ÄrzteTag

Ärzte Zeitung
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Feb 26, 2025 • 36min

„Wir müssen aus dieser Hyperpolarisierung raus“

3. Folge „Kindergarten Gesundheitspolitik“ Nach der Bundestagswahl sieht Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), eine zentrale Aufgabe der neuen Regierung darin, das Land wieder in eine klare Richtung zu führen. „Dieses Land braucht wieder Orientierung“, sagt er im „ÄrzteTag“-Podcast. Er fordert nicht nur eine bessere Steuerung im Gesundheitssystem, sondern einen grundlegenden politischen Kurswechsel, weg von Polarisierung und hin zu pragmatischen Lösungen. Hubmann beobachtet eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung, die sich auch in der politischen Landschaft widerspiegelt. „Wir müssen aus dieser Hyperpolarisierung raus“, mahnt er. Als Beispiel nennt er Wahlkampfveranstaltungen, die mittlerweile von massiver Polizeipräsenz begleitet werden, sowie den Einfluss sozialer Medien, die extremistische Positionen verstärken. Trotzdem sieht er positive Signale: „Der absolute Hoffnungsstreif war die hohe Wahlbeteiligung. Darauf müssen wir unbedingt aufbauen.“ Entscheidend sei nun, dass Politiker*innen über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten. „Es ist ihre verdammte Pflicht“, sagt Hubmann deutlich. „Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, über den eigenen Schatten zu springen.“ Daseinsvorsorge als Kernaufgabe der Politik Ein zentrales Anliegen für Hubmann ist die Sicherstellung der Daseinsvorsorge – darunter Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnraum und Infrastruktur. „Wir müssen die Parteien mit Inhalten konfrontieren und an konkreten Maßnahmen messen“, fordert er. Gerade in ländlichen Räumen sieht er Defizite. Er verweist auf eine ifo-Studie zum Strukturwandel in ländlichen Gebieten, die zeigt, dass dort öffentliche Infrastruktur zunehmend erodiert. „Öffentlicher Nahverkehr, Gesundheitsversorgung, Schulen – wir diskutieren darüber seit Jahrzehnten, aber echte Lösungen fehlen“, kritisiert er. Er fordert, die Digitalisierung stärker zu nutzen, um strukturelle Defizite auszugleichen. „Warum gibt es keine funktionierenden telemedizinischen Angebote für den ländlichen Raum? Warum bleibt Bildung oft an alte Präsenzmodelle gekettet?“ Für ihn steht fest: „Wir brauchen endlich einen realistischen Plan, um die Daseinsvorsorge zukunftsfähig zu machen – und die finanziellen Mittel, um ihn umzusetzen.“ Bürokratieabbau – ein ungelöstes Problem Besonders im Gesundheitswesen sieht Hubmann dringenden Handlungsbedarf beim Bürokratieabbau. Hubmann fordert, Gesetzesänderungen transparenter und verständlicher zu gestalten. Man brauche eine Gesetzgebung, die sich nicht in Detailregelungen verliert, sondern im Fließtext verständlich ist. „Statt Wortklaubereien wie ‚Paragraph 73, Satz fünf, Wort sechs wird nicht durch nein ersetzt‘ brauchen wir Klartext.“ Neben innenpolitischen Themen sieht Hubmann Deutschland auch in der Pflicht, international mehr Verantwortung zu übernehmen. Er verweist auf die Münchner Sicherheitskonferenz und die wachsende Unsicherheit in der Ukraine. „Wir leben seit drei Jahren in einer Situation, in der der globale Süden den Ukraine-Krieg als Regionalkonflikt betrachtet. Europa braucht eine klare Strategie – und Deutschland muss hier eine Führungsrolle übernehmen.“ Dabei kritisiert er die bisherige Außenpolitik der Ampelregierung als unentschlossen. „Wir alle warten darauf, dass Deutschland Führung übernimmt“, sagt er. Dabei müsse die Bundesregierung auch das Verhältnis zu Frankreich und Polen stärken, um den europäischen Kern zusammenzuhalten. „Nicht zu viel versprechen – endlich liefern“ Mit Blick auf die Regierungsbildung fordert Hubmann, dass sich die neue Koalition auf wenige, aber entscheidende Themen konzentriert. „Man kann nicht alles auf einmal lösen. Wir brauchen zwei, drei große Projekte, die realistisch umgesetzt werden – anstatt sich in kleinteiligen Kompromissen zu verlieren.“ Er lehnt es ab, Ministerposten nach parteipolitischen Proporzen zu verteilen: „Die Ministerien müssen endlich kompetenzbasiert besetzt werden. Wir haben doch gesehen, was passiert, wenn man Posten nach Parteibuch vergibt statt nach Erfahrung.“ Am Ende bleibt Hubmann realistisch: „Keine Regierung wird die Probleme dieses Landes in vier Jahren allumfassend lösen. Aber sie muss jetzt endlich den Mut haben, anzufangen.“
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Feb 24, 2025 • 48min

