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Dec 18, 2024 • 23min
Mythos Phoenix - Feuer, Asche, Wiedergeburt
Der Mythos des Phönix fasziniert seit Jahrhunderten. Er steht für Wiedergeburt und Neuanfang, was in vielen Kulturen, einschließlich der ägyptischen und römischen, eine zentrale Rolle spielt. Die spannende Verbindung dieses Fabelwesens zur Literatur, besonders in der Harry-Potter-Reihe, wird beleuchtet. Zudem erfährt man, wie der Phönix in der frühen Christianität als Symbol für Auferstehung genutzt wurde und welche Veränderungen seine Symbolik in der modernen Popkultur durchlaufen hat. Ein packendes Thema über ein zeitloses Symbol.

Dec 18, 2024 • 23min
Was bringt nachhaltige Ernährung? Alles Natur
Die Ernährung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Klimakrise, insbesondere der Fleischkonsum. Eine überwiegend pflanzenbasierte Diät könnte eine Lösung sein. Die Landwirtschaft trägt erheblich zu Treibhausgasemissionen bei und regionale Lebensmittel sind der Schlüssel. In Kenia wird eine innovative, fischbasierte Diät zur Verbesserung der Gesundheit von Kleinkindern vorgestellt. Außerdem wird diskutiert, wie wir durch unsere Essgewohnheiten aktiv zum Klimaschutz beitragen können.

Dec 17, 2024 • 23min
Der Brunnen - Errungenschaft der Zivilisation
Der Brunnen wird als Schlüsselinnovation der Zivilisation betrachtet. Historische Brunnensysteme dienten früher als Wasserquelle und sozialer Treffpunkt. Archäologische Funde zeigen, wie sie das Leben von Gemeinschaften prägten. Technische Aspekte und Herausforderungen des Brunnenbaus werden untersucht, besonders in wasserarmen Regionen wie Jordanien. Die aktuelle Bedeutung von Brunnen für die Trinkwasserversorgung und die Notwendigkeit von Sanierungen stehen im Fokus. Alte Rituale und mythische Bedeutungen runden das faszinierende Bild des Brunnens ab.

Dec 17, 2024 • 23min
Tiefe Geothermie - Energie der Zukunft
Die tiefen Geothermie wird als vielversprechende alternative Heizquelle in Deutschland thematisiert. Seismische Untersuchungen helfen, den Untergrund besser zu verstehen, während geologische Modelle die optimale Platzierung von Bohrungen bestimmen. München nutzt bereits geothermische Wärme mit verschiedenen Temperaturquellen für effiziente Energieversorgung. Gleichzeitig werden die Herausforderungen und Chancen dieser Technologie diskutiert, einschließlich ihrer Rolle in der Fernwärmeversorgung und den potenziellen Umweltfolgen.

Dec 16, 2024 • 24min
Kloster Waldsassen - Die barocke Attraktion im Stiftland
Bernd Sommer, Erster Bürgermeister der Klosterstadt Waldsassen, teilt spannende Einblicke in die faszinierende Geschichte des Klosters Waldsassen. Er erzählt von der beeindruckenden barocken Architektur und der Rolle des Klosters als kulturelles Zentrum. Besonders interessant ist die Transformation des Klosters von einer Ruine zu einem blühenden Ort, einschließlich der Herausforderungen der Krise in der Porzellanindustrie. Sommer betont die Bedeutung von sozialen Initiativen und den touristischen Attraktionen, die heute Waldsassen prägen.

Dec 13, 2024 • 21min
Stalking - Wenn die „Liebe“ Wahnsinn ist
Prof. Harald Dreßing, Stalkingforscher und Leiter der Abteilung Forensische Psychiatrie am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit, beleuchtet die erschütternde Realität von Stalking-Opfern. Jeder Achte in Deutschland ist betroffen, oft aus der Nähe ihrer Ex-Partner. Die psychische Belastung und die Gefahren werden eindringlich schildert. Zudem wird die Komplexität des Täterverhaltens untersucht, dabei gibt es keine typische Stalking-Persönlichkeit. Notwendige Unterstützungsangebote und die Herausforderungen im Rechtssystem kommen ebenfalls zur Sprache.

