Carls Café

Michael Carl
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Jan 19, 2023 • 38min

#138 Chris Pyak – Deutschland fehlt der Immigrant Spirit

Deutschland schneidet bei der Attraktivität für internationale Fachkräfte regelmäßig so gut ab wie beim Eurovision Song Contest. Sagt Chris Pyak, der als Karriere-Coach und Buchautor mit etlichen tausend Fachkräften gesprochen hat. Wir haben jahrzehntelang die Hände in den Schoß gelegt und uns einem Traumbild hingegeben. Die Härte und die Unmittelbarkeit, mit der das Problem zuschlagen wird, ist in der öffentlichen Debatte noch überhaupt nicht angekommen. Und das Problem ist: Uns fehlen Menschen. Eine Gesellschaft, die Migration wertschätzt und in ihre DNA aufgenommen hat, ist produktiver, ist fairer, ist wohlhabender. Chris argumentiert: Bis Ende 2025 gehen in Deutschland mehr als 2,1 Mio Menschen mehr in den Ruhestand als von unten nachwachsen. Wir müssen die Lücke schließen, um den Status Quo zu wahren. Und: Wir müssen zusätzliche Kräfte entwickeln, um die zahlreichen Neu-Rentner zu versorgen. Dafür brauchen wir Geld, Ressourcen und Hände. Entweder wir lösen dieses Problem oder wir liegen eines Tages im Altenheim, klingeln - und niemand kommt, weil die Pflegefachkraft abgeschoben wurde und der Softwareentwickler, der das hätte finanzieren können, lieber nach Frankreich oder nach Singapur gegangen ist.Zum Glück informieren sich internationale Fachkräfte nicht den ganzen Tag über Deutschland und bekommen nicht jede der ritualisierten Debatten mit, in denen öffentlich mit rassistischen Stereotypen gespielt wird. Aber eines haben alle verstanden: Dass man besser nicht in den Osten geht, weil dort eine Gesellschaft existiert, die Rassismus toleriert, wo Menschen dunkler Hautfarbe nicht sicher sind. Die Ostdeutschen zahlen heute dafür schon einen hohen Preis. Chris argumentiert: Wenn ich schlecht über Ausländer spreche, dann erniedrige ich doch nicht die anderen, sondern vor allem mich selber. Wir führen immer noch dieselben Diskussionen wie vor 20, 30, 40 Jahren. Diese Debatten offenbaren vor allem, wie schlecht die Politik von den Menschen denkt. Offensichtlich nimmt sie ja an, mit den entsprechenden Reizworten Wähler:innen fangen zu können. Chris vertritt die These: Die meisten Menschen sind nicht so schlecht, wie es den Anschein hat. Sie vergessen nur manchmal, was sie wirklich als Wertefundament haben. Insofern könnte es helfen, nicht jeder Aufgeregtheit zu folgen. Zum Schluss die Frage: Schaffen wir den Turnaround in Deutschland? Chris sagt: Wir sind gerade nach Spanien ausgewandert. Auch eine Antwort. Diese Woche zu Gast in der Zukunft: Chris Pyak, Karriere-Coach für internationale Fachkräfte und Autor des Buch „How to win jobs and influence Germans“ @chris_pyak
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Jan 12, 2023 • 42min

