
SWR Kultur lesenswert - Literatur Wo Männer noch mit der Sense herumlaufen – Dana Grigorceas Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“
Mar 10, 2026
06:44
Die Nachricht vom Tod eines Freundes im spanischen Valencia setzt die Erzählbewegung dieses Romans in Gang: Hat Camil tatsächlich Kupferkabel in einem verlassenen Industrieschiff stehlen wollen? Im Raum mit dem Generator hat es vermutlich einen Knall gegeben, und den folgenden Stromschlag konnte der Einbrecher nicht überleben.
Camil, erklärt die Ich-Erzählerin, „war mein bester Freund, mein erster.“ – mit diesem Eingeständnis beginnt eine Erinnerungsreise zurück in die Zeit „nach der Wende“: Jahr für Jahr fährt Roxana mit dem Zug von Bukarest nach Bușteni, in eine Kleinstadt in den Karpaten.
„Zuerst fuhr der Zug an der Papierfabrik vorbei, die mit ihren vielen Gebäuden und umzäunten Arealen beinahe selbst eine kleine Stadt war. Als die kommunistische Unterstützung wegfiel, wurde die Produktion an den uralten Kesseln und Walzen nach und nach gedrosselt; so bröckelte das Gelände vor sich hin“, heißt es in dem Roman.
Und weiter:
„Hier und da wuchsen Gräser und roter Klatschmohn, zwischen den verwitterten Schuppen fanden sich die Hunde in Rudeln ein, und wenn ihr Gebell anschwoll, waren auch die ausgewachsenen Bären gekommen.“
Das Liebesleben der Dorfbewohner
In Bușteni verbringt Roxana ihre Sommerferien bei Großmutter und Großtante. Im Garten der beiden Damen findet sich regelmäßig die heimische Bevölkerung ein, und bald lernt die junge Städterin auch Camil kennen, der in der heruntergekommenen „Eisenbahnersiedlung“ wohnt. Die beiden verstehen sich gut, spazieren durch die malerische Landschaft und machen sich einen Spaß daraus, über das Liebesleben der Dorfbewohner nachzusinnen.Ganze Sommer lang folgten wir den Geschichten aus nächster Nähe, und wenn sie ins Stocken gerieten, griffen wir ein.Quelle: Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
Der Sieg der Fantasie
Letzten Endes siegt die Fantasie immer in den Liebesvariationen der beiden. Viele Geschichten beginnen realistisch, handeln von Sehnsüchten und Enttäuschungen. Könnte der Verdacht aufkommen, die rumänische Provinz werde als postsozialistische Idylle beschrieben, mehren sich die surrealen, manchmal auch schockierenden Momente. Da ist eine erfolgreiche Anwältin, die in ihrem Haus einen Kirschbaum wachsen lässt. Tatsächlich reißt sie das Gebäude irgendwann Stein für Stein ab, damit der „Wunschbaum“ gedeihen kann. Den notorisch untreuen Gatten hat die Frau rechtzeitig in eine Baracke gesperrt, wo er bald stirbt. In solchen Szenen wirkt Bușteni wie der Schauplatz einer bizarren Telenovela. Kein Wunder, schauen die Bewohner doch ständig Fernsehserien, etwa die unendliche Geschichte der „Sklavin Isaura“, deren Hauptfigur so aussieht wie die schönste, aber auch einsamste Frau im Ort. Zu unseligen Zeiten der Diktatur musste die spätere Frau Helman einen kleinwüchsigen Typen heiraten, der ständig mit einer viel zu großen Sense herumläuft. Irgendwann promenieren Herr und Frau Helman gemeinsam durch den Ort, vielleicht weil sie eine Playboy-Ausgabe inspiriert hat, in der die Darstellerin der Isaura im Eva-Kostüm samt Schlange zu sehen ist.Noch nie habe sich eine Ausgabe dieser Zeitschrift so gut verkauft wie die mit der Sklavin Isaura, sagte der Kioskbesitzer (…), und zu jeder Isaura verkaufe er noch eine Tageszeitung, um sie darin zu verstecken.Quelle: Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
