehstück angucken oder so, sondern setze mich dann doch noch einmal dran“. SPRECHER Sprich: Gerade für sehr engagierte Arbeitnehmer ist es oft eine Herausforderung im Homeoffice noch klar zu trennen: Hier Job - dort Privatleben. Die Grenzen lösen sich auf. SPRECHERIN Vor allem wenn Arbeitnehmer dann noch das Gefühl haben, permanent erreichbar sein zu müssen - bzw. sich selbst unter Druck setzen: SPRECHER Also schon am Frühstückstisch den Laptop aufklappen und Mails schreiben, sich keine klaren Ruhepausen gönnen, und notfalls auch kurz vor Mitternacht noch aufgelaufene Anfragen abarbeiten - um zu zeigen: „Ich bin da!“ - Martin Zeschke: 11-O-TON Zeschke „interessierte Selbstgefährdung“ „Das liegt daran, dass das Homeoffice immer noch diesen Ruch hat, zur Faulheit zur verführen. Und dass die Menschen ja nicht arbeiten, die von Zuhause aus arbeiten. Dass dem nicht so ist, prinzipiell, wissen wir jetzt aus den Studien. Gleichzeitig haben die Beschäftigten im Homeoffice eine höhere Erreichbarkeits-Erwartung. Also sie gehen subjektiv davon aus, dass sie schneller auf Anrufe reagieren müssen, schneller auf E-Mails reagieren müssen, weil sonst die Kolleginnen und Kollegen oder die Führungskraft denkt: der oder die Person sitzt auf der faulen Haut.“ SPRECHERIN Und dann fängt die Führungskraft womöglich an, ihr Personal aus der Ferne zu überwachen. Sichtet beispielsweise Spuren, die Mitarbeitende in Dokumenten hinterlassen -  SPRECHER - verletzt so aber nicht nur schnell Datenschutzbestimmungen, sondern setzt auch einen fatalen Kreislauf in Gang: 12-O-TON Zeschke Kreislauf „Wenn ich das Gefühl habe, eine beschäftigte Person zieht sich zurück, und ich reagiere mit Überwachung. Dann wird es dazu führen, dass die Person sich überwacht fühlt, dass sie kein Vertrauen empfindet und es ist sich erst recht zurückzieht. Warum sollte ich noch Personen vertrauen, die mich überwacht? Und dann wird es dazu führen, dass die Organisation natürlich die selbsterfüllende Prophezeiung hat. Ah ja, ich wusste es. Doch die Person zieht sich zurück, die arbeitet nicht. Jetzt überwache ich noch mehr. Und dann kann ich eigentlich die Uhr danach stellen, dass diese Person irgendwann kündigen wird oder zumindest nur noch Dienst nach Vorschrift macht.“ SPRECHERIN Statt eine „Mißtrauenskultur“ zu befördern, wären klare Absprachen und Transparenz in Sachen Erreichbarkeit gefragt. SPRECHER Und qualifiziertes Führungspersonal, das beispielsweise auf „Empowering Leadership“ setzt: 13-O-TON Zeschke Ziel statt Weg „Was wichtig ist zu beachten im Homeoffice ist, dass man nicht den Weg kontrolliert, sondern das Ziel. Das braucht eine andere Führung als die Arbeit im Büro. Das heißt, ich befähige meine Beschäftigten dazu, die Ziele, die sie gesetzt haben oder die Organisation gesetzt haben oder die alle gemeinsam gesetzt haben, zu erreichen, indem ich ihnen die Fähigkeiten gebe oder sie frage, was sie brauchen, um diese Ziele zu erreichen. Und dann lasse ich Ihnen die Freiheit dazu. Also ich habe ja als Organisation diese Menschen angestellt, weil sie diese Tätigkeit ausführen können. Ich weiß, dass meine Beschäftigten das können. Also sollte ich sie dazu befähigen und nicht permanent dahinterstehen.“ MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 00:29 SPRECHERIN Arbeiten im Homeoffice steckt also voller Chancen - aber auch voller Fallstricke. SPRECHER Es kann uns Freiheiten ermöglichen und entlasten - und uns doch zugleich belasten. SPRECHERIN Es kann ermöglichen, Beruf und Privatleben besser auszutarieren - und gleichzeitig Konflikte anheizen. SPRECHER Für den Arbeitspsychologen Michael Kastner steht daher fest: die Mischung macht's. MUSIK ENDE 14-O-TON Kastner Balance  „Es gilt, eine vernünftige Balance zu finden zwischen Face-to-Face-Kommunikation, wo man wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht oder sitzt. Und dann eben Screen-to-Screen Kommunikation. Da muss man halt je nach Job, je nach Situation, je nach Organisation eine vernünftige Balance finden, die dann eben reicht von kompletter Zeit in der Firma bis zu kompletter Zeit zu Hause über verschiedene Mischungsverhältnisse. Wobei wir sagen im Schnitt nach unseren Erfahrungen, wir sind damit vielen Organisationen zu Gange, scheint sich so ganz gut herauszustellen, so zwei Tage zu Hause und drei Tage doch in der Firma.“ MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:06 SPRECHERIN Dabei will beides gut gestaltet sein: das Arbeiten im Homeoffice, aber auch die Rückkehr ins Büro. SPRECHER Denn am Ende geht es um weit mehr, also nur um die Frage, ob Menschen zuhause oder in der Firma arbeiten. SPRECHERIN Es geht darum, ob es Unternehmen, Führungskräften und Teams gelingt eine Arbeitswelt zu gestalten, in der wir von den Vorteilen digitaler Medien profitieren - zugleich aber auch das „soziale Rauschen“ des Flurfunks kultivieren. SPRECHER Eine Arbeitswelt, in der Mitarbeitende nicht zu Befehlsempfängern degradiert werden, sondern die sie selbst mitgestalten, - weil Chefs ihnen vertrauen und sie wertschätzen. SPRECHERIN Eine Welt, in der Platz für Spontanes und Kreatives bleibt - und in der Mitarbeitende auch Freiräume haben, vorausschauend, verantwortungsbewusst Regeln zu brechen - weil davon am Ende alle profitieren können. MUSIK ENDE
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Jan 17, 2024 • 23min

Amalie Dietrich - Sammlerin und Entdeckerin

Die Jagd nach unbekannten Pflanzen und Tieren war ihre Leidenschaft. In Europa und Australien sammelte und konservierte die Naturforscherin Amalie Dietrich zahllose für die Wissenschaft neue Arten. Auf Verlangen ihres Auftraggebers sendete sie sogar Schädel und Skelette der australischen Eingeborenen nach Deutschland. Autorin: Claudia Heissenberg (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Frank Manhold Technik: Regina Staerke Redaktion: Matthias Eggert Im Interview:Birgit Scheps-Bretschneider, Kustodin am Grassi-Museum in Leipzig;Renate Hücking, Sachbuchautorin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 + 2: Federkiel auf Papier und Urwaldgeräusche  ZITATORIN: Meine liebe Charitas (sprich: Caritas). Mit einem wahrhaft feierlichen Gefühl rüstete ich mich für meine erste Sammeltour im neuen Erdteil. Neu ist ja alles, und eine Fülle von Material wächst einem hier entgegen, dass man geradezu in Verlegenheit gerät, wo man zuerst zugreifen soll. Mir wird manchmal ganz Angst, wenn ich mich zwischen üppigen Schlingpflanzen, Farnen und Gesträuch hindurch arbeiten muss. Große Orchideen hängen an fast unsichtbaren Fäden von den Bäumen herunter, sie sind so wunderbar geformt, sie haben so schöne Farben und sehen mich so geheimnisvoll an, dass meine Hand sie nur mit einer gewissen Scheu pflückt, als seien es lebendige Wesen, die mir Vorwürfe machen, dass ich ihr ruhiges Dasein störe. MUSIK : Z9318366102 Snake  1‘21 ERZÄHLERIN: Auf der Suche nach lohnenswerten Neuentdeckungen durchstreifte Amalie Dietrich zu Fuß und unter großen Strapazen halb Europa und Australien, das damals noch Neuholland hieß. Mehr als 50 Tier- und Pflanzenarten tragen ihren Namen: Zum Beispiel die Alge Sargassum Amaliae, der Sonnentau Drosera dietrichiana oder die Wespe Odynerus Dietrichianus. Dabei hat Amalie Dietrich nie studiert und war in Botanik und Zoologie eine Autodidaktin. Und die einzige Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Naturforscherin zu Ruhm und Ehren kam – und nahezu in Vergessenheit geriet. Doch ihre unermüdliche Sammelleidenschaft hatte auch eine dunkle Seite. O-TON 1: (Birgit Scheps-Bretschneider) Die Amalie-Dietrich-Sammlung enthielt also auch ursprünglich acht Skelette und natürlich stellte sich auch da die Frage, wie ist sie dazu gekommen, warum war das so? Als Frau natürlich, das hat dann nochmal so einen besonderen Beigeschmack. ERZÄHLERIN: Dr. Birgit Scheps-Bretschneider betreut im Grassi Museum für Völkerkunde in Leipzig die Abteilung Ozeanien. Mit Amalie Dietrich beschäftigt sich die Kustodin seit 1978. Sie kennt ihre Sammlungen, ihre Reisen und alle Facetten ihres ungewöhnlichen Lebens. Musik: Dream time 0‘54 Auch den kurzen Absatz, den der englische Anthropologe Henry Ling Roth in einem Buch über „Die Entdeckung und Besiedelung von Port Mackay, Queensland“ geschrieben hat. ZITATOR: „Das berühmte Hamburger Godeffroy Museum hatte in der Jahren 1863 bis 1873 eine Sammlerin an der Küste, die diverse vergebliche Versuche unternahm, einheimische Siedler zu überreden, einen Aborigine zu erschießen, damit sie das Skelett nach Hamburg schicken kann.