

Eigentlich Podcast
Micz & Flo
Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie
Episodes
Mentioned books

Jan 30, 2025 • 1h 18min
EGL070 Was ist eigentlich Systemische Therapie?
"Ein erster Schritt zur Systembildung besteht - für psychische Systeme ebenso wie für soziale Systeme - in der Reduktion auf Handlung." Niklas Luhmann in: Systemtheorie der Gesellschaft
Die systemische Therapie wird erst seit einigen Jahren als Psychotherapiemethode von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. In dieser Episode befassen wir uns mit den systemischen Ansätzen dieser Therapie und beleuchten, wie sie sich von anderen Therapieformen unterscheidet. Wir reden während des Gehens und stellen dabei exemplarisch einige typische Interventionen vor, erklären das Setting des Reflecting Teams und diskutieren, warum es für die Community der systemisch arbeitenden Therapeut:innen, Coaches und Supervisor:innen eine Herausforderung war, plötzlich Diagnosen stellen zu müssen und von Störungen zu sprechen. Die Geschichte der systemischen Therapie ist eng mit einem Paradigmenwechsel in der Psychotherapie verbunden. Sie führte weg von der rein individuellen Betrachtung psychischer Probleme hin zu einem Fokus auf soziale Kontexte und Beziehungen. Was einst als revolutionäre Idee begann, gilt heute für viele als unverzichtbarer Bestandteil der psychotherapeutischen Arbeit. Besonders die Erkenntnis, dass psychische Probleme oft in einem systemischen Zusammenhang stehen, hat dazu beigetragen, die Relevanz und Wirksamkeit dieses Ansatzes wissenschaftlich zu untermauern. Die systemische Therapie wurde 2018 für Erwachsene und 2024 für Kinder und Jugendliche in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Die inzwischen 70 Jahre alte Therapieform hat diesen Weg in den letzten 20 Jahren in einem Umfeld beschreiten müssen, das von den etablierten "Platzhirschen" – Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Psychoanalyse – dominiert wurde.
Shownotes
Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg
Systemische Therapie: neues Psychotherapie-Verfahren für Erwachsene, In: E-Magazin des GKV-Spitzenverbandes
Die Luhmannsche Systemtheorie
Münchhausen-Stellvertretersyndrom / MSBP Munchausen syndrome by proxy
Psychodynamische Behandlung von Zwangsstörungen (Leichsenring, Steinert, Weiß)
MiniMax-Interventionen von Manfred Prior
Zirkuläres Fragen, PDF Download
Reflecting Team, PDF Download
Diagnostik in der Systemischen Therapie, Hunger-Schoppe, C., Braus, N. (2024), Springer, https://doi.org/10.1007/978-3-662-64728-8_8
Mitwirkende
Anja Ulrich
Micz Flor
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Micz holt Anja Ulrich in ihrer Praxis in Berlin Charlottenburg ab, deren Hausnummer sich zauberhafterweise mit der Nummer dieser Episode deckt. Zufall? Anja Ulrich ist niedergelassene psychologische Psychotherapeutin für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie für Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Aktuell befindet sie sich in der zusatzweiterbildung für die Analytische Psychotherapie. Schon 2008 machte sie die Weiterbildung in „Systemische Therapie und Beratung“ bei der Systemischen Gesellschaft in Berlin. Seit 2012 ist sie außerdem zertifizierte Fachberaterin für Psychotraumatologie und seit 2013 Mediatorin mit dem Schwerpunkt Familienmediation. Sie ist also seit über 15 Jahren mit systemischem Denken vertraut und als systemische Therapeutin zertifiziert.
Die Tour führt uns durch Charlottenburg, beginnend mit dem Walter-Benjamin-Platz und dem Point of (no) Return in der Damaschkestraße vor den Räumen der oben genannten Systemischen Gesellschaft.
Im Gespräch suchen und versuchen wir die Systemische Therapie zu beschreiben, auch in Abgrenzung zu anderen Verfahren. Wir beleuchten dabei konkrete Interventionen, wie das Zirkuläre Fragen, Parts Party, Reflecting Team oder Familienaufstellungen. Anfang und Ende bildet eine abstraktere Frage, die sich einige Therapierichtungen immer wieder einmal stellen: lässt sich so etwas individuelles wie Psychotherapie in Manuale pressen, die dann Gegenstand von Evidenzforschung sein können? Oder anders formuliert: welche Wirksamkeit der Psychotherapie fällt vom Tisch der Forschung, wenn man auf statistische Verfahren setzt, die auf Mittelwerte und Standardabweichung begründet sind? Umsomehr, wenn sich in besagter Evidenzforschung zeigt, dass schulenübegreifend die „therapeutische Allianz“, also die erlebte Qualität der Arbeitsbeziehung in der Psychotherapie, fast 40% der Erfolgswahrscheinlichkeit einer Psychotherapie begründet.
Auf dem Rückweg streifen wir auch die Deutsche Akademie für Psychoanalyse in der Kantstraße, vor deren Toren wir uns versprechen auch darüber noch mal zu sprechen. Laufend. Selbstredend.

Jan 16, 2025 • 1h 16min
EGL069 Roadmovies II: Zabriskie Point
ZABRISKIE POINT: THIS IS AN AREA OF ANCIENT LAKE BEDS DEPOSITED FIVE TO TEN MILLION YEARS AGO. THESE BEDS HAVE BEEN TILTED AND PUSHED UPWAR BY EARTH FORCES, AND ERODED BY WIND AND WATER.
Wir setzen unsere Reihe über Roadmovies fort und Flo präsentiert "Zabriskie Point" von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1970. Doch zunächst erinnern wir uns an die grundlegenden Merkmale von Roadmovies, die wir auch in der letzten Episode behandelt haben: die episodische Erzählweise, die zahlreichen Stationen, die oft motorisierte Fortbewegung und vor allem die innere und äußere Reise der Figuren. Der Film "Zabriskie Point" erfüllt diese Merkmale und kann gleichzeitig als Teil der New-Hollywood-Bewegung gesehen werden. Flo betont, dass Antonionis Werk nicht nur ästhetisch beeindruckend ist, sondern auch eine komplexe politische Botschaft transportiert, die im Kontext der amerikanischen Gesellschaft der 1970er Jahre verankert ist. Als Vertreter der italienischen Nouvelle Vague entwickelt Antonioni in diesem Werk seine kontemplative Filmsprache weiter. Bereits Anfang der 1960er Jahre verwendet Antonioni in einer Trilogie über die Missstände der Moderne das Konzept der "Temps mort": Momente im Film, in denen scheinbar "nichts passiert", die Kamera nach dem Abgang der Figuren verweilt und leere Bildräume ohne narrative Funktion eingefangen werden. Mit diesen Mitteln ästhetisiert er die zwischenmenschlichen Entfremdungen der Bourgeoisie. "Zabriskie Point" beginnt mit einer aufgeregten Studentenversammlung, in der die Themen Rassismus, Identität und Widerstand unter den Aktivisten diskutiert werden. Mark, der Protagonist, wird aus dieser politischen Konfrontation in eine persönliche Reise gedrängt, die ihn schließlich mit dem Flugzeug in die Weiten der Wüste führt. Daria, eine weitere Hauptfigur, symbolisiert die Suche nach Freiheit in einem kapitalistischen System. Die beiden Figuren treffen sich am Zabriskie Point und gehen in der Wüste eine tiefe geistige und körperliche Verbindung ein. In spielerischer Leichtigkeit, getragen vor allem von seinen Hauptfiguren, zeigt Antonioni mit ästhetischer Wucht den Aufbruch einer neuen Generation gegen das Establishment. Am "totesten" Punkt der Erde, in der Wüste des Death Valley, entwickelt sich aus der Liebesgeschichte zwischen Daria und Mark eine explosive Kraft, die den territorialen Schlund des Kapitalismus sprengt. Der politische Widerstand wird als ästhetische Revolte gelebt. Ganz getragen von dieser explosiven Kraft des Films sind wir an der Ostkrone angekommen und sprechen am Rande der Autobahn A113 über Fossilismus und Petromaskulinität. Micz fragt sich, ob das Ende des Verbrennungsmotors auch das Ende des Genres Roadmovie bedeutet. Flo kann dem nicht ganz zustimmen, denn für ihn steht das Roadmovie vor allem für die Reise der Charaktere. Unter der Autobahnbrücke gegenüber von Holz-Possling endet auch unsere Episode mit dem Kommentar von Micz, dass er sich wohl den Film „vermaledeiterweise“ erst nach unserer Episode anschauen wird.
Shownotes
Links zur Laufstrecke
EGL069 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
Michelangelo Antonioni – Wikipedia
Zabriskie Point (Film) – Wikipedia
Road movie - Wikipedia
Easy Rider - Wikipedia
Nouvelle Vague – Wikipedia
Pier Paolo Pasolini – Wikipedia
Teorema – Geometrie der Liebe – Wikipedia
Jean-Luc Godard – Wikipedia
Die mit der Liebe spielen – Wikipedia
Die Nacht (1961) – Wikipedia
Liebe 1962 – Wikipedia
Amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts (Ausstellung) – Wikipedia
Monica Vitti – Wikipedia
Jeanne Moreau – Wikipedia
Marcello Mastroianni – Wikipedia
Alain Delon – Wikipedia
Jack Nicholson – Wikipedia
Rote Wüste – Wikipedia
Blow Up – Wikipedia
Beruf: Reporter – Wikipedia
Kontemplation – Wikipedia
Andrei Arsenjewitsch Tarkowski – Wikipedia
Slow cinema - Wikipedia
Cadrage (Film) – Wikipedia
Metro-Goldwyn-Mayer – Wikipedia
Kathleen Cleaver - Wikipedia
Black Panther Party – Wikipedia
Death-Valley-Nationalpark – Wikipedia
Bruce Goff – Wikipedia
Goff in der Wüste Regie: Heinz Emigholz | Filmgalerie 451
Apocalypse Now – Wikipedia
PDF-Download: The Art Cinema as a Mode of Film Practice
Antonioni: „Zabriskie Point“ und die Kritik der Zeit - FIRSTonline
Filmzentrale Rezension 1 (archive.org) Zabriskie Point
Filmzentrale Rezension 2 (archive.org) Zabriskie Point
Filmzentrale Rezension 3 (archive.org) Zabriskie Point
Medien Kunst Netz | Kunst und Kinematografie | Wüsten des Politischen
A Thousand Plateaus - Wikipedia
Furiosa: A Mad Max Saga – Wikipedia
Petromaskulinität – Wikipedia
Jacques Tati – Wikipedia
Mitwirkende
Florian Clauß
(Erzähler)
Bluesky
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In Antonionis Œuvre manifestiert sich eine cineastische Exploration der Implikationen von Isolation und der persistenten Diskrepanz zwischen Mensch, Gesellschaft und Raum. Seine Werke thematisieren existenzielle Leere, Kommunikationslosigkeit und das psychologische Vakuum des modernen Menschen, ohne dabei auf laute Konflikte oder dramatische Höhepunkte zurückzugreifen. Stattdessen setzt er auf stille, langsame Szenen, die durch seine charakteristische Technik des Temps mort eingefangen werden. Obwohl in diesen narrativen Pausen scheinbar „nichts“ geschieht, beladen sie den Film mit Atmosphäre und symbolischer Kraft. Durch diese Bildgestaltung erhebt Antonioni Architektur, Landschaften oder leere Räume zu eigentlichen Protagonisten seiner Filme. Moderne Gebäude und karge, unberührte Orte werden zu Spiegeln der emotionalen Isolation seiner Figuren. Nicht selten verweilt die Kamera nach einer Handlungsszene noch einige Zeit auf einem leeren Raum, als würden die zurückgelassenen Orte die Bedeutung der Figuren weitertragen. In Il Deserto Rosso (1964) ist es die farblich verfremdete Industrielandschaft, die die psychische Zerrüttung der Protagonistin reflektiert, während in Blow-Up die brüchige Grenze zwischen Wahrnehmung und Realität erkundet wird, wobei das urbane London zur Bühne für innere Konflikte wird. Diese Motive finden auch Eingang in Zabriskie Point. Anstatt sich jedoch der europäisch-modernen Gesellschaft zuzuwenden, fokussiert sich Antonioni in diesem Fall auf Amerika – ein Land voller Kontraste zwischen Konsumrausch und Protestbewegungen, Freiheit und Repression, urbaner Hochtechnologie und scheinbar endlosen Wüstenlandschaften.
Das 1970 erschienene Werk „Zabriskie Point“ erfüllt die wesentliche Merkmale des Roadmovies: Die Reise bildet den zentralen Fokus, die Handlung entfaltet sich episodenhaft vorwiegend in der Weite der Landschaft und elementare Themen wie Flucht und die Suche nach Freiheit finden Ausdruck. Die Protagonisten Mark (gespielt vom Laien-Schauspieler Mark Frechette) und Daria (Daria Halprin) führen den Zuschauer auf parallelen Geschichten durch das Kalifornien der späten 1960er-Jahre. Der Film beginnt inmitten der Studentenbewegung: In einer lebhaften Diskussion an einer kalifornischen Universität, in der sogar Black-Panther-Mitglied Kathleen Cleaver eine Rolle innehat, werden Proteststrategien gegen das Establishment erörtert. Mark, der bereits desillusioniert ist, verlässt frustriert die Versammlung. Er ist gewillt zu kämpfen, jedoch nicht gewillt, die ideologische Leere zu tolerieren. In der Folge flieht er vor der Polizei, nachdem bei einer Demonstration ein Polizist erschossen wurde, und nimmt sich spontan ein Flugzeug, um in die Wüste zu entkommen. Daria verfolgt derweil einen gänzlich anderen Weg. Sie ist für einen Immobilienentwickler tätig, der skrupellos agiert und dessen nächstes Projekt die Ausbeutung der Wohlhabenden in der Wüste sein wird. Auf ihrer Fahrt durch die Mojave-Wüste gerät sie in surreale Begegnungen: Sie trifft auf verwahrloste Kinder, die von einem gescheiterten Meditations-Guru zurückgelassen wurden, und hält schließlich am mythologischen Zabriskie Point, wo sich die Schicksale von Mark und Daria kreuzen.