Immer mehr Regulierung in der Privatmedizin – kann das gutgehen, Herr Gabriel?

40 Jahre Privatabrechnung – eine Zeitreise mit dem Abrechnungsexperten Peter Gabriel. Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ist jetzt 42 Jahre alt und über die Jahre hoffnungslos veraltet. Seit Anfang der 1990er-Jahre hat Peter Gabriel, langjähriger Geschäftsführer der Privatärztlichen Verrechnungsstelle PVS Südwest in Mannheim, die Entwicklung der Abrechnungspraxis von Ärztinnen und Ärzten begleitet und teilweise auch mitgestaltet. Im „ÄrzteTag“-Podcast blickt Gabriel auf die Entwicklung der Privatmedizin seit dieser Zeit zurück. Zum Beispiel auf die Professionalisierung der Abrechnung sowohl bei den privaten Krankenversicherungen und bei der Beihilfe als auch bei den Ärztinnen und Ärzten, die mit professioneller Hilfe aus den Verrechnungsstellen und mit immer besserer Software mithalten konnten. Schwarze Schafe unter den privat abrechnenden Ärzten habe es durchaus gegeben, erinnert sich der Abrechnungsfachmann. Die PVS als eine der „ärztlichen Gemeinschaftseinrichtungen“, die von Ärztinnen und Ärzten getragen werden, sollten dabei helfen, die Gebührenordnung korrekt zu nutzen, aber auch, keine erbrachten Leistungen zu vergessen. Gabriel: GOÄ schon zum Start 1983 veraltet Gabriel blickt im Gespräch weit in die Geschichte der „Medizinaltaxen“ für Ärztinnen und Ärzte zurück, bis ins 18. und 19. Jahrhundert. Er erläutert, warum die GOÄ eigentlich schon zum Start 1983 veraltet war und warum die Änderungen der Teilnovelle 1996 zum Abschnitt B mit den Gesprächs- und Beratungsleistungen sowie zu den Untersuchungsleistungen so viel Aufruhr unter den Kolleginnen und Kollegen verursachten. Damals wurden unter anderem die Ziffer 3 mit der längeren Beratung, die Beratung von Angehörigen (Fremdanamnese, Ziffer 4) und die Ziffer 15 (Einleitung sozialer Maßnahmen) eingeführt – es habe viele Jahre gedauert, bis die neuen Leistungen flächendeckend von den Ärzten wahrgenommen worden seien, berichtet Gabriel. Dabei hatte die PVS in Fortbildungen „mit bis zu 600 Teilnehmern – ein absolutes Highlight für mich“ – viel dazu beigetragen, die Neuerungen bekannt zu machen. KI in der Abrechnungsprüfung Thema im Podcast sind auch einige große Konflikte über Teile der GOÄ, etwa das Zielleistungsprinzp, die Probleme im Umgang mit den allgemeinen Bestimmungen sowie der Ausbau der Rechtsabteilungen in der PKV und als Antwort darauf auch in der PVS. Nicht zuletzt geht es um die Bedeutung der und die Haltung zur Privatmedizin und zu den Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) in den Fachgruppen, aber auch um die Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Abrechnungsprüfung – und wie Ärztinnen und Ärzte sich dagegen wappnen können. Und auch die nächsten Schritte in Richtung neue GOÄ skizziert Peter Gabriel im Podcast-Gespräch.
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Feb 20, 2025 • 44min

Stehen wir vor einer großen Finanzkrise des Krankenkassen-Systems, Herr Storm?