“ ERZÄHLERIN: Henry Ling Roth kam zwar erst fünf Jahre nach Amalie Dietrichs Abreise nach Australien und sein Buch erschien sogar fast vier Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen, aber die Legende, dass die deutsche Naturforscherin über Leichen ging, war damit in der Welt.  O-TON 2:   Diese Geschichte ist einfach so grauselig, dass man sie also immer wieder auch gern kolportiert, aber auf der anderen Seite denke ich, wenn man historische Persönlichkeiten betrachtet, muss man immer auch ganzheitlich schauen, auf die Zeit und die Umstände, die die Menschen dazu gebracht haben, bestimmte Dinge zu tun, Dinge, die wir heute verurteilen und die wir nicht gutheißen, die aber unter Umständen in der Zeit üblich waren und auch nicht als schlimm empfunden wurden, und ich denke, wichtig ist auch immer, die Auftraggeber zu beschreiben. Die Menschen dazu gebracht haben, eben woanders Tote zu sammeln zum Beispiel. Musik: Drei Fantasiestücke für Klavier ERZÄHLERIN: Es war der reiche Hamburger Reeder Johan Cesar Godeffroy, der Amalie Dietrich beauftragte, die Flora und Fauna im australischen Queensland zu erkunden und Exponate für sein Privatmuseum zu sammeln, das er mit Tieren, Pflanzen, Waffen und Gebrauchsgegenständen aus aller Welt bestücken wollte. Für die damals 42 Jahre alte Naturforscherin, die aus einfachen Verhältnissen stammt, geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung. Sie beginnt direkt, eifrig Englisch zu lernen und nimmt Schießunterricht, um für die abenteuerliche Reise ans andere Ende der Welt gewappnet zu sein. Im Museum wird sie in Präparationstechniken unterwiesen.  ATMO 3: Ozean (Wellenschlag), Möwen ERZÄHLERIN: Am 17.Mai 1863 verlässt Amalie Dietrich als einzige Passagierin der ersten Klasse auf dem Segelschiff „La Rochelle“ den Hamburger Hafen. Im Gepäck hat sie Lupe, Mikroskop, 2 Kisten Gift, 100 Gläser mit Stöpseln, Insektennadeln, Spiritus und Seidenpapier, dazu ein englisches Wörterbuch sowie die wichtigsten Werke zur Pflanzenkunde. In den kommenden zehn Jahren sammelt sie mehr als 20.000 Pflanzenarten, außerdem Insekten, Vögel, Fische, Säugetiere – darunter zahllose für die Wissenschaft neue Arten. Auch das erste Exemplar der giftigen Taipan-Schlange findet sich in den Kisten, die sie nach Deutschland schickt. Es ist die größte Sammlung, die jemals eine  Einzelperson zusammen trägt. O-TON 3: (Renate Hücking) Sie hat Massen an Flora und Fauna nach Hamburg gebracht. Ihre Sammlungen, die hier im Museum waren, waren Forschungsgegenstände und keiner, der was über die australische Flora und Fauna schreiben wollte, kam an diesen Sammlungen vorbei, aber man hat sich nie wissenschaftlich mit ihr als Forscherin, als Naturkundlerin auseinander gesetzt und das, denke ich, hat was damit zu tun, dass sie eben Frau war, und dass sie Autodidaktin war und dass man sie nicht ernst genommen hat als Wissenschaftlerin. ERZÄHLERIN: Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, die regelmäßig Berichte über ihre Forschungsreisen veröffentlichten, sei Amalie Dietrich immer eine reine Sammlerin geblieben, sagt Renate Hücking, die der Naturkundlerin in ihrem Buch „Pflanzenjäger“ ein Kapitel gewidmet hat. So lassen sich Fiktion und Fakten im Leben der Amalie Dietrich, die zwar Unmengen an Material, aber nichts Schriftliches hinterließ, nur schwer unterscheiden.  O-TON 4: (Hücking) Sie wäre wirklich eine Fußnote in der Geschichte der Naturwissenschaft oder der Naturkunde geblieben, wenn nicht ihre Tochter ein unheimlich populäres Buch über sie geschrieben hätte: Amalie Dietrich - ein Leben, ist 1909 erschienen und es ist meiner Meinung nach eine sehr gelungene Mischung aus Dichtung und Wahrheit, also das ist alles mit Vorsicht zu genießen, es gibt ein paar Originalgeschichten, das sind Briefe, die ihr Auftraggeber an sie nach Australien geschickt hat, also sie war tatsächlich da, also das ist alles verbürgt, ....ansonsten ist die Quellenlage ziemlich dünn. ATMO 1: (Feder auf Papier)  ZITATOR: Hamburg, 3. Januar 1864. Frau Amalie Dietrich. Sie schrieben uns, dass Sie schon tüchtig sammeln, darüber freuen wir uns. Über das Sammeln der Schmetterlinge möchten wir bemerken, dass Sie dieselben in Tüten schicken können. Selbst die größten Nachtfalter, wenn Sie ihnen die Flügel zusammenklappen, können Sie ruhig in dieser Weise absenden.  MUSIK: Frühling red. 1‘12 ERZÄHLERIN: Dass Amalie Dietrich eines Tages die Natur im fernen Australien erforschen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Geboren wird sie am 26. Mai 1821 als Concordia Amalie Nelle im sächsischen Städtchen Siebenlehn. Der Vater ist Beutler von Beruf. Er stellt, wie der Name schon sagt, Beutel her: Taschen, Geldbörsen, Bälle und andere Dinge aus Leder, die die Familie auf Märkten in der Umgebung verkauft. Die Schule besucht Amalie nur vier Jahre lang, lernt aber fleißig und liest wissbegierig alles, was sie in die Finger bekommt. Schon bald lästern die Leute, sie rede wie ein Buch. Und schütteln verständnislos den Kopf, als sie erfahren, dass die arme Handwerkertochter den Heiratsantrag eines reichen Mehlhändlers abgelehnt hat. Doch Amalie und ihre beste Freundin haben sich geschworen, dass sie „niemals heiraten, es sei denn, es käme einer, der hoch über ihnen stände.“ Diesen Mann trifft die 24-jährige an einem schönen Herbsttag im Wald, in dem sie mit der Mutter Pilze sammelt. O-TON 5: (Hücking) Wilhelm Dietrich, ein Naturkundler, der ihr einfach das Einmaleins der Botanik beigebracht hat, mit dem ist sie durch die Wälder gezogen, mit dem hat sie gelernt, Pflanzen zu unterscheiden, an welchen Merkmalen unterscheidet man Pflanzen, von dem hat sie gelernt, wie pflege ich das, was ich da abpflücke, wie presse ich das, und wie behandele ich es, dass es nicht schimmelig wird. Also von ihm hat sie ungeheuer viel gelernt Musik: Organic fractures  0‘36 ERZÄHLERIN: Amalie, die sich laut ihrer Tochter Charitas direkt in den Mann mit dem vornehmen Gesicht und den klugen blauen Augen verliebt, setzt gegen den Willen der Eltern die Hochzeit durch. Die Aussteuer verwendet das junge Ehepaar für die Einrichtung einer botanischen Werkstatt. Tagsüber streifen sie gemeinsam durch die Natur und sammeln Blumen, Gräser, Kräuter, Farne und Moose, die abends gepresst und zum Trocknen ausgelegt werden.  O-TON 6: (Scheps) Sie hat sich auch relativ wenig um Konventionen geschert, also die Kleinstadtgesellschaft ist ja auch immer so auf permanenter Lauer und Beobachtung, man hört also auch heute noch, wenn man in Siebenlehn fragt, ja, die war dann verheiratet und wohnte im Forsthof, und man soll es nicht glauben, sie hat dann im Wäscheschrank nicht die Wäsche aufbewahrt, sondern dort lagen die Herbarien und die Tierpräparate drin. ERZÄHLERIN: Im Winter wird die Ausbeute geordnet und zu Herbarien zusammengestellt, die die Eheleute an Apotheker, Lehranstalten und Privatpersonen verkaufen. Der Verdienst reicht gerade für das Nötigste, denn die Geschäfte laufen schleppend. 1848 kommt Tochter Charitas zur Welt.  ZITATORIN: Jedes Mal, wenn ich Charitas in fremde Hände geben muss, frage ich mich wieder und wieder: Was ist meine erste Pflicht? Soll ich meinem Mann die Gehilfin oder soll ich dem Kind die Mutter sein? Wilhelm sagt - und das sehe ich auch ein – wir müssen reisen, das hängt notwendig mit dem Beruf zusammen.  Musik: Morgentau 1‘03 ERZÄHLERIN: Oft ist das Ehepaar mehrere Wochen unterwegs, um Material für die Herbarien zu sammeln. Die schweren Körbe muss Amalie schleppen, denn Wilhelm Dietrich fühlt sich dafür zu schwach. Als die junge Ehefrau durch Zufall erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit dem Dienstmädchen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. Enttäuscht und zutiefst gekränkt besorgt sie sich einen Reisepass und flieht mit Charitas zu ihrem Bruder Karl nach Bukarest. Aber das Leben in der Großstadt, der Luxus und die strengen Regeln im Haus der eleganten Schwägerin gefallen Amalie nicht. Sie findet eine Anstellung bei einem Ehepaar in den Karpaten und ist froh wieder in der Natur zu sein. Regelmäßig schickt sie dem treulosen Gatten das gesammelte Material und kehrt nach einem Jahr wieder nach Siebenlehn zurück.  