
SWR Kultur lesenswert - Literatur Liebesporträt der Generation Trennungsunfähig - Dana von Suffrin über „Toxibaby“
Mar 11, 2026
04:41
13 Trennungen in drei Jahren haben Herzchen und Toxi hinter sich. Eine On-Off-Beziehung, über die Herzchen sagt:
Ich hatte nicht gewusst, wie sehr man sich an Terror gewöhnen kann und wie sehr man ihn sogar liebgewinnt.Lieb haben sich Herzchen und Toxi – aber eben nur phasenweise. Ein Liebesportrait ihrer Generation habe Dana von Suffrin schreiben wollen. Und wenn man dieses Portrait liest, verfällt man in ein wohliges Schaudern.Quelle: Toxibaby - Dana von Suffrin
Wie füreinander bestimmt
Dana von Suffrin bringt mit Herzchen und Toxi ein Paar zusammen, das sich so oder so ähnlich in vielen schönen Altbauwohnungen von Berlin bis München zoffen könnte – und dabei dieselbe Sehnsucht in sich trägt: „Alle sehnen sich nach einer perfekten Karriere, nach einer perfekt kuratierten Wohnung, nach einem perfekten Körper und nach einer perfekten Beziehung. Und das scheint dann doch ein bisschen viel zu sein“, erzählt die Autorin. Und auch Herzchen und Toxi waren der festen Überzeugung, sie wären füreinander bestimmt. Wie Platons Kugelmenschen hätten sie zueinander gefunden, zwei halbe Kugeln, die perfekt aufeinander passen.Herzchens Retterinnen-Syndrom
Dass es zwischen beiden immer wieder funkt, liegt nicht nur an der gegenseitigen Anziehung, sondern auch an Herzchens beherztem Einsatz: Sie leidet am Retterinnen-Syndrom und ist der festen Überzeugung, die Frau zu sein, die Toxi zum Guten verändern könnte. Und vielleicht liegt im Liebesterror auch ein großer Lustgewinn? „Ich glaube das auf jeden Fall, aber ich bin auch Freudianerin, und zwar wirklich bekennende. Und bei Freud wissen wir das eben auch, also der Lustgewinn äußert sich nicht immer so auf ganz offensichtliche Art und Weise und die Leute sind oft auf der Suche nach etwas, das sie eher in ihrem Todestrieb bestätigt“, so Dana von Suffrin. Im Kraftfeld zwischen Todestrieb und Lebenstrieb bewegt sich auch Toxi. Er ist ein sehr schöner, mit viel Geschmack gekleideter Mann. Alle philosophischen und soziologischen Standardwerke hat er gelesen.Alles außer ein anständiger Bürger
Einen richtigen Job oder Geld hat der Anfang 40-Jährige allerdings nicht. Will er auch nicht, denn für ihn gibt es nichts Schlimmeres als sich anzupassen und gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Sein Ziel: bloß kein anständiger Bürger zu werden. Mit dieser Haltung geht es ihm allerdings alles andere als gut. Toxi leidet an der Welt. „Toxi verweigert sich dem Ganzen, aber er verweigert sich auch nicht wirklich. Denn diese Art, wie er mit der Gesellschaft in Kommunikation tritt, sei es jetzt nur durch Aussehen, Kleidung, die ist dann ja doch auch wieder sehr an die Erfordernisse des Marktes angepasst“, erklärt von Suffrin. „Also selbst, wenn man eine Nische schafft mit seiner Persönlichkeit, ist man ja erst recht Teil dieses Marktes. Es gibt da gar kein Entkommen.“Kapitalismus und Romantik
Liebe im Spätkapitalismus wird konsumierbar – und wenn sie einem nicht mehr schmeckt oder zu anstrengend ist, wirft man sie eben weg und widmet sich dem nächsten Date – das Angebot auf dem Markt ist ja groß genug. Wie der Kapitalismus die Romantik korrumpiert, hat die Soziologin Eva Illouz treffend analysiert. Dana von Suffrin liefert den Roman zur Analyse. Ihre Figuren Herzchen und Toxi sind eine Parodie der liebenden, helfenden Frau und des toxischen, egoistischen Mannes. Dabei ist Herzchen keinesfalls verblendet. Das Tragische ist, dass sie ganz genau weiß, worauf sie sich mit ihm einlässt. Toxi mit all seinen widersprüchlichen Seiten seziert sie einem schwindelerregenden Erzähltempo. Nur durch Kommata getrennt schrauben sich ihre Sätze in die Höhe, voller Dramatik, Witz und Tempo.Zwischen Zwang und Besessenheit
Und tragischerweise klappt es nicht einmal im Bett mit den beiden: „Toxi konnte sich nicht entspannen, er hatte keinen Humor, er war zwanghaft und hatte keine Fantasie, und ich wiederum wurde immer besessener von Sex und nichts auf der Welt kam mir begehrenswerter vor, und ich griff zu Toxis Entsetzen ständig in seine Unterhose, wo eine kalte, schwer atmende Muräne saß und ängstlich auf Störenfriede lauerte.“Toxi zog meine Hand wieder heraus und wurde jedes Mal wütend, und ich fiel auf den Meeresgrund wie ein Hai, dem man die Flossen abgeschnitten hatte.Quelle: Toxibaby - Dana von Suffrin
