SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Sep 29, 2024 • 11min

Elke Schmitter – Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch

Erzählerin Helena ist Künstlerin, Levin ist Musikphilosoph. Die beiden lernen sich auf einer Party kennen und stürzen sich ineinander. Ein Bildungsroman und zugleich ein Einbildungsroman über das emotionalste Thema, das es geben mag. Warum Elke Schmitter die Liebe der beiden Romanfiguren nicht auf einer Dating-App beginnen ließ und welche Erkenntnisse sie heute über die Liebe ziehen kann, erzählt die Autorin im Gespräch mit Anja Brockert.
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Sep 26, 2024 • 4min

Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite

Der US-amerikanische Politthriller-Autor Ross Thomas ist bekannt für seine sorgsam verwickelten, kaum zusammenzufassenden Plots. Sein längster Roman „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist keine Ausnahme. Im Mittelpunkt steht Lucifer Dye. Er ist – sein Name lässt es vermuten – ein etwas zwielichtiger Typ. Gerade erst wurde er von einem halbstaatlichen US-amerikanischen Geheimdienst namens Sektion 2 aus der Haft in Hongkong herausgekauft und gezwungen, seine Arbeit für Sektion 2 einzustellen. Dubiose Berater und Einflussnahme Da erhält er von dem dubiosen Berater Victor Orcutt ein Angebot: In der fiktiven mittelgroßen Stadt Swankerton – irgendwo zwischen Mobile, Alabama und Galveston, Texas – kündigt sich ein wirtschaftlicher Boom an. Deshalb wollen gewisse Geschäftsleute den anstehenden örtlichen Wahlkampf zu ihren Gunsten beeinflussen.  Wissen Sie, Mr. Dye, Städte sind faszinierende Mikrokosmen der Welt, in der wir leben. Natürlich zerstören wir sie, und im Gegenzug zerstören sie uns. Ach, ich meine nicht buchstäblich, wenn auch Smog und Verkehr und Feuer und Unruhen durchaus ihren Zoll verlangen. Aber die Rolle der Stadt hat sich in den letzten dreißig Jahren drastisch verändert – zu unseren Lebzeiten. Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist im US-amerikanischen Original bereits 1970 erschienen, dennoch lassen sich mühelos Parallelen in die Gegenwart ziehen: Gentrifizierung, Verödung der Innenstädte, Rassismus und Bestechlichkeit haben ein „Klima der Apathie“ erzeugt – und damit ideale Voraussetzungen, um Menschen und Wahlkämpfe zu korrumpieren.  Gierige Politiker, korrupte Cops  Gierige Politiker und Cops arbeiten mit dem organisierten Verbrechen zusammen, um sich zu bereichern. Keine Seite ist besser als die andere.   Diese Ununterscheidbarkeit von Politik und Verbrechen ist ein wesentliches Merkmal des Werks von Ross Thomas, das seit 2005 in einer editorischen Großleistung im Alexander Verlag neu herausgegeben wird. Der 1926 in Oklahoma geborene Ross Thomas erzählt, wie sich globale Zusammenhänge bis in Kleinstädte auswirken – und seine 25 Romane bestechen mit politischem Scharfsinn, stets nah an der Realität, aber eben doch Literatur.  Sechster Roman von Ross Thomas „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist sein sechster Roman, auf Deutsch erstmals 1972 in einer verstümmelten Übersetzung im Ullstein Verlag erschienen. 144 Seiten lang. Die Neuübersetzung von Julian Haefs und Gisbert Haefs hat nun 580 Seiten und damit Originallänge. Eine Besonderheit dieses Romans: Der Protagonist Lucifer Dye erhält eine ausführliche Hintergrundgeschichte, in der der japanische Bombenangriff auf Shanghai 1937 wie der Angriff auf Pearl Harbour 1941 zentrale Rollen spielen. Hochkomische Dialoge  Sie sorgt für mehr Verwicklungen, mehr Plot, mehr Personen – unterläuft aber auch Ross Thomas‘ perfekte Erzählökonomie der späteren Romane. Dafür entwickelt sich inmitten typischer Ross-Thomas-Machenschaften und bissiger, hochkomischer, tiefsinniger Dialoge die Charakterstudie eines verlorenen Mannes, der sich von der Menschheit entfernt hat.   Wir haben einen Job, und Sie wissen, wie der aussieht, weil Sie ihn selbst einmal gemacht haben. Sie waren darin nie sonderlich gut, weil Sie nie wirklich daran geglaubt haben, aber die meisten von uns tun es, und das ist etwas, was Sie niemals begreifen werden, weil Sie nicht wirklich daran glauben, dass überhaupt irgendetwas wichtig ist, nicht mal Sie selbst. Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite Mittlerweile sind 24 der 25 Romane von Ross Thomas in der Werkausgabe erschienen. Darunter ist kein schlechter. Auch „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist ein vielschichtiger, hochinteressanter Politthriller, ein Stück Editions- und Werkgeschichte. Es ist Zeit, Ross Thomas endlich zu entdecken. Er ist einer der besten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Fangen Sie direkt an. Am besten mit Band 1.
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Sep 25, 2024 • 4min

