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Aug 18, 2025 • 4min
Karl-Heinz Ott – Die Heilung von Luzon
Ein deutsches Paar Ende vierzig, gerade angekommen in Manila. Übermüdet, überfordert, gereizt. Tom und Rikka sind nicht zum Spaß auf die Philippinen gereist. Mit ihr stimmt irgendetwas nicht, und ihm geht es in dieser Fremde wie zu Hause, er fühlt sich schon beim Aufwachen erschöpft:
Allerdings steckte hinter dieser Schwermut vermutlich etwas ganz anderes, viel Schlimmeres, woran er lieber nicht denken mochte. Dabei wusste er nur zu gut, was es war. Es war ein innerer Aufruhr, den er mit aller Kraft niederzuhalten suchte. Im Grunde wollte er einfach nur wieder der sein, der er einmal war.
Quelle: Karl-Heinz Ott – Die Heilung von Luzon
„Die Heilung von Luzon“ beginnt als Beziehungsroman. Doch dieses Bild eines Berliner Lehrers in der Midlife-Crisis und seiner vielleicht ein wenig labilen Frau weitet sich. Ein anderes Paar, ebenfalls aus Berlin, tritt hinzu: der egozentrische Mittfünfziger Bock, dessen beste Zeiten als jungwilder Regie-Berserker lang vorbei sind, und die zehn Jahre jüngere Gela, die eigentlich viel zu nett ist für den unduldsamen Kerl.
Ein kleines Resort, fast wie in der Südsee
Alle vier finden sich wieder in einem kleinen Resort am Meer, mit ursprünglichem Strand, rauschenden Wellen, fantastischen Sonnenuntergängen und freundlichen Einheimischen, darunter drei junge Grazien, die vom Rezeptionstresen aus das Geschehen überwachen. Tom fühlt sich wie in der Südsee.
Das Schöne aber war dieses Schlichte, dieses Einfache, kein Tourismus, nichts Überfülltes.
Quelle: Karl-Heinz Ott – Die Heilung von Luzon
Wozu man wissen muss, dass der Roman im Jahr 2004 spielt – und dass gleich jenseits des Zauns das ganze Arsenal trauriger Tropen lauert: Bruchbuden, Bettler und Bauruinen, Kampfhähne und Kabelgewirr, sogar Leprakranke.
Krude Zeremonien an Krebskranken
Aber die Gäste des Strandresorts sind ja auch nicht in den Ferien. Jeden Tag werden sie zu einem philippinischen Heiler kutschiert, der krude Zeremonien an Krebskranken vornimmt. Die letzte Hoffnung für Rikka wie für Bock – und für die attraktive Hotelmanagerin Susanne aus Moers. Die unbeirrbar optimistische Todgeweihte und ihr Begleiter, ein bramarbasierender Esoteriker, fungieren als Katalysatoren der emotionalen Dynamik in diesem Quartett.
Der Roman erzählt davon in Episoden, deren Perspektive jeweils Tom, Rikka, Gela oder Bock gehört. So kann er ganze Lebensgeschichten offenlegen, Kindheiten in Oberschwaben und Oberbayern, Zeiten von Depression und Desorientierung und die eingefahrene, verkrustete Gegenwart.
Das Bedauern über die „roads not taken“, die verpassten Lebenschancen plagt alle vier. Aber während sich bei den beiden Kranken nach und nach eine gewisse Schicksalsergebenheit einstellt, eruptiert bei den beiden Gesunden die wilde Hoffnung auf gemeinsames Glück.
Letzte Dinge, Ironie und kleine Komödien
Daraus wird nichts, schließlich sind wir hier bei Karl-Heinz Ott, dem Experten für beschädigte Bürgerlichkeit und das Ertragen des Aussichtslosen. Doch obwohl es um traurige, ja letzte Dinge geht, ist „Die Heilung von Luzon“ kein trübseliges Buch.
Wie sich Missverständnisse und Fehlinterpretationen in den Perspektivwechseln offenbaren, ist von tiefer Ironie, und die Hahnenkämpfe zwischen dem aufgeblasenen Theatermacher Bock und dem tapfer dagegenhaltenden Philosophielehrer Tom sind komische Dramolette:
Wusstet ihr, dass in Manila Gründgens gestorben ist“, warf Tom ein. „Da kennt sich einer aus“, murmelte Bock. „Man weiß nicht, ob Selbstmord oder ...“, sagte Tom, jedenfalls waren Schlaftabletten im Spiel.“ „Hab ich nie von gehört“, sagte Gela, und zu Bock: „Wusstest du das?“ „Jedes Wort parfümiert, alles Pose, ein Rampengeck“, brummte er vor sich hin. „Hohe-Ton-Scheiße, kein einziger Satz echt.
Quelle: Karl-Heinz Ott – Die Heilung von Luzon
Gesellschaftskomödie und Liebesdrama, philosophische Gespräche, Theaterintrigen, Mystery und das alte Motiv des Westlers im Orient – all dies verbindet Karl-Heinz Ott mit leichter Hand. Ein kluges Capriccio als Porträt exemplarisch alternder Wirtschaftswunderkinder.

Aug 17, 2025 • 4min
Alena Jabarine – Der letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina
Die Bilder, die uns heute aus dem Gazastreifen erreichen, sind nur schwer erträglich. So unvorstellbar ist das Ausmaß von Leid und Zerstörung, seitdem Israel seine massive Militäroffensive auf den Gazastreifen begann, nachdem bewaffnete Kämpfer der Hamas Grenzanlagen durchbrachen, über 1.200 Menschen – überwiegend Zivilisten – töteten und zahlreiche Geiseln nach Gaza verschleppten.
Privileg der Herkunft
Das Palästina, in das uns die deutsch-palästinensische Autorin Alena Jabarine mitnimmt, ist noch ein ganz anderes. Eine „enorme Diskrepanz“ zwischen dem, was sie in der Zeit ihres Aufenthaltes in Ramallah zwischen 2020 und 2022 selbst erlebt hat, „und dem, was in Deutschland über Palästina berichtet wurde“, hat sie motiviert, ihre Erfahrungen in einem Buch zusammenzufassen.
