
SWR Kultur lesenswert - Literatur Lust und Leid – Was Pompeji mit unserer Gegenwart zu tun hat
Feb 8, 2026
04:09
Der Anspruch ist hoch. Das Buch will zeigen, wie sich die Zivilisation in Pompeji mit dem aufkommenden Christentum verändert hat. Zuchtriegel beginnt mit sechzig Seiten über den Sex in der Antike und nimmt in den Zitaten kein Blatt vor den Mund:
Als ich hier eintraf, habe ich gefickt; danach bin ich nach Hause zurückgekehrt / Fortunata bläst / Hier habe ich viele Mädchen gevögelt / Kostet zwei AsseQuelle: Gabriel Zuchtriegel – Pompejis letzter Sommer
Freizügige Antike
Nur einige Zitate von Tausenden solcher, heute würde man sagen, Schmierereien aus Pompeji. Aber das waren damals normale Botschaften in einer Zeit, die mit Sexualität ganz anders umging als die, in der sie wissenschaftlich entdeckt wurden. Zuchtriegel will in seinem Buch nicht den antiken Marmor zeigen, sondern eine Welt, die auch sehr gewalttätig und rau war – und die vor großen Veränderungen stand, so wie unsere Welt heute auch, erklärt der Autor Gabriel Zuchtriegel: „Am Anfang geht es natürlich auf der einen Seite um diese extrem sexualisierte Welt, die Schock auslöst im 18. Jahrhundert, der Umgang mit dem Körper, mit der Sexualität, aber dann natürlich auch die Frage, wie lang können wir denn hier so walten? Und das sind natürlich Fragen, die sich auch aus wissenschaftlicher Sicht stellen. Wie lang können wir denn hier die fossilen Energien lustig verheizen?“Parallelen zu unserer Gegenwart
Oft recht überraschend verknüpft Zuchtriegel geistesgeschichtliche Fragen mit unserer Gegenwart. Wie gehen die Menschen mit der Endlichkeit um? Der Autor sieht die antiken Gedanken als Ökosystem, in das über Jahrhunderte das Christentum einzog wie in eine WG und diese dabei langsam übernimmt.Eine gewaltige Umquartierung verändert das religiöse Ökosystem für immer. Göttinnen und Götter, die zuvor auf Bergen, in Quellen, auf dem Meeresgrund oder im Wald wohnten, bekommen jetzt Tempel als Wohnungen zugewiesen. Denn genau das ist ein Tempel: ein Haus, eine Wohnung für den Gott.Zuchtriegel schreibt anschaulich, humorvoll und nah an seinem Leben als Direktor des Archäologischen Parks in Pompeji. Sein Buch leuchtet mit vielen Geschichten ins Heute hinein.Quelle: Gabriel Zuchtriegel – Pompejis letzter Sommer
Aus der Frühzeit der Antike kennen wir alle möglichen Berufe, wie zum Beispiel Fischer, Hirten, Schuhmacher, Baumeister, Schmied, aber keinen Metzger. Der Grund ist, dass bis ins 5. Jahrhundert v. Christus das Schlachten eines Tieres ein ritueller Akt blieb, der im Rahmen einer Opferzeremonie zu geschehen hatte. Den Zorn der Artemis hätte kein Metzger überlebt.Man könnte sie vermissen heute, die vom Christentum abgeschaffte Göttin der Jagd, einst aus Griechenland importiert und dann von den Römern Diana genannt. „Die wäre natürlich entsetzt, wenn sie in so ein Schlachthaus käme und sähe, wie hier die Tiere mit Lastwagen durch ganze Kontinente transportiert werden. Sie ist auf der einen Seite die Töterin der Tiere, sie hat Pfeil und Bogen, die Jagdwaffen als Attribute, aber sie ist auch die Schützerin. Und natürlich soll es auch nicht tagelang über eine heiße Autobahn transportiert werden, würde ich jetzt mal daraus ableiten. Und insofern kann Artemis durchaus als Referenzpunkt für heutige Vegetarierinnen und Vegetarier fungieren.“Quelle: Gabriel Zuchtriegel – Pompejis letzter Sommer