#137 Claus Sauter - Energie muss teurer werden

Ein Podcast, aufgenommen noch vor den Auseinandersetzungen um #Lützerath - und doch wie ein aktuelles Hintergrundstück zur Energie. Claus Sauter ist Gründer und CEO von Verbio. Verbio macht die Energie in Biomasse nutzbar, heute meist als Biokraftstoff, perspektivisch in der chemischen Industrie. Claus sagt: Das Thema Energie haben wir nicht ernst genug genommen. Das war zu lapidar. Wir brauchen eine de-carbonisierte Welt und dafür geht es nicht mit einem „Weiter so!“. Wir brauchen mehr als den Ersatz fossiler Energien durch erneuerbare; wir müssen die Verschwendung beenden. Ein notwendiger Schritt: Energie muss teurer werden. Was fehlt? Der große Plan, der orientierende Rahmen aus der Politik. Und wir müssen unsere Bräsigkeit ablegen, Geschwindigkeit aufnehmen. Claus beschreibt unsere Situation als klares entweder-oder: Entweder wir können nicht auf jeden Rücksicht nehmen - oder wir werden gewaltige Wohlstandsverluste hinnehmen müssen. Als gebürtiger Bayer regt er sich heftig über das dort de facto bestehende Verbot auf, neue Windkraftanlagen zu errichten. Wir ersticken in selbst verursachter Bürokratie. Dabei hat die Politik den Auftrag zum Gestalten. Und wenn künftige Energieversorgung bedeutet, dass wir Teile der Landschaft verspargeln oder verspiegeln, dann muss die Politik hier die Auseinandersetzung und die Konfrontation mit der Bevölkerung suchen. Der Wandel weg von fossilen Energien ist möglich, er ist finanzierbar, er ist technisch gelöst. Wir müssen nur machen. Allerdings haben wir noch nicht einmal richtig angefangen. Der Blick nach vorn: Claus schätzt, dass wir es auch bis 2050 kaum schaffen werden, uns energetisch auf eine neue Grundlage zu stellen. Natürlich könnten wir den Schalter direkt umlegen und bis 2030 Fakten schaffen. Ob unsere Gesellschaft das allerdings aushält? Die Zeit, die wir gebraucht hätten, haben wir in den vergangenen 20 Jahren verschenkt. In dieser Zeit ist nichts geschehen. Die Dramatik der Situation, so Claus’ Einschätzung, ist weder in der Gesellschaft noch in der Politik schon angekommen. Wir nehmen jeden Tag 100 Millionen Fass Öl aus dem Boden plus Gas, plus Kohle - und den größten Teil davon verbrennen wir. Eine Tonne Kohle ergibt verbrannt drei Tonnen CO2. Das kann jede:r begreifen. Wer Kinder hat und das nicht ernsthaft in Frage stellt, handelt verantwortungslos, ist ein reiner Egoist. Solche Leute sind eigentlich verabscheuungswürdig. Sagt Claus. Michael stimmt zu. Diese Woche zu Gast in der Zukunft: Claus Sauter, Gründer und CEO von Verbio
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Jan 5, 2023 • 44min