Ein Krankenkassen-Chef über die GKV Der Schätzerkreis hat noch im Oktober ein Defizit in der Gesetzlichen Krankenversicherung in Höhe von 4,9 Milliarden Euro für 2024 vorhergesagt. Nach den aktuellen Zahlen wird jetzt ein Fehlbetrag von mehr als sechs Milliarden Euro erwartet. Und noch im Februar könnten rückwirkend Entscheidungen für Krankenhäuser gefällt werden, die zu einer weiteren Belastung der Krankenkassen in Höhe von einer Milliarde Euro für das vergangene Jahr führen könnten. Welche Konsequenzen die Schieflage der Kassenfinanzen für das Gesundheitssystem haben könnte, erläutert der Vorsitzende der DAK Gesundheit Andreas Storm im „ÄrzteTag“-Podcast. Storm befürchtet einen „Domino-Effekt“, wenn einzelne Krankenkassen in die Zahlungsunfähigkeit rutschen sollten, der das ganze System gefährden könnte. Im Gespräch erklärt er, worin die Analogie zur Bankenkrise 2008/2009 liegen könnte. Auch zur nicht weniger dramatischen Lage in der Pflegeversicherung äußert sich Storm im Gespräch. Der Kassenchef fordert von der künftigen Bundesregierung ein Sofortprogramm für die Gesetzliche Krankenversicherung, damit eine Systemkrise verhindert wird. Er warnt insbesondere auch davor, die Finanzierung der Krankenhausreform über den Transformationsfonds zur Hälfte den Krankenkassen aufzubürden. Diverse Gutachten hätten die Verfassungsmäßigkeit eines solchen Vorgehens verneint, so Storm. Die Konsequenz könnte sein, dass „vielleicht 2028“ das Bundesverfassungsgericht rückwirkend die gesamte Krankenhausreform kippen könnte. Wie ein solches „Desaster“ zu verhindern wäre, erläutert der Kassenchef im Podcast-Gespräch. (Länge: 44:19 Minuten)
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Feb 13, 2025 • 15min

Kommen die Kröpfe zurück nach Deutschland?

Gesponsert von Sanofi-Aventis Deutschland GmbH Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat für die Region Europa vor einem möglichem Jodmangel gewarnt. Ein solcher Mangel kann zur krankhaften Vergrößerung der Schilddrüse führen. Mediziner sprechen von Struma, der Volksmund von Kropf. Eine solche Struma entwickelt sich über Jahrzehnte. Es müssen also bereits heute Maßnahmen ergriffen werden, um künftig eine Rückkehr der Kröpfe zu verhindern. Welche Maßnahmen das sind, und warum es in Europa überhaupt zu einer Mangelversorgung mit Jod kommt, wird in diesem Podcast diskutiert. Dabei geht es auch darum, wie der Zusammenhang von Jodversorgung und sogenannten Kröpfen entdeckt wurde und welche Rolle dabei die Schweiz gespielt hat. Das Thema diskutieren in einem lockeren und auch kurzweiligen Zwiegespräch der Internist und Endokrinologe Professor Dr. Joachim Feldkamp vom Uniklinikum Bielefeld und der Nuklearmediziner Professor Dr. Markus Luster vom Uniklinikum Gießen-Marburg. Bildunterschrift: Professor Dr. Joachim Feldkamp ist Internist und Endokrinologe am Uniklinikum Bielefeld, Professor Dr. Markus Luster ist Nuklearmediziner am Uniklinikum Gießen-Marburg. Copyright: © [M] Feldkamp; Luster | Hirn: grandeduc / stock.adobe.com Impressum Kommen die Kröpfe zurück nach Deutschland? Podcast Moderation: Dr. Michael Hubert Mit freundlicher Unterstützung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt am Main Corporate Publishing (verantwortlich i.S.v. § 18 Abs. 2 MStV): Ulrike Hafner, Europaplatz 3, 69115 Heidelberg Redaktion: Dr. Andreas Strehl Springer Medizin Verlag GmbH, Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin Tel: +49 (0) 61 02 / 506 – 0 E-Mail: info@aerztezeitung.de Die Springer Medizin Verlag GmbH ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Nature Geschäftsführung: Fabian Kaufmann, Dr. Cécile Mack und Dr. Hendrik Pugge Handelsregister Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRB 167094 B Umsatzsteueridentifikationsnummer: DE 230026696 © Springer Medizin Verlag GmbH Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen kann vom Verlag keine Gewähr übernommen werden. Derartige Angaben müssen vom jeweiligen Anwender im Einzelfall anhand anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden.
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Feb 12, 2025 • 30min