Geboren und aufgewachsen ist die Autorin in Hamburg. Die Familie ihres Vaters besteht aus Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft. Dieses Privileg nutzte sie für ihre ausführlichen Recherchen. In einem Interview teilte sie mit:
Durch meinen israelischen Pass hatte ich mehr Möglichkeiten als Millionen staatenloser Palästinenser:innen. Ich konnte mein Heimatland bereisen und auch Kontakt zu jüdischen Israelis aufbauen, was vielen verwehrt bleibt.
Quelle: Alena Jabarine – Der letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina
Einblicke in den palästinensischen Alltag
In ihrem Buch bietet sie keine politische Analyse, sondern in 30 Kapiteln Einblicke in das Alltagsleben in einem besetzten Land, in dem Menschen ständig auf Mauern stoßen, auf Checkpoints und auf Straßen, die nur Leute mit israelischem Pass benützen dürfen. Sogenannte „sterile Gebiete“ werden von Hunderttausenden israelischer Siedler bevölkert, denn nur noch rund 18 Prozent des Westjordanlands kontrolliert die Palästinensische Autonomiebehörde.
Ich bin in dieser Straße geboren. Mein Haus steht dort hinten rechts um die Ecke. Aber, er zeigte auf einen undefinierbaren Punkt auf der leeren Straße, ich darf hier nicht mehr weitergehen. Ihr schon.
Quelle: Alena Jabarine – Der letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina
Erzählt Alena Jabarine von einem Bewohner, den sie getroffen hat. Selbst in ihren Zonen sind sie nicht vor Siedlerangriffen sicher oder vor israelischen Soldaten, die ins Haus stürmen und vermeintlich nach Waffen suchen oder auch Menschen willkürlich verhaften wie einst den Vater der Autorin.
Appell zur Verantwortung
Gefangenschaft ist ein normalisierter Bestandteil der palästinensischen Realität. Sie ist ein Versuch, den Widerstand zu brechen und jegliche Form politischer Organisation zu sabotieren. Die klügsten Köpfe Palästinas haben Monate oder Jahre ihres Lebens hinter Gitterstäben verbracht.
Quelle: Alena Jabarine – Der letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina
Alena Jabarine will mit ihrem Buch die israelischen Besatzer keineswegs verteufeln, doch sehr wohl verantwortlich machen für die harten Lebensbedingungen der Bevölkerung.
Akte der Grausamkeit, wie sie beispielsweise an der 17-jährigen Schülerin Lina verübt wurden. Ihr schoss ein israelischer Soldat auf dem Nachhauseweg in den Kopf. Sie hatte an einer Demonstration teilgenommen und war von ihm verfolgt worden. Ihr Bild wurde zur Ikone des Widerstands.
Die differenzierte Haltung der Autorin
Der letzte Himmel ist ein differenziertes Buch. Die Autorin schreibt auch über „die korrupte palästinensische Führung“, und sie hat den Eindruck, dass durch deren ständiges Paktieren mit den israelischen Besatzern „die Sympathien für die Hamas bei der Bevölkerung wuchsen“. Sie blendet jedoch diese Terrororganisation, die im Oktober 2023 nicht plötzlich auftauchte, sondern das eigene Volk schon lange vorher drangsalierte, ansonsten völlig aus. Das ist sehr bedauerlich.
Trotzdem liest man ihren persönlichen Bericht mit Gewinn. Denn Alena Jabarine räumt mit vielen Vorurteilen über die Palästinenser auf und beschreibt, wie schön das Land einmal war. Man wagt sich kaum vorzustellen, wie es heute dort aussieht. Ein dringend notwendiges, kluges, subjektives und gerade deshalb sehr bewegendes Buch.

Aug 16, 2025 • 6min
Annie Ernaux – Die Besessenheit
Annie Ernaux ist vor allem für ihre autofiktionalen Romane bekannt, in denen sie ihre Familiengeschichte umkreist und sich dadurch von ihrer Herkunft zu befreien und mehr über sich selbst zu erfahren sucht.
Erst in diesem Frühjahr ist bei Suhrkamp das Buch „Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“ erschienen, in dem Ernaux vom Abschied von ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter erzählt. Und über das Vergehen des Lebens und der Zeit nachdenkt.
Weniger häufig, aber doch in mehreren Romanen hat sich Ernaux literarisch mit ihren Liebesgeschichten auseinandergesetzt. In „Eine Leidenschaft“ oder „Der junge Mann“ zum Beispiel, und auch im 2002 im Original und jetzt erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Die Besessenheit“.
(K)eine Liebesgeschichte?
Nur 66 luftig gedruckte Seiten hat Annie Ernaux' Buch, doch der erste, optische Eindruck einer literarischen Petitesse täuscht: Die Literaturnobelpreisträgerin von 2022 spürt in „Die Besessenheit“ in ungeheuer verdichteter Form einer Obsession nach.
Der Ausgangspunkt ist eigentlich banal: Die Ich-Erzählerin hat sich nach sechs Jahren Beziehung von einem Mann getrennt, im Buch mit W. abgekürzt,...
...aus Überdruss wie aus dem Unwillen, meine nach achtzehn Jahren wiedererlangte Freiheit für ein Zusammenleben aufzugeben, nach dem er sich von Anfang an gesehnt hatte.
Quelle: Annie Ernaux – Die Besessenheit
Eine Trennung ohne größere emotionale Turbulenzen also, so scheint es zunächst.
Doch einige Monate später berichtet W. der Erzählerin, dass er mit einer anderen Frau zusammenziehe.
An meinem Gefühl der absoluten Niederlage merkte ich, dass ein neues Element hinzugekommen war. Von diesem Moment an nahm die Frau mein Leben in Besitz. Ich dachte nur noch durch sie.
Quelle: Annie Ernaux – Die Besessenheit
Aufschlussreich ist hier die Formulierung „durch sie“, nicht „an sie“. Denn nicht nur die Gedanken von Annie Ernaux' Erzählerin schweifen häufig zu der „Neuen“.
