SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 8, 2024 • 4min

Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt

Samar Yazbek, geboren in eine wohlhabende alawitische Familie, widmet ihr Leben und ihr Schreiben schon lange dem Leiden des syrischen Volks. Beharrlich dokumentiert sie dessen Unterdrückung und die Gräueltaten durch das Assad-Regime. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Wo der Wind wohnt“, der uns in die letzten Stunden eines 19-jährigen Soldaten namens Ali versetzt.  Es ist nur ein kleines Blatt. Durch seine verklebten Wimpern kann er es unter der Mittagssonne nicht sehen. Nur das Blatt eines Baumes, nichts weiter. Grün und an den Rändern ausgebuchtet, liegt es wie ein Vorhang über seinen Augen, wenn er langsam und unter großer Anstrengung die Lider bewegt.   Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt Zwischen Leben und Tod, Traum und Realität  Es sind die ersten Jahre des syrischen Bürgerkriegs, und Alis Patrouille ist soeben in den Bergen von Latakia bombardiert worden. Nun schwebt er zwischen Leben und Tod – und erinnert sich an Menschen und Momente, die sein bisheriges Leben geprägt haben.  Yazbek verwischt dafür in ihrem Roman gekonnt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch zwischen Traum und Realität. Denn wir sind quasi in Alis Kopf gefangen und gleiten mit ihm durch all die Fantasien und Erinnerungen, die wie fieberhafte Halluzinationen in ihm auftauchen. So wird er etwa Zeuge einer Beerdigung.  Er hört Weinen, und er nimmt die Schemen einer Frau wahr. Aus der Art, sich seltsam hüpfend fortzubewegen, als wäre sie verärgert, schließt er, dass es seine Mutter ist. Die aufgeregten Stimmen, die er dann vernimmt, scheinen ihm von anderer Art zu sein. Das da ist sein Vater. Und seine verwitwete Schwester mit ihrem dicken Bauch.  Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt Erst allmählich wird klar, dass Ali sich an das Begräbnis seines älteren Bruders erinnert. Freiwillig hatte dieser sich zum Militär gemeldet – ganz im Gegensatz zu Ali, der von Natur aus und zum Missfallen seines Vaters ein Träumer war. Schon als Kind verbrachte er die Zeit am liebsten zwischen den Bäumen seines Dorfes. Humairuna, eine rätselhafte Weise, die in Alis Dorf lebte, lehrte ihn früh ihren mystischen Glauben, vor allem den an die Kraft der Bäume. Und doch kann Ali den bedrohlich anwachsenden Schatten im politischen Klima Syriens nicht entkommen: Eines Tages wird auch er zwangsrekrutiert.  Ein Manifest gegen den Krieg – und für das Leben  Geschickt beleuchtet Samar Yazbek anhand der Vignetten aus Alis Leben knapp, poetisch und doch präzise zum einen die reiche Tradition der alawitischen Kultur, vor allem ihre starke Verbundenheit mit der Natur. Zugleich fängt sie wie nebenbei die alles umfassende Militarisierung und Brutalisierung ein, die jeden Winkel des syrischen Alltags durchdrungen hat. Und sie macht Ali – der nach dem tödlichen Beschuss nahe einer riesigen Eiche zu Bewusstsein kam – zum Sprachrohr, um die Sinnhaftigkeit all des Sterbens zu hinterfragen.  Er glaubt, dass sein vergangenes und sein gegenwärtiges Leben lediglich aus den wenigen Metern zwischen der Einschlagstelle der Granate und dem Baumstamm bestehen. Ein kurzes Leben, ein vollkommenes, ausreichend, um hier zu enden. Und als er spürt, dass diese verbleibenden Meter das komplette, ihm verbliebene Leben darstellen, fragt er sich, was er hier macht. Und gegen wen er kämpft. Und für wen.  Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt Am Ende lässt Samar Yazbek ihren heroischen Antihelden Trost finden in dem, was er am meisten liebt: in der Schönheit der Erde und der Natur. „Wo der Wind wohnt“ ist somit nicht nur ein eindringliches Dokument, das all jenen Stimme verleiht, die für und durch ein mörderisches Regime elend und ungehört sterben. Der Roman – dessen bestechende lyrische Intensität Larissa Bender so behutsam wie kunstvoll ins Deutsche übertragen hat – ist zugleich ein Manifest für das Leben selbst. Und womöglich bis dato Samar Yazbeks bester, ja schönster Roman.
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Oct 7, 2024 • 4min

Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober

Am Anfang war… das Wort. Delphine Horvilleur zeigt in ihrem jüngsten, sehr persönlichen Buch, wie die Sprache wiederzugewinnen ist, wenn etwas einem die Sprache verschlagen hat. Etwas – das ist der größte und brutalste Angriff auf Jüdinnen und Juden seit der Shoah am 7. Oktober des vergangenen Jahres.  Es sind indes nicht nur die Ereignisse an diesem schrecklichen Tag, die der Autorin die Sprache zu nehmen drohten. Unmissverständlich geht die Pariser Rabbinerin, die als Repräsentantin des liberalen Judentums in Frankreich gilt, auf das ein, was nach dem 7. Oktober passierte – und immer noch passiert: Den einen verschlägt es vor Entsetzen die Sprache – den anderen wird ihre Sprache zu einem wohlfeilen Mittel der Relativierung:   Am 7. Oktober sind verabscheuungswürdige Taten begangen worden, ABER… – Jüdische Frauen sind vergewaltigt worden, ABER… – Das Schicksal der Kinder im Gazastreifen ist furchtbar, ABER…  Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober Durch dieses ABER und unter dem Vorwand einer Kontextualisierung wird das Grauenhafte relativiert und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Dabei lässt die Autorin keinerlei Zweifel daran, dass sie seit Jahren für die Rechte der Palästinenser und für eine Zweistaatenlösung eintritt. Und genauso unmissverständlich macht sie im Kapitel ‚Gespräch mit Israel‘ ihre Kritik an der Politik der Machthybris der amtierenden israelischen Regierung deutlich.  Ein Land, das Sicherheit verspricht  Aber an solchen Differenzierungen seien notorische Antisemiten gar nicht interessiert; das Muster, nach dem ‚der Jude‘ an allem Übel dieser Welt schuld sei, wiederhole sich immer wieder aufs Neue – wie ihre Großmutter im erinnerten ‚Gespräch mit den Großeltern‘ resigniert feststellt: „Was geschehen ist, wird immer wieder geschehen. Die Vergangenheit vergeht nie.“ Die Vergangenheit, das ist die Jahrhunderte und Jahrtausende alte Verfolgung der Jüdinnen und Juden, vor der sie nichts schützt – auch nicht die Integration in ein Land, das ihnen Sicherheit verspricht, und das man deshalb liebt: Hier spricht Delphine Horvilleur mit und von ihrem Großvater, diesem perfekt assimilierten Juden, der Frankreich unendlich dankbar war.   Die extreme Dankbarkeit war das leuchtende Gewand, das elegant typisch jüdische Ängste und Schmerzen umhüllte: die Angst, nicht genauso geliebt zu werden wie man selbst liebt.   Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober Antisemitismus und Antirassismus  Eine Angst, die sich in der Geschichte allzu oft als berechtigt erwies. So tastend Delphine Horvilleur aus der Sprachlosigkeit in die Sprache zurückzufinden sucht, so analytisch klar ist sie im Kapitel ‚Gespräch mit einem Antirassisten‘; dessen Haltung lasse sich – und das sei das Neue nach dem 7. Oktober – perfekt mit dem Antisemitismus kombinieren: Judenhass, der alles durcheinanderwirft – jüdische Geschichte, jüdische Religion, Israel und seine derzeitige Regierung – Judenhass könne sich antirassistisch gerieren und als Engagement für die Seite der Schwachen, der Opfer und Verwundbaren.  Nur die Verwundbarkeit der Jüdinnen und Juden bleibt im Denken der antirassistischen Antisemiten stets einen Nachweis schuldig.  Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober Oder ist der Antisemitismus ein Aufstand gegen die Ursprünge, gegen die Anfänge der eigenen Religion, ja Kultur, die sich der älteren verdankt – und dies nicht will?  Es ist deutlich einfacher, sich seiner Herkunft zu stellen, wenn die, die diese Herkunft verkörpern, elegant genug gewesen sind, sich aus dem Staub zu machen Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober So kommentiert Delphine Horvilleur mit einer Prise Sarkasmus.  Im Kapitel ‚Gespräch mit denen, die mir guttun‘ schildert sie ihre Begegnungen mit dem libanesischen Autor und Filmemacher Wajdi Mouawad, die zeigen, dass Brücken und Verständigung zwischen Juden und Moslems möglich und bereichernd sind. „Weißt Du, dass man da, wo ich aufgewachsen bin, alle Araber, die eigenständig denken wollen, als Juden bezeichnet?“, sagt ihr in einem anderen Gespräch der algerische Journalist und Autor Kamel Daoud.   Sprechen in Zeiten des Krieges  Die zehn Kapitel dieses Buchs tragen jeweils die Überschrift ‚Gespräch mit…‘ und weisen auf den Weg zurück in die Sprache, die am 7. Oktober des vergangenen Jahres verloren zu gehen drohte. In ihrem Buch zeigt Delphine Horvilleur, wie wichtig die Sprache in Zeiten des Krieges der Waffen und Worte ist: Am Anfang, berichtet die Bibel, wurde die Menschheit gleichzeitig mit dem Tierreich erschaffen. Und dahin kehrt sie wieder zurück, sobald sie nicht mehr benennen kann, was ihr widerfährt.
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Oct 2, 2024 • 4min

Robert Macfarlane – Alte Wege | Buchkritik

Kann man, so man auf alten Pfaden in Schottland, England oder anderswo unterwegs ist, beim Gehen auf Gedanken kommen, welche nur in einer ganz bestimmten Gegend möglich sind? Jeder Mensch verfügt über erinnerte Landschaften, in die er gedanklich immer wieder zurückkehrt. Gibt es Orte an denen wir „spürbar anders denken und fühlen?“  Robert Macfarlane, ausdauernder Wanderer und intimer Kenner der Reiseliteratur voriger Jahrhunderte, stellt sich diese Frage. Sie hat auch schon einen seiner Vorgänger umgetrieben, den Schriftsteller Edward Thomas, auf dessen Wegen Macfarlane oft unterwegs ist.   Schreiben und Gehen  Die beiden verbindet nicht nur die Lust, alte Pfade und ihre Geschichte zu erkunden, sondern auch die Freude Botanik, Mineralien und Erdgeschichte so kenntnisreich wie poetisch vor dem Auge des Lesers zu entfalten:  Der Schnee war dicht überzogen mit den Spuren von Vögeln und Tieren – ein Archiv Hunderter Wegstrecken, aufgezeichnet seit dem Ende des jüngsten Schneefalls. (…) Auf der schrägen Feldfläche vertiefte das Mondlicht die näher gelegenen Abdrücke noch, sodass sie wie gefüllte Tintenfässer wirkten. Zu all diesen Spuren fügte ich noch meine hinzu  Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege schreibt Macfarlane. Schreiben und Gehen – diese Verbindung treibt Macfarlane an. Beide Wörter haben zumindest im Englischen eine gemeinsame Wurzel. Der Wanderer findet temporäre Begleitung oder besucht gezielt Ortskundige, manch einer seiner Gesprächspartner sammelt systematisch, was er am Wegesrand findet.   Natur kann heilen, aber auch, wie Macfarlane schreibt „brutal schweigen und durch ihre Gleichgültigkeit erschüttern“, oft sind depressive Menschen wie Edward Thomas manische Wanderer. Je älter Macfarlane wird, desto weniger interessiert es ihn, unerforschtes Land zu betreten und desto spannender wird es für ihn, Pfaden zu folgen, die vor langer Zeit von unseren Vorfahren hinterlassen wurden.  Orientierung ohne Instrumente  Bereits dreitausend Jahre vor dem römischen Wegenetz orientierte man sich auf See mit Hilfe des Polarsterns, am Zug der Vögel oder an Wolken, die Land anzeigen. Das Wissen über den Küstenverlauf wird in Erzählungen und über Lieder weitergegeben. Gefährliche Wege durch das Watt wurden oft phantasievoll markiert, so der „Broomway“ in Essex. Besenstiele sind in den Boden gerammt, an denen ein Stein festgebunden ist. Der Wanderer nimmt den Stein und führt ihn an der sechzig Meter langen Schnur bis zum nächsten Stecken bei sich. Hat er sich verlaufen, findet er anhand der Schnur wieder zurück. Auf alten Pfaden zu wandern, bedeutet also immer auch eine Zeitreise:  Der Pfad lockt das Auge, das äußere wie das innere. Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen – nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben. Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege Historische Fußwege sind in England vom Wegerecht geschützt und werden durch Benutzung erhalten: Im neunzehnten Jahrhundert hingen Sicheln am Rand von Trampelpfaden, die Benutzer schnitten die überhängenden Äste auf dem Weg ab und hingen die Sichel am Ende des Pfades wieder auf. Alte Pfade sind oft ehemalige Viehtriften, so zogen die Siedler in den USA auf den Spuren der Bisons gen Westen und auch Spanien kann ein riesiges Wegenetz ehemaliger Viehpfade aufweisen.  MacFarlanes Buch, in all seiner Schönheit der Beschreibungen rauher und für den Ungeübten unwegsamer Landschaften, ist ein Lesegenuss, gerade auch für diejenigen die kaum selbst wandern, aber Landschaftsbeschreibungen lieben. Es weckt ebenso die Lust aufs Schauen wie auf Literatur.
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Oct 1, 2024 • 4min

