SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Feb 1, 2026 • 17min

Jon Fosse - Vaim

Der Auftakt zu einer Trilogie. Mit 150 Seiten ist der Roman ein schmales und zugleich beeindruckendes Werk. Wenn der Begriff „Traumlogik“ irgendwo seine Berechtigung hat, dann hier. Drei Kapitel, drei Erzählstimmen. Eine Aneinanderreihung unerhörter Ereignisse.
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Feb 1, 2026 • 16min

Julian Barnes: Abschied(e)

Am 19. Januar ist Julian Barnes 80 Jahre alt geworden, und „Abschied(e)“ soll sein letztes Buch sein. Behauptet der Autor und verabschiedet sich auf das Eleganteste von seiner Leserschaft: mit einem klugen, fein ironisch gewürzten Text.
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Feb 1, 2026 • 1h 9min

SWR Bestenliste Februar

Auf dem Programm standen mit „Vaim“ der neue Roman von Literaturnobelpreisträger Jon Fosse (Platz 5), mit „Ein Jahr in der Natur“ von Josephine Johnson eine Erstübersetzung aus dem Jahre 1969 (Platz 3), mit „Trag das Feuer weiter“ der Abschluss einer Familientrilogie von Leïla Slimani (Platz 2) und mit „Abschied(e)“ von Julian Barnes ein Buch über Erinnerungsarbeit angesichts des nahenden Todes. Begeistert zeigte sich die Jury von Jon Fosses „Vaim“ in der deutschen Fassung von Hinrich Schmidt Henkel aus dem Rowohlt Verlag. Drei Männer erzählen, eine Frau entscheidet. Fosses Prosa in kapitellangen Sätzen, die von Einsamkeit in der norwegischen Provinz erzählen, von Freundschaften und fatalen Beziehungen, überzeugte selbst einen ehemaligen Kritiker des Autors. Ein Text, getragen von einer melancholischen „Traumlogik“, erklärte Jury-Mitglied Christoph Schröder. Fosse-Kennerin Martina Läubli ordnete die Geschichte, in der am Ende fast alle Figuren gestorben sind, in das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers ein. Die bislang jüngste Pulitzer-Preisträgerin wird in Deutschland wiederentdeckt, dank einer hochwertigen Edition in der Anderen Bibliothek. Josephine Johnsons „Ein Jahr in der Natur“ in der Übersetzung von Bettina Abarbanell und mit Illustrationen von Andrea Wan wird von der Bestenliste-Jury aber durchaus kontrovers diskutiert. Die Genauigkeit der Naturbeschreibungen, die niemals zu sprachlichen Überhöhungen der Flora und Fauna führen, wird gelobt. Doch die jahreszeitlichen Naturbetrachtungen seien zuweilen etwas erwartbar, sagt Judith von Sternburg. Auch die Schärfe und Aktualität der politischen Analyse ist Gegenstand des Gesprächs, webt die Autorin in ihre Chronik doch immer wieder Kommentare zum damaligen Vietnam-Krieg ein. Je länger der Abend, desto schärfer die Diskussion der Jury. Leïla Slimanis „Trag das Feuer weiter“ in der Übersetzung von Amelie Thoma aus dem Luchterhand Verlag wurde von Judith von Sternburg vorgestellt. Nach der Lesung aus dem Roman, in der es um die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen Marokko und Frankreich ging, kam Christoph Schröder auf die sprachlichen Schwächen zu sprechen. Während Läubli und von Sternburg ein Buch mit ambivalent gezeichneten Figuren gelesen haben wollen, kritisierte Schröder die seiner Meinung nach offensichtliche Schwarz-Weiß-Malerei, den willkürlichen Perspektivwechsel und die auf „Thrill“ angelegte Ästhetik selbst in einer Missbrauchsszene: „An diesem Buch stört mich so gut wie alles.“ Der Spitzenreiter der SWR Bestenliste im Februar ist Julian Barnes' vermutlich letztes Buch „Abschied(e)“, das Gertraude Krueger für Kiepenheuer und Witsch ins Deutsche übertragen hat. Ein preisgekrönter Schriftsteller verbeugt sich vor seinem Publikum, reflektiert über das Leben angesichts einer schweren Krebserkrankung, denkt über Funktionsweisen der Erinnerung nach und berichtet von einer Liebe, die gleich doppelt scheitert. Für Christoph Schröder ist das so berührend wie elegant erzählt, während Martina Läubli der rote Faden fehlte in einem Prosawerk, das in seine Einzelteile zerfalle. Auch Judith von Sternburg, die Barnes immer gern gelesen hat, ist nicht durchweg überzeugt von der Erinnerungsarbeit des Altmeisters. Erst wenn Barnes die Liebesgeschichte von Jean und Stephen entfalte, lohne sich die Lektüre. Dann würden sich die literarischen Qualitäten des Autors zeigen.   Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Johannes Wördemann. Durch den Abend führte Carsten Otte.
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Feb 1, 2026 • 17min