Michael Lentz – Grönemeyer | Buchkritik

Seit Jahrzehnten wird seine Musik als tönende Lebenskunst rezipiert. Für viele wurden die Lieder Herbert Grönemeyers zum Soundtrack der eigenen Biographie. Quelle: Michael Lentz In das Leben von Autor Michael Lentz allerdings trat Herbert Grönemeyer verhältnismäßig spät und auch nicht mit seinen Liedern, sondern mit seiner Anfrage. Weil 2003 im Debütroman von Michael Lentz, „Liebeserklärung“, immer wieder Liedzeilen der CD „Mensch“ eine Rolle spielten, lud Grönemeyer den Schriftsteller nach London ein und unterhielt sich mit ihm. Das Gespräch landete auf der DVD des Albums und die Männer wurden Freunde. Grönemeyer und Lentz: Eine fruchtbare Künstlerfreundschaft  Und da fast noch nichts Relevantes, Analytisches zu Stimme, Musik und Texten Grönemeyers veröffentlicht war, wie der Lautpoet, Literaturprofessor und Musiker Michael Lentz feststellte, machte er sich daran, eine stattliche, 385 Seiten starke Werkbiografie zu schreiben. Das war eine gewisse Herausforderung, da vielleicht auch ein wenig Neuland zu betreten, fernab auch eines generalisierenden poptheoretischen Zuschnitts, sondern ganz, wie man in der Literaturwissenschaft sagt „close reading“ diesmal dann „close hearing“ ganz nah am Stoff bleiben und den mal, sowohl von den Texten her als auch der Musik bis hin in die harmonischen Analysen auseinanderzunehmen. Quelle: Michael Lentz „Herbert Grönemeyer vertont keine Texte, sondern vertextet Musik. Töne sagen und erzählen bereits etwas, oft schon das Wesentliche. Es entsteht eine Stimmung, ein Bild, eine atmosphärische Temperatur. Der Text erklärt dann, führt aus, ergänzt und passt sich an, indem er an formale Vorgaben wie Takt und Silbenzahl, Rhythmus und Zeiteinheiten gebunden ist.“ (Michael Lentz - Grönemeyer) Aufschlussreiche Analysen und biografische Fundstücke  Sich immer wieder einen Grönemeyer-Song zwischen den Zeilen zu gönnen, tut der Lektüre gut – die an vielen Stellen einen musiktheoretisch hoch belastbaren Leser voraussetzt. Man kann die ausgeklügelten wie aufschlussreichen Analysen von Harmonien, einzelnen Texten oder stimmlichen Besonderheiten aber durchaus auch als Anreiz für den interessierten Laien verstehen: nach der Lektüre wird man die Songs neu hören. Oder man widmet sich von Anfang an verstärkt dem biografischen Teil des Buches. Verweilt in der frühen Kindheit des Musikers, geprägt von der musischen Mutter aus baltischem Adel, deren Vorfahren Russen waren. So wurden abends am Bett der drei Grönemeyer-Brüder viele estnische, russische und deutsche Lieder gesungen. Der Vater, promovierter Bergwerksingenieur, lebensfroh, feierfreudig, und humorvoll, pflegte über seine westfälische Mentalität zu scherzen: „Wir sind schlicht, aber sehr ergreifend.“ Herbert Grönemeyer, die gelungene Mischung seiner zielstrebig-sentimentalen Eltern, singt, seit er vier Jahre alt ist.  Ich bin Dauersänger, sagt Herbert Grönemeyer von sich. Ich wollte aber nie Sänger werden, ich sang ja bereits. Ein anspruchsvolles Kompendium für Fan und Fachmann  Erste Erfolge jedoch feiert er als Schauspieler – 1981 als Leutnant Werner im Film „Das Boot“. Drei Jahre, aber bereits vier weitaus unbeachtete Studioalben später dann endlich auch der musikalische Durchbruch mit „4630 Bochum“. Es folgen viele Platten, phantastische Konzerte, schwere Schicksalsschläge, neues Lebensstrahlen. Michael Lentz erzählt davon, auch vom politischen Engagement des Künstlers, fokussiert aber auf das Werk Grönemeyers, geht da ins interpretatorische, untersuchende Detail. So ist ein anspruchsvolles Kompendium entstanden, in dem jeder etwas finden kann, das ihn interessiert – ob Fan oder Fachmann. Wer aber ist der ideale Leser?  Man muss, sage ich mal recht selbstbewußt, eine gewisse Kompetenz mitbringen, eine textliche, eine musikalische, und diese ganzen einzelnen Komponenten verbindende Kompetenz. Und das war die Herausforderung und deswegen: Der ideale Leser bin ich selber. Quelle: Michael Lentz
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Sep 24, 2024 • 4min