Ljuba Arnautovic – Erste Töchter

Die 1954 geborene Ljuba Arnautovic gehört zu den Spätstarterinnen der österreichischen Literatur. Arnautovic stammt aus dem damals sowjetischen Kursk, sie studierte in Wien Sozialpädagogik und arbeitete unter anderem für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. An dieser Biographie zwischen Sowjetunion und Österreich kann man schon ablesen: Ljuba Arnautovic entstammt einer Familie, die in beiden Ländern wurzelt – und die unter den Brüchen des 20. Jahrhunderts zu leiden hatte. 2018 debütierte Arnautovic mit ihrem Roman „Im Verborgenen“, dem ersten Teil einer Trilogie, die von dieser Familie erzählt, genauer: von der Großelterngeneration. Das Buch landete direkt auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis. 2021 dann erschien „Junischnee“, der zweite Band, nun über die Vätergeneration, abermals vielbeachtet und für seinen Erzählstil gelobt. Dritter Band über eigene Generation Jetzt ist Ljuba Arnautovic mit dem dritten Band in ihrer eigenen Generation angekommen: bei sich und ihrer etwas jüngeren Schwester. „Erste Töchter“ heißt der Roman. Ein wenig spröde scheint der Sprachduktus – aber das ist nur eine kunstvolle Form wohlbemessener Distanz. Ljuba Arnautovic erzählt von sich und von ihrer Schwester. Im Roman heißen sie Luna und Lara, geboren 1954 und 57. Sie entstammen einer zerbrochenen Familie. Luna lebt in München beim österreichischen Vater, Lara bei der sowjetischen Mutter in Wien. Spätestens in der Pubertät sind sie einander fremd geworden.  Die Schwestern möchten gerne glauben, es läge am Altersunterschied. Doch da ist noch etwas anderes. Beide spüren: Die Schwester lehnt es ab, wie ich lebe. Ich muss mich und meine Welt verteidigen, zugleich die ihre herabwürdigen. Sie spüren es, aber sie werden noch sehr lange keine Worte dafür finden. Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter Luna fühlt sich in München fremd beim Vater und seiner neuen Familie. Lara ist in Wien unglücklich. Die Mutter fristet dort ihr Leben als Haushälterin eines Ukrainers: Grischa hatte sich am deutschen Völkermord beteiligt und musste deshalb aus der Sowjetunion fliehen.  Manchmal fängt er grundlos an zu toben. Es steckt so viel Gewalt und Wut und Geschrei in diesem Körper. An solchen Abenden nimmt Lara ihre Mutter und flüchtet mit ihr aus der Wohnung. Sie gehen langsam durch die Straßen der Stadt, bleiben immer wieder stehen und blicken in erleuchtete Fenster. Sie stellen sich vor, wie gemütlich es diese Menschen haben. Sie phantasieren, wie ein Leben ohne Grischa aussehen könnte. Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter Die Gräuel des 20. Jahrhunderts  Die Szene illustriert, wie genau Ljuba Arnautovic die Gräuel des 20. Jahrhunderts in ihrem Roman eingefangen hat – man denkt bei Grischa sofort an die ukrainischen Hilfstruppen der SS, die 1944 den Warschauer Aufstand niederschlugen. Aber auch jene Zeitgeschichte, die Luna und Lara erleben, schlägt sich nieder: von den sechziger Jahren bis in die Neunziger. Darin eingebettet erzählt Ljuba Arnautovic ihre Familiengeschichte – wie schon zuvor in ihrer Trilogie geradezu sachlich. Mehr noch als im vorangegangenen „Junischnee“ nimmt die Erzählung Züge einer knappen Chronik an.  Gekidnappt von der russischen Mafia  Dialoge sind rar, und auch einzelne Szenen werden nur selten ausgemalt - etwa die Reise in einem Nachtzug von Wien in die Sowjetunion, Ende der achtziger Jahre. Hier zeigt die Autorin, wie lebendig sie solch eine Szenerie zu schildern versteht. Die Nachtzugreise leitet auch über zum Schlussteil des Romans. Lunas und Laras Vater Karl ist nach der Öffnung Osteuropas in der Halbwelt Moskaus aktiv. Prompt wird er von der russischen Mafia gekidnappt. Um ihn freizubekommen, müssen Luna und Lara an einem Strang ziehen – und treffen sich nach langer Zeit wieder.  Luna spürt plötzlich ein sehr altes Gefühl aufsteigen. Jetzt entdeckt sie zum zweiten Mal dieses verwandte Wesen neben sich. Ihr Vater hatte die Schwestern damals auseinandergerissen, jetzt führt er sie – wenn auch auf eine verquere Art – wieder zusammen. Luna und Lara hatten damals begonnen, eine Distanz zwischen sich zu spannen, eine Schutzvorrichtung gegen den Schmerz der Trennung. Diese Distanz brauchen sie doch längst nicht mehr. Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter Auch hier belässt es Ljuba Arnautovic gekonnt bei Andeutungen. „Erste Töchter“ ist der gelungene Abschluss ihrer Familientrilogie. Für die Handlung selbst sind Nuancen noch wichtiger als etwa in „Junischnee“: Dort ging es etwa darum, wie der Vater in Moskau den Terror stalinistischer Verhöre durchlitt, wie er danach tagtäglich im Gulag zu überleben versuchte. „Erste Töchter“ hingegen bildet ab, wie die Wirren eines Zeitalters eine Familie zerreißen. Und so führt Ljuba Arnautovic in ihrer Trilogie letztlich vor Augen, wie Nationalismus und politischer Extremismus des 20. Jahrhunderts ganze Generationen ins Unglück gestürzt haben.
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Sep 30, 2024 • 4min