Die Frau füllte meinen Kopf, meine Brust und meinen Bauch, begleitete mich überallhin, diktierte mir meine Gefühle. Gleichzeitig ließ mich diese ständige Anwesenheit intensiver leben. Sie löste Regungen aus, die mir bis dahin fremd gewesen waren, setzte eine Energie und einen Erfindungsreichtum frei, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte, trieb mich konstant zu fieberhaften Aktivitäten an.Die Frau beschäftigte mich im doppelten Wortsinn, ich war von ihr besessen.
Quelle: Annie Ernaux – Die Besessenheit
Eine Obsession mit „der Neuen“
Diese Obsession lässt die Erzählerin Dinge tun, die ihr noch Monate zuvor völlig fremd gewesen wären. Fieberhaft versucht sie, den Namen der Frau herauszufinden, ihr Alter, ihren Beruf, ihre Adresse. Der Ex-Freund ist aus naheliegenden Gründen zurückhaltend mit Informationen.
Also recherchiert sie selbst. Kuriose Randnotiz: Annie Ernaux hat diesen Roman 2001 geschrieben, und ihre Erzählerin recherchiert noch im Minitel, dem französischen Vorgänger des Internets. Einzig an diesem technischen Detail merkt man dem Roman sein Alter an.
Ansonsten ist „Die Besessenheit“ eine zeitlos gültige Beschreibung der perfiden Macht von Eifersucht. Annie Ernaux schreibt in knappen Sätzen und prägnanten, präzisen Bildern über die Wucht eines Gefühls, das dazu führt, dass die Erzählerin sich „verwünscht“ fühlt, sich in bestimmten Pariser Stadtteilen „auf feindlichem Gebiet“ wähnt, weil ihr dort das neue Paar über den Weg laufen könnte - auch Paranoia mischt sich in den Schmerz, den sie nun über die Trennung empfindet.
Hatte sie vielleicht doch noch nicht mit dem Mann abgeschlossen? Oder entsteht die Obsession aus der Unerreichbarkeit des früheren Partners? Die Erzählerin vergleicht ihren Zustand mit einer Krankheit, einer Depression, somatisiert, erklärt oder psychologisiert aber ansonsten nicht.
Ernaux geht es darum, Worte zu finden für das Existentielle dieser Erfahrung. Ihre Erzählerin schreibt sich mit „Die Besessenheit“ aber nicht in einem kathartischen Sinne von ihren dunklen Gefühlen frei. Vielmehr dokumentiert sie diese Phase als wichtiges, intensives Erlebnis.
Dieser Zustand hielt die alltäglichen Sorgen und Ärgernisse auf Abstand. Er versetzte mich in gewisser Weise an einen Ort, an dem die übliche Mittelmäßigkeit des Lebens nicht an mich herankam.
Quelle: Annie Ernaux – Die Besessenheit
Schreiben über die Eifersucht
Als „das Wesentliche“ beschreibt die Erzählerin ihre Eifersucht zu jener Zeit und will sie deshalb erforschen, in Worte fassen und durch Aufschreiben bewahren. Auch die möglicherweise fragwürdige Vorbildfunktion ihres Textes für andere eifersüchtige Frauen reflektiert sie klug. Und bleibt bei ihrem Entschluss:
Schreiben ist für mich eine Möglichkeit gewesen, das zu retten, was schon nicht mehr meine Realität ist, keine Empfindung mehr, die mich auf der Straße überfällt und von Kopf bis Fuß erfasst, sondern nur noch ,die Besessenheit', ein klar umrissener Zeitraum der Vergangenheit.
Quelle: Annie Ernaux – Die Besessenheit
Sonja Finck hat Annie Ernaux' klare Sprache grandios treffend ins Deutsche übersetzt. „Die Besessenheit“ ist die literarisch enorm dichte Selbsterkundung einer Frau, die mit großer Empathie, aber rückblickend auch selbstironisch auf ihr früheres Ich schaut. Und dabei Grundsätzliches nicht nur über die Eifersucht, sondern über große Gefühle allgemein und über das Schreiben formuliert.

Aug 15, 2025 • 5min
Voller großer, scharfer Traurigkeit: Thomas Melle – „Haus zur Sonne“
Dieses Buch durchzieht „eine, große, scharfe Traurigkeit“, wie es auf seinen letzten Seiten heißt. Thomas Melle schreibt ein weiteres Mal – so wie schon in seinem furiosen, radikal autobiographischen Buch „Die Welt im Rücken“ 2016 - über jene fürchterliche unheilbare psychische Erkrankung, die den Erzähler von „Haus zur Sonne“ seines Lebens müde werden und den erlösenden Tod herbeisehnen lässt.
Dieser Erzähler ist fünfzig Jahre alt, so wie Melle, arbeitete einst wie Melle fürs Theater, und war wie er 2019 in allerlei sozialmediale Händel auf Twitter verstrickt, als er es gewagt hatte, den Nobelpreisträger Peter Handke in einem Zeitungsartikel gegen dessen Kritiker zu verteidigen.
„Vielleicht hat die Krankheit, die mich gebrochen hat, mich erst zum Schriftsteller gemacht“, hatte Thomas Melle 2016 in seinem Buch „Die Welt im Rücken“ gemutmaßt und damals im Interview gesagt:
„Schriftsteller wollte ich eh immer sein, nur dass genau dieses Thema nun zum meinem bisherigen Lebensthema geworden ist, das hatte ich eigentlich anders eingeplant. Ich hätte gern darauf verzichtet, andererseits ist es eine Aufgabe, eine existentielle Aufgabe, mich dem zu widmen und das in eine Form zu bringen – eine Aufgabe hat auch nicht jeder.“
Erloschener Lebensfunke
Zu seinem neuen Roman will Thomas Melle kein Interview geben. „Haus zur Sonne“ ist die finstere und im Wortsinn todernste Fortschreibung von „Die Welt im Rücken“, hat sein Ich-Erzähler doch nach einem neuerlichen schweren manischen Schub so viel verbrannte Erde hinterlassen wie noch nie: Freunde weg, Wohnung weg, Geld weg. Ruf zerstört.