In Antonionis Werk nimmt die Wüste eine besondere Stellung ein. Der gewaltige Raum des Death Valleys steht in einem Gegensatz zur hektischen, kapitalistisch durchdrungenen Welt der Städte. In dieser Abgeschiedenheit können Mark und Daria dem Lärm der Zivilisation entkommen und für einen Moment die Freiheit des absoluten Ortes erfahren. In der legendären Liebesszene in der Wüste vereinen sich die beiden Protagonisten im Sand, und plötzlich erscheinen zahllose weitere Paare, die sich zu einer halluzinatorischen Massenorgie inmitten der weiten, zeitlosen Landschaft verbinden. Die Verschmelzung von Sand, Körpern und Himmel in dieser Sequenz symbolisiert die Sehnsucht nach kollektiver, utopischer Freiheit.
Die finale Explosionssequenz stellt Antonionis radikalste Kritik am Kapitalismus dar. Als Daria in der palastartigen Wüstenvilla ihres Arbeitgebers ankommt – komplett mit einem grotesk in der Wüste platzierten Swimmingpool – erreicht ihre Desillusionierung ihren Höhepunkt. In ihrer Imagination zerstört sie das Gebäude in einer atemberaubenden Explosion, die in exquisiter Zeitlupe gezeigt wird. Diese Sequenz stellt einen unvergesslichen Angriff auf die Symbole des Konsumismus dar, indem sie Fernseher, Bücher, Kleider- und Kühlschränke mit sämtlichen Inhalten durch die Luft katapultiert und in operatischer Schönheit zerbersten lässt. Antonioni lässt den Zuschauer an der Vernichtung des modernen Überflusses zu ergötzen.
Als „Zabriskie Point“ erschien, wurde er in den USA vernichtend kritisiert, als anti-amerikanisch und zu abstrakt abgetan. Mit dem Abstand der Jahrzehnte ist seine subversive Kraft jedoch deutlicher geworden und resoniert mit zeitgenössischer Kritik an Kapitalismus, ökologischer Zerstörung und sozialer Ungleichheit.In einer Ära des Klimawandels und globaler Proteste gegen systemische Ungerechtigkeit wirken die Themen des 50 Jahare alten Films geradezu prophetisch. Antonionis Vision der Wüste – als Ort des Widerstands und der Wiedergeburt – bietet eine kraftvolle Metapher für gesellschaftliche Erneuerung. Darias imaginierte Explosion wird nicht nur zur Ablehnung, sondern auch zu einem Akt der Hoffnung: dass aus den Trümmern etwas Besseres entstehen könnte. Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ kann als ein Zeugnis für die andauernde Kraft des Kinos gesehen werden, als ein Werkzeug für Kritik und Selbstreflexion.

Jan 2, 2025 • 1h 20min
EGL068 Auch interessant auf dem 38c3
Congress-Walk mit Ali Hackalife
In dieser Folge trifft Flo den Programmierer, Künstler und Podcaster Ali Hackalife auf dem 38c3 in Hamburg. Der Chaos Communication Congress findet vom 27.12. bis 30.12. im Congress Center Hamburg (CCH) statt. Ali ist auch 2024 wieder dabei und Flo nutzt die Gelegenheit, um mit ihm eine Episode aufzunehmen. Ali produziert seit gut einem Jahr den Podcast "Auch interessant" und präsentiert darin eine große Themenvielfalt. Mit verschiedenen Gästen nimmt er Sendungen über Pilze, Segelfliegen, Hitlers Drogenkonsum, wie man einen Wingsuit fliegt, verschiedene Literaturrezensionen, Neuigkeiten aus der Tech-Welt und vieles mehr auf. Bevor wir "Reden beim Laufen", sitzen wir im 3. Stock des Kongresszentrums und sprechen über die Entwicklung der Kongresse in den letzten 10 Jahren. Ali erzählt, wie er zum Chaos kam und was er auf den Kongressen alles getrieben hat. Wir sprechen auch über einzelne Sendungen von "Auch interessant", die Flo besonders bemerkenswert fand. Darunter das Interview mit Norman Ohler, der in seinem Buch "Der totale Rausch" über die Rolle der Drogen im Dritten Reich und in der Biografie Hitlers berichtet. Dann verlassen wir den 38c3, um getreu dem Prinzip des Eigentlich Podcasts laufend zu reden und bewegen uns zum Alsterufer. Das eigentliche Thema soll Kochen sein und wir tauchen ein wenig in die Frühgeschichte des Menschen ein, um die evolutionäre und kulturgeschichtliche Rolle des Kochens zu beleuchten. Der Homo sapiens mit seinem hohen Kalorienverbrauch war auf gekochte Mahlzeiten angewiesen und soll auch zum Aussterben des Neandertalers beigetragen haben. Zurück in der Jetztzeit erzählt uns Ali von seiner Sehbehinderung und wie er "Kochen ohne Gucken" kann. Als wir wieder vor dem CCH stehen, stellt Ali fest, dass er keine der Notizen, die er sich vorher gemacht hat, angesprochen hat. Wir beenden die Folge mit der Aussicht, bei der nächsten Chaos-Veranstaltung eine neue Folge aufzunehmen. Viel Spaß beim Hören.
Shownotes
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EGL068 | Wanderung | Komoot
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Benutzer:Ali Hackalife – Wikipedia
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Jugend hackt – Wikipedia
Querschläger (ricochet) - HackDash
Berlin 2015 – Jugend hackt
https://media.ccc.de/b/congress/2015
Politikunterricht – WRINT: Wer redet ist nicht tot
Willkommen - CERT - Chaos Emergency Response Team
Social Engineering (Sicherheit) – Wikipedia
1 Jahr – Statistiken, Geld und Transparenz | auch-interessant.de
Norman Ohler – Wikipedia
Joe Rogan Experience #2183 - Norman Ohler
Diogenes Verlag - Der Zauberberg, die ganze Geschichte
Der totale Rausch - Norman Ohler | Kiepenheuer & Witsch
Oxytocin – Wikipedia
Theo Morell – Wikipedia
Werner Heisenberg – Wikipedia
Traudl Junge – Wikipedia
Hotboxing – Wikipedia
Kapitel 1 - Die Bibel - song by Martin Luther, Rufus Beck | Spotify
Habakuk – Wikipedia
diplom designer malik aziz
Freak Show | Menschen! Technik! Sensationen!
Pilze mit Norman Glatzer | auch-interessant.de
Wingsuit fliegen mit Kalle | auch-interessant.de
Mission Kartoffel, Denkgeschwindigkeit, Tunnel | auch-interessant.de
Das Technikjahr 2024 [Live vom 38c3] mit Dr. Michael Seemann | auch-interessant.de
Gärtnern mit Felix Wilming (Felix Hobby Garten) | auch-interessant.de
Felix Hobby Garten
Igel-Stachelbart – Wikipedia
Der stärkste Stoff - Norman Ohler | Kiepenheuer & Witsch
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Die Ernährungspyramide- BZfE
Der Ernährungskompass › Bas Kast
Apokryphen – Wikipedia
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Ali Hackalife
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Alis Bücherliste
Ohler, N. (2015) Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich. Berlin: Kiepenheuer & Witsch. (Hinweis: Dieses Buch ist auch unter dem Titel Blitzed: Drugs in the Third Reich in englischer Übersetzung erschienen.)
Ohler, N. (2023) Tripped: Wie LSD die Welt verändert hat. Berlin: Kiepenheuer & Witsch.
Kast, B. (2018) Der Ernährungskompass: Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung. München: C. Bertelsmann Verlag.
Graeber, D. und Wengrow, D. (2021) The Dawn of Everything: A New History of Humanity. London: Allen Lane.
Sheldrake, M. (2020) Entangled Life: How Fungi Make Our Worlds, Change Our Minds and Shape Our Futures. London: Bodley Head.
Tsing, A.L. (2015) The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins. Princeton, NJ: Princeton University Press.
Die Evolution des Kochens: Von heißen Quellen zur molekularen Küche
Das Kochen ist eine der ältesten und wichtigsten Kulturtechniken der Menschheit. Neue archäologische Funde verändern jedoch unser Verständnis der Anfänge dieser fundamentalen kulturellen Praxis. Während bislang die Kontrolle des Feuers als Ausgangspunkt des Kochens galt, deuten Funde in der Olduvai-Schlucht in Tansania darauf hin, dass bereits vor 1,7 Millionen Jahren die Nutzung heißer Quellen zur Nahrungszubereitung erfolgte. Diese Phase wird in der Wissenschaft als „prefire stage of human evolution“ bezeichnet. Der bisher früheste direkte Beweis für das Kochen stammt aus der Fundstätte Gesher Benot Ya’aqov in Israel, wo Überreste von gekochtem Fisch entdeckt wurden, die etwa 780.000 Jahre alt sind. Diese wurden durch kontrolliertes Erhitzen zubereitet, und nicht, wie man bis dahin annahm, über offenem Feuer. Dies zeigt, dass bereits in dieser frühen Phase der menschlichen Evolution komplexe Methoden der Nahrungszubereitung entwickelt wurden.
Die Entwicklung des Kochens hatte signifikante Auswirkungen auf die menschliche Evolution, da durch das Erhitzen die Nahrung nicht nur verdaulicher, sondern auch haltbarer wurde. Dies wiederum führte zu bedeutenden anatomischen Anpassungen, wie der Verkleinerung des Verdauungstrakts, der Verfeinerung des Gebisses und – von besonderer Relevanz – der Vergrößerung des energieintensiven Gehirns. Diese Veränderungen begünstigten auch die Entwicklung der Sprache.Bereits vor der Erfindung der Töpferei entwickelten die Menschen eine Vielzahl unterschiedlicher Kochtechniken, darunter das Grillen über offenem Feuer, das Garen von Nahrung in heißer Asche, das Rösten auf erhitzten Steinen sowie die Nutzung natürlicher Gefäße wie Muschelschalen und Straußeneiern. Eine besonders interessante historische Methode war das Garen von Fleisch in Tierhäuten oder Tiermägen, eine Technik, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot bei den Skythen beobachtete und die als Vorläufer heutiger Gerichte wie Haggis oder Saumagen gilt.
Die neolithische Revolution, die vor etwa 12.000 Jahren stattfand, markierte eine fundamentale Transformation in der Praxis des Kochens. Die Entwicklung der Töpferei ermöglichte erstmals das „Eintopf-Kochen“, eine Innovation, die nicht nur neue Geschmackserlebnisse schuf, sondern auch die soziale Struktur früher Gesellschaften prägte. Die systematische Kultivierung von Getreide sowie die Entwicklung von Mahltechniken führten zur Entstehung des Brotbackens, einer Kulturtechnik, die bis heute eine zentrale Rolle in vielen Gesellschaften spielt. Die Entstehung der frühen Hochkulturen war von einer Reihe bedeutender Innovationen geprägt. In Mesopotamien entstanden um 4.000 v. Chr. die ersten schriftlichen Kochrezepte auf Tontafeln, was einen bedeutenden Schritt in der Systematisierung und Weitergabe kulinarischen Wissens darstellte. Die Ägypter entwickelten komplexe Techniken der Bierbrauerei und Brotbackkunst, während in China das Dämpfen und Wok-Kochen perfektioniert wurde. Diese frühen regionalen Spezialisierungen bilden bis heute die Grundlage vieler kulinarischer Traditionen. Das europäische Mittelalter, das oft als rückständig betrachtet wird, brachte trotz dieses Rufes wichtige kulinarische Entwicklungen hervor. So wurden in den Klosterküchen Konservierungstechniken verfeinert und die Bierbraukunst weiterentwickelt. Ein weiterer bedeutender Aspekt, der die europäische Küche nachhaltig prägte, waren die Kreuzzüge, die zu einem verstärkten Gewürzhandel führten. Die Entstehung der Zunftküchen kann als Grundstein für die professionelle Gastronomie betrachtet werden. Eine der folgenreichsten Veränderungen in der Geschichte des Kochens war der „Columbian Exchange“ im 16. Jahrhundert. Der Austausch von Lebensmitteln zwischen der Alten und der Neuen Welt führte zu einer Revolution der globalen Küche. Kartoffeln, Tomaten und Mais veränderten die europäische Ernährung fundamental, während amerikanische Kulturen neue Nutztiere und Getreidesorten kennenlernten. Diese Entwicklung, die als „kulinarische Globalisierung“ bezeichnet werden kann, hat bis heute anhaltende Auswirkungen auf unsere Ernährungsgewohnheiten.
Die Industrielle Revolution markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung der Kochtechniken. Als signifikante Meilensteine sind in diesem Zusammenhang die Erfindung des Gasherds im Jahr 1802 sowie des Elektroherds im Jahr 1892 zu nennen, welche eine beispiellose Transformation der Küchentechnik bewirkten. Die Entwicklung von Kühlschränken und Gefriertruhen ermöglichte eine völlig neue Form der Vorratshaltung. Mit der Erfindung der Konservendose und der Pasteurisierung wurden neue Wege der Haltbarmachung erschlossen. Das 20. Jahrhundert war geprägt von gegenläufigen Entwicklungen: Einerseits führte die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion zur Entstehung von Convenience-Produkten und Fast Food, andererseits entwickelte sich als Gegenbewegung die Slow-Food-Bewegung. Die Mikrowelle (1946) und der Schnellkochtopf führten zu Veränderungen in der alltäglichen Küche, während gleichzeitig das Interesse an traditionellen Zubereitungsmethoden wuchs.Die gegenwärtige Situation ist durch neue Herausforderungen und Möglichkeiten für die Kochkunst geprägt. Einerseits wurde durch die Molekularküche wissenschaftliches Methodenwissen in die Gastronomie integriert, andererseits wird die Digitalisierung durch Smart Kitchen Technologies vorangetrieben. Zudem ist ein zunehmendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und regionale Produkte zu verzeichnen. Zudem könnten neue Konservierungstechniken und alternative Proteinquellen, wie beispielsweise Insekten oder in vitro gezüchtetes Fleisch, die Zukunft des Kochens prägen.