Dec 12, 2024 • 22min
Improvisation als Lebenskunst - Der Sprung ins kalte Wasser
Alles von vorne bis hinten durchzuplanen, ohne Pannen und böse Überraschungen: für manche eine schöne und vor allem beruhigende Vorstellung. Doch leider funktioniert das Leben oft so nicht. Vieles kommt anders, als man denkt. Und dann ist es von Vorteil, wenn man die Kunst der Improvisation beherrscht. Von Karin Lamsfuß
Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Martin Trauner Es sprachen: Friedrich Schloffer, Irina Wanka Technik: Fabian Zweck Redaktion: Susanne Poelchau
Im Interview:Prof. Georg Bertram, Philosoph FU BerlinAndreas Wolf, Gründer und Leiter des Impro-Ensembles fastfood-theaterCarsten Alex, Aussteiger und CoachInes Klose, UnternehmerinRalf Promper, Leiter der Obdachloseneinrichtung SKM
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ZUM PODCAST
Linktipps:Georg Bertram; Michael Rüsenberg: Improvisieren! Lob der Ungewissheit, Reclam Verlag, 2021Andreas Wolf: Spontan sein. Improvisation als Lebenskunst. ComTeammedia, 2013
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O-Ton 1 Carsten Alex (0‘03“)
Die Zutaten waren in jedem Fall mal keinen Plan zu haben.
O-Ton 2 Carsten Alex (0‘04“)
Wir hatten also nur ein One-Way-Ticket: Stuttgart-Mailand-Mailand-Bombay…
O-Ton 3 Carsten Alex (0‘05“)
Es gab keine feste Planung, es gab auch keinen definierten Zeitpunkt, an dem ich wieder zurückkehren wollte.
O-Ton 4 Carsten Alex (0‘08“)
Das war wirklich von null auf tausend. Ich brauchte auch erst mal Zeit, um in diese Reise hineinzukommen. In dieses Planlose, in dieses Gelassene.
O-Ton 5 Andreas Wolf (0‘10“):
Und das hat viel mit Improvisation zu tun, nämlich das Loslassen. Ein guter Improvisateur kann loslassen, der schlechte Improvisateur - in Anführungsstrichen - kontrolliert.
Musik weg
Sprecher:
Ungeplant, spontan, kreativ, ohne Struktur, aus dem Moment heraus – all das sind Merkmale der Improvisation: Wenn die Präsentation auf dem Rechner plötzlich zerschossen ist, wenn das Kind auf der langen Autofahrt nölig wird, wenn das Gepäck auf dem Flug verloren geht, wenn plötzlich Gäste kommen und der Kühlschrank gähnend leer ist – das sind nur wenige Beispiele für die unzähligen Herausforderungen im Leben, in denen Improvisation gefordert ist.
Sprecherin:
Improvisation ist ziemlich anspruchsvoll, sagt Andreas Wolf, Gründer des Münchner Impro-Theater-Ensemble „fastfood-Theater“. Denn es geht dabei gleich um mehrere Dinge: Kontrolle abgeben. Bekannte Strukturen verlassen. Mut aufbringen. Und Gelassenheit:
O-Ton 6 Andreas Wolf: (0‘16“)
Also Gelassenheit heißt: getragen werden. Schwimmen lerne ich ja, indem ich vertraue, dass ich oben schwimme. Ich muss gar nicht viel machen, aber ich brauche das Vertrauen. Weil wenn ich strampele aus Angst, gehe ich runter und das ist ja dieses Vertrauen in das Leben.
Musik, dann darüber:
Sprecherin:
Vertrauen ins Leben. Mut zur Ungewissheit, Mut zur Improvisation. Das war Carsten Alex nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Zunächst ergriff er einen Beruf, der für das genaue Gegenteil steht: klare Regeln, Struktur, Vorhersehbarkeit. Carsten Alex war Schalterbeamter bei der Post.
