

Archivradio – Geschichte im Original
SWR
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog
Episodes
Mentioned books

Dec 21, 2022 • 3min
Ende der Sowjetunion – Ukraine wird Teil der GUS | 21.12.1991
Sowjetunion wird aufgelöst
Nach dem Putsch im August und den Unabhängigkeitsbestrebungen der ehemaligen sowjetischen Republiken ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Noch im selben Jahr, kurz vor Weihnachten, wird die Sowjetunion offiziell aufgelöst.
Auf der Konferenz von Alma-Ata, dem heutigen Almaty in Kasachstan, schließen sich am 21. Dezember 1991 viele der ehemaligen Republiken, darunter die Ukraine, mit Russland zur sogenannten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zusammen.

Dec 20, 2022 • 1h 12min
Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess: Vernehmung | 17.9.1964
Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Römer der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte. Angeklagt waren 23 Mitglieder der Lagermannschaft im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Initiator dieses ersten Auschwitz-Prozesses war der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Ausgangspunkt waren aufgetauchte Erschießungslisten, die Bauer zugespielt worden waren.Ein gut einstündiger Mitschnitt dokumentiert die Vernehmung von Mitgliedern der Fahrbereitschaft. Auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts finden sich zahlreiche weitere Mitschnitte, vom Eröffnungsbeschluss bis zur Urteilsbegründung. Der Prozess dauerte fast zwei Jahre. Die vorliegende Aufnahme entstand ein dreiviertel Jahr nach Prozessbeginn, am 17. September 1964.
Hintergrund: Zeugenaussagen im Strafprozess 1963 bis 1965
Die "Auschwitz-Tonbänder" sind der übrig gebliebene Teil der Tonbandmitschnitte vom 1. Auschwitz-Strafprozess 1963 bis 1965. Das Gericht hat Aufnahmen vor allem von Zeugenaussagen angefertigt, um später Unentschiedenheiten beim Erstellen des Gerichtsprotokolls auszuräumen. Denn die Zeugen waren Überlebende des Vernichtungsterrors und sprachen leise, manche in gebrochenem Deutsch.
Warum ausgerechnet diese zwei Regalmeter an Bändern von einem fast 200 Tage dauernden Marathonprozess übrig blieben, kann auch der Experte für dieses Tonmaterial im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Johann Zilien, nicht erklären.
1960er geprägt von Verdrängung und Wirtschaftswunder
Die Gerichtsverhandlungen fanden Mitte der 1960er-Jahre statt, in einer Zeit des Wirtschaftswunders und der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Konnte der Prozess nur in einem SPD-regierten Bundesland, eben Hessen, stattfinden? Schließlich hatte der damals noch junge CDU-Abgeordnete und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eine Zeitlang die Auseinandersetzung über Auschwitz aus den Rheinland-Pfälzischen Schulbüchern verbannen lassen. Ein beträchtlicher Teil der bundesdeutschen Justiz war damals noch mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt.
Generalstaatsanwalt Fritz Bauer rettete die Tondokumente
In dem Interview spielt der Initiator des Auschwitz-Prozesses, der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, eine zentrale Rolle. Bauer hat die O-Töne gerettet, das Deutsche Rundfunkarchiv digitalisierte sie. Das Fritz Bauer Institut veröffentlichte die Dokumente im Internet. Die Originalbänder lagern gut gekühlt im Keller des Hauptstaatsarchivs.

Dec 20, 2022 • 4min
Westberliner dürfen zu Weihnachten wieder nach Ostberlin | 20.12.1963
Dies erlaubte kurz vor Weihnachten Verwandtenbesuche von Westberlinern im Osten der Stadt. Hier eine Reportage aus Berlin, gesendet im Südwestfunk am 20. Dezember 1963.
Reportage: Helmut Fleischer

Dec 19, 2022 • 22min
Kohl wünscht sich Wiedervereinigung – Rede vor der Dresdner Frauenkirche | 19.12.1989
Kaum war die Mauer gefallen, stand die Frage der Wiedervereinigung im Raum. Es war aber nicht sofort klar, dass und vor allem wie schnell sie kommen würde. Bezeichnend ist die folgende Rede von Helmut Kohl vor den Ruinen der Dresdner Frauenkirche. Kohl spricht zunächst von "konföderativen Strukturen" zwischen den beiden deutschen Staaten, also noch nicht von Wiedervereinigung. Erst in einem Nachsatz schiebt er hinterher, dass sein persönliches Ziel die deutsche Einheit bleibe, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt. Das war gut einen Monat nach dem Mauerfall. Interessant auch die Kluft zwischen dem hörbaren Jubel im Publikum und der Bewertung des Reporters, der am findet, dass es jetzt nicht "die ganz große Rede" war.