Die Geschichte des Kochens ist nicht nur eine Geschichte der Nahrungszubereitung, sondern auch ein Spiegel der menschlichen Zivilisation. Von den ersten Versuchen der Nahrungsverarbeitung an heißen Quellen bis zur molekularen Gastronomie zeigt sich die enge Verflechtung von technologischem Fortschritt, kultureller Entwicklung und gesellschaftlichem Wandel. Das Kochen stellt demnach eine zentrale Kulturtechnik dar, die einer stetigen Weiterentwicklung und Neuinterpretation unterliegt, während sie zugleich tiefe kulturelle Traditionen bewahrt.In Anbetracht gegenwärtiger globaler Herausforderungen, wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und wachsende Weltbevölkerung, könnte das Bewusstsein für die evolutionäre und kulturelle Signifikanz des Kochens entscheidende Impulse für zukunftsfähige Ernährungskonzepte liefern. Die historische Analyse des Kochens zeigt, dass kulinarische Innovationen häufig eine Reaktion auf gesellschaftliche Herausforderungen darstellen. Diese Erkenntnis ist auch für die Gegenwart von Relevanz.

Dec 19, 2024 • 36min
EGL067 Dummy Coil zähmt Jaguar Kralle: Out-of-Phase Wiring Diagram für Single Coil Pickups in Stromgitarre 6
"Du redest schon weiter -- ohne mich?" -- Florian Clauß (Min 27:35)
Wir zähmen die Krallen des Jaguars -- der reißerische Titel hat sich angeboten Denn in dieser Stromgitarren-Episode beschäftigen wir uns mit Brummen verzerrter Single Coil Pickups (PUs), Dummy Coils und Baseplates (in diesem Fall den Claws der Jaguar Pickups). Wenn wir diese drei Zutaten gut verrühren und eine Prise Out-of-Phase Switching dazugeben, bekommen wir den Jaguar gut in den Griff. Das Ergebnis ist eine Wildkatze, der wir bei Verzerrung eine Dummy Coil anlegen können, die sich beim cleanen Sound einfach entfernen lässt. Und diese können wir in der Phase umpolen, sodass sie für beide PUs angelegt werden kann, selbst wenn diese RWRP (Reverse Wound, Reverse Polarity) gewickelt sind. Generell sind Single Coil Tonabnehmer anfällig für Brummen. Das haben wir in anderen Stromgitarre-Episoden schon mehrfach erklärt. Die brummgeschützten Humbucker haben sich aber nicht komplett durchsetzen können, denn für viele ist die Anschlagdynamik und der Sound der Single-Coil Pickups der Sound, den sie haben wollen.
Shownotes
Link zur Laufstrecke
EGL067 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
Duncan Designed Jaguar Pickups, Analysis & Review - OffsetGuitars.com
What difference does a Jaguar’s pickup claw make?
Pickups orientation and claw placement
Interaktive Out-of-Phase-Schaltung zum Lernen
OMG Pickup Polarity and Phase (Jaguar)
Dummy Coils for Dummies - OffsetGuitars.com
Tipps & Tricks. Spulen. Schwingkreise. Sperrkreise. Primärempfänger, Sekundärempfänger, Zweikreiser
Der Exorzist (The Exorcist, 1973, Regie: William Friedkin)
Fender Jaguar auf Wikipedia
Fender Mustang auf Wikipedia
Mitwirkende
Micz Flor
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Florian Clauß
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Verwandte Episoden
EGL086 Pickup-Physik deiner E-Gitarre: Humbucking und Phasendrehung richtig planen (Stromgitarre 7)
Es beginnt mit dem Ende der Episode: das Foto, von dem Micz meinte, dass es ihn an das Poster von „The Exorcist“ erinnert findet ihr neben dem DVD Cover eingebunden. Uncanny!?
Und jetzt zum Ende des Anfangs: Beim laufend Reden versprach ich ein Wiring Diagram für zwei Jaguar Pickups mit Claw (Baseplate). Darin hilft eine Dummy Coil mit einem Out-of-Phase Switch das Brummen der Single Coil Tonabnehmer zu zähmen. Was eine Dummy Coil ist und was Out-of-Phase bedeutet, erkläre ich auch in diesem Blogpost. Und ich beginne mit der Bestandsaufnahme, was wir haben und was wir erreichen wollen:
Eine Stromgitarre mit zwei Jaguar Pickups und einen 3-Position Switch (middle position: beide PUs parallel)
Der cleane Sound ist der reine Jaguar Pickup Sound (keine Dummy Coil)
Verzerrt soll die Gitarre weniger brummen, als üblich es für Single Coils üblich ist
Dieses hum cancelling soll für alle drei Positionen funktionieren, also bridge, neck und beide parallel
Die beiden PUs sind RWRP (Reverse Wound, Reverse Polarity) gewickelt, also in der middle Position ist hum cancelling gegeben
Die Strat Copy
Das neue Pickguard
Der Jaguar Pickup eingesetzt
Fräsen der Löcher für die Pickups
Der Schiebeschalter für Dummy Coil und Pu 3-Pos Switching
Warum hat der Fender Jaguar Pickup eine Kralle (Claw)?
Anfang der 1960er kam die Fender Jaguar in die Welt und brachte zwei metallische „Krallen“ mit, die die beiden Toabnehmer seitlich und unten umklammern. Die Wicklung der Single-Coil-Pickups ist nichts besonderes und in ihrer Art denen der Stratocaster oder Telecaster ähnlich. Doch es gibt eben diesen einen, signifikanten Unterschieden. Die zusätzliche metallische, verchromte Abschirmung – die sogenannte Kralle – umgibt die Spulen seitlich und ist unten mit der als Baseplate verschraubt. Das macht den besonderen Ton aus:
Magnetische Fokussierung:Die Claw bündelt das Magnetfeld des Pickups. Das Magnetfeld wird durch das Metall „gebogen“ und anstatt an den Seiten weite Bögen bis zur Mitte zu schlagen, bilden sich an der Oberseite zwischen den Polen und der Kralle kleinere, konzentrierte Magnetfelder. Sie wirken in gewisser weise wie eine Linse, die den Klang durch die Fokussierung beeinflusst. Das Ergebnis ist ein straffer und klarer Ton, der besonders in den Höhen definiert bleibt.
Abschirmung des Brummens:Die Kralle ist geerdet und wird damit Teil der Abschirmung, schützt also vor elektromagnetische Interferenzen und Störgeräuschen. Wichtig: wer seine Pickups Out-of-Phase schalten will, muss die Erdung der Kralle von den Kabeln abtrennen. Dazu gleich mehr.
Klangformung:Die Kralle beeinflusst die Resonanzfrequenzen des Pickups und sorgt für den charakteristischen, leicht metallischen Klang der Jaguar. Der Twang, der in Surf-Rock und Indie-Musik so geschätzt wird.
Das macht die Pickups besonders. Aber was sie mit allen Single Coil Pickups gemein haben: sie brummen gerne, vor allem, wenn man mit Verzerrung spielt. Wie wir das zähmen können, das beschreibe ich hier. Unsere Zutaten: Dummy Coil und Out-of-Phase Switching.
Was ist eine Dummy Coil?
Im Deutschen manchmal auch als „Störspule“ beschrieben ist sie eine zusätzliche Spule, die verwendet wird, um Brummgeräusche (typisch für Single-Coil-Pickups) zu reduzieren, ohne den Klang der Gitarre wesentlich zu beeinflussen. Eine Dummy Coil hat kein Magnetfeld. Eine Dummy Coil braucht keine Poles (manche sagen jedoch: dann ist sie effektiver). Die Spule ohne Magnetfeld drumherum sollte ähnlich gewickelt sein wie der Pickup, dem sie zugeschaltet wird. Was dabei passiert:
Die Dummy Coil nimmt die gleichen elektromagnetischen Störungen auf wie die aktiven Pickups.
Da sie elektrisch entgegengesetzt verdrahtet ist, heben sich diese Störungen gegenseitig auf
Das eigentliche Signal der schwingenden Seite bleibt (fast!) unverändert erhalten.
In meinem Fall werde ich die Dummy Coil von unten an das Pickguard kleben. Da ich eine Strat Copy verwende, habe ich in der Mitte Platz, wo bei der Strat der RWRP Pickup ist.
Wozu eine Dummy Coil, wenn die Jaguar Pickups Reverse Wound, Reverse Polarity (RWRP) sind?
RWRP steht für „Reverse Wound, Reverse Polarity“ und beschreibt Pickups, die so gewickelt und magnetisiert sind, dass sie Brumm auslöschen, wenn sie zusammen verwendet werden.
Reverse Wound (umgekehrte Wicklung): Das Signal wird elektrisch umgekehrt.
Reverse Polarity (umgekehrte Polarität): Die magnetische Richtung ist entgegengesetzt.
In einer Jaguar sind die beiden Pickups häufig RWRP, wodurch sie im Parallelbetrieb (Standard) als humbucking-artig agieren und Brumm unterdrücken.
Die Dummy Coil kommt in der Middle Position, wenn beide Pickups aktiv sind, nicht zum Einsatz, sondern genau dann, wenn nur Bridge oder Neck aktiv sind. Dann kann die Dummy Coil zugeschaltet werden, um dem jeweiligen PU das Brummen abzuwürgen. Deshalb die Dummy Coil: wenn man verzerrt mit nur Neck oder Bridge Pickup spielt.
Was ist eine Out-of-Phase-Schaltung?
Eine Out-of-Phase-Schaltung (oder „außer Phase“) verändert die Polarität eines Pickups, sodass er im Gegensatz zu einem anderen Pickup schwingt. Statt dass sich die Schallsignale beider Pickups summieren, werden bestimmte Frequenzen ausgelöscht. Das Ergebnis ist ein Klang, in dem Teile der Mitten fehlen, etwas dünner, nasaler. Wer mehr Sounds aus der gleichen Gitarre kriegen möchte, der:die hat mit dieser Schaltung eine gute Erweiterung. Mehr als z.B. Pickups in Reihe statt parallel zu schalten.
Der 3-Position Switch für unsere Schaltung
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Hack für dieses Wiring Diagram: die Dummy Coil mit Out-of-Phase-Switch.
Der 3-Position Switch kommt zweimal zum Einsatz: für die Out-of-Phase Schaltung der Dummy Coil und die Schaltung der beiden Pickups
Integration der Out-of-Phase-Schaltung mit drei Positionen für die Dummy Coil
Wiring Diagram mit Out-of-Phase 3-Pos Switch für Dummy Coil parallel zu 3-Pos Tele-Style Switch von 2 Pickups
Die Out-of-Phase-Schaltung wird hier mit einem DPDT-Schalter (in meinem Fall ein Schieberegler) realisiert, der die Polarität eines Pickups invertieren kann. In meinem Fall nehme ich einen Schalter mit drei Positionen, sodass ich die Mittelstellung als OFF Zustand nutzen kann. Dann ist die Dummy Coil nicht „aktiv“.
Die OFF-Position ist in zweierlei Hinsicht wichtig:
Wenn beide Pickups aktiv sind, ist hum bucking gegeben und die Dummy Coil sollte nicht zugeschaltet sein
Wenn die Gitarre ganz clean, ohne Verzerrung, gespielt wird, kann man die Dummy Coil abschalten, um den unveränderten PU Sound zu haben.
Denn eine Dummy Coil beeinflusst den Klang minimal. Nicht so stark, da sie kein magnetisches Feld erzeugt und nur Störungen aufnimmt, aber es macht einen kleinen Unterschied. Deshalb ist es gut sie abschalten zu können.
Zuschaltung der Dummy Coil beim Single Coil Betrieb mit Phase-Switching
Spielt man mit Verzerrung und möchte ein etwas saubereres, brummfreieres Signal, kann man die Dummy Coil zuschalten. Durch die Out-of-Phase Option lässt sich die Polarität umkehren, sodass die Dummy Coil beide Single Coils bedienen kann.
Wie man die Jaguar Pickups mit sich selbst auch Out-of-Phase schalten kann.
Ich mache hier nur einen kurzen Absatz zum Thema, sollte jemand noch diesen Schritt weiter gehen wollen, z.B. mit einem Push/Pull Switch am Tone Pot.
Es ist notwendig die Kralle von der Erdung zu trennen. Ähnlich wie bei dem klassischen Neck Pickup der Telecaster ist das Shielding (die Kralle) mit dem Kabel des Pickups, das an Masse angeschlossen wird, verlötet. Das muss getrennt werden. Die Kralle bekommt ein eigenes Kabel, das gegen Masse geht. Und die beiden Kabel, die aus dem Pickup kommen kann man dann durch einen Switch „umpolen“, um die Out-of-Phase-Schaltung umzusetzen.