#136 Olaf Otto Becker – Kunst vs. Kartoffelpüree

Kartoffelpüree oder Tomatensaft auf Kunst - wie ist die Perspektive von Kunst auf die "Letzte Generation" und ihr Bild von Zukunft? Olaf Otto Becker ist Fotograf. In seiner Kunst befasst er sich mit den Spuren des Menschen in der Natur. In vielen Reisen hat er sich damit beschäftigt, wie der Mensch unwiederbringlich Natur schädigt - und was er dabei überhaupt zerstört. Er zeigt Schlachtfelder im Regenwald von Borneo, geschaffen um Platz für Palmölplantagen zu schaffen. Oder das Schmelzen der Gletscher in Grönland. Zum Teil sind das sehr schöne Bilder der Transformation, zugleich schrecklich, wenn man die Entwicklung zu Ende denkt. Und es wird so weitergehen. Diese Aussichtslosigkeit, so Olaf, ist deprimierend und gleichzeitig eine Feststellung, wie die Welt funktioniert. Mein eigenes Verhalten kann ich verändern, aber nicht das Verhalten aller Menschen weltweit. Olaf sagt: Die Verzweiflung der letzten Generation macht traurig. Kartoffelbrei auf Kunst zu werfen, ist an sich eine vollständig sinnlose Tätigkeit. Aber die Verzweiflung dahinter ist echt. Wird das Ziel mit diesen Aktionen damit erreicht? Noch größer gefragt: Ist dem Klima geholfen, wenn das weltweit passiert, wenn alle unsere kulturellen Erzeugnisse zur Zielscheibe von Tomatensaft und Kartoffelbrei werden? Olafs Einschätzung: Ein Kunstwerk wird missbraucht. Sie wird als Geisel genommen, um ein anderes Thema in den Fokus zu bringen. Ob wir nun aber die letzte Generation sind oder nicht: Ganz offensichtlich brauchen wir Menschen ein neu justiertes Bild zur eigenen Rolle in der Natur. Die bisherigen Begriffe und Bilder haben ausgedient. Ein Schlüssel dafür kann Kunst sein, neue Formen des Ausdrucks zu entwickeln, uns zu sensibilisieren, Bilder anzubieten. Wir sind ein Teil der Natur, die uns hervorgebracht hat. Sind aber inzwischen ein so dominanter Teil der Natur geworden, dass sie irgendwann zusammenfallen wird. Wir wachsen wie ein Heuschreckenschwarm, der irgendwann so groß ist, dass er nicht mehr genug Nahrung findet und kollabiert. Ein Gärtner, der für die Hege und Pflege der Erde zuständig wäre, würde uns wahrscheinlich entfernen - oder mindestens stark zurückschneiden. Panik hilft uns nicht weiter. Ein mögliches Bild: Wir brauchen jede: einzelne:n im Sinne der Gemeinschaft, es braucht koordinierte Aktion, die nur Politik und Gesetze bewirken können. Und wenn wir noch mehr werden? Dann müssen wir noch genauer kontrollieren, dass die Vorgaben auch eingehalten werden. Das bedeutet: Wir können uns die Freiheit nicht mehr erlauben, dass jede:r im Prinzip machen kann, was jede:r will. Das Ergebnis ist im Prinzip eine Art von Diktatur. Aber ist das ein positives Bild? Gute Diktatoren gibt es bekanntlich nicht. Aber wenn wir dieses Bild nicht wollen, dann müssen wir überlegen: Was wollen wir dann? Was wären wünschenswerte Bilder? Die Kunst kann hier Bilder hinwerfen und die Diskussion anregen. Und genau diese brauchen wir. Diese Woche zu Gast in der Zukunft:Olaf Otto Becker, Künstler und Fotograf.
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Dec 29, 2022 • 40min

#135 Julia Gámez Martin @ Suchtpotenzial: Unser Wort des Jahres 2023 ist "Mut"