Irgendwann fühlte ich die klassische Beamtenlaufplan zu eng an. Er studierte BWL, machte danach Karriere bei einem großen Automobilhersteller. Mit 32 hatte er (alles) : Geld, Macht und Einfluss. Und trotzdem rumorte es weiter in ihm. So dass er eines Tages den Sprung ins kalte Wasser wagte.
O-Ton 7 Carsten Alex (0‘14“):
Gekündigt, Hab und Gut verkauft, meine sehr persönlichen Dinge hab ich eingelagert, und dann bin ich mit einem Rucksack gestartet. Also ich hab mein vorher sehr Konsum- und Material-orientiertes Leben von jetzt auf gleich verändert.
Sprecherin:
20 Monate war Carsten Alex unterwegs. Gemeinsam mit einem Freund. Mongolei, China, Nepal, Indien, China, Loas, Kambodscha. Später Südamerika. Sie ließen sich treiben. Planten maximal bis zum nächsten Tag.
O-Ton 8 Carsten Alex (0‘30“)
Gerade das Berufsleben in der Gegenwart erfordert ja ne hohe Zielstrebigkeit, ne hohe Präzision, durchaus auch Planung. Und mal festzustellen, dass das Leben mal ne ganz andere Qualität erreichen kann wenn die Dinge nicht so durchgeplant sind, dass ich Menschen eine Chance gebe, dass ich Begegnungen und Zufällen eine Chance geben kann und nicht immer von dem einen zum nächsten Termin hetzen muss. Und ich habe neun Monate gebraucht um die lange-Weile genießen zu können.
Sprecherin:
20 Monate lang Improvisation, 20 Monate Leben aus dem Moment heraus. Oft wussten er und sein Freund nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen würden. Es gab dauernd unerwartete Situationen. Beispiel: Bangladesch. Generalstreik, begleitet von Straßenkrawallen. Nichts ging mehr.
O-Ton 9 Carsten Alex (0‘24“)
In Bangladesch hatten mich hatten mich vier junge Burschen gefragt, ob ich nicht bei ihnen wohnen möchte. Und ich war verdutzt: „Wie? Wo?“ „Ja, bei meiner Familie!“ Und hab zwei Sekunden nachgedacht und hab gesagt „Ich mache es!“ Und diese fünf Tage in einem muslimischen Haushalt zu erleben und dort Gast zu sein, das hat mich sehr stark berührt. Und in meiner verkopften Welt hier wäre ich dem so nicht nachgegangen!
Musikzäsur
Sprecher:
Das Wort „Improvisation“ wird in mehreren Zusammenhängen benutzt: Erstens: Handeln aus dem Moment heraus, ohne Vorbereitung, aus dem Stehgreif. Zweitens: Spontane Lösungen für unvorhersehbare Probleme finden. Drittens: Kreativer Umgang mit dem Mangel. Also aus „nichts“ etwas zaubern.
Zurück geht das Wort auf das Italienische „all improvviso“. Plötzlich. Abrupt. Unerwartet. Ist Improvisieren also ein relativ neues Phänomen? Schließlich hat die italienische Sprache in ihrer heutigen Form ihren Ursprung im 14. Jahrhundert.
Sprecherin:
Nein, sagt der Philosoph Prof. Georg Bertram, der das Buch „Improvisieren – Lob der Ungewissheit“ geschrieben hat. Er sagt: Improvisieren gehörte schon immer zum Menschsein dazu.
O-Ton 10 Georg Bertram (0‘21“):
Denken wir an Heraklits berühmtes „Alles fließt“. D.h. wenn alles fließt, wenn alles nicht fest ist, heißt das, dass wir im Grunde uns darauf einstellen können, dass das unsere wesentlichen Fähigkeiten sind, auf das sich stets Verändernde zu reagieren. D.h. wir, die wir im Fluss sind oder wo auch immer, sind stets mit sich verändernden Realitäten konfrontiert.