Dec 5, 2024 • 1h 40min
EGL066 Roadmovies I: Civil War
JOEL: "Wait! Wait! I need a quote." PRESIDENT: "Don't .. Don't let them kill me.." JOEL: "Yeah, that will do." (CIVIL WAR 2024)
Mit dieser Episode starten wir eigentlich eine neue Podcast-Reihe: Roadmovies! Ein Genre, das uns schon immer fasziniert hat. Dem wollen wir näher auf die Spur kommen, doch zunächst stellen wir einige Filme dieses Genres der letzten 4 Dekaden vor. Roadmovies erzählen Geschichten von äußeren und inneren Reisen, an denen die Charaktere wachsen. Sie werden oft episodenhaft erzählt, die sich an den einzelnen Stationen der Reise orientieren. Roadmovies entwickelten sich als Subgenre des Westerns und legten den Grundstein für New Hollywood. Als ersten Vertreter der neuen Reihe "Roadmovies" hat sich Flo einen aktuellen Film ausgesucht: "Civil War" aus dem Jahr 2024 unter der Regie von Alex Garland. Flo stellt den Briten Alex Garland mit einigen Eckdaten vor: bekannt geworden als Autor, erste Verbindungen zum Film mit Danny Boyles "The Beach", der Garlands Buch verfilmte. Weitere Zusammenarbeit mit Boyle, u.a. "28 Days Later", für den Alex Garland das Drehbuch schrieb. Erste eigene Regiearbeit mit "Ex machina" (2015). Es folgten einige Spielfilme und mit "Devs" (2021) eine Serienproduktion, in der auch Schauspieler:innen mitwirkten, mit denen Garland immer wieder zusammenarbeitet. "Civil War" ist eine Mischung aus Roadmovie und Kriegsfilm. Im Mittelpunkt stehen zwei Kriegsfotografinnen, die eine altgedient, die andere ganz jung. Der Film spielt in Amerika in einer dystopischen nahen Zukunft, in der Bürgerkrieg herrscht. Wir erzählen den Film ausführlich nach. Flo geht dann auf die Geschichte der Fotografie während des Amerikanischen Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 ein und zeigt die technischen und kulturellen Entwicklungen in der Fotografie und wie diese das Verständnis und die Darstellung des Krieges beeinflusst haben. Während wir die Kernthesen von Garlands Werk erkunden, denken wir darüber nach, wie die Hauptfiguren die moralischen Herausforderungen und ethischen Implikationen transportieren, die mit dem Festhalten und Präsentieren von Wahrheit und Realität verbunden sind. Verbunden sind wir auch mit unserem Track, der Laufstrecke, die uns von der Jannowitzbrücke bis zur Landsberger Allee durch den Volkspark Friedrichshain geführt hat. Wir haben auf diesem Weg einige unserer Vorgänger-Episoden gekreuzt und das entsprechend kommentiert.
Shownotes
Links zur Laufstrecke
EGL066 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
Roadmovie – Wikipedia
Road movie - Wikipedia
Civil War (2024) – Wikipedia
Easy Rider – Wikipedia
Beatnik - Wikipedia
Roger Corman – Wikipedia
Die wilden Engel – Wikipedia
Jack Kerouac - Wikipedia
On the Road - Wikipedia
Wilde Erdbeeren – Wikipedia
Jean-Luc Godard – Wikipedia
Elf Uhr nachts – Wikipedia
Bonnie und Clyde (Film) – Wikipedia
Duell (Film) – Wikipedia
Steven Spielberg – Wikipedia
Wim Wenders – Wikipedia
Alice in den Städten – Wikipedia
Falsche Bewegung – Wikipedia
Im Lauf der Zeit – Wikipedia
Paris, Texas – Wikipedia
Mad Max – Wikipedia
Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula – Wikipedia
David Lynch – Wikipedia
Nicolas Cage – Wikipedia
Laura Dern – Wikipedia
Blue Velvet (Film) – Wikipedia
Gus Van Sant – Wikipedia
My Private Idaho – Wikipedia
River Phoenix – Wikipedia
Wir können nicht anders – Wikipedia
Detlev Buck – Wikipedia
Knockin’ on Heaven’s Door (Film) – Wikipedia
Old Joy – Wikipedia
Kelly Reichardt – Wikipedia
Thelma & Louise – Wikipedia
Brad Pitt – Wikipedia
Little Miss Sunshine – Wikipedia
Import Export – Wikipedia
Ulrich Seidl – Wikipedia
Mad Max: Fury Road – Wikipedia
Tschick (Film) – Wikipedia
Drive My Car (Film) – Wikipedia
Ryūsuke Hamaguchi – Wikipedia
Drive (2011) – Wikipedia
Death Proof – Todsicher – Wikipedia
Lola rennt – Wikipedia
Victoria (2015) – Wikipedia
New Hollywood - Wikipedia
Charlie Chaplin – Wikipedia
Tramp – Wikipedia
Wilder Westen – Wikipedia
Alex Garland – Wikipedia
Ex Machina (Film) – Wikipedia
Auslöschung (Film) – Wikipedia
Devs – Wikipedia
Dredd – Wikipedia
Kowloon Walled City – Wikipedia
Der Strand – Wikipedia
The Beach – Wikipedia
Leonardo DiCaprio – Wikipedia
28 Days Later – Wikipedia
Kirsten Dunst – Wikipedia
Jesse Plemons – Wikipedia
Breaking Bad – Wikipedia
Cailee Spaeny – Wikipedia
Alien: Romulus – Wikipedia
Station Eleven (Fernsehserie) – Wikipedia
Alex Garlands Foto-Philosophie: CIVIL WAR – Kritik & Analyse
Civil War (2024) | Film, Trailer, Kritik
Kriegsfotografie – Wikipedia
Children of Men – Wikipedia
Sezessionskrieg – Wikipedia
Daguerreotypie – Wikipedia
Gutenberg-Bibel – Wikipedia
Frühe Kriegsfotografie: Den Toten in die Augen sehen - DER SPIEGEL
Kriegsmaler – Wikipedia
Mathew B. Brady – Wikipedia
Susan Sontag – Wikipedia
Kodak Nr. 1 – Wikipedia
How Kodak invented the “snapshot”
Geschichte und Entwicklung der Fotografie – Wikipedia
The Kodak Camera - Engineering and Technology History Wiki
Kodak – Wikipedia
Friedrich Kittler – Wikipedia
[ISEA97] | ISEA Symposium Archives
[ISEA97] Presentations | ISEA Symposium Archives
etoy (Künstler) – Wikipedia
PDF-Download - Kittler Friedrich GrammophonFilm Typewriter
Aufschreibesystem – Wikipedia
Mitwirkende
Florian Clauß
(Erzähler)
Bluesky
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Micz Flor
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Verwandte Episoden
EGL081 28 Years Later – Heart of Kindness: Eine Befreiung aus der deterministischen Apokalypse
Roadmovies
Das Genre des Roadmovies stellt ein zentrales Subgenre des modernen Kinos dar, welches sowohl narrative als auch philosophische Elemente miteinander verknüpft. Historisch betrachtet, etablierten sich Roadmovies in den 1960er Jahren als Gegenbewegung zu den rigiden Konventionen des klassischen Hollywood-Kinos sowie als Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels dieser Ära. Filme wie „Easy Rider“ (1969) fungierten als Symbol dieses Aufbruchs, indem sie die Suche nach Freiheit und Individualität in den Vordergrund stellten.
Roadmovies sind durch eine episodische Erzählweise, weite Landschaftsaufnahmen sowie die symbolische Bedeutung von Straßen und Fahrzeugen gekennzeichnet. Inhaltlich kreisen Roadmovies um Fragen der Selbstfindung, Gesellschaftskritik sowie den Wunsch nach einem Ausbruch aus normativen Strukturen. Die Generierung von Spannung erfolgt dabei häufig durch Zufallsbegegnungen sowie den Umgang der Protagonisten mit fremden und oft feindseligen Umwelten. Das Genre markiert nicht nur einen Wechsel der filmischen Ästhetik, sondern auch einen sozialen Kommentar, mit dem der sogenannte „American Dream“ hinterfragt und kritisch reflektiert wird.
Alex Garland und Civil War
Alex Garland hat sich in den vergangenen Jahren als eine der bedeutende Stimmen des modernen Kinos etabliert. Garland ist insbesondere für seine Filme „Ex Machina“ (2014) und „Annihilation“ (2018) bekannt, in denen er wiederholt Genregrenzen überschreitet und psychologische, philosophische sowie technologische Themen verwebt. Seine Werke loten die versteckten Abgründe der menschlichen Natur aus und zeichnen sich durch eine präzise visuelle Gestaltung sowie eine tiefgründige thematische Komplexität aus.
Mit „Civil War“ (2024) hat Garland einen weiteren bemerkenswerten Beitrag geleistet, indem er Elemente des Roadmovies mit denen des Kriegsfilms kombiniert. In seiner Herangehensweise bleibt Garland unkonventionell. Anstatt sich allein auf monumentale Schlachten oder militärische Strategien zu konzentrieren, integriert er die Dynamik eines Bürgerkrieges in die individuellen Erfahrungen von Leid und die Suche nach Identität. Diese Vorgehensweise verleiht dem Film „Civil War“ einen erzählerischen Reichtum, der sowohl universelle als auch persönliche Perspektiven in den Vordergrund rückt.
Der Film „Civil War“ spielt vor dem Hintergrund eines fiktiven Bürgerkriegs in den Vereinigten Staaten, wobei die Straßen des Landes sowohl Schauplatz als auch Metapher sind. Der Film folgt der Protagonistin Jessie, einer Kriegsfotografin, deren Reise sowohl geografisch als auch emotional geprägt ist. Während ihrer Odyssee durch die verschiedenen Konfliktzonen des Landes dokumentiert sie unermüdlich die Schrecken des Krieges, ohne dabei eine sichtbare politische oder moralische Position einzunehmen. Die Kamera fungiert für Jessie sowohl als Schutzschild als auch als Kompass.
Der dramaturgische Höhepunkt des Films entfaltet sich im Weißen Haus, wo die Grenzen zwischen Beobachtender und Akteurin verschwimmen. Die Szene vor dem Oval Office, in der Jessie den Tod ihrer Mentorin Lee und die Erschießung des Präsidenten fotografisch festhält, kann als eindringliches Beispiel für die Verschmelzung von Waffe und Kamera betrachtet werden. Diese Inszenierung wirft nicht nur die Frage auf, welche Rolle die Fotografie im Krieg spielt, sondern symbolisiert auch das „totale Aufgehen“ der Protagonistin in ihrer Profession. Dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Genre des Films.
Medien und Krieg im Diskurs
Ein wesentlicher Aspekt von „Civil War“ ist die Fokussierung auf das Thema Kriegsfotografie. Seit ihren ersten Einsätzen während des Amerikanischen Bürgerkriegs in den 1860er Jahren hat die Fotografie eine Schlüsselrolle bei der Dokumentation militärischer Konflikte eingenommen. Erstmals wurde die Kamera von Fotografen wie Mathew Brady eingesetzt, um das Grauen und die menschlichen Kosten des Krieges visuell festzuhalten. Die Bilder offenbarten der zivilen Bevölkerung ungeschönt die Brutalität des Konflikts und führten zu einer Reflexion über die ethischen Implikationen der Rolle der Medien in Kriegszeiten.
In ihrem wegweisenden Werk „Regarding the Pain of Others“ (2003) analysiert Susan Sontag die vielschichtige Wirkungskraft der Kriegsfotografie. Sontag postuliert, dass Bilder sowohl Mitleid erregen als auch abstumpfen können, da sie die Gewalt ästhetisieren und zugleich Distanz schaffen. Diese Ambivalenz findet sich auch in „Civil War“ wieder: Während Jessies Dokumentation zunächst als Akt der Wahrheitsfindung betrachtet werden kann, entwickelt sie sich zunehmend zu einem Mittel der Verstrickung in die Gewalt. Die Frage, ob eine Trennung zwischen aktivem und beobachtendem Handeln möglich ist, wird in der Figur der Jessie auf philosophischer sowie filmischer Ebene erörtert.
Die Analyse von Friedrich Kittler, einem einflussreichen Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts, der sich mit den Technologien der Wahrnehmung und Aufschreibesysteme auseinandersetzt, kann einen Blickwinkel zur Interpretation von „Civil War“ bieten: Kittlers Konzept, dem zufolge Medien nicht nur Informationen übertragen, sondern auch die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Realität wahrnehmen und selbst zu Handelnden werden, stellt ein wertvolles analytisches Werkzeug dar. Im Film „Civil War“ verschmelzen Kamera und Handlungsträger miteinander, sodass eine klare Trennung zwischen dokumentarischem Akt und gewaltsamer Interaktion nicht mehr möglich ist.
In seiner künstlerischen Praxis thematisiert Garland den hier beschriebenen Ansatz, indem er das Instrument der Kamera als zugleich beobachtenden und agierenden Akteur darstellt. Die Fotografien von Jessie sind nicht lediglich passive Dokumentationen, sondern vielmehr aktive Eingriffe in die Logik des Krieges. Die Kamera fungiert folglich als technologisches Medium, welches Macht definiert, indem es Entscheidungen darüber trifft, welche Elemente des Geschehens sichtbar und unsichtbar sind.
Mit „Civil War“ gelingt Alex Garland eine bemerkenswerte Synthese aus Roadmovie und Kriegsfilm. Der Film nutzt die visuellen und erzählerischen Elemente des Roadmovies, um eine Reise durch die emotionale und geografische Landschaft eines fiktiven Bürgerkriegs zu gestalten. Gleichzeitig werden existenzielle Fragen zur Rolle von Medien, Technologie und der Bilderproduktion im Kontext von Gewalt aufgeworfen.

Nov 21, 2024 • 55min
EGL065 Reform der Psychotherapie-Weiterbildung: Symptomverschiebung und Spaltung
"Die Einnahmen der Weiterbildungsstätten (...) decken die Kosten (...) nicht. Deshalb muss zusätzlich zur Leistungsvergütung eine Förderung gesetzlich geregelt werden." (Munz, Klein-Heßling, Seela In: 2/2023 Psychotherapeutenjournal S. 147ff)
Mit der Einführung der neuen Weiterbildungsordnung (WBO) im Jahr 2020 wurde ein Reformvorhaben angestoßen, das die Weiterbildung in Deutschland an veränderte Versorgungsbedarfe anpassen und zugleich die Qualität und Einheitlichkeit der Ausbildung verbessern soll. Doch war und ist die Finanzierung nicht geklärt. Das hat einen besonders dramatischen Einfluss auf den Bereich der Psychotherapie. Zu wenige Ausbildungsstätten beantragen die Befugnis nach der neuen Weiterbildungsordnung, um Psychotherapeut:innen auszubilden. Dies liegt vor allem daran, dass die entstehenden Kosten sich für Institute nicht rechnen. Die neue Regelung orientiert sich an der ärztlichen Ausbildung in Kliniken, die ärztliche Kandidat:innen in Weiterbildung mit einem tarifgebundenen Gehalt anstellen und entsprechenden Behandlungsräume versorgen können. Das lässt sich auf die psychologischen Psychotherapeut:innen nicht so einfach ummünzen. Diese nach Tarif anzustellen und individuelle Behandlungsräume anzumieten ist nach der WBO die Vorgabe (und sicherlich eine großartige Idee), aber Institute sind anders aufgestellt als Kliniken und können das nicht finanzieren. Somit ist die Finanzierungslücke nicht gelöst, sondern verschoben. Wir sprechen in der Psychotherapie von einer Symptomverschiebung. Während wir im Prenzlauer Berg Park beim Laufen reden und laufend reden, reflektieren wir die Hintergründe und möglichen Folgen der neuen WBO.