Wie läuft es mit der ePA für alle in der Praxis, Dr. Funk?

Der Arzt aus Emsdetten berichtet über seine Erfahrungen aus dem ePA-Testbetrieb Erste Berichte über den Start des Versuchs zur elektronischen Patientenakte (ePA) für alle in den Modellregionen ließen bereits Schlimmes befürchten. Doch im Februar scheint das Projekt ins Rollen zu kommen. Das berichten jedenfalls Dr. Waldemar Karl Funk und sein unabhängiger IT-Berater Heinrich Wessels aus Emsdetten, nördlich von Münster, im „ÄrzteTag“-Podcast der Ärzte Zeitung. Die Berufsausübungsgemeinschaft mit vier Ärztinnen und Ärzten hat sich nach Angaben in den vergangenen fünf Jahren immer mehr modernisiert und hat die Arbeitsabläufe weitestgehend digitalisiert. Unterstützt wurden Funk und seine Kolleginnen und Kollegen dabei vom IT-Fachmann Heinrich Wessels, der zuvor bei der Telekom gearbeitet hatte und sich nun im (Un-)Ruhestand befindet. **„Das klappt reibungslos“ ** Wessels beschreibt den Vorgang, wie die Praxis bereits am 15. Januar die ersten beiden ePA befüllt habe – mit Unterstützung eines großen Teams von IBM. „Das waren die ersten befüllten neuen ePA in ganz Deutschland“, berichtet Wessels nicht ohne Stolz. Seitdem kann Gynäkologe Funk in seinem System – er arbeitet mit dem Praxisverwaltungssystem S3 – auf elektronische Patientenakten und sie befüllen. „Das klappt reibungslos“, sagt Funk. In der Praxis sei der Vorgang mittlerweile Routine, und es dauere auch gar nicht lange. Er müsse nur die Dokumente, die er hochladen will, auswählen, dann die sogenannten Metadaten (z.B. Datentyp Labordaten, Bildbefund, Arztbrief, diagnostische Maßnahmen) eintragen, „dann geht noch einmal eine Bubble auf, dann kann ich die entsprechende Ziffer eintragen“ – und nach „vier bis fünf Sekunden“ ist der Upload erledigt. Die „entsprechende Ziffer“ ist die Gebührenordnungsposition (GOP) 01648 für die Erstbefüllung der ePA und ist mit gut elf Euro bewertet. „Gefühlt“ könne er von 20 Patientinnen an einem Vormittag mittlerweile etwa 15 ePA befüllen, bei den anderen seien die Krankenkassen noch nicht so weit mit der Erstellung der ePA für ihre Versicherten. Zu Beginn des Modellversuchs seien es noch nicht so viele gewesen. **Jede Praxis könne das hinbekommen ** Mit der Erfahrung, die sie mittlerweile gemacht hätten, sei die Umsetzung der ePA so weit, dass das jede Praxis hinbekommen könne, auch wenn kein Software-Experte direkt vor Ort sei. Das gelte jedenfalls für das PVS, mit dem die Praxis arbeitet. Im Podcast berichten Wessels und Funk, wie sie die Patientinnen der Praxis über die ePA informieren, wie viel Zeit für die Aufklärung zum Beispiel über das Einstellen genetischer Informationen in die ePA benötigen und welche anderen Daten für die ePA interessant seien zum Hochladen. Funk: „Ich überlege mir einfach, was einen Oberarzt im Krankenhaus interessieren könnte, und lade dann diese Daten hoch.“ Funk hofft auf jeden Fall auf den Erfolg des Systems und ist auch überzeugt, dass die Probleme mit der Datensicherheit zu lösen sind: „Wir müssen da einfach vorankommen, andere Länder sind längst viel weiter. Das hätte schon vor Jahren kommen müssen.“
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Feb 6, 2025 • 38min

Was ist bei Verordnung von Lipidsenkern nach dem G-BA-Beschluss zu beachten, Professor Ehlers?