Musikzäsur
Sprecher:
Auch wenn es dem einen leichter und der anderen schwerer fällt: Jeder Mensch muss im Alltag improvisieren. Keiner kommt ohne diese Fähigkeit durch Leben.
Sprecherin:
Es beginnt, so Georg Bertram, bereits in jedem halbwegs anspruchsvollen Gespräch, das über den einfachen Small-Talk herausgeht.
O-Ton 11 Georg Bertram (0‘24“)
Denken wir an einen Beziehungskonflikt. Wenn ich mit dem Partner der Partnerin über irgendwas, was im Argen liegt, beginne ernsthaft zu streiten, ist ganz klar, dass ich nicht weiß, was sie vorbringen wird, was er vorbringen wird, und darauf reagieren zu können. Und zwar auf ne angemessene Art und Weise reagieren zu können. Wenn im Grunde ich mir so ein paar Schema-Antworten zurechtlege, wird das Gespräch notwendigerweise schief gehen. Weil die Schema-Antworten nicht passen.
Sprecherin:
Andreas Wolf sagt: Zur Improvisation braucht man Neugier, Offenheit und Mut. Der Impro-Theater-Gründer lehrt das auch in Workshops für Menschen, die lernen möchten, beruflich oder privat besser und leichter zu improvisieren.
Eine einfache Übung, die auch jeder zuhause nachmachen kann, sind Wortspiele:
O-Ton 12 Andreas Wolf (0‘15“)
Die Vorgabe ist: Ich stehe mit meinem Partner in der Küche und soll Spaghetti kochen. Dann sage ich „Wir“, sagt der andere „gehen“, sage ich „zum Schrank und öffnen die Schublade“
Sprecherin:
So weit so gut. Und dann kommt eine Störung. So wie das Hindernis im richtigen Leben. Das Gegenüber wirft das – zunächst unsinnig klingende - Wort „Oper“ ein.
O-Ton 13 Andreas Wolf (0‘29“)
Okay, gut. Wir gehen zur Oper. Und dann suche ich vielleicht in der Oper eine Location, ein Restaurant, das Opernrestaurant und gehe dort in die Küche und fang dort in der Opernküche an zu kochen. Vielleicht in der Kantine von der Oper, vielleicht im Restaurant, von der Oper. Oder vielleicht stehe ich auf der Bühne, dass wie es halt kommt. Ich versuche immer, alles ganz in die Aufgabe zu integrieren, nämlich zum Beispiel in der Küche irgendwas zu kochen, Spaghetti zu kochen. Jetzt bin ich in der Oper gelandet. Gut, wir kochen Spaghetti auf der Bühne und singen dabei „O sole mio“.
Ggf. hier „o sole mio“ , falls das nicht zu platt ist.
Sprecher:
Improvisation ist wie ein Tanz: der eine sagt etwas, die andere reagiert. Die eine tut etwas, der Andere nimmt den Impuls auf. Im Impro-Workshop in Wortspielen, im Leben in einem kreativen Gedankenaustausch.
Sprecherin:
Improvisation ist nichts, was im luftleeren Raum stattfindet, sondern ist oft das Ergebnis einen guten und verbundenen Miteianders, so der Philosoph Georg Bertram: In der Musik, im Tanz, beim Impro-Theater, bei Mannschaftssport, im konstruktiven Dialog: Immer ist es wichtig, auf die Töne des anderen zu hören.
O-Ton 14 Georg Bertram (0‘40“)
Zu dem falschen Bild von Improvisation gehört aus meiner Sicht, das wir denken: Das Improvisieren geht wesentlich aus einer isolierten Reaktion aus irgendwas, womit wir konfrontiert sind, hervor; und ich glaube, das richtige Bild ist, dass wir im Grunde jede Reaktion im Improvisieren als einen Impuls für weitere Reaktionen zu verstehen haben. So dass es gar nicht um ein einfaches Reagieren, sondern um ein Verbundensein von Reaktionen geht. Und das heißt, dass das Improvisieren ein soziales Moment hat, d.h. dass Improvisieren wesentlich dieses Sich-Konfrontieren mit einer Perspektive und mit Impulsen, die von anderen ausgehen, bedeutet. Und dass in diesem Sinne improvisatorische Fähigkeiten hochsoziale Fähigkeiten sind.