Er hat sich „weggeschossen aus der Gesellschaft“. Was Mediziner eine depressive „Episode“ nennen, hat für denjenigen, der sie durchmacht, alles andere als vorübergehenden Charakter, - eher finalen. Er fühlt sich am Ende. Sein Lebensfunke sei „erloschen“, schreibt er und weiter: „Ich war Asche“.
„Memoir, Autofiktion – ich weiß es nicht genau. Für mich war es erst ein Bericht, der aber natürlich einen Protagonisten und eine Handlung hat, also auch romaneske Formen hat.“
„Nonfiktionaler Roman“
So wie „Die Welt im Rücken“ kann man auch „Haus zur Sonne“ mit einem Oxymoron Didier Eribons, einen „nonfiktionalen Roman“ nennen, wobei das neue Buch im Gegensatz zum Vorgänger fast keine komischen Ausflüchte mehr kennt, sondern uns in einen „zähen Strudel“ mit den immer selben Gedankenschleifen zieht und insofern ein vermutlich sehr genaues Abbild der Krankheit ist, die einen aus diesem ewigen Mahlstrom der Verzweiflung nicht mehr auftauchen lässt.
Nach dem Besuch schier unzähliger Kliniken und Psychiatrien sucht der Erzähler jetzt mit dem Titel gebenden „Haus zur Sonne“ ein fiktives, vom Staat mitbetriebenes Hospiz auf: eine letzte Zufluchtsstätte für allen Sterbewilligen. Kein Krankenhaus, kein Sanatorium, nein: eine „perfide Maschinerie“ der Euthanasie, in die man sich „existenzmüde“ als „Klient“ selbst einweist.
Hospiz der anderen Art
Auf den aseptischen Fluren dieses Hauses entspinnt sich ein Mystery-Horror-Drama der anderen Art. Der Erzähler trifft andere Todessehnsüchtige, lauter Untergeher, die alle so wie er nur verschwinden wollen und tatsächlich auch nacheinander gehen. Wie sie gehen, bleibt im Verborgenen.
Vorher durchleben sie so wie der Ich-Erzähler in wie auch immer genau induzierten „Simulationen“ noch „virtuelle Alternativgeschichten“ ihres Lebens: Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich mich hier anders verhalten hätte, wenn ich ein anderer geworden wäre?
Das sind Momente, in denen sich die Insassen kurz einmal vergessen können, um dann, zurückgekehrt aus diesen Traumwelten, umso härter auf dem Boden der Wirklichkeit wieder aufzuschlagen.
Dieser Roman hat etwas Niederschmetterndes, Gnadenloses in all seiner Vergeblichkeit, aber er ist eben auch sehr ehrlich, weil hier kein „Checkerautor“ schreibt, wie Melle das nennt. Nein, hier schreibt einer, der weiß, „was es heißt, wirklich unrettbar verloren zu sein“.
Ich dachte, ich könnte wenigstens als Fehlnummer ein Vorbild sein, anderen Mut machen, lebend zeigen, dass es möglich war, sich aus der ganzen Katastrophe wieder herauszuarbeiten. Da lag ich falsch, denn sie kam immer wieder, und immer heftiger. Das wusste ich theoretisch, aber praktisch war es immer wieder ein Schock und bedeutete auch, am Ende, den Verlust jeglicher Würde.
Quelle: Thomas Melle – Haus zur Sonne
„Haus zur Sonne“ lässt uns den depressiven Tran in all seinem Schrecken, all seinen Loops durchwaten – und nimmt doch eine unerwartete Wendung. Denn „am Saum des Todes“ rührt sich im Erzähler auf einmal „Lebenstrotz“: ein Zeichen der Hoffnung.

Aug 15, 2025 • 55min
Mit neuen Büchern von Marco Wanda, Annie Ernaux, Angela Steidele, Thomas Melle und Verena Kessler
Leidenschaftlich geht es im lesenswert Magazin zu: Es wird geliebt, getrunken, gesungen und gelogen – im Kino, auf der Konzertbühne oder im Gym.

Aug 15, 2025 • 25min
„Meine erste große Liebe war Greta Garbo“
Ein Roman als Film
Zuerst sitzen wir im Dunklen. Angela Steidele platziert uns mit den ersten Zeilen ihres Romans in einem Kinosaal. Auf der Leinwand entspinnt sich eine Szene im Schnee: Greta Garbo eilt durch die Schweizer Landschaft.
„Wir sehen beim Lesen einen Film“, sagt die Autorin Angela Steidele im Gespräch mit SWR Kultur. Diese Erzählhaltung werde den ganzen Roman über durchgehalten. Doch nach und nach wird einem klar: Dieses Dunkel hat auch eine metaphorische Ebene. Denn Angela Steidele folgt den Größen des Films wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich durch die dunklen Seiten des 20. Jahrhunderts.
Der Film als Propagandawerkzeug
Den Anstoß dazu hat der Film „Königin Christine“ gegeben, mit Greta Garbo in der Hauptrolle - Steideles „erste große Liebe“. Sie recherchierte zu Garbos Leben und ihren Filmen und wurde zur Expertin.
Diese Leidenschaft für Stumm- und Tonfilme blieb lange Zeit privat. Bis Steidele klargeworden sei, „dass heutzutage die filmchenbasierten sozialen Medien und die digitale Revolution, also ein krasser Medienwechsel, einen starken Anteil am neuerlichen Aufkommen des Faschismus haben und der Rückkehr der starken Männer, des Patriarchats, des Angriffs auf Frauenrechte, auf die Demokratie“, so Steidele.
Was ist wahr, was erfunden?
Sie sieht darin Parallelen zum frühen Film, insbesondere beim Übergang vom Stumm- zum Tonfilm ab 1930. Dieser Medienwechsel habe die Wahrnehmung der Wirklichkeit des Publikums erschüttert, sagt Angela Steidele.
