Pferde und Boxershorts – Die Jury der SWR Bestenliste gastiert im Friedrichshafener „Kiesel“ und spricht über „Testfälle für die Literaturkritik“
Gleich zwei Bücher des Abends führten zu Diskussionen über die Grenzen der Literaturkritik.
Julia Schröder, Shirin Sojitrawalla und
Jan Wiele sprachen über vier Werke der SWR Bestenliste im April im gut besuchten Friedrichshafener „Kiesel“.
Auf
Platz 6 ist mit
„Träume in Europa“ ein Buch aus dem S. Fischer Verlag verzeichnet, bei dem die Frage nach der Autorenschaft ungeklärt bleibt:
Wolfram Lotz hat Einträge aus europäischen Traumforen gesammelt und sie veröffentlicht. Darunter sind klassische Angstträume, aber auch äußerst skurrile Geschichten zu finden.
Wie aber wurden die Texte bearbeitet, welcher Dramaturgie folgt das Buch? Das Buch sei ein „Testfall für die Literaturkritik“, sagte Jan Wiele.
Eine widerständig-unsympathische Protagonistin
Äußerst amüsiert hat sich die Jury über den von Bettina Ararbanell ins Deutsche übertragenen Roman
„Das gute Benehmen“ von
Molly Keane, der von einer landadligen Familie im Irland der 1920er Jahre erzählt.
Das Buch (
Platz 2) aus dem Kyona Verlag ist ursprünglich 1981 erschienen und scheint heute einen Nerv der Zeit zu treffen, was nicht zuletzt an der widerständig-unsympathischen Hauptfigur handelt.
Das etwas unterkomplexe Vorwort der Social-Media-Influencerin
Tara-Louise Wittwer wurde von der Jury stark kritisiert. Julia Schröder empfiehlt, gleich mit der Lektüre des Romans zu beginnen.
Pferde als Zentralmotiv
Ebenfalls auf
Platz 2 steht der neue Roman des österreichischen Schriftstellers
Norbert Gstrein. „Im ersten Licht“ heißt das Buch, das im Hanser Verlag erschienen ist und das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes namens Adrian Reiter, der am Rande der Zeitläufte im 20. Jahrhundert steht und doch exemplarisch steht für den Umgang mit den Verbrechen in der Epoche.
Der Tonfall des Textes schwankt zwischen Melancholie und Groteske, was sich nicht zuletzt im Zentralmotiv des Buchs widerspiegelt. Adrian Reiter ist ein glühender Verehrer der k. u. k Kavallerie, und so trappeln immer wieder Pferde durch die Szenen.
Der Roman wurde in der Runde als großer literarischer Wurf bezeichnet, der Stil des Autors wurde gelobt, trotzdem gab es Detailkritik.
Ein Erinnerungsbuch über den verstorbenen Ehemann
Spitzenreiterin der SWR Bestenliste im April ist
Siri Hustvedts „Buch der Erinnerung“, in dem die Autorin über ihr Leben mit dem Schriftsteller Paul Auster und über den Tod des geliebten Mannes nachdenkt.
Hustvedt hat ihr Erinnerungsbuch
„Ghost Stories“ genannt, und diese Geistergeschichten haben Grete Osterwald und Uli Aumüller für den Rowohlt Verlag ins Deutsche übertragen.
Die Jury beschreibt die sehr verschiedenen Textsorten des Bandes und meint eine schwankende Qualität der Prosa zu erkennen. Viele Passagen seien sehr anrührend, sagt Shirin Sojitrawalla.
Auf manche Intimität wie Paul Austers Abneigung gegenüber roten Boxershorts hätten andere Jury-Mitlglieder verzichten können. In gewisser Weise sei auch dieses Trauerbuch ein „Testfall“ für die Literaturkritik.
Aus den vier Büchern las
Isabelle Demey. Durch den Abend führte
Carsten Otte.