Dec 14, 2022 • 23min
Benoît Mandelbrot im Gespräch | 14.12.1999
Benoît Mandelbrot und die "Apfelmännchen"
Der Mathematiker Benoît Mandelbrot hatte nie einen Lehrstuhl – aber er hat eine Ikone der Mathematik geschaffen: Die nach ihm benannte Mandelbrot-Menge, auch Apfelmännchen genannt. Die unendlich filigrane Figur ist ein Paradebeispiel für ein Fraktal. Auch diesen Begriff hat Mandelbrot geprägt.
In den 1980er- und 1990er-Jahren erschienen auch im Dunstkreis der Chaos-Theorie viele populärwissenschaftliche Bücher, die sich die Ästhetik der Fraktale zunutze machten.
Von Mandelbrot gibt es nicht viele Interviews. Doch im Dezember 1999 war Mandelbrot Gast am Zentrum für Kunst und Medien, dem ZKM in Karlsruhe. Dort entstand dieses Gespräch.

Dec 12, 2022 • 4min
Prozessbeginn gegen Reemtsma-Entführer Thomas Drach | 13.12.2000
Entführer von Jan Philipp Reemtsma erpressten 30 Millionen DM Lösegeld
Am 25. März 1996 entführen Thomas Drach und seine Komplizen den Millionär und Tabak-Erben Jan Philipp Reemtsma. Es ist eine der spektakulärsten Entführungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. 33 Tage ist Reemtsma die Geisel von Thomas Drach, dann kommt er gegen 30 Millionen DM Lösegeld frei.
Thomas Drach flieht nach Südamerika. 1998 wird er in Argentinien verhaftet und zwei Jahre später nach Deutschland ausgeliefert.
Thomas Drach gilt als einer der berühmtesten Gewaltverbrecher der Bundesrepublik. Am 13. Dezember 2000 beginnt in Hamburg vor dem Landgericht der Prozess gegen ihn. Nach 15 Verhandlungstagen wird Thomas Drach zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Ermittler finden in Uruguay Lösegeld-Depot mit 459.900 US-Dollar
Er kommt am 21. Oktober 2013 frei und geht ins Ausland. Im selben Jahr finden Ermittler in Uruguay sein vermutlich letztes Gelddepot mit Lösegeld aus der Reemtsma-Entführung. Es enthält 459.900 US-Dollar.
Quelle: SWR W0007751

Dec 10, 2022 • 11min
Heinrich Bölls Nobelpreis-Rede in Stockholm | 10.12.1972
Am 10. Dezember 1972 nimmt Heinrich Böll in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegen. Er ist nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Schriftsteller aus Deutschland, der diese Auszeichnung erhält. Zuletzt hatte Thomas Mann den Nobelpreis 1929 bekommen. Darüber spricht Böll auch in seiner Dankesrede vor dem schwedischen König und den anderen Festgästen.
Der Süddeutsche Rundfunk sendete in seinem Kulturmagazin "Konturen" die komplette Rede. Der vorangestellte Kommentar von Redakteur Horst Tim Lehner verrät dabei einiges über die öffentliche Wahrnehmung. Es wird deutlich, dass der Nobelpreis an Böll in der Bundesrepublik in den konservativen Medien zunächst auf vehementen Protest stieß – der aber bis zur offiziellen Verleihung im Dezember offenbar weitgehend verklungen ist.
Der letzte deutsche Literaturnobelpreisträger vor Heinrich Böll war Thomas Mann. Von der Verleihung an ihn 1929 steht im Archivradio ebenfalls eine berühmte Aufnahme bereit: die legendäre Flüsterreportage von Alfred Braun, die zu den ältesten erhaltenen Radioreportagen zählt.

Dec 5, 2022 • 7min
Schröder will Greencard, CDU will „Kinder statt Inder“ | 20.2. bis 10.3.2000
Ankündigung auf Cebit: Schröder will IT-Fachleute nach Deutschland holen
Anfang der 2000er-Jahre boomt die IT-Branche, die so genannte „New economy“. Doch Deutschland fehlt es an IT-Fachleuten. Die Industrie sieht einen Bedarf von 75.000 zusätzlichen Kräften.
Die Rot-grüne Bundesregierung will deshalb ausländische IT-Fachleute, etwa aus Indien ins Land holen. So kündigt es Bundeskanzler Gerhard Schröder am 23. Februar 2000 an und nutzt dafür eine passende Bühne: Die Computermesse Cebit in Hannover. Dort wirbt er für seine Idee einer Greencard nach US-Vorbild. „Bei uns wird sie halt red-green heißen“, witzelt er.
Rüttgers kontert mit „Kinder statt Inder“ und erntet Protest
Ausländische IT-Fachkräfte anwerben – die Union hält das für den falschen Weg. In Nordrhein-Westfalen, wo gerade der Landtagswahlkampf anläuft, gibt der dortige CDU-Vorsitzende und Spitzenkandidat Jürgen am 9. März die Parole aus „Kinder statt Inder“.
Es hagelt Proteste, Rüttgers wird Rassismus vorgeworfen. Auch wird ihm vorgehalten, in seiner Amtszeit als Bundesforschungs- und „Zukunfts“-Minister zu wenig für den IT-Nachwuchs getan zu haben. Doch Rüttgers verteidigt tags darauf seine Wortwahl im Interview mit SWR1 und gibt die Schuld der Industrie, die zu wenige Fachkräfte ausgebildet habe.
Am selben Tag wird auch erst bekannt, wie die Greencard-Idee konkret umgesetzt werden soll. Sie ist - wegen der zeitlichen Befristung - nicht wirklich vergleichbar mit dem US-Vorbild und bleibt auch hinter den Erwartungen der Wirtschaft zurück.

