
SWR Kultur lesenswert - Literatur Im Grenzgebiet: Elli Unruhs Debütroman „Fische im Trüben“
Mar 13, 2026
06:00
Die Namen der Menschen, die zu Zeiten der Sowjetunion im südlichen Kasachstan zu Hause sind, klingen vertraut: Sie heißen Dück und Pflaum, Fellinger und Fast.
Den Russen gelten sie als Faschisten, weil sie deutsche Namen tragen. Sie sprechen eine eigene Sprache, das Plautdietsch – ein Dialekt, der so etwas wie Halt ermöglicht in haltlosen Zeiten.
Dieses Plautdietsche ist eine westpreußische Variante des Ostniederdeutschen, und inmitten der Fremde haben sich die Mennoniten-Deutschen die Sprache als Heimat bewahrt.
„Werom ess daut?“ „Plautdietsch haben wir verlernt“, antwortet Sara Fast für ihren Enkel. „Wout fa Mennisten siet jie dan?“
„Unsere Eltern waren Lehrer. Sie haben ja auf Hochdeutsch unterrichtet in der Kolonie. Und mit uns haben sie auch nur Hochdeutsch gesprochen.“
„Soowout!“ Oma Peters nickt und legt die Hände übereinander. Dann schüttelt sie den Kopf. „Mennisten, dej nich Plautdietsch riede. Soowout jefdet uk!“ Das eigentlich Besondere ist Elli Unruhs Ton: Sie erzählt mit traumwandlerischer Leichtigkeit und poetischem Gespür, und sie tut das in einer Sprache, die mit plattdeutschen Vokabeln durchsetzt und von einer genauen Einfühlungsgabe genährt ist.
Verfolgung der Mennoniten
Die Mennoniten, aus der Täuferbewegung der Reformationszeit hervorgegangen, hat es im 18. Jahrhundert in die ganze Welt verschlagen – vor allem weil sie immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren.Lange Reisen sind die Mennoniten gewöhnt. Sie sind heute auf der ganzen Welt. In Kanada, Brasilien, in Paraguay, Bolivien und wo sonst noch alles.Jene, die gen Osten gezogen sind, mussten gerade während des Stalinismus vieles ertragen, einige landeten in Straflagern, andere wurden etwa in den Nordkaukasus vertrieben. Auch Onkel Hein weiß, dass die russlanddeutschen Mennoniten sich nur in prekärer Sicherheit wiegen können.Quelle: Elli Unruh – Fische im Trüben
Ja, es geht gut, Heinrich ist zufrieden, auch wenn alles – das weiß er wohl – schnell vorüber sein kann. Wie schnell, das hat er erlebt. Auch auf seinen guten Ruf kann Heinrich nicht zählen. Wenn sie mit einmal wollen, dann finden sie was, das ist klar.Quelle: Elli Unruh – Fische im Trüben
Erzählerin, Bewahrerin
Diese Zeilen, gelesen von der Autorin selbst, stammen aus dem bemerkenswerten Debüt „Fische im Trüben“ der in Kasachstan geborenen Elli Unruh, die in Süddeutschland aufwuchs und heute in Stuttgart lebt. Bemerkenswert ist ihr erster Roman in mehrfacher Hinsicht: Da ist diese untergegangene Welt, die sie mit großer Detailgenauigkeit und Nähe beschreibt und die den allermeisten Leserinnen und Lesern wenig vertraut sein dürfte. Schon Kasachstan erscheint einem exotisch; eine ehemalige deutsche Minderheit, die es dorthin verschlagen hatte, sowieso. Elli Unruh ist als Erzählerin also zugleich eine Bewahrerin. Aus mehreren Perspektiven blicken wir auf eine Mennoniten-Gemeinde im „Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan“ in den 1970er Jahren. Wir bekommen Einblick in eine von eigenen Riten und Traditionen geleitete Gruppe, die in der Sowjetunion nicht wohlgelitten ist, von allen Volksgruppen schief angesehen wird und sich gegen Schikanen behaupten muss. Und ihre eigene Sprache gegen die Mehrheitsgesellschaft verteidigt, so gut es eben geht.„Soowout jefdet uk!“