Neige Sinno – Trauriger Tiger

„Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat“, meinte Jean-Paul Sartre. Ein schöner, mutmachender Satz. Aber gilt er für alle Menschen und alle Lebenslagen? Jahrelang sexuell missbraucht Oder gibt es Erfahrungen, die so einschneidend und zerstörerisch sind, dass sich aus ihnen schlechterdings nichts Positives machen lässt? Wie ist es zum Beispiel, wenn ein Mädchen jahrelang sexuell missbraucht wird? Neige Sinno antwortet so:  Der sexuelle Missbrauch eines Kindes ist keine Prüfung, kein unvorhergesehener Zwischenfall im Leben, sondern eine tiefe und systemische Erniedrigung, die die Grundfesten des Seins zerstört. Wer einmal Opfer gewesen ist, der ist immer Opfer. Selbst wenn man auf die Füße fällt, wird man es nie wieder ganz los.   Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger Menschliche Abgründe  Aber die Autorin – und das ist typisch für ihr Buch – hinterfragt sich selbst immer wieder. Das seien „bombastische Sätze“, sie könne sich täuschen. Statt zu verallgemeinern, sollte sie besser von ihrer eigenen Erfahrung sprechen, ermahnt sie sich. Und das tut sie – schonungslos und klug.   Mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester und den Hippie-Eltern wächst Neige Sinno in einem kleinen Ort in den französischen Alpen auf. Als die Mutter einen anderen Mann kennenlernt, lässt sie sich scheiden, um mit dem attraktiven Bergführer und den Kindern, zwei weitere kommen bald hinzu, auf einem heruntergekommenen Bauernhof zusammenzuleben. Neige Sinno erzählt klar und pathosfrei Sieben Jahre lang wird Neige Sinno von ihrem Stiefvater während dieser Zeit sexuell missbraucht. Ihr Martyrium beginnt, als sie ungefähr sieben ist, genau kann sie sich nicht erinnern. Mit 21 entschließt sie sich zur Anzeige, um ihre jüngeren Geschwister zu schützen. Ihre Mutter, die sich geweigert hat, etwas zu bemerken, braucht ein Jahr, um den Schock zu verarbeiten und sich von dem Täter zu trennen. Dieser gesteht und wird zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Das sind die Fakten, an denen entlang Neige Sinno klar und pathosfrei ihre Geschichte erzählt. Immer wieder kreist sie um den Gedanken, dass es für ein Missbrauchsopfer nie ein Happy End gibt. Das Buch ist aber nicht nur Zeugnis einer existenziellen Beschädigung, es ist auch der Versuch, menschliche Abgründe auszuloten.  Was genau ist ein Monster, wenn nicht ein Wesen so weit außerhalb der Norm, dass man es nicht verstehen kann, dass es sich selbst nicht verstehen kann? Warum sind sie keine Monster, diese Typen, die ihr erigiertes Glied in den Körper ihrer Kinder gesteckt und ihnen dabei ganz leise, damit niemand sie hört, ins Ohr geflüstert haben, sie liebten sie mehr als alles auf der Welt? Sie wollen nicht, dass man sie einzig und allein über ihre Taten definiert. Wahrscheinlich haben sie, wie meine Mutter sagt, auch gute Seiten.  Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger Autorin porträtiert den Täter Die Autorin betrachtet sich als kleines Mädchen und als erwachsene Frau, sie porträtiert den Mann, der sie missbraucht hat, und sie denkt über die „Blindheit“ ihrer Mutter nach. Ausführlich zitiert sie aus Büchern, die absolute Herrschaft und extreme Gewalterfahrungen thematisieren. Sie hat Nabokovs „Lolita“, Virginia Woolf, Christine Angot, Emmanuel Carrère gelesen. Von William Blake und seinem Gedicht „Der Tiger“ hat sie sich zum Titel ihres Buches inspirieren lassen. Immer wieder räsoniert sie auch über das eigene Schreiben und die Frage, wie sie überhaupt von ihren Erfahrungen erzählen könne.  Eine unbegründete Sorge    Mir wurde beigebracht, dass die großen Werke der Literatur imstande sind, die einfache und gewöhnliche Erfahrung, die kleine persönliche Geschichte zu übersteigen, sie zu transzendieren, indem sie sprachliche und ästhetische Schöpfungen werden. Ich will ‚in der Sprache sein‘. Das wollte ich schon immer. Andererseits widert es mich an, aus meiner Geschichte Kunst zu machen.   Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger Neige Sinno berichtet auch von der Angst, mit ihrem Buch nur zu Radiosendungen zum Thema Inzest eingeladen zu werden. Die Sorge hat sich jedoch als unbegründet erwiesen. Ihr Buch hat in Frankreich zahlreiche Preise erhalten. Verdientermaßen. „Trauriger Tiger“ ist ein bedrückendes, vor allem aber ein radikal aufklärerisches Buch. Neige Sinno gelingt es, in einer präzisen Sprache von extremen Erfahrungen zu erzählen, über die sich kaum sprechen lässt.
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Sep 23, 2024 • 4min

Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf

Dass die Gesellschaft gespalten sei, ist zu einer Standardklage geworden. Jedes Weltproblem, jeder Konflikt, jede Krise reißt neue Gräben auf, gleich ob es sich um Klima, Migration, Ukraine, Antisemitismus oder Corona handelt. Schnell werden Fronten gebildet, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Den Gegnern die Zähne zu zeigen, gilt als Tugend, Gesprächsbereitschaft als sträfliche Schwäche. Diese Stimmung bereitet Clemens Tangerding großes Unbehagen, darüber hat er sein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Rückkehr nach Rottendorf. Von Rechten, Linken und anderen normalen Leuten“.  Die Debattenräume und die Wirklichkeit  Tangerding ist als Historiker in der politischen Bildung tätig und betreut Geschichtsprojekte über den Nationalsozialismus in Städten und Gemeinden. Dabei hat er beobachtet:  Ich fühle mich, als würde ich in zwei verschiedenen Welten leben. Die eine betrete ich, sobald ich im Zug mein Handy einschalte und mir Talkshows oder Bundestagsdebatten ansehe. Die andere Welt ist belebt von Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise in ihrem Viertel oder Dorf engagieren. Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf Wie ein roter Faden zieht sich eine Grundthese durch Tangerdings Buch, die sich so zusammenfassen lässt: Die aufgeregten politischen und medialen Debatten mit ihrem oftmals hochtönenden Gesinnungseifer reden an der Lebenswirklichkeit der Menschen im Lande weitgehend vorbei.   Lauter Faschisten?  Diesen Befund illustriert Tangerding mit zahlreichen Beispielen aus seinem beruflichen Alltag, in dem er viel organisatorische und kommunikative Basisarbeit leistet. So hat er bei seinen Einsätzen für historische Aufklärung und demokratisches Zusammenwirken immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Frauen und Männer, die ihn bei seinen Projekten tatkräftig unterstützt haben, nicht einfach als „Faschisten“ abgestempelt werden können, wenn sie mit der AfD sympathisieren.   Würde ich gefragt werden, welche Trends ich im Konfliktverhalten der Menschen sehe, würde meine Antwort eindeutig ausfallen: Nichts ist derzeit so beliebt wie Distanzierung. Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf Obwohl ständig an Dialogbereitschaft appelliert wird, konstatiert Tangerding einen Mangel an Verständigung und einen Überschuss an Brandmauern und Gesprächsverweigerung.   Zurück zur sozialen Basis  Ohne große Theorien aber mit zahlreichen Details bietet er in seinem essayistischen Erfahrungsbericht einen vielfältigen Befund über die Stimmungen in den ländlichen Regionen jenseits der urbanen Zentren. Dafür steht die „Rückkehr nach Rottendorf“, den Heimatort des Autors, und dieses Eintauchen in konkrete Erfahrungswelten macht die Stärke des Buches aus. Der Autor schreibt:  Ich möchte uns allen empfehlen, die Lautstärke der Debatte ab und zu herunterzudrehen. Und zurückzukehren an die Orte, wo die leiseren Töne der persönlichen Erfahrungen stattfinden: in unsere Straße, unser Viertel, auf unsere Arbeitsstelle, in unseren Verein und in unser Wohnzimmer. Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf Zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltungen plädiert Tangerding für eine Rückkehr aus den abgehobenen Debattenräumen, wo gerne von „den Menschen draußen im Lande“ fabuliert wird, zurück zur sozialen Basis, kein neuer aber nach wie vor bedenkenswerter Vorschlag. Denn schließlich sind Demokratie und Pluralismus zu wertvoll, um sie allein den Schaukämpfen und Spiegelfechtereien auf den medialen Bühnen der Republik zu überlassen.
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Sep 22, 2024 • 4min