Arzt und Jurist Professor Alexander Ehlers spricht über die Konsequenzen für die Praxis. Es ist nur eine unscheinbare Änderung der Nummer 35 in der Anlage III der Arzneimittelrichtlinie. Doch die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) könnte Folgen für Millionen von Patientinnen und Patienten und für ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte haben. Lipidsenker wie Statine können, sobald dieser Beschluss rechtsgültig ist, zukünftig eher als bisher bereits präventiv eingesetzt werden, also bevor ein Herzinfarkt oder ein Apoplex eingetreten ist. Unter anderem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit, einen solchen in den kommenden zehn Jahren zu erleiden, bei mindestens zehn Prozent liegt. Bisher lag die Schwelle erst bei einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent – oder wenn eine familiäre Hypercholesterinämie vorliegt. Im „ÄrzteTag“-Podcast begrüßt Allgemeinarzt und Rechtsanwalt Professor Alexander Ehlers von Ehlers Legal den G-BA-Beschluss. Im europäischen Vergleich seien Morbidität und Mortalitätsrisiko für Herzinfarkt und Schlaganfall in Deutschland hoch, und es sei gut, die Möglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte, präventiv tätig zu werden, zu erweitern. Im Gespräch erläutert der Rechtsanwalt die Konsequenzen des Beschlusses in der hausärztlichen Betreuung von Patienten: So erwartet Ehlers in den Praxen einiges an Mehraufwand, weil mehr Patienten als bisher eine Dauertherapie mit Lipidsenkern benötigen könnten. Positiv auf die tägliche Arbeit werde sich dagegen auswirken, dass ein leitliniengerechter Einsatz zum Beispiel von Statinen bei Patienten, die unter die Kriterien des Beschlusses fallen, ohne Regressangst möglich sei. Die neue Beschlusslage bedeute zwar nicht, dass jeder Patient mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt automatisch einen Lipidsenker bekommen müsse, primärpräventive Maßnahmen wie Rauchstopp, Umstellung der Ernährung oder mehr Bewegung gehörten weiterhin in den Instrumentenkasten der hausärztlichen Betreuung. Dennoch sieht Ehlers vor allem auf Hausärztinnen und Hausärzte neue Anforderungen bei der Aufklärung und Dokumentation der Anamnese, Diagnostik und Therapie zukommen. Dies gelte auch deshalb, um sich haftungsrechtlich abzusichern. Im Podcast erläutert Ehlers, wie sich der Aufwand dafür begrenzen lässt und wie Patientinnen und Patienten bei den neuen Therapiemöglichkeiten am besten mitgenommen werden könnten.
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Jan 31, 2025 • 47min

