
SWR Kultur lesenswert - Literatur Aufwachsen in Westberlin: „Kann gehörig wehtun“
Apr 6, 2026
04:08
In einigen Hinterhöfen werden noch Kühe gehalten, die Kinderärztin raucht Kette, während sie ihre kleinen Patienten untersucht, und im Ring des Boxvereins gehen sie aufeinander los, als wollten sie sich umbringen.
Das ist die raue Wirklichkeit mitten in Westberlin, im Bezirk Schöneberg, im Jahr 1969, die Michael Wildenhain in seinem Roman detailreich einfängt. Wildenhain, 1958 geboren, kennt Ort und Atmosphäre aus eigener Erfahrung. Davon profitiert sein Roman.
Es ist so, dass ich stark aus biografischem Material schöpfe, aber dieses Buch einigermaßen weit weg ist von einer autofiktionalen Erzählung.Kriegsruinen und leere Häuser bieten kaum kontrollierte Freiräume für die Kinder des proletarisch geprägten Viertels rund um die Belziger Straße.Quelle: Michael Wildenhain
Boxtraining zur Verteidigung
Michael Wildenhain erzählt überwiegend im Präsens aus der Perspektive eines dreizehnjährigen Jungen. Er erzeugt so eine ungemein starke, den Leser fesselnde Gegenwärtigkeit. Der namenlose Held ist mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder zugezogen. Der zurückhaltende Teenager liebt es, von seinem Fensterplatz in der Wohnung im vierten Stock das Geschehen draußen mit einem Fernglas zu beobachten, aber es zieht ihn auch hinaus auf die Straße. Hier gilt der am meisten, der am härtesten zuschlagen kann. Da ist es naheliegend, sich zum Boxtraining anzumelden.Bedingungslose Loyalität
Der Umkleideraum riecht nach Schweiß wie die Umkleide der Schulturnhalle. Dem Trainer fehlen etliche Vorderzähne des Oberkiefers, die Nase wirkt mehrfach gebrochen, die Augen sind wasserblau und klar. „Kann gehörig wehtun, der Sport, das weißt du?“ Ich nicke.Schmerzhaft ist für den Ich-Erzähler nicht nur das Boxen. Der sensible, aufmerksame Junge spürt, wie sich seine Eltern immer weiter voneinander entfernen und die vom Krieg versehrte und verstörte Familie zu zerbrechen droht. Die häusliche Unsicherheit bringt ihn dazu, noch entschiedener auf der Straße nach Anschluss zu suchen. Jugendgangs bestimmen die Szenerie. Allen voran die Bande von Körschi. Der sechzehnjährige Anführer ist stärker, entschlossener, brutaler als alle anderen. Er nimmt den Jüngeren unter seine Fittiche, erwartet dafür aber bedingungslose Loyalität und immer wieder auch – teils demütigende – Gegenleistungen. Verweigerung ist ausgeschlossen.Quelle: Michael Wildenhain – Das Ende vom Lied
Jargon der Straße
He, abgezockt? Treib’s nicht zu weit mit dem herzensguten Körschi. Solltest wissen, wo die Grenze verläuft. Kräfteverhältnis falsch eingeschätzt – schon gehste ab, bist weg vom Fenster. Und du willst doch hier noch ’ne Weile friedlich wohnen, oder?Ein lässiger oft derber Ton bestimmt die Sprache des Romans, es ist der Jargon der Straße, den Michael Wildenhain sicher beherrscht. Die Handlung treibt er entlang zweier straff gespannter Spannungsbögen voran: Sein Held kommt den Geheimnissen der Eltern näher, wobei ihm dabei – immer wieder und vielleicht zu oft – der Zufall hilft. Und er emanzipiert sich von Körschi, auch weil er sich in dessen Freundin Alina verliebt hat. Es ist ein Reifeprozess im Schnelldurchgang.Quelle: Michael Wildenhain – Das Ende vom Lied