O-TON 7: (Hücking) Und dann fingen die Jahre an, wo ihr Mann, ich sag mal träge geworden ist und lieber zuhause saß, der Herr Naturforscher, als dass er selber noch in der Natur forschte, und das waren die Jahre, wo sie dann alleine durch halb Europa gezogen ist MUSIK: Chirping the forest und Föhnsturm 0‘42 ERZÄHLERIN: Ihre einsamen Wanderungen führen Amalie Dietrich bis in die Alpen und an die holländische Nordseeküste, wo sie Algen und Seetang sammeln soll. Immerhin hat sie mittlerweile einen Hund an ihrer Seite. Hektor ist nicht nur ein treuer Begleiter, sondern hilft ihr auch, den Wagen mit den Pflanzen zu ziehen. Trotzdem zehren die langen Fußmärsche bei Wind und Wetter an ihrer Gesundheit. Ausgelaugt und an Typhus erkrankt wird Amalie am Strand von Den Haag ohnmächtig und muss vier Wochen lang das Bett hüten. Als sie schließlich wieder zuhause eintrifft, ist die Tür verschlossen und Wilhelm Dietrich verschwunden.  O-TON 8: (Hücking) Nun war der Ehemann weg, sie allein erziehende Mutter ...und hat sich dann wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bahnfahrkarte gekauft und ist nach Hamburg gefahren ... und sie hatte einen Kontakt da und der hat sich die Sachen angeguckt und war begeistert von ihren Herbarien und hat gesagt, du ich kenn da jemand, der sich für Naturkunde interessiert ERZÄHLERIN: Johan Cesar Godeffroy, der Fürst der Südsee, wirft die ärmliche Frau aus Sachsen, die um eine Anstellung als Feldforscherin bittet, kurzerhand aus dem Büro. Aber Amalie Dietrich lässt nicht locker, und als sie mit zahlreichen Empfehlungsschreiben der namhaftesten Wissenschaftler ein zweites Mal bei ihm vorspricht, bekommt sie ihren Vertrag und hat zum ersten Mal ein festes Einkommen, mit dem sie die Ausbildung ihrer Tochter bezahlt. Dafür wird sie zehn Jahre lang in den Jahren 1863 bis 1873 die Nordostküste Australiens erforschen und Material für das Museum zusammentragen.  ATMO 1: Feder auf Papier ZITATOR: Hamburg, den 20.1.1865. Unser Museum zieht immer mehr Beachtung auf sich, und es ist der wissenschaftlichen Welt wohl bekannt, wie viel Amalie Dietrich zu dessen steter Ausdehnung beiträgt. Wir freuen uns, dass Sie nördlicher gehen wollen und möchten Sie nochmals bitten, nicht nur Skelette von dort vorkommenden großen Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen sowie auch deren Waffen und Geräte zu senden. Diese Sachen sind sehr wichtig für die Völkerkunde.   MUSIK: Mundunkala the creator 0‘40 ERZÄHLERIN: Im 19. Jahrhundert begann man in der Anthropologie die Evolution zu erforschen. Wissenschaftler stellten sich die Frage, wie sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat und warum die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich sind. Einige vermuteten, dass die Ureinwohner von Australien der sogenannte missing link sein könnten, der den Übergang vom Affen zum Menschen darstellen soll. Dr. Birgit Scheps-Bretschneider vom Völkerkundemuseum Leipzig: O-TON 9: (Scheps)  Und so wurden also die Gebeine von Menschen aus aller Welt zu sehr gefragten Forschungsobjekten, in Deutschland gab es in Berlin den berühmten Mediziner Rudolf Virchow, der also sehr extensiv menschliche Gebeine gesammelt hat an der Charité, um dann solche Vergleiche vornehmen zu können, er kannte den Reeder Johan Cesar Godeffroy, und er hat dann über viele Jahre gedrängt, auch Gebeine aus Australien haben zu wollen. ERZÄHLERIN: Es gab damals einen weltweiten, lukrativen Handel mit menschlichen Gebeinen. Wissenschaftler wie Virchow konnten vom Schreibtisch aus, Skelette von Afrikanern, Asiaten und Australiern bestellen und wurden prompt beliefert. Wie man an die menschlichen Gebeine gelangt war, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. ATMO 4: Schreibmaschine ZITATOR: Angel of the black death ERZÄHLERIN: Titelte im November 1991 das Newsweek-Magazin “The Bulletin” mit einem Bild von Amalie Dietrich. ZITATOR: „Diese Frau stiftete im 19. Jahrhundert dazu an, Aborigines für wissenschaftliche Untersuchungen zu töten. Schockierende neue Beweise zeigen, sie war nicht die einzige.“ MUSIK: Kokopelli Dreaming 0‘36 ERZÄHLERIN: War Amalie Dietrich wirklich der Todesengel der Aborigines? Eine kaltblütige, skrupellose Frau, die den Auftrag erteilte, Menschen zu töten? Birgit Scheps-Bretschneider ist der Geschichte nachgegangen und hat vor Ort in Australien nach Beweisen gesucht. Unter anderem in der Familienchronik der Familie Archer. Auf deren Farm soll die Naturforscherin, so das Gerücht, nach einem Auftragskiller gesucht haben. O-TON 10: In dieser Chronik findet sich also gar kein Hinweis darauf, dass Amalie Dietrich auf dieser Farm gewesen ist, also dort ist alles Mögliche geschildert, wie viele Schafe man geschoren hat, was in der Familie geschehen ist, also so ein Besuch wäre auch dort mit Sicherheit festgehalten worden, und die Gebeine, die sie nach Europa geschickt hat, sind ja auch erst einige Jahre später an einem ganz anderen Ort gesammelt worden. ERZÄHLERIN: Wie Amalie Dietrich in den Besitz der acht Aborigines-Skelette kam, wird sich wohl nie mehr klären lassen. Aber egal, ob sie die Gebeine der Toten in der Wildnis gefunden oder durch Tauschhandel erworben hat, ob sie dafür Gräber geplündert oder sogar Menschen hat töten lassen - die Geschichte wirft auch ein Licht auf den umstrittenen Sammeleifer und zweifelhafte Anschaffungspraktiken europäischer Naturkundemuseen. Die Gebeine, die Amalie Dietrich von Australien nach Hamburg schickte, gelangten 1885 nach Leipzig und fielen dort im 2. Weltkrieg einem Museumsbrand zum Opfer.   O-TON 11: (Scheps) Ich arbeite ja auch sehr intensiv an der Rückführung menschlicher Gebeine in ihre Herkunftsgemeinschaften, zu ihren Familien, und ich weiß also auch, welche emotionalen Schmerzen es für die Menschen bedeutet bis heute, wenn Tote verschwunden sind und nicht bestattet werden können in dem Land, wo sie hingehören MUSIK: Calm fluctuations 0‘50 ERZÄHLERIN: Birgit Scheps-Bretschneider plädiert trotzdem dafür, Amalie Dietrich nicht zu dämonisieren, sondern anzuerkennen, was sie geleistet hat. Denn heute helfen ihre Sammlungen den australischen Ureinwohnern dabei, ihre Geschichte und Kultur zu rekonstruieren. Mehr als 40.000 Herbarienblätter der Pflanzenjägerin geben Wissenschaftlern Auskunft darüber, welche Gewächse an bestimmten Orten heimisch waren, bevor die Siedler den Regenwald für große Zuckerrohrplantagen und Ananasfelder abholzten.  O-TON 12: Und man weiß ja, dass heute auch viel renaturiert wird, und das hilft dann auch dabei, wenn man sich entschließt in einem Nationalpark z.B. wieder Pflanzen dort auszubringen, die ursprünglich mal dort gewesen sind. Also das sind sehr, sehr interessante Projekte, die ohne Amalie Dietrichs Arbeit sozusagen in dieser Form überhaupt nicht machbar wären. ATMO 2: Urwaldgeräusche ZITATORIN: Und doch all diese Sammlungen geben nur einen armseligen Begriff von dieser Märchenpracht. Es gehört eben eins zum anderen. Diese Pflanzenwelt ist belebt durch eine farben- und formenreiche Tierwelt. Wenn ich das herrliche Material einpacke, stelle ich mir immer vor, wie Herr Schmelz alles im Museum ausstellt. Schade, dass man den schönen Tieren und Pflanzen nicht etwas von ihrem Drum und Dran mitgeben kann. Losgelöst aus der märchenhaften Umgebung kann alles nicht so wirken, wie es sollte. MUSIK: Talking to my father 1‘23 ERZÄHLERIN: Nach zehn Jahren in der Fremde kehrt Amalie Dietrich 1873 nach Deutschland zurück und beginnt ihre Sammlungen zu ordnen. Sie ist 52 Jahre alt, ihr Gesicht von der Sonne gegerbt und faltig, umrahmt von dünnen, weißen Haaren. Sie bezieht im Museum ein Zimmerchen und besucht regelmäßig naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Hamburger Universität. Als die Firma Godeffroy 1879 Konkurs anmeldet, wird das Museum verkauft, und Amalie Dietrich verbringt ihren Lebensabend im städtischen Altersheim. Sie stirbt im Alter von 69 Jahren an einer Lungenentzündung im Haus ihrer Tochter Charitas.  O-TON 13: (Scheps) Sie hatte ja ein sehr schweres Leben, hat sich immer durchgekämpft durch die Widrigkeiten, die ihr natürlich auch die damals existierende Männergesellschaft gesetzt hat, und für Amalie Dietrich würde ich mir wünschen, dass man ihre wissenschaftliche Leistung würdigt und dass man sie vielleicht weniger benutzt, um Politik zu machen.
