Viele Fragen über It-Girls
Taylor Swift ist die Größte. Eingecremt will Supermodel Hailey Bieber aussehen, wie ein glasierter Donut. Lorelai Gilmore und Carrie Bradshaw sind „Hot Mess Girls
“, attraktiv, aber auch ein bisschen chaotisch:
In 14 Kapiteln schreibt Sophie Passmann in „Wie kann sie nur?“ von Internetphänomenen, von Girlhood und Skincare, Diätkultur, Tradwives, Greta Gerwigs Film „Barbie
“, Lana Del Rey und Billie Eilish.
Passmann ist eine begabte Sammlerin. Sie weiß, welcher Slang im Netz kursiert. Das ist gut beobachtet und unterhaltsam.
Der Text wirkt aber eher wie ein Glossar, das viele Trendbegriffe listet, aber keine Argumente bietet. Und das ist das Kernproblem des Essays: Antworten oder gar Thesen liefert Passmann nicht.
Stattdessen: viele Fragen, im Buchtitel und als ein wiederkehrendes strukturierendes Element:
„Ist Make-up, das Männern gefällt, automatisch ein schlechtes Zeichen?“ oder „Ist das Problem mit Kylie Jenner, dass sie zu viel oder zu gut „gemacht“ ist?“
Tradwives ohne gesellschaftlichen Kontext
Das klingt zunächst nach produktiver Offenheit. Tatsächlich weigert sich Sophie Passmann aber, ihre Beobachtungen ordentlich zu kontextualisieren oder theoretisch einzuordnen.
Ein Beispiel:
Tradwives – jene Bewegung, in der junge Frauen online die Rückkehr zur Hausfrau als Lifestyle inszenieren. Passmann beschreibt die Ästhetik, benennt Vertreterinnen wie Nara Smith als missverstandene Satirikerin, die mormonische Influencerin
Ballerina Farm als kluge Geschäftsfrau, blendet aber den großen, gesellschaftlichen Kontext aus:
Tradwives als Symptom eines organisierten Kulturkampfes im Zuge des Erstarken der Rechten. Dass digitaler Frauenhass ein politisches Phänomen ist, ein Instrument im rechten Kulturkampf – koordiniert, von Plattformökonomie auch noch begünstigt –, wird nicht benannt.
Daneben: Schönheitsstandards und Diätkultur, die das Netz dominieren. Dazu die feministische Theoretikerin Naomi Wolf: „Eine Kultur, die sich auf Dünnheit von Frauen konzentriert, ist nicht besessen von weiblicher Schönheit, sondern von weiblichem Gehorsam.“
Das Argument zitiert Passmann – und lässt es wieder fallen.
Werbeplakate in Berlin
Passmann schreibt über eine Welt, die von Schönheitsnormen profitiert, sie selbst arbeitet als Werbepartnerin von Kosmetikmarken.
Zur Buchveröffentlichung sieht man in Berlin ein hauswandgroßes Plakat, auf dem ihr Gesicht dreimal so groß abgebildet ist wie das Cover. Keine Pore ist erkennbar.
Ein analytisches Problem
Das soll kein moralischer Vorwurf sein, Werbepartnerschaften gehören zur ökonomischen Realität von Autorinnen. Das Problem ist ein analytisches: Wer die Schönheitsindustrie kritisiert, ohne die eigene Rolle in der kapitalistischen Verwertungskette zu erwähnen, beschreibt nur die Hälfte.
Feministinnen, die ähnliche Widersprüche produktiv gemacht haben, taten das, indem sie sie benannten, Roxanne Gay in ihrem Buch „Bad Feminist“ etwa.
Passmanns Widerspruch bleibt unbenannt, intersektionale Kategorien wie Race oder Klasse tauchen nicht auf. Damit schließt Passmann die Lebensrealitäten vieler Frauen schlicht aus.
Argumente einer Privatperson
Hinzu kommt eine Lücke, die Passmann öffnet, ohne sie zu sehen: Sie argumentiert als Privatperson. Als jemand, der den Sog von It-Girls und Perfektionsanspruch distanziert beobachtet und bestaunt. So heißt es:
„Mein Aussehen ist das Aussehen von allen Frauen. Ich bin Teil davon, ich bin
auch alle Frauen. Und wie ich aussehe, ist der Versuch, mich durch eine Welt zu navigieren, die sich verschiedene Optionen dafür bereitgelegt hat, wie ich als Frau eventuell sein könnte, aber sicherstellt, dass keine von diesen Optionen bedeutet, dass ich erfolgreich bin.“
„Weder feministisch noch unfeministisch“
Dabei ist sie als Influencerin mit großer Followerschaft durchaus erfolgreich und als solche agiert sie nicht als Privatperson. Ihr Handeln hat Konsequenzen. Die Ansicht einer Person mit ihrer Reichweite wirkt anders als die einer Unbekannten. Diese nötige Selbstreflektion fehlt.
Passmanns Kernhaltung: „weder feministisch noch unfeministisch“. Das ist leider keine Differenziertheit, sondern eine dialektische Sackgasse. Dort landet Passmanns Argumentationsstruktur häufig.
Los Angeles im Abspann
Das Buch endet in Los Angeles. Im letzten Kapitel bereist Passmann den Ort, wo die meisten It-Girls wohnen. Dort schaut sie Videos, in denen sie kritisiert wird, liest die Kommentare und bilanziert:
„Heute lese ich mir das alles nur durch, um mich daran zu erinnern, dass diese Menschen keine informierten Urteile treffen. Sie kennen mich nicht, deswegen können sie mich gar nicht mögen.“
Indem dieser Schlussmoment Kritik und Hass zusammenfließen lässt, entledigt sich das Buch einer Unterscheidung, die fundamental wäre: Hass ist Hass. Kritik ist Diskurs.
Wer beides gleichsetzt, macht sich selbst unangreifbar – das ist die Schließung eines Textes gegen Einwände, die er selbst eingeladen hat.
Was will dieses Buch?
„Wie kann sie nur?“ ist assoziativ, leicht zugänglich, die Sprache ist einfach. Die gesammelten Reflektionen wären als popkulturelle Melancholie noch vertretbar, wenn die Lage nicht so ernst wäre.
Wenn das Internet nicht so eine Macht hätte, Normen zu setzen, die Frauen real schaden. Feministische Kulturkritik mit großer Reichweite ist notwendig. Aber sie wird nur dann wirksam, wenn sie sich traut, den nächsten Gedanken zu denken. Passmann bleibt meist einen oder zwei Gedanken zu früh stehen.