Gesundheitspolitik wie die Bahn: Tolle Versprechen, aber ständig verspätet

2. Folge „Kindergarten Gesundheitspolitik“ Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) in der 2. Folge unserer Podcast-Reihe „Kindergarten Gesundheitspolitik“. Aufgenommen haben wir das Gespräch in seiner Praxis in Zirndorf, die Hubmann mit einer Kollegin, einigen angestellten Kolleg:innen und einem großen Praxisteam betreibt. Besonderheit der Praxis: eine eigene „Infektfabrik“. Die Idee? Infektpatienten strikt von Vorsorge- und Routinefällen zu trennen. „In der Pandemie haben wir sehr früh begonnen, das Wartezimmer quasi zu schließen. Jetzt haben wir eine Lösung gefunden, die sich bewährt.“ Die Eltern nähmen es gut an. Doch trotz hoher Organisation stößt die Praxis, wie viele andere, an Grenzen – ob der Regelungen im Gesundheitswesen. Wie die Bedarfsplanung. „Ein gutes Beispiel dafür, wie irreal das System ist.“ Offiziell gibt es im Landkreis Fürth sieben Sitze für Kinderärzte. Aber der Landkreis reicht bis an die Stadtgrenze Nürnbergs und zieht sich fast bis nach Ansbach. In der Realität bedeutet das für viele Familien: lange Wege oder monatelange Wartezeiten. „Früher konnte ich einem Patienten eine Überweisung mitgeben – heute muss ich persönlich beim Kinderpsychiater anrufen und darum bitten, dass er den Patienten aufnimmt.“ Die Netzwerke, die sich Ärzte über Jahre aufgebaut haben, funktionieren nicht mehr wie früher. Digitalisierung: Noch lange nicht am Ziel Ein weiteres Thema: die elektronische Patientenakte (ePA). Sie wird als großer Fortschritt gepriesen, aber in der Praxis hapert es an der Umsetzung. „Wir warten noch auf ein Update“, so Hubmann trocken. Während der Gesundheitsminister Fortschritte verkünden, kämpft die Praxis mit technischen Hürden. „Wir haben schon seit 2002 eine digitale Patientenakte – aber das offizielle System ist noch nicht einsatzfähig.“ Franken ist bekanntlich eine der ePA-Testregionen. Und was ist mit der Nutzung der Daten? Der eigentliche Mehrwert der ePA soll in der strukturierten Datennutzung liegen – doch dafür fehlt die Standardisierung. „Wir wollen eine bessere Behandlung für Patienten. Aber wenn jeder Arzt andere Dokumentationsstandards hat, bringt uns das erstmal nicht viel.“ Gesellschaftspolitik: Warum fehlt die langfristige Perspektive? Unser Gespräch verlässt an diesem Punkt die reine Gesundheitspolitik – es geht um größere Zusammenhänge. Warum schafft es die Politik nicht, über die nächste Wahl hinaus zu denken? „Wenn man die Schuldenbremse diskutiert, gibt es zwei Perspektiven“, sagt Hubmann. Die eine: Wer heute Schulden macht, hinterlässt sie der nächsten Generation. Die andere: Wer heute nichts investiert, hinterlässt eine marode Infrastruktur. Ein Beispiel? Geschlossene Schwimmbäder. „Das erleben wir überall. Die Kommunen haben kein Geld. Da müssen wir uns doch fragen: Wollen wir, dass es in 20 Jahren immer noch so ist?“ Hubmann verweist auf das Münchener Olympiastadion, gebaut in den 1970ern. „Das war eine langfristige Investition, ein Denkmal für Generationen. Heute fehlen solche Großprojekte – weil jeder nur auf die eigene Legislaturperiode schaut.“ Entbudgetierung: Ein erster Schritt – aber nicht für alle Konkret für die ärztliche Versorgung ist die Entbudgetierung der Hausärzte das große Thema der Woche. Während diese künftig von Vergütungsbegrenzungen befreit werden, bleibt das Problem für Fachärzte bestehen. „Budgets gehören abgeschafft, weil sie leistungsfeindlich sind und die Ärzte demotivieren“, stellt Hubmann klar. „Man arbeitet, aber weiß am Ende nicht, ob man das Geld dafür bekommt – das ist doch absurd.“ Die Ärzte sind durch die steigende Nachfrage ohnehin schon überlastet. Gerade in der Pädiatrie werden immer mehr Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder psychischen Auffälligkeiten behandelt. Doch für diese komplexeren, zeitaufwändigen Fälle gibt es kaum angemessene Vergütung. Michael Hubmann macht deutlich: Die Probleme sind bekannt, aber sie werden nicht gelöst. Vieles dreht sich in endlosen Gremien und Diskussionen, während die Versorgung in den Praxen immer schwieriger wird. Sein Vorschlag? Mehr Einbindung der Kommunen, langfristige Investitionen und eine ehrliche Debatte darüber, wie das Gesundheitswesen künftig gesteuert werden soll. Einfach wird das nicht – aber „die Babyboomer werden bald mit den Füßen abstimmen“, prophezeit Hubmann. Viele niedergelassene Ärzte stehen kurz vor dem Ruhestand, Nachfolger sind schwer zu finden. „Und dann? Wer übernimmt dann die Versorgung?“
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Jan 30, 2025 • 43min

Kommt die Ambulantisierung mit den Hybrid-DRG nun in Schwung, Dr. Weinhart?