Shownotes
Link/s zur Laufstrecke
EGL065 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
Gleichstellung von Psychologischen mit ärztlichen Psychotherapeuten durch zwei Sozialgerichtsurteile bestätigt | Psychotherapeutenkammer Berlin
Bund, Länder und Kommunen | 24 x Deutschland | bpb.de
2019: Deutscher Bundestag - Bundestag reformiert die Ausbildung der Psychotherapeuten
Die neue Weiterbildung von Psychotherapeut*innen: Grundlagen, Chancen und Herausforderungen. In: 2/2023 Psychotherapeutenjournal
Dokumente und Regelungen der Weiterbildung, die nach dem Psychotherapeutengesetz vom 15. November 2019 (BGBl. I S. 1604), das zuletzt durch Artikel 17 des Gesetzes vom 19. Mai 2020 (BGBl. I S. 1018) | Psychotherapeutenkammer Berlin
Neue Weiterbildungsordnung von 2021 | Ärztekammer Berlin
LdN402 Psychotherapeut:innen-Nachwuchs in der Warteschleife, Waffenlieferungen an Israel, Kürzungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Stefan Niggemeier, Übermedien), Russlands Krieg gegen Deutschland, Klimaschutz durch neue StVO, Social Leasing von E-Autos, Rechtsextremismus an Schulen, Feedback Dänemarks Migrationspolitik – Lage der Nation
Volkspark Prenzlauer Berg
Das gespaltene Subjekt nach Lacan
Mitwirkende
Micz Flor
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Florian Clauß
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Der höchste Hügel im Volkspark Prenzlauer Berg ist nicht, wie von mir behauptet, 92 m hoch, sondern „an seiner höchsten Stelle (genannt: ‚Pappelplateau‘) 90,9 m ü. NHN[1] hoch“ — weiß Wikipedia. Schlimmer noch: der Hügel auf dem ich das sagte „heißt zwar ‚Hohes Plateau‘ und auf einer steinernen Markierung steht, er sei ‚die höchste Erhebung in Prenzlauer Berg‘, was aber ungenau ist. Denn nach Vermessungen in den 1990er Jahren ist er nur 89 m hoch“. So ist das mit den Fakten, wenn man beim Laufen redet. Wir geben uns aber große Mühe.
In dieser Episode geht es um die neue Weiterbildungsordnung (WBO), eingeführt 2020, und speziell die Auswirkungen auf die Weiterbildung für die ambulante Psychotherapie. Ziel der WBO sei es, die Qualität der Weiterbildung zu erhöhen und die Vereinheitlichung zwischen ärztlicher und psychologischer Ausbildung zu fördern. Doch die Umsetzung bringt für Psychotherapeut:innen in Weiterbildung (PiW) erhebliche Herausforderungen mit sich, die sich bei den ärztlichen und psychologischen Ausbildungswegen teils deutlich unterscheiden.
Insofern sind wir im Volkspark Prenzlauer Berg an einem passenden Ort, dessen beide Hügel vielleicht ja für die betroffenen Psycholog:innen und Ärzt:innen stehen könnten. Oder für die Psychodynamik des gespaltenen Subjekts nach Lacan, der eine Hügel gepflegt und begehbar, der andere verwildert und … naja, eben das hier: der Andere in uns.
Symptomverschiebung: Finanzierungslücke nicht gelöst nur verschoben
Die Weiterbildung zur ambulanten Psychotherapie ist besonders für psychologische PiW mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Im Gegensatz zu angestellten ärztlichen Weiterbildungsassistent:innen können die Praxen und Institute für die Psycholog:innen die Kosten für eine tarifgebundene Anstellung nicht tragen. Diese Realität untergräbt ein Ziel der neuen WBO: die Ausbildung psychologischer Psychotherapeut:innen war teuer und die gesetzlich notwendige Tätigkeit in Psychiatrischen und therapeutischen Institutionen wurde früher oft nur symbolisch entlohnt. Es handelte sich also um eine kostspielige und prekäre Ausbildung.
Dies sollte im Sinne der werdenden Psychotherapeut:innen durch die Festanstellung gelöst werden. Doch in der Praxis verschiebt sich die Finanzierungslücke nur. Praxen und Institute können die Kosten nicht stemmen. Wo soll das Geld herkommen? Früher, nach der alten WBO, konnten die PiAs (Psychotherapeut:innen in Ausbildung) auf eine bessere Zukunft hoffen und die aufgenommen Kredite waren eine Form von unternehmerischen Risiko. Diese mögliche Zukunft gibt es für Institute nicht. Die Weiterbildungsinstitute können kein unternehmerisches Risiko aufnehmen, weil sie auch in der Zukunft keine zusätzlichen Einnahmen haben werden. Was bleibt ist die Unterdeckung für jede:n Kandidat:in.
Entsteht eine Kluft zwischen ärztlicher und psychologischer Weiterbildung?
Nach der neuen Weiterbildungsordnung (WBO) könnten sich die Strukturen von psychologischen und ärztlichen Weiterbildungen weiter voneinander entfernen, was auf verschiedene rechtliche, organisatorische und berufspolitische Unterschiede zurückzuführen ist. Obwohl psychologische Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie formal gleichgestellt sind, bestehen Unterschiede, die eine vollständige Angleichung in der Praxis erschweren.
Spaltung: die Wege der Psycholog:innen und Ärzt:innen trennen sich
Die neue WBO ist noch ganz frisch und wird langsam ausgerollt. Aber es zeigt sich, dass die Weiterbildung strukturell eine Trennung von psychologischen Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen bewirken könnte. Obwohl psychologische Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie formal gleichgestellt sind, bestehen Unterschiede, die eine vollständige Angleichung in der Praxis erschweren.
Institutionelle Trennung: Psychologische Weiterbildungen werden primär von universitären oder freien Ausbildungsinstituten organisiert, während die ärztliche Weiterbildung in Kliniken, Ambulanzen und teilweise in Lehrpraxen erfolgt. Diese institutionelle Trennung könnte durch die neue WBO zementiert werden, da die jeweiligen Organisationen für ihre Berufsgruppen spezifische Anforderungen und Curricula entwickeln.
Ambulante Weiterbildung: Ärztliche Weiterbildungsassistent:innen für Psychotherapie absolvieren ambulante Weiterbildungsanteile nach der neuen WBO zwingend in Praxen unter Supervision von Fachärzt:innen. Psychologische PiW hingegen sind meist auf psychotherapeutische Ambulanzen oder spezielle Ausbildungsinstitute angewiesen. Dieser Unterschied spiegelt die getrennten Versorgungsstrukturen wider.
Die neue WBO hat also das Potenzial, die Schere zwischen psychologischen und ärztlichen Weiterbildungsstrukturen zu vergrößern. Trotz formaler Gleichstellung bleiben Unterschiede in der Kompetenzverteilung und den Versorgungsstrukturen bestehen. Eine stärkere Integration – etwa durch gemeinsame Weiterbildungsmodelle oder abgestimmte ambulante Ausbildungsstrukturen – könnte langfristig die Trennung abbauen.
Mit diesen Gedanken verlassen wir die beiden Hügel im Park und beenden diese Episode im nahegelegenen Fennpfuhlpark. Es ist dunkel geworden.

Nov 7, 2024 • 1h 13min
EGL064 Durch den dunklen Wald: Eine Reise in die Tiefen von Hänsel und Gretel
„knuper, knuper, kneischen! wer knupert an meinem Häuschen!“
Diese Märchenfolge von Eigentlich Podcast möchten wir direkt am eigenen Leib erfahren und begeben uns in den tiefen finsteren Grunewald, während wir zu den künstlich generierten Stimmen mit amerikanischem Akzent lauschen, die uns das Märchen von "Hänsel und Gretel" vorlesen. Im Dunkeln und ganz ohne Taschenlampe analysieren wir das Märchen aus verschiedenen Blickwinkeln und arbeiten die "Glutkerne" des Märchens heraus, die von rituellem Kannibalismus, Hungersnöten und Kindesvertreibungen handeln. Wir loben die kooperativen Geschwister als Helden der Geschichte, finden Analogien zwischen der Hexe und der Mutter und fragen uns, warum die Hexe ihren Kalorienbedarf mit Menschenfleisch decken möchte, wenn doch das Lebkuchenhaus mehr als ausreichend die Energie liefern sollte. Flo stellt noch seine astronomische Deutung von Hänsel und Gretel vor: Hans versteht sich ganz in der Navigation nach den Sternen und weiß, wo er den Fixstern findet und sich dann an den Sternbilden orientieren kann (Kinder finden das erste Mal nach Hause zurück, weil sie zuvor den Weg mit weißen Steinchen markiert haben). Er macht aber schlechte Erfahrungen, wenn er sich an flüchtigen Himmelsereignissen orientieren möchte, wie Sternschnuppen (Beim zweiten Mal, als Hänsel und Gretel in den dunklen Wald geführt werden, markieren sie den Weg mit Brotkrumen, die die Vögel verspeisen). Wir bemühen uns um eine tiefenpsychologische Interpretation der sexuellen Aspekte des Märchens wie der Backofen als invertierter Mutterleib oder das "Fingerchen" von Hans, das nicht größer werden will. Am Ende und kurz vor der Avus kommen wir noch auf das Filmgenre "Coming-of-Age" zu sprechen, das, wie auch bei Hänsel und Gretel, Geschichten erzählt, die von dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein handeln.
Shownotes
Links zur Laufstrecke
EGL064 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
https://de.wikipedia.org/wiki/Hänsel_und_Gretel
https://de.wikisource.org/wiki/Hänsel_und_Gretel_(1812)
https://de.wikisource.org/wiki/H%C3%A4nsel_und_Grethel_(1857)
https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#15
https://de.wikipedia.org/wiki/Grimms_M%C3%A4rchen
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Grimm
https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Grimm
https://de.wikisource.org/wiki/Rothk%C3%A4ppchen_(1812)
https://de.wikisource.org/wiki/Sneewittchen_(Schneewei%C3%9Fchen)_(1812)
https://platform.openai.com/docs/guides/text-to-speech/overview
https://izi.br.de/deutsch/publikation/televizion/29_2016_1/Wilkes_Was_Maerchen_zur_psychischen_Gesundheit.pdf
https://www.stern.de/familie/maerchen--was-steckt-hinter-dem-maerchen-haensel-und-gretel--8616894.html
https://www.deutschlandfunkkultur.de/verarbeitung-von-grauenhaften-menschheitserfahrungen-100.html
https://www.srf.ch/audio/reflexe/was-maerchen-wirklich-erzaehlen?id=10250802
https://www.youtube.com/watch?v=2JidaOO2Fds
https://www.newgrounds.com/portal/view/515322
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedhof_Grunewald-Forst
https://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hoffmann
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Bechstein
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Astronomie
https://de.wikipedia.org/wiki/Tycho_Brahe
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kepler
https://de.wikipedia.org/wiki/Zodiak
https://de.wikipedia.org/wiki/Kannibalismus
https://de.wikipedia.org/wiki/Inzest
https://de.wikipedia.org/wiki/Batzen
https://de.wikipedia.org/wiki/Gretel_%26_H%C3%A4nsel
https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Moers
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_13%C2%BD_Leben_des_K%C3%A4pt%E2%80%99n_Blaub%C3%A4r
https://www.ardmediathek.de/video/br-retro/die-wahrheit-ueber-haensel-und-gretel/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzg1OWQwNTg3LTZiZGYtNDQ5Ni05MmY4LTU3MzJlNmE2YTFiNg
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Traxler
https://en.wikipedia.org/wiki/Coming_of_age
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_coming-of-age_stories
https://de.wikipedia.org/wiki/Ferris_macht_blau
https://de.wikipedia.org/wiki/The_Breakfast_Club
https://de.wikipedia.org/wiki/My_Private_Idaho
https://de.wikipedia.org/wiki/Kids_(Film)
Gummo – Wikipedia
Ghost World – Wikipedia
Call Me by Your Name – Wikipedia
Aftersun (2022) – Wikipedia
Mitwirkende
Florian Clauß
(Erzähler)
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Micz Flor
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Das Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm gehört zu den bekanntesten und verbreitesten Erzählungen der europäischen Volksliteratur. Seine Ursprünge reichen weit in die Vergangenheit zurück und spiegeln uralte menschliche Erfahrungen und Ängste wider. Die Geschichte der beiden Geschwister, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden und sich gegen eine kannibalistische Hexe behaupten müssen, hat über Jahrhunderte hinweg Generationen von Zuhörern und Lesern in ihren Bann gezogen. Dabei ist es gerade die Vielschichtigkeit des Märchens, die es für Interpretationen so ergiebig macht und seine anhaltende Relevanz erklärt.
Ein zentrales Motiv des Märchens ist der Konflikt zwischen Hunger und Überfluss, der sich durch die Erzählung zieht. Die extreme Armut der Holzhackerfamilie zu Beginn steht in krassem Gegensatz zum verlockenden Überfluss des Lebkuchenhauses. Dieser Kontrast spiegelt historische Realitäten wider, insbesondere die Erfahrungen von Hungersnöten, die zur Entstehungszeit des Märchens keine Seltenheit waren. Die kannibalistische Hexe kann in diesem Kontext als Personifizierung der existenziellen Bedrohung durch den Hunger verstanden werden. Gleichzeitig lässt sich das Motiv des Kannibalismus als Ausdruck eines „Glutkerns“ interpretieren, wie ihn der Literaturwissenschaftler Michael Maar beschreibt – ein traumatisches Ereignis aus der Menschheitsgeschichte, das im Märchen verarbeitet und durch die fantastische Erzählung abgemildert wird.