Andreas Nöthen – Brasilien

Zwei literarische Anläufe hat Andreas Nöthen bisher unternommen, bevor er jetzt seinen großen Überblick über Brasilien vorgelegt hat. Im ersten Band analysierte er, wie der „Bulldozer Bolsonaro“ das Land ruinierte, um sich dann in seiner Biografie Lula der einstigen politischen Lichtgestalt Luiz Ignácio Lula da Silva zu widmen. Darin verdeutlicht er, dass selbst der gegenwärtige Staatspräsident von der tief in die Politik hineinwuchernden Korruption nicht unberührt blieb. Nun also Brasilien. Geschichte-Kultur-Politik. Das klingt nach einer der üblichen Länderdarstellungen. Andreas Nöthen geht jedoch ganz anders vor. Er will vielmehr anhand einzelner Aspekte ...  „Klischees und Stereotype durchbrechen“ und diverse „Schlagworte in den historischen und gesellschaftlichen Kontext stellen“.  Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien Damit die Leserinnen und Leser ...  Brasilien, insbesondere seine Politik und Gesellschaft anhand ausgewählter Beispiele, besser verstehen können.  Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien Besondere thematische Aspekte  In dem Kapitel „Frauen in der Politik“ beschreibt er u.a., wie schwer es die männlichen Strippenzieher Dilma Rousseff machten, 2011 erste Präsidentin Brasiliens zu werden. Und dass rassistische und sexuelle Motive zum Mord an der berühmten Schwarzen Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco beitrugen. Denn ...  organisierte Kriminalität, Ordnungsmacht und Politik sind in Brasilien eng verwoben. Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien Den politischen Machtfaktor der Evangelikalen, heute die Mehrheit der Gläubigen in Brasilien, betont Andreas Nöthen und zeigt, dass selbst ein eigentlich linker Präsident sie in sein politisches Kalkül einbeziehen muss.   Insgesamt 13 verschiedene Aspekte behandelt er ausführlich, so z.B. den Rassismus und den Mythos von der Rassendemokratie; die rechtsfreien Räume, in denen Milizen und Drogenbanden ihr Unwesen treiben sowie das damit zusammenhänge Problem der Rechtsstaatlichkeit. Dabei will er jedoch nicht nur die aktuelle Problemlage, sondern auch ihre historischen Wurzeln analysieren.  Von besonderer Aktualität ist das Thema „Amazonien – der Naturraum von globaler Bedeutung“, denn es brennt zurzeit in Brasilien wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr: in diversen Gebieten und vor allem am Amazonas.   Die Problematik des Amazonas  Der Autor analysiert die vielfältigen Ursachen wie z.B. ...  die internationale Gier nach Rohstoffen in einem der größten und wichtigsten Ökosysteme des Planeten.  Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien Doch ebenso den nationalen Raubbau. Er verweist auf die Anstrengungen, die vor allem Lula da Silva immer wieder unternommen hat, und auf die kaum zu überwindende Grenze:  Denn in der brasilianischen Binnenwahrnehmung ist das Areal nach wie vor in erster Linie ein unerschöpfliches Rohstofflager und ein wirtschaftlicher Entwicklungsraum. Das Thema Umweltschutz hat in der brasilianischen Politik derzeit keine Lobby.  Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien Deutsche Einwanderung nach Brasilien  Ein besonderes Kapitel stellen die Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland dar. Sie begannen vor zweihundert Jahren und erreichten in der Zeit zwischen 1930 und 1950 ihren tragischen Höhepunkt. Damals verweigerte die Regierung Vargas mit rassistischen Gesetzen flüchtenden Juden die Visa. Nur dank des Muts einiger weniger brasilianischer Diplomaten gelang es vielen, in Brasilien unterzukommen. Später mussten sie oft Tür an Tür mit geflohenen Naziverbrechern leben, die problemlos ins Land gelassen wurden. Andreas Nöthen ist mit seiner dritten Annäherung an Brasilien ein außergewöhnliches Werk gelungen, in dem er eine Vielzahl von Aspekten zu einer hervorragenden Gesamtschau zusammenfügt und viele neue Einblicke in die Komplexität der Probleme und die Möglichkeiten dieses großen Landes bietet.
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Sep 29, 2024 • 6min

Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden

Aldous Huxley ist weltberühmt durch eine Reise ins Jahr 2540. Aus dem dann weltumspannenden Rundum-Wohlfühl-Totalitarismus berichtet sein Roman „Schöne neue Welt“. Huxley ist aber auch viel in der alten Welt, bevorzugt Italien, gereist. Daraus resultierte sein Buch „Along the Road“ – kein Reisebericht üblicher Art, sondern eine zwischen Ernst und Witz changierende Sammlung von Essays zu vielfältigen Reise-Themen. „Warum nicht lieber zuhause bleiben“ lautet der Titel des ersten Stücks. In Wahrheit würden die meisten Reisenden nicht gern reisen, so Huxleys Befund. Deshalb gäben sie unterwegs auch kein erfreuliches Bild ab: Touristen sind im Allgemeinen ein recht trübseliger Haufen. Ich habe schon bei Beerdigungen fröhlichere Gesichter gesehen als auf dem Markusplatz. Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden Warum aber wird dann so viel gereist? Weil es dazugehört, weil es alle tun, weil es Sozialprestige bringt. Und so werden die Mythen des Reisens ein ums andere Mal nachgesprochen, etwa: „Paris ist einfach wunderbar.“ Schwitzende Wandervögel Neben den Touristen aus Konvention gebe es aber noch jene wahren Reisenden, die dem Unterwegssein wie einem Laster frönen. Huxley zählt sich natürlich selbst dazu, wobei er am liebsten bequem im eigenen Auto reist, mit seiner Frau am Steuer. Mit Spott blickt er auf die damals trendige Bewegung der Wandervögel, zumeist schwitzende Deutsche, an denen er entspannt vorbeifährt. Zu Fuß latschen ist seine Sache nicht.  Die Liebe zur Natur und zum Landleben ist für ihn eine Erfindung jener Menschen, die in unwirtlichen, kühlen, verregneten Gegenden leben müssen, insbesondere der Engländer also, die diese Passion parallel zur Industrialisierung entwickelten: Es sollte niemanden überraschen, dass die Menschen, die ihre Städte als Erste durch Krach und Dreck unbewohnbar gemacht haben, auch die ersten waren, die ihre Liebe zur Natur entdeckten. Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden Ein wichtiges Thema ist die richtige Reiselektüre. Huxley schmäht den Baedecker. Stattdessen hat er überall einen handlichen Dünndruckband der „Encyklopädia Britannica“ dabei, egal welcher Buchstabe. Die kurzen, abgeschlossenen Einträge seien genau das Richtige für den kleinen Lektürehappen unterwegs. Beim Stöbern in diesem Angebot phantastisch unterschiedlicher Fakten, die der Zufall des Alphabets zusammenführt, fröne ich meinem geistigen Laster. Ein Band der „Encyclopädia“ ist wie das Gehirn eines gebildeten Wahnsinnigen – voll mit richtigen Ideen, zwischen denen es aber keine Verbindung gibt. Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden Das schönste Bild der Welt Mehrere Essays widmet Huxley einzelnen seiner Reisen, etwa in italienische Bergorte abseits der Touristenströme. Auffallend ist dabei, dass er Landschaften mit dem Blick eines Malers wahrnimmt und sie oft mit berühmten Kunstwerken vergleicht. Im Rathaus des toskanischen Städtchens Borgo Sansepolcro stößt er auf das, wie er schreibt, „schönste Bild der Welt“. Es ist Piero della Francescas Fresko „Die Auferstehung Christi“ mit einem athletischen Jesus. Huxleys Schwärmerei hatte außergewöhnliche Wirkung: Weil er diesen Text gelesen hatte, verzichtete im Zweiten Weltkrieg ein britischer Artillerieoffizier auf den Beschuss des umkämpften Ortes. In Siena dagegen triumphiert nicht die gebildete Beschaulichkeit, sondern der Sport – Huxley beschreibt eines der berühmtesten Pferderennen der Welt. Beim Palio rasen die Jockeys auf dem sandbestreuten Pflaster des Hauptplatzes der Stadt im Dreieck, und die gefährlichsten Hausecken sind mit Matratzen gepolstert. Die Fahrradfahrer von Amsterdam Diese skurrile und geistreiche Reportage ist ein Höhepunkt des Buches, ebenso Huxleys pointierter Essay über die geometrischen Niederlande. In Amsterdam irritieren ihn die „korpulenten Kurtisanen“ in den Fenstern und die hunderttausend Fahrradfahrer: Vierjährige Kinder transportieren Dreijährige auf der Lenkstange. Mütter strampeln fröhlich mit schlafenden Säuglingen hinten im Korb auf dem Gepäckträger dahin. Botenjungen finden nichts dabei, zwei Kubikmeter große Pakete auf dem Fahrrad zu transportieren. Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden Zum Reisen gehören die Begegnungen mit Menschen. Größere Geselligkeit ist Huxley jedoch verhasst. Denn er weiß, er macht da keine gute Figur: Ich glänze nicht in Gesellschaft, ja, ich schimmere nicht einmal. Unterbelichtet zu sein und es auch noch zu wissen, ist demütigend.   Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden Wenn Huxley dann die Details seiner gesellschaftlichen Inkompetenz aufzählt, schimmert und strahlt immerhin sein Talent zu gewitzten, selbstironischen Formulierungen, die in Willi Winklers frischer Übersetzung gut zur Geltung kommen. Das Freizeitproblem Von dem Autor, der wenige Jahre später „Schöne neue Welt“ geschrieben hat, ist in „Along the Road“ allerdings nur wenig zu spüren – abgesehen vom letzten Essay über Arbeit und Freizeit, der die Zukunft im Zeichen von Automatisierung und „synthetischen Lebensmitteln“ beschwört. Die Verkürzung der Arbeitszeit werde neue Probleme bringen: die Zunahme von nervösen Beschwerden wie Langeweile, Übellaunigkeit, Unruhe oder Verliebtheit. Schöne neue Welt, die dagegen vorsorgt mit Glücksdrogen und Spaßkultur. Denn… …bei den meisten wird der Kopf erst beschäftigt, wenn es gar nicht mehr anders geht. (…) Für einen Großteil der Menschen endet die intellektuelle Entwicklung bereits in der Kindheit, das weitere Leben durchschreiten sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von Fünfzehnjährigen. Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden „Along the Road“ ist eine Lektüre für Leser ab sechzehn, amüsant, anregend, mit ein paar Längen bei den Kunstbetrachtungen. Manche Seiten überblättert man, um andere dafür zweimal zu lesen. Im Ernst: Dass es bisher nie eine deutsche Ausgabe dieses charmanten Buches über das Reisen gab, ist beinahe ein Witz.
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Sep 29, 2024 • 55min

