
SWR Kultur lesenswert - Literatur Marc-Uwe Klings Bestseller „Die Känguru-Rebellion“
Mar 13, 2026
07:14
„Ich rebelliere!“
Fünf Bände Kapitalismuskritik – erfolgreich verkauft im Buchhandel Ihres Vertrauens – das ist die Känguru-Reihe von Marc Uwe Kling. Antikapitalismus als Bestseller – das muss man erstmal schaffen. Zeit für Teil fünf. Und diesmal geht’s nicht nur um Schnapspralinen. Sondern um Rebellion: „Ich rebelliere!“, ruft das Känguru als es in die Küche kommt.„Aha“, sage ich, „wogegen rebellierst du denn?“
„Gegen die Zustände“
„Verständlich“, sage ich „gerade zu löblich.“
Die erfolgreichste antikapitalistische Marke Deutschlands
Millionen verkaufte Bücher und Hörspiele, zwei Filme, ein – übrigens extrem unterhaltsames - Kartenspiel, ich hab es am vergangenen Silvesterabend stundenlang gespielt – und jetzt geht es weiter mit Teil fünf, der „Känguru Rebellion“ – man darf sicher behaupten: das Känguru ist die wohl erfolgreichste antikapitalistische Marke Deutschlands. Revolution im Taschenbuchformat.„Rebellierst du mit?“, fragt das Känguru.
„Sehr gerne.“
„Hervorragend“, sagt das Känguru, „dann sind wir schon zu zweit.“Quelle: Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Rebellion
Ein Känguru will Eierkuchen machen
Angefangen hat das systemkritische Beuteltier 2008 mit der Radio-Comedy „Neues vom Känguru“ im Berliner Sender Radio Fritz – simple Geschichte: der Ich-Erzähler, und Alter Ego von Marc Uwe Kling, erfolgloser Kleinkünstler, öffnet eines Tages seine Tür, und davor steht ein sprechendes Känguru. Es möchte Eierkuchen machen, hat aber keine Zutaten. „Darf ich fragen, was sie beruflich machen“ setzt das Känguru unser Gespräch fort.„Na, Sie sind tagsüber immer zuhause und ohne Ihnen jetzt zu nahe treten zu wollen, es ist 13:00 Uhr und Sie sind immer noch im Pyjama“
„Ich bin, ähem naja, irgendwie Künstler, ich arbeite nachts“, sage ich.
„Anschaffender Künstler?“ „Freischaffend heißt das. Ich schreibe Geschichten und Lieder und dann trete ich auf uns“
„Ah, sie sind Kleinkünstler“ ruft das Känguru.
„Und Sie?“ frage ich. „Was machen Sie?“
„Ich bin Kommunist! Was dagegen?“
„Nee, nee“, sage ich. Kurz darauf hat der Kleinkünstler einen neuen Mitbewohner – Kommunist, angeblich Vietcong Veteran, liebt Nirvana und Schnapspralinen. In lose miteinander verbundenen Geschichten, berichtet Marc Uwe Kling vom absurden Alltag mit seinem ungewöhnlichen Mitbewohner. Das Känguru kommentiert die Absurditäten der Welt und stellt bürgerliche Kategorien grundsätzlich infrage.