Sally Rooney – Intermezzo | Buchkritik

Sally Rooney ist ein echtes Phänomen: Drei Romane hat die 33-jährige Irin bislang geschrieben – alle Bestseller. Zwei wurden zu Fernsehserien, zwei mit dem Titel „Buch des Jahres“ in Irland ausgezeichnet. Die Autorin scheint – vor allem bei jungen Menschen weltweit – einen Nerv zu treffen. In einem ihrer wenigen Interviews erklärte Sally Rooney 2021 ihre Erzählweise so: „Ich kann nicht über Welten schreiben, die ich nicht gut kenne. Ich bin noch nicht groß herumgekommen, habe noch nie außerhalb Irlands gelebt und wohne seit vielen Jahren in Dublin. Das sind die einzigen Orte, über die ich schreiben kann. Ich glaube, um eine Geschichte zu erzählen, die in einer bestimmten Gemeinschaft spielt, brauche ich das sichere Gefühl, wie sich die Menschen benehmen, wie sie reden und muss wissen, wie die sozialen Regeln in diesem Setting aussehen." Zwei ungleiche Brüder trauern um ihren Vater Diese Herangehensweise verleiht ihren Romanen echte Glaubhaftigkeit. Das setzt sich auch in „Intermezzo“ fort. Sally Rooney erzählt von den Brüdern Peter und Ivan Koubek, die gerade ihren Vater beerdigt haben. Peter, der Ältere, Anfang dreißig, smart und weltgewandt, arbeitet als Anwalt. Ivan, fast zehn Jahre jünger, introvertiert mit einer Zahnspange, tingelt als spätes „Schach-Wunderkind“ durch Irland.  Am nächsten Tisch streckt Ivan seinen Arm üben den Kopf, legt die Hand zwischen die Schultern und massiert sich den unteren Nacken mit den Fingerspitzen. Unter den Armen hat er zwei dunkle Schweißflecke. Er ist nicht besonders warm in dem Raum, obwohl es sehr hell ist, also schwitzt er wahrscheinlich vor Konzentration. Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo Flucht in die Liebe Ivan lernt eines Abends Margaret kennen, die ein Kulturzentrum in der Provinz leitet, in dem er Schach spielt. Die beiden verbringen die Nacht miteinander und aus dem vermeintlichen one-night-stand entwickelt sich mehr, trotz aller Bedenken. Denn Margaret lebt von ihrem Ehemann getrennt und ist deutlich älter als Ivan. Als Peter von der Beziehung der beiden erfährt, ist er empört. Doch wer im Glashaus sitzt… Peter selbst führt eine Affäre mit der Studentin Naomi und hegt immer noch Gefühle für seine Ex-Freundin. Seine Trauer bekämpft er mit Sex, Drogen und Medikamenten: Morgens, zischendes Eisen, gebuttertes Brötchen, Milligramm Alprazolam, blaue oder grüne Krawatte. Er steht am Esstisch, sortiert seine Papiere, während der Kaffee abkühlt, Gedanken rasen in abgebrochenen Sätzen, Diskussionsfetzen, Ideen strömen auseinander und treffen sich wieder, schweißkalte Hände beim Umblättern der Seiten. Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo Das ist die Grundkonstellation dieses Romans. Wenig Handlung, viel Innenschau Und dann? Wer handlungsgetriebene Bücher mag, würde sagen – es passiert nicht viel. Die Protagonisten kreisen in ihrem Kosmos, reden, philosophieren. Wer Sally Rooneys Bücher liebt, sieht hier genau darin die Stärke der Autorin: Die Innenschau, die psychologische Betrachtung ihrer Figuren. Eine Frage, die Rooney immer wieder beschäftigt: „Wie lernen Menschen sich selbst kennen, wenn sie nicht mehr täglicher Teil einer Familie sind?" Ganz klar: Sally Rooney kann wortgewaltig und intelligent erzählen. Ob das jedem Leser und jeder Leserin gefällt, ist eine andere Frage. „Intermezzo“ ist mitunter etwas langatmig geraten. Aber darüber könnte man auch noch hinwegsehen, wenn nicht das überraschend süßliche Ende dieses Romans vollkommen aus dem Rahmen fallen würde. Schade!
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Sep 22, 2024 • 5min