Liebesleid und Leseglück – Neue Bücher von Elke Schmitter, Hape Kerkeling und zum 100. von Siegfried Unseld

Diesmal im „lesenswert Magazin“: Ein Gespräch über Liebesleid, Ahnenforschung mit Hape Kerkeling und Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld. „Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch“: In ihrem neuen Roman erzählt Elke Schmitter vom Rausch der Verliebtheit und den Qualen, die eine gescheiterte Amour mit sich bringen kann. Amüsant, sensibel und mit scharfem analytischen Blick. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld liebte die freundschaftliche Verbindung zu seinen Autorinnen und Autoren. Zu Unselds 100. Geburtstag zeigen jetzt mehrere Neuerscheinungen, wie der große deutsche Verleger die intellektuelle Kultur seiner Epoche mitgeprägt hat. Hape Kerkeling hat ein Buch über seine niederländischen Vorfahren geschrieben – und über eine Liebe im Amsterdam der 1980er Jahre, die durch AIDS tragisch endet. „Gebt mir etwas Zeit“ heißt sein Buch mit berührenden und skurrilen Geschichten. Und die 82-jährige britische Psychotherapeutin Jane Campbell hat jetzt ihren ersten Roman veröffentlicht: „Bei aller Liebe“. Darin tummeln sich Analytiker und andere kluge Leute, die allesamt nicht erkennen, was sie im Inneren antreibt. Außerdem: Ein Reisebuch von Aldous Huxley und ein kurzer Lesetipp von der Schriftstellerin Katja Lange-Müller. Musik:Amanda Bergman - Your hand forever checking on my feverLabel: Cow Cow
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Sep 29, 2024 • 10min

Zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld

Siegfried Unseld war ein mächtiger Mann. Wenn er den Raum betrat, dann war es voll. Der Schriftsteller Rainald Goetz erinnert sich an die erste Begegnung mit seinem Verleger, der ihm mit schwingenden Armen im Seemannsgang entgegengekommen sei. Dabei habe er sich kurz mit der Linken zwischen die Beine gegriffen, um zu heben und zu lockern was dort hing. Goetz war hingerissen von dieser „fein abgezirkelten Unkultiviertheit“: Dass ein solcher König der geistigen Welt, wie es Unseld damals war, in der Erstbegegnung mit einem neuen Autor so entschieden erdig auf seine Physis und deren Vitalität hinweist, mit einer im bürgerlichen Kontext so ungewöhnlich deplatzierten Geste (…), das war ein Hinweis auf die immense Spannung von Unselds Naturell, die ihm in so einzigartig reicher Weise Zugang zu den unterschiedlichsten Welten, Ideen und vor allem eben Menschen ermöglicht hat. Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld Rainald Goetz‘ Unseld-Würdigung ist zu finden in der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, die – pünktlich zum hundertsten Geburtstag – dem „Unternehmen Unseld“ gewidmet ist. Goetz zeigt damit schlaglichtartig die Spannweite dieses Mannes, der im Suhrkamp-Verlag zwischen den Portalfiguren Hermann Hesse und Bertolt Brecht alles unterbrachte, was Rang und Namen hatte. Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger machte er zu seinen engsten Beratern. Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und später Peter Sloterdijk prägten mit ihren Schriften das Land, in dem es ohne die edition suhrkamp kein 1968 gegeben hätte. Patriarch mit Armbanduhr Dass Unseld ein Patriarch alter Schule und der Suhrkamp-Verlag eine Männerdomäne war, arbeitet Mara Delius in ihrem Beitrag für das Ideengeschichtsheft heraus. Das ist so wahr wie naheliegend. Aufschlussreich sind daneben Texte von Niklas Maak über die Unseld-Villa in Frankfurt am Main, von Detlev Schöttker über die edition suhrkamp und ihre Einbände in Regenbogenfarben, das Gespräch mit dem ehemaligen Hanser-Verleger und Unseld-Bewunderer Michael Krüger oder kleine Beobachtungen von Durs Grünbein, dem es vor allem Unselds imposante Armbanduhr angetan hat: Bei der ersten Audienz / sah ich immer nur / Unselds Uhr / aus Verlegenheit / ging der Blick beiseite / von der Statur / des großen Verlegers / zum Handgelenk / in dieser Sternstunde / war es die Uhr / an Unselds Arm / die mich beruhigte / wie der solide Mann Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld Die Bedeutung Unselds für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist gar nicht hoch genug anzusetzen. Unseld wurde zum geistigen Patron einer ganzen Epoche und war zugleich ein umtriebiger Geschäftsmann. Linke schmähten ihn als Kapitalisten, der aus Büchern mit kapitalismuskritischer Theorie Rendite erwirtschafte. Doch für Unseld waren geistiger Einfluss und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze. Mit dem Tod Peter Suhrkamps 1959 zum Verlagsleiter aufgestiegen, verwandelte er den kleinen Suhrkamp-Verlag zielstrebig ein florierendes mittelständisches Unternehmen, dessen Umsatz 1990 an der hundert Millionen-Marge kratzte. Dabei verstand sich der Verleger immer auch als Förderer und finanzieller Rückhalt seiner Autoren, die er, wenn es sein musste, auch ein Leben lang unterstütze – so wie Wolfgang Koeppen mit seiner legendären Schreibblockade, wohl wissend, dass dessen nächster Roman niemals fertig und vielleicht noch nicht einmal angefangen werden würde. Briefband zeigt Siegfried Unselds Erfolgsgeheimnis Unselds Erfolg beruhte auf seiner Leidenschaft für die Literatur. Seine Arbeit empfand er als Lebensglück, sechzehn Stunden am Tag machten ihm nichts aus. Wissen Sie, dass ich am Morgen, beim Aufstehen, glücklich bin, wieder einen Tag, einen Arbeitstag vor mir zu haben? Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002 … schrieb er im Februar 1966 an den „lieben Max Frisch“, nachdem sein Schweizer Star-Autor ihm harsch die Meinung gegeigt und ein zunehmendes „Primat des Kommerziellen“ beklagt hatte. Unseld konnte jedoch für sich in Anspruch nehmen, nicht bloß einzelne Bücher, sondern ganze Werke zu verlegen. Frischs Vorwurf setzte er sein verlegerisches Credo entgegen: Der Verlag, jedenfalls der Verlag, den ich mir denke, mein Verlag, ist eben keine Firma, keine Agentur für Literaturverwertung, da bin ich, Sie haben ganz recht, Romantiker genug. Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002 Unselds Antwort an Frisch ist einer von hundert Briefen, die die beiden Herausgeber Ulrike Anders und Jan Bürger in der Bibliothek Suhrkamp vorlegen. Die „Hundert Briefe“ sind ein verschwindend kleiner Prozentsatz des Gesamtkonvoluts, das angeblich mehr als 50.000 Exponate aus mehr als einem halben Jahrhundert umfasst. Die kleine Auswahl bildet Unselds Lebenslauf vom Verlags-Lehrling in Ulm 1947 bis zum Tod des Patriarchen im Jahr 2002 ab, zeichnet ein intellektuelles Panorama und deutet die Verlagsgeschichte an. Als literarisches Großepos sind Unselds Briefe noch zu entdecken, auch wenn die Korrespondenzen mit Uwe Johnson, Peter Handke, Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen bereits in umfangreichen Einzelausgaben vorliegen. Neben dem Briefwerk erhebt sich mit Unselds seit 1970 geführter „Chronik“ ein weiteres Text-Gebirge, das von seiner unfassbaren Produktivität und Umtriebigkeit zeugt. Tag für Tag hat Unseld hier alle Begegnungen, Gedanken, Pläne, Ereignisse, Privates, aber vor allem Geschäftliches festgehalten. Die Begründung dafür lieferte er 1976 selbst: Indem ich diese Chronik schreibe, beurteile, bewerte ich das unmittelbar Vergangene, durch Auswahl oder durch meine Sicht. Ich halte das in der Chronik Geschriebene für die Geschichte des Verlages fest, damit der Hintergrund der Vorgänge nicht verloren gehe.  (…) Nichts ist für mich so mächtig wie die Macht des Geschriebenen. Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002 Die Chronik gehört heute zum Bestand des Siegfried Unseld Archivs, dem wohl umfangreichsten Nachlass, der im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erschlossen wird. Zu Unselds Hundertstem wird sie nun online frei zugänglich. Geduld und Großmut mit den Literatur-Stars Zeigt Unseld sich in der Chronik nachdenklich und unverstellt, so agierte er als Briefeschreiber eher taktisch. Die Briefe bezeugen Kraft und Kalkül, Charme und auch Härte eines Mannes, der immer genau zu wissen schien, was er wollte. Er konnte umschmeicheln und umwerben, ohne dass die Umschmeichelten das merkten. Er konnte Anteil nehmen in schweren Stunden und musste sich doch ständig und reihum den Vorwürfen seiner Autoren stellen, die immerzu darüber klagten, er kümmere sich zu wenig um sie. Ein Ensemble von Stars zu vereinen, gleicht der Quadratur des Kreises. Unseld hat diese Kunst mit der nötigen Geduld und Großmut beherrscht. Seine Briefe setzten die Gespräche fort, bündelten sie, machten Angebote, warben, widersprachen, dienten aber auch der Selbsterforschung und der Festigung der eigenen Position. Wichtiger als die Briefe war diesem Kommunikationsgenie nur das persönliche Gespräch, so auch im Konflikt mit Max Frisch: Es wäre jetzt schöner, säßen wir uns gegenüber, mit oder ohne Wein, lieber mit. Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002 Die Einsamkeit des Erfolgs Unseld wollte Freund sein, nicht nur Partner. Das war schwer, weil der Verleger eben immer auch Unternehmer ist und das Geschäftliche die Freundschaft durchkreuzt. In Gelddingen müsse man Freunde wie Feinde betrachten, schrieb er an Ingeborg Bachmann, was bedeutet, man müsse sich „präzise an Abmachungen halten“. So wurde es um den Menschensammler Unseld, der so gerne der Freund seiner Autoren gewesen wäre, immer einsamer. Am 1. Januar 1977, dem 25. Jubiläum seines ersten Arbeitstages im Hause Suhrkamp, notierte er in seiner „Chronik“: Erfolg: das war oft harte Arbeit, aber im Ganzen bedeutete es doch Freude, Glück. Wer Erfolg hat, wird immer einsamer. Man kann Freundschaften empfinden, aber die Zahl derer, auf deren freundschaftliche Empfindung man zu vertrauen glaubt, schrumpft. Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002 Eine dieser Freundschaften, an der er über alle Differenzen hinweg festhielt, verband ihn mit dem späteren amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, seit er im Jahr 1955 das von ihm geleitete „International Seminar“ in Harvard besucht hatte. Buch über die transatlantische Freundschaft mit Henry Kissinger Der Publizist Willi Winkler hat nun über diese Freundschaft ein ganzes Buch geschrieben, das Kissingers Werdegang vom drangsalierten jüdischen Schuljungen aus Fürth, der im amerikanischen Exil zu einem der einflussreichsten Politiker des Landes wurde, mit Unselds Lebenslauf von der Ulmer Hitlerjugend über die Kriegsmarine zum bedeutendsten Verleger miteinander kurzschließt. Die Geschichte des Suhrkamp-Verlags betrachtet Winkler mit besonderem Schwerpunkt auf die wechselhaften transatlantischen Beziehungen, von Amerikabegeisterung der Autoren bis hin zu schrillen Protesten zur Zeit des Vietnamkrieges. Das ist durchaus informativ, wenn auch ziemlich holzschnitthaft. Unseld hielt auch dann treu zu Kissinger, als der als Berater Nixons mitverantwortlich war für Krieg und Napalm-Einsatz. Gegenüber seinen Autoren versuchte er stets, das Politische zurückzudrängen, jedenfalls nicht zur Richtschnur einer Freundschaft zu machen. Nur so war es möglich, im Verlag die verschiedensten Charaktere und politischen Strömungen nebeneinander bestehen zu lassen. Unselds historische Leistung bestand genau darin, dass er den Verlag als Abbild der geistigen Situation der Zeit begriff und nicht als Stoßtrupp in diese oder jene politische Richtung. Als Verleger suchte er zu dämpfen und auszugleichen. Dafür brauchte es diesen raumfüllenden, vorwärtsstürmenden, wollenden Mann, der Konflikte und persönliche Attacken aushalten konnte und seinen Korrespondenzpartnern auch geistig ebenbürtig war. Das lässt sich vor allem in den „Hundert Briefen“ Unselds noch einmal beeindruckend nachvollziehen.
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Sep 29, 2024 • 5min

