
Die Leichtigkeit der Kunst - Kunstpodcast Josef Albers mit Dr. Linda Walther
Josef Albers mit Dr. Linda Walther
Kunstpodcast Die Leichtigkeit der Kunst
To open eyes – ein Quadrat als Anfang
„Da wir grundsätzlich mit der Farbe beginnen, analysieren wir zuerst uns selbst.“ Josef Albers schreibt diesen Satz 1963 in Interaction of Color. Und plötzlich wirkt Farbe nicht mehr wie ein Thema der Kunstgeschichte, sondern wie eine Frage an den Alltag: Wie schauen wir? Wie schnell legen wir Bedeutungen fest? Und was verändert sich, wenn ein Werk nicht erzählt, sondern unsere Wahrnehmung prüft?
Diese Folge führt in eine konzentrierte Begegnung mit Josef Albers – Bauhauslehrer, Farbforscher, Künstler und präziser Denker. Im Mittelpunkt steht das Museumszentrum Quadrat in Bottrop, ein Haus, das weltweit eine zentrale Rolle für das Werk von Josef Albers spielt.
Zu Gast ist Dr. Linda Walther, Direktorin des Josef Albers Museum Quadrat Bottrop.
Dr. Linda Walther
Dr. Linda Walther hat Kunstgeschichte und Romanische Philologie in Bochum und Düsseldorf studiert. Anschließend arbeitete sie wissenschaftlich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie 2018 im Bereich der zeitgenössischen Kunst promovierte.
Nach einem wissenschaftlichen Volontariat an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf) folgten Stationen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt sowie als Kuratorin für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts an der Kunsthalle Bielefeld.
Seit Oktober 2022 leitet sie das Josef Albers Museum Quadrat Bottrop.
Im Gespräch wird spürbar, was dieser Werdegang ermöglicht: ein Blick, der Forschung, kuratorische Praxis und institutionelle Verantwortung zusammenführt – ohne das Werk zu glätten oder in fertige Sätze zu pressen.
Museumszentrum Quadrat
Das Museumszentrum Quadrat ist kein klassisches monografisches Museum. Es besteht aus zwei Häusern: dem Josef Albers Museum und dem Museum für Ur- und Ortsgeschichte. Gemeinsam bilden sie eine ungewöhnliche Konstellation: Moderne und Gegenwartskunst treffen auf geowissenschaftliche und historische Sammlungen – darunter eine in Deutschland einzigartige Eiszeitsammlung mit Präparaten aus Flora und Fauna.
2022 kam der Wandel mit großer Wucht: Der neue, von Annette Gigon geplante und mehrfach ausgezeichnete Erweiterungsbau für Wechselausstellungen wurde eröffnet. 700 Quadratmeter neue Ausstellungsfläche, neue Räume für Bildung und Vermittlung, ein teilweise neues Team und Tausende neue Besucher:innen veränderten den Alltag des Hauses grundlegend.
Linda Walther beschreibt diesen Moment als Neustart. Und genau hier wird die institutionelle Dimension dieser Folge interessant: Wie führt man ein Museum, das auf Kontinuität gebaut ist, in eine Gegenwart, die Veränderung verlangt?
Josef Albers – Bauhaus, Amerika, Lehre als Lebensform
Josef Albers wird oft über ein Motiv erzählt: das Quadrat. Doch das Gespräch zeigt schnell, dass dieser Blick zu klein ist. Albers ist eine Figur der Bewegung: vom Bauhaus nach Amerika, vom europäischen Modernismus in eine neue Welt, vom Kunstsystem in eine konsequente pädagogische Praxis.
Im Gespräch tauchen zentrale Stationen auf: das Bauhaus, das Black Mountain College und Yale. Und immer wieder die Frage, wie Albers gelehrt hat: nicht über Stil, sondern über Wahrnehmung. Nicht über Geschmack, sondern über Genauigkeit.
„Sehen lernen“ wird in dieser Folge zu einem Schlüsselbegriff – nicht als romantische Idee, sondern als konkrete Übung.
Homage to the Square – kein Symbol, sondern eine Haltung
Das Quadrat ist bei Albers kein Zeichen, keine Metapher, keine Abkürzung. Es ist eine Form, die etwas ermöglicht: Konzentration. Vergleich. Unterschied. Nähe. Distanz.
