

Klinisch Relevant Podcast
Dr. med. Kai Gruhn, Dr. med. Dietrich Sturm, Prof. Markus Wübbeler
Klinisch Relevant ist Dein Wissenspartner für das Gesundheitswesen. In unserem Podcast liefern wir Dir 3x/Woche, nämlich dienstags, donnerstags und samstags, Fachwissen in Deinen klinischen Alltag. Damit wollen wir die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit in der Medizin und damit die Qualität der Patient*innenversorgung verbessern.
Du arbeitest in einem medizinischen Fachberuf oder interessierst Dich für medizinische Themen? Dann bist Du hier genau richtig.
Mehr Informationen unter https://klinisch-relevant.de
Klinisch Relevant
Intelligence for healthcare professionals
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May 4, 2021 • 21min
"Schwanger mit Multipler Sklerose" - mit Dr. Undine Proschmann * Neurologie
Welche Besonderheiten hat eine Schwangerschaft für die Therapie und den Verlauf einer Multiplen Sklerose?
Schwanger mit Multipler Sklerose (MS)
Herzlich Willkommen zu einer neuen Podcastfolge von Klinisch Relevant!
Heute sprechen wir mit Frau Dr. med. Undine Proschmann aus dem Multiple Sklerose (MS) Zentrum des Universitätsklinikums in Dresden über das Thema „Schwanger mit MS“. Die Multiple Sklerose ist eine autoimmune Erkrankung des zentralen Nervensystems und tritt vor allem zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Wir haben für euch in Erfahrung gebracht, warum das Thema überhaupt klinisch relevant ist, über welche wesentlichen Aspekte man die Patientinnen aufklären muss, was es bei verschiedenen Therapien zu beachten gilt und wie das Monitoring postpartal erfolgen sollte. Wir wünschen euch viele neue Erkenntnisse und natürlich viel Spaß beim Zuhören.
**Warum ist das Thema „Schwanger mit MS“ klinisch relevant? **
Die Multiple Sklerose (MS) tritt in der Regel im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf und betrifft mehr Frauen als Männer (Verhältnis 3:1).
Die Diagnose wird in einem Alter gestellt, in dem sich die Patientinnen aktiv mit dem Kinderwunsch und der Familienplanung beschäftigen.
Für die Therapieentscheidung muss in Erfahrung gebracht werden, ob ein Kinderwunsch für die nächste Zeit besteht.
In Studien hat sich gezeigt, dass bei den Patientinnen ein hoher Informationsbedarf vorliegt und dass sie sich hinsichtlich der Therapien schlecht informiert gefühlt haben.
** Krankheitsverlauf und Schubtherapie während einer Schwangerschaft**
Schubaktivität in der Schwangerschaft nimmt, insbesondere im 3. Trimester, deutlich ab. Diese ist im 3. Trimester, im Vergleich zum Jahr vor der Schwangerschaft, um 80 % reduziert. Man geht davon aus, dass diese mit immunologischen Veränderungen im Rahmen der Schwangerschaft zusammenhängen.
Nach der Schwangerschaft kommt es i. d. R. zu einem Schubanstieg. Die Häufigkeit der Schübe unterscheidet sich langfristig allerdings nicht von der Schubfrequenz, die vor der Schwangerschaft aufgetreten ist.
Die meisten Patientinnen entwickeln während der Schwangerschaft keine Schübe.
Patientinnen mit hochaktivem Verlauf neigen dagegen auch während der Schwangerschaft zu Schüben.
Indikationsstellung zur Schubtherapie mit Methylprednisolon (Stoßtherapie, 1000mg für 3 – 5 Tage) sollte streng gehalten werden. Im ersten Trimester sollte möglichst auf eine Behandlung verzichtet werden. Es ist nach wie vor unklar, ob Kortikosteroide möglicherweise schwach teratogen sind. Insbesondere zwischen der 8. und 11. SSW kann das Risiko für eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte durch eine Kortikosteroid-Behandlung erhöht sein.
Weitere Risiken durch multiple Kortisongaben:
Intrauterine Wachstumsretardierung
Anpassungsstörungen beim Neugeborenen (Hypotonie, Hypoglykämie, Elektrolystörungen)
Welche Therapien sind für Patientinnen mit Kinderwunsch geeignet?
Bei Patienten mit mildem und moderatem Verlauf lässt sich der Kinderwunsch mit Interferonen oder Glatirameracetat gut vereinen. Beide Therapien dürfen bis zum Beginn der Schwangerschaft fortgeführt werden.
Nach Risiko-Nutzen-Abwägung dürfen die Interferone auch während der Schwangerschaft gegeben werden. Da die Patientinnen, die mit Interferonen behandelt werden, eher eine milde Verlaufsform haben und das Schubrisiko in der Schwangerschaft verringert ist, kann man hier auf eine Therapie verzichten.
Dimethylfumarat: Kann bis zum Beginn der Schwangerschaft genommen werden.
Teriflunomid: Effektive Kontrazeption essentiell. Sollte ein Kinderwunsch vorliegen, muss das Medikament aktiv ausgewaschen werden. Dies geschieht mit Colestyramin oder Aktivkohle. Nach dem Auswaschen muss der Plasmaspiegel zwei Mal bestimmt werden und die Konzentration unter 0,02 mg/l liegen, damit der Patientin das „Go“ für die Schwangerschaft gegeben werden kann.
Spingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren (Fingolimod, Ozanimod): Effektive Kontrazeption nötig. Das Medikament muss bei Kinderwunsch abgesetzt und die Kontrazeption anschließend für 2 bzw. 3 Monate fortgeführt werden.
Patienten mit hochaktivem Verlauf: Natalizumab darf nach Risiko-Nutzen-Abwägung auch während der Schwangerschaft gegeben werden. Die Patientin sollte über mögliche hämatologische Auffälligkeiten (Anämie, Thrombozytopenie) beim Kind aufgeklärt werden. Diese sind in der Regel vollständig regredient und bedürfen keiner weiteren Therapie. In Ausnahmefällen kann eine Transfusion nötig werden. Es wird den werdenden Müttern empfohlen, in einer Klinik mit Gynäkologie und Pädiatrie zu entbinden, damit die Kinder auf hämatologische Auffälligkeiten gescreent werden können.
Patienten mit hochaktivem Verlauf und keinem unmittelbaren Kinderwunsch:
Alemtuzumab: 4 Monate nach Therapiezyklus kann eine Schwangerschaft begonnen werden.
