
Die Leichtigkeit der Kunst - Kunstpodcast Dorothy Iannone – Freiheit, Ekstase und Zensur | Dr. Ilka Voermann, Dr. Jenny Graser & Dr. Pay Matthis Karstens
Dorothy Iannone: Wie erzählt man das Leben einer Künstlerin, die sich nie zurückgenommen hat – und genau dadurch Geschichte schrieb?
Dorothy Iannone (1933–2022) steht für eine Kunst, die sich nicht klein macht.
Für eine Bildsprache, die Lust, Liebe, Ekstase, Ornament und Spiritualität zusammenführt – und damit über Jahrzehnte genau das berührt hat, was in westlichen Kunstkontexten oft als „zu viel“ markiert wurde: zu körperlich, zu direkt, zu weiblich, zu frei.
Diese Podcastfolge nähert sich Dorothy Iannone über drei Perspektiven: Dr. Jenny Graser und Dr. Ilka Voermannsprechen aus kuratorischer Sicht über Werk, Kontext und Rezeption. Im zweiten Teil bringt Dr. Pay Matthis Karstens, Mitinhaber der Galerie Judin, die Perspektive des Nachlasses und der heutigen Verantwortung ins Gespräch.
Es geht um Iannones Werk, um ihre Künstlerbücher, um ihren Berlin-Bezug, um Zensur und Sichtbarkeit. Und um die Frage, warum diese Position so lange außerhalb vieler kunsthistorischer Erzählungen lag, obwohl sie längst da war.
Dorothy Iannone
Dorothy Iannone arbeitet mit Figuren, Farben, Ornamenten, Schrift, mit Wiederholung und mit einer Bildwelt, die bewusst keine Distanz aufbaut. Ihre Arbeiten sind oft unmittelbar: Menschen, Körper, Beziehungen, Lust, spirituelle Energie.
Gerade diese Direktheit war über Jahrzehnte ein Problem – für Institutionen, für Zensurbehörden, für einen Kunstbetrieb, der weibliche Selbstbestimmung häufig lieber als Idee feiert als als Bild.
Im Podcast wird deutlich: Iannones Werk ist kein Nebenschauplatz feministischer Kunstgeschichte. Es ist eine radikale Linie. Eine, die bis heute Fragen stellt – nach Freiheit, nach Kontrolle, nach dem Blick auf weibliche Körper und nach dem, was in Bildern erlaubt sein soll.
Künstlerbücher: The Berlin Beauties und The Story of Bern
Ein Schwerpunkt dieser Episode liegt auf Dorothy Iannones Künstlerbüchern. Im Gespräch tauchen zwei zentrale Arbeiten auf:
The Berlin Beauties
Diese Serie steht für Berlin als Ort – als Bühne, als Alltag, als Stadt, in der Freiheit möglich scheint und gleichzeitig permanent verhandelt wird. Im Podcast wird spürbar, wie stark Iannones Blick in Berlin verankert ist: nicht als Kulisse, sondern als Lebensraum.
The Story of Bern
Auch dieses Künstlerbuch wird ausführlich besprochen. Es zeigt, wie Iannone mit Erzählung arbeitet: nicht als Literatur, sondern als visuelle Struktur. Text und Bild sind bei ihr keine getrennten Ebenen. Sie greifen ineinander, treiben sich gegenseitig an, werden zu einem Rhythmus.
Die Bücher wirken in dieser Folge wie ein Schlüssel, um Iannones Werk zu verstehen: als künstlerische Praxis, die nicht auf das einzelne Bild setzt, sondern auf Sequenz, Wiederholung, Verdichtung.
Zensur, Kontrolle und der Preis der Sichtbarkeit
Ein starker Teil des Gesprächs dreht sich um Zensur. Um die Erfahrung, dass Iannones Arbeiten über Jahrzehnte nicht einfach „übersehen“ wurden, sondern aktiv auf Widerstand stießen.
Es geht um das paradoxe Feld, in dem weibliche Sexualität gleichzeitig überall ist – in Werbung, Popkultur, medialen Bildern – und doch problematisch wird, sobald sie als selbstbestimmter Ausdruck auftaucht. Iannones Werk berührt genau diese Spannung.
Im Podcast sprechen Jenny Graser und Ilka Voermann darüber, wie Institutionen mit dieser Kunst umgehen, wie sich Blickregime verändern, und warum es bis heute nicht selbstverständlich ist, dass solche Arbeiten offen gezeigt werden können – ohne moralische Panik, ohne vorschnelle Einordnung, ohne den Reflex, sie zu „erklären“ oder zu entschärfen.
Dieter Roth, Beziehungen und künstlerische Eigenständigkeit
Dorothy Iannones Biografie ist eng verbunden mit wichtigen Begegnungen – darunter die Beziehung zu Dieter Roth. Im Gespräch wird deutlich, dass diese Verbindung historisch oft zu einseitig erzählt wurde: als Iannone „im Schatten“ eines männlichen Künstlers.
Diese Episode setzt dem etwas entgegen. Sie zeigt Iannone als eigenständige, kompromisslose Künstlerin, deren Werk nicht aus einer Beziehung heraus erklärbar ist. Beziehungen tauchen als Teil des Lebens auf – und zugleich als Feld, in dem sie sich immer wieder neu positioniert hat: als Frau, als Künstlerin, als jemand, der sich nicht anpasst.
Sarah Pucci, Herkunft und die private Linie im Werk
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Folge ist Dorothy Iannones familiärer Hintergrund – insbesondere die Rolle ihrer Mutter Sarah Pucci. Im Gespräch wird sichtbar, wie stark Herkunft, familiäre Prägung und persönliche Linien in Iannones Werk hineinreichen.
Nicht als biografischer Schlüssel, der alles auflöst. Eher als eine Ebene, die mitschwingt: in der Frage, wie Selbstbestimmung entsteht, wie sich Freiheit im Leben formt, und wie stark der private Raum in ihrer Kunst präsent ist.
Buddhismus, Spiritualität und späte Arbeiten
Im späteren Werk von Dorothy Iannone spielt Spiritualität eine zentrale Rolle. Im Podcast wird ausführlich über ihren Bezug zum Buddhismus gesprochen – und darüber, wie sich diese Dimension in ihren Arbeiten zeigt: in Ornamenten, in Wiederholung, in der Idee von Energie und Präsenz.
Diese Ebene wirkt in der Folge nicht wie ein „Thema“, das man abhakt. Sie erscheint als Teil einer Haltung: Iannones Kunst bleibt körperlich und zugleich metaphysisch. Sie verbindet Lust und Meditation, Ekstase und Kontrolle, Bild und Ritual.
Nachlass, Verantwortung und der Blick der nächsten Generation
Im zweiten Teil der Folge bringt Dr. Pay Matthis Karstens eine weitere Perspektive ein: die Arbeit mit dem Nachlass. Er erzählt, dass er Dorothy Iannone bereits im Kunstgeschichtsstudium entdeckt hat – und sofort spürte, wie eigenständig diese Position ist. Pop Art, Fluxus, ja – und zugleich etwas ganz anderes.
Karstens spricht über die Zusammenarbeit mit dem Estate und der Pariser Galerie, die Dorothy Iannone vertreten hat. Vor allem geht es um eine Frage, die selten offen ausgesprochen wird: Was bedeutet es, ein Werk zu bewahren, wenn man die Künstlerin nicht mehr fragen kann? Wenn Material, Technik, Entstehung, selbst kleinste Entscheidungen plötzlich nur noch über Archive, Restaurierung und kunsthistorische Recherche rekonstruierbar sind?
Und er benennt einen zweiten, sehr gegenwärtigen Punkt: Wie schauen jüngere Menschen auf Dorothy Iannone?
Welche Themen lesen heute anders, welche Bilder wirken neu, welche Fragen stellen sich in einer Generation, die mit anderen Körperbildern, anderen Debatten, anderen Freiheitsbegriffen aufwächst?
Damit wird diese Folge auch zu einem Gespräch über Zukunft: über Vermittlung, Verantwortung und die Frage, wie ein Werk weiterlebt – in Institutionen, im Publikum, im Diskurs.
Warum Dorothy Iannone heute so relevant ist
Diese Folge macht sehr klar: Dorothy Iannone gehört in die Gegenwart.
Nicht, weil sie plötzlich „entdeckt“ werden müsste – sondern weil ihre Fragen heute wieder offen auf dem Tisch liegen:
Wer darf sichtbar sein?
Welche Körper gelten als zeigbar?
Welche Formen von Lust werden akzeptiert – und welche werden sanktioniert?
Und wie verändert sich der Blick, wenn Kunst nicht um Erlaubnis bittet?
Gäste
Dr. Jenny Graser
Kuratorin und Direktorin am Museum der bildenden Künste Leipzig (MdBK). Sie hat Dorothy Iannone persönlich kennengelernt und spricht im Podcast auch über diese besondere Nähe.
Dr. Ilka Voermann
Kuratorin der Berlinischen Galerie und Expertin für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, u. a. mit institutioneller Perspektive aus Berlin. Im Gespräch bringt sie Iannones Werk in Beziehung zu Ausstellungspraxis, Rezeption und heutiger Sichtbarkeit.
Dr. Pay Matthis Karstens
Mitinhaber der Galerie Judin. Er bringt die Perspektive der Nachlassarbeit, der Galeriepraxis und der heutigen Rezeption ein.
Themen dieser Folge
Dorothy Iannone · Künstlerbücher · The Berlin Beauties · The Story of Bern · Zensur · Weibliche Selbstbestimmung · Dieter Roth · Sarah Pucci · Ornament · Buddhismus · Berlin · Sichtbarkeit · Ekstase · Liebe · Institutionen · Estate · Nachlass · Galerie Judin
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Letzte redaktionelle Überarbeitung: Februar 2026
Links & Credits:
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Letzte redaktionelle Überarbeitung: Februar 2026.