Josephine Johnson - Ein Jahr in der Natur

Josephine Johnson ist bis heute die jüngste Pulitzer-Preisträgerin aller Zeiten. In diesem Buch erzählt sie von ihrem zurückgezogenen Leben in Ohio. Johnson unterzieht die sie umgebende Welt einer anschaulichen und bildstarken Betrachtung.
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Feb 1, 2026 • 4min

Liz Moore – Der andere Arthur

Das Erste, was du über mich wissen musst: Ich bin unglaublich dick.  Quelle: Liz Moore – Der andere Arthur Mit diesem Geständnis beginnt Arthur einen Brief an seine alte Freundin Charlene. Als junger Universitätsdozent war er einst heftig in seine Studentin verliebt, dann pflegte er mit ihr eine jahrzehntelange Brieffreundschaft. Die Wahrheit schreibt Arthur ihr erst jetzt, nachdem Charlene ihn seit langem wieder einmal angerufen und ihren Besuch angekündigt hat: Nicht nur, dass er unheimlich zugenommen hat, auch, dass er sich schon lange nicht mehr aus seinem Haus im New Yorker Stadtteil Brooklyn traut.  Fressgelage als Trost in der Einsamkeit  In ihrem Roman Der andere Arthur lässt Liz Moore den Protagonisten mit viel Selbstironie sein einsames Leben schildern, in dem die häufigen Fressgelage sein einziger Trost sind:  „Kekse mit Kokos, Macadamia und weißer Schokolade. Eine Schale Erdnuss M&Ms. Ein paar Bagels, die mit obszön vielen Samen, Körnern und leckeren kleinen Salzkörnern bestreut waren. Bagels, die mit einer dicken Schicht Butter und einer dicken Schicht Frischkäse bestrichen waren. Eine Schokoladentorte mit einer Kruste aus zerstoßenen Oreos. Drei Hamburger."  Und so weiter… Die kulinarische Aufzählung nimmt kein Ende.   Die Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen mit seiner Jugendliebe, die ihm ihren Sohn vorstellen will, wirbelt Arthurs deprimierende Existenz dann gehörig durcheinander. Was er nicht ahnt: Auch Charlenes Leben ist traurig verlaufen.   