

Archivradio – Geschichte im Original
SWR
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog
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Apr 7, 2017 • 5min
Werner Maihofer und Otto Schily zur GSG9 und zum Tod der Terroristen | 19.10.1977 | RAF
Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski über die "Landshut"-Entführung
Der Beitrag deckt zwei kurz aufeinander folgende Pressekonferenzen in Bonn ab und beginnt mit der zweiten. Hier sprachen Innenminister Werner Maihofer, Lufthansa-Chefpilot und Vorstandsmitglied Werner Utter und der Vermittler im Geiseldrama von Mogadischu, Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski über die Befreiung der Geiseln.
Wischnewski erklärte nach Aussagen des Reporters, er sei schon in Dubai mit Scheich Mohammed, dem Verteidigungsminister der Vereinigten Emirate, übereingekommen, eine "polizeiliche Lösung zu finden". Diese sei aber durch den vorzeitigen Abflug der Maschine aus Dubai vereitelt worden. Als er in Mogadischu bereits mit dem Staatspräsidenten sprach, sei er unter Zeitdruck geraten, denn die Sondermaschine der GSG 9 kreuzte bereits 4 Stunden über dem Gebiet, bis sie endlich eine Landeerlaubnis erzielt. Dann sei umgehend die Aktion der 28 in zivil gekleideten Grenzschutzsoldaten angelaufen.
Hans-Jürgen Wischnewski im O-Ton
"Um 0 Uhr 5 dann drangen die Kräfte auf das Stichwort ‚Feuerzauber’ in die Maschine ein, unter Führung des Kommandeurs. Um 0 Uhr 6 heftiger Widerstand im Cockpit durch zwei Terroristen. Beide wurden sofort ausgeschaltet. Ein weiterer Terrorist eröffnete dann im 1. Klasse-Compartment das Feuer auf die von vorne und vom Heck vorströmenden Einsatzkräfte. Und obwohl dieser Terrorist durch zwei Schüsse getroffen wurde, schleudert er dann noch eine Handgranate in Richtung Heck. Diese explodiert unter einem Sitz, und nachdem dieser Terrorist durch weitere Schüsse getroffen wurde – daran mögen Sie die ganze Brutalität dieser Auseinandersetzung abmessen –, zündet er noch im Fallen eine weitere Handgranate, die mehrere Geiseln geringfügig an den Füßen verletzt. Als auch dieser Terrorist ausgeschaltet war, öffnet plötzlich aus der Bugtoilette durch die Tür ein weiterer Terrorist – wie später festgestellt wurde, eine Terroristin – das Feuer auf die GSG 9-Kräfte. Auch dieser letzte Terrorist wurde dann ausgeschaltet. Um 0 Uhr 7 beginnt nach dieser polizeilichen Auseinandersetzung die Evakuierung vom Heck her, während vorn im Cockpit noch gekämpft wird. Es kam alles darauf an, vor allem angesichts einer möglicher Weise drohenden Sprengung, die Passagiere so schnell wie möglich aus dem Flugzeug herauszubringen."
Reporter deutet an, Otto Schily habe Zweifel an der Selbstmordtheorie
Der Moderator fragt den zweiten Reporter, der die Pressekonferenz der Anwälte von Baader, Ensslin und Raspe beobachtet hatte, die Obduktionsergebnis aus Tübingen seien den Anwälten zur Zeit der Pressekonferenz wohl nicht bekannt gewesen, sie hätten also nicht gewusst, dass es sich um Selbstmorde gehandelt habe? "Sie sagen es", antwortet der Reporter. In seinem kritisch kommentierenden Bericht nennt er als Sprecher der fünf Anwälte Otto Schily. Dieser habe während der 1 ½ Stunden "durchgehend mit den Vokabeln 'vielleicht', 'denkbar', 'möglich' und mit Informationen aus zweiter Hand operiert. "Seine Darstellungen liefen unterschwellig darauf hinaus", so der Reporter, dass es keine Selbstmorde waren. Auf die Frage eines Journalisten, wenn es Mord war, warum dann "die Möller" am Leben geblieben sei, habe Schily keine Antwort gegeben. Stattdessen hätten die Anwälte darauf hingewiesen, dass Geheimdienste Zutritt zu den Gefängnissen hätten.
