
SWR Kultur lesenswert - Literatur Alisha Gamischs Roman „Parasiti“
Apr 10, 2026
06:33
Wie versteinert steht Großmutter Lydia in ihrem Wohnzimmer im bayerischen Fürstenfeldbruck. In der Hand hält sie eine winzige rosa Plastikfigur: die Nachbildung eines Fötus. Ihre Enkelin Rina und ihre Nichte Valli können machen, was sie wollen, die Großmutter rührt sich nicht mehr und schweigt.
Den Plastik-Fötus hatten radikale Abtreibungsgegner in die Briefkästen der Reihenhaussiedlung geworfen.
Am besten man kümmert sich um seine Privatangelegenheiten, so gut es geht, nimmt die Dinge selbst in die Hand, ohne irgendwelche Behörden auf sich aufmerksam zu machen, und überlässt den Rest dem Lauf der Zeit.Quelle: Alisha Gamisch - Parasiti
Schweigen zwischen den Generationen
Das ist die Haltung, mit der Lydia und ihre russlanddeutsche Familie hofften, durch den Alltag in der Sowjetunion zu kommen. Eine Haltung, die sie nach Jahren der Flucht und Vertreibung auch in Deutschland bewahrt haben. Es ist ein großer historischer Bogen, den die Autorin Alisha Gamish in ihrem Debütroman „Parasiti“ schlägt. Er handelt von der Geschichte dreier Frauen zwischen den 1960er Jahren in Nowosibirsk bis ins Jahr 2021 in Fürstenfeldbruck, wo Großmutter, Tante und Enkelin inzwischen leben. Großmutter Lydia und Tante Valli ermöglichte es die Ost-Politik Willy Brandts in den 1970er Jahren nach Deutschland zu kommen. Der Plastikfötus und das plötzliche Schweigen ihrer Großmutter werfen bei Rina Fragen nach der Vergangenheit auf. Fragen, mit denen sie ihre Tante Valli konfrontiert. Damit bricht sie allerdings einen Familien-Grundsatz: das Schweigen, vor allem über weibliche Schicksale in dieser Familie: „Sie sprechen gerne über Äußeres, darüber was die oder der trägt, wen der oder die geheiratet hat, […] wer Zucker und wer Brustkrebs bekommen hat. […] Dabei sind sie nicht immer einer Meinung, aber das muss auch nicht sein.“Sie wissen, dass es ihnen am besten geht, wenn sie einander manche Fragen nicht stellen.Quelle: Alisha Gamisch - Parasiti
Zwangsarbeit und Deportation
Schicht um Schicht enthüllt die Erzählerin in Rückblenden, worüber die Frauen eigentlich schweigen. Besonders den Schmerz der drei spart die einfühlsame Erzählstimme nicht aus. Mal sind wir in der Gegenwart nah dran bei der Studentin Rina, die sich ihrer Großmutter und Tante so eng verbunden fühlt, als würden Seile die drei Frauen umschlingen – geborgen und eingeengt zugleich. Dann sind wir wieder bei Tante Valli: Für sie fühlt sich das Erzählen befreiend an. Aber sie verschweigt auch ganz bewusst Episoden aus der Vergangenheit, für die sie sich schämt. Besonders plastisch sind die Rückblenden in das Leben der Großmutter Lydia. Hautnah erfahren wir von den Ängsten und Unsicherheiten einer Frau, die in den 1960er Jahren in Novosibirsk lebt – und das nicht freiwillig. Hier landete sie, nachdem sie als Russlanddeutsche während des Zweiten Weltkriegs mehrfach deportiert worden war. In Sibirien lebt Lydia in eisiger Kälte, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Vorhänge teilen die Holzbaracke in Schlafbereiche - für Lydia, ihren trinkenden Ehemann Sashka, die kleine Tochter und ihre Nichte Valli und für den ständig nörgelnden Schwiegervater. Dem muss Lydia auch noch ihren gesamten Lohn abtreten. „Dafür darf sie mit dem Sashka im Zimmer schlafen, durch das der alte Gustav immer spaziert, in seiner weißen Unterhose, aus der sein Sack raushängt, vor dem sich Lydia furchtbar ekelt.“Und immer reißt er das Fenster auf, weil man die Heizung im Winter nicht abstellen kann. Lydia sagt nichts, aber sie schließt das Fenster, wenn der Schwiegervater nicht hinsieht.Quelle: Alisha Gamisch - Parasiti