Musikzäsur geht über in Küchenatmo, dann darüber
Sprecherin:
Berge von Zucchini, Paprika, Aubergine, Staudensellerie, Rote Rübe, Pastinake türmen sich auf den Arbeitsflächen der Großküche. Der Duft von frisch gehackter Petersilie, Minze, Basilikum und Thymian wabert durch die Luft
O-Ton 15 Ines Klose (0‘22“)“
Die kochen hier freitags immer das ganze Gemüse weg, damit die Kräuter nicht weggeworfen werden müssen, was kriegen wir eigentlich heute? Koch: Eine Gemüsepfanne. Eine mediterrane Gemüsepfanne. Mit viel frischen Kräutern. Und dazu gibt’s nen Bulgur.“ Und da haben wir ein paar Kirschtomaten… (O-Ton geht weiter)
Darüber Sprecherin:
Ines Klose ist eine wahre Improvisationskünstlerin. Sie hat mit Ihrem Catering-Unternehmen das geschafft, wovon alle sagen: Das kann nicht klappen! Sie kocht gesunde und vollwertige Kita- und Schulverpflegung zu einem Verkaufspreis um die drei Euro. Dafür muss sie an allen Ecken und Enden improvisieren: die Brühen sind selbst gemacht, das Brot selbst gebacken, sämtliche Reste werden verwertet, sie verzichtet grundsätzlich auf Convenience-Produkte. Kein Zucker, keine Geschmacksverstärker. Die Kinder, die bis dato vor allem auf Junk Food standen, mussten mit viel Kreativität überzeugt werden von der gesunden Vollwert-Küche.
O-Ton 16 Ines Klose (0‘19“)
Es war nicht einfach. Die Kinder schrien gerade in den sozialen Brennpunkten nach Fritten, Hotdogs, Hamburger, Döner, jooo… wir sind ihnen manchmal so ein bisschen entgegengekommen, nicht indem wir uns verraten haben, sondern dass ich versucht habe, aus unseren Gewürzen den Geschmack genauso herzustellen, wie er im Grunde genommen dann eigentlich auch an der Frittenbude zu erhalten ist!
Sprecherin: Es erforderte viel Kreativität und Improvisationskunst den massiven Widerständen zu begegnen.
O-Ton 17 Ines Klose (0‘19“)
Oder wenn sie schreien „die Linsensuppe, die wollen wir nie wieder haben!“, dann gehe ich da hin: Wie machen wir das denn? Und dann nehmen wir vier Kinder, die, die am lautesten geschriene haben „Die Linsensuppe wollen wir nicht!“ und dann koche ich mit den vier Kindern Linsensuppe für die komplette Schule, und dann sind die so stolz, und es schmeckt ihnen, und dann mag die ganze Schule auf einmal Linsensuppe!
Sprecherin:
Heute hat Ines Klose 14 festangestellte Mitarbeiter und kocht mit ihrem Team 2.000 Schulessen am Tag.
Musikzent:
Sprecher:
Um die Ecke denken, neue Wege gehen. Kreativ werden, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen. Das ist die hohe Kunst der Improvisation.
O-Ton 18 Andreas Wolf (0‘22“)
Also wir haben ja so eine Linearität in unserem Handeln drin und in diese Linearität, von der wir glauben, dass sie einen bestimmten Weg hat, kommt ein Hindernis. Man hat was anderes geplant. Und der Umgang damit und die Leichtigkeit, mit der ich das hinbekomme, ist halt die Kunst der Improvisation. In dem Moment, wie ich trotzdem zu meinem Punkt B komme und gehe mit dem, was mir da in den Weg kommt, leicht um.