Olga Grjasnowa – Juli, August, September | Buchkritik

Am Ende dieses Sommers bleiben viele Fragen offen, eigentlich fast alle! Auch nach über 200 Seiten persönlicher wie kollektiver Sinnsuche im Juli, August, September 2023. Wer bin ich eigentlich wirklich: Ludmila, Ljuda, Lou? Sergej war derjenige, der Ljuda, meinen Kosenamen, zu Lou abkürzte, was mir gefiel, denn so hatte er nichts mit mir zu tun und gab mir eine neue Identität. Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September Jüdische Heldin mit autobiographischen Zügen der Autorin Eine neue Identität? Aber welche? Ob Ludmila, Ljuda, Lou, fest steht, sie ist liiert mit dem Konzertpianisten Sergej, ist Galeristin in Berlin, in ihren Dreißigern, Mutter der 5-jährigen Rosa. Ludmila, Ljuda, Lou ist Jüdin und vor vielen Jahren als sogenannter „Kontingentflüchtling“ aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen –  ihrer Schöpferin Olga Grjasnowa damit sehr ähnlich. Der Roman hat natürlich autobiographische Züge. Und es ist auch etwas, womit der Roman spielt. Es ist nicht wirklich meine Autobiographie, aber es sind sehr viele Dinge, die ich mit Lou gemeinsam habe. Es ist zum Beispiel unser beidseitiges Unverständnis der klassischen Musik, es sind bestimmte biographische Anhaltspunkte. Und ich glaube, im Prinzip ist es einfach so, dass ich den Roman so geschrieben habe, dass ich mir überlegt habe, wie mein Leben unter Umständen auch hätte verlaufen können. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Im Juli, zu Beginn des Romans, stellt sich Lou und Sergej, dem wohlsituierten Künstlerpaar aus Berlin, immer drängender die Frage, wie jüdisch sie eigentlich seien und ihre kleine Tochter erziehen wollen – als nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden im Land der Täter. Jüdisch sein? Hier? Heute? Tatsächlich hat für mich angefangen, mein Jüdischsein eine größere Rolle zu spielen, als ich selbst Mutter war, weil sich dann die Frage gestellt hat: Was gebe ich weiter? Wie erziehe ich meine Kinder? Und vor allem bin ich nicht wirklich religiös. Das heißt, mein Judentum hat per se etwas von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion. Die Kultur spielt eine sehr große Rolle, aber nicht die Religion. Und wenn das dann so ist, was mache ich dann mit meinen Kindern? Gebe ich ihnen bestimmte Teile der Kultur mit? Kann man überhaupt sagen, was eine jüdische Kultur ist? Was ist denn dann das Spezifische, was ich weitergeben möchte? Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Eine Familie zwischen Erinnern, Lügen und Schweigen Lou stürzen diese Fragen in keine große Identitätskrise. Dazu ist sie viel zu selbstbewusst, viel zu sehr mit sich, ihrem Kind, ihrer Beziehung beschäftigt. Sie stellen sich ihr halt nur, diese Fragen, erst recht, als sie – wir schreiben mittlerweile den Monat August – mitsamt der in alle Welt verstreuten Mischpoke zum 90. Geburtstag ihrer Tante Maya nach Gran Canaria eingeladen wird. Und da sind sie dann, die ganzen noch lebenden Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, deren Söhne und Töchter – und es wird so skurril wie Familienfeiern nun einmal skurril sind Ich glaube nicht, dass es bei jüdischen Familien etwas anderes ist, sondern ich glaube, dass tatsächlich Lügen zum Familienalltag mitunter gehören. Vielleicht auch noch nicht einmal Lügen, sondern in jeder Familie gibt es bestimmte Geschichten, die man im Laufe des Lebens unterschiedlich erzählt. Man fängt an, dass man manche Geschichten zum Beispiel für die Kinder runterbricht, sie einfacher gestaltet, das Traumatische daran wegnimmt oder auslässt. Und irgendwann hat sich dieses Narrativ verfestigt, und nach und nach fangen die Leute an, mehr zu erzählen, oder sie lassen es einfach. Und die Erinnerung ist auch nicht immer gleich. Man erinnert sich mal besser, mal weniger besser, mal erscheinen andere Sachen in der Erinnerung wichtiger zu sein, Manchmal sind es Lügen, manchmal sind es auch einfach nur Auslassungen, manchmal ist es das Schweigen und all das macht eine Familie eben auch aus. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa In Lous Familie ist es – wie bei so vielen jüdischen Familien – die Frage danach, welche Katastrophe der Holocaust unter ihnen angerichtet hat und welche traumatischen Folgen er bis heute hinterlässt. Für Lou ist auf Gran Canaria die Chance gekommen, die Geschichten, die ihre Tante Maya darüber verbreitet, mit denen der Mutter abzugleichen. In meiner Kindheit war der Holocaust allgegenwärtig gewesen, an ihn wurde überall von Nachbarn oder Freunden erinnert. Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. Sie stellte sich selbst in den Mittelpunkt, was ihr gutes Recht war, nur hätte das nicht auf Kosten von Rosa geschehen müssen. Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte. Darum galt nun Mayas Wort, und ich hatte das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen. Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September Eine Geschichte, die sich im Kreis dreht Für Lou rücken sich am Rande der Familienfeier einige Verdrehungen, Verzerrungen, Verstümmelungen ihrer Familiengeschichte zurecht. Doch statt danach schnurstracks in ihren Alltag, in ihr altes Leben nach Berlin zurückzukehren, fliegt sie außerplanmäßig nach Israel. Etwa auf der Suche nach weiteren Antworten auf die Frage nach ihrer Zugehörigkeit, ihrer Verwurzelung? Das wäre plausibel und folgerichtig. Doch so zwingend scheint es dann doch nicht zu sein. Lou verbringt in Israel ja eigentlich nur ein paar Tage. Sie versucht einfach nur, kurz auszureißen und sich noch ein bisschen mehr Zeit zu verschaffen. In Berlin erwarten sie nicht die schönsten Sachen, sondern ziemlich viele Probleme. Ich glaube, sie sehnt sich einfach nur danach, noch einmal auf die Pausentaste zu drücken und sich eine ganz winzige Auszeit zu verschaffen. Aber natürlich kann sie sich das nicht selber eingestehen, sie tut es vielleicht sogar an der ein oder anderen Stelle, sondern sie flieht einfach nur und möchte etwas Zeit rausschinden. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Und so kehren Lou aus Spanien bzw. Israel und Sergej von einer Konzertreise mit einem potenziellen Seitensprung fast gleichzeitig nach Berlin zurück. Ende Juli aufgebrochen haben sie sich drei Monaten lang um sich selbst und im Kreis gedreht, ohne irgendwie weitergekommen zu sein. Entwicklung ist nicht erkennbar. Olga Grjasnowas neuer Roman ist zwar so souverän und temporeich wie dessen Vorgänger, aber leider deutlich weniger erkenntnisreich. Wenig, was man über heutiges jüdisches Selbstbewusstsein oder eben auch jüdische Selbstzweifel nicht längst gewusst hätte. Wenig, was man als originelle Wendung oder Einsicht verbuchen könnte. Lous Identitätssuche bringt leider nicht weiter. Sie nicht. Und uns nicht. Schade.
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Sep 22, 2024 • 4min