Der „andere Arthur“: Charlenes Baseball-begeisterter Sohn  Das erfahren wir, als Autorin Liz Moore die Erzählperspektive wechselt und dem „anderen Arthur“ das Wort erteilt. Und das ist Charlenes Sohn, auch er heißt Arthur, wird aber von allen „Kel“ genannt: ein 18-jähriger, Baseball-verrückter Schüler. Er und seine alleinerziehende Mom leben im New Yorker Vorort Yonkers in prekären Verhältnissen. Kel hat es nicht leicht: Er geht auf die Highschool im wohlhabenden Nachbarort, ist dort beliebt und gut integriert, übernimmt aber zugleich immer mehr Verantwortung für seine kranke Mutter Charlene.  „Wenn es ganz schlimm kommt, dann sage ich meistens Sachen zu ihr, die sie beruhigen. Dann sage ich zu ihr: Mom, Mom. Wir müssen leise sein, sonst rufen die Nachbarn wieder an. Komm her auf die Couch. Da läuft gerade deine Sendung. Dann warte ich, bis sie eingeschlafen ist." Ich lasse sie auf der Couch liegen, und am nächsten Morgen liegt sie immer noch da. Quelle: Liz Moore – Der andere Arthur Auch Kel schildert sein Leben mit einer eigenen Erzählerstimme. Anders als bei dem älteren Arthur irritiert das manchmal, da Kels reife Sprache nicht wie die eines Teenagers klingt. Wichtiger aber ist, dass er uns seine Zerrissenheit nachfühlbar vermittelt – zwischen seinem schwierigen Zuhause und der Welt der Reichen. Die nimmt ihn, den hübschen, sportlichen Jungen, zwar freundlich auf – dennoch fühlt sich Kel in den Luxusvillen der Freunde fremd.  Soziale Kluft: Wärme und Unterstützung in beiden Welten  In „Der andere Arthur“ thematisiert Liz Moore erneut die ausgeprägten sozialen Unterschiede in den USA – sie erscheinen in ihrem Roman jedoch nicht unüberbrückbar. Als Kel eine Tragödie erlebt, erfährt er in den beiden Welten, zwischen denen er pendelt, Wärme und Unterstützung.  Der ältere Arthur wiederum, der esssüchtige ehemalige Universitätsdozent aus Brooklyn, wird von einer jungen Putzfrau aus seiner Isolation geholt und empfindet zum ersten Mal seit langem Glück und Hoffnung.  Liz Moore schreibt auf bewegende Weise über ein gesellschaftliches Thema unserer Zeit: die Einsamkeit.  In „Der andere Arthur“ sind fast alle Figuren gutherzige Menschen. Wie langweilig, könnte man meinen. Doch nein, man verfolgt das Schicksal der beiden ungleichen Protagonisten anteilnehmend und gespannt – bis zum Ende, als beide Handlungsstränge schließlich zusammenfinden.
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Jan 28, 2026 • 4min

