
SWR Kultur lesenswert - Literatur Poems of Minneapolis
Feb 6, 2026
Politische Lyrik als Reaktion auf staatliche Gewalt in Minneapolis. Museen und Buchläden zeigen Solidarität mit Einwanderern. Amanda Gormans kämpferische Nachrufe und Aufrufe zur Liebe werden vorgestellt. Protestgedichte und -lieder verbinden Literatur und Musik als Widerstand.
07:48
Lyrik Als Politische Reaktion
- Politische Lyrik tritt auf, wenn staatliche Gewalt und Rechtsetat erodieren und Kunst nicht mehr nur ästhetisch sein kann.
- SWR Kultur Lesenswertkritik betont, dass Dichtung jetzt kontrollierend, tröstend und appellativ wirkt.
Buchläden Und Museen Schließen Aus Solidarität
- Museen und Buchläden in Minneapolis schlossen solidarisch während der Proteste und boten sichere Räume für Anwohnerkinder an.
- Birchbark Books lud Kinder zum Spielen ein, statt normal zu öffnen, als Zeichen praktischer Solidarität.
Amanda Gormans Kämpferischer Nachruf
- Amanda Gorman verfasste und trug ein Gedicht als Nachruf für Nicole Renée Goode auf Instagram vor.
- Ihr Gedicht verbindet Trost mit Appell und zitiert Lincoln, um Liebe als Veränderungsmotor zu betonen.
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Intro
00:00 • 17sec
Vergleich mit deutschem Faschismus
00:17 • 22sec
Kunstwelt reagiert in Minneapolis
00:39 • 27sec
Amandas Nachruf für Renée Goode
01:05 • 1min
Gormans Aufruf zur Liebe
02:07 • 1min
Mehr Gedichte als Antwort
03:09 • 29sec
Poetische Reaktionen aus Minneapolis
03:38 • 1min
Gormans Text zu Alex Prattie
04:38 • 37sec
Musiker und Protestsongs
05:15 • 29sec
Billy Braggs City of Heroes
05:44 • 44sec
Springsteen: Streets of Minneapolis
06:28 • 60sec
Outro
07:28 • 19sec
Politische Lyrik und kein L’Art pour l’art
Bertolt Brecht schrieb mal in einem Gedicht, dass die Begeisterung des Dichters über den blühenden Apfelbaum in brisanten Zeiten notgedrungen zurückstehen müsse: Dann brauche es politische Lyrik und kein L’Art pour l’art. Das war im Jahr 1939, zur Zeit des Nationalsozialismus. In den USA fühlen sich aktuell viele an den deutschen Faschismus erinnert. Immer häufiger skandieren Demonstranten Faschist, Nazi oder Gestapo, wenn sie ICE-Beamten bei ihren Razzien erleben. Angesichts der zunehmenden Zertrümmerung des Rechtsstaats in den Vereinigten Staaten wacht nun auch die Kunstwelt aus einem unruhigen Schlaf auf: Museen in Minneapolis schließen aus Solidarität mit Einwanderern und Demonstrierenden, Buchhandlungen verschenken Bücher an Kinder oder verteilen Trillerpfeifen, Birchbark Books, der Buchladen der Schriftstellerin Louise Erdrich, schloss während der großen Protestdemo und lud Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen in sicherem Umfeld ein; Dichterinnen und Dichter melden sich zu Wort.Amanda Gormans kämpferischer Nachruf
Am prominentesten Amanda Gorman, die auf die Anfang Januar ermordete Nicole Renée Good, die selbst Gedichte schrieb, einen kämpferischen Nachruf verfasste – vorgetragen auf ihrem eigenen Instagram-Kanal: „They say she is no more,That there her absence roars,
Blood-blown like a rose.
Iced wheels flinched & froze.
Now, bare riot of candles,
Dark fury of flowers,
Pure howling of hymns.“ Man sagt, Renée Good sei nicht mehr da, wo sie getötet wurde, sieht man nun einen „nackten Aufruhr von Kerzen“ und „die dunkle Wut von Blumen“: Ein simples Gedicht mit eingängigen, nicht allzu subtilen Bildern. Es spricht von einer Betroffenheit, die sich mitteilen will. Es soll Trost spenden. Nicht zuletzt hat es appellativen Charakter – es will die Menschen zum Handeln bringen.
Veränderung durch Liebe
„Change is only possible & all the greater,Veränderung sei nur möglich, wenn sie durch Liebe bewegt werde – das Gegenprogramm zum Racheengel Donald Trump. Die letzte Zeile – „better angels of our nature“ – zitiert Abraham Lincolns erste Inaugurations-Rede aus dem Jahr 1861. Es sind große, ja, auch pathetische Worte, die auf ein besseres Amerika abzielen. Gorman wurde berühmt, als sie bei Joe Bidens Vereidigungs-Feier sprach. Seither wird sie millionenfach gelesen und gehört. In einem Interview mit dem „National Public Radio“ sagte die afroamerikanische Autorin, befragt zu ihrem „Poem for Renée Good“: „Das Volk ist die Macht, und das war schon immer so. Ich denke, die Bewegungen und Proteste, die wir derzeit erleben, sind ein Beweis dafür – dass echte Veränderungen möglich sind, wenn wir uns auf unsere gemeinsamen Werte besinnen und zusammenhalten. Die Macht liegt also darin, wie sehr wir einander lieben können und wie leidenschaftlich wir füreinander einstehen, wenn einer von uns zu Fall kommt.“
When the labour & bitter anger of our neighbors
Is moved by the love & better angels of our nature."
Es braucht mehr Gedichte
Amanda Gorman steht nicht alleine. Etliche Gedichte, Texte, Essays entstehen in diesen Tagen. Der Autor Charles Baxter schreibt im Magazin „Literary Hub“, dass es vielleicht merkwürdig klinge, aber dass man genau jetzt mehr Gedichte brauche. Er erinnert an die Vietnamproteste 1968 in Minneapolis, wo die Dichter Robert Creeley, Ed Sanders oder Robert Bly vor den Demonstrierenden ihre Texte lasen. Aktuell gehört der Lyriker Michael Bazzett zu jenen, die aktiv werden. Sein Poem „From Minneapolis in January“ endet programmatisch mit der Zeile: „Unser Alptraum ist das Erwachen“. Schon letztes Jahr hat die Dichterin Junauda Petrus ihr „Ritual How to Love Minneapolis Again“ veröffentlicht, aber in diesen Tagen wird es immer wieder zitiert, vor allem jene Zeilen: “That we were neighbors who traded plates of foodwith foil blanketing them,
so we all could taste where each other was from
Vietnam, Ethiopia, Chicago, Laos, Red Lake,
Mexico, Trinidad, Somalia,
Mississippi, Ecuador, Liberia, Eritrea, Palestine, Bdót
They wouldn’t understand that it isn’t cold here all the time
Deep, deep, deep down inside
That something here is quite warm.” In Minneapolis ist es nicht immer kalt – ganz tief drinnen gibt es eine große Wärme. Von der Wärme, die solidarisches Handeln erzeugt, sprechen immer wieder die Gedichte von Amanda Gorman. Sie hat nach der Ermordung von Alex Pretti einen weiteren Text verfasst, der die Schüsse der ICE-Beamten Exekutionen nennt: „Our own country shooting us in the back is not just brutality;
it’s jarring betrayal;
not enforcement, but execution.“