Die Figur der Hexe ist besonders vielschichtig und lädt zu verschiedenen Deutungen ein. In psychoanalytischer Perspektive kann sie als Verkörperung der „bösen Mutter“ oder als Aspekt der ambivalenten Mutterfigur gesehen werden. Feministisch orientierte Interpretationen sehen in ihr ein verzerrtes Bild weiblicher Macht, das patriarchale Ängste widerspiegelt. Kulturhistorisch betrachtet, lässt sich die Hexenfigur mit der Geschichte der Hexenverfolgungen in Verbindung bringen, die zur Entstehungszeit des Märchens noch präsent war. Die Überwindung der Hexe durch die Kinder, insbesondere durch Gretel, die am Ende zur aktiven Retterin wird, kann als Emanzipationsgeschichte gelesen werden.
Die Entwicklung der Kinder im Verlauf der Geschichte macht „Hänsel und Gretel“ zu einem klassischen Beispiel für ein Coming-of-Age-Narrativ. Die Protagonisten durchlaufen einen Reifeprozess, in dem sie lernen, Gefahren einzuschätzen, kreative Lösungen zu finden und selbstständig zu handeln. Dieser Aspekt macht das Märchen auch für die heutige Zeit relevant, da es grundlegende Fragen der Identitätsfindung und des Erwachsenwerdens behandelt. Die gegenseitige Unterstützung der Geschwister unterstreicht dabei die Bedeutung von Solidarität und familiärem Zusammenhalt in Krisensituationen.
Aus einer mem-theoretischen Perspektive lässt sich der anhaltende Erfolg von „Hänsel und Gretel“ durch die Kombination einprägsamer Motive erklären. Das Lebkuchenhaus, die Brotkrümelspur oder der vorgestreckte Knochen sind bildhafte Elemente, die sich leicht merken und weitergeben lassen. Sie funktionieren als kulturelle Replikatoren, die zur Verbreitung und Langlebigkeit des Märchens beitragen. Gleichzeitig ermöglicht die Struktur des Märchens lokale Anpassungen und Variationen, was seine Verbreitung in verschiedenen kulturellen Kontexten begünstigt.
In der pädagogischen und therapeutischen Praxis bietet „Hänsel und Gretel“ vielfältige Anknüpfungspunkte. Die Geschichte kann als Ausgangspunkt dienen, um mit Kindern über den Umgang mit Fremden, die Bewältigung von Ängsten oder ethische Fragen zu sprechen. In der Psychotherapie, insbesondere im Psychodrama, werden Elemente des Märchens genutzt, um Zugang zu unbewussten Konflikten zu finden und Lösungsansätze zu entwickeln. Die archetypischen Figuren und Situationen des Märchens bieten einen Resonanzraum für individuelle Erfahrungen und können so zur Verarbeitung persönlicher Themen beitragen.

Oct 24, 2024 • 1h 13min
EGL063 Psychosen, UFOs, Archetypen: C.G. Jung über Außerirdische und das kollektive Unbewusste
"Ich bin ein Empiriker, der sich innerhalb der ihm gesetzten erkenntnistheoretischen Grenzen hält." C.G. Jung, 1985
Drei Jahre vor seinem Tod veröffentlichte Carl Gustav Jung 1958 ein kleines Büchlein über UFOs: "Ein moderner Mythus". Jung war zu diesem Zeitpunkt über 80 Jahre alt. Man könnte also vom Spätwerk des Schweizer Arztes und Psychoanalytikers sprechen, dem wir diese Episode widmen. Aus der Vogelperspektive betrachtet, befasst sich dieses Buch mit dem UFO-Phänomen aus einer psychologischen Perspektive und stellt die Frage, ob es sich bei den Sichtungen um reale Objekte oder symbolische Projektionen des kollektiven Unbewussten handelt. Doch wir wählen den Weg durch das Unterholz und folgen einer Spur von Zitaten über fliegende Untertassen, Archetypen, atomare Bedrohung, Parapsychologie und kollektive Visionen, um schließlich bei einem Gedankengebäude anzukommen, das – wie ein Vexierbild – je nach Blickwinkel naturwissenschaftliches Forschungsinstitut oder okkulter Tempel sein könnte. C.G. Jung erscheint als gespaltenes Selbst: In ihm leben naturwissenschaftliche Ansprüche und metaphysische Überzeugungen konfliktfrei zusammen, ohne den Widerspruch auszulösen, den viele Leser:innen bei der Lektüre verspüren müssten. Und vielleicht ist es ja wirklich das Spätwerk Jungs, in dem er die UFOs als Korrektiv nutzt, das sein Konzept der Archetypen zukunftsfähig macht?
Mitwirkende
Micz Flor
(Erzähler)
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Verwandte Episoden
EGL080 Chaosmagie und Psychotherapie: wissenschaftlicher Anspruch trifft magische Wirkmacht
Unsere Tour führt uns an einem Herbstabend aus dem beleuchteten Charlottenburg über den Halensee bis in die Dunkelheit des Grunewald. Ein passendes Gegensatzpaar zu unserem Gespräch, das vom hellen Schein der Vernunft bin in die unergründlichen Schatten des Unbewussten reicht. Für Flo jedoch beginnt die Tour im Dunkeln. Er weiß nicht, was Micz vorbereitet hat und startet gewissermaßen im Grunewald. Gegenstand der Episode sind Carl Gustav Jungs Texte über UFO-Sichtungen, erstmals 1958 als Broschüre bei Rascher in Zürich erschienen. Die Seitenzahlen der Zitate stammen allerdings aus der Veröffentlichung Geheimnisvolles am Horizont (Von Ufos und Außerirdischen) von 1992, die Micz für diese Episode durchgearbeitet hat (s.a. Literaturverzeichnis).
Die Folge beginnt mit einer Reihe von Zitaten, zu denen Flo seine Reaktionen schildert, ohne die Quellen zu kennen. Für alle anderen, die wissen, worum es geht, sind hier die Zitate aus der Episode noch einmal mit Quellenangaben aufgeführt.
C.G. Jung zwischen den Welten der Naturwissenschaft und Metaphysik
Anders als in der Episode, möchte ich hier eine Fußnote vornean stellen, die die Bühne für alle weiteren Überlegungen darstellt:
(Fußnote:) “Es ist ein geläufiges und durch nichts gerechtfertigtes Mißverständnis bei naturwissenschaftlich Gebildeten, daß ich die psychischen Hintergründe als «metaphysische» verstehe, während umgekehrt mir die Theologen vorwerfen, daß ich die Metaphysik «psychologisiere». Beide treffen daneben. Ich bin ein Empiriker, der sich innerhalb der ihm gesetzten erkenntnistheoretischen Grenzen hält.”(Jung, 1958/1992, S. 33)
Jung stellt sich also als falsch verstanden dar – sowohl von Naturwissenschaftler:innen, als auch Theolog:innen. Er sei Empiriker ist seine Antwort an beide Parteien. Wer geneigt ist ihn deshalb einem eher naturwissenschaftlichen Denken zuzuordnen, wird unweigerlich beim Lesen des Büchleins über Mutmaßungen, Erfahrungen und Feststellungen stolpern, die so gar nicht naturwissenschaftlich anmuten, sondern der Astrologie, Parapsychologie und spiritistischen Sitzungen entstammen. Jung bleibt uns in dieser Schrift eine Antwort schuldig, auf wessen Grund er sein Gedankengebäude errichtet hat. Mit dem obigen Zitat sagt er uns weder wo er sich sieht, noch erfahren wir, wo er sich nicht verortet. Es bleibt unklar, ob er sich zwischen diesen Welten, in der Schnittmenge beider oder an einem ganz anderen, dritten Ort sieht.
Jung verbindet die UFO-Sichtungen mit dem Beginn des Wassermannzeitalters (Age of Aquarius)
Im ersten Zitat (nicht das erste aus dem Buch, aber aus dramaturgischen Gründen in der Episode nach vorne gezogen) erfahren wir, dass der vorliegende Text scheinbar nicht nur Beruf, sondern auch Berufung des analytischen Psychologen berührt. Mit schwerem Herzen stellt er uns seine Theorien zum Phänomen der UFO-Sichtungen vor. Er hofft vermeiden zu können, dass Menschen “unvorbereitet von den Ereignissen überrascht werden und ahnungslos deren Unfaßbarkeit ausgeliefert sind”.
“Es wäre leichtsinnig von mir, meinem Leser verheimlichen zu wollen, daß dergleichen Überlegungen nicht nur äußerst unpopulär sind, sondern sich sogar in bedrohlichster Nähe jener wolkigen Phantasmas bewegen, die das Gehirn von Zeichendeutern und Weltverbesserern beschatten. Ich muß das Risiko auf mich nehmen und meinen mühsam erkämpften Ruf der Wahrhaftigkeit, der Vertrauenswürdigkeit und der wissenschaftlichen Urteilsfähigkeit aufs Spiel setzen. Es geschieht dies, wie ich meinen Lesern versichern kann, nicht leichten Herzens. Ich bin, aufrichtig gesagt, bekümmert um das Los derer, die unvorbereitet von den Ereignissen überrascht werden und ahnungslos deren Unfaßbarkeit ausgeliefert sind.”(Jung, 1958/1992, S. 10)
Eine erste Fährte hinein in Jungs Gedankengebäude einer Psychodynamik, die individuelles und kollektives Unbewusstes kennt, erfahren wir schon vorher im Buch (siehe folgendes Zitat). Das Phänomen soll nicht “im Subjektiven befangen” bleiben. Wir werden also Jungs Konzept der Archetypen im Verlauf besser kennenlernen.
“Es ist schwierig, die Tragweite zeitgenössischer Ereignisse richtig einzuschätzen, und die Gefahr, daß das Urteil im Subjektiven befangen bleibt, ist groß. Ich bin mir daher des Wagnisses bewußt, wenn ich mich anschicke, denen, die mich geduldig anhören wollen, meine Auffassung von gewissen zeitgenössischen Ereignissen, die mir bedeutend erscheinen, mitzuteilen. Es handelt sich um jene Kunde, die uns von allen Ecken der Erde erreicht, jenes Gerücht von runden Körpern, die unsere Tropo- wie Stratosphäre durchstreifen, genannt «saucers, Teller, soucoupes, disks und Ufos» (Unidentified Flying Objects).”(Jung, 1958/1992, S. 9)
Auf der gleichen Seite beginnt Jung Verbindungen zwischen Sternen, UFOs und Jesus zu schaffen. So würden wir uns “am Ende eines Platonischen Monats und zu Anfang des nachfolgenden” befinden. Gemeint ist der Übergang vom Zeitalters des Sternzeichen “Pisces”, dessen Beginn mit der Geburt von Jesus zusammenfalle, und dem kommenden Zeitalter des Wassermanns (“Age of Aquarius”). Damals sahen die Menschen den Stern über Bethlehem. Jetzt sehen Menschen auf der ganzen Welt UFOs. Jung suggeriert, dass die UFO-Sichtungen sich als ähnlich bedeutsam herausstellen könnten, wie das Christentum.
Diese Annahme erlaubt ihm im aufgespannten Netz von Sternzeichen, Jesus’ Geburt und UFO-Sichtungen seine Archetypen im Himmel wie auf Erden zu verankern. Denn – so Jung – “Veränderungen in der Konstellation der psychischen Dominanten, der Archetypen, der «Götter», welche säkulare Wandlungen der kollektiven Psyche verursachen”
Jung erklärt damit, dass Archetypen nicht festgeschrieben sind, sondern sich (mit dem Wandel der Mythen und Symbole) wandeln können. Das stellt gewissermaßen eine Fortführung des Gleichen in neuem (besser: wandelndem) Gewand dar. So erlegt er zwei Fliegen in einem Streich: nur so kann er die Erscheinung der UFOs durch Kollektivvisionen erklären. Und zweitens sichert er so in diesem Spätwerk seiner Theorie der Archetypen eine Zukunft, da deren Wandlung somit auch zukünftige Technologien und Dingen umfassen und beinhalten (hier z.B. fliegende Untertassen).
“Es ist keine Anmaßung, die mich treibt, sondern mein ärztliches Gewissen, das mir rät, meine Pflicht zu erfüllen, um die Wenigen, denen ich mich vernehmbar machen kann, vorzubereiten, daß der Menschheit Ereignisse warten, welche dem Ende eines Äon entsprechen. Wie wir schon aus der altägyptischen Geschichte wissen, sind es psychische Wandlungsphänomene, die jeweils am Ende eines Platonischen Monats und zu Anfang des nachfolgenden auftreten. Es sind, wie es scheint, Veränderungen in der Konstellation der psychischen Dominanten, der Archetypen, der «Götter», welche säkulare Wandlungen der kollektiven Psyche verursachen oder begleiten. Diese Wandlung hat innerhalb geschichtlicher Tradition angehoben und ihre Spuren hinterlassen, zunächst im Übergang des Stierzeitalters zu dem des Aries [Widder], sodann vom Zeitalter des Aries zu dem der Pisces [Fische], dessen Anfang mit der Entstehung des Christentums zusammenfällt. Wir nähern uns jetzt der großen Veränderung, die mir dem Eintritt des Frühlingspunktes in Aquarius [Wassermann] erwartet werden darf.”(Jung, 1958/1992, S. 9f.)
Die “Wandlungen der kollektiven Psyche”, die mit Archetypen und auch individuellen Unbewussten Inhalten in Verbindung stehen, formuliert er auch noch an andere Stelle:
“Es liegt hier wohl ein Beispiel von Modifikation älterer Tradition durch neueren Erkenntniszuwachs vor, also einer Beeinflussung urtümlicher Verbildlichung durch rezente Erwerbungen des Bewußtseins, wie die in moderner Zeit häufigen Ersetzungen der Tiere und Monstren durch Automobile und Flugzeuge in Träumen.”(Jung, 1958/1992, S. 43)
UFOs Mitte des 20ten Jahunderts
Wann wurden die ersten UFOs gesichtet und als solche benannt? Kann es sein, dass Lebewesen von der Venus oder Mars aufgrund der Atombomben Angst vor den Terrestrier:innen bekamen?