Die geheime Kraft der Schwalbenherzen

Als Olga Ravn in einem Kopenhagener Archiv alte Gerichtsbücher öffnet, rieselt ihr Sand entgegen. Sand, der im Moment der Niederschrift zum schnellen Trocknen über die Tinte gestreut wurde – und nun, knapp 400 Jahre später, erstmals wieder zum Vorschein kommt. In ihrem Roman „Wachskind“ arbeitet die 39-jährige Autorin eine Reihe von Hexenprozessen auf, die zwischen 1596 und 1621 im dänischen Aalborg abgehalten wurden.   Bei aller Faktentreue ist „Wachskind“ aber kein historischer Roman im üblichen Sinne geworden. Das zeigt sich an der erstaunlichen Erzählperspektive. Die Erzählstimme, die uns durch große Teile der Handlung führt, gehört keinem Menschen, sondern einer Wachspuppe:  Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll. (…) Ich alterte nicht. Ich lag in der Erde und sah das Ganze. Ich sah Reiche entstehen, Staaten sich etablieren, Macht sich zentralisieren. Ich sah die Wolken vorbeieilen. Quelle: Olga Ravn – Wachskind Außergewöhnliche Erzählperspektive  Dieses „Wachskind“, das nicht lebt und doch alles sieht, nimmt die Welt synästhetisch wahr. Es spricht die Sprache der Pflanzen und Winde, kann Trauer schmecken und in die Organe und Blutbahnen der Menschen sehen. Wachspuppen, denen eine Voodoo-ähnliche Macht zugeschrieben wurde, hat es in Dänemark tatsächlich gegeben. Olga Ravn vergrößert und poetisiert diese historische Vorlage zu einer mystisch-zeitlosen Erzählstimme.  Schöpferin des Wachskinds ist Christenze Kruckow, eine verarmte, alleinstehende und kinderlose Adlige aus Süddänemark. Christenze flieht nach Aalborg, nachdem die abermalige Totgeburt einer Bekannten mit ihr und möglicher Hexerei in Verbindung gebracht wird.   In der Hafenstadt wird sie in eine lose Gemeinschaft von Frauen aufgenommen, die täglich gemeinsam ihre Arbeiten verrichten.   Gänse mussten gerupft werden, Hopfen musste gepflückt werden, der Hopfen musste niedrig gehalten werden, er war wüchsig und wucherte, fast wie ein Unkraut, und die kleinen glockenförmigen Zapfen hingen wie Kletten an ihren Kleidern, es mussten Wände verputzt, Kinder geboren und Käse beim Molkefest gemacht werden, und alles war spaßiger, leichter und einfacher, wenn man mehr als bloß eine war.    Quelle: Olga Ravn – Wachskind Eine Geschichte weiblicher Gemeinschaft  In Sätzen wie diesen blitzt Ravns poetische Kraft auf – und mit ihr die große Leistung des Übersetzers Alexander Sitzmann. Zum weiten sprachlichen Repertoire des Romans gehören auch die alten Zaubersprüche, die Ravn zahlreich zitiert.   Nimm eine Schwalbe. Nimm ihr Herz und röste es auf einem Stock. Nimm dann die Schwalbenzunge und lege sie unter deine eigene. Iss dann das Schwalbenherz. Trage danach die Schwalbenzunge bei dir, und wann immer jemand auf dich wütend ist, lege die Schwalbenzunge unter deine eigene und sprich zu der Person, die wütend ist, und ihre Wut auf dich wird augenblicklich verrauchen.   Quelle: Olga Ravn – Wachskind Logik des Verdachts  Es bleibt offen, ob Christenze und ihre Freundinnen tatsächlich zaubern können. Umso aussagekräftiger ist es, wenn Olga Ravn der poetischen Irrationalität der „Hexen“ jene der – rein männlichen – Inquisition gegenüberstellt.  Sie lasen in ihren Dämonologien, Büchern über den Teufel, und dort stand geschrieben: Die Frau ist leichter vom Satan zu verführen, denn sie ist an Leib und Seele schwächer als der Mann. (…) Und sie lasen: Wo es viele Frauen gibt, gibt es viele Hexen.   Quelle: Olga Ravn – Wachskind Christenze fällt dieser selbstverstärkenden Logik des Verdachts schließlich zum Opfer – ein Happy End kennt „Wachskind“ nicht. Das hätte dieser schöne, poetische Roman aber auch gar nicht nötig.
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Jan 27, 2026 • 4min