Eine Filmproduktionsfirma wie die Ufa sei bewusst gegründet worden, um Propaganda-Filme zu produzieren. Das heißt, „es ging nie um Filmkunst, wie wir das vielleicht denken, sondern um Fälschung von Wirklichkeit“, so Steidele.
Feministische Antwort auf Thomas Manns „Der Zauberberg“
Ihr Roman „Ins Dunkel“ folgt den Spuren großer Filmstars wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich von den 1920er bis in die 40er Jahre. In einem Schweizer Bergdorf blicken Greta Garbo und Erika Mann mit zwei Freundinnen auf diese wechselhafte Zeit, ihre Karrieren und wie sie sich zum Nationalsozialismus verhalten haben, zurück.
Vier Frauen in den verschneiten Schweizer Bergen. Angela Steideles Roman „Ins Dunkel“ sei auch eine „augenzwinkernde feministische Antwort“ auf Thomas Manns „Der Zauberberg“. Gerade bei der Frage, wie es Kunst und Literatur mit der Politik halten, sei Thomas Mann eine besonders interessante Persönlichkeit.
Denn Thomas Manns Werk sei politikfrei und, so Steidele, sogar demokratiefeindlich: „Er hat keine einzige überzeugende Frauenfigur in seinem riesigen literarischen Oeuvre geschaffen. Ich bin Thomas Mann als Epiker unendlich verbunden. Alles, was ich von Erzählen weiß, habe ich von ihm gelernt. Und gleichzeitig bin ich als Demokratin und Feministin von einem wie Thomas Mann tief enttäuscht“, so Steidele.
Sie wünscht sich, dass die Leser und Leserinnen ihres Romans den „Schwung mitnehmen, dass es sich lohnt, für die Demokratie zu kämpfen“.

Aug 15, 2025 • 9min
„Irgendwann habe ich gemerkt, wie Protein-besessen diese Welt eigentlich ist“
„Ich mache nicht so viel mit Hanteln. Ich starte immer mit Cardio, zum Aufwärmen vielleicht auf dem Crosstrainer oder einem kleinen Spaziergang auf dem Laufband,“ schlägt Verena Keßler vor.
Literatur auf dem Laufband also. Ungewöhnlich? Nicht bei diesem Roman. „Gym“ heißt der und spielt in einem Fitnessstudio. In so einem treffe ich heute Autorin Verena Keßler. Hier zeigt sie mir ihre Trainingsroutine - und wir sprechen über ihren neuen Roman.
Darin landet die Protagonistin als Angestellte hinter der Smoothie-Theke des „Mega Gym“. Zunächst ohne Absicht, dort zu trainieren. Bis sie merkt, dass ihr Körper sich mit dem Kraftsport verändert: „Jedenfalls ihrem Gefühl nach. Und sie merkt, sie wirkt plötzlich ganz anders auf die Leute, bei ihr werden mehr Shakes am Tresen gekauft und so.“
Fitnessstudio als Ausgleich
Vor zwei Jahren hat Verena Keßler selbst mit dem Trainieren in einem Fitnessstudio angefangen, als Ausgleich zum Schreibtischjob. Meist ein-, zweimal die Woche, mittags, wenn das Studio leer ist: „Irgendwie fühle ich mich da ganz wohl und gehe gerne hin. Es gibt aber auch Phasen, wo ich – zum Beispiel nach dem Schreiben des Buchs – gar nicht mehr hingehe.“
Zwischen Hantelbank und Crosstrainer kam ihr die Idee zu einem Roman. Den Einstieg in den Job erschwindelt sich Keßlers Ich-Erzählerin. „Mega Gym“-Chef Ferhat erzählt sie, ihren nicht gerade Fitnessstudio-konformen Körper habe sie nur, denn sie habe gerade…
(…) entbunden: nicht: Ich habe vor Kurzem ein Kind bekommen, wie ein normaler Mensch es ausgedrückt hätte.
Quelle: Verena Keßler – Gym
Die Lüge hält sie erstaunlich lange aufrecht. Zwischen dem Mixen von Smoothies und Proteinshakes mit obskuren Namen erzählt sie dem Roman- und Studiopersonal von den Herausforderungen, die die vermeintlich alleinerziehende Mutter problemlos zu meistern scheint.
Kontrolle oder Kontrollverlust?
Ob es ein Roman über Kontrolle oder Kontrollverlust sei, frage ich Keßler.
„Beides. Sie kommt ja in einer Situation an, wo sie das Gefühl hat, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben. Sie hat ihren Job verloren und sich eine Weile gehen lassen. Dann fängt sie im Fitnessstudio an, obwohl sie eigentlich nicht trainieren will.
Aber als sie merkt, dass sie Muskeln aufbaut und es mit ihrem Einsatz zusammenhängt, entdeckt sie etwas Neues, das sie kontrollieren kann. Das motiviert sie sofort, weiterzumachen.“
Ein Roman in drei Sätzen
Im Grunde war es ganz simpel. Ein fitter, ein straffer, ein starker Körper war vor allem eins: Arbeit.
Quelle: Verena Keßler – Gym
Diese Arbeit beschreibt Keßler auf knapp 190 Seiten und in drei Sätzen. Also, im Sinne einer Trainingsdramaturgie. In drei Teile ist Keßlers Roman gegliedert. Sätze – im Kraftsport die übliche Struktur in der eine Muskelgruppe trainiert wird. Dreimal fünfzehn Wiederholungen. Dazwischen: Rückblenden. Der alte Job, der, soviel sei verraten, mit einer ungeheuerlichen Tat der Erzählerin endete.
Von Satz zu Satz wird die Verbissenheit ihrer Hauptfigur größer.
„Scheitern ist für sie die allergrößte Katastrophe.“
Keßler erzählt mir während des Trainings: „Ehrgeiz, der große Wunsch nach Anerkennung, das finde ich interessant. Und auch dieses Streben nach Leistung. Wie sehr kann man das verfolgen, ohne dass es einen krank macht? Bei ihr ist es ja letztendlich so.