Maria Stepanova – Der Absprung | Buchkritik

Den Absprung wagen – eine häufig gebrauchte Wendung, die vom Verlassen einer unhaltbaren Situation und zugleich von einem Neubeginn spricht. „Der Absprung“ heißt das neue Buch der russischen Lyrikerin, Essayistin und Erzählerin Maria Stepanova. Ihr Roman ist eine direkte Reaktion auf die Erschütterung des Krieges, auf jenen Rückfall in die Barbarei des 20. Jahrhunderts. Das Buch beginnt mit der seltsam berührenden Beobachtung, dass die Welt trotz aller Katastrophen weitermacht: Im Sommer 2023 wuchs das Gras weiter, als wäre nichts geschehen: es wuchs, als ginge es gar nicht anders, wie um ein weiteres Mal zu zeigen, dass es an seiner Absicht festhielt, aus der Erde zu sprießen, ganz egal, wie viel auf deren Oberfläche gemordet wurde. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Das Exil als Ort der Konfrontation Die Schriftstellerin M., das Alter Ego Stepanovas, ist in einem sicheren Land, weit entfernt von ihrer Heimat und doch fortwährend in Gedanken bei den monströsen Ereignissen in der Ukraine. Das Exil ist ein Ort der absoluten Konfrontation mit der zugeschriebenen Rolle, den Zweifeln an der Urteilsfähigkeit, der Verantwortung, sogar der Schuld, obwohl man selbst nicht schuldig ist, weil das eigene Handeln und Denken eigentlich Zeugnisse des Widerstands sind. Die Stadt im Ausland, wo M. jetzt wohnte, war voll mit Menschen, die aus beiden Ländern geflohen waren, und diejenigen, über die M.s Landsleute hergefallen waren, blickten mit Schrecken und Argwohn auf die einstigen Nachbarn, als hätte deren Leben vor dem Krieg, wie auch immer es ausgesehen hatte, keinerlei Bedeutung mehr, als diente es nur zur Tarnung ihrer Verwandtschaft mit diesem Untier, das immer weiter fraß. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Das „Untier“ namens Putin Das Untier – der Leviathan – das ist Putin. Das Untier ist nicht mehr zu verstehen, gesteht sich M. ein. Sie funktioniert zwar, aber nichts mehr ist an seinem Ort, die Arbeit wird zu einer sinnlosen Angelegenheit, die verständnisstiftenden Einzelteile fügen sich nicht mehr zusammen. Selbst die Sprache, älter als das Untier, scheint kontaminiert. … und doch schien auch sie plötzlich von einer verdächtigen Schleimschicht bedeckt. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Im Gegensatz zu M., die eine halbtote Maus im Mund zu verspüren meint, wenn sie nach Worten sucht, verfügt Stepanova über Sprache: Sie schickt ihre haltlose Heldin auf eine Reise. Eigentlich ist das Ziel ein Literaturfestival. Aber die Bahn macht ihr einen Strich durch die Rechnung, ein Anschluss wird verpasst; das Handy gibt den Geist auf, die Veranstalter versetzen sie; so werden die Pläne zugunsten eines ziellosen Treibens aufgegeben. Wir durchstreifen nicht nur M.s Gedanken, sondern mit ihr auch eine fremde Stadt, folgen mit ihr einem Mann, der sie fasziniert und den sie später kennenlernt. Es scheint, als würde der geplatzte Termin eine Last von ihr nehmen. Fast ist es, als würde sie sich für einen Moment ihrer Identität entledigen, sich häuten, den Absprung schaffen. Sie heuert als zersägte Jungfrau bei einem Wanderzirkus an, gerät immer weiter in eine märchenhaft anmutende Szenerie, und am Ende scheint sie im Zirkusdirektor Peter Cohn einen blinden Seher vor sich zu haben. Du bist keine Rumänin, sagte Cohn noch einmal; in seinen schwarzen Brillengläsern schaukelten zwei große Glühbirnen. Du bist eine von uns, Liebes, eine Jüdin, ja? Und M., die sich seit Monaten immer nur als Russin bezeichnet hatte, als russische Schriftstellerin, als russischsprachige Person, wiederholte beinahe verwundert: ja. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Ein Buch wie eine traurige Abschiedsmelodie Maria Stepanova hat einen äußerst dichten Text geschrieben, eine reflektierende, assoziationsreiche Prosa mit leisen Anspielungen, literarischen Verweisen, traumhaft und realistisch zugleich. Vor allem scheint das Buch eine traurige Abschiedsmelodie – ein Abschied vom Selbst, das sich durch das Geschehen ringsum überlebt hat. Auch der Name verschwindet: Aus M. wird A. Ob ihr der Absprung aber wirklich gelingt und damit ein Neubeginn, das bleibt – wie meist im Leben und in der Literatur – erst einmal offen.
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Sep 22, 2024 • 3min

Tilman Birr – Gestrandet

Wir vom Lesenswert Magazin auf SWR Kultur sind ja immer bemüht, Ihnen wertvolle und kompetente Lese-Anregungen an die Hand zu geben: Gute Lektüren können das Leben unendlich bereichern - und schlechte: ziemlich verärgern. Dass gute oder eben schlechte Bücher im heimischen Regal auch - quasi schicksalhaft - über sich anbahnende Beziehungen entscheiden können: darüber hat der Kabarettist, Autor und Musiker Tilman Birr ein wunderbares Lied gemacht.
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Sep 22, 2024 • 6min

Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt | Buchkritik

Familie Kindred lebt an der Küste Neuenglands. Eine von nur zwei schwarzen Familien im Dorf Salt Point: zwei traumatisierte Eltern, zwei heranwachsende Töchter, Ezra und Cynthia, fern vom rebellischen Süden. Aber unter der Oberfläche brodelt latente Gewalt. „Mund zu, Augen auf“, ist die Devise des Vaters. Denn: Die Wahrheit ist, sie wollen uns nicht. Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt „Sie“, das sind die Weißen: mißtrauische Fischer, die rassistische Lehrerin, der aggressive Polizist, der in seiner Machtlosigkeit mit der Pistole droht, Ruby, das vernachlässigte Mädchen, das, manipuliert und vom Leben betrogen, von der Freundin zur Rivalin wird, und ihr Vater, der im Suff versinkt. Sein Leben war ein frühes Grab. Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt Die Weißen als Opfer ihres eigenen Rassismus Die Weißen sind Opfer ihres eigenen Rassismus. Ihnen gegenüber: Die aufrechten Kindreds und ihre Schwarzen Freunde, die Junketts, mit dem Mut und den tröstlichen Mahlzeiten von Miss Irene. Und von fern: die Ahnen. Ein reiches Figurenensemble, skizziert im Herbst 1957 und in Rückblenden. Sie selbst stecke in den Figuren und viele Frauen, die sie traf und fiktionalisierte, sagt Rachel Eliza Griffiths. I think my personality is in all of them and they are also a gathering, fictionalized of course, many women's stories, that I encountered as a little girl and as I grew up. (Rachel Eliza Griffiths) Cynthia hält das Personal zusammen, die jüngere Kindred-Tochter, die sich in der Gefahr an ihren Stift klammert wie an ein rettendes Ruder. Eine kindliche, aber auktoriale Ich-Erzählerin, die in Visionen sieht, wie ihr Urgroßvater vom Ku-Klux-Klan in der Kirche ermordet wurde. Gerade zertrümmerte er eines der Fenster mit einem Besenstiel, als eine Kugel durch seinen Kopf schlägt. Dann fliegen Fackeln durch die zerbrochenen Scheiben. Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt Die blutige Geschichte der Schwarzen in Amerika Erzählungen des Vaters sind in Cynthia lebendig, Traumata werden vererbt. Die blutige Geschichte gehört zur DNA der Schwarzen Amerikas. Immer wieder bringt Rachel Eliza Griffiths das Wort „Blut“ ins Spiel. Weißes Blut, kann ein Privileg sein, sagt sie. Das Wort Blut hat aber auch mit der Beziehung von Amerika und der Sklaverei zu tun. Die Gewalt der Sklaverei, die Sprache, die verwendet wurde, das Blut, das in die Erde, ins Land, in die Bäume fließt, ist wie ihre Blutlinie, ihre Familie, ihre Abstammung, wer sie sind, und das fühlt sich für mich, in Bezug auf Amerika, sehr spezifisch an. (Rachel Eliza Griffiths) Es ist das Ende des Sommers, der Kindheit, das Ende des Schweigens und der Beginn der Bürgerrechtsbewegung, als Schwarze Kinder auf dem Schulweg Polzeischutz brauchen. Aus dem Radio tönt die Stimme von Martin Luther King, und Präsident Eisenhower stärkt mit dem Civil Rights Act das Wahlrecht der Schwarzen Amerikaner. Die Nation ist gespalten, wie heute. „Nigger werden abgeknallt“, schreibt Rachel Eliza Griffiths, verwendet das N-Wort als historischen Begriff, sieht ihr Debüt aber nicht als historischen Roman. Hängen heute noch Menschen an Bäumen? Es ist vielleicht nicht mehr wie früher, aber es gibt immer noch Bäume, an denen Leute aufgehängt werden. Soziale Medien können solche Bäume sein. (Rachel Eliza Griffiths) Fesselnde Geschichte von Mut und Selbstermächtigung Was das opulent erzählte Familiendrama so eindringlich, mitunter auch sentimental, macht, sind originelle poetische Bilder der Dichterin, für die Poesie und Prosa ineinanderfließen. Die Psychogramme in den Zwischenkapiteln von „Promise“/ „Was ihr uns versprochen habt“ zeigen die Kluft zwischen Versprechen und Realität; „Versprechen“, ein intimes wie öffentliches, politisches Wort, überlagert von Traumata und Geschichten des Überlebens. Die ältere Schwester sagt: Cynthia, versprich mir, dass du dein Leben lieben und leben wirst, dass du am Leben bleibst, versprich mir das, auch wenn wir uns nie wiedersehen. Das ist eine kraftvolle und andere Art, das Wort zu verwenden. Dass sie ihrer Schwester nichts versprechen kann, weiß sie, aber sie kann ihre Schwester bitten, ihr eigenes Leben und ihre Liebe zueinander zu ehren, das ist ihre Waffe, ihre Rüstung, deshalb geben sie nicht auf. (Rachel Eliza Griffiths) Wir haben heute verlernt, einander zuzuhören, sagt Rachel Eliza Griffiths und ist weniger optimistisch als früher. Sie setzt auf Kamala Harris. Und sieht ihren Debütroman selbstbewußt in der Tradition einer Toni Morrison, eines James Baldwin oder Aimé Césaire. „Was ihr uns versprochen habt“ ist ein Pageturner, eine fesselnde, manchmal auch pathostrunkene Geschichte von Mut und Selbstermächtigung. Einen Fan hat Eliza Griffiths längst: ihren Mann, Salman Rushdie. Er liebt meinen Roman. Ich glaube, er war erleichtert, als er den Entwurf las, weil ich sagte: „Wenn dir mein Roman nicht gefällt, funktioniert das nicht (lacht), dann können wir nicht so zusammenleben.“ Er ist einer meiner größten Cheerleader und Unterstützer. (Rachel Eliza Griffiths)

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