Hape Kerkeling – Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse

Seit meiner Kindheit wollte ich wissen: Woher kommen meine Vorfahren? Quelle: Hape Kerkeling Deshalb hat Hape Kerkeling seine DNA auf seine Herkunft analysieren lassen und mit dieser Unterstützung Ahnenforschung betrieben. Vor allem hat er seine niederländischen Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Einige der recherchierten Verwandten präsentiert er in seinem neuen Buch „Gebt mir etwas Zeit“: Da war alles dabei vom Seefahrer bis zum großen Händler, bis zum, ja, Sadisten, muss ich wohl leider sagen. Adlige. Also wirklich eine ganz verrückte Truppe. Fastnachtsdichter aus dem 14. Jahrhundert habe ich plötzlich aufgetrieben. Und so habe ich dann so peu à peu mein Familienpuzzle zusammenstellen können. Quelle: Hape Kerkeling Ein Hutgeschäft als getarntes Bordell Das Buch ist zum Glück kein trockenes Werk für Ahnenforscher-Nerds, sondern lebt von den vielen wunderbar anschaulich erzählten Geschichten aus Kerkelings Leben. Zugleich ist es eine Liebeserklärung an Amsterdam. „Gebt mir etwas Zeit“, der titelgebende Spruch, ist an einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Amsterdam zu lesen. Dort lebte der Hutmacher Cornelis Kerkeling. Hape Kerkeling vermutet, dass das Hutgeschäft seines Vorfahren ein getarntes Bordell war: Wir kennen ja diese Coffeeshops, in denen alles verkauft wird, nur kein Kaffee. Und so hatten die Holländer damals Hutläden. Und da der Hut und die Auswahl eines Hutes etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen und da in einen solchen Laden Männer und Frauen gehen können und da man auch mal den Vorhang zuziehen konnte bei der Hut-Anprobe, hat sich dann irgendwann durchgesetzt, dass die Hutläden eben die versteckten Bordelle waren. Quelle: Hape Kerkeling Als Sechsjähriger besucht Hape Kerkeling mit seinen Eltern Amsterdam und will dort gar nicht mehr weg. Später, als er als junger Mann im Fernsehen Karriere macht und darunter leidet, dass er seine Homosexualität nicht offen ausleben kann, besucht er gern das damals, also Mitte der 80er, schon tolerantere Amsterdam. Dort verliebt er sich in Duncan, einen Niederländer. Die beiden werden ein Paar. Aber dann hat Duncan AIDS. Tragische Liebesgeschichte in Amsterdam Der völlige Terror überfällt Duncans Körper. Eine normale Nachtruhe existiert nicht mehr. Als Partner eines Erkrankten entwickelt  man im Laufe der Zeit absurde Kosymptome wie Fieber, Atemnot oder Bluthochdruck. Angst verspüre ich allerdings keine mehr. An ihre Stelle ist eine dumpfe Resignation getreten [...]. Quelle: Hape Kerkeling – Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse 1989 stirbt Duncan. Und so ist für Hape Kerkeling Amsterdam vor allem der Ort einer großen Liebe und einer noch größeren Tragödie: Es hat mich Mut gekostet, darüber zu schreiben, weil das ist natürlich sehr privat. Quelle: Hape Kerkeling Als Menschenfreund vertraut Kerkeling uns Lesern das an. Und so leiden wir mit ihm, aber lachen auch viel über die skurrilen Geschichten. Wie gerne wäre man dabei gewesen, als er als Kind mit seiner Großmutter Bertha, die sich nach dem Suizid seiner Mutter liebevoll um ihn kümmerte, auf der Eckbank saß. Verblüffende Ähnlichkeit mit dem Herzog von Kent Bei Kaffee und Streuselkuchen lasen beide Illustrierte mit den Neuigkeiten zu den europäischen Königshäusern. Dabei fiel Hape Kerkeling auf, dass Herzog Edward von Kent Großmutter Bertha verblüffend ähnlich sah. Das habe ich meiner Großmutter gesagt. Und dann ist sie puterrot angelaufen und hat darüber nicht weiter reden wollen. Und dann hat sich eben im Rahmen dieser Forschung herausgestellt, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist und dass meine Großmutter tatsächlich ein uneheliches Kind von König Edward VII. ist, der eine Liebschaft hatte mit meiner Urgroßmutter, Omma Agnes, Agnes Sattler, aus Marienbad. Und aus diesem Gspusi, aus diesem Techtelmechtel, ist meine Großmutter hervorgegangen. Quelle: Hape Kerkeling Eine unfassbare Entdeckung, sollte es denn wirklich so gewesen sein. Seine Oma die uneheliche Tochter eines Königs, was bedeutet das für Hape Kerkeling? Wäre sie in der Thronfolge gewesen, dann wäre ich heute in etwa auf Platz 111. Ob ich König werden will? Ja, aber ich werd's nicht. (lacht leise auf) Quelle: Hape Kerkeling „Gebt mir etwas Zeit“ ist ein unterhaltsames und anrührendes Buch über Herkunft und Zugehörigkeit. Nach der Lektüre ist uns der Mensch Hape Kerkeling wieder ein Stück näher gekommen. Und wir ertappen uns bei dem Gedanken, wer wohl unsere Vorfahren waren.
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Sep 29, 2024 • 6min