Mein, dein, das sind doch bürgerliche Kategorien“Aus den Radiogeschichten wurden Bestseller, ihr Schöpfer Marc-Uwe Kling erfolgreicher Autor, nicht nur vom Känguru auch Fantasybücher, Thriller und das Kultbuch in vielen deutschen Kinderzimmern: das Nein-Horn, stammen von ihm. Die Kapitalismuskritik des Kängurus wurde also so erfolgreich, dass sie alle Verkaufsstatistiken sprengt - kann man nach so einem Erfolg überhaupt noch glaubhaft rebellieren? Man kann.Quelle: Marc-Uwe Kling – Neues vom Känguru
Wenn dumme Menschen dumme Sachen machen, muss man den Stecker ziehenQuelle: Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Rebellion
Das Känguru predigt nicht, es unterhält
Wie kann eine Figur, die den Kapitalismus ablehnt, innerhalb genau dieses Wirtschaftssystems derart durchstarten? Weil das Känguru nicht predigt. Sondern unterhält. Weil es Teil des Systems ist – und sich genau darüber lustig macht. Und ja, diese Art der Kritik ist ausgesprochen kompatibel mit einem gebildeten, saturierten Publikum. Systemkritik, über die man lachen kann. Gut lesbar abends, wenn es endlich ruhig wird in der Charlottenburger Altbauwohnung, wenn die Kinder – erschöpft vom Kinderyoga – schlafen. Konsumierbar bei einem Glas Grauburgunder zwischen Weinregal und Bücherwand. Ich sage das als jemand, der diese Bücher genau dort liest. Und das Schöne ist: Das Känguru weiß das alles längst. Es ist nicht trotz seines Erfolgs subversiv. Sondern im vollen Bewusstsein dessen.Der Kapitalismus, dieser Pfiffikus, hat sich den Trick ausgedacht, seine erfolgreichsten Kritiker nicht zu bestrafen, sondern zu belohnen. Erbringt sie nicht zum Schweigen in dem er sie einsperrt, oder tötet, Nein, er will keine Märtyrer erschaffen. Der Kapitalismus bringt seine Kritiker zum Schweigen, in dem er sie reich macht.Quelle: Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Rebellion
Weniger Slapstick, mehr Systemanalyse
Aber funktioniert das auch in Teil Fünf noch? Ja, aber anders: „Die Känguru-Rebellion“ ist weniger WG-Slapstick, weniger Alltagsabsurdität, dafür mehr Systemanalyse – inklusive Untergangs-Checkliste vom Beuteltier: soziale Ungleichheit. Klimawandel. Disruptive Technologien. Seuchen. Militarisierung. Und immer wieder: Profitinteressen – alles da, alles real. „Und jetzt?“ frage ich „Was machen wir, damit es nicht kippt?“„Nun“ sagt das Känguru seelenruhig, „wir müssen dagegenhalten und gleichzeitig die ganze alte Scheiße auseinandernehmen, säubern und dann besser wieder zusammenbauen.“ „Aber wie?“ frage ich, während ich mit dem Regal kämpfe. „Wie soll das gleichzeitig gehen?“ „Wie?“ fragt das Känguru und steht auf. „Ich sag dir wie.“ Es kramt in seinem Beutel und holt einen kleinen Werkzeugkasten heraus. „Gemeinsam.“
Der Ton ist düsterer – aber nicht resigniert
Stärker als in den Vorgängern reflektiert das Buch aktuelle Themen: ungeregelte Künstliche Intelligenz, Desinformation, Aufmerksamkeitsökonomie, digitale Manipulation. Der Ton ist ernster geworden, düsterer – aber nicht resigniert. Weniger verspielter Nonsens, mehr Frustration mit politischen Zuständen.Mehr Müdigkeit – aber auch mehr Konkretes. Diesmal geht es ums Ganze. Das Känguru belässt es nicht bei Kommentaren, sondern organisiert. Die Idee:
Man überzeugt zwei Leute zu rebellieren. Die wiederum zwei weitere. Rebellion als exponentielles Wachstum - Fast wie ein Kettenbrief, nur mit politischer Ambition. Es entsteht eine Art satirisches Aktivismus-Modell. Die Rebellion ist nicht mehr nur Pointe, sie ist Methode.
„Okay,“ sage ich. Also jedenfalls einfach nur zwei Leute zum Rebellieren bringen, ja?„Ich rebelliere…“ beginnt das Känguru.
„Ja. Gegen die Zustände.“
„Ich geh zu Herta!“ sagt das Känguru.
Verdammt, denke ich.
Also schlappen wir runter zur Straße. Herta sitzt vor ihrer neuen Eckkneipe.Quelle: Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Rebellion
„Bin ick dabei,“ sagt Herta sofort.
„Würdest du zwei…?“
„Mach ick!“
„Gutes Gespräch!“ sagt das Känguru.
„Immer jerne. Hatte ehrlich jesacht nur druff jewartet, dat endlich mal jemand fragt.
Das Känguru grinst mich an.
„Das ist ja wirklich erstaunlich einfach“ sage ich.
„Jetzt du.“ Genau – jetzt wir. Das ist die Leistung dieser Bücher: Sie bringen Menschen dazu, zu lachen – und während sie lachen, denken sie plötzlich über Zustände nach. Das Känguru ist kein Revolutionär mit Molotowcocktail, es ist ein strategischer Organisator. Es ist ein Kommentar mit Fell. Und vielleicht beginnt jede ernst gemeinte Rebellion ja genau so: Nicht mit Pathos. Sondern mit einem Witz.