Ocrelizumab: 12 Monate (6 Monate in den USA) nach Therapiezyklus wäre eine Schwangerschaft möglich (Europa).
Cladribin: 6 Monate nach Einnahme wäre eine Schwangerschaft möglich. Hier müssen auch die Männer verhüten, da Cladribin in die DNA-Synthese eingreift.
Wie werden Patientinnen mit Kinderwunsch aufgeklärt?
Welche Therapie hat die Patientin und muss diese ggf. abgesetzt werden (s. oben)?
Hat die Patientin noch eine symptomatische Therapie? Patienten mit MS können häufiger mal eine Depression oder Angststörung aufweisen. Weiterhin wären vorbestehende Therapien, beispielsweise zur Verbesserung der Gehfähigkeit (Fampridin) oder gegen neuropathische Schmerzen, möglich.
Fampridin: Sollten bei Eintreten der Schwangerschaft abgesetzt werden.
Antidepressiva: Sertralin bei Schwangeren Patientinnen möglich.
Antiepileptika?
www.embryotox.de
www.kompetenznetz-multiplesklerose.de
Physiotherapie und Sport sind absolut zu empfehlen.
Periduralanästhesie und vaginale Entbindung möglich, sofern keine schwere Fatigue oder Spastik vorliegt.
Vitamin D: Es gibt keine einheitliche Empfehlung hinsichtlich des Präparats oder der Art der Einnahme. Die amerikanischen Gesellschaften empfehlen die Einnahme von 1 x 1000 I.E. pro Tag.
Gibt es im Rahmen der Schwangerschaft eine erhöhte Komplikationsrate bei MS-Patienten?
Die MS-Erkrankung steht nicht mit einer erhöhten Komplikationsrate in Verbindung.
Falls die Patientin unter der Therapie mit Fingolimod akzidentiell schwanger geworden ist, empfiehlt sich eine intensivierte Schwangerschafts-Beratung bei einer Gynäkologin.
Ansonsten verläuft die Schwangerschaft bei MS-Patientinnen genauso wie bei gesunden Patientinnen.
Wie ist der Krankheitsverlauf postpartal?
Postpartal können vermehrt Schübe auftreten. Nach der Geburt sollte geprüft werden, ob es zu einer radiologischen Aktivität gekommen ist.
Im 1. bzw. 2. postpartalen Monat sollte ein MRT durchgeführt werden.
Sollten während der Schwangerschaft keine Schübe aufgetreten sein und sich im Kontroll-MRT postpartal keine neuen Läsionen zeigen, können die Mütter problemlos stillen.
Das Stillen hat sowohl positive Effekte auf das Kind als auch auf die Mutter.
Ob das Stillen die postpartale Schubrate beeinflusst ist aktuell noch nicht klar und wird kontrovers diskutiert. Es wird vermutet, dass das ausschließliche Stillen eine positive Wirkung haben könnte.
Ab dem 6. Monat macht es Sinn wieder eine Therapie zu beginnen.
Patientinnen mit einem hochaktiven Verlauf während und nach der Schwangerschaft sollten so schnell wie möglich wieder mit einer Therapie beginnen. Dies muss individuell mit den Patientinnen besprochen werden.
Bei MS-Patientinnen liegt ein höheres Risiko für eine postpartale Depression vor. Daran sollte man als behandelnde/r Arzt/Ärztin auf jeden Fall denken und die Patientinnen ggf. direkt darauf ansprechen.
Wenn es während des Stillens zu Schüben kommt, können diese mit Methylprednisolon behandelt werden. Die früher empfohlene Stillkarenz (4 h) nach einer Schubtherapie ist heute obsolet. Die max. Konzentration wird nach 1 h erreicht und fällt dann schnell ab. Wenn sich die Mütter wohler fühlen, können sie 1 h warten, bevor sie stillen.
Hier der Link zu unserer Live-Online-Fortbildung am 12.5.2021:
https://fortbildung.klinisch-relevant.de/s/klinischrelevant/morbus-parkinson-was-ist-klinisch-relevant?

May 1, 2021 • 1h 12min
Virtual Reality in der Ergotherapie - mit Andre Eckerkunst * Ergotherapie
Eine Reise durch die Chancen und therapeutischen Möglichkeiten von VR in der Ergotherapie
**Virtual Reality (VR) in der Ergotherapie **
Herzlich Willkommen zu einer neuen Podcastfolge von Klinisch Relevant zum Thema Ergotherapie. Heute geht es um die innovative Nutzung von VR-Brillen zu therapeutischen Zwecken. Daher sprechen wir mit Georg Teufl und Birgit Tevnan, Gründer der Firma Rewellio sowie mit Philipp Zajac, CEO der Firma Rehago über ihre sehr spannenden Entwicklungen für die VR-Brille. Sie erklären, wie medizinisch-technische Innovationen die Therapie von beispielsweise Schlaganfall-Patienten enorm verbessern können, wie genau die VR-Brille hierbei genutzt werden kann und welche Therapie-Möglichkeiten es in Zukunft noch geben wird.
Rewellio ist ein virtueller Therapieassistent für Schlaganfallpatienten, damit diese im eigenen Heim intensive Therapiemöglichkeiten haben. Damit soll mehr Therapiezeit zur Verbesserung / Wiederherstellung der Arm- und Fingerfunktion ermöglicht werden.
Durch die Rewellio Software soll gleichzeitig die Motivation während des Heimtrainings gefördert werden.
Durch den Erstkontakt mit dem Therapeuten soll die Therapie eingeleitet werden. Anschließend ist es für den Patienten möglich, die sich wiederholenden Tätigkeiten spielerisch zu Hause zu absolvieren, sodass der Therapeut mehr Zeit hat, um sich auf qualitative Aspekte der Therapie zu fokussieren. Gleichzeitig soll dadurch die Therapie-Frequenz trotz Fachkräfte-Knappheit erhöht werden.
Die Software von Rewellio lernt mit jeder Übung wie gut der Patient den Kopf oder die Arme bewegen kann und passt die Übungen an den Patienten an. Dadurch soll der Patient animiert werden, über seine Grenzen hinaus zu wachsen, ohne überfordert zu werden.
Die Patienten haben die Möglichkeit ihre Daten den Therapeuten zur Verfügung zu stellen, damit diese den Therapieverlauf monitoren und die Übungen/die Therapie anpassen können.
Übungen mit VR-Brillen sind mittlerweile auch in den Leitlinien der DGN zur Schlaganfall Therapie als Ergänzung zur Physio- bzw. Ergotherapie empfohlen.