Jane Campbell – Bei aller Liebe

„Ach, wir kennen uns wenig, / Denn es waltet ein Gott in uns.“ In diesen Zeilen von Friedrich Hölderlin muss man nur ein Wort ersetzen, und schon ist man bei Sigmund Freud: Wir kennen uns wenig, denn es waltet das Unbewusste in uns. Damit ist zugleich das Sujet des ersten Romans der Britin Jane Campbell umrissen: die Differenz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität. Oder, wie es im Buch heißt: Ein Stein, schreibt er, der von einer äußeren Ursache angestoßen worden sei, wäre, wenn er ein Bewusstsein hätte, davon überzeugt, dass er ,nur darum in seiner Bewegung verharre, weil er es so wolle‘. Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe Das Bild stammt vom Philosophen Baruch Spinoza, der bekanntlich von der Idee des freien Willens nicht viel hielt. Campbells Roman „Bei aller Liebe“ verbindet diesen Gedanken mit den undurchschaubaren Mechaniken unserer Seele, die besonders unrund laufen, wenn es um die Spielarten der Liebe geht, die „interpretations of love“, wie das Buch im Original heißt. Die Gegenwart der Handlung sind die Neunzigerjahre, Auslöser aber sind Dinge, die sich Jahrzehnte zuvor ereignet haben. Es geht um Erinnerungslücken, Reue und Vergebung und einige letzte Dinge. Neben Freud werden Joseph Conrad und C. G. Jung zitiert. „Bei aller Liebe“ ist also kein seichtes Lesefutter, vielmehr die Sorte gut gemachter, anspruchsvoller Unterhaltung, mit der etwa auch Campbells Landsleute Julian Barnes und Ian McEwan ihre Leserschaft fordern und erfreuen. Unter Professoren und Psychotherapeuten Dementsprechend intellektuell ausgestattet sind die drei Protagonisten, die im Wechsel erzählen: der altersdepressive, emeritierte Oxforder Alttestamentler Malcolm Miller, seine geliebten Nichte Agnes Stacey, eine Philosophieprofessorin Mitte fünfzig, sowie der Arzt und Psychoanalytiker Joe Bradshaw, den mehr mit seiner ehemaligen Patientin Agnes verbindet, als er lange Zeit ahnt. Als junge, unglücklich verheiratete Frau hat sie ihn einst so fasziniert, dass er fast die berufsethischen Grundsätze des Therapeuten vergessen hätte. Warum dies fatal gewesen wäre, enthüllt das Buch auf den ersten Seiten, in einem Brief, den Malcolms Schwester Sophy kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Joe Bradshaw geschrieben hatte. Sie wollte zu dem jungen Sanitäter, den sie nach einem leidenschaftlichen One-Night-Stand mitten im Bombenhagel aus den Augen verloren hatte, wieder Kontakt aufnehmen. Unter anderem, weil sie, inzwischen Ehefrau und Mutter, annahm, bei der Gelegenheit sei ihre Tochter Agnes gezeugt worden. Ihren Bruder Malcolm beauftragt Sophy mit der Übergabe des Briefs an Joe. Doch als sie am selben Tag tödlich verunglückt, entschließt sich Malcolm nach Lektüre, diese Blätter für sich zu behalten. Erst fünfzig Jahre später rückt er damit heraus. Was im Leben sowohl von Agnes als auch von Joe als Volltreffer einschlägt. Wie geht man damit um, dass die Patientin sich als Tochter, der Therapeut sich als Vater entpuppt? „Es ist alles ein Haufen Mumpitz, und dennoch ...“ Zwar ist das Buch nicht, wie der deutsche Verlag nahelegt, ein Roman voller „Psychotherapeut:innen“. Aber es ist der Roman einer Psychotherapeutin, und man darf getrost annehmen, dass es Jane Campbells eigene Sicht der Dinge wiedergibt, wenn Joe Bradshaw über die Freud’sche Psychoanalyse sagt: Ich denke, es ist alles ein Haufen Mumpitz [...]. Und dennoch ist die Arbeit jenes alten Wiener Magiers unschätzbar, unersetzlich. Sie hat uns allen ein höchst raffiniertes, elastisches Netz komplexer Semantik verfügbar gemacht, in dem wir herumhüpfen und die Bedeutungen des Lebens, denen wir jeweils anhängen, prüfen können. Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe Natürlich hat der Analytiker Joe diese Prüfung regelmäßig vorgenommen – und sich, dem Stein Spinozas vergleichbar, erfolgreich eingeredet, er sei Herr seiner Entscheidungen. Dabei ist es der Prügel des Begehrens, der ihn ebenso regelmäßig in unabsehbare Richtungen, sprich, zu neuen Frauen geschleudert hat.     Doch auch Agnes kennt sich wenig. Am Morgen des Hochzeitsempfangs ihrer Tochter trennt sie sich von ihrem verheirateten Liebhaber, küsst mittags kurzentschlossen einen Mann, der sie seit langem verehrt, und landet am Ende des Tages doch wieder mit dem bisherigen Geliebten im Bett. Schmaler Grat zwischen Selbstsucht und Selbstlosigkeit Malcolm wiederum, der Oxforder Theologieprofessor, muss einsehen, dass es nicht etwa eine selbstlose Tat war, im besten Interesse der verwaisten kleinen Nichte, den Brief seiner Schwester zu unterschlagen, sondern ein Akt der Selbstsucht, weil er die Liebe des Kindes nicht teilen wollte. Damit hat er Agnes nicht nur den leiblichen Vater, sondern auch die Möglichkeit vorenthalten, ihre schmerzhaft vage Erinnerung an die verlorene Mutter zu vervollständigen. Aber ihm wird am Ende verziehen: Und so, wie zum Beweis, dass niemand von uns wissen kann, wie eine Geschichte enden wird, stellte sich heraus, dass ich letztlich doch an meiner eigenen Erlösung, wenn das das richtige Wort ist, mitgewirkt habe. Ausnahmsweise rückte ich einmal von den Rändern meines Lebens in dessen Zentrum, und Agnes, die schöne, kluge Agnes mit ihrer besonderen Bereitschaft, überschäumende Freude zu empfinden und zu schenken, hielt mich und tröstete mich und vergab mir, und ich spürte, wie mein Herz sich wieder bewegte. Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe Der schonungslose Blick, der an Campbells Erzählungen gerühmt wurde, ist hier nicht selten tränenverschleiert. Zum Glück rumpeln die verschiedenen Beziehungsdreiecke so munter aneinander, dass sich über all den herzzerreißenden Wendungen eine milde Ironie ausbreitet. Es ist die Ironie des Lebens selbst, das ja immer auch ganz anders hätte verlaufen können. Ein paar kleinere doppelte Böden, die Campbell einbaut, lassen das wacklige Fundament aller menschlichen Erinnerung erkennen. Wer sich an ein paar Leerstellen und losen Enden der etwas zu ambitionierten Konstruktion nicht stört, wird einen Roman lesen, der zum Weinen und zum Lachen bringt – und vor allem dazu, sich nicht allzu sehr auf die Weisheit eigener Entscheidungen zu verlassen.

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