Unsere kleine Silvestertradition: Die Podcastfolge zum Jahreswechsel mit Suchtpotenzial, in diesem Jahr mit Julia. Julias Credo für 2023 ist Mut. Wir brauchen mehr Mut. Und Mut braucht große Schritte, nicht kleine. Dafür ist es Zeit. Mut für Veranstalter:innen bei der Programmgestaltung. Mut bei Künstler:innen, neues auszuprobieren. Mut auch beim Publikum, sich nicht immer dasselbe anzuschauen. Und das gilt darüber hinaus: Mut in der Gesellschaft, zu den eigenen Werten zu stehen. Mut in der Politik, nicht vorschnell vor der ersten quakenden Kleingruppe einzuknicken. Das Jahr 2022 war ein großer Resilienztest. Es gibt zahlreiche Themen, bei denen es wirklich schwer fällt, einen humoristischen Dreh zu finden. Wo steht die Kunst nach drei Jahren Corona? Suchtpotenzial selber haben das Jahr halbwegs gut überstanden. Aber woher kommt der Nachwuchs? Woher kommen neue Gesichter und Stimmen, wenn die Reihen vor den Bühnen leer bleiben? Julia sagt: Wir müssen wirklich ehrlich sein mit dem potenziellen Nachwuchs. Gleichzeitig fehlt es damit an Vielfalt. Wenn es ohnehin eng ist, setzen sich eher die durch, die die breite Masse erreichen, als diejenigen, die hohe Qualität testen, ausprobieren und entwickeln. Solange sich Medien und Öffentlichkeit sich nicht trauen, werden wir uns selbst das kreative Potenzial von morgen abschneiden. Mut würde auch zu mehr Diversität auf Bühnen führen. Die ersten Line-Ups für die großen Festivals 2023 wirkt hier allerdings wie ein Dämpfer. Auch für das neue Jahr sind wieder Festivals angekündigt, die ausschließlich Männer als Headliner aufbieten. Julia und Michael sind im Gespräch nur kurz versucht, ein gewisses Verständnis zu zeigen. Dann aber doch nicht. Was wir nicht mehr sehen wollen: Der nächste herbeigeredete angebliche Skandal, weil wieder jemand angeblich gecancelt wurde. Cancel Culture ist der neue extratiefe Ausschnitt bei der Suche nach Aufmerksamkeit und neuen Fans. Langweilig, abgeschmackt, vorhersehbar. Und die wirklichen Probleme liegen ganz woanders. In Ländern zum Beispiel, in denen freie Meinungsäußerung zu wirklich drastischen Problemen führt. Julias zentraler Wunsch für 2023: Dass sich der Mut der iranischen Frauen als tragfähig erweist; dann können wir alle an Mut glauben. Und der Vollständigkeit halber: Wer Suchtpotenzial noch nicht live gesehen hat, hat definitiv etwas für 2023 vor. Und wer sie schon live gesehen hat, wird es ohnehin noch einmal wollen. Zu Gast in dieser Woche: Julia Gámez Martin, Künstlerin, Comedian und Musikerin. Gemeinsam mit Ariane Müller bildet sie das Duo "Suchtpotenzial".
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Dec 22, 2022 • 1h 3min

#134 Micha Fritz – Viva con Agua: Strukturelles simples sexy soziales Engagement

Diese Woche in der Zukunft: Der Baum ist geschmückt, die jahreszeitlich passenden Melodien erklingen, das ebenfalls jahreszeitlich passende leichte Übergewicht kündigt sich in der Leibesmitte an. Hoffnungslos unterbezahlte, aber dafür ebenso hoffnungslos überlastete Paketboten tragen alles, was der Konsum so hergibt, durch die Gegend. Kurzum: Es weihnachtet. Micha und Micha diskutieren in dieser Folge, wie es um die Welt steht. Wieviel heile Welt bleibt übrig, wenn wir genau hinschauen? Micha Fritz ist einer der Köpfe von Viva con Agua. Er engagiert sich dafür, dass Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Vor 16 Jahren gab es weltweit noch 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Heute sind es immer noch 560 Millionen. Es passiert einiges, aber es ist eben noch lange nicht genug. Viva con Agua hat von Anfang an auf positiven Aktivismus gesetzt. Statt das Leid zu inszenieren und mit Bildern von Unterernährung, Armut und HIV alte Konstrukte zu bedienen, setzt Micha auf die Attraktivität eienr positiven Bewegung. Die erste Veranstaltung von Viva con Agua war eine Lesung: „Penisverletzungen durch Masturbation mit Staubsaugern“, gelesen von Heinz Strunk und Tim Mälzer.Micha sagt: Was Viva con Agua wirklich ausmacht, ist strukturelles simples sexy soziales Engagement. Das Angebot geht über Pfandbecher, das eigene Wasser, ein Kunstfestival im Stadion des FC St.Pauli, eigenes Klopapier, ein Musiklabel und das zukünftige Villa Viva Hotel Projekt. Vor Corona sammelten sie über eine Million Pfandbecher auf allen großen Festivals und ließen sich dabei von etlichen Promis unterstützen. Wir alle kennen das Bild von Clueso der sich auf der Bühne mit Pfandbechern abwerfen ließ. Wasser für Wasser, Klopapier für Toiletten, einfach und simple zu verstehen. Wer vorhat, Viva con Agua zu imitieren: Nur zu. Micha sagt: Fang einfach an, es gibt kein Richtig, es gibt kein Falsch. So etwas wie einen Masterplan gibt es nicht. Dein Plan kann der beste Plan aller Zeiten sein, er wird ohnehin nicht eintreffen. Sei leidenschaftlich und umarme die Menschen, die dir sagen: Das geht nicht. Nimm dich nicht so wichtig und bau das System so Open Source und so divers wie möglich. Hauptsache, du bist nicht die Schnittstelle für alles. Sei transparent, bau dir ein geiles Team und beteilige es. Aber vor allem: Leg los. Dann wird auch Weihnachten.Zu Gast in dieser Woche:Micha Fritz, Conceptual activist for a better tomorrow, Co-Founder of Viva con Agua, Millerntor Gallery, Goldeimer, Villa Viva, Social Entrepeneur
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Dec 15, 2022 • 43min