Otto Schily, Verteidiger von Gudrun Ensslin, im O-Ton
"Wir wissen zum Beispiel auch nicht, wie sich eigentlich die Gefangenen zu dieser Entführung der Lufthansa-Maschine verhalten haben, was sie eigentlich davon gehalten haben. Man soll, wenn man nicht vorschnell mit seinen Gedanken ist, doch auch einmal die Überlegung einbeziehen, ob diese Gefangenen nicht eine solche grausame Tat wie diese Flugzeugentführung abgelehnt hätten, von ihrem Standpunkt aus? Das ist eine denkbare Möglichkeit."
Bundesinnenminister Werner Maihofer hält Fremdeinwirkung für unmöglich
Am Ende des Beitrags kommt Innenminister Maihofer auf der nachfolgenden Pressekonferenz zum Thema Mord/Selbstmord zu sprechen: "Ich halte es nach dem, was mir heute amtlich bekannt geworden ist, für vollständig unmöglich, dass hier eine Fremdeinwirkung stattgefunden hat … Man kann die Perfidie so weit treiben, dass man seine eigene Tötung zur Hinrichtung macht."
Aus der Archivdatenbank
(O-Ton) Werner Maihofer, BM des Inneren: Ablauf der Geiselbefreiung in Mogadischu // (O-Ton) Otto Schily, Verteidiger von Gudrun Ensslin: Zweifel an Selbstmord der Terroristen in Stammheim / Fraglich, ob die Terroristen die Flugzeugentführung unterstützt haben // (O-Ton) Werner Maihofer, BM des Inneren: Ermordung der Terroristen in Stuttgart-Stammheim ist nahezu ausgeschlossen //

Apr 7, 2017 • 1h 39min
Funksprechverkehr mit der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" | 17.10.1977
Genaue Herkunft der Mitschnitte ungeklärt
Die Tonaufzeichnung des Sprechfunkverkehrs zwischen dem Chef der Entführer, Mahmud Shadid, und den Vertretern der somalischen und der Bundesregierung, sind 100 Minuten lang. Dieses im Tower von Mogadischu mitgeschnittene Dokument befand sich auf zwei Tonhandspulen im Archiv des WDR. Die Herkunft ist ungeklärt. Sehr wahrscheinlich kamen die Bänder aus dem WDR-Studio in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt. Die Mitarbeiter des Studios hatten gute Verbindungen zur Schmidt-Regierung. Für das SWR2 Archivradio wurden die Bänder digitalisiert und sind nun in einem Stück zu hören.
Die deutschen Verhandlungspartner (der Polizeipsychologe Wolfgang Salewski, der Interim-Botschafter Michael Libal und andere) verkünden Mahmud Shadid die frohe Botschaft, dass die Bundesregierung eingewilligt habe, die in deutschen Gefängnissen einsitzenden Häftlinge (Baader, Ensslin etc.) freizulassen und nach Mogadischu auszufliegen. Sie seien in Kürze unterwegs, es müsse nur noch ein Flug gechartert werden.
Der Entführer am Funkgerät spricht gegen Ende immer mehr, während die Antworten vom Tower immer magerer werden ("Roger"). In Wirklichkeit mussten die Behörden Zeit gewinnen, damit sich die Sondereinheit GSG 9 dem Flugzeug im Schutze der Dunkelheit unbemerkt nähern konnte. Kurz nach Mitternacht bricht der Mitschnitt des Funkverkehrs ab, die Sondereinheit griff zu, die Geiseln wurden befreit. In derselben Nacht brachten sich die Gefangenen in Stammheim um.Der Originalton ist teilweise schwer verständlicher Sprechfunk und komplett in Englisch. Hier ein rohes Transkript, übersetzt ins Deutsche.
Transkript des Funkverkehrs zwischen Tower und Entführer
2’30Mogadischu Control Tower meldet sich: "Ich soll Sie hiermit darüber informieren, dass bald eine Lufthansa-Maschine mit hohen deutschen Regierungsmitgliedern hier landen wird.“ Mahmud: „Ich habe Forderungen." Tower: "Die müssen Sie der Delegation stellen. So lange müssen Sie warten." – "Vielen Dank."Mahmud entwickelt Anweisungen: "Nur jeweils eine Person der Delegation darf sich dem gekaperten Flugzeug nähern." usw.