Auf der einen Seite ist es total gewünscht und anerkannt, dass man nach Leistung und Erfolg strebt. Auf der anderen Seite soll man auf keinen Fall zu verbissen sein. Am besten fällt einem alles zu und man schafft auch alles andere. Und wenn man es dann nicht schafft, wenn ein Erfolg zum Beispiel nicht eintritt, dann soll man ganz bescheiden sein und sagen: Das ist ja gar nicht schlimm. Das ist ja etwas, das die Protagonistin gar nicht kann. Dieses Scheitern ist für sie die allergrößte Katastrophe.“
Ein Millennial-Roman durch und durch.
Denn „Gym“ ist keine reine Milieustudie der Fitnessszene: In dieser Welt voller Proteinshakes und Instagram-Posen stecken die gut trainierten „Glutes“, die Gesäßmuskeln, in Leggins. In der Erzählung steckt einiges an Zeitdiagnose. Ein Millennial-Roman durch und durch.
Irgendwann habe ich bei Instagram auch nichts anderes mehr gesehen und gemerkt, wie Protein-besessen diese Welt eigentlich ist.
Quelle: Verena Keßler im Gespräch
„Bei diesem ersten, assoziativen Schreiben ist mir aufgefallen, wie das automatisch reinrutscht. Obwohl ich vorher gesagt hätte, dass ich mich gar nicht so wahnsinnig viel mit dieser Fitnesswelt beschäftigt habe,“ gibt die Autorin zu. „Aber das ist ja dann auch eine Frage des Algorithmus: Irgendwann habe ich bei Instagram auch nichts anderes mehr gesehen und gemerkt, wie Protein-besessen diese Welt eigentlich ist. So sind die Dinge dann da reingekommen.“
Gegenwartsmarker im „Mega Gym“
Hüttenkäse, Protein und Pumpen: Diese Gegenwartsmarker treten im „Mega Gym“ personifiziert in Form der Figuren auf. An ihnen verhandelt Keßler Leistungsdruck, Kontrolle, Körperbilder und die Sozialen Medien amüsant mit. Da gibt es zum Beispiel die Trainerin Swetlana, die schließlich mit ihrem Instagram-Account, auf dem sie ihre tanzenden Pobacken präsentiert, viral geht.
Eine Kränkung für das Erzählerinnen-Ego, der Growth und Gains bald nicht mehr reichen. Chef Ferhat stellt ihr einen Trainingsplan zusammen:
Wir fangen mal mit 45 Kilo an. Klingt vielleicht viel, aber in ein paar Wochen wirst du schon dein Eigengewicht auflegen können. Und in ein paar Monaten ist auch das Doppelte bis Dreifache drin. Mag glaubt immer gar nicht, wie viel ein Mensch bewegen kann, auch Frauen, unterschätz dich da nicht, im Grunde gibt’s kein Limit.“ Ein leichter Schwindel erfasste mich.Kein Limit, keine Grenzen.
Quelle: Verena Keßler – Gym
Keßlers Eskalationsfantasien
Kein Limit haben auch Keßlers Eskalationsfantasien. In „Gym“ erschafft sie eine überzeichnete, absurde Welt: „Dann sieht sie,“ die Erzählerin, „Vic, die krasse Bodybuilderin, die diese von dem Ideal abweichenden Muskeln hat. Ah ja, man kann sich abheben. Das ist immer das, worauf sie anspringt. Dann will sie das sofort auch, doller als Vic und will noch krasser werden als sie,“ weiß die Romanautorin.
Beim Schreiben halfen ihr deshalb nicht nur eigene sportlichen Erfahrungen, sondern auch Recherche, unter anderem ein Telefonat mit einer echten Bodybuilderin: „Es geht nicht darum, wie das aussieht, sondern was das für eine Leistung ist. Die richten ihr Leben darauf aus. Die trainieren so viel, dazu gehört die strenge Ernährung. Für Wettkämpfe sind sie runtergehungert, damit man die Muskeln gut sehen kann“.
Verena Keßler faszinierte das: „Die sind krass ehrgeizig und auf den Erfolg bei Wettkämpfen gepolt. Das passt zu meiner Figur. Als ich mit der Bodybuilderin telefoniert habe, da war ich schon relativ weit mit dem Text und habe ein paar Sachen abgeglichen: Wie trainierst du, wie oft trainierst du?“
Unsympathische Erzählerin
Keßlers Protagonistin ist dabei wenig sympathisch. Die Kolleginnen im „Mega Gym“ belächelt sie. Die Mütter, denen sie in einem Kurs zum Prä-Baby-Body verhelfen soll, vergrault sie schnell mit ihren neo-liberalen ‚Du kannst alles schaffen, wenn du dich nur richtig anstrengst‘-Ansprachen.
„Also über meine Protagonistin würde ich nicht sagen, dass sie Feministin ist, sie ist eher Egoistin. Und ich glaube, sie würde es auch über sich selber nicht sagen, weil das für sie relativ egal ist, weil das sowas Gesellschaftliches ist und die Gesellschaft ist ihr eigentlich völlig egal,“ verrät die Autorin.
„Für sie zählt sie selbst, ihre Ziele, was sie erreichen möchte und dass sie sich abhebt von den anderen. Und ja, ihr Frauenbild ist oft ein bisschen abschätzig und sie ordnet sich ja immer so ein. Also jede Frau wird erstmal abgecheckt, ist die besser als ich? Wenn ja, was kann ich dagegen tun? Wo kann ich sie irgendwie übertrumpfen? Und wenn nein: Wie kann ich sie kleinhalten, durch das, wie ich mit ihr agiere?“
Verena Keßlers Lieblingsgeräte
Im Studio zeigt mir Verena Keßler ihre Lieblingsgeräte. Wichtig sei ihr beim Training selbst eher der Spaßfaktor. Und: Körper und Geist in Einklang zu bringen.