Durch die VR wird dem Patienten eine Umgebung ohne ablenkende Reize dargestellt, wodurch der Patient keine Reizüberflutung erlebt, die ihn während der Therapie ablenken würde. Die Software kann dann gezielt Reize für die Therapie nutzen.
Kosten: 29€/ Monat
Weitere Infos gibt es hier: www.rewellio.com
Um Euch einen möglichst breiten Überblick über den aktuelle Markt zu geben, haben wir zudem mit Philipp Zajac, CEO der Firma Rehago gesprochen.
Der Schwerpunkt Ihres Konzeptes liegt auf der Therapie einer Halbseitenlähmung nach Schlaganfall. Es sollen aber auch Therapien für Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose folgen.
Spiegeltherapie: Die betroffene (gelähmte) Seite verbirgt sich hinter einem Spiegel, während die funktionale Seite sich als Spiegelbild darstellt. So wird dem Gehirn eine Aktivität auf der betroffenen Seite suggeriert.
Genutzte Hardware: VR Pico Neo 2
Kernziel: Verbesserung des Heimtrainings. Der Therapeut führt den Patienten in die Technik ein, gibt ihm Tipps bzw. Aufgaben und kann das Training mit Hilfe der Therapeuten-App tracken, um die Therapie ggf. anzupassen.
Es soll in nächster Zeit ein telemedizinisches Interface implementiert werden, sodass die Trainingsdaten auch aus der Ferne beurteilt werden können. Außerdem könnte der Therapeut aus der Ferne per VR-Brille den Patienten betreuen.
Bei Interesse kann Kontakt über die Website www.rehago.eu hergestellt werden.

Apr 27, 2021 • 29min
Research Anchor: wie publiziert man erfolgreich? - mit Sophia-Marlene Busch und PD Dr. Mustafa Citak
Bei der Publikation von Dissertationen und wissenschaftlichen Arbeiten gibt es viele Stolpersteine. Research Anchor kann Dir dabei helfen
Research Anchor: Ein Start-Up, das Wissenschaftler bei medizinischen Publikationen unterstützt
Viele werden es kennen: Eine Dissertation oder eine andere Form der wissenschaftlichen Publikation kann viele Hürden haben: Welche Form einer Publikation wähle ich? Was muss ich beim Zitieren beachten? Welche Hilfsmittel gibt es? Was ist wichtig bei der Auswahl der "Doktor-Mutter" oder des "Doktor-Vaters"? Welches Journal ist das richtige?
PD Dr. Mustafa Citak, den Ihr schon aus mehreren Podcasts bei uns kennt ist selbst Wissenschaftler und hat bereits knapp 200 Publikationen veröffentlicht. Zusammen mit Sophia Marlene Busch, die International health Sciences studiert und einem weiteren Kollegen haben die drei das Start-Up "Research Anchor" gegründet.
Ihr Ziel ist es, jungen aber auch fortgeschrittenen Wissenschaftlern über die genannten Hürden zu helfen und so eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere möglich zu machen. Dabei verfügen die 3 über ein großes internationales Netzwerk an Wissenschaftlern im Bereich der Medizin.
Im Podcast-Interview mit Sophia und Mustafa sprechen wir über das Projekt "Research Anchor" und die häufigsten Ursachen, die dazu führen, dass eine Dissertation nicht vorankommt.
Weitere Informationen zu dem Start-Up findet Ihr hier:
www.researchanchor.com
Instagram-Account von Research Anchor
Sophias Insta-Account
Mustafas Insta-Account
Tickets zu unserer Live Online-Fortbildung am 12.05.2021 von 16-17.30 Uhr findest Du hier:
https://fortbildung.klinisch-relevant.de/s/klinischrelevant/morbus-parkinson-was-ist-klinisch-relevant

Apr 24, 2021 • 23min
Atypische Vs. typische intracranielle Blutungen - mit Prof. Dr. Omid Nikoubashman
Was bedeutet diese Einteilung für den klinischen Alltag? Brauchen ICBs in typischen Lokalisationen keine weitere Abklärung?
Atypisch Vs. typisch lokalisierte intracranielle Blutungen
Hallo liebe Zuhörer/innen!
Heute haben wir wieder Prof. Dr. Omid Nikoubashman aus der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Uniklinik Aachen bei uns. Wir sprechen mit ihm über die typischen und atypischen intrakraniellen Blutungen und hier insbesondere über die verschiedenen diagnostischen Methoden, die in der Klinik zum Einsatz kommen.
Viele neue Erkenntnisse wünscht euch euer Team von Klinisch Relevant!
Definition typische und atypische intrakranielle Blutung
Typische ICB: Die Blutung tritt an Stellen auf, die für hypertensive Blutungen typisch sind. Typische Stellen sind: Stammganglien (Ncl. lentiformes), Hirnstamm, Kleinhirn. Die graue Substanz dieser Areale wird von Perforatoren versorgt, die einen hohen Blutfluss haben.
Im Englischen gibt es die Unterteilung in typische und atypische ICB nicht. Dort wird in lobuläre oder nicht-lobuläre ICB unterteilt.
Atypische ICB: Blutungen, deren Ursache nicht auf einen Hypertonus zurückzuführen sind. Die alten Studien, auf die diese Einteilung basiert, hatten häufig nur Fallserien mit einer geringen Anzahl von Patienten. Ein großer Anteil der Patienten, die eine atypische Blutung hatten, wiesen dennoch einen Hypertonus auf. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass es für atypische Lokalisationen andere Ursachen (Metastase, Sinusvenenthrombose usw.) als den Hypertonus gibt.
Charcot-Bouchard-Aneurysma: Man hat eine Zeit lang vermutet, dass die kleinen (Durchmesser < 300 µm) Charcot-Bouchard-Aneurysmata Ursache der hypertensiven Blutungen sind. Diese Theorie hat man allerdings mittlerweile verlassen, da diese überall im Gehirn, wie z.B. im subkortikalen Mark, vorkommen können. Möglicherweise handelt es sich bei diesen Aneurysmen auch um Präparationsartefakte.
Fibrinoide Nekrosen im Rahmen der Artherosklerose entstehen nur unter hypertensiven Bedingungen beispielsweise an den Endästen der lenticulostriatalen Perforatoren. An den nekrotisierenden Stellen treten entsprechend Blutungen auf.