#133 Wolfgang Cramer – Nur globale Gerechtigkeit sichert unser Überleben

Diese Woche in der Zukunft: Unbequeme Einsichten: Auf gar keinen Fall kann man sich ein langfristiges Überleben der Menschheit vorstellen, wenn die globale Ungleichheit nicht abgebaut wird. Im Moment sprechen wir darüber zu helfen. Als ob es darum ginge. Dabei helfen wir nur, die von uns selbst verursachten Schäden abzufedern. Stattdessen müssen wir über Verantwortlichkeit sprechen. Das sagt Wolfgang Cramer, Geograph und Klimaforscher in Deutschland und Frankreich, seit vielen Jahren einer der Autoren der Weltklimaberichte. Das globale Ungleichgewicht ist seit vierzig Jahren benannt und verschärft sich. Auf der jüngsten Klimakonferenz wurde es mal thematisiert und ein Fonds eingerichtet, allerdings ohne ausreichende Mittel. Das ist eine Frechheit, so Wolfgang. Zur Klimakrise trägt Wolfgang einen gehörigen Pessimismus in sich: Eine Perspektive auf 1,5 Grad existiert schlicht nicht mehr. Ein Fall von selbst Schuld; die nötige Transformation wäre gut machbar, allerdings hätte sie längst begonnen haben müssen. Hat sie nicht. Was ist dann realistisch? Wolfgang betont: Das ist keine wissenschaftliche, sondern rein politische Frage. Wir könnten mehr als wir selber glauben. Aber Wolfgang ist skeptisch. Parallel mindestens so folgenschwer ist die Krise der Biodiversität. Wir verlieren nicht nur Arten, sondern ganze Ökosysteme. Das hat ganz handfeste Folgen für uns selbst, für den Menschen. Wir verlieren die tropischen Korallenriffe und das arktische Seeeis. Allein davon hängen bis zu einer Milliarde Menschen auch ökonomisch ab. Tourismus, Fischerei, Nahrung – wir verlieren einen wesentlichen Teil unserer Nahrungsgrundlage. Dasselbe Bild zeigt sich in der Landwirtschaft. Anders als wir vielfach glauben sichert nicht die hochgezüchtete Monokultur die landwirtschaftliche Produktion. Im Gegenteil. Wir verlieren aktuell das Ökosystem Boden und entziehen damit der Nahrung im wahrsten Sinne die Grundlage. Wir stehen vor erheblichen Konflikten, die national sehr unterschiedlich ausgetragen werden. Wenn der Druck weiter steigt, wie tragen wir diese Konflikte richtig aus? Lassen wir uns ablenken und streiten über Migration oder Kosten oder gelingt es uns, die eigentliche Frage in den Vordergrund zu stellen? Wolfgang sagt: Wir benötigen eine ernsthafte Diskussion, ob wir tatsächlich nur möglichst viele, möglichst große Autos bauen und auf dem ganzen Planeten verkaufen müssen – und dann wird schon alles gut. Das ist der Kern. Wolfgang kommt aus einer Tradition, in der Wissenschaftler:innen einen vollständig neutralen Blick haben müssen. Die Wissenschaft liefert Fakten und überlässt es den gesellschaftlichen Kräften, über die Konsequenzen zu diskutieren. Diese Position empfindet Wolfgang als zunehmend absurd und positioniert sich heute anders. Jede Art von Protest muss gewaltfrei sein. Aber Straßenblockaden oder symbolische Aktionen sind ganz offensichtlich notwendig. Zu Gast in dieser Woche:Wolfgang Cramer, Geograph und Klimaforscher, war lange Professor in Potsdam, forscht und lehrt in Frankreich und ist einer der Mitautoren der Weltklimaberichte
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Dec 8, 2022 • 43min