„Schreiben ist ja dieses ständige ‚In seinem eigenen Kopf sein‘ und der Körper stört dabei ja fast. Irgendwann macht er sich bemerkbar, durch Rückenschmerzen. Und dann fand ich’s schon immer gut zu sagen: So, jetzt gehe ich einfach mal ins Fitnessstudio.
Der Kopf ist dabei auch aus. Was ich nicht gut kann, ist mir dabei Gedanken machen. Es tut auf jeden Fall gut, wenn man kurz raus ist aus dem Kopf.“

Aug 15, 2025 • 7min
„Das Schreiben hatte für mich etwas Therapeutisches"
Leben, Liebe, Tod, das sind die großen Themen über die Marco Wanda in seinen Songs schreibt. In Hits wie „Bussi Baby“, „Bologna“ oder „Columbo“, die ab 2011 einen regelrechten Wanda-Hype auslösten. Auf diese Zeit, das Großwerden als Band, den überfordernden Erfolg und das Leben als Rock ‘n Roll-Star schreibt Marco Wanda in seinem Buch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“.
Zwischen Exzess und Poesie
„Ich staune immer noch, dass man in diesem Jahrhundert zu einer Gitarre greifen kann, sechs Akkorde spielt und davon leben kann“, sagt Marco Wanda im Gespräch mit SWR Kultur. Das Motto der Band: „Wir packen es, dass wir es nicht packen“.
Die österreichische Musikindustrie erweckte die Band aus dem Dornröschen-Schlaf. Der Druck, diesen Erfolg dann auch zu halten, war immens. Sein Buch sei ein Buch aber nicht nur über die Band, sondern über das Leben, so Marco Wanda: „Über Erfolg, Rückschläge, Resilienz, über Verlust, über Freundschaft.“
Bloß keine verkopften Songs
Alkohol, Drogenkonsum, zerstörte Hotelzimmer. Darüber schreibt Marco Wanda schonungslos. Aber auch über die Bücher, die ihn begleiten und Autoren, die er schätzt, wie Hemingway, Jack Kerouac oder Allen Ginsberg.
Vorbilder seien die aber keine: „Ich bin kein Techniker und ich glaube, wenn man zu verkopft schreibt, dann spürt ein Leser nichts mehr.“ Er habe sich bemüht, eine eigene Sprache zu entdecken.
Das Schreiben des Buches habe etwas zutiefst Therapeutisches: „Ich habe versucht, jedes Gefühl einmal wahrzunehmen, weil ich der Überzeugung bin, das Schmerz gefühlt werden will“, so Marco Wanda.

Aug 14, 2025 • 4min
Rie Qudan – Tokio Sympathy Tower
Der Roman spielt im Tokyo der Jetztzeit und der nahen Zukunft. „Political correctness“ gepaart mit Moralpostulaten via ChatGPT ist gang und gäbe.
Aber worum geht es? Um Architektur, die den Menschen von heute korrekt abbildet. Ein Großprojekt ist in Planung: der „Tokyo Sympathy Tower“.
Ohne ein schützenswertes Glück ist die Hemmschwelle, ein Verbrechen zu begehen, erschreckend niedrig. Wenn man sich das Glück anderer Menschen nicht vorstellen kann, fällt es schwer, sich schuldig zu fühlen, wenn man es ihnen raubt. Das bedeutet, dass in der überwiegenden Mehrheit der Fälle die Täter selbst ehemalige Opfer sind.
Quelle: Rie Qudan – Tokio Sympathy Tower
„Homo felix“ und „homo miserabilis“
Der so spricht ist der „Glücksforscher“ Masaki Seto. Er teilt die Spezies Mensch in zwei Gruppen: den „homo felix“, den glücklichen Zeitgenossen, und den „homo miserabilis“, den durch schlechte Umwelteinflüsse beklagenswerten Menschen, der so zum Verbrecher wird. Keine Frage! Sozial orientierte Strafjustiz zeitigt Erfolge.
Doch im „Tokyo Sympathy Tower“ sollen Leicht- wie Schwerverbrecher einem rein glücklichen Alltag frönen, mit Büchern, DVD’s, Sport und Spiel. Die ehrgeizige Architektin Sara Makina wird den Turm bauen. Dabei ist sie keineswegs von der superhumanen Idee des Glücksforschers gänzlich überzeugt. So befragt sie ChatGPT, im Roman „KI-built“ genannt – und wird eines Besseren belehrt.
Diskriminierungsfreie Kommunikation ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer glücklicheren und inklusiveren Gesellschaft, in der Empathie, Verständnis und Zusammenarbeit wertgeschätzt werden.
Quelle: Rie Qudan – Tokio Sympathy Tower
Sex auf Japanisch
Die Mitdreißigerin Sara Makina ist mit einem viel jüngeren, äußerst gutaussehenden Modeberater liiert. Bevor sie mit ihm ins Bett geht, fragt sie, ob es ihn beleidige, wenn sie frage, ob er mit ihr ins Bett gehen möchte. Erst als er verneint, darf das Vergnügen seinen Lauf nehmen.
Die noch recht junge Architektin scheint ansonsten eine konservative Gesinnung zu haben. Denn anstatt des Namens „Tokyo Sympathy Tower“ würde sie die japanische Bezeichnung „Tokyo-to Dojo-to“ bevorzugen, also: „Turm des Mitgefühls der Stadt Tokio“.
Moral als verbindliche Norm
Ein Teil des Romans spielt in der nahen Zukunft: 2030. Der Sympathy Tower ist gebaut, viele Insassen, die längst ihre Strafe abgebüßt haben, bleiben. Denn so schön wie im Sympathy Tower ist es für sie nirgendwo.
Und doch befindet sich ein großes Polizeiaufgebot vor dem Tor des Turms. Nicht um die Straftäter zu bewachen, sondern um Eindringlinge abzuwehren, die den Turm zerstören wollen. Der „homo felix“ mutiert zum „homo iratus“, zum zornigen Menschen.
Rie Qudan gelingt es in ihrem Roman, die political correctness unserer Tage äußerst gekonnt, ein wenig überspitzt und daher mit Witz und Ironie abzubilden.