7’00Mahmud sagt, solange die deutschen "Kameraden" nicht aus den deutschen Gefängnissen frei sind, gibt es keine Verhandlungen.Michael Libal hält ihn hin. "Melden uns in 5-10 Minuten wieder." Mahmud setzt der deutschen Delegation die Frist von 2 Stunden. General Abdullahi (Polizeichef Somalia) im Tower zu Mahmud: "Die deutsche Regierung hat Ihre Vorbedingung nicht akzeptiert und fordert, dass Sie zunächst die Passagiere und Crew freilassen. Niemand solle leiden." Mahmud: "Wir werden das Flugzeug um 2 Uhr Ortszeit hochgehen lassen, also in 1 Stunde 34 Minuten."13’00: General: "Wir weisen darauf hin, dass Sie hier auf unserem Staatsgebiet landen durften, und wir fordern, dass Sie die Flugzeuginsassen freilassen, und zwar aus humanitären Gründen, weil sie mit dem Fall nichts zu tun haben."Mahmud: "Wir sprengen das Flugzeug in 1 ½ Stunden. Die Geiseln sind nicht normale Menschen, sondern gehören dem Regime Deutschlands an."
19’30Stewardess Gaby Dillmann beschreibt den schlechten Zustand der Geiseln. Sie will ihren Bruder und ihren Vater sprechen. "Bitte helft uns!"
22’00Der somalische Minister of Transport. 2Im Namen des Präsidenten der somalischen demokratischen Republik sagen wir Ihnen: Wir wollen niemanden verletzen. Sie müssen die Geiseln freilassen, dann sehen wir, wie wir Ihnen helfen können." Mahmud: "In 1 Stunde 10 Minuten sprengen wir die Maschine. Das ist meine Nachricht an die Präsidenten.“ Der Minister: „Sie sind Gast in unserem Land, also verhalten Sie sich entsprechend!"29’00: Somalisches Regierungsmitglied: "Wir haben mit der deutschen Delegation gesprochen, sie ist unterwegs, es ist für Deutschland eine schwierige Situation. Wir lassen es nicht zu, dass Sie auf unserem Boden Geiseln töten. Sie müssen die Deadline um mindestens 24 Stunden verlängern."Mahmud: "Wir können jetzt nichts mehr daran ändern. In 27 Minuten sprengen wir. Wir wollen kein Blutvergießen. Aber wenn das westdeutsche Regime unserer Forderung nicht nachkommt, müssen wir so handeln. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wir ziehen am selben Strang, indem wir den internationalen Imperialismus bekämpfen. Wir können mit dem somalischen Präsidenten verhandeln, aber das faschistische imperialistische Deutschland ist etwas anderes."Regierungsmitglied: "Bieten Sie uns Alternativen an!"Mahmud: "„Nur die Nachricht, dass wir die Maschine in 23 Minuten hochgehen lassen."Regierungsmitglied: "Wir haben keine Macht über die Dinge, aber wir können zwischen der Deutschen Regierung und Ihnen versuchen zu vermitteln."Mahmud: „Weil wir nichts von den deutschen Behörden gehört haben, und nach Rücksprache mit meinen Kameraden – denn wir fällen Entscheidungen gemeinsam –, bleibt uns keine Wahl, als die Maschine in 20 Minuten zu sprengen. Schuld am Tod aller wird dann das faschistische imperialistische Deutschland sein.“Tower: "Nachdem Sie in 15 Minuten sprengen wollen, geben Sie uns jetzt eine halbe Stunde extra Zeit, um das Gebiet um das Flugzeug herum zu räumen."Mahmud: "Für das somalische Volk akzeptiere ich diese halbe Stunde, für die deutschen Behörden täte ich das nicht. Fangen Sie mit der Räumung jetzt an, damit ich sehe, dass ich die Deadline auf 30 Minuten verlängere."
40’00Tower: "Jetzt würde ein Deutscher gern mit Ihnen reden. Wären Sie so nett, sich mit ihm zu unterhalten?" Mahmud: "Für das somalische Volk, ja." Walter Marmeid (oder so ähnlich): "Ich habe eine wichtige Nachricht für Sie. Ich werde sehr langsam sprechen. Over." Mahmud: "Vertreter des faschistischen imperialistischen deutschen Regimes, lesen Sie Ihre Nachricht vor!" Deutscher Beamter: "Wir haben hier einen hochrangigen deutschen Politiker, den Staatsminister von Kanzler Helmut Schmidt. Er hatte ein ausführliches Gespräch mit Präsident Siad über die augenblickliche Situation. Verstehen Sie mich soweit?" Mahmud: "Ich kann Sie gut verstehen." Deutscher: "Der Deutsche Kanzler möchte mit Ihnen telefonieren. Aber die Herstellung der Verbindung geht nicht so schnell. Verstanden?" Mahmud: "Verstanden." Deutscher: "Wegen der Kommunikation zwischen seiner Exzellenz in Somalia, unserem Staatsminister und der deutschen Regierung dauert alles. Die beiden Stellen haben aus technischen Gründen noch nicht miteinander sprechen können." Mahmud: "Wenn das nicht innerhalb einer halben Stunde passiert, ist es zu spät." Deutscher: "Warten Sie kurz." Mahmud: "Haben Sie inzwischen alles um das Flugzeug herum geräumt, was dem somalischen Volk gehört?" Tower: "Wir brauchen dafür noch eine halbe Stunde." Mahmud: "Beeilen Sie sich." Tower: "Sagen uns eine halbe Stunde zu!" Mahmud: "Dafür muss ich erst mit meiner Einheit sprechen."