Sprecherin:
Ines Klose gibt kostenlose Kochkurse für Kinder und Jugendliche, wirbt auf Elternabenden mit ihrer gesunden Vollwertküche. Zwölf Jahre Improvisationskunst. Niemand glaubte an ihre Idee. Einen Gründungskredit gab es nicht. Anfangs habe sie dabei draufgezahlt, erzählt sie.
O-Ton 19 Ines Klose (0‘11“)
Ich habe die Firma aufgebaut mit nichts, ich weiß sogar, was es heißt, manchmal etwas zu wenig zu essen zu haben. Aber wenn man so was erlebt, dann weiß man auch, wie es geht: Wie man aus Nichts was kocht!
Musikzent
Sprecher:
Aus nichts etwas zaubern: Das ist ein weiterer Aspekt der Improvisation. Heute, wo wir fast alles im Overnight-Service bestellen können, ist diese Fähigkeit kaum noch gefordert. Früher aber, in Zeiten des Mangels, der Knappheit und der Armut war Improvisationskunst überlebens-notwendig.
Über Musik
Sprecher:
„Arme Ritter“ aus altbackenen in Rahm und Eiern eingeweichte Brötchen. Oder Brotsuppe. Das sind Gerichte, die im Mangel entstanden sind. Aus Resten, die vielleicht noch in der Vorratskammer zusammengekratzt wurden. Und weil es keine Kühlschränke gab, wurde fermentiert oder geräuchert. Oder Lebensmittel im natürlichen Erdkühlschrank durch den Winter gebracht. Musik weg
Sprecher:
Was damals aus der Not heraus improvisiert wurde, ist heute Bestandteil einer wiederentdeckten Kultur. Die alten Techniken finden immer mehr Anhänger.
Sprecherin:
Der Philosoph Georg Bertram betont jedoch: Improvisation funktioniert nie aus einer Art Nullzustand heraus. Sondern sie greift immer zurück auf Fähigkeiten, die der- oder diejenige zuvor bereits erworben hat:
O-Ton 20 Georg Bertram (0‘17“)
D.h. ich muss mir Fähigkeiten angeeignet haben zu reagieren, überhaupt praktisch tätig zu sein. Und in diesem Moment auch zu nutzen. Ich muss aber auch Fähigkeiten haben, so einen Moment zu erkennen. Und insofern würde ich sagen: Das Improvisieren ist bei Lichte gesehen etwas, das eine hohe kulturelle Errungenschaft darstellt.
Sprecher:
Analogien bilden. Um die Ecke denken. Dinge miteinander kombinieren, die bislang noch nichts miteinander zu tun hatten. Den Geist weiten.
All das kann man lernen – etwa in Impro-Theater Workshops. Man kann aber bereits bei Kindern diese Fähigkeit fördern, so Andreas Wolf vom Impro-Theater fastfood. Oder eben schon früh im Keim ersticken:
O-Ton 21 Andreas Wolf (0‘32“)
Man kann den Kindern fertige Dinge geben, also Dinge, wo sie ihre Fantasie nicht mehr benutzen müssen. Man könnte aber auch denen einen Legostein hinsetzen, dann baue ich mir was und dann fange ich an meine Fantasie, meine Welt hinein zu leben. Und das ist natürlich, da kommt Poesie natürlich ins Spiel. Und auch der Aspekt der Schönheit und Ästhetik, finde ich.
[[ Und das ist etwas, was man Kindern leider über die Art zu konsumieren oft vorenthält in dieser Welt. Dass sie über wenig oder offene Dinge, mit denen sie spielen, ihre Fantasie entwickeln können.]]
Musikzäsur
Sprecher:
Die Anlage zur Improvisation hat im Prinzip jeder. Es geht nur darum, diese Fähigkeit einzuüben, zu stärken und sie sich überhaupt zuzutrauen. Wer nicht alles durchplant, sondern Leerstellen im Alltag lässt, mal andere Wege geht, neue Dinge ausprobiert, phantasievoll rumspinnt und tagträumt, ebnet den Weg dorthin.