DGN Leitlinie von 2012: Sollte 2020 erneuert werden. Die alte Leitlinie ist jedoch nicht eindeutig formuliert und lässt entsprechend Handlungsspielraum.
American Heart Association 2015: Ebenfalls nicht klar formuliert.
Alter Patient, hypertonus, typische Lokalisation.
Hongkong-Regel: Wenn ein Patient über 45 J. ist, einen Hypertonus hat und die Blutung nicht-lobär (Englische Einteilung der ICBs) ist, bedarf es keiner weiteren Abklärung. Bei jedem Patienten unter 45 J., ohne Hypertonus und mit lobärer Blutung sollte es zu einer weiteren Abklärung kommen. In der Studie wurden junge und ältere Patienten nicht systematisch betrachtet. Hatten nur ein sehr selektives Patientenkollektiv.
Delgado Almandoz et al.(https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20581068/): 3 % der Patienten, die eine niedrige Wahrscheinlichkeit für eine spezielle hypertensive Blutung haben, haben dann doch eine vaskuläre Ursache für die Blutung.
Es wird nicht mehr altersabhängig oder anhand eines Scores stratifiziert. Alle Patienten bekommen eine CT-Angiographie (CTA) unabhängig davon, ob es eine typische oder atypische ICB ist.
Cochrane-Studie 2016: Detektion von intrazerebralen Blutungen mit CTA und MR-Angiographien. CTA: 95 % Sensitivität, 99 % Spezifität
Bei atypischen Blutungen, die keinen Sinn ergeben wird als nächstes ein MRT (auch mit Kontrastmittel zur Metastasendetektion) durchgeführt. Wird dort nichts gefunden, wird als nächstes die Digitale Subtraktionsangiographie durchgeführt. Falls auch hier nichts sichtbar ist, wird nach einigen Wochen reevaluiert.
Was würde man in der DSA sehen, was man in der CTA oder MRA nicht sieht? Weitere Diagnostik bei der atypischen Blutung?
CTA: Statische Aufnahme
MRA: Unterschiedliche Formen. 4D – Darstellung möglich.
Es gibt wenige Arbeiten, die die verschiedenen Methoden untersuchen.
DSA: Dynamische und hochaufgelöste Untersuchung. Beispielsweise können kleine Durafisteln in der DSA besser gesehen werden als in der CTA. Die DSA ist eine invasive Untersuchung mit strenger Indikationsstellung. Daher werden vorher alle Methoden ausgeschöpft. Unter anderem wird auch die Time-of-Flight (TOF) und 4D MRA genutzt.
Es lässt sich nicht pauschal beantworten, welche weitere Diagnostik bei der atypischen Blutung durchgeführt wird. Dies hängt von den Patienten ab.
In welchen zeitlichen Abständen sollte man Kontrolluntersuchungen machen, um keine Tumore zu übersehen?
Es wird initial die Bildgebung durchgeführt. Je nach Fall wird anschließend nach vier Wochen oder drei Monaten nachuntersucht.
Die zugrundeliegende Idee ist, dass die Läsion bzw. der Tumor kleiner ist als die Blutung und das durch die Resorption der Blutung, die eigentliche Ursache besser zu sehen ist.
Und zum Schluss:
Vergesst nicht unsere Live-Online Fortbildung zum Thema M. Parkinson mit PD Dr. Lars Wojtecki am 12.05.2021 von 16-17.30 Uhr!!
Tickets gibt es hier:
https://fortbildung.klinisch-relevant.de/s/klinischrelevant/morbus-parkinson-was-ist-klinisch-relevant

Apr 20, 2021 • 27min
Musiktherapie: welche Patienten können davon profitieren - mit Birgit van Beuningen
Da, wo andere Therapieformen versagen, kann Musiktherapie einen Zugang zu Patienten ermöglichen
Musiktherapie: Ein Podcast-Interview mit Birgit von Beuningen
Was ist Musiktherapie? Das habe ich mich schon oft gefragt. Ich bin ein musikalischer Mensch und weiß, was Musik alles bewirken kann und so habe ich mich sehr gefreut die Musiktherapeutin Birgit van Beuningen aus Mettmann kennenzulernen.
Dieses Podcast-Interview ist bei dem Besuch in Ihrer Praxis entstanden, bei dem mir Birgit auch Ihre Instrumente und Methoden zeigen konnte. So durfte ich auch auf Ihrer Klangliege liegen und spüren, wie die Musik durch meinen gesamten Körper strömte.
Birgit arbeitet mit vielen Patienten, bei denen die klassischen medizinischen Therapieverfahren keine Wirkung zeigen, bzw. mit Patienten, die als austherapiert gelten: Menschen mit Demenz, die Ihre Sprache verloren haben, Menschen mit Autismus, denen konventionelle Kommunikation schwerfällt, Patienten mit schweren Schädelhirnschädigungen und hypoxischen Enzephalopathien und Patienten, die an einer unheilbaren Erkrankung leiden und auf einer Palliativstation behandelt werden.
Birgit erzählt, wie man Musiktherapeut werden kann und welche Erfahrungen Sie in den vielen Jahren in Ihrem Beruf gesammelt hat.
Den Link zu Birgits Praxis findest Du hier:
https://www.musiktherapie-bvb.de
Hier der Link zu unserer Parkinson-Fortbildung:
https://fortbildung.klinisch-relevant.de/s/klinischrelevant/morbus-parkinson-was-ist-klinisch-relevant

Apr 17, 2021 • 39min
Die neue Pflegeausbildung - mit Prof. Markus Wübbeler * Pflegewissenschaft
Was das neue Gesetz zur Reform der Pflegeberufe konkret für Dich bedeutet!
Neue Pflegeausbildung
Der Klinisch Relevant Podcast liefert Ärztinnen und Ärzten, sowie Angehörigen der Pflege- und Therapieberufe kostenlose und unabhängige medizinische Fortbildungsinhalte, die Du jederzeit und überall anhören kannst und die für Dich von ärztlichen und pflegerischen Kollegen konzipiert werden. Im heutigen Beitrag geht es um das Thema der neuen Pflegeausbildung, die Ausbildungsstruktur, Änderungen und Fragen zur Fragen zur Professionalisierung.
Informationen des Gesundheitsministeriums zur Reform der Pflegeberufe:
Mit dem Gesetz zur Reform der Pflegeberufe, das im Juli 2017 verkündet wurde, wird der Grundstein für eine zukunftsfähige und qualitativ hochwertige Pflegeausbildung für die Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege gelegt.