47’00Tower: "Darf ich Sie freundlich bitten, mit einem Repräsentanten der deutschen Regierung zu sprechen?" Michael Libal: "Können Sie mich verstehen?" Mahmud [laut]: "Jetzt reden Sie schon. Ich kann Sie gut verstehen, denn meine Ohren funktionieren noch!" Deutscher: "Die wichtige Nachricht ist, dass die deutschen Gefangenen, deren Freilassung Sie verlangen, aus dem deutschen Gefängnis geholt wurden und jetzt in Fahrzeugen zum Flughafen unterwegs sind, um nach Mogadischu ausgeflogen zu werden. Die Flugzeit ist lang, und sie ist noch länger geworden, wegen Ihrer Aktion hier. Die Gruppe wird frühestens morgen früh hier ankommen. Wenn Sie Nahrung benötigen, teilen Sie es uns mit." Mahmud [wütend]: "Sie vom faschistischen imperialistischen Regime verlangen von mir, Captain Mahmud, Ihnen noch mehr Zeit einzuräumen?" Deutscher: "Genau das verlangen wir, weil die Maschine erst morgen früh ankommen kann." Mahmud: "Wie groß ist die Entfernung?" Deutscher: "Exakt 7000 Meilen." Mahmud: "Sie müssen mir nichts erzählen, denn ich kenne die Entfernung zwischen Mogadischu und Westdeutschland sehr gut."
53’00Mahmud: "Wie viel Uhr ist es jetzt? 5.25 Uhr Ortszeit. Sie verlangen, dass ich die Deadline auf nächsten Morgen 6 Uhr verschiebe?" Deutscher: "Nein, ich sage nur, dass das Flugzeug hierher fliegt, vielleicht kommt es früher an, dann umso besser. Aber wir wissen nicht genau, wann es ankommt." Mahmud: "Wir haben keine Beweise, dass Ihr Flugzeug kommt. Ich sage Ihnen nur: Wenn Sie denken, die Passagiere kommen frei, träumen Sie." Deutscher: "Wir nehmen Sie sehr ernst. 6 Uhr morgen wäre für uns okay."
59’00Tower ruft Mahmud mehrmals, keine Antwort. Dann Mahmud: "Wir haben herausgefunden, dass die Distanz nur 3000 Meilen ist. Wenn ich das richtig ausrechne, ist ein Flugzeug dafür 7 Stunden unterwegs." Deutscher (vermutlich Libal): "Wenn ich Sie recht verstehe, geben Sie uns jetzt 10 Stunden von 14 Uhr GMT? Das wäre dann 3 Uhr 30 (nachts) hier?" Mahmud [rechnet]: "Ja, das wäre dann 3 Uhr 30." Deutscher: "Im Namen der deutschen Regierung bedanke ich mich für die Verlängerung Ihrer Deadline." Mahmud: "Das habe ich nicht für Ihre Regierung getan, sondern für die befreiten Gefangenen. Ich vertraue, vertraue, vertraue Ihnen hier. Verstehen Sie mich?" Deutscher: "Ich kann Sie gut hören, und ich verstehe Ihren Standpunkt. Uns besorgt das Schicksal der Crew und der Passagiere in unserem Flugzeug. Deswegen: Wenn wir Essen, Getränke, Medikamente bringen, etwas für die Hygiene und die Toiletten tun können, teilen Sie es uns mit." Mahmud: "Die Leute liegen hier auf dem Boden, quer über den Sitzen, und wenn das Flugzeug in Stücke fliegt, brauchen sie doch nichts mehr zum Essen!" Deutscher: "Ja, aber in der Zwischenzeit müssen sie doch Hunger und Durst haben." Mahmud: "Wir kümmern uns um die Passiere besser als Ihre deutsche Regierung. Ende."
Offenbar steht hier eine auf dem Mitschnitt nicht enthaltene Forderung der Entführer im Raum, auch in türkischen Gefängnissen einsitzende Terroristen zu entlassen und zusammen mit den deutschen nach Mogadischu zu fliegen.