Der SpiFa-Vize zieht Bilanz zum ersten Jahr mit Hybrid-DRG Geht es jetzt richtig los? Die Krankenhausreform hat die Ziele für die Ambulantisierung neu gesteckt, die Hybrid-DRG-Vereinbarung der Selbstverwaltung konkretisiert die nächsten Schritte, aber so richtig voran geht es bisher noch nicht. Statt zwölf Hybrid-DRG gibt es jetzt 22, über die 575 OPS-Kodes abgerechnet werden können. Ein „holpriger Start“, wie sich Orthopäde Dr. Helmut Weinhart im „ÄrzteTag“-Podcast äußert – jedenfalls im Vergleich zu den Möglichkeiten der Ambulantisierung, die es nach Einschätzung des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands (SpiFa) und anderer Berufsverbände der operierenden Fächer gibt. **Bilanz zum ersten Jahr mit Hybrid-DRG ** Weinhart, zweiter Vorstandsvorsitzender des SpiFa, zieht im Gespräch Bilanz zum ersten Jahr mit Hybrid-DRG, in dem sich erste Teams mit Anästhesisten, OP-Betreibern, teilweise auch Krankenhäusern und operierenden Ärzten zusammengefunden und ihre Erfahrungen gemacht haben. Zu Beginn sei es angesichts vieler Übergangsregeln mit der Abrechnung für die Teams ein ziemliches Glatteis gewesen. Bekanntlich darf nur einer aus einem Hybrid-DRG-Team abrechnen, das Geld wird dann unter den Akteuren aufgeteilt. Der Orthopäde Weinhart erklärt im Podcast, warum es nötig ist, dass alle Beteiligten, die in ein Hybrid-DRG-Team gehen, ihre Kosten genau im Kopf haben, wie das Honorar aufgeteilt werden sollte und welche Abrechnungswege sich inzwischen etabliert haben. **Zwei Millionen abgerechnete Hybrid-DRG im Jahr 2030? ** Und er erinnert an die neuen Mengenvorgaben, die mit der Krankenhausreform ins Spiel gebracht worden sind: zwei Millionen abgerechnete Hybrid-DRG im Jahr 2030. Das sei letztlich eine „Totgeburt“, so lange nur 1-Tages-DRG für Hybrid-DRG infrage kämen. Weinhart kritisiert, dass das Vergütungsniveau auf EBM-Level abgesenkt werden soll und er begrüßt, dass bei der Kalkulation der Hybrid-DRG nun auch das Institut des Bewertungsausschusses hinzugezogen werden soll. Nicht zuletzt spricht er das leidige Sachkostenthema an: Nach wie vor sind die Sachkosten bekanntlich in die Hybrid-DRG inkludiert, können also, anders als im EBM, nicht eigens abgerechnet werden. Fehlanreize seien die Folge, klagt der SpiFa-Vize, diese müssten endlich behoben werden, wenn es mit den Hybrid-DRG in allen intendierten Bereichen wirklich vorangehen solle.
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Jan 27, 2025 • 30min

Woran zeigt sich, dass die Digitalisierung in Kliniken vorankommt, Frau Thun und Herr Haring?

