
Von Frauen mit Fledermausflügeln und anderen Seltsamkeiten
SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Rhizomatische Verknüpfungen
SWR Kultur Lesenswertkritik erklärt, wie Figuren und Handlungsfäden im Band wie ein unterirdisches Rhizom vernetzt sind.
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Episode notes
Das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Chelsea Hotel in New York war über Jahrzehnte ein Magnet für Künstler und illustre Personen. Nicht nur Leonard Cohen widmete ihm einen Song, auch die Sängerin Nico der Band The Velvet Underground verewigte es.
Es war ein Ort, an dem Menschen oft längere Zeit lebten, ein Kultort, ein Treffpunkt von Eingeschworenen.
In Joanna Bators „Die Flucht der Bärin“ trägt eine Geschichte den Titel „Hotel Sudéty“. In diesem alten Kasten in Wałbrzych kommt wie im Chelsea Hotel seltsames Volk zusammen, ganz so wie es sich eine von Bators Figuren gewünscht hat.
„Filip hatte einen ehrgeizigen Plan, er wollte ein modernes Hotel daraus machen, das zugleich Denkmal und Museum einer vergangenen Epoche wäre; der siebte Stock sollte in den Händen der Hausbesetzer bleiben und Menschen, die aus dem System gefallen waren, als Zufluchtsort dienen.“
Er versprach, dass alle so lange im siebten Stock bleiben dürften, wie sie nur wollten, und dort je nach ihren Talenten und Möglichkeiten bestimmte Arbeiten verrichten sollten. Der Träumer!Quelle: Joanna Bator – Die Flucht der Bärin
Unterirdisches Flechtwerk
So wie dieses Hotel, in dem sich die Wege zahlreicher Figuren aus den Geschichten des Bandes kreuzen, kann man sich den gesamten Band vorstellen. Denn obwohl alle Geschichten einzeln lesbar sind, tauchen einzelne Protagonisten immer wieder auf, darunter sogar welche aus Bators früheren Büchern. Durch Perspektivwechsel, die damit einher gehen, wird eine neue Sicht möglich, zum Beispiel auf eine Patchworkfamilie, in der es zugeht wie in den meisten Familien: drunter und drüber. Viele Stränge in diesem Band sind miteinander verbunden, wie ein Rhizom, ein unterirdisches Flechtwerk. In Joanna Bators Band denkt Ewelina, eine der Figuren „dass wichtige Personen, denen wir begegnen, eine Art Knoten in einem Netz sind, und dass wir, wenn wir Glück haben, das Muster erkennen, das sich aus dem Ganzen ergibt, denn hinter und vor diesen Knoten sind weitere Knoten.“Menschen, die wir auf unserem Weg kennenlernen, manchmal nur flüchtig, ohne uns bewusst zu sein, welch bedeutende Rolle sie in unserem Leben spielen werden oder gespielt haben. Und nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Häuser, Meere, ausgedachte Wesen!Quelle: Joanna Bator – Die Flucht der Bärin
Frauen und Fledermäuse
Auf der Welt hängt also viel mehr zusammen als wir in der Regel anzunehmen bereit sind. Doch wovon erzählen Bators Geschichten? Sie erzählen von Menschen, die einander fremd geworden sind. In „Die alten Schuhe“ verschwindet Michal, der Mann der Ich-Erzählerin eines Tages in den Bergen der kretischen Insel Vrachos. In „Batwoman“ kümmert sich eine Frau rührend um verletzte Fledermäuse, es werden mehr und mehr, und schließlich mutiert die Frau selbst zu einer Fledermaus. „Ich streckte mich und bewegte meine Schultern, spürte, wie die daran haftende feuchte Materie sich löste und spannte, sie war ein Teil von mir. Im Spiegel, der mein Bild nur in Weiß- und Grautönen wiedergab, sah ich an der Stelle, wo ich vorher ganz normale menschliche Schulterblätter gehabt hatte, zwei Fledermausflügel aus meinem Rücken wachsen.“Flügel! Ich breitete sie aus und faltete sie wieder zusammen, sie funktionierten hervorragend.Man könnte eine derartige Verwandlung als esoterisch und versponnen abtun. Doch Bators Rückgriffe auf Motive aus dem Märchen und der phantastischen Literatur sind motiviert von einer Sicht auf die Welt, in der Menschen die Tiere in gewisser Weise zwar beherrschen.Quelle: Joanna Bator – Die Flucht der Bärin
Ein Gefühl der Einsamkeit
Doch menschliche Intelligenz kann den Figuren oft nicht darüber hinweghelfen, dass sie sich einsam, unzugehörig und unverstanden fühlen oder in einem Dazwischen stehen, wie Gienio mit einem Körper aus dem verbotenen Land des Dazwischen, der nach der Geburt zum »Mädchen« gestempelt wurde, wie es in der Erzählung „Dich sehe ich“ heißt. Nur mit Weronika hat Gienio eine Zeit der Vertrautheit erlebt, die längst vergangen ist, und Gienio in noch größerer Einsamkeit zurücklässt.Ich habe mich nie wieder jemandem so geöffnet, es hat sich auch nie mehr jemand für mich interessiert.Quelle: Joanna Bator – Die Flucht der Bärin
Die Wahrheit des Traums
Sich in ein Tier zu verwandeln, mit Tieren zu sprechen könnte man in diesem Sinn also als psychische Entsprechungen von Unbewussten und Verdrängten begreifen. Auch seltsame Haarzöpfe, die aus verschlossenen Gefäßen wachsen, wenn man den Deckel öffnet, plötzlich auftretende starke Gerüche nach Aas und Domestos oder reifer Melone, sterbende Kinder, die sich mit Knollenblätterpilzen vergiftet haben und vor dem Gartentor einer Frau stehen und vor ihren Augen zerfallen, sind hier nicht dem Arsenal des Fantasykitsches entnommen. Bators Erzählen steht in einer langen Tradition von Texten und Filmen wie E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, Haruki Murakamis „Kafka am Strand“ oder Peter Weirs Kultfilm „Picknick am Valentinstag“ – und auf all diese Texte und Filme wird in einzelnen Erzählungen tatsächlich angespielt. „Es gibt mehr Dinge auf Himmel und Erden als eure Schulweisheit sich träumen lässt“, heißt es in William Shakespeares „Hamlet“. Auch Joanna Bators Erzählungen lehren uns das, sie entziehen sich der Logik und der Empirie. Ihre Wahrheit ist dennoch bezwingend, sie in der deutschen Übersetzung von Lisa Palmes zu lesen, ein Vergnügen, abgesehen von den Geschichten, in denen Bators Übersetzerin sich im Jargon der Jugend versucht und den Ton knapp verfehlt.The AI-powered Podcast Player
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