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Jan 16, 2024 • 22min

Manufakturen - Schritt in eine neue Arbeitswelt

Der Begriff Manufaktur steht heutzutage für Handwerk und Wertarbeit. Aber Manufakturen waren eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte - man könnte in ihnen die Tech-Startups des 18. Jahrhundert sehen. Autor: Christian Sachsinger (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Christian Sachsinger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Wilkening, Florian Schwarz Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Prof. Reinhold Reith, Historiker;Stefan Gorissen, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Versailles Sprecherin: Das französische Schloss Versailles ist ein Touristenmagnet ohnegleichen. Wer es aber schafft, am Morgen als einer der ersten in der langen Schlange vor den goldenen Toren zu stehen und sich beeilt, schnell in den ersten Stock zu gelangen, bevor alle anderen dort sind, dem bietet sich ein besonderes Schauspiel: der Spiegelsaal präsentiert sein Farbenspiel – so wie es der Hausherr Ludwig der 14., besser bekannt als der Sonnenkönig, vor über 300 Jahren genießen konnte.  Musik 1: Sonata Nr. 1  von Marc-Antoine Charpentier – 1:13 Min. Sprecher 2: Der Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris ist noch heute ein beeindruckendes handwerkliches Meisterstück. Der Raum misst über 70 Meter in der Länge und gut 10 Meter in der Breite. Auf der einen Seite gewähren 17 Fenster einen einzigartigen Ausblick auf den prunkvollen Schloss-Park. Gegenüber an der Innenwand des Saals stehen 17 Spiegel – jeder zusammengesetzt aus über 350 Teilstücken. Die riesigen Spiegel holen den Park nun optisch in den Saal. Am Abend reflektierten die glatten Flächen den Schein von hunderten von Kerzen, die dort bei Bällen entzündet wurden. Sprecherin: Noch heute bringt der Spiegelsaal Besucher zum Staunen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert führte er den Gästen des Sonnenkönigs beim Betreten dessen Reichtum und Macht schlagartig vor Augen. Es gab nichts Vergleichbares.  Musik aus.  Atmo Glaserei – Glas wird zerschnitten Sprecher 1: Spiegelglas war im 17. Jahrhundert ein teures Luxusprodukt. Es herzustellen war kompliziert und nur wenige Handwerker beherrschten die Technik. Diese Experten lebten fast alle in Venedig, die venezianische Republik hatte damals das Monopol für die Herstellung von Spiegeln. Versailles war jedoch das Zentrum Frankreichs und für die Dekoration des Schlosses kamen nur in Frankreich hergestellte Produkte in Frage. Also gründete Jean-Baptiste Colbert – der Finanzminister – eine eigene königliche Spiegel-Manufaktur und warb dafür in Venedig kurzerhand einige der Spezialisten ab. Es war ein Affront. Erzählungen zufolge sandte die Regierung der Venezianischen Republik Agenten nach Frankreich. Sie sollten jene Männer, die Colbert abgeworben hatte, vergiften, um das Spiegel-Monopol Venedigs zu verteidigen. Sprecherin: Der Plan misslang offenbar, denn sonst gäbe es den Spiegelsaal womöglich gar nicht.  Und die Manufaktur arbeitete, lange nachdem der ursprüngliche Auftrag erledigt war, erfolgreich weiter. Das Unternehmen gibt es bis heute. Die damalige Compagnie des Grandes Glaces verlagerte die Produktion später in das nordfranzösische Dorf Saint-Gobain. Heute ist die Saint-Gobain-Gruppe ein internationaler Konzern mit zig Milliarden Euro Umsatz und weit über 100.000 Mitarbeitern – auch in Deutschland.  Musik 2: „La Dauphine für Cembalo G-Dur/g-Moll“ von Rameau - M0005340009 – Länge: 33 Sekunden Sprecher 1: Saint Gobain und der Spiegelsaal - ein Beispiel für Manufakturen, wie sie in Europa im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert immer häufiger vorkommen.  Sprecherin: Doch was macht diese Betriebsform aus? Und warum entsteht sie überhaupt? Der Historiker Prof. Reinhold Reith versucht es anhand eine einfachen Beispiels zu erklären: O-Ton 1 (10:20)  Wenn wir eine Kutsche produzieren, ist das möglich, indem mehrere Handwerker daran beteiligt sind und die Arbeit dazu in verschiedenen Werkstätten verrichtet wird. (…) Wenn wir jetzt diese Arbeitsprozesse in einem Raum oder in einem Gebäude zusammenfassen, dann spricht man von der kooperativen Arbeitsteilung und das Gebäude wird als Manufaktur bezeichnet.  Sprecherin: Es ist produktiver, wenn sich etwa ein Radmacher, ein Schreiner und ein Sattler zusammentun und gemeinsam die Kutsche bauen, als wenn jeder für sich im eigenen Atelier vor sich hin werkelt und man am Ende feststellt, dass die Einzelteile nicht richtig zusammenpassen. Zumal die Karossen immer ausgefeiltere Konstruktionen werden.  Sprecher 1 Es braucht also Experten, Spezialisten, die zudem in der Lage sind, an einem Ort gemeinsam aufeinander abgestimmt zu arbeiten.  Manufakturen werden dabei zu Stätten, an denen High-Tech entsteht. Das gilt für die Herstellung riesiger Spiegel in Frankreich, das gilt aber auch für die Strumpfproduktion. O-Ton 2  (17:30) Durch den sogenannten Strumpfwirkerstuhl gewinnt die Strumpfwirkerei einen hohen Produktivitätsfortschritt. 19:20 Das sind mehrere Nadeln, die da bewegt werden können. Durch den Strumpfwirkerstuhl steigt die Produktivität. Was gelingt ist, dass diese Strümpfe gleichförmig hergestellt werden können. Und die Hugenotten sind in dieser Technologie sehr versiert und sie bringen diese Technologie mit in die deutschen Territorien, wo sie sich niederlassen. Sprecherin: Und damit sind wir wieder bei Ludwig dem 14. Der Sonnenkönig von Versailles hatte die Hugenotten, wie Frankreichs Protestanten genannt wurden, wegen ihres Glaubens aus dem Land gejagt. Viele von ihnen gingen nach Deutschland und mit ihnen kam viel wertvolles Know-How, auch nach Bayern, etwa nach Erlangen.  O-Ton 3 Reith Vor allem in Erlangen ist dann bekannt für die Strumpfproduktion im 18. Jahrhundert und ist eine der wichtigsten Standorte überhaupt. ATMO Strumpfwirken / Handkulierstuhl Sprecher 1 Das Strumpfwirken ist eine viel effizientere Technik, als das Stricken der Strümpfe. Man braucht dazu aber nicht nur einen Satz Nadeln, sondern den bereits erwähnten Strumpfwirkerstuhl, eine hochkomplexe Maschine, bestehend aus mehreren tausend Einzelteilen. Er sieht ein wenig aus wie ein übergroßes Klavier, in das oben unzählige Fäden hineinlaufen, die dann zu einem feinmaschigen Strumpf verwoben werden. Kein Vergleich mit rauhen, kratzigen Wollsocken.  Sprecherin: In Erlangen wird diese Technik in den Manufakturen immer weiter verfeinert, die Stadt widmet sich völlig diesem Wirtschaftszweig. …  Zeitweise sind in Erlangen 3000 Menschen mit der Herstellung von Strümpfen beschäftigt, bei gerade einmal rund 9000 Einwohnern. Angeblich klappern in jeder Ecke der Stadt Strumpfwirkerstühle. Wie das damals geklungen haben muss, kann man heute noch im Esche-Museum im sächsischen Limbach-Oberfrohna hören. Atmo aus. Musik 3: „1. Satz aus: L'Omphale. Suite für Orchester e-Moll“ von Telemann, (take 001 Ouvertüre) Länge: 1:01 Min. Sprecher 1 Manufakturen entstehen meist da, wo es um hochwertige Waren geht, die kompliziert herzustellen sind. Häufig sind es Luxusprodukte, die sich nur die Fürsten und Könige leisten können und wollen. Das gilt in erster Linie für Porzellan, damals auch weißes Gold genannt.  Die hauchdünnen Teller, Tassen und Kannen waren aufwändig bemalt; sie sind der Stolz vieler Herrscherhäuser. Man kann damit bei Banketten Stil und Reichtum demonstrieren. Denn die Herstellung ist teuer, sie geschieht in eigenen Manufakturen, also staatlich geförderten Unternehmen.  So gründet 1710 August der Starke, Kurfürst von Sachsen, die erste europäische Porzellanmanufaktur. Ein Projekt, das dem Fürsten nur Verluste beschert. Ganz ähnlich die Ludwigsburg Porzellanmanufaktur, die ebenfalls ständig bezuschusst werden muss.  Sprecherin: Andere Branchen sind dagegen deutlich rentabler, wie der Stoffdruck. Manche Betriebe schaffen hier einen steilen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Historiker Reinhold Reith: O-Ton 4 Reith  4:30 Diese bedruckten Baumwolltuche sind der meistgehandelte Gegenstand im 18 Jhd. Da geht´s um das Drucken, da geht´s um die Farben, da geht´s um das Design. Da geht´s auch um die Technik, wie wird gedruckt, wie werden die Farben aufgebracht. Da geht´s um großen zentralisierten Betrieben mit mehreren hundert Arbeitskräften.  