„Verstehst alles auf Deutsch, ja?“, fragt die alte Oma Peters. „Ja“, sagt Krocha (…). Verstehen ist keine große Sache. Nur das Sprechen geht auf Russisch schneller.„Gut, behalte es! Un opp Plautdietsch vesteist uk waut?“ „Nur bisschen.“Quelle: Elli Unruh – Fische im Trüben
„Werom ess daut?“ „Plautdietsch haben wir verlernt“, antwortet Sara Fast für ihren Enkel. „Wout fa Mennisten siet jie dan?“
„Unsere Eltern waren Lehrer. Sie haben ja auf Hochdeutsch unterrichtet in der Kolonie. Und mit uns haben sie auch nur Hochdeutsch gesprochen.“
„Soowout!“ Oma Peters nickt und legt die Hände übereinander. Dann schüttelt sie den Kopf. „Mennisten, dej nich Plautdietsch riede. Soowout jefdet uk!“ Das eigentlich Besondere ist Elli Unruhs Ton: Sie erzählt mit traumwandlerischer Leichtigkeit und poetischem Gespür, und sie tut das in einer Sprache, die mit plattdeutschen Vokabeln durchsetzt und von einer genauen Einfühlungsgabe genährt ist.
Atmosphärischer Schreibstil
Man kann nicht recht glauben, dass die Autorin damals selbst nicht dabei gewesen war, dass sie diesen Text rund um Erzählungen der Familie und aus historischen Aufzeichnungen gewoben hat. Aber gerade mit ihrer atmosphärisch-prägnanten Sprache erschafft sie eine verschwundene Lebenswirklichkeit neu, ob sie von einem paradiesischen Apfelgärtchen schreibt oder von der abendlich-melancholischen Stimmung am Ende einer Hochzeitsfeier: „Die Kälte kriecht aus der Erde, kommt über lange Schatten und hinter Mauerecken hervor. Sie breitet sich über den Hof, geht zwischen die Bänke und knabbert der Gesellschaft an den Beinen.“Es folgt ein Konzert der Hunde. Nach und nach erlischt die Abendsonne, glimmt einmal noch auf und gibt sich artig in den dunkelblauen Horizont. Das Gebell hallt ihr nach wie heiseres Glockenwerk.Quelle: Elli Unruh – Fische im Trüben
Im Herbst 1987 ging es los
Die kindliche Perspektive des neunjährigen Krocha, jene seiner Tante Hedi, deren erste Liebessehnsucht ausgerechnet einem Russen gilt, und die des schon erwähnten Heinrich: Es sind drei ganz unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, die Unruh zusammenführt. Unbekümmertheit und Neugier, Sorge und Wissen um die menschliche Grausamkeit, die gerade in den 1940er Jahren allgegenwärtig war. Nach und nach entsteht so ein Panorama. Das Dunkle, die Anfeindungen, die Vertreibungen – das lässt Unruh auf fast beiläufige Weise einfließen, aber es grundiert das Leben der Menschen, es ist ein Erbe, das zur Wachsamkeit erzieht und zum Erinnern zwingt. Erzählt wird von dieser Gemeinschaft schon aus dem Rückspiegel. Denn mit der Perestroika bieten sich Möglichkeiten, der Enge und Fremdheit zu entfliehen – zumindest entsteht die Hoffnung auf ein anderes Leben.Im Herbst 1987 ging es los. Auf einmal verschwanden überall die Leute. Bald standen halbe Dörfer leer. Die Menschen hat als ob ein Fieber ergriffen. Ihre Pupillen sind geweitet, schwer zu sagen, ob vor Freude oder Angst.Mit der Ambivalenz eines Aufbruchs nach Deutschland endet dieser Roman, 1987, im Geburtsjahr der Autorin. Dass das Verlorene dennoch nicht verschwindet, dafür ist die Literatur da. Elli Unruhs Roman gelingt die Vergegenwärtigung des Vergangenen in einer passgenauen Form.Quelle: Elli Unruh – Fische im Trüben