Erinnerungen des großen Historikers Heinrich August Winkler

Manchmal kommt das alles schon ein bisschen spröde daher. Vor allem im ersten Teil seiner Erinnerungen sediert Heinrich August Winkler die Leserschaft mit länglichen Namensaufzählungen von Lehrern und Hochschulprofessoren. Im akademischen Zusammenhang sicher nicht uninteressant – aber für ein breiteres Publikum? Ab dem zweiten von drei Kapiteln jedoch nimmt Winklers Autobiographie deutlich Fahrt auf. Der 87-Jährige erinnert sich an seine Kindheit in Königsberg und an die Flucht seiner alleinerziehenden Mutter im Sommer 44 auf die Schwäbische Alb. Brigitte Winkler, die Mutter, trat eine Stelle als Lehrerin an der Urspringschule in der Nähe von Schelklingen an.  Protestantisches Ethos  Ihrem Sohn vermittelte die promovierte Historikerin eine pflicht- und leistungsorientierte Haltung, typisch für das bürgerlich-protestantische Milieu der ersten Jahrhunderthälfte:  Ich wurde streng evangelisch erzogen. Ich wuchs auf mit Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, mit Kirchen- und Volksliedern, klassischer Musik, wobei Johann Sebastian Bach das Nonplusultra war und für mich geblieben ist. Gegen nationalsozialistische Einflüsse wurde ich, so gut es ging, abgeschirmt. Quelle: Heinrich August Winkler – Warum es so gekommen ist Man war konservativ, nicht völkisch gesinnt bei den Winklers. 1948 übersiedelt die Familie nach Ulm. Heinrich August besucht, der Familientradition entsprechend, das altsprachliche Gymnasium. Früh beginnt er sich für Politik und Geschichte zu interessieren. Mit 16 tritt der junge Mann in die CDU ein. Es folgen Studien in Münster, Tübingen und Heidelberg. 1961 – nach der berüchtigten Verleumdungskampagne der deutschen Christdemokratie gegen den Emigranten Willy Brandt – verlässt der Jung-Historiker die CDU, ein Jahr später tritt er in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein.  Drei biographische Skizzen  Was er mit seinem Buch vorlege, seien keine klassischen Memoiren, betont Heinrich August Winkler, es handle sich vielmehr um biographische Skizzen. Der 87-Jährige berichtet von Begegnungen mit Jürgen Habermas, Reinhart Koselleck und Ralf Dahrendorf, er gedenkt aber auch der politischen Kämpfe, in die er sich im Laufe seines Lebens gestürzt hat: Gegen eine Zusammenarbeit seiner SPD mit der postkommunistischen PDS hat sich Winkler nach der Wende ebenso ausgesprochen wie gegen die deutsche Beteiligung am Irak-Krieg 2003. Auch über Putin und seine neo-imperialistischen Ambitionen habe er sich spätestens nach der Annexion der Krim 2014 keine Illusionen mehr gemacht, so der Historiker.   Dann und wann gestattet sich Heinrich August Winkler auch höchstpersönliche Erinnerungen. Den Tag der deutschen Einheit etwa habe er zusammen mit seiner Frau im schwäbischen Stegen-Eschbach erlebt, wo das Ehepaar ein Haus besitzt:   Der 3. Oktober 1990, der Tag der Wiedervereinigung, wurde auch in Eschbach feierlich begangen. Der Teilortsbürgermeister, ein aufrechter badischer Christdemokrat, dankte in seiner Rede von der Treppe des alten Rathauses aus dem „Regenten von Russland“, also Michail Gorbatschow, unter großem Beifall dafür, dass er dieses Ereignis möglich gemacht habe. Es dürfte das erste und letzte Mal in der Geschichte gewesen sein, dass der Chef einer kommunistischen Partei in einem Schwarzwalddorf so viel Zuspruch fand.  Quelle: Heinrich August Winkler – Warum es so gekommen ist Bilanz eines erfüllten Forscherlebens  Heinrich August Winklers Erinnerungsbuch – halb Selbstreflexion, halb autobiographische Leistungsschau – ist die Bilanz eines erfüllten Forscherlebens. Deutschlands langen Weg nach Westen hat Winkler nicht nur brillant analysiert, er hat ihn auch befördert. Man kann es für einen melancholischen Akkord in der Abendröte der Winklerschen Forscherbiographie halten, dass ihm „der Westen“ in den letzten Jahren, wie es scheint, unter den Füßen wegzubröckeln beginnt.
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Jan 26, 2026 • 4min

Josephine Johnsons „Ein Jahr in der Natur"