1’08’00Libal: "Wir müssen Ihnen etwas zur Frage der Gefangenen in türkischen Gefängnissen sagen. Die Bundesregierung hat keine Möglichkeit, Gefangene im Ausland freizulassen. Der Flug aus Deutschland kann allein schon wegen Ihrer engen Deadline nicht über Istanbul erfolgen. Sie können Ihre Geiseln nicht dafür verantwortlich machen, dass die deutsche Regierung keine Gefangenen im Ausland freilassen kann." Mahmud: "Kann ich mit dem türkischen Botschafter sprechen?" Tower: "Warten Sie kurz." Libal: "Wir haben jetzt neue Informationen aus Deutschland. Der Flug mit den Gefangenen ist in der Vorbereitung. Wir können Ihnen den Flugplan, der in Kürze erstellt wird, mitteilen. Außerdem haben wir eine Antwort auf Ihre Frage nach dem türkischen Botschafter. Wollen Sie sie hören?" Mahmud: "Ja bitte." Libal: "Es befindet sich im Moment kein offizieller Vertreter der türkischen Regierung in Mogadischu. Der türkische Botschafter in Somalia ist in Jidda zu Hause. Mit ihm versuchen wir, eine Verbindung herzustellen." Mahmud [müde]: "Ja bitte. Und halten Sie mich auf dem Laufenden über den Flug aus Deutschland."
1’14’00Mahmud: "Können Sie mir den Vertreter des deutschen Regimes geben?" Tower: "Er ist gerade unten, wir rufen ihn." Libal: "Ich hörte, Sie wollten mich etwas fragen? Wir haben die Nachricht, dass um 19.20 GMT eine Maschine aus Deutschland losgeflogen ist und in Mogadischu um 4.08 Uhr GMT landen müsste. Wir erwarten von Ihnen jetzt klare Angaben, wie der Geiselaustausch von statten gehen soll." Mahmud: "Warum dauert das so lang?" Libal: "Sie haben recht, es dauerte länger als erwartet. Es hängt damit zusammen, dass die Gefangenen in verschiedenen deutschen Gefängnissen untergebracht waren und man sie erst aufsammeln musste." Mahmud: "Dann waren ja alle Angaben, die Sie zuvor gemacht haben, völlig falsch." Libal: "Was soll ich Falsches gesagt haben?" Mahmud: "Ihre GMT-Zeiten waren falsch, und ich wusste nichts davon, dass die Gefangenen erst zusammengeführt werden mussten." Libal: "Ich hatte Ihnen gesagt, dass die Gefangenen ausgeflogen werden. Und jetzt haben wir eben Bescheid bekommen, dass die Maschine um 19.20 Uhr in Deutschland gestartet ist." Mahmud: "Sie haben doch gesagt, dass alles für den Abflug bereit war." Libal: "Ich habe nicht gesagt, dass die Gefangenen eingesammelt waren, sondern dass sie erst eingesammelt werden müssen. Wir können von hier aus nicht sehen, was es da an logistischen Hindernissen gegeben hat und müssen auf die Informationen aus Deutschland vertrauen." Mahmud: "Sagen Sie mir nochmal, wann die Maschine ankommt." Libal: "Nach unseren Informationen um 04.08 Uhr GMT." Mahmud: "Ich will noch jemanden von der somalischen Regierung sprechen." Tower: "Warten Sie. General Abdullahi … ist jetzt bereit, mit Ihnen zu sprechen." Mahmud weiß nicht so recht, was er sagen soll, fragt dann nach dem Flugzeug. General: "Hat den Jemen um 19.22 Uhr verlassen."
1’27‘00Libal: "Sie haben mich rufen lassen. Was kann ich für Sie tun?" Mahmud: "Bringen Sie mich bitte aufs Laufende, was den Kontakt zum türkischen Botschafter in Jidda angeht." Libal: "Wir haben das versucht, aber wegen technischer Schwierigkeiten konnten wir bisher niemanden telefisch erreichen." Mahmud: "Übrigens (By the way) bereite ich gerade die Modalitäten für den Gefangenenaustausch vor." Libal: "Sobald das Flugzeug nach der Zwischenlandung in Kairo wieder in der Luft ist, sprechen wir über die Modalitäten des Austauschs." [Etwas später]: "Die Maschine [mit den RAF-Gefangenen] wird Kairo um 23.15 GMT verlassen. Wiederholen Sie das bitte." Mahmud: "Kairo 23.15 Uhr." Libal: "Dann würde ich mit Ihnen jetzt gern besprechen, wie wir den Geiselaustausch handhaben." Mahmud: "Das bespreche ich mit einem somalischen Offizier." Tower: "Der General ist unterwegs und gleich da." Mahmud entwickelt nun Ideen, wozu auch "ein völlig leeres Flugzeug" gehört. Großes Durcheinander im Tower, als würde ihm keiner mehr zuhören. Weiter Monolog Mahmuds.