Nov 28, 2022 • 27min
Hans Magnus Enzensberger über die Probleme politischer Literatur in Deutschland | 25.3.1966
Hans Magnus Enzensberger (1929 - 2022) arbeitete nach dem Krieg bis 1957 als Hörfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, war aber mehr im Hintergrund tätig – im Archiv finden sich keine Aufnahmen mit ihm. Anschließend fing Enzensberger als Autor an, Gedichte und Essays zu publizieren und nahm an den Schriftstellertreffen der "Gruppe 47" teil.
1965 gründete Enzensberger zusammen mit Karl Markus Michel vom Suhrkamp Verlag das "Kursbuch" – eine Kulturzeitschrift, politisch klar im linken Spektrum verortet war und ein wichtiges Organ der 1968er-Bewegung wurde.
Wenige Monate nach Gründung des "Kursbuchs" spricht er im diesem Interview mit Südwestfunkredakteur Alois Rummel über das Thema, das ihn damals so umtreibt: Der Zustand der politischen Literatur in Deutschland.

Nov 26, 2022 • 4min
Psychologie-Pionier Wilhelm Wundt über das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft | 4.5.1918
Wilhelm Wundt – Begründer der Psychologie als eigenständige Wissenschaft
Wilhelm Wundt (1832 - 1920) war derjenige, der im 19. Jahrhundert die Psychologie zu einer eigenständigen Wissenschaft gemacht hat. Er befasste sich mit Phänomenen der Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit. Sein Ansatz war zu versuchen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen physiologischen und psychologischen Vorgängen – also: Was passiert im Körper, wenn wir etwas Bestimmtes erleben?
Seine umfassendste Arbeit aber war ein zehnbändiges Werk über Völkerpsychologie. Der Titel klingt heute irreführend, denn es ging ihm weniger darum, einzelnen Völkern eine bestimmte Psychologie zuzuschreiben als vielmehr um etwas, was man besser als Kulturpsychologie bezeichnen könnte, also zu fragen: Wie entsteht so etwas wie Kultur? Welche Rolle spielen Sprache, gemeinschaftliche Erfahrungen oder Mythen dabei?
Die Psychologie war für Wilhelm Wundt das Paradebeispiel eines Fachs, in dem Philosophie und Wissenschaft zusammenwirken. Genau davon handelt auch ein Vortrag, den er in seiner akademischen Antrittsrede am 31. Oktober 1874 in Zürich gehalten hat.
Mehr als 40 Jahre später, im Mai 1918, hat Wilhelm Wundt die Schlussworte seines Vortrags auf Veranlassung des Sprachwissenschaftlers Wilhelm Doegen noch einmal aufgenommen.
Darin betont Wundt, dass philosophische Erkenntnisse langfristig nur Bestand haben, wenn sie sich auf Wissenschaft stützen. Die Philosophie sei es, die die einzelnen Quellen der Wissenschaft zu einem großen Strom zusammenführe.
Transkript des Vortrags von Wilhelm Wundt
"Die Systeme der Philosophie sind, soweit sie eine bleibende Bedeutung gewonnen haben, nicht müßige Ideenverbindungen einzelner Fälle. Wohl aber sucht die Philiosophie die einzelnen Quellen, die in den Gebieten des Beckens fließen, zu einem Strom zu vereinigen, an dem man nicht den Verlauf der einzelnen Quellen zwar, wohl aber die gesamte Richtung erkennen kann, die sie alle zusammengenommen haben. Darum ist die Geschichte der Philosophie die notwendige Stellvertreterin einer allgemeinen Geschichte der Wissenschaft. *
Das Bewusstsein dieser Zusammengehörigkeit von Philosophie und Wissenschaften ist der jüngst vergangenen Zeit abhandengekommen. Den Einzelgebieten gebührt dafür der geringere Vorwurf, denn Sache der Philosophie ist es, die guten Beziehungen zwischen beiden – zwischen Philosophie und Wissenschaft – aufrechtzuerhalten, indem sie den Einzelgebieten entnimmt, was sie bedarf, die Grundlage der Erfahrung, und indem sie ihnen gibt, was für sie nicht minder notwendig ist: die Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhangs unseres Glücks."


