
Die Leichtigkeit der Kunst - Kunstpodcast Kirchner und seine Rahmen: Wiederentdeckt & Wiedervereint
Kirchner und seine Rahmen – warum der Rahmen zum Werk gehört
Kirchner und seine Rahmen sind das Thema dieser Folge – ein Detail, das im Museumsraum oft übersehen wird und doch entscheidend zum Werk gehört.
Im Gespräch wird deutlich, dass es dabei nicht um Dekoration geht. Für Ernst Ludwig Kirchner war der Rahmen ein integraler Bestandteil. Ein Bild war für ihn erst dann vollständig, wenn es im passenden Rahmen gezeigt wurde. Der Rahmen gehörte zum Werk – und damit auch zur künstlerischen Haltung.
Diese Episode nimmt diesen Gedanken ernst. Und führt hinein in eine Ausstellung, die etwas Seltenes sichtbar macht: Gemälde und Rahmen, die über Jahrzehnte getrennt waren, wurden wieder zusammengeführt.
Wiederentdeckt & Wiedervereint: fast 50 Werke im Buchheim Museum
Im Mittelpunkt steht die Ausstellung „Wiederentdeckt & Wiedervereint“.
Hier wurden fast 50 Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner in ihren originalen oder rekonstruierten Rahmen zusammengebracht – und damit eine Idee wieder sichtbar gemacht, die in der Kunstgeschichte oft am Rand erzählt wird: dass Kirchner den Rahmen nicht als Beiwerk verstand, sondern als Teil seines Bilddenkens.
Im Gespräch wird spürbar, wie viel Recherche, Handwerk, Blickschulung und Geduld hinter einem Projekt steht, das auf den ersten Blick „nur“ nach Rahmen klingt – und dann sehr schnell in Fragen von Werkzusammenhang, Materialität und künstlerischer Entscheidung führt.
Rajka Knipper: Sammlung, Kirchner, Museumspraxis
Zu Gast ist Rajka Knipper, stellvertretende Direktorin des Buchheim Museums.
Sie beschreibt im Gespräch, wie sie zur Kunst gekommen ist – und wie sich ihr Weg nach und nach in Richtung Museum, Sammlung und Ausstellungspraxis entwickelt hat.
Besonders interessant ist dabei ihre Perspektive auf Institution und Sammlung: Wie entsteht ein Ausstellungsthema aus dem Bestand heraus? Welche Werke sind vorhanden? Und wie entwickelt ein Haus eine inhaltliche Linie, die nachvollziehbar wird?
Im Gespräch wird es sehr konkret: Das Buchheim Museum besitzt elf Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner – mit den Rückseiten sind es dreizehn. Und genau diese Werke wurden zu einem Ausgangspunkt: als Brücke, um ein Projekt ans Haus zu holen, das Kirchner über den Rahmen neu erzählt.
Knipper spricht dabei nicht abstrakt über „Vermittlung“, sondern über museumspolitische Realität: wie Ausstellungen entstehen, warum Kooperationen wichtig sind und wie ein Haus Themen entwickelt, die aus der Sammlung heraus plausibel werden.
Werner Murrer: Rahmenforschung und Rekonstruktion
Der zweite Gast ist Werner Murrer, renommierter Rahmenexperte und Kurator der Ausstellung.
Er bringt eine Perspektive ein, die im Kunstpodcast selten so ausführlich vorkommt: die Sicht eines Rahmenforschers, der sich seit Jahren mit historischen Künstlerrahmen beschäftigt – und mit der Frage, wie Rahmen überhaupt identifiziert, zugeordnet und rekonstruiert werden können.
Denn ein Rahmen ist selten einfach „da“. Er wird über Jahrzehnte abgenommen, ersetzt, verkauft, getrennt, beschädigt, übermalt oder verschwindet. Um Bild und Rahmen wieder zusammenzubringen, braucht es eine Mischung aus Archivarbeit, Materialkenntnis, Werkvergleich und detektivischer Präzision.