Link:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html
Praxisanleitung nach der neuen Pflegeausbildung:
Im ersten Teil des Buches beschreiben die Autoren die neuen gesetzlichen Grundlagen und den daraus resultierenden Herausforderungen für die praktische Ausbildung vertraut. Die Autoren stellen Ihnen die Kompetenzprofile der neuen Pflegekräfte, wie sie in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung beschrieben sind, vor und greifen kurz die Möglichkeit zur Spezialisierung auf die Abschlüsse der Altenpflege bzw. Gesundheits- und Kinderkrankenpflege auf.
Link zum Buch:
https://www.buecher.de/shop/altenpflege/praxisanleitung-nach-der-neuen-pflegeausbildung/knoch-tina/products_products/detail/prod_id/55980479/
Pflegeberufegesetz
Das Pflegeberufegesetz (PflBG) wurde im Juni 2017 vom Bundestag verabschiedet und tritt Anfang 2020 in Kraft. Mit dem Gesetz wird die Ausbildung für Pflegefachkräfte grundlegend reformiert, um diese an die aktuellen pflegerischen Herausforderungen anzupassen und ansprechender für den zukünftigen Nachwuchs zu gestalten. pflege.de erklärt, wie die reformierte Pflegeausbildung aussieht und was die Änderungen bedeuten.
Link: https://www.pflege.de/pflegegesetz-pflegerecht/pflegeberufegesetz/
Verordnung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Bundesministeriums für Gesundheit
Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe soll auf der Grundlage der Ermächtigung in § 56 Absatz 1 und 2 des Pflegeberufegesetzes (PflBG) vom 17. Juli 2017 (BGBl. I S. 2581) erlassen werden.
Link: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/A/Ausbildungs-_und_Pruefungs_Verordnung_Pflegeberufe_final.pdf

Apr 13, 2021 • 53min
Mindful Communication - mit Carina Schmid * Querschnittsthemen
Kommunikation als zentraler "Soft-Skill" der Arbeit mit Menschen: was Du verbessern kannst und worüber Du Dir bewußt werden solltest..
Mindful Communication
Willkommen zu unserer neuesten Podcastfolge von Klinisch Relevant mit Carina Schmid. Es dreht sich heute alles um Tipps und Techniken für eine gelungene Kommunikation. Carina Schmid erklärt uns, wieso die Selbst-Empathie ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Kommunikation ist, wie ein empathisch geführtes Gespräch mit einem Patienten aussehen könnte und wie man die Patienten in den verschiedenen Phasen der Verhaltensänderung unterstützen kann. Gerade im Gesundheitswesen haben wir tagtäglich belastende bzw. schwierige Situationen für Patienten und Angehörige. Daher hoffen wir, euch mit dem Podcast neue Erkenntnisse zu liefern und dadurch den Arbeitsalltag etwas zu erleichtern.
Tipps um ein Gespräch (z.B mit Patienten) zu beginnen
Jeder hat in seinem Alltag gewisse Tätigkeiten, die er automatisiert durchführt (z.B. Treppen steigen).
Man kann diese Tätigkeiten ganz bewusst durchführen und dabei auf sich selbst und auf seine Umgebung achten. Hierbei kann man beispielsweise darüber reflektieren, wie es einem geht, wie man sich fühlt, wie man atmet und was um einen herum passiert.
Im Gespräch mit einem Patienten Anker setzen. Dies kann das bewusste Wahrnehmen der eigenen Atmung, der Lage der Hände/Füße oder der Schwerkraft sein.
Die Anker sorgen für ein Bewusstsein für die Situation und für den Ort, an dem man sich gerade befindet. Das erhöhte Bewusstsein führt zu mehr Flexibilität hinsichtlich unserer Reaktionen im Gespräch.
Selbst-Empathie: Man sollte sich in Gesprächen bewusst mit der wahrgenommenen Kritik oder dem Lob auseinandersetzen. Beispielsweise wenn Angehörige in der Klinik Kritik darüber äußern, warum alles so lange dauern würde. Es ist wichtig sich paar Sekunden mit dem Gefühl, welches man verspürt (beispielsweise Unverständnis bzw. Ablehnung), auseinanderzusetzen und bewusst zu machen, wieso diese Reaktion kommt und wieso sie in Ordnung ist. Gleiches gilt für Lob. Hier sollte man die positiven Emotionen zulassen und bewusst wahrnehmen. Wichtig ist, nicht nur über die Gefühle nachzudenken, sondern diese auch bewusst zu fühlen.
Empathie: Hier ist es wichtig wahrzunehmen, was in dem Patienten oder Angehörigen vorgeht. Es hilft, den Patienten bzw. Angehörigen mit einem Satz („Sie machen sich wirklich Sorgen um Ihre Mutter, oder? Sie wollen einfach nur, dass sie eine schnelle und gute Versorgung bekommt, stimmt das?“) zunächst abzuholen und zu zeigen, dass er gehört wird. Dann kann man den Patienten oder den Angehörigen in die Prozedur mit einbeziehen und z.B. fragen „Sind Sie bereit zu hören, was Sie gerade machen können, um uns zu helfen?“. Liegen die z.B. Chipkarte, der Medikamentenplan oder Vorbefunde vor? Wurden die nötigen Fragebögen schon ausgefüllt? Mit der investierten Zeit kann man den Patienten bzw. Angehörigen zur Kooperation bringen und das Verständnis erhöhen.
Wie kann man Patienten überzeugen negative Verhältnisweisen zu ändern?
Das Wissen um eine negative Verhaltensweise wird niemals ausreichen, um das Verhalten zu ändern.
Genauso wird es nicht helfen, Angst dazu zu nutzen, um das Verhalten zu ändern.
Transtheoretical model of change:
5 Phasen der Verhaltensänderung
1. Phase: Absichtslosigkeit. Der Patient hat nicht die Absicht, sein Verhalten zu ändern. Entweder, weil er nicht weiß, dass das Verhalten schlecht ist oder weil er beispielsweise schon einige Male erfolglos war bei der gewünschten Verhaltensänderung. Als Therapeut sollte man nicht nur die Dringlichkeit der Verhaltensänderung aufzeigen, sondern dem Patienten zuhören und erfahren, ob das Wissen fehlt oder ob fehlgeschlagene Versuche demotivieren. Es hilft, nicht nur die negativen Folgen der aktuellen Verhaltensweisen zu beleuchten, sondern auch die positiven Seiten der Verhaltensänderung zu betonen.