“Den Auftakt zu den Ufos bildeten die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges gemachten Beobachtungen geheimnisvoller Geschosse über Schweden, deren Erfindung man den Russen zuschob, und die Berichte über «Foo fighters», das heißt Lichter, welche die alliierten Bomber über Deutschland begleiteten (foo = feu). Darauf folgten dann die abenteuerlichen Beobachtungen von «flying saucers» in USA. Die Unmöglichkeit, eine irdische Basis für die Ufos zu finden und ihre physikalischen Eigenschaften zu erklären, führte dann bald zur Vermutung eines extraterretrischen Ursprungs.”(Jung, 1958/1992, S. 14–15)
“Die neueren atomischen Explosionen auf der Erde – so wird vermutet – hätten die Aufmerksamkeit dieser so viel weiter fortgeschrittenen Mars- oder Venusbewohner erregt und Besorgnisse hinsichtlich möglicher Kettenreaktionen und der damit verbundenen Zerstörung der Erde wachgerufen. Da eine derartige Möglichkeit auch eine katastrophale Bedrohung unserer Nachbarplaneten bedeuten würde, so sähen sich deren Bewohner veranlaßt, die Entwicklung der Dinge auf der Erde sorgfältig zu beobachten, in voller Erkenntnis der ungeheuren Gefahr, welche unsere täppischen Nuklearversuche verursachen könnten.”(Jung, 1958/1992, S. 22)
UFOs sind die Projektion unbewusster, kollektiver Inhalte
“Wenn der Archetypus durch die Zeitumstände und die psychische Gesamtlage eine zusätzliche energetische Ladung erhält, so kann er aus angedeuteten Gründen nicht direkt ins Bewußtsein integriert werden. Er wird vielmehr dazu gezwungen, sich indirekt in Form einer spontanen Projektion zu manifestieren. Das projizierte Bild erscheint dann als ein von der individuellen Psyche und deren Beschaffenheit unabhängiges, scheinbar physisches Faktum: die runde Ganzheit des Mandalas wird zu einem von intelligenten Wesen gesteuerten Weltraumfahrzeug.”(Jung, 1958/1992, S. 41)
“Beim Individuum kommen derartige Erscheinungen, wie abnorme Überzeugungen, Visionen, Illusionen usw., ebenfalls nur dann vor, wenn es psychisch dissoziiert ist, das heißt wenn eine Spaltung zwischen der Bewußtseinseinstellung und den dazu entgegengesetzten Inhalten des Unbewußten eingetreten ist. Weil das Bewußtsein um ebendiese Inhalte nicht weiß und deshalb mit einer anscheinend ausweglosen Situation konfrontiert ist, so können die fremdartigen Inhalte nicht direkt und bewußt integriert werden, sondern suchen sich indirekt auszudrücken, indem sie unerwartete und zunächst unerklärliche Meinungen, Überzeugungen, Illusionen und Visionen erzeugen. Es werden ungewöhnliche Naturereignisse, wie Meteore, Kometen, Blutregen, ein Kalb mit zwei Köpfen und sonstige Mißgeburten, im Sinne drohender Ereignisse gedeutet, oder es werden «Zeichen am Himmel» gesehen.”(Jung, 1958/1992, S. 20)
“Dazu kommen noch jene Fälle, wo dieselbe kollektive Ursache die nämlichen oder wenigstens ähnliche psychische Wirkungen hervorbringt, das heißt gleichartige Deutungen oder visionäre Bilder gerade bei den Leuten, die am wenigsten auf solche Erscheinungen vorbereitet oder daran zu glauben geneigt sind. Dieser Umstand ist es dann wiederum, welcher den Augenzeugenberichten eine besondere Glaubwürdigkeit verleiht: man pflegt ja gerne hervorzuheben, daß der oder jener Zeuge besonders unverdächtig sei, weil er sich nie durch lebhafte Phantasie oder Leichtgläubigkeit hervorgetan, sondern im Gegenteil sich stets durch ein kühles Urteil und durch kritische Vernunft ausgezeichnet habe. Gerade in solchen Fällen muß das Unbewußte zu besonders drastischen Maßnahmen greifen, um seine Inhalte wahrnehmbar zu machen. Dies geschieht am eindringlichsten durch Projektion, das heißt Hinausverlegen in ein Objekt, an dem dann das erscheint, was zuvor das Geheimnis des Unbewußten war.”(Jung, 1958/1992, S. 21)
“Persönliche Verdrängungen und Unbewußtheiten offenbaren sich an der nächsten Umgebung, dem Verwandten- und Bekanntenkreis. Kollektive Inhalte dagegen, wie zum Beispiel religiöse, weltanschauliche und politisch-soziale Konflikte, erwählen sich entsprechende Projektionsträger, wie die Freimaurer, Jesuiten. Juden, Kapitalisten. Bolschewisten, Imperialisten usw. In der Bedrohlichkeit der heurigen Weltsituation, wo man einzusehen anfängt, daß es ums Ganze gehen könnte, greift die projektionsschafiende Phantasie über den Bereich irdischer Organisationen und Mächte hinaus in den Himmel, das heißt in den kosmischen Raum der Gestirne, wo einstmals die Schicksalsherrscher, die Götter, in den Planeten ihren Sitz hatten.”(Jung, 1958/1992, S. 21)
Zitate von C.G. Jung über Archetypen und das kollektive Unbewusste
“Die Inhalte des persönlichen Unbewussten sind in der Hauptsache die sogenannten gefühlsbetonten Komplexe, welche die persönliche Intimität des seelischen Lebens ausmachen. Die Inhalte des kollektiven Unbewussten dagegen sind die sogenannten Archetypen.”(Jung, 1934/2018, S. 8)
“Seit der Entdeckung des empirischen Unbewußten ist die Psyche, und was in ihr geschieht, eine Naturtatsache und nicht mehr eine willkürliche Meinung, was sie wohl wäre, wenn sie ihre Manifestation der Absicht eines bodenlosen Bewußtseins verdankte. Das Bewußtsein mit seiner kaleidoskopischen Beweglichkeit ruht aber, wie wir dank der Entdeckung des Unbewußten wissen, auf der sozusagen statischen oder wenigstens hochkonservativen Grundlage der Instinkte und deren spezifischen Formen, den Archetypen.”(Jung, 1958/1992, S. 56)
“Es ist unumgänglich, die Produkte des (kollektiven) Unbewußten, das heißt die Bilder, die einen unverkennbar mythologischen Charakter aufweisen, in ihren symbolgeschichtlichen Zusammenhang einzureihen, denn sie bilden die Sprache der angeborenen Psyche und ihrer Struktur und sind keineswegs, was ihre Anlage anbetrifft, individuelle Erwerbungen.”(Jung, 1958/1992, S. 44)
“Wo immer es sich um archetypische Gestaltungen handelt, führen personalistische Erklärungsversuche in die Irre. (…) Die symbolgeschichtliche («amplifizierende») Behandlung ergibt ein Resultat, das zunächst wie eine Rückübersetzung in primitive Sprache anmutet.”(Jung, 1958/1992, S. 44)
Fußnote: ” Ich muß hier den Leser bitten, dem landläufigen Mißverständnis, daß diese Hintergründe «metaphysisch» seien, nicht Raum zu geben. Diese Auffassung ist eine grobe Fahrlässigkeit, die sich auch akademische Geister zuschulden kommen lassen. Es handelt sich vielmehr um Instinkte, die nicht nur das äußerliche Verhalten, sondern auch die psychische Struktur beeinflussen. Die Psyche ist keine willkürliche Phantasie, sondern eine biologische Tatsache, welche den Lebensgesetzen unterworfen ist.”(Jung, 1958/1992, S. 56)
Das Rationale als Gegenspieler des Unbewussten / Archetypen
” Diese Welt der Hinrergründe erweist sich als Gegenspieler des Bewußtseins, welches vermöge seiner Beweglichkeit (Lernfahigkeit) öfters in Gefahr steht, seine Wurzeln zu verlieren. Infolge dieser Erfahrung haben die Menschen seit unvordenklichen Zeiten sich genötigt gesehen, Riten auszufuhren, welche den Zweck haben, die Mitarbeit des Unbewußten zu sichern. In einer primitiven Welt wird keine Rechnung ohne den Wirt gemacht; man erinnert sich stets der Götter, der Geister, des Fatums und der magischen Eigenschaften von Ort und Zeit, in der richtigen Erkenntnis, daß der alleinige Wille des Menschen nur den Bruchteil einer ganzheitlichen Situation darstellt. Das Handeln des ursprünglichen Menschen hat einen Ganzheitscharakter, von dem sich der Zivilisierte als von einer überflüssigen Belastung freizumachen versucht. Es scheint auch ohne sie zu gehen.”(Jung, 1958/1992, S. 56–57)
“Nur Bruchteile eines Promilles der Bevölkerung lassen sich durch Überlegungen belehren. Alles andere besteht aus der Suggestivkraft der Anschaulichkeit.”(Jung, 1958/1992, S. 55)
“Vermehrte Kenntnis des Unbewußten bedeutet soviel wie erweiterte Lebenserfahrung und größere Bewußtheit und beschert uns daher anscheinend neue, ethische Entscheidung fordernde Situationen. Diese waren zwar immer schon vorhanden, wurden aber intellektuell und moralisch weniger scharf erfaßt und oft nicht ohne Absicht im Zwielicht gelassen. (…) Ich habe in meiner langen Erfahrung keine Situation angetroffen, die mir eine Verleugnung der ethischen Prinzipien oder auch nur einen Zweifel in dieser Hinsicht nahegelegt hätte; im Gegenteil haben sich mit zunehmender Erfahrung und Erkenntnis das ethische Problem verschärft und die moralische Verantwortlichkeit gesteigert. Es ist mir klargeworden, daß im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung das Unbewußtsein keine Entschuldigung darstellt, sondern vielmehr ein Vergehen ist in des Wortes eigentlicher Bedeutung.”(Jung, 1958/1992, S. 68–69)
Parapsychologie, Empirie und Wissenschaft
“Abgesehen von Kollektivvisionen gibt es aber auch Fälle, wo eine bis mehrere Personen etwas sehen, das physisch nicht vorhanden ist. So war ich einmal bei einer spiritistischen Sitzung zugegen, wo von den anwesen- den fünf Beobachtern vier einen kleinen mondartigen Körper über dem Abdomen des Mediums schweben sahen und mir als dem fünften, der nichts sah, genau die Stelle bezeichneten, wo er zu sehen war. Es war ihnen schlechterdings unbegreiflich, daß ich nichts dergleichen sehen konnte.” S.14
“… es gibt parapsychologische Erfahrungen, die heutzutage nicht mehr unter den Tisch gewischt werden können, sondern bei der Beurteilung psychischer Vorgänge mitberücksichtigt werden müssen.”(Jung, 1958/1992, S. 40)
Natur und Speculative Fiction
“Es erscheint ein rundes «metallenes Gebilde», das als «fliegende Spinne» charakterisiert wird. Dieser Beschreibung entspricht das Ufo, Was die Bezeichnung als «Spinne» betrifft, so ist an die Hypothese zu erinnern, daß die Ufos eine Art von Insekten seien, die von einem anderen Planeten stammen und ein metallisch glänzendes Gehäuse besitzen. Eine Analogie dazu wären die ebenfalls metallisch aussehenden Chitinpanzer unserer Käfer. Jedes Ufo sei ein einzelnes Tier. Bei der Lektüre der zahlreichen Berichte ist, wie ich gestehen muß, mir selber auch der Gedanke gekommen, daß das eigentümliche Verhalten der Ufos am ehesten an das gewisser Insekten erinnere. Und wenn man schon über eine solche Annahme spekulieren will, so besteht die Möglichkeit, daß unter entsprechenden Lebensbedingungen die Natur auch imstande wäre, ihr «Wissen» noch in anderer Richtung als derjenigen der physiologischen Lichterzeugung und dergleichen mehr zu betätigen, zum Beispiel in Autigravitation. Unsere technische Phantasie hinkt ja sowieso öfters derjenigen der Natur nach. Alle Dinge unserer Erfahrung unterliegen der Gravitation bis auf die eine große Ausnahme, die Psyche. Sie ist sogar die Erfahrung der Gewichtlosigkeit selber. Das psychische «Objekt» und die Gravitation sind unseres Wissens inkommensurabel. Sie scheinen prinzipiell verschieden zu sein. Die Psyche repräsentiert den einzigen uns bekannten Gegensatz zur Gravitation. Sie ist eine Antigravitation im eigentlichen Sinne des Wortes. Wir können zur Bestätigung dieser Überlegung auch die Erfahrungen der Parapsychologie heranziehen, wie zum Beispiel die Lévitation und andere, Zeit und Raum relativierende, psychische Phänomene, die nur noch von Unwissenden geleugnet werden.(Jung, 1958/1992, S. 62–63)
Literaturverzeichnis
Jung, C. G. (1992). Geheimnisvolles am Horizont (Von Ufos und Außerirdischen). Olten und Freiburg, Walter-Verlag. (Original work published 1958)
Jung, C. G. (2018). Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. In L. Jung (Hrsg.), Archetypen: Urbilder und Wirkkräfte des kollektiven Unbewussten (S. 8–54). Patmos Verlag. (Original work published 1934)

Oct 10, 2024 • 1h 9min
EGL062 Die Zukunft der Filmwirtschaft mit KI
Wir sprechen über KI-getriebene Transformation in der Filmindustrie und potenzielle Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Kreativität und Machtstrukturen.