Möglicherweise ist das eine gute Vorbereitung, der schweren Krisen umzugehen. Mit Ausnahmesituationen, für die es keine Blaupause gibt:
Sprecherin:
In der Corona-Pandemie wurde die Improvisationskunst der Menschen weltweit auf eine , harte Probe gestellt. Niemand konnte auf eingespielte Abläufe zurückgreifen. In Kliniken, Altenheimen, Unternehmen, Schulen, Familien… fast überall wurde zwangsweise improvisiert.
Atmo Bahnhofsvorplatz
Sprecherin:
Frühjahr 2020. Der erste Lockdown. „Stay home“ ,. Die Leute sollten zuhause bleiben. Doch was, wenn man gar kein Zuhause hat? Für die Obdachlosen war der Lockdown eine existenzielle Herausforderung. Irgendwie hatte man sie vergessen… In den menschenleeren Innenstädten konnten sie weder Flaschensammeln, noch einen Euro erbetteln. Alle Hilfseinrichtungen waren geschlossen. Für die Obdachlosenhilfe des SKM, den Sozialdienst katholischer Männer, hieß das: , Man mute sich etwas Neues einfallen lassen. Im großen Stil improvisieren.
Atmo Bahnhofsvorplatz noch mal hoch
Sprecherin:
Der SKM verlagerte sein Hilfsangebot spontan ins Freie, auf den Bahnhofsvorplatz. Stellte dort ein paar Duschzelte auf, baute eine ellenlange Tafel auf und verteilte während des Lockdowns insgesamt 16.000 Lunchpakete. Kamen vorher täglich 40 Obdachlose zum Essen, waren es plötzlich 400 – weil alles geschlossen war. In der Not öffneten sich neue Türen: In dieser Zeit passierte vieles, so erinnerte sich der Leiter Ralf Promper, was zuvor undenkbar gewesen wäre.
O-Ton 22 Ralf Promper (0‘10“)
Nebenan hatten wir ein Hotel, die mussten zumachen. Die hatten Lebensmittel übrig. Und dann kam die Frage „Was braucht ihr denn noch?“ Und die Passanten kamen dann mit dem Fahrrad, mit dem Auto und haben die Sachen dann vorbeigebracht.
Sprecherin:
Die lange Schlange aus 400 Menschen machte die Not sichtbar, die vorher mehr im Verborgenen stattgefunden hatte. . Das löste bei vielen Passanten den spontanen Wunsch aus, mitzuhelfen.
O-Ton 23 Ralf Promper (0‘18“):
Ganz viele Leute, die ihren eigenen Beruf nicht ausüben konnten: Lehrerinnen, Lehrer, Leute von der Oper, die wollten was Sinnvolles tun und haben dann einfach bei der Lebensmittelverteilung und bei der Kaffeeausgabe mitgeholfen, und das sind Leute: Gleich, wenn wir wieder öffnen, da ist auch jemand, der ist hängen geblieben.
[[ Atmo Kontaktstelle
Sprecherin:
Zu den „Hängengebliebenen“ gehört Laura, eine 30jährige Sozialarbeiterin. Sie wurde während Corona arbeitslos, musste sich etwas einfallen lassen und half bei der Obdachlosenhilfe mit. Obwohl sie heute wieder einen Job hat, kommt sie nach wie vor stundenweise vorbei:
O-Ton 24 Laura (0‘28“)
Mir persönlich macht das deshalb so viel Freude, weil ich es wichtig finde zu sehen, dass viele Leute viel Pech hatten und deswegen in einer Situation sind, die für mich so auch nicht nachvollziehbar ist, und zu sehen, dass ich mit so wenig – mit Freundlichkeit, mit Strahlen in den Augen, mit Respekt und Gesprächen auf Augenhöhe viel geben kann, dass die Leute das dankbar annehmen, dass sie sich freuen, dass man mit ihnen spricht, ohne Vorurteile.]]