2. Phase: Absichtsbildung. Die Patienten haben vor, dass Verhalten in unbestimmter Zeit zu ändern. Man sollte dem Patienten zuhören und analysieren, wie, wo und in welchem Rahmen man kleine Schritte in Richtung der Verhaltensänderung einbauen könnte. Gibt es Personen, die den Patienten unterstützen könnten? Versuchen diese mit ins Boot zu holen. In dieser Phase ist es wichtig, dass der Patient merkt, dass er es schaffen kann seine Verhaltensweise zu ändern. Außerdem ist es wichtig, die Auslöser der negativen Verhaltensweisen zu erkennen und an Alternativen zu arbeiten.
3. Phase: Vorbereitung. Die Patienten planen ganz konkret, die negativen Verhaltensweisen abzulegen.
4. Phase: Aktion. Die Patienten vollziehen in diesem Stadium die Verhaltensänderung. Als Therapeut sollte man hier auf die Motivation des Patienten achten und schauen, was dem Patienten hilft und was nicht. Rückfälle oder Pausen sind in dieser Phase normal. In solchen Fällen ist eine offene Kommunikation ganz wichtig. Die Rückfälle sollten nicht verurteilt, sondern analysiert werden. Was war der Auslöser? Mit dem Patienten das Problem besprechen und gemeinsam lösen.
5. Phase: Aufrechterhaltungsstadium. Die negativen Verhaltensweisen wurden für längere Zeit abgelegt.
Weitere praktische Tipps findest Du im Change Guide von Carina auf Ihrer Website:
https://carinaschmid.com

Apr 10, 2021 • 42min
Kinder, die die Sprache nicht finden - mit Regina Edlauer * Logopädie
Ein Podcast-Interview mit unseren Logopädinnen Britta Münzer und Regina Edlauer über Sprachentwicklungsstörungen und dem Therapie-Ansatz von Barbara Zollinger
Kinder, die die Sprache nicht entdecken
Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen nach dem entwicklungspsychologischen Ansatz von Barbara Zollinger
Herzlich Willkommen zu einer neuen Podcastfolge von Klinisch Relevant.
Heute ist Britta Münzer unsere Expertin für den Bereich Logopädie mit Ihrer Kollegin Regina Edlauer im Gespräch über die Behandlung von Kindern mit verspätetem Sprechbeginn.
Ungefähr 10% der 2 bis 2,5 jährigen Kinder beginnen nicht zu sprechen. Einige von ihnen holen den Entwicklungsrückstand auf. Die anderen werden häufig mit 4 oder 5 mit Auffälligkeiten in der Entwicklung von Aussprache, Wortschatz, Sprachverständnis und Grammatik in der logopädischen Praxis vorgestellt.
In diesem Alter ist es oft aufwändig und langwierig, zu dem Entwicklungsstand der Gleichaltrigen wieder aufzuschließen.
Der Entwicklungspsychologische Ansatz nach Barbara Zollinger bietet die Möglichkeit, bereits im Alter von 2 bis 3 Jahren wichtige vorsprachliche Kompetenzen dieser Kinder einzuordnen.
Mit einem spielorientierten Angebot wird das Kind dabei unterstützt in diesen Voraussetzungen für Sprache, wie z.B. die Entwicklung der Vorstellung und die Individuationsentwicklung, den Schritt in die nächste Entwicklungsphase zu machen.
Mit der Vorstellung löst sich das Kind vom Handeln im Hier und Jetzt und bezieht sein Denken auf
etwas, was in dem Moment nicht vorhanden ist, auf eine frühere Erfahrung.
Individuation heißt sich als Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Fähigkeiten zu erleben.
Beides sind Grundvoraussetzungen um Sprache „zu entdecken“.
Hat ein Kind die Sprache entdeckt, dann kann es Worte als Symbol für etwas nicht anwesendes verwenden mit dem Wissen darüber, dass sie von dem anderen verstanden werden.
Als wichtige Basis für sprachliche Kommunikation gilt der Blickkontakt und die Fähigkeit des Kindes, hiermit eine Verbindung zwischen sich, einer Bezugsperson und einem Gegenstand von Interesse herzustellen. Diese Verbindung nennt man Triangulierung.
Im Behandlungsraum sind für das Kind verschiedene Spielsachen frei zugänglich, aus denen es etwas auswählen darf, was es interessiert. Dieses Interesse an dem Spiel und das Vertrauen zu der Therapeutin sind notwendig, damit das Kind hier etwas entdecken kann und die von der Therapeutin angebotenen Wörter für das Entdeckte annehmen kann.
Die Therapeutin setzt Sprache so ein, dass für das Kind immer eine Verbindung zu einem Gegenstand oder einer Handlung erkennbar ist. Ein „Überschütten“ mit Sprache soll unbedingt vermieden werden. Um die Aufmerksamkeit auf die Sprache zu lenken wird die Stimme bewusst angehoben und eine etwas übertriebene Intonation angenommen.
Bei einigen Kindern steht das Hinleiten zu frühen Entwicklungsschritten wie Blickkontakt oder die Loslösung von der Bezugsperson und die damit verbundene Individuationsentwicklung im Vordergrund.
Sobald das Kind den Schritt in die nächste Entwicklungsphase geschafft hat, wird die Behandlung pausiert und die weitere eigenständige Entwicklung beobachtet. So entstehen Intervalle von jeweils 3 Monaten Therapie und Therapie freien Phasen nach denen überprüft wird, ob eine weitere Behandlungsphase notwendig ist.
Häufig reichen wenige Behandlungsintervalle aus. Das Kind hat dann die Sprache für sich entdeckt und entwickelt Sprachverständnis, Wortschatz und Grammatik selbst weiter. Auch Verhaltensauffälligkeiten, die mit der stagnierenden Sprachentwicklung im Zusammenhang stehen, verändern sich dann meist zu einem altersgemäßen Verhalten.
Die Vorsorgeuntersuchung U7 bietet die Möglichkeit, Kinder mit verzögertem Sprechbeginn frühzeitig zu erkennen und durch frühe Intervention spätere Folgen für die Sprachentwicklung zu reduzieren.

Apr 6, 2021 • 40min
Hereditäre Tumorerkrankungen: häufiger als gedacht - mit Prof. Gabriela Möslein * Chirurgie/Onkologie
Welche Auswirkungen kann die genetische Diagnostik bei Tumorerkrankungen auf die Therapie haben?