Murrer beschreibt, wie Kirchner mit Rahmen umging, wie er sie behandelte, farblich fasste und wie eng Bild und Rahmen bei ihm gedacht sind. Und er macht nachvollziehbar, warum Rekonstruktion in diesem Fall kein Ersatz ist, sondern eine Möglichkeit, einen Werkzusammenhang wieder lesbar zu machen.
Kirchner und seine Rahmen: Was verloren geht, wenn Bild und Rahmen getrennt werden
Ein zentraler Gedanke dieser Folge:
Was verändert sich, wenn ein Werk ohne seinen ursprünglichen Rahmen gezeigt wird?
Bei Kirchner geht es dabei nicht um „Schmuck“, sondern um Proportion, Übergang, Farbwirkung, Präsenz. Der Rahmen gehört zur Art, wie das Bild im Raum steht – und wie es gesehen werden kann.
Das Gespräch zeigt, dass der Rahmen bei Kirchner nicht Rand ist, sondern Entscheidung. Und dass diese Entscheidung über Jahrzehnte unsichtbar werden konnte, weil Bilder oft als „reine Malerei“ betrachtet werden – losgelöst von dem, was sie ursprünglich umgab.
Kirchner, Brücke, Schweiz – und ein Blick auf das Werk als Ganzes
Die Folge verankert Kirchner klar im Kontext: als Brücke-Künstler, als jemand, dessen Werk in Deutschland begann und dessen Biografie später stark mit der Schweiz verbunden ist.
Im Gespräch taucht auch auf, warum diese Ausstellung im Buchheim Museum so gut passt: weil Kirchner in der Sammlung präsent ist, weil die Rückseiten der Werke eine Rolle spielen und weil es eine Verbindung zu einem Kooperationspartner gibt, bei dem die Ausstellung später ebenfalls gezeigt wird.
Der Davos-Bezug wird sachlich genannt – ohne dass er die Folge dominiert. Im Zentrum stehen Kirchner und seine Rahmen: als Blickschulung, als Forschung, als Wiedervereinigung von Werkteilen, die zusammengehören.
Warum diese Folge den Blick verändert
Diese Episode ist so interessant, weil sie einen Perspektivwechsel erlaubt: Nach dem Hören schaut man anders auf Bilder.
Nicht, weil etwas „erklärt“ wurde, sondern weil ein Detail plötzlich Gewicht bekommt. Der Rahmen erscheint als Teil einer künstlerischen Haltung. Und Kirchner wird nicht nur über Expressionismus oder Biografie erzählt, sondern über eine konkrete Praxis: wie er Werke abschloss, wie er sie präsentierte und wie stark er das Zusammenspiel von Bild und Umgebung mitdachte.
Kirchner und seine Rahmen: Ein Thema, das lange unterschätzt wurde
Kirchner und seine Rahmen führen direkt zu einer größeren Frage:
Wie viele Details in der Kunstgeschichte gelten als „Rand“, obwohl sie in Wahrheit Teil des Werks sind?
Diese Folge macht genau das sichtbar – ruhig, präzise, und mit dem angenehmen Effekt, dass man beim nächsten Museumsbesuch erweitert schaut.
Ausstellung & Termin
Wiederentdeckt & Wiedervereint. Rahmen und Bilder von Ernst Ludwig Kirchner
Buchheim Museum, Bernried
03.10.2024 – 12.01.2025
Kirchner Museum, Davos
09.02.2025 – 04.05.2025
Gäste
Rajka Knipper – stellvertretende Direktorin, Buchheim Museum
Werner Murrer – Rahmenexperte, Kurator der Ausstellung „Wiederentdeckt & Wiedervereint“
Links & Credits
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- Vertiefendes Gespräch mit Werner Murrer
- Weiterführende Gespräche über Künstler:innen des Expressionismus
Diese Episode ist als persönliches Gespräch vor Ort im Buchheim Museum entstanden.
Letzte redaktionelle Überarbeitung: Februar 2026.