Sprecher:
Viele gute Ideen wurden damals aus der Not geboren. Die Pandemie setzte ungeahnte Potentiale frei: an spontaner und kreativer Improvisation. Klar ist: Es wurden schwerwiegende Fehler gemacht. Alte Menschen sind einsam auf Intensivstationen gestorben, Kinder durften monatelang nicht in die Schule, Ungeimpfte wurden unter Druck gesetzt. Es gibt zahlreiche Punkte, die heute scharf kritisiert werden.
Musikakzent
Sprecher:
Das ist die Schattenseite der Improvisation. Sie kann schief gehen. Man kann scheitern beim Sprung ins kalte Wasser.
Sprecherin:
Das, so Andreas Wolf, Leiter des Impro-Theater-Ensembles fastfood, sei die größte Herausforderung. Und gleichzeitig auch die größte Angst derer, die seine Impro-Workshops besuchen.
O-Ton 25 Andreas Wolf (0‘35“)
Angst ist ja das ganz, ganz große Hindernis, die Angst zu scheitern. Und das ist etwas, was ich in – weiß nicht - Tausenden von Kursen ständig bemerke, dass die Prägung, die wir in unserer Kultur haben, die Schulprägung, wo es nur um falsch und richtig geht, dass die die Menschen wirklich aus ihrer, aus ihrem Potenzial nimmt. dann bleibt sofort der Atem stehen, die Leute kriegen Schreck, und da ist die Angst, da ist die Angst zu scheitern. Das ist wirklich tief sitzend und das Umzupolen ist wirklich ein langer Weg.
Musikakzent
Sprecherin:
Auch bei Carsten Alex, der 20 Monate lang ohne Plan durch die Welt gereist ist, lief nicht alles rund. Seine Spontaneität, seine Offenheit wurde an manchen Stellen zur Blauäugigkeit.
O-Ton26 Carsten Alex (0‘29“)
Ne weniger schöne Situation – es war ja nicht alles nur himmelblau und rosa: als ich seinerzeit in Mexiko-City war, bin ich einem Trickbetrüger aufgesessen, der mir glaubhaft versicherte, dass er gerade überfallen worden wäre, und ich in meiner unendlichen Seligkeit und hab dem Mann dann tausend Dollar geliehen, damit er seinen Notfall löst. Ich hab nicht eine Minute drüber nachgedacht, dass das eventuell gefakt sein könnte. ((Und die tausend Dollar hab ich dann abschreiben dürfen. ))
Sprecherin:
Trotz alledem will er sein improvisiertes Abenteuer um nichts auf der Welt missen. Die Zeit hat eine tiefe Prägung hinterlassen: Obwohl er nach seiner Rückkehr wieder bei dem Automobilhersteller anfing, hat er kurz darauf seinen Job geschmissen. Er kam mit den festen Strukturen nicht mehr klar und arbeitet heute freiberuflich als Autor und Trainer.
Musikzäsur
Sprecherin:
Für Andreas Wolf ist Improvisation keine Verlegenheitslösung, sondern eine Lebenskunst. So heißt auch sein gleichnamiges Buch. Er möchte Menschen Mut machen, Strukturen zu verlassen, den Moment zu „packen“ mit seinen Chancen. Und dabei das Funktionale ab und an mal über Bord zu werfen. Frei nach dem Motto:
Sprecher:
Leben ist das, was passiert, während man Pläne macht!
O-Ton 27 Andreas Wolf (über Musik) (0‘21“)
Da komme ich aber nur hin, wenn ich selber beweglich bin. Es ist ja eben auch eine Lebenskunst. Und in der Kunst steckt ja auch immer etwas, was mit Schönheit zu tun hat. Es geht darum, die Schönheit in der Partnerschaft, in der Kommunikation, in der Beziehung zu entdecken, in der Kooperation. Dann kommt auch die Großzügigkeit dazu. Und erst in diesem