#132 Ralf Gladis – Wer will morgen schon noch Bargeld?

Diese Woche in der Zukunft: Ralf Gladis ist Gründer und CEO von Computop. Computop? Haben wir alle genutzt, wahrscheinlich sogar diese Woche. Computop ist der führende Payment Service Provider in Deutschland. Wer bislang dachte, die Banken würden das Geld von A nach B bringen: Nein. Über viele Jahre haben zumindest europäische Banken die Entwicklung verschlafen und heute kommen sie kaum hinterher. So schließen andere diese Lücke. Ralf sagt: Bargeld ist für die meisten Menschen heute schon völlig überflüssig, für kleine wie für große Summen. Es ist nicht sicherer und schon gar nicht bequemer als diverse digitale Zahlungsoptionen. Allerdings erinnert Ralf daran: Auch in Europa gibt es nennenswert viele „unbanked people“, die keinen vollen Zugang zu Bankdienstleistungen haben. Für diese Menschen braucht es auf Sicht weiter Bargeld. Woher kommt das Märchen, die Deutschen würden das Bargeld so sehr lieben? Ein Faktor, da ist Ralf sich sicher, liegt bei den Banken. Die haben uns nie wirklich vor Augen geführt, welche Möglichkeiten im Digitalen entstehen. Wir hatten ja nichts außer einer ziemlich dummen Girocard. Und wer die Alternative nicht kennt, der liebt das, was er oder sie hat. Und wenn es Bargeld ist.Eine wichtige Erkenntnis aus dem Gespräch mit Ralf: Die wirklich wichtigen Veränderungen entstehen auf Seiten der Verkäufer und des Handels. Auf Kundenseite muss bezahlen heute wie morgen individuell bequem und sicher sein. Das können wir heute schon. Aber was sind die Daten wert, die beim Bezahlen entstehen? Was lernt ein Anbieter aus den Daten? Wo ist der Supermarkt, der aus seinen Bezahlten lernt, wie viel Fleisch und Milch er am nächsten Wochenende in einer bestimmten Filiale braucht? Spart Logistik, senkt Verschwendung, schont das Klima. Technisch ist das heute schon machbar. Allein, die meisten Supermarktbetreiber denken eher an Gurken und Nudeln als an Kunden und deren Daten. In gewisser Weise offen geblieben ist die Frage nach Kryptowährungen. Wenn alle sicher und bequem können, worin liegt der Mehrwert? Spannender Entwicklungskandidat ist der Kryptoeuro, also eine Digitalwährung, die von der jeweiligen Zentralbank herausgegeben wird. Der traut Ralf sogar zu, einen guten Teil des Bargelds abzulösen. Der Gast in dieser Woche:Ralf Gladis, Founder & CEO at Computop Paygate GmbH
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Dec 1, 2022 • 50min