Hereditäre Tumorerkrankungen
Herzlich Willkommen zu einer weiteren Podcastfolge von Klinisch Relevant. Wir melden uns nach den Osterfeiertagen zurück und sprechen mit Frau Prof. Dr. med. Möslein, Viszeralchirurgin am Bethesda-Krankenhaus in Duisburg, über hereditäre Tumorerkrankungen. Diese treten vor allem bei jüngeren Patienten auf und werden in bestimmten Fällen, je nach Mutation, unterschiedlich therapiert. Wir haben für euch in Erfahrung gebracht, wie eine genetische Testung abläuft, wieso die genetischen Testungen zunehmend an Bedeutung gewinnen werden und bei welchen Patienten man hellhörig werden sollte.
Viel Spaß beim Zuhören!
Warum sind spezialisierte Abteilungen wichtig?
Erkenntnisgewinn ist rasant und schwer zu überblicken.
Es werden nicht nur einzelne Patienten, sondern ganze Familien betreut. Es ist von Vorteil die Krankengeschichte im Ganzen überblicken und ein Vertrauensverhältnis mit den Patienten aufbauen zu können.
Wie gelangen die Patienten zu Ihnen?
Grundsätzlich werden Patienten überwiesen bzw. eingewiesen.
Es melden sich aber auch Patienten selbstständig, die sich für genetische Testungen interessieren.
Insbesondere tritt dies dann auf, wenn eine familiäre Belastung bekannt oder der Patient für die Erkrankung außergewöhnlich jung ist.
In solchen Fällen melden sich junge Patienten selbstständig oder werden durch die behandelnden Ärzte weitergeleitet.
Junge Patienten (<50 Jahre) mit Krebserkrankungen sollten schauen, ob in ihrer Familie diese Erkrankung häufiger vorkommt. Ein genetischer Test wäre auch ohne bekannte Krebserkrankungen in der Familie sinnvoll.
Wie sicher ist die Familienanamnese zur Feststellung einer hereditären Tumorerkrankung?
Bei zunehmenden Testungen zeigt sich, dass je jünger der Patient mit der Krebserkrankung ist, desto häufiger verbirgt sich hinter der Krebserkrankung eine relevante genetische Veränderung.
Bei einer positiven Familienanamnese spielen für den Humangenetiker folgende Punkte eine Rolle:
• Welche Krebserkrankung?
• Wie viele Fälle sind aufgetreten?
• In welchem Alter sind diese aufgetreten?
• Mütterlicherseits oder väterlicherseits?
Die Familienanamnese ist wichtig, aber das Alter des Patienten ist wichtiger.
Welche Tumore sehen Sie häufig?
Dickdarmtumore
Brusttumore
Schilddrüsenkarzinom
Dünndarmtumore
Magentumore
Es kommt natürlich auf die Spezialisierung der Fachabteilung an, welche Krebserkrankungen häufig gesehen werden.
Genetische Mutationen müssen nicht immer im selben Organ zu einer Krebserkrankung führen.
Wie erfolgt die Durchführung der genetischen Untersuchung? Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? Wie kommunizieren Sie die Notwendigkeit der Untersuchung?
Eingebettet in einer humangenetischen Beratung
Krankenkassenleistung. Die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die Kosten. Private Krankenversicherungen sollte man um einen Kostenvoranschlag bitten. Die Kosten werden in der Regel übernommen.
Jeder Arzt kann die Aufklärung für einen Gentest übernehmen.
Damit das Labor allerdings für die Testung auch bezahlt wird, ist der übliche Ablauf über die Humangenetik notwendig.
Die Kosten sind in Deutschland unverhältnismäßig hoch im Vergleich zu anderen Ländern.
Die prädiktive Testung erfordert eine sehr gute Aufklärung, da diese eine besonders hohe psychische Belastung mit sich führen kann.
Worin liegt der Vorteil der genetischen Diagnostik in der Behandlung von Tumorerkrankungen?
Präventionsmöglichkeiten
Lynch-Syndrom: Führt häufig zu Dickdarmkrebs und weiteren Tumorerkrankungen wie z.B. Gebärmutterkrebs. Die tägliche Einnahme von ASS kann im Langzeitverlauf die Entwicklung von etwa 50% der Karzinome verhindern.
Es gibt den Patienten die Möglichkeit, sich bewusster zu entscheiden. Beispielsweise ob bei einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs eine prophylaktische Mastektomie durchgeführt werden soll, oder nicht.
Kann sich das Ergebnis der genetischen Testung auf die nicht-chirurgische Therapie auswirken? Welche Bedeutung hat die genetische Testung für die Therapie?
Beispiel: Li-Fraumeni-Syndrom. Eine Strahlentherapie führt hier zu mehr Krebserkrankungen.
Mikrosatelliteninstabilität: Marker im Tumorgewebe, welcher leicht bestimmt werden kann. 15 – 20% der Dickdarmkarzinome weisen dieses Phänomen der Mikrosatelliteninstabilität auf. Dies führt dazu, dass sie anders auf eine Chemotherapie reagieren. Deshalb ist man hier zurückhaltend mit Chemotherapeutika. Dagegen haben sich Immuntherapien, insbesondere bei Metastasen, als sehr wirksam herausgestellt. Ein Anteil der Tumore mit Mikrosatelliteninstabilität sind erblich und dem bereits erwähnten Lynch-Syndrom (früher HNPCC (hereditäres, nicht polypöses Kolonkarzinom)) zuzuordnen. Es gibt 5 Gene, die zum Lynch-Syndrom führen. Jedes dieser Gene führt allerdings zu einer anderen Ausprägung des Syndroms.
MSH6 Gen: Führt zu viel mehr Gebärmutterkrebs als Dickdarmkrebs.
Was wird die Zukunft bringen?
Die genetische Testung wird zunehmend verfügbar sein.
Es könnte sein, dass mit histologischen Biopsien auch direkt genetische Testungen gemacht werden, die Auswirkungen auf die Therapie haben könnten.
Beispielsweise könnten sehr strahlensensible Tumore des Enddarms erkannt werden und so eine aufwendige Operation vermieden werden.
Die Schnelligkeit und Verfügbarkeit der Testungen werden zunehmen. Das Verständnis darüber, welche Therapien bei welchen Tumoren am besten wirken wird ebenfalls zunehmen.