Farbe wird dabei nicht als Dekoration verstanden, sondern als Situation. Eine Farbe existiert nie allein. Sie verändert sich durch Nachbarschaft. Durch Licht. Durch Raum. Durch unser eigenes Sehen.
Diese Folge nähert sich Albers deshalb nicht über „Erklärungen“, sondern über seine Grundidee: dass Wahrnehmung nie stabil ist – und dass Kunst genau dort beginnt.
Anni Albers – eigenständige Künstlerin, gemeinsame Haltung
Ein wichtiger Teil des Gesprächs gilt auch Anni Albers. Nicht als „Frau von“, sondern als eigenständige Künstlerin, als zentrale Figur der Textilkunst, als Denkerin von Struktur, Rhythmus und Material.
Im Gespräch wird sichtbar, wie eng Kunst und Leben bei den Albers verbunden waren – und wie sehr beide in einem gemeinsamen Denken arbeiteten: präzise, wach, offen.
Varianten wagen – Sammlung, Gegenwart, gesellschaftliche Fragen
In einem Text über ihre Arbeit im Museumszentrum Quadrat formuliert Linda Walther einen Satz, der wie ein Echo zu Albers wirkt: „Die Augen öffnen und Varianten wagen.“
Gemeint ist damit eine Museumspraxis, die sich an der Sammlung orientiert und zugleich neue Gegenwartsbezüge zulässt. Das Haus hat in den letzten Jahren gezielt mit den eigenen Beständen gearbeitet: etwa mit der Überblicksausstellung Quadrat Bottrop. Die Sammlung (2023), die Positionen jenseits von Albers sichtbar machte – darunter Günter Fruhtrunk, Aurélie Nemours, Simone Nieweg oder Bridget Riley.
2024 folgte Sammlung² mit Konvoluten von Künstler:innen, die dem Haus lange verbunden sind, u.a. Ulrich Erben, Pia Fries, Sabine Funke und Raimund Girke.
Gleichzeitig wird das Museum als öffentlicher Ort verstanden, an dem Raum für aktuelle gesellschaftliche Diskurse entstehen kann. Ein Beispiel ist die Ausstellung Kochen Putzen Sorgen. Care-Arbeit in der Kunst seit 1960 (2023), die in Kooperation mit Forscherinnen der Ruhr-Universität Bochum umgesetzt wurde und Care-Arbeit im Kontext von Kunst, Gesellschaft und Ruhrgebiet thematisierte.
Diese Perspektive ist wichtig, weil sie den Kontext für Albers schärft: Farbe wird in dieser Folge nicht als ästhetische Spielerei behandelt, sondern als Denkform – und damit auch als Teil einer kulturellen Öffentlichkeit.
Color Everywhere – Farbe als Gegenwartsraum
Auch die Wechselausstellung Color Everywhere taucht in der Folge auf. Sie öffnet den Blick in die Gegenwart, in der Farbe längst wieder ein zentrales künstlerisches Feld ist. Mit Positionen wie Polly Apfelbaum, Karla Black, Carlos Cruz-Diez und Christof John entsteht ein Dialog, der zeigt: Farbe ist kein Kapitel der Moderne. Farbe ist ein Gegenwartsraum.
Warum diese Folge jetzt
Albers wirkt heute aus einem einfachen Grund so aktuell: Weil er nicht schneller werden wollte, sondern genauer. Weil er nicht erklären wollte, sondern beobachten. Und weil er wusste, dass Wahrnehmung nie neutral ist.
In einer Zeit, in der Bilder permanent durch unsere Hände laufen, wird sein Ansatz fast unerwartet gesellschaftlich relevant: langsam schauen. Unterschiede zulassen. Wahrnehmung prüfen. Und sich selbst dabei mitdenken.
Themen dieser Folge:
Was bedeutet „sehen lernen“ bei Josef Albers? Warum das Quadrat kein Symbol, sondern eine Haltung ist · Bauhaus, Black Mountain College und Yale – Albers als Lehrer · Farbe als Sprache, Ethik und Beziehung · Die Sammlung im Quadrat und ihre Architektur · Die Rolle von Anni Albers in Leben und Werk · Gesellschaftliche Relevanz in der Vermittlung von Kunst · 50 Jahre Museumszentrum Quadrat – ein Ausblick
Dauerausstellung:
Josef Albers. Homage to the Square
Josef Albers Museum Quadrat Bottrop · permanent
Links & Credits
Museumszentrum Quadrat · Ruhrkunstmuseen · Josef & Anni Albers Foundation
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