Sprecher 1: Bedruckte Baumwolle, man nennt das damals Kattun - vom Englischen Cotton - übt eine große Faszination auf die Menschen aus. Sie wird zur bevorzugten Oberbekleidung von Frauen der unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Die Stoffe zeigen wiederholende Muster, die an Blumen oder Blätter erinnern und etwas Leichtes, Spielerisches haben. Kein Wunder, dass diese Stoffe bald die aus dicken Maschen gestrickten, einfarbigen Wollkleider verdrängen.  Angetrieben wird dieser Kattun-Boom von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihren Manufakturen nun gute Geschäfte machen.  Sprecherin: Einer von ihnen ist Johann Heinrich Schüle, ein ehrgeiziger Kaufmannsgehilfe, der das Potenzial des Baumwolldrucks früh erkennt. Er reist 1755 nach Hamburg, wo die Technik schon weiter fortgeschritten ist, und schaut sich alles genau an. Glanz und Raffinesse bekommen die Stoffe erst, wenn sie nach dem Druck noch per Hand an den richtigen Stellen nachkoloriert werden. Berichten zufolge sitzt Schüle mit seiner Frau und seiner Tochter oft bis in die Morgenstunden an den Stoffen, um sie „einzumalen“, wie diese Arbeit damals genannt wird. Aber die Mühe lohnt, Schüles Stoffe finden reißenden Absatz und bald kann er sich mehrere Einmalerinnen leisten, die ihm die mühselige Arbeit abnehmen. 1763 errichtet der findige Kattunexperte eine erste Fabrik. Seine Stoffe liefert er mittlerweile nach ganz Europa. Ein Augenzeuge, der Schüles Fabrik besichtigen durfte, schildert die Abläufe dort so: Musik 4: Fantasia Nr. 1 F-Dur von Bach, Carl Philipp Emanuel, Länge: 36 Sekunden Sprecher 2:  „Die einfarbigen Muster werden mit großen Kupferplatten abgedruckt, wozu zwey besondere Kupferstecher gehalten werden. Die vielfarbigen Muster aber hat man noch nicht in Platten versucht, sondern man besinet sich hölzerner Formen, wozu eine besondere Innung von Modelschneidern ist, die zum Theile recht gut arbeiten. Es war mit Vergnügen anzusehen, mit welcher Fertig- und Genauigkeit die Drucker bey den verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen die rechte Stelle wieder trafen.“ Sprecherin: Schüle engagiert in seiner Manufaktur viele Experten, er wirbt hochqualifizierte Drucker aus London ab und engagiert eine renommierte Zeichnerin aus Hamburg. Mit Geschick und Durchsetzungsvermögen schafft er es, als einfacher Bürger ein Firmenimperium aufzubauen. Sein wirtschaftlicher Einfluss wird so groß, dass ihn der Kaiser 1772 in den Adelsstand erhebt. Doch zu diesem Zeitpunkt geht die Phase der Manufakturen in Europa schon fast zu Ende. Musik 5: 5. Satz aus: Triosonate Nr. 3 a-Moll, BuxWV 254 von Buxtehude., take 109. Länge: 1:10 Minuten Sprecher 1: Drehen wir die Zeit noch einmal gut 100 Jahre zurück, um genauer zu beleuchten, warum Manufakturen als neue Betriebsform überhaupt aufkommen.  Ein wesentlicher Grund ist, dass der Staat interessiert ist an der Entstehung von Manufakturen – und zwar nicht nur an solchen, die Porzellan oder Spiegel produzieren. Denn Mitte des 17. Jahrhunderts muss die Wirtschaft unbedingt wieder in Schwung kommen. Nach dem 30-jährigen Krieg gilt es im deutschen Reich Aufbauarbeit zu leisten. Weite Landstriche sind von den langen Kämpfen verwüstet und entvölkert. Die Gesellschaft soll, nun da wieder Frieden herrscht, wachsen. Um die Menschen in Lohn und Brot zu bringen, fördert der Staat eben auch Manufakturen. Privates Unternehmertum ist dabei zunächst gar nicht vorgesehen. Manufakturen wie die von Johann Heinrich Schüle, entstehen erst später. Doch auch sie passen den Herrschern ins Konzept.  Denn der sogenannte „Kameralismus“ als Staatswirtschaftslehre dominiert das Denken und Planen deutscher Regierungen und vor allem ihrer Finanzminister.  O-Ton 5  Reith (33:45) Man kann das mit dem Begriff aktive Handelsbilanz umreißen(…) 35:00 Dass man eben bestimmte Produkte nicht mehr einführen muss, sondern im eigenen Land produzieren kann, um möglicherweise sogar exportieren könne. Gedacht ist das Ganze von der Kamera, der fürstlichen Schatzkammer, die dann über die Steuern einen Überschuss erzielen kann.   Sprecher 1: Wobei dieser Ehrgeiz, Export-Weltmeister zu werden, damals noch keine deutsche Eigenschaft ist, sondern eine zutiefst französische.  Musik 6: „Sonata Nr. 1“ (vgl. Musik Nr. 1) , Länge: 1:26 Min Sprecherin: Ludwig der 14. hat einen immensen Finanzbedarf. Um den Adel des Landes an sich zu binden, baut er das kleine Versailler Jagdschloss seines Vaters zum pompösen Machtzentrum aus. Der Glanz und die Anziehungskraft des Hofes sollen so groß werden, dass sich dem kein Fürst und kein Kardinal mehr entziehen kann. Es gibt viele Posten und Titel in Versailles, der Beamtenapparat wird dabei immer gewaltiger und teurer. Außerdem führt der Sonnenkönig eine Reihe von kostspieligen Kriegen, um die Grenzen zu festigen oder auszudehnen, die sogenannten Reunionskriege. Das alles muss finanziert werden. Finanzminister Colbert betreibt deshalb die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus. Im Lateinischen ist der „mercator“ der Kaufmann oder Händler, also einer der etwas anzubieten und zu verkaufen hat.   Und so geht es Colbert darum, die produktiven Kräfte im Inland zu fördern. Staatliche Manufakturen sollen Porzellan, Spiegel, Seide oder feines Tuch herstellen und zwar mehr als im Inland gebraucht wird, um es möglichst in andere Länder verkaufen zu können. Die Gewinne und die Steuern sollen dem König wieder mehr Spielraum bei seinen Projekten verschaffen.  Musik aus Sprecher 1: Ob die neuen Produktionsbetriebe indes für die Menschen immer ein Segen sind, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Arbeitsbedingungen jedenfalls sind es oft genug nicht. Zwar werden die Spezialisten, von deren Wissen und Können die Produktion abhängt, meist sehr gut entlohnt. Doch in den Manufakturen arbeiten mit zunehmender Größe auch immer mehr einfache Arbeiter und Arbeiterinnen. Und die beziehen ein klägliches Gehalt für eine Kräfte zehrende Tätigkeit, wie zum Beispiel in der Schülschen Manufaktur in Augsburg.  Musik 7: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 20 Sek Sprecher 2:  „Es arbeiteten damals daselbst ohngefähr 350 Personen, und unter denselben viel Weiber und Kinder. Die Arbeiter kommen im Sommer täglich früh um 6 Uhr und arbeiten bis abends um 8 Uhr, doch werden sie nicht nach der Zeit, sondern nach den Stücken bezahlt.“ Sprecherin: Es sieht so aus, als würden solche Betriebe das Zeitalter der Industrialisierung einläuten. Ist die Manufaktur also eine Übergangserscheinung zwischen einer rein handwerklich geprägten Zeit und der kapitalistisch geprägten Wirtschaft des 19. Jahrhunderts … mit Fabriken, in denen Menschen nur noch einzelne stupide Handgriffe verrichten? Lange Zeit wurde das in der Wissenschaft so gesehen, gestützt auch von der Theorie Karl Marx. Im Band 1 des „Kapital“ heißt es:  Musik 8: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 23 Sek Sprecher 2:  „Die auf Teilung der Arbeit beruhende Kooperation schafft sich ihre klassische Form in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die rau angeschlagen von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts währt.“ Sprecher 1: Doch ganz so eindeutig ist die Entwicklung nicht. Die weit verbreitete Vorstellung, dass Manufakturen die Vorläufer der modernen Fabriken waren, wird von mehreren Historikern inzwischen bezweifelt, so etwa vom Historiker Prof. Stefan Gorissen. Er lehrt an der Universität Bielefeld.  O-Ton 6 Gorißen (10:00) Von der Qualifikation her ist die Manufaktur. deutlich näher am Handwerk. Der Maschineneinsatz und das Vorgeben eines Arbeitsrhythmus durch Maschinen spielt in der Manufaktur keine Rolle. Das ist geradezu das Charakteristikum der Manufaktur im Unterschied zur Fabrik. Häufig gibt es qualifizierte Arbeitskräfte, die den Teilprozess selbständig durchführen müssen.  Sprecherin: … wie eben jene Handwerker, die die Räder oder den Innenraum einer Kutsche herstellen – und zwar jeweils als Ganzes.  Es geht also häufig gerade nicht um Arbeitsteilung, wie später in den Fabriken, wo die Arbeitsprozesse so aufgeteilt werden, dass nur noch einzelne Handgriffe übrigbleiben, die man ohne große Kenntnisse ausführen kann. Auch wenn große Manufakturen, wie jene in Augsburg oder in Saint Gobain viele ungelernte Kräfte beschäftigen, stehen im Zentrum die Experten, ohne die die Baumwolldrucke nicht schön und die Spiegel nicht richtig glatt werden. Manufakturen drehten sich um Know-How, um Präzision und um Qualität.  