#131 Eva Stock – Goldene Zeiten für HR

Diese Woche in der Zukunft:Vor uns liegt die goldene Zeit von HR. Transformation überall, Arbeit im Wandel, Personal- und Entwicklungsbedarfe ohne Ende. Weiß HR schon davon? Leider kommt man auch mit einem 08/15-Job in der Personalstelle durch das eigene Berufsleben. Eva Stock ist Personalerin mit Leidenschaft und ihr Blog „HR is not a crime“ de facto Pflichtlektüre. Sie sagt: Jede:r wartet auf den großen Veränderungsknall; man spürt es, es liegt etwas in der Luft. Aber was?  HR ist eine Aushandlungsstelle. Will heißen: HR sorgt dafür, dass die Menschen im Unternehmen miteinander aushandeln, was sie wollen und was sie brauchen, professionell wie persönlich. Und das aber bitte so, dass es das Geschäft nicht lähmt. Was ein wenig wie Bullerbü klingt, ist anspruchsvoll: Wie sorge ich für smoothe Prozesse von Entwicklung, damit das Unternehmen Zeit für wichtiges hat? Wie kann HR auf Dauer Störenfried sein und Luftschlösser einreißen – und zugleich als Entwicklungspartner im Unternehmen ernst genommen werden? Und was sagt Eva zur Klassikerfrage? Wie steht es um Recruiting und Hiring? Vergleichen und doch nicht vergleichen. HR muss dafür sorgen, dass das Unternehmen genau weiß, was um es herum geschieht. Und HR muss dafür sorgen, dass das eigene Unternehmen das Umfeld nicht kopiert, sondern der Unterscheidbare findet, die Differenz kennt und herausstellt.  Bleibt die Frage nach Namen: HR oder Personalstelle? Hauptabteilung Personal oder oder People&Culture?  Zu Gast in dieser Woche:Eva Stock, Chief People & Marketing Officer Comspace, Blog: HR is not a crime 
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Nov 24, 2022 • 36min

#130 Marco Scheel – Wir können nicht alle mit dem MacBook in Kreuzberg im Café sitzen

Diese Woche in der Zukunft: Ein YouTube-Held der anderer Art. Marcos Schimpftiraden über die Schwierigkeiten, seinen alten Gutshof bei Wismar ausbauen zu dürfen, sind längst viral gegangen. „Nordwolle“ platzt aus allen Nähten; ein alter Stall soll zur Produktionshalle für Wolljacken werden. Ein konsequent nachhaltiges Unternehmen in der mecklenburgischen Provinz, lokale Wertschöpfung, ökologischer Mehrwert, Arbeitsplätze. Marco setzt auf Wolle von Schafen, die vor kurzem noch als Dünger auf dem Acker untergepflügt wurde. Keiner wollte sie haben oder gar verarbeiten. Schon gar nicht tragen. Stattdessen gehen Funktionsjacken aus Kunstfasern über den Ladentisch. Marco sagt: „Die Leute sehen mit ihrer Ausrüstung aus, als könnten sie gerade den K2 besteigen, schieben aber einen Kinderwagen durch Kreuzberg. Da denken wir: Es muss jetzt nicht unbedingt die faserverstärkte Mülltüte sein. Wolle kann das auch supergut leisten und in den meisten Anwendungsgebieten sogar besser.“Nachhaltigkeit ist für ihn selbstverständlich – aber eben nicht genug. Wenn wir nur künftig keinen Schaden anrichten wollen, was wird dann aus den Schäden, die wir dem Planeten bereits zugefügt haben? Marco schaut hier vor allem auf die Schafe: Richtig gehalten, geben sie der Welt einen ökologischen Mehrwert, heilen das Ökosystem, in dem sie leben. Marco hat Nordwolle ohne jede Anschubfinanzierung aufgebaut; schon Jacke #1 musste Geld verdienen, um die nächste herstellen zu können. Inzwischen, nach knapp zehn Jahren, hat er 30 Mitarbeiter:innen und macht mehrere Mio € Umsatz pro Jahr. Das Wachstum wird auch noch weitergehen, allerdings nicht mehr lange. Seine These: Vernünftig wirtschaften kann man nur bis zu einer bestimmten Unternehmensgröße. Noch ist alles transparent. Noch kann Marco genau sagen, woher die Wolle kommt, wie die Schafe gehalten werden, wer die Jacke genäht hat und was alles drin ist. Die Großen der Branche können das nicht. Sie verlassen sich auf Zertifikate. Aber Zertifikate sollen nur den Mangel intransparenter Märkte ausgleichen. Marco will die intransparenten Märkte abschaffen. Das ist, neben einigem anderen, vor allem: Arbeit. „Wenn wir unseren Planeten so heilen wollen, wie ich das hier schildere, dann geht das nur mit extrem viel Arbeit - und wir brauchen jede Hand, die wir kriegen können.“ Auch das ist Zukunft von Arbeit, nicht nur der Chai Latte am MacBook in Berlin-Mitte.Zu Gast in dieser Woche:Marco Scheel, Gründer von Nordwolle Rügen 
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Nov 17, 2022 • 49min