Kontakt:
Prof. Dr. med. G. Möslein
Leiterin des Zentrums für Hereditäre Tumorerkrankungen
Tel.: 0203 6008-3152
g.moeslein@bethesda.de

Apr 3, 2021 • 24min
Periprothetische Infektionen - mit PD Dr. Mustafa Citak * Orthopädie/Unfallchirurgie
Seltene aber gefürchtete Komplikation nach endoprothetischen Eingriffen
Periprothetische Infektionen
In unserem heutigen Klinisch Relevant Podcast widmen wir uns wieder einem orthopädischen Thema und sprechen mit Herrn PD Dr. med. Mustafa Citak über die periprothetischen Infektionen (PPI). Er erklärt uns unter anderem, wie periprothethische Infektionen definiert sind, wie sie sich klinisch präsentieren und wie man sie behandeln kann. Wir wünschen euch reichlich neue Erkenntnisse und natürlich viel Spaß beim Zuhören.
Was sind periprothetische Infektionen (PPI)?
Periprothetische Infektionen sind eine gefürchtete Komplikation aller endoprothetischen Operationen
Es handelt sich um eine Entzündung des Gelenks mit Bakterien. Ganz selten können auch Pilzinfektionen, beispielsweise durch Candida, vorliegen.
Inzidenz bei Primäroperationen: 1 – 2 %
Inzidenz bei Austauschoperationen deutlich höher.
Wird unterschieden in akut und chronisch:
• Akut: Eine Infektion, die bis 3 Wochen nach der Operation auftritt.
• Chronisch: Tritt verzögert auf
Definition PPI anhand von Major- und Minor-Kriterien nach International Consensus Meeting (ICM)
Eine Infektion liegt vor bei:
• 1 von 2 Major-Kriterien:
▪ Fistel
▪ Identischer Erreger in 2 Gewebeproben/Punktaten
• bei über 6 Punkten:
▪ Histologie
▪ Singuläre positive Kultur
▪ Erhöhte Zellzahl (Punktat)
▪ Erhöhter Anteil neutrophiler Granulozyten (Punktat)
▪ CRP – und BSG-Erhöhung
▪ Alpha-Defensin
▪ Leukozytenesterase
Welch Symptome haben die Patienten?
Akut: Fieber, Schüttelfrost, Überwärmung und Rötung des Gelenks
Chronisch: Jedes Gelenk, welches nach einem Jahr noch schmerzt, sollte an eine Infektion denken lassen. Typische Entzündungszeichen liegen nicht vor.
Welche weiteren diagnostischen Schritte sind möglich?
CRP: War laut einer Studie bei -84% der chronischen periprothetischen Infektionen erhöht. Bei -16% lagen normale Werte vor.
Gelenkpunktion ist Mittel der Wahl.
• Es werden Kulturen angelegt, die 14 Tage inkubieren müssen.
• Die Zellzahl wird bestimmt. > 3000 Zellen sind Zeichen einer Infektion
• Alpha-Defensin: Peptid das nachgewiesen werden kann. Der Test ist bei einem Wert ab 0.9 positiv und spricht für eine Infektion.
• Leukozytenesterase: Funktioniert ähnlich wie ein Urinstreifentest. Wenn dieser 2 bis 3-fach positiv ist, spricht dies ebenfalls für eine Infektion.
D-Dimer: Wurde 2018 in die ICM-Kriterien aufgenommen.
PCR-Testung
Next-generation-sequencing
Bildgebung: Röntgenbilder sind zur Feststellung einer Infektion ungeeignet. Wird allerdings zum Ausschluss weiterer Ursachen angefertigt.
Unter besonderen Umständen:
• Leukozytenszintigraphie bei Patienten, die bereits eine Osteomyelitis hatten.
Prävention von PPIs
Beeinflussbare Risikofaktoren:
• Schlecht eingestellter Diabetes mellitus
• Adipositas; BMI über 40 erhöht das Infektionsrisiko um das 6 bis 7-fache. Gewichtsreduktion anstreben.
• Zahnstatus sollte in Ordnung sein. Infektionen an den Zähnen sollten erst saniert werden
Gibt es intraoperative Strategien zur Riskoreduktion?
Sterilität ist wie bei allen Operationen essentiell
OP-Zeit spielt eine Rolle
Bisherige Studien, die das Material der Endoprothesen als Risikofaktor untersuchen, sind noch nicht ausgereift.
Therapie des PPI
Akute Infektion:
• Bei septischen oder präseptischen Entzündungsparametern muss unverzüglich operiert werden.
• Die mobilen Teile der Prothese müssen ausgetauscht werden.
• Mit 6 l Polyhexanid spülen, debridieren, Wunde verschließen
• Kalkulierte Antibiose präoperativ. Postoperativ Therapie anpassen.
• 3 Monate Antibiose. Initial iv. anschließend per os.
• Falls die Erhaltungstherapie nicht erfolgreich ist, wird die Prothese ausgetauscht.
Chronische Infektion:
• Austauschoperation
Einzeitiger bzw. zweizeitiger Wechsel im Rahmen der Austauschoperation. International ist der zweizeitige Wechsel der Goldstandard. Bei der zweizeitigen Operation wird zuerst die Prothese ausgebaut. Das Fremdmaterial wird vollständig entfernt und ein antibiotikabeladener Spacer eingebaut.
▪ Mobile Spacer: Das Gelenk kann bewegt werden
▪ Statische Spacer: Temporäre Arthrodese
• Bei der zweiten Operation wird der Spacer aus- und die Endoprothese eingebaut. Nachteil bei dem zweizeitigen Wechsel ist, dass entsprechend zwei Operationen nötig werden und dadurch das Risiko für Komplikationen steigt.
• Das Ergebnis der Sanierung ist laut Literatur bei beiden Vorgehensweisen identisch.
• Der einzeitige Wechsel wird international zunehmend durchgeführt. Voraussetzung für die einzeitige OP ist u.a. der Keimnachweis.
• Beim einzeitigen Wechsel erfolgen alle notwendigen Schritte, von der Sanierung bis zur Implantation einer neuen Endoprothese, in einer OP. Der Keimnachweis ist wichtig, da das richtige Antibiotikum in das Zement gemischt werden muss.
• Weitere Voraussetzungen für den einzeitigen Wechsel:
▪ Wunde muss wieder verschlossen werden können.
▪ Eine kleine Fistel ist keine Kontraindikation
▪ Kontraindikation: Weichteilverschluss nicht möglich
• Antibiotika Therapie unterscheidet sich von Klinik zu Klinik.
• Hinsichtlich der Mobilisation gibt es keine Unterschiede zwischen den beiden Methoden.