O-Ton 7 Gorißen (11:15) Ein entscheidender Grund, eine Manufaktur zu gründen, ist, dass man sehr genaue Kontrolle über den Arbeitsprozess und über die Arbeitskräfte haben möchte. Da wo es darauf ankommt, den Produktionsprozess genau zu steuern, da lohnt es sich eine Manufaktur zu gründen.  (11:45) Ein berühmtes Beispiel ist die Seidenproduktion, also das Abhaspeln der Seidenfäden aus diesem Kokon der Seidenraupe, ist ein Prozess, bei dem man festgestellt hat, dass die Qualität des gewonnenen Garns sehr stark davon abhängt wie genau im Detail dieser Prozess durchgeführt wird.  Sprecherin: Womöglich spielt eine andere Betriebsform als Wegbereiter für arbeitsteilige Fabriken eine viel wichtigere Rolle: die Verlage. Was heute nur noch aus dem Buchgeschäft bekannt ist, war vor gut 200 Jahren eine weit verbreitete betriebliche Organisationsform. Stefan Gorißen: O-Ton 8 Gorißen (2:30) Das heißt, man hat einen Kaufmann – einen Verleger –, der die Arbeitsprozesse anleitet und eine Vielzahl von Gewerbetreibenden meist auf dem platten Lande anleitet, Produkte herzustellen. Oft arbeitsteilig und meist im Nebenerwerb. Die nutzen arbeitsarme Zeiten, z.B. den Winter, um Gewerbeprodukte herzustellen. Musik 9: „Bachmachine für 4 Klarinetten“ – 48 Sek. Sprecher 1: So werden zu Hause Wollfäden gesponnen oder einfache Stoffe gewoben, die fertigen Waren dann eingesammelt, womöglich noch weiterverarbeitet, etwa zu Kleidung und dann als Massenware verkauft. Die Serienproduktion, wie sie später in den Fabriken läuft, hat ihren Vorläufer also eher in den Verlagen, als in den Manufakturen. Die Verleger sorgen dafür, dass die Teilarbeitsschritte am Ende zusammenlaufen, und sie übernehmen die Vermarktung im großen Stil. Während die Manufaktur oft auf Qualität ausgerichtet ist, geht es bei den Verlagen dagegen oft um Quantität. Die Bedeutung der Verlage für die Wirtschaft ist dabei schon von den reinen Zahlen her viel größer, als die der Manufakturen:  O-Ton 9 Gorißen Man kann schätzen so um 1800 in Deutschland. vor Beginn des Industriezeitalters gibt es im Handwerk 1,3 Mio. Beschäftigte, im Verlagswesen etwa 1 Mio. und in Manufakturen 100.000.  Sprecher 1: Die Manufakturen sind also eher eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Europas.  Musik 10: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 1:07 Min Sprecherin: Auch von Johann Heinrich Schüles riesigem Kattun-Betrieb ist nicht mehr viel übrig. Nur noch der historische Hauptbau, der ein wenig an ein kleines Barockschlösschen erinnert, steht noch. An den Seiten sind für die Hochschule Augsburg neue Seitenflügel aus Glas angebaut worden.  Aber obwohl die Manufakturen im Prinzip völlig verschwunden sind und als Betriebsform bald gar keine Rolle mehr spielen - als Begriff haben sie das 18. Jahrhundert überdauert. Sie gelten bis heute als Markenzeichen und das zu Recht, wie Reinhold Reith findet. O-Ton 10 Reith: 39:45 Wir sehen häufig in der Werbung, dass da von Manufaktur gesprochen wird. (…) Es ist ein sehr positiv besetzter Begriff. Er steht für Qualitätsarbeit, für hohe Präzision, er steht für das Design der Produkte. Ich glaube es trifft diese Produktionsform schon. Musik aus.
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Jan 16, 2024 • 23min

Die US-Präsidentenwahl - Kampf ums Weiße Haus

Die US-Präsidentenwahl zählt zu den kompliziertesten und langwierigsten Wahlsystemen der westlichen Demokratien: von den Vorwahlen mit den Grabenkämpfen unter Demokraten und Republikanern bis hin zum "Election Day", bei dem Präsident oder Präsidentin vom Volk nur indirekt gewählt wird. Autor: Florian Kummert (BR 2020)Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann, Christian Schuler Technik: Susanne Harasim Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Michael Hochgeschwender (Professor; LMU München);Jesse Wegmann (Journalist und Autor "Let The Poeple Pick The President") Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Jan 11, 2024 • 23min

Höhenluft - Ganz schön gut, ganz schön schlecht

Eine Höhenkrankheit kann Bergsteigern das Leben kosten. Ein Höhentraining kann Sportlern Rekorde und Medaillen bescheren. Für den Menschen ist das Leben in der Höhe in jedem Fall extrem. (BR 2021) Autor: Bernd-Uwe GutknechtCredits Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Jennifer Güzel Technik: Robin Auld Redaktion: Matthias Eggert Im Interview:Prof. Dr. Simon Schäfer, leitender Oberarzt an der Münchner Uniklinik in Großhadern;Dr. Wolfgang Schaffert, HöhenmedizinerFlavio Mannhardt, Sportwissenschaftler, Betreiber des Hypoxicum;Eva-Maria Sperger, Ultratrail-Läuferin;Reinhold Messner, Alpinist;Uwe Hartmann, Lauf-Trainer;Gesa Felicitas Krause, Hindernisläuferin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1  Resource scarcity   Sprecher: 9900 Meter! So hoch fliegen normalerweise nur Flugzeuge. 9900 Meter zeigte am 14. Februar 2007 das GPS einer im Chiemgau lebenden polnischen Gleitschirmfliegerin an: Ewa Wisnierska war bei einem Trainingsflug in Australien in eine Cumulonimbus-Wolke geraten und in eine Höhe gezogen worden, wo minus 50 Grad Kälte herrschen. Die Profi-Sportlerin verlor das Bewusstsein, überlebte an ihrem Gleitschirm hängend wie durch ein Wunder. Vermutlich ist noch nie ein Mensch ohne künstlichen Sauerstoff in diese Höhe gekommen: Zusp. 1 Collage Eva (bereits gemischt): 0‘49 MUSIK „Ich bin irgendwann aufgewacht. Und dann merkte ich, dass ich die Bremsen gar nicht mehr in den Händen halte, sondern dass die Bremsschlaufen über mir hängen, mit Eiszapfen, alles war vereist. Und dann dachte ich: zum Glück fliegt er geradeaus. Und dann bin ich irgendwann unten aus der Wolke raus. Dann kam die Erleichterung und ich habe gedacht: es könnte gut ausgehen!“ -  Sprecher 9900 Meter! Zum Vergleich: der Mount Everest misst 8848 Meter. Überlebt hat die Gleitschirmfliegerin vermutlich aufgrund ihres überdurchschnittlichen Trainingszustandes. Sie hatte direkt vor dem Höhenflug ein mehrwöchiges Höhentraining absolviert!  MUSIK 2  Microelements  0‘34 ATMO 1    0’10  Läuferin Sprecherin: Ein Höhentraining, wie es viele Profisportler, aber auch Amateure, in ihre Trainingsroutine einbauen.  In den letzten Jahren haben Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Höhenluft gewonnen. Und kommerzielle Anbieter drängen etwa mit Höhenzelten für den Hausgebrauch auf den Markt. Was ist dran an der vielbeschworenen Höhenluft? Wem nutzt sie, wann schadet sie? Musik 3   Medical insights    0‘48 Auf 1500 bis 2500 Metern Höhe werden die besten Trainingseffekte erzielt, sagen Sportmediziner.  Wird in diesen Höhenlagen gelaufen, geradelt oder geschwommen, muss der Körper mit weniger Sauerstoff auskommen, gewöhnt sich nach einigen Tagen daran und kann dann in niederen Gegenden einen förmlichen Sauerstoff-Schub und damit eine Leistungssteigerung erleben.  ATMO 2 Wandern  0‘28 Sprecher: Nicht nur extreme Alpinisten im Himalaya oder in den Anden, auch Hobby-Wanderer in den Alpen fühlen sich magisch angezogen von den Tafeln auf den Gipfeln, auf denen „3000 Meter“ oder mehr steht, wie hier in den Hohen Tauern: Zusp. 4 Tauern Teil 1: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter!“ MUSIK 3 hochziehen Zusp. 5 Stressreaktion: „Dabei schaltet der Körper auf eine Stressreaktion um, das ist für ihn ja lebensbedrohlich.“ Sprecherin Dr. Wolfgang Schaffert aus dem oberbayerischen Siegsdorf ist Höhenmediziner und selbst begeisterter Alpinist. Zusp. 5  „Das Dumme ist nur, dass wir in der Entwicklungsgeschichte keine Fühler für den Sauerstoffmangel entwickelt haben. Wir spüren ihn eigentlich nicht. Es kommt ab einer Seehöhe von 2500 Metern zu einem deutlichen Absinken der Sauerstoffsättigung im Blut. Es nimmt die Atemtätigkeit deutlich zu, es nimmt der Pulsschlag zu und es kommt zu einem Zusammenziehen der Unterhaut-Venen, so dass das Blut aus den Beinen zu der Lunge hin verlagert wird.“ Sprecherin Seine Erfahrung als Expeditionsarzt zeigt: vielen Bergsteigern sind die physiologischen Gefahren der Höhenkrankheit gar nicht bewusst. Und das betrifft Alle: Trainierte und Untrainierte, Raucher und Nichtraucher, Alt und Jung: Zusp. 6 Bewusstlosigkeit: „Wenn wir auf Höhenlagen über 4000 Metern gehen, kann es schon zu ausgeprägten Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, der zentral-nervösen Funktionen kommen. Und die Zeit bis zum Eintreten einer Bewusstlosigkeit ist abhängig von der individuellen Konstitution. Aber viele Versuche sagen, dass ab 5500 Metern bei Manchen schon die Bewusstlosigkeit auftritt.