#129 Sebastian Seiffert, Maren Urner, Daniel Baldy - Es ist ein Klimanotstand, Baby!

Diese Woche in der Zukunft: Was muss eigentlich geschehen, damit endlich etwas geschieht? Eine Folge über die Suche nach Kompromissen und die Härte von Naturgesetzen. Zwei Wissenschaftler:innen und ein Politiker im Gespräch über den Klimanotstand und unsere Schwierigkeit, eine angemessene Antwort zu finden. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin, Sebastian Seiffert ist Professor für physikalische Chemie und bei Scientists for Future engagiert, Daniel Baldy sitzt für die SPD im Deutschen Bundestag. Erste Frage: Wissen wir eigentlich genug über das Klimaproblem? Jedenfalls wohl nicht das Richtige. Was klingt wie die Einleitung zu einer Querdenkerbroschüre, fußt auf der Neurowissenschaft. Wir Menschen müssen Wissen be-greifen. Wir müssen etwas Fühlen, damit es bei uns ankommt. Die nächste Publikation der Klimaforschung ist es eben noch nicht. Wir brauchen Nähe: Räumliche Nähe, zeitliche Nähe, soziale Nähe. Unser Hirn ist nicht gut darin, langfristige Entwicklungen zu erkennen, wohl aber sehr gut bei kurzfristigen. Das Problem der Klimakrise: Wenn wir wirklich spüren, wie sie wirkt, ist es wohl zu spät, um noch gegensteuern zu können. Überhaupt: Klimakrise. Klimawandel. Die Begriffe an sich leiten noch nicht zum Handeln an. Maren schlägt vor, konsequent von der Klimanotlage zu sprechen. Sebastian unterstützt das aus naturwissenschaftlicher Sicht: Wenn wir auch nur eine Chance haben wollen, die Welt im Rahmen der Pariser Verträge zu halten, dann müssen wir in einen Notfallmodus wechseln. Er sieht die Wissenschaft in der Pflicht, stimmgewichtiger zu werden, der Politik deutlicher zu vermitteln, worin der Unterschied zwischen menschlichen Gesetzen (Darfst du nicht!) und Naturgesetzen (Kannst Du nicht!) zu vermitteln. Eine objektive Schwierigkeit für die Politik, deren Wesen es ist, Kompromisse auszuhandeln und Mehrheiten zu finden. Die Wirkmechanismen der Natur verhandeln eben nicht. Wir leben gesellschaftlich in einer Art Realitätsverweigerung und Normalitätssimulation. Die gute Nachricht ist: Wenn wir beginnen, Strukturen zu ändern, klimagerechtes Verhalten auch so zu belohnen, dass Menschen sich aus rein praktischen Gründen für angemessenes Verhalten entscheiden, und langfristiges Denken zu etablieren, dann geht es uns objektiv besser. Unser Hirn liebt das. Entscheidung auf das Wohlergehen von nach-nachfolgenden Generationen auszurichten, macht unser Denken glücklich. Neben allem anderen. Zu Gast in dieser Woche:Sebastian Seiffert, Chemiker, Physikalische Chemie der Polymere, Professor der Johannes Gutenberg-Universität MainzMaren Urner, Neurowissenschaftlerin, Professorin für Medienpsychologie, Autorin & Mitgründerin von Perspective DailyDaniel Baldy, Bundestagsabgeordneter für Mainz und Mainz-Bingen

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