Doch die Grundaussage ist bitterernst: Wenn Moralvorstellungen, die auch von ChatGPT vorgetragen werden, den Charakter einer stets verbindlicheren Norm annehmen, dann ist jegliche Abweichung in gewisser Weise „verbrecherisch“, weil gesellschaftszersetzend. Die Architektin Sara Makina gesteht offen ein:
Ich weiß, es ist unpassend, aber ich bin am glücklichsten, wenn ich im Angesicht von etwas Schönem trinke und rede.
Quelle: Rie Qudan – Tokio Sympathy Tower
Aber eigentlich kann eine solche Aussage bereits moralisch problematisch sein.
Ich kann nichts sagen, was ich nicht sagen darf. Ich will niemanden verletzen. Für alles, was ich sage oder tue, muss ich die Verantwortung übernehmen.
Quelle: Rie Qudan – Tokio Sympathy Tower
Das Postulat des „Schönen“ kann für andere verletzend sein, weil sie das Schöne nicht schön finden oder das Schöne sich nicht leisten können. Somit verschwindet das Schöne aus dem allgemeinen Vokabular. Wir errichten zwar heute keinen Turmbau zu Babel – aber vielleicht doch einen „Sympathy Tower“, aus dem es dann kein Entkommen gibt.

Aug 11, 2025 • 4min
Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß
Kleiner Mann, ganz groß. Michelangelo Vitaliani, der Held des Romans von Jean-Baptiste Andrea, wird 1904 in ärmliche südfranzösische Verhältnisse geboren und wegen seiner Kleinwüchsigkeit verspottet. Aber er hat ein Jahrhunderttalent, das sich über alle gesellschaftlichen Hindernisse Bahn bricht.
Als Jugendlicher wird er zu seinem Onkel Alberto nach Italien geschickt, um das Handwerk der Bildhauerei zu erlernen. Und nicht zufällig heißt er Michelangelo. Bald überflügelt er den trinkfreudigen Alberto, dank seines ganz besonderen Verhältnisses zum Stein:
Der Stein hat immer zu mir gesprochen, alle Steine, Kalksteine, metamorphe Gesteine, selbst Grabsteine, ebenjene, auf die ich mich bald legen sollte, um mir die Geschichten der dort Ruhenden anzuhören.
Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß
Auf Gräbern liegen und den Toten zuhören, das ist eine Obsession seiner Lebensfreundin Viola. Die beiden sind füreinander geschaffen, auch wenn sie nie wirklich zueinander finden – Voraussetzung für eine wechselvolle, melodramatische Romanhandlung.
In Adelskreisen
Viola ist die Tochter der reichen Adelsfamilie Orsini, bei welcher der junge Bildhauer seine ersten Karriereschritte absolviert, immer im Bann des eigensinnigen Mädchens. Viola hat eine Bärin gezähmt, und sie fügt sich nicht in die Rollenerwartungen einer effizient zu verheiratenden, den Nachwuchs sichernden Orsini-Erbin.
Stattdessen bastelt sie an Flugapparaten und träumt von der Überwindung der physikalischen wie patriarchalen Schwerkraft. Bis sie nach einem kühnen Sprung am Hang eine fatale Bruchlandung erleidet:
Der Mistral packte Viola, schüttelte sie, zerrte sie seitwärts, ließ sie plötzlich um sich selbst rotieren. Trotz der Höhe hörten wir sie schreien. Nicht vor Angst, sondern vor Wut. In der nächsten Sekunde hatte sich das Segel verdreht. Viola stürzte plötzlich herab, ein herumwirbelnder wütender Ikarus, stieß aus dreißig Meter Höhe hinein in eine Masse von Grün, Waldgrün, verschwand zwischen den Bäumen.
Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß
Höhenflüge und Abstürze
Viola überlebt mit schwersten Verletzungen, und auch die Freundschaft ist danach nie wieder, was sie war. Stattdessen konzentriert sich Vitaliani nun ganz auf seine Kunst, schafft Meisterwerke, stürzt auf andere Weise ab, rappelt sich wieder auf, bekommt verführerische Angebote und Aufträge von den Faschisten:
Die Regierung braucht Leute wie Sie. Dem Volk mangelt es an Vorstellungskraft. Wir müssen ihm etwas geben, was es sehen kann. Hätten Sie Interesse, für uns zu arbeiten? Der Duce weiß sich gegenüber seinen Künstlern und Wissenschaftlern großzügig zu zeigen.
Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß
Diese Kollaboration wird sich – nicht unerwartet – als ungut erweisen. In der Geschichte vom Aufstieg des genialen Künstlers Vitaliani aus den Schlacken der Herkunft sind viele literarische Muster zu finden – ein bisschen „Parfum“, ein bisschen „Blechtrommel“.
Der Roman ist erzählt in der Ich-Perspektive, zwischendrin melden sich aber auch andere Stimmen zu Wort – ein Professor, der die mysteriöse Wirkung von Vitalianis später „Pietà“ erforscht, oder der Abt des Klosters, in dem Vitaliani nach einer weiteren Katastrophe sein letztes Refugium findet.
Kinostil mit Sentenzen
Jean Baptiste Andrea hat Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Das merkt man dem Roman an. Er hat weite, spannende Erzählbögen und viele intensive, filmisch geschilderte Szenen. Zwar bespielt er große Themen wie den Ersten Weltkrieg, den italienischen Faschismus, die Verfolgung der Juden, die Kollaboration und Korruption der Eliten.
Das bleibt jedoch eher Kulisse für einen süffig erzählten Roman, der weniger auf Erkenntnis als auf gute Unterhaltung zielt, bei allen großen Gefühlen aber nicht ins Kitschige abrutscht. Dafür sorgen die straffe, prägnante Sprache und der bisweilen fast sentenziöse Schliff der Reflexionen. „Was ich von ihr weiß“ ist bestes Popcorn-Buchkino. Das man in Frankreich dafür den höchsten Literaturpreis bekommt, ist bemerkenswert.