“ Sprecher: Schon ab 2500 Metern über Meereshöhe merkt der Mensch, dass er eigentlich ein Flachländer ist. Die Luft wird dünner, das Atmen fällt zunehmend schwerer, die Muskeln werden immer weniger durchblutet. Über 3000 Meter kommt es bei rund einem Drittel der Bergsteiger bereits zu ersten Anzeichen einer leichten Höhenkrankheit: Schwindel und Kopfschmerzen.  Sprecherin: Da gilt es, den Organismus langsam an die Höhe anzupassen. Durch eine allmähliche Akklimatisierung vermehren sich die roten Blutkörperchen und halten so den Sauerstoff-Transport, z.B. zum Gehirn, aufrecht. Bei zu schnellem Aufstieg dagegen droht die Höhenkrankheit in vollem Ausmaß:  Musik 4  Secret proofs 0‘42 Sprecher: Die erheblich verminderte Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit in Verbindung mit der zunehmenden Kälte können zu Atemnot, Austrocknen, Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungserscheinungen führen. Das Risiko für ein Höhenlungenödem wächst. Expeditionen auf den Mount Everest werden dennoch angeboten wie Butterfahrten.  Eine Tendenz, die auch dem wohl erfahrensten und erfolgreichsten Bergsteiger der Welt missfällt. Reinhold Messner: der Südtiroler bestieg 1980 als erster Mensch den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, ohne Sauerstoffmaske: Zusp. 8 Messner Everest: „Die Medizin und die Physiologie war dann der Meinung, 8500 Meter ist das Ende, höher kann man nicht steigen, denn dann käme nicht mehr genug Sauerstoff zum Blutzucker und dann hat man keine Kraft mehr. Und weil eben die Wissenschaftler im Vorfeld so eindeutig sich festgelegt haben, das ist nicht möglich, haben wir natürlich eine große Rückantwort vom Volk gekriegt. Die haben gesagt: ah, es ist trotzdem möglich. Inzwischen sind viele, na ja, einige Leute ohne Sauerstoff raufgestiegen. Der Everest ist mehr oder weniger die Grenze, viel höher ging`s nicht mehr. Und man muss sich vorstellen, dass es dann unendlich langsam wird, weil wir nur noch ein, zwei Schritte machen können und dann brauchen wir viele viele Atemzüge, hyperventilieren da oben. Und wenn man ohne Maske steigt, dann fährt diese ganz kalte Luft – minus 40 Grad hatten wir am Gipfel – in die Lungen und das tut auch weh. Also wenn junge Leute heute sagen, weil es Mode ist, auf die Frage warum? Weil es Spaß macht! Dann muss ich nur lächeln, es macht nicht Spaß!“ MUSIK 5  Disturbing factors    0‘37 Sprecherin:    Die Höhenkrankheit resultiert aus einer Hypoxie, also der Minderversorgung des Körpers oder einzelner Körperteile bzw. Organe mit Sauerstoff. Gemessen wird das durch den Sauerstoff-Partialdruck pO2 im Blut. Oftmals sind Extremitäten-Arterien beeinträchtigt, sie können komplett verschließen, Beine oder Arme können dadurch absterben. Leidet der gesamte Organismus unter Sauerstoffmangel, dann sprechen Mediziner von einer Anoxie. Sprecher: Ob und wie stark ein Mensch auf eine Hypoxie reagiert, hängt von seinen Genen ab. Professor Dr. Simon Schäfer vom Klinikum der Universität München in Großhadern forscht seit Jahren über die genbedingte Hypoxie-Toleranz:      Zusp. 10 Veranlagung: „Zunächst muss man wissen, dass sich der menschliche Körper den Luxus leistet, permanent für das Auftreten eines Sauerstoffmangels vorbereitet zu sein. Unser Körper, jede einzelne Zelle, produziert rund um die Uhr Substanzen nur für den Fall des Sauerstoffmangels. Aber wie stark das ist, das ist von Person zu Person unterschiedlich. Das heißt, es gibt genetische Varianten, Veranlagungen, die dazu führen, dass dieses System, das uns bei Sauerstoffmangel hilft, unterschiedlich stark ausgeprägt ist.“  Sprecherin: Die Wissenschaftler sprechen von der „hypoxisch-inflammatorischen Gen-Regulation“. Dabei untersuchen sie, wie sich der Körper an Sauerstoffmangel anpassen und damit verbundene Entzündungserkrankungen bekämpfen kann.  Sprecher: Eine erstaunliche Erkenntnis von Professor Schäfer und seinem Team: nicht nur bei Bewohnern von Höhenlagen wie in Peru oder in Nepal gibt es gute genetische Bedingungen für eine entsprechende Adaptierung, sondern auch bei uns: Zusp. 11 Sherpas: „Ein relevanter Anteil der Bevölkerung in Europa hat auch diese genetischen Varianten, die wir von den Sherpas her kennen und die den Sherpas helfen, eben in großer Höhe sportliche Leistungen erbringen zu können. Und je nachdem, ob eine Person eine oder mehrere dieser genetischen Varianten hat, ermöglicht es auch uns Europäern, besser einen akuten Sauerstoffmangel zu tolerieren.“ Sprecherin: Das heißt vereinfacht: unsere Gene sagen unseren Organen, vor allem der Lunge, wie sie mit Sauerstoffmangel umgehen sollen: Zusp. 12 Ödem: „Eine klassische Komplikation des Höhenbergsteigens ist das Lungenödem, d.h. das Versagen der Lunge. Das entsteht dadurch, dass sich die Lungengefäße ganz stark zusammenziehen und dann Wasser in die Lunge austritt und der Bergsteiger eben nicht mehr atmen kann. Wenn nur ein klein wenig, eine einzelne Stelle der Erbinformation so oder so ausfällt, dann funktioniert die Substanz, das Protein, das dazu führt, dass sich die Gefäße in der Lunge zusammenziehen, sehr stark oder weniger stark. Und das führt am Ende dazu, ob jemand in der Höhe Atemprobleme bekommt oder nicht.“ ATMO 3 Hypoxie   0‘52   Sprecherin: Mit einem speziellen Hypoxie-Training kann man auch im Flachland seine genetischen Voraussetzungen etwas verbessern: Zusp. 13 Hypoxie: „Hypoxietraining beruht auf dem Höhentraining, das man so kennt von den Profis, die ins Höhentrainingslager fahren. Das Hypoxietraining bei uns sieht so aus, dass man in simulierter Höhe trainiert.“ Sprecher: Flavio Mannhardt ist Sportwissenschaftler und betreibt in München das Hypoxicum, ein Fitness-und Gesundheits-Studio, das auf Höhentraining spezialisiert ist. Hier, auf rund 500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, beträgt der Anteil an Sauerstoff in der Luft etwa 21 Prozent. In 2500 Metern Höhe liegt der Wert bei 15,5 Prozent. Zusp. 14 Höhenraum: „Wir sind auf 500 Meter München, aber die Kunden sind gerade z.B. auf 2500 Metern. Das Ganze kann man durch sogenannte normobare Hypoxie möglich machen. Was heißt normobare Hypoxie? Wir verändern den Sauerstoffgehalt da drin. Am Berg ist es ja so, dass man hypobare Hypoxie hat, d.h. dass sich der Luftdruck da verändert, ein geringerer Luftdruck bedeutet, dass wir auch einen geringeren Sauerstoff-Partialdruck haben und dadurch kommt weniger Sauerstoff in der Lunge an. Und das simulieren wir im Höhenraum.“ Zusp. 15 Sensor: „In dem Raum befindet sich ein Sensor, der misst die Gase darin, vor allem den Sauerstoffgehalt und das passiert dann ganz automatisch, er reguliert die Höhe, indem er eine von einem Generator produzierte Höhenluft in den Raum speist. Das ist ein Riesengenerator. Der entzieht der normalen Luft diesen Sauerstoff und wir geben z.B. ein 2500 Meter, dann weiß der ganz genau: ich darf nur noch 15,5 Prozent Sauerstoff in diesen Raum lassen.“ ATMO 4 Laufband    0‘25  Sprecher: Das Studio besteht aus mehreren Kammern, in denen Laufbänder und Fitnessräder stehen. Die kleinen Räume sind luftdicht verschlossen, so dass die gewünschten Höhen-Einstellungen konserviert werden. Auf einem der Laufbänder trainiert die Hobby-Triathletin Britta. Die Raumluft entspricht gerade einer Höhe von...  Zusp. 16 Triathletin: „2500…um mich für einen Triathlon vorzubereiten, Mitteldistanz…also ich finde, die Ausdauerleistung steigt enorm. Es ist natürlich sehr anstrengend, wenn man sich vorstellt, dass das eine Abkürzung ist, was Viele meinen – das ist es nicht! Sondern es ist wirklich wahnsinnig anstrengend, hier zu trainieren, aber man hat echt den Vorteil, also man wird nicht schneller im Training, aber ausdauernder.“ ATMO 5 Laufband     0‘3 Zusp. 17 entspannter: „Also es ist eine Anpassungssache, die Adaption braucht ungefähr 48 Stunden, habe ich immer so den Eindruck. Am Tag danach, wenn es ein richtig heftiges Training war, hat man teilweise ein bisschen Konzentrationsstörung, am Anfang, hinterher vermindert sich das. Und ansonsten kann man besser schlafen meiner Meinung nach, man fühlt sich entspannter.