Ein Gespräch über digitale Krankenhäuser Die Digitalisierung kommt langsam voran in den Kliniken, das haben die Ergebnisse der 2. Erhebung für den Digitalradar gezeigt: Um 9,1 Punkte auf 42,1 von 100 möglichen Punkten ist der Score der digitalen Reife laut Vollerhebung unter fast 1.600 Krankenhäusern binnen drei Jahren gestiegen. Überall spürbar ist das allerdings noch nicht – so warten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte immer laut Praxisbarometer Digitalisierung der KBV noch sehnsüchtig darauf, dass die Krankenhäuser die Kommunikation auf digitale Entlassbriefe umstellen. Eine Einordnung der Ergebnisse vermitteln Professorin Sylvia Thun, Direktorin der Core-Unit E-Health und Interoperabilität (CEI) am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) an der Charité, und Dr. Malte Haring, inav – privates Institut für angewandte Versorgungsforschung, vom Konsortium Digitalradar Krankenhaus im „ÄrzteTag“-Podcast. Im Gespräch erläutern beide die Methodik der Erhebung und wie die Selbstauskünfte der Krankenhäuser validiert und mit der tatsächlichen Lage in den Krankenhäusern abgeglichen werden. Die Auswertung der 2. Erhebung sei noch gar nicht abgeschlossen, berichtet Thun weiter. So werde der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg einer Klinik und dem Grad der digitalen Reife noch untersucht, ebenso ein möglicher Zusammenhang zwischen der Qualität des Outcomes und dem Digitalisierungsgrad. Der Digitalradar sei gut geeignet für Kliniken, ein Benchmarking über die eigenen Fortschritte bei der Digitalisierung zu machen, erläutert Haring. Der Digitalradar, schlussfolgern Thun und Haring, zeige recht gut, dass Deutschland im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht dastehe in der Digitalisierung des Gesundheitswesens – sie hoffen auf eine weitere Verbesserung, die eine 3. Erhebung in den kommenden Jahren zeigen könne. Denn noch seien die Projekte aus dem Krankenhauszukunftsfonds nicht alle umgesetzt. Nicht zuletzt sehen beide auch Möglichkeiten, nach einem Praxiszukunftsgesetz mit einer Förderung des niedergelassenen Bereichs einen Digitalradar für Praxen zu machen, um den Grad der Digitalisierung im ambulanten Sektor zu evaluieren. Nicht zuletzt der Digitalisierungsgrad der Krankenkassen könnte über ein solches Instrument einmal genauer überprüft werden. (Dauer: 29:48 Minuten)
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Jan 20, 2025 • 44min

Haben wir verlernt zu streiten, BVKJ-Präsident Michael Hubmann?

1. Folge „Kindergarten Gesundheitspolitik“ Michael Hubmann ist seit knapp 14 Monaten Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ). In unserer neuen Reihe „Kindergarten Gesundheitspolitik“ im „ÄrzteTag“-Podcast blicken wir mit ihm auf die großen und kleinen Themen in der kinderärztlichen Praxis und in der Gesundheitspolitik. Hubmanns großer Wunsch ist eine generationengerechte und „enkeltaugliche“ Gesundheitspolitik. „Wir müssen jetzt Verantwortung übernehmen und langfristig denken – für unsere Kinder und Enkelkinder,“ sagt er. Gerade trotz der Zeiten gesellschaftlicher Spaltung fordert er ein stärkeres Bewusstsein für Diversität und die Belange der jüngeren Generation. Im Gespräch kommen wir auf ein jüngstes Interview der ZEIT mit dem Dortmunder Soziologen Aladin El-Mafaalani. Der konstatiert, dass die politische Macht der älteren Generation zu Lasten der jüngeren gehe. „Wir brauchen eine enkeltaugliche Politik, die bereit ist, Einschränkungen für die Zukunft unserer Kinder zu akzeptieren“, fordert Hubmann. Die derzeitige politische Landschaft sei von kurzfristigem Denken und Polarisierung geprägt. Hubmann betont die Notwendigkeit einer strukturellen Reform in der Gesundheitsversorgung. „Es ist lächerlich, dass Leistungen, die auf Überweisung erbracht werden, weiterhin budgetiert sind,“ kritisiert er. Das Gespräch wurde vor dem dem Kompromiss aufgezeichnet, die Entbudgetierung für Hausärzte doch noch in dieser Legislaturperiode zu beschließen. Hubmann fordert ein Ende der „Misstrauenskultur“ gegenüber Ärzten und Patienten: „Die Vorstellung, dass Eltern Leistungen wie einen Rollstuhl für ihr Kind erschleichen, ist einfach unwürdig.“ Der Pädiater aus Zirndorf bei Nürnberg sieht in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte eine Chance für mehr Dialog und gegenseitiges Verständnis. „Diversität im Kopf muss wieder gelernt werden.“ Er verweist darauf, dass Meinungsverschiedenheiten nicht bedeuten, dass andere Ansichten weniger wertvoll sind. Seine zentrale Botschaft: „Wir müssen bereit sein, Kompromisse einzugehen – für eine bessere Zukunft.“

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