Nur noch "Roger" kommt aus dem Tower zurück. Dann reißt der Funkverkehr ab.

Apr 7, 2017 • 45min
Aktuelle Berichterstattung zur Entführung der Lufthansa-Boeing "Landshut" | 17.10.1977
Sondersendung unterbricht Abendprogramm des SWF
Mit dieser Abendsendung unterbricht der Südwestfunk um 19.30 Uhr sein laufendes Programm mit einer Sondersendung. Die Moderatoren betonen zu Beginn, dass es nichts wirklich Neues in den beiden Entführungsfällen gäbe und sie mit ihren "geringen Möglichkeiten" informieren wollen, "so gut wir können". "Die Verbindung nach Mogadischu", wo die entführte Lufthansa-Maschine steht, sei "sehr schlecht". Von den Entführern Hanns-Martin Schleyers habe man lange nichts gehört. Man müsse jetzt andere Sendungen verschieben, um Sendezeit für die aktuellen Ereignisse freizuhalten.
Die Dreiviertelstunden-Live-Sendung ist geprägt vom Warten und spärlichen Informationen. Die Ruhe vor dem Sturm.
Verlängertes Ultimatum läuft
Seit sechs Stunden läuft das erneut verlängerte Ultimatum. Seit über 100 Stunden ist die Boeing jetzt entführt. Staatssekretär Hans-Jürgen Wischnewski verhandelt vor Ort. Im Saudi-Arabischen Riad hat Franz Josef Strauß den Prinzen um Hilfe gebeten. Bundeskanzler Helmut Schmidt hat dem somalischen Staatschef in einem einstündigen Telefonat die Gefährlichkeit der elf Terroristen erklärt, die freigepresst werden sollen. Der somalische Informationsminister gab bekannt, die Boing habe sich dem Flughafen am Morgen genähert, ohne sich zu identifizieren. Man hätte sie alternativ nur abschießen können.
Pilot Jürgen Schumann ist tot
Die Leiche, die am Morgen in Mogadischu aus dem Flugzeug geworfen wurde, war vermutlich der Pilot Jürgen Schuhmann. Regierungssprecher Klaus Bölling hatte angedeutet, dass es wohl einen Streit zwischen ihm und den Entführern gegeben habe. Jetzt ist der Co-Pilot der einzige, der die Maschine weiterfliegen könnte. Wie Schuhmann war er bei der Luftwaffe ausgebildet worden.
Hanns-Martin Schleyers Familie erhebt Vorwürfe
Die Kontrollen auf Flughäfen, auch für Charterflüge, sollen verschärft werden. Keine Nachricht und keine Spur von Hanns-Martin Schleyer. Sein ältester Sohn Eberhard hat über den Genfer Anwalt Denis Payot vergeblich versucht, Kontakt mit den Entführern aufzunehmen. Morgen erscheint in einer Tageszeitung ein Appell der Familie an die Entführer. Die Moderatorin liest ihn im Wortlaut vor. Darin wirft die Familie Schleyers der Regierung vor, "immer noch keine Entscheidung gefällt" zu haben. Schleyers zweitältester Sohn Arnd (28) beklagte sich der Deutschen Presseagentur gegenüber, das meiste aus dem Radio und Fernsehen zu erfahren, etwa das Video von ihrem Vater. Das Bundesverfassungsgericht hat am vergangenen Sonntag einen Eilantrag der Familie abgelehnt, die Regierung dazu zu zwingen, auf die Forderungen der Entführer einzugehen.
Einer der drei Korrespondenten im Studio Bonn spricht von "gespenstischen Dimensionen", die der Fall damit angenommen habe. Die Familie Schleyer stelle sich "außerhalb der allgemeinen Solidarität". Er nimmt die Bundesregierung in Schutz: Manche Dinge müssen geheim bleiben. Emotionen dürfen den Fall nicht überlagern.
Ausländische Regierungen erklären Solidarität
Der Moderator fasst Reaktionen des Auslands zusammen: Solidarität der britischen, norwegischen und französischen Regierung mit der Bundesregierung. Der englische Premier musste vor sechs Wochen seinen Besuch wegen der Schleyer-Entführung aufschieben; jetzt soll dieser Besuch trotz Verschärfung der Lage stattfinden. Ein Reporter in Bonn kommentiert, dass er es schon vor sechs Wochen nicht für richtig hielt, dass Schmidt seine Polenreise wegen der Schleyer-Entführung abgesagt habe. Außenminister Genscher, mit dem er selbst in China unterwegs gewesen sei, habe sich "dieselbe Frage gestellt" und trotzdem die Reise fortgesetzt. Gut so, denn "Terroristen wollen ja unser allgemeines Leben auf Null bringen."
Gerüchte und Spekulationen machen die Runde
Die Moderatorin spricht ein Gerücht an, nachdem Schleyer auf einem Schiff vor Frankreich gefangen gehalten wird. Die Kollegen in Bonn zitieren eine Zeitungsschlagzeile, der zu Folge Baader und Ensslin gejubelt hätten, als sie von Entführung hörten. Die haben zu früh gejubelt, kommentiert der Reporter. Freipressungen führten schließlich zu neuen Entführungen: "Die heute Befreiten verüben morgen neues Blutvergießen." Er zitiert dazu den Regierungssprecher, der es für unrealistisch hält, dass Terroristen dort bleiben, wohin man sie ausfliegen lässt. Sie kehren zurück.
Um das weiter zu untermauern, spekuliert ein Kollege in Bonn, die einzige Frau unter den Entführern sei Frau Kröcher-Tiedemann. Diese im Austausch mit dem Berliner Politiker Peter Lorenz freigepresste Terroristin sei also ins alte Metier zurückgekehrt. [Gaby Kröcher-Tiedemann war nicht bei den Entführern der Maschine.]
Weiter wird spekuliert, dass den Schleyer-Entführern von der Schleyer-Familie vermutlich so viel Geld geboten würde, dass die Entführer davon "eine eigene Flugzeuglinie" auf die Beine stellen könnten. Ein anderer Kollege hält die "harte Lösung" für die "einzig richtige". Staatssekretär Klaus Bölling habe zwar eine militärische Lösung abgelehnt. Aber schon die Tatsache, dass GSG-9-Soldaten in die Richtung abgeflogen sind, spreche dafür, dass die Bundesregierung zwar für friedliche Austauschmöglichkeiten eintritt, aber andere Optionen in Betracht zieht. Dann bremsen sich die drei Korrespondenten selbst: "Das sind nur Spekulationen von uns dreien hier in Bonn."
Lufthansa hat Krisenstab eingerichtet
Der Moderator berichtet vom Krisenstab, den die Lufthansa in ihrer Zentrale eingerichtet hat. Man habe dort Erfahrung mit Krisenstäben, denn als 1974 in Nairobi ein Lufthansa-Jumbo abgestürzt war, wurde auch schon ein Krisenstab gebildet. Seit die Lufthansa "Telefonkontakt mit Mogadischu" hat, müssen die Journalisten draußen bleiben. Pilotenvereinigung raten vom Start der Boeing mit nur einem Piloten ab. Andere fordern eine drastische Reduzierung des Handgepäcks.
Die Moderatorin zitiert eine spanische Zeitung, in der ein Hotelier erzählt, dass die Entführer ihr Werk unter falschen Namen in seinem Hotel in Palma/Mallorca geplant hätten. Zwei der Entführer hätten, so ein Kollege in Bonn, ihre Tickets in Menorca gekauft.
Fürbitten und Meinungsumfrage
In Bonn sind inzwischen Angehörige einiger Flugzeug-Geiseln angekommen. Ein Kind mit dem Transparent "Herr Bundeskanzler, ich will meine Mutter wieder haben". Sie wurden empfangen und werden in Bonn übernachten. Die Kirchen fordern zu Fürbitte-Gottesdiensten, morgen um 18 Uhr auf. Einer Meinungsumfrage von Allensbach nach sind 42 Prozent der Deutschen für Nachgeben in den Entführungsfällen, dieselbe Zahl für hart bleiben. Der Psychoanalytiker Mitscherlich meint, den Kindern in der entführten Maschine gehe es vermutlich besser als den Erwachsenen, weil sie am anpassungsfähigsten seien.
Pressereaktionen aus dem Ausland
Ein weiterer Kollege kommt ins Studio und fasst die Pressereaktionen des Auslands zusammen. Der Figaro spricht bei den Terroristen von einem "neuen Faschismus" in Deutschland. Eine schwedische Tageszeitung sieht darin einen 2Abgrund von sinnloser Grausamkeit2. Während die jugoslawische und polnische Presse die Entführungen verurteilt, schweigt die Sowjetpresse darüber. Die DDR-Medien berichten zwar über die Entführungen, verzichten aber auf Kommentare.
Papst Paul VI. bietet sich als Geisel an
Papst Paul VI. schreibt an deutsche Kardinäle: "Wäre es von Nutzen, so würden wir sogar unsere eigene Person anbieten." Die Moderatorin beschließt die Sendung mit der Meldung von 20.10 Uhr, die gerade hereinschneit: Der Papst hat sich den Entführern als Geisel angeboten. Sie schließt mit den Worten: "Wir haben unser Möglichstes getan."

Apr 6, 2017 • 2min
Durchsagen des BKA zur Entführung von Hanns Martin Schleyer | 7.9.1977 | RAF
Durchsagen Bundeskriminalamt
1) Das Bundeskriminalamt teilt den Entführern von Hanns-Martin Schleyer mit: das BKA hat die Nachricht der Entführer erst vor wenigen Augenblicken erhalten. Eine weitere Erklärung folgt.
2) Das Bundeskriminalamt teilt den Entführern von BDI-Präsident Schleyer mit, eine Abspielung des Videobandes ist wegen der verspäteten Übermittlung derzeit noch nicht möglich. Eine weitere Nachricht folgt.
3) ZDF-Moderator verliest Mitteilung des BKA: Das BKA teilt den Entführern von Hanns-Martin Schleyer mit:
a) Das BKA entspricht zunächst Ziffer 1 des Briefes vom 7.9.1977. Falls erwünscht, kann sich eine Person des Vertrauens der Entführer hierüber auf zu vereinbarende Weise überzeugen. Das BKA stellt anheim, diese Person als Kontaktperson zu bestellen, um Unklarheiten durch parallel eingehende Desinformation und hinderliche Zeitverluste zu vermeiden.
b) Weiterhin entspricht das BKA dem Verlangen von Ziffer 5 des Briefes vom 6.9.1977. Dieser Brief wird morgen veröffentlicht werden. Mit dieser Mitteilung, meine Damen und Herren, zum Fall Schleyer ist das Programm des ZDF beendet. Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht.

Apr 6, 2017 • 3min
Attentat auf Hanns Martin Schleyer: Augenzeugenbericht | 6.9.1977 | RAF
Das Attentat auf den Arbeitgeberchef Hanns Martin Schleyer in Köln-Braunsfeld schildert ein Augenzeuge (Herr Schäfer) am Telefon: Er hörte Böllerschüsse, die wie Feuerwerkskörper klangen. Kinder meinten, mein Gott, hört doch mit der Knallerei auf! Dann Garben aus Maschinenpistolen. Pulvergeruch in der Luft. Er blieb starr vor Schreck stehen.
Auch andere Passanten, die gerade aus dem Stadtwald kamen, blieben entsetzt stehen. Der Verkehr in der Friedrich-Schmidt-Straße lief bis dahin noch normal.
Großer Blaumetallicwagen mit Stuttgarter Kennzeichen, querstehendes Fahrzeug, drei Menschen am Boden liegend. Fürchterliche Schreie, man wolle die Polizei rufen. Opfer: Drei Polizisten und der Chauffeur.

Apr 6, 2017 • 10min
Bundesanwaltschaft zur Verhaftung von Ulrike Meinhof | 19.6.1972 | RAF
Der Moderator zitiert einen Kollegen, der Ulrike Meinhof "die intellektuelle Spitzenkraft" der Terroristen nennt und spricht selbst von einem "Anarchistenhaufen".
Aus der Archivdatenbank
Siegfried Buback (Pressesprecher des Generalbundesanwalts): Brief von Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis an Ulrike Meinhof mit Anweisungen und Umständen ihrer Verhaftung gefunden; kann Brief über Personal oder Verteidiger aus U-Haft gelangt sein? Bundesanwalt ermittelt u.a. gegen Otto Schily. Schily war als Verteidiger von Ensslin ausgeschlossen worden. Bewaffnung und 6 Zentner Sprengstoff gefunden, Sprengkörper wurden von Spezialisten hergestellt. Gerhard Boeden (BKA): über Ergebnisse der Ermittlung zwei weitere Festnahmen; Reisepass von Dr. (Dietmar) Höhne (SPK) bei Gerhard Müller gefunden.
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Sendung: "Heute Mittag"Moderator: Gerd SchneiderReporter: Peter "Pit" KleinArchiv des SWR