“ ATMO 5 Laufband     0‘14 Sprecherin: Regelmäßige Bewegung in der Unterdruck-Kammer, das kann auch nur im lockeren Walking-Tempo sein, schult den Organismus im Umgang mit weniger Sauerstoff, was Sportwissenschaftler wie Flavio Mannhardt als Superkompensation bezeichnen: Zusp. 18 Superkompensation: „Unsere Zellen sind darauf programmiert, mit ca. 21 Prozent Sauerstoff zu arbeiten. Sie bekommen jetzt aber nur noch 15,5 Prozent. Und dieser Reiz bringt den Körper dann zu einer sogenannten Superkompensation. Im Höhentraining nennt sich das eine Adaption oder eine Akklimatisierung, wenn man das über einen längeren Zeitraum macht.“ Sprecher: Damit der Trainingsaufwand auch die gewünschten Effekte erzielt, werden die Sauerstoff-Werte der Trainierenden laufend überprüft: Zusp. 19 Kontrolle: „Das Ganze misst man mit einem sogenannten Pulsoximeter am Finger. Wir kontrollieren dann, ob wir noch im grünen Bereich sind und vor allem, ob wir in einem effektiven Bereich sind. Da gibt`s Sauerstoff-Sättigungen im Blut, die optimal sind für Höhentraining und wenn das der Fall ist, dann wissen wir, ok, das Training ist gerade effektiv.“ MUSIK 6   Network access   1‘23 Sprecher: Ein Hypoxie-Trainingsblock geht über fünf Wochen und zwei Stufen Zusp. 20 erste Stufe: „Die erste Stufe, das ist eine Verbesserung des cardiovaskulären Systems nach ca. zwei bis drei Wochen Höhentraining. Was passiert da vor allem? Das Herz-Minuten-Volumen vergrößert sich, d.h. unser Herz kann zur selben Zeit mehr Blut durch den Körper pumpen. Es kommt zu einer sogenannten Vasodilatation, die Blutgefäße weiten sich, hier passt dann auch mehr Blut durch. Und es kommt zu einer Kapillarisierung, vor allem in der Muskulatur, also es entstehen neue Blutgefäße, die den Muskel ausreichend mit Sauerstoff versorgen, aber auch mit Nährstoffen. Auch eine Regeneration ist dann schneller.“ MUSIK 6 kurz hochziehen Zusp. 21 zweite Stufe: „Und die zweite Stufe, die kann man so nach vier bis fünf Wochen Training erwarten. Und zwar schüttet der Körper dann vermehrt ein bestimmtes Hormon aus, das kennen die meisten vom Doping: Erythropoetin, kurz EPO. Und wenn wir mehr EPO im Blut haben, dann bildet der Körper mehr rote Blutkörperchen. Und die transportieren den Sauerstoff durch das Blut, unser Blut kann mehr Sauerstoff aufnehmen und das ist dann der push, der boost, wie wir es nennen, den man dann wirklich spürt nach vier bis fünf Wochen Training.“ Sprecherin: Neben dem subjektiven Gefühl vieler Sportler belegen auch wissenschaftliche Studien den Sinn eines Hypoxie-Trainings, wie Professor Schäfer von der Münchner Uniklinik bestätigt: Zusp. 22 Daten: „Es gibt Daten dazu, dass der Gipfelerfolg verbessert wird, es gibt Daten dazu, dass der Kreislauf, der Sauerstoffabfall im Blut trainiert werden kann. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Höhentraining aus verschiedenen Gründen hilfreich ist für Personen, die in die Höhe wollen. Man gewöhnt sich daran, wie man sich in der Höhe bewegt, wie man in der Höhe atmen muss. Und der Körper erinnert, wie es sich in der Höhe anfühlt.“ ATMO 3 nochmal      0‘29  Sprecherin: Mittlerweile gibt es auch „Hypoxie-Training to go“. Weil selbst das Schlafen in simulierter Höhe die Adaption verbessert, legen sich Höhensportler nachts in ein Höhenzelt, trainieren aber im Flachland, nach der bewährten Methode „sleep high, train low“, also in der Höhe schlafen, in niedrigen Lagen trainieren.  Zusp. 23 Schlafzelt: „Also ich habe ein Zelt, mein Partner ist zum Glück auch dabei und der schläft auch mit im Zelt, d.h. wir haben auf unserer Matratze dieses Höhenzelt draufstehen, mit Generator angeschlossen, da haben wir mittlerweile unseren eigenen zuhause, und dann schlafen wir einfach ein paar Wochen da drinnen.“ MUSIK  7    Production process (red.) 0‘50 Sprecher: Eva-Maria Sperger ist eine der weltbesten Ultratrail-Läuferinnen und arbeitet in München als Psychologin sowie Psycho-Therapeutin.  Zusp.  24 Monterosa: „Das Monterosa Skyrace, was ein Wettkampf ist, der bis auf 4500 Höhenmeter hochgeht, also richtig über den Gletscher und dafür war es ganz besonders wichtig, sich mit dem Höhentraining darauf vorzubereiten. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, dann wäre der Wettkampf sicher gar nicht möglich gewesen, dass man sich so schnell am Gletscher bewegt. Auch im Nachhinein hat mir der Wettkampf überhaupt nicht viel ausgemacht.“ MUSIK 7 hochziehen Zusp. 28 Eva-Maria: „Vor den Wettkämpfen war es so, dass ich eine Kombination gemacht habe, dass ich immer wieder im Hypoxicum in der Höhenkammer trainiert habe, auf dem Fahrrad oder auch auf dem Laufband, dass ich dann Passiv-Training gemacht habe, was so viel heißt, dass man sich künstlich auf eine Höhe von vielleicht 5500 Höhenmeter begibt und dann immer wieder in Fünf-Minuten-Intervallen auf dieser Höhe ist und beides kombiniert.“ MUSIK 8  New beginning   0‘19 Sprecherin: Aber nicht nur Sportler, sondern auch Patienten profitieren von Hypoxie-Training, wie Sportwissenschaftler Flavio Mannhardt erklärt. Die „dünne Luft“ fördert Leistung bzw. die Erneuerung der mikroskopisch kleinen Kraftwerke des Menschen, der Mitochondrien: Zusp. 29 Mitochondrien:  „Mitochondrien sind u.a. auch zuständig für einen guten Fettstoffwechsel, der Grundumsatz erhöht sich dadurch, die Leute können mehr essen ohne zuzunehmen. Der kalorische Verbrauch in der Höhe ist höher, das Hormon Leptin spielt auch eine Rolle. Leptin ist ein Appetitzügler, es kommen Kunden, die haben Heißhungerattacken, die versuchen es, damit zu zügeln. Und Höhentraining hat auch eine diuretische Wirkung: es gibt Menschen, die haben viele Wassereinlagerungen und durch diese diuretische Wirkung versuchen wir, Giftstoffe, Wassereinlagerungen auszuspülen.“ Sprecherin: Der Hypoxie-Experte Mannhardt empfiehlt die Therapie auch für die Regeneration nach Verletzungen und aufgrund seiner Wirkungen auf gewisse Hormone auch für psychische Beschwerden: Zusp. 30 Gesundheit:  „Man weiß, dass Höhenluft glücklich macht, Dopamine werden vermehrt ausgeschüttet. Wir haben manchmal Patienten da, die von Ärzten geschickt werden, die z.B. Depressionen haben, keine Lust mehr haben, harte Medikamente zu nehmen. Dann haben wir auch – die meisten denken da gar nicht daran – aber es gibt ein Hormon, das heißt Melatonin, das ist unser Schlafhormon, wir haben auch Leute da, die Probleme haben mit Schlaf, und diese erhöhte Melatoninproduktion, die ist auch wissenschaftlich erweisen.“ Sprecherin: Von einer Wunderwaffe im Kampf gegen typische Zivilisationskrankheiten zu sprechen, ist sicher überzogen. Aber auch Professor Schäfer, der in Großhadern über Hypoxie forscht, ist von den Vorteilen überzeugt:  Zusp. 31 Krankheiten: „Es gibt gute Daten, dass Personen, die zuckerkrank sind, unter Hypoxietraining diese Erkrankung verringern oder den Fortschritt der Erkrankung aufhalten können. Man muss es sich so vorstellen, dass dies hypoxisch inflammatorischen Gene Tausende unterschiedliche Substanzen, Mechanismen ein-und ausschalten können. Und deswegen ein kontinuierliches Training unter Sauerstoffmangel Einfluss auf verschiedene chronische Erkrankungen haben kann. Zuckerkrankheit, Übergewicht oder Bluthochdruck.“ MUSIK 9  C1589890106 Delicate information (red.)   0‘38  Sprecher: Egal ob Patient, Athlet: oder Wanderer: Luftveränderung, also Sauerstoff-Veränderung tut gut. Die dünne Luft kann für den menschlichen Organismus wie eine Frischzellenkur wirken. In gemäßigter Höhe wie hier in den Hohen Tauern kommt zum Jungbrunnen dann noch das Gipfelglück dazu: Zusp. 4 Tauern gesamt: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter! – heroben auf 3000 Meter zu sein ist ein tolles Gefühl. 
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Jan 8, 2024 • 23min

Marco Polo - Der Abenteurer und sein Mythos

Sagenhafte Reichtümer, weise Herrscher, seltsame Bräuche. Marco Polos Bericht von seiner Asienreise macht ihn zum bis heute berühmten Abenteurer. Doch was davon ist wahr, und wer war der Mann hinter dem Mythos? Autor: Niklas Nau (BR 2018)Credits Autor dieser Folge: Niklas Nau Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Wilkening, Christian Schulzer Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Marina Münkler (Professor; Technische Universität Dresden) Heute vor 700 Jahren starb der venezianische Kaufmann und Asienreisende Marco Polo.Einen weiteren hörenswerten Beitrag gibt es hier:8.1.1324: Todestag Marco Polo | Bremen Eins | Der Stichtag – Die Chronik der ARDJETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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