
SWR Kultur lesenswert - Literatur Ein Täter als Leerstelle: Judith Hermanns neues Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Feb 25, 2026
04:49
Reise nach Radom
Zwei Dinge sind es, die Judith Hermann in einem nicht lange zurückliegenden Winter dazu bewegt haben, in die polnische Stadt Radom zu fahren und sich dort für einige Wochen einzumieten: Ihre Mutter erleidet einen temporären Gedächtnisverlust. Und sie findet in einer Kiste ein Foto ihres Großvaters aus dem Jahr 1941, auf dem er in Radom auf einem Motorrad der SS posiert. Die deutschen Besatzer hatten in Radom ein Ghetto errichtet. Mindestens 20.000 jüdische Bürger wurden von dort aus ins Konzentrationslager Treblinka deportiert. Judith Hermann hat ihren Großvater nie kennengelernt; er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt.Unverwechselbarer Judith Hermann-Sound
Der Aufenthalt in Radom bildet das erste Kapitel von „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“; einem Buch, das keine Gattungsbezeichnung trägt. Der Tonfall ist der klassische, unverwechselbare Judith Hermann-Sound, zurückhaltend, schwebend, Leerstellen betonend. Und genau das ist auch der Großvater: eine Leerstelle. In Radom kommt die Schriftstellerin zunächst nicht weiter. Die Menschen, mit denen sie zu sprechen versucht, reagieren abwehrend. Dann geschieht etwas Erstaunliches: Plötzlich öffnen sich ihr Türen, melden sich potentielle Gesprächspartner. Hermann findet endlich den Ort, an dem das Foto auf dem Motorrad geschossen wurde. Und genau in diesem Augenblick packt sie ihre Koffer. Die Autorin selbst sagt zu dieser verblüffenden Wendung: „Es ist ihm dort gut gegangen. Das ist das, was sie erfährt. Und das ist natürlich eine ziemlich schlichte und ziemlich entsetzliche Erkenntnis. Und mit dieser Erkenntnis fährt sie wieder ab.“„Du literarisierst“: Leerstellen und Erkenntnisinteresse
„Du literarisierst“ – das ist der Vorwurf, den die Mutter der Schriftsteller-Tochter mehrfach macht. Was heißen soll: Du dramatisierst. Das Erkenntnisinteresse der Schriftstellerin ist kein historisches. Der Großvater ist ein Täter. Was genau er getan hat, bleibt im Dunkeln. Er taugt nicht als literarische Figur, sondern steht als ewiges Gespenst inmitten eines dichten Familiengeflechts. Es sind Details, die Judith Hermann herausarbeitet. Da ist beispielsweise eine Suppenkelle, die die Familie von jeher am Mittagstisch benutzt hat. Nur für die Erzählerin ist der Umstand von Bedeutung, dass sie ein Geschenk des Großvaters an seine Tochter war, wenige Monate vor seinem Tod. Für alle anderen ist es eben nur eine Kelle. Judith Hermann befragt ihre Mutter, insistierend, manchmal auch erbarmungslos. Über das Verhältnis der beiden im Buch sagt sie: „Auf der einen Seite sind es die psychoanalytischen Versuche der Tochter, auf Kindheitstraumata, generationsübergreifendes Verhalten hinzuweisen. Auf der anderen Seite ist es die sehr statische, gegenwärtige Haltung der Mutter, die eigentlich nichts wissen will und nichts weiß und doch manchmal die eine oder andere Tür plötzlich aufmacht und den dahinter liegenden Raum kurz zeigt – und die Tür dann wieder verschließt.“Auf den Spuren des Großvaters
Judith Hermann beharrt darauf, dass lediglich das erste, das Radom-Kapitel, unverstellt autobiografisch sei. Von dort aus reist die Erzählerin weiter nach Neapel, zu ihrer jüngeren Schwester, die als Archäologin arbeitet. Die Schwester hält die Geschichte des Großvaters von sich und ihrer Familie fern, betrachtet ihn, analog zu ihren Ausgrabungen, als geschlossenen Fall. Gegen die Erzählerin erhebt sie den unausgesprochenen Vorwurf, eine Art Totenkult im Negativen um den Großvater zu inszenieren. Judith Hermann sagt dazu: „Ich habe etwas über ihn schreiben wollen, um ihn mir selbst zu zeigen und dann einen Abstand zwischen mich und ihn zu legen, aber gleichzeitig ist er mir hierdurch auf eine schwer zu benennende Weise näher gekommen, und das ist eine sehr seltsame, beunruhigende und gleichzeitig auch deutliche Erfahrung.“Ein gewagtes Buch, das für Debatten sorgen wird
Ein Buch über meine Familie und das Schweigen"„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist ein gewagtes Buch, das mit Sicherheit in seinem persönlichen Ansatz und seinen kalkulierten Lücken für Debatten sorgen wird. Diese Aussparungen lassen sich als Aufforderung an die Leser verstehen, sie mit der eigenen Familiengeschichte aufzufüllen. Ein Buch auch mit einem geradezu unheimlichen Schlusskapitel, das den Fokus noch einmal überraschend verschiebt. Ist also dieser Text weniger ein Buch über einen Täter-Großvater als über das unsichtbare Band, das sich aufgrund dieser Verwandtschaft um eine ganze Familie legt? „Ich würde das auf jeden Fall so sagen. Ich würde sagen, es ist nicht ein Buch über meinen Großvater. Es ist ein Buch über meine Mutter und ein Buch über meine Familie und das Schweigen in Familien und über die Möglichkeit der schweigenden Verständigung in Familien und die Aussicht auf ein interfamiliäres Gespräch.“