Wir starten unsere Episode an der Schönhauser Allee und Micz kommt gleich auf die neurologische Verschränkung vom Gesagtem/Gehörtem mit dem gelaufenen Weg zu sprechen – eine unserer Gründungsintentionen von "Eigentlich Podcast". Flo bestätigt, dass er beim Abstieg im Geröllfeld noch die Stimme von Joscha Bach gehört hat, als er vor zwei Wochen über die Birkkarspitze im Karwendel gelaufen ist. Und warum? Micz und Flo sind die Strecke 2018 gelaufen und haben dabei die Episode 42 des Podcasts "Alternativlos" gehört. Diese Strecke hat sich so sehr neurologisch eingebrannt, dass sie als Referenzstrecke für den Eigentlich Podcast gilt. Flo ergänzt noch zu seiner letzten Episode "EGL060 The Zone of Interest", dass der Regisseur Jonathan Glazer das Ehepaar Höß aus der Perspektive eines sozio-anthropologischen Blicks inszeniert hat. Das heißt, die Personen Höß werden in einen höchst individuellen Raum entwickelt und Glazer nähert sich mit diesem Winkel der Geschichte an, ohne die andere Seite der Mauer des Konzentrationslagers zu zeigen, hinter der ein gesichtsloses, kollektives Morden passiert. Aus einer qualitativen Beobachtung einer Situation können allgemeine Rückschlüsse gezogen werden, um die Anfälligkeit unserer heutigen Gesellschaft zu demonstrieren. Flo war noch mal wichtig zu betonen, was für ein Kunstwerk Glazer mit "The Zone of Interest" geschaffen hat, bevor er zum eigentlichen Thema übergeht: "Wie in der Filmwirtschaft in Zukunft generative KI zum Einsatz kommt." Anlass war der Geburtstag eines Freundes, auf dem sich Flo mit einem Bekannten aus der Filmwirtschaft unterhalten hat. Viele Kolleg:innnen in seinem Gewerk als Beleuchter machen sich Gedanken über die Zukunft in der Filmwirtschaft. Und das zu Recht, wie die kürzlich erschienene Studie "KI-Nutzung in der Filmwirtschaft" der Hochschule Macromedia aus qualitativen Befragungen zum Schluss kommt. Darüber sprechen wir und auch über die Potenziale des Einsatzes von KI für den Independent-Film oder das Theater.
Shownotes
Links zur Laufstrecke
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Birkkarspitze – Wikipedia
Alternativlos! 42
Links zur Episode
The Zone of Interest (Film) – Wikipedia
Nacht und Nebel (Film) – Wikipedia
Alain Resnais – Wikipedia
Hanns Eisler – Wikipedia
KZ Auschwitz-Birkenau – Wikipedia
Was ist der sozial-kulturanthropologische Blick?
Computational photography - Wikipedia
Praxisnah im Bachelor und Master - Hochschule Macromedia
OPUS 4 | KI-Nutzung in der Filmwirtschaft
Death Proof – Todsicher – Wikipedia
Diamond Age – Wikipedia
Neal Stephenson – Wikipedia
Uncanny Valley – Wikipedia
More absolutely INSANE results with the "Loopy" lipsync model
https://loopyavatar.github.io/
Mitwirkende
Florian Clauß
(Erzähler)
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Studie „KI-Nutzung in der Filmwirtschaft“
Eine Befragung zu Stand und Perspektiven unter Führungskräften der deutschen Filmwirtschaft / Herausgeber Hochschule Macromedia / Veröffentlichung 01.06.2024
Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Filmwirtschaft lässt tiefgreifende Veränderungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg erwarten. Diese erstrecken sich von der Stoffentwicklung bis hin zur Distribution. Eine jüngst durchgeführte Befragung von Führungskräften der deutschen Filmindustrie lässt erkennen, dass Brancheninsider davon ausgehen, dass KI in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen wird. Diese Entwicklung birgt sowohl enorme Chancen als auch erhebliche Herausforderungen, insbesondere in den Bereichen Arbeitsmarkt, kreative Prozesse und ethische Fragestellungen.
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass KI insbesondere in der Pre- und Postproduktion in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen wird. In diesem Zusammenhang werden insbesondere Automatisierungen in der Synchronisation, beim Dubbing und bei der Untertitelung dazu beitragen, die Kosten und den Zeitaufwand erheblich zu senken. Des Weiteren werden von den befragten Führungskräften Potenziale in der Marktforschung und Zielgruppenanalyse identifiziert. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die genannten Bereiche in den kommenden zehn Jahren nahezu vollständig von KI übernommen werden könnten. Dies würde eine präzisere Analyse der Zuschauerpräferenzen und eine Optimierung von Marketingstrategien ermöglichen. Dennoch zeigen sich die Unternehmen hinsichtlich der vollständigen Übernahme kreativer Aufgaben durch KI zurückhaltend. Die Mehrheit der Führungskräfte prognostiziert, dass KI frühestens in einem Zeitraum von 15 bis 20 Jahren in der Lage sein wird, kreative Inhalte in einer Qualität zu erzeugen, die der menschlichen Konkurrenz ebenbürtig ist.
Die fortschreitende Automatisierung wirft jedoch auch die Frage auf, wie sich der Arbeitsmarkt in Zukunft entwickeln wird. Es wird prognostiziert, dass bis 2038 etwa die Hälfte der Arbeitsplätze in der Filmbranche durch KI ersetzt wird. Dies betrifft insbesondere manuelle und repetitiv ausgeführte Aufgaben wie den Schnitt, die Farbkorrektur sowie visuelle Effekte. Gleichzeitig manifestieren sich jedoch auch neue Rollen und Berufsfelder, die sich auf den Einsatz und die Steuerung von KI in der Filmproduktion konzentrieren. Insbesondere Großunternehmen investieren bereits in KI-Abteilungen, während kleinere und mittlere Unternehmen auf fertige KI-Lösungen setzen, um ihre Prozesse zu optimieren.
Die Entwicklung virtueller Schauspieler sowie fotorealistischer Animationen stellt einen weiteren wichtigen Aspekt in der KI-unterstützten Filmproduktion dar. Es stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung als Bedrohung oder als Chance zu betrachten ist. Ein besonders spannendes Feld in der KI-unterstützten Filmproduktion ist die Entwicklung virtueller Schauspieler. Die Studie prognostiziert, dass fotorealistische Animationen innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre von menschlichen Darstellern kaum noch zu unterscheiden sein werden. Diese Entwicklung könnte insbesondere in Low-Budget-Produktionen und Independent-Filmen eine signifikante Rolle spielen, da digitale Schauspieler kostengünstiger und vielseitiger einsetzbar sind. Dennoch wird die vollständige Akzeptanz von KI-generierten Filmen durch das Publikum erst ab dem Jahr 2040 erwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen sowohl technische als auch ethische Fragestellungen, beispielsweise im Hinblick auf Authentizität und Urheberrecht, erörtert und beantwortet werden.
Die Einführung von KI in der Filmwirtschaft wirft auch ethische Bedenken auf, die es zu adressieren gilt. In einer Umfrage unter Filmschaffenden gaben über 60 % der Befragten an, dass Fragen der Verantwortung und mögliche Diskriminierung wesentliche Hindernisse darstellen. Des Weiteren wird die Haftung im Kontext KI-basierter Produktionen von einem Großteil der Befragten als problematisch erachtet. 80 % der Umfrageteilnehmer fordern die Entwicklung internationaler Standards für den Einsatz von KI. Dies würde nicht nur zu einer rechtlichen Klarheit führen, sondern auch das Vertrauen der Rezipienten in KI-gestützte Filme stärken.
Die Filmwirtschaft sieht sich folglich mit einer entscheidenden Weichenstellung konfrontiert. Künstliche Intelligenz eröffnet immense Möglichkeiten, birgt jedoch auch erhebliche Risiken, die sorgfältig abgewogen und reguliert werden müssen. Diesbezüglich ist zu konstatieren, dass sichergestellt werden muss, dass technologische Innovationen sowohl die Kreativität als auch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Branche unterstützen.

Sep 26, 2024 • 58min
EGL061 KI Reality Check: Vom Produktdenken zum Prozesspartner
"Add one egg!" - Bill Schlackman, Psychologist (In: Century of the Self)
Über eineinhalb Jahre nach unserer letzten Episode zur Künstlichen Intelligenz scheint es an der Zeit, das Thema wieder einmal anzufassen. Wir stellen beim Abgleich fest, dass wir früher viel mehr auf das Produkt fixiert waren und den Prozess dahin ignoriert haben. Doch genau da hat die KI längst die Fäden in der Hand - oder unsere Hände eingefädelt? Wir sind entspannter und vielleicht damals einfach mal wieder dem Kulturpessimismus auf den Leim gegangen, der bei jeder technischen Neuerung skeptisch aus seiner Komfortzone lugt? War die Panik vor der KI am Ende nicht doch die gleiche wie damals vor dem Internet, als Schulen schon befürchteten schließen zu müssen, weil doch alles im Internet kopiert werden könne? Die gleiche Angst wie vor Gutenbergs Buchdruckmachine? Oder der Kassette, mit der man angeblich die Musikindustrie zerstören konnte? Natürlich haben wir keine endgültige Antwort parat. Aber immerhin haben wir unsere Setups mit KI im Alltag durchgespielt und sind zu dem nicht ganz revolutionären Schluss gekommen: Am besten fährt man, wenn man sich die Zügel nicht aus der Hand reißen lässt, das Produkt als eigenes festhält und die KI bloß als nützlichen Assistenten betrachtet.
Shownotes
Links zum Laufstrecke
EGL061 | Wanderung | Komoot
Links zur Episode
"Catching crumbs from the table" by Ted Chiang nature, Published: 01 June 2000
"Die Bibliothek Von Babel" by Jorge Luis Borges auf archive.org
"ChatGPT is bullshit" by Michael Townsen Hicks, James Humphries & Joe Slater, Published: 08 June 2024 Open access
Trump - "They're Eating the Dogs" matched up perfectly to the Peanuts Theme Song
"Add One Egg" in Century of the Self
Amazon Is Listening: How to Review and Delete Your Alexa History
"Ich hab's gemacht" Knack und Back Werbung aus den 1980ern
Warum der Buchdruck einmal fast verboten wurde auf WELT.de
Mitwirkende
Micz Flor
(Erzähler)
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Florian Clauß
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KI Revisited. Wir besuchen unsere Episode vom Februar 2023 noch einmal, um heute neu zu reflektieren, wie künstliche Intelligenz jetzt in unserem Alltag angekommen ist. Technologiepessimismus ist auch für uns nichts Neues und wir leuchten noch einmal auf die Sorgen von damals. Damals. Damals hatten wir schon den Schriftsteller Jorge Luis Borges und seinen Text „Die Bibliothek von Babel“ in der Episode, haben aber einen Link nicht herstellen können, der uns jetzt erst klar wird: Chat GPT ist wie eine solche Bibliothek: alle Texte gibt es schon. Irgendetwas wird schon passen. Und die angelernte Maschine generiert etwas, das es sowieso schon geben könnte.
Der große Unterschied: Chat GPT erschafft eine Gegenwart aus dem Vergangenen, aus dem, was schon beim Lernen aufgesaugt werden konnte. Bei Borges hypothetischer Bibliothek sind alle zukünftigen Erfindungen und Neuerungen auch schon im Regal.
Wie zukunftsfähig sind die Netzwerke?
Da können wir an Ted Chiang anknüpfen, der in „Catching Crumbs from the Table“ über eine KI schreibt, die die Menschen längst abgehängt hat. Und die Menschen versuchen die Texte der Maschinen zu deuten. Verstehen ist nicht mehr möglich. Diese Zukunft ist auch schon in der „Bibliothek von Babel“ gegenwärtig. Wir würden sie aber genauso wenig verstehen, wie wenn wir jemandem von vor hundert Jahren sagen würden: „Brenn doch den Folder auf CD“. Und jemand in hundert Jahren würde das wohl auch nicht mehr verstehen…
Die Kontinuität von Wissen und Kultur
Chiangs Text spielt gedanklich mit einer Zukunft, in der Maschinen und Menschen nicht mehr verbunden sind. Wahrheit und Wissen wird von Maschinen in rasender Geschwindigkeit erstellt. Die Menschen kommen nicht mehr mit. Betrachten wir dies aus „unserer“ menschlichen Perspektive, dann ist fraglich, ob das in diesem Extrem passieren. Wie notwendig bleibt die Kontinuität in der kulturellen Entwicklung?
Bleiben wir bei dem obigen Beispiel einen „Folder“ auf eine „CD“ zu brennen. Vor hundert Jahren versteht niemand diese Aufforderung. Und selbst, wenn mit diesem Wunsch eine Anleitung für die Herstellung einer CD und eines CD-Brenners beigefügt wäre, ist es nicht möglich, diese Anforderung umzusetzen. Es fehlt nicht nur die Einbettung in das Wissen, sondern auch die Umgebung, die z.B. die Herstellung der Geräte ermöglicht. Ganz zu schweigen davon, dass es auch erst einmal einen „Computer“ geben müsste, auf dem ein solcher „Folder“ wäre, der dann auch noch etwas beinhalten würde, was es zum „Brennen“ gäbe.
Nicht nur technisch, auch kulturell ist eine solche Einbettung und die daran gebundene Kontinuität der Entwicklung notwendig. Beispielhaft gefragt: in welchem Jahr hätten die Beatles ihre Karriere starten können und hätten die gleiche Popularität erlangt, die wir heute kennen? 1254? 2456? 5?
Buchdruck war auch einmal ein Schreckgespenst
Diese Skepsis gegenüber neuen Technologien findet sich auch in der Geschichte des Buchdrucks, der im 15. Jahrhundert fast verboten worden wäre, weil man befürchtete, dass er mehr Schaden als Nutzen bringe. Klingt vertraut, oder? Vielleicht ist unsere Angst vor KI genauso unbegründet wie die vor dem Buchdruck. Oder ist es doch anders?
Ist die Angst vor KI also einfach nur der altbekannte Kulturpessimismus, der bei jeder technischen Innovation aus den Untiefen unserer Gewohnheiten auftaucht? Michael Townsen Hicks und seine Kollegen stellen in ihrem Artikel „ChatGPT is Bullshit“ genau diese Frage. Denn sie weiß nicht was sie tut.
In der Werbung für Knack und Back in den 1980ern hieß es schon: „Ich hab’s gemacht!“
Da spricht nicht die menschliche Kontrolle, sondern der Stolz. Micz (Flo nicht so richtig) ist der Meinung: wir sollten versuchen uns mit dem Prozess so tief zu verbinden, dass das Ergebnis noch immer „unseres“ ist.
Micz zitiert hier das berühmte „Add One Egg“-Prinzip aus der Dokumentation „Century of the Self“ (siehe Shownotes).