Josephine Johnson hatte die US-Literaturszene beeindruckt: Mit 24 schon hatte sie für ihr Romandebüt den Pulitzer-Preis erhalten, im Jahre 1935. 30 Jahre später wiederum hatte sie sich mit ihrer Familie aufs Land zurückgezogen: auf eine riesige Farm in der Einsamkeit des Mittleren Westens. Und gerade in jener Epoche, in der man an den unaufhaltsamen technischen Fortschritt und die unerschöpflichen Ressourcen glaubte, schrieb Josephine Johnson dort ein Buch, das seiner Zeit weit voraus war.  Mit der Natur durch ein Jahr Ein Jahr in der Natur – so also der deutsche Titel – versammelt minuziöse Beobachtungen von Flora und Fauna. Josephine Johnson erzählt chronologisch: für jeden Monat des Jahres ein Kapitel. Im Juni beispielsweise hat sie sich in den hintersten Winkel ihrer Ländereien begeben:  An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. [...] Diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht. Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht – das seltenste, juwelenähnliche Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei.  Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur In diesem Sinne führt das Buch durch die Jahreszeiten: mit einer Fülle kleiner Erlebnisse in und mit der Natur.  Der Gedanke, dass all dieses unbekannte kreatürliche Leben hier wieder und wieder vorbeikommt, erzeugt ein seltsam traumgleiches Gefühl der Verzauberung. Es ist der Keim von Märchen, die Suche nach verlorenen Tälern. Zeitlose Inseln in der Welt der Zeit. Entweder sollte ich nie mehr fortgehen oder nicht mehr zurückkehren. Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur Pazifistin auf der Höhe der Zeit  Die Menschen, zu denen Johnson hier so entschieden auf Distanz gegangen ist, überziehen gerade Vietnam mit einem mörderischen Krieg. Was dort geschieht, wühlt die Autorin auf, und sie profiliert sich als entschiedene Pazifistin. Zugleich proklamiert sie ein Denken, wie es in der breiten Gesellschaft erst fünfzehn Jahre später Fuß fassen wird:  Es sollte überall Parks mit viel Grün geben. Dies ist eine irrsinnige Welt aus Straßen und Betonblöcken, und die Menschen halten es an dem Ort, an dem sie sind, nicht mehr aus, weil sie ihn zerstört haben [...]. Es sollte Parks für die Menschen geben und Wälder für die Tiere, solange für beide auf der Erde noch genügend Platz ist und Zeit. Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur Geschmackvolle Buchedition All dies ist festgehalten in einem liebevoll aufgemachten Buch, dem auch die gekonnten Illustrationen der Kanadierin Andrea Wan Atmosphäre verleihen. Nur auf den ersten Blick entwirft das Buch eine Szenerie der Stille und Beschaulichkeit - unter der Oberfläche brodelt es. Mitunter erinnert Johnsons Duktus durchaus an die Großstadtszenerie von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Dann wieder springen Parallelen zum alttestamentlichen Psalm 104 ins Auge: dort wie hier entsteht aus einer Fülle von Natureindrücken Schlag auf Schlag eine eindringliche Liebeserklärung an die Schöpfung. Dem Schöpfer-Gott begegnet auch Josephine Johnson hier an mehreren Stellen – sie wird allerdings nicht fertig damit, dass ihre Landsleute in Vietnam gerade den gleichen Fehler begehen wie die barbarischen Kreuzfahrer des Mittelalters - und die Botschaft der Liebe ins brutale Gegenteil verdrehen. So verharrt Johnson am Ende des Jahres in der Einsamkeit Ohios. Über das Plädoyer für eine neue Achtung vor der Natur hinaus findet ihr Buch keine rechten Antworten – immerhin bildet es eine berührende Liebeserklärung.
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Jan 25, 2026 • 7min

Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung

Denis Pfabe, Autor und Ex-Baumarktmitarbeiter, erzählt aus seinem arbeitsnahen Roman. Er schildert Arbeitsroutine und Erschöpfung. Er spricht über die Praktikabilität handwerklicher Tätigkeiten. Themen sind Einsamkeit, virtuelle Beziehungen und das Ausweichen vor Kunden. Kurz, prägnant und nah am Alltag.
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Jan 25, 2026 • 56min

Mit neuen Büchern von Mirna Funk, Barbara Honigmann und Denis Pfabe

Mithu Sanyal, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, kommentiert die neue Verfilmung von Wuthering Heights. Mirna Funk, Autorin aus Tel Aviv, erzählt vom Roman Balagan über jüdische Identität und ein geerbtes Kunstinventar. Oliver Pfohlmann bespricht Barbara Honigmanns Mischka. Daniel Stender ordnet Denis Pfabes Baumarkt-Roman in Arbeitswelt und Einsamkeitsdebatten ein. Wolfgang Bunzel erklärt E.T.A. Hoffmanns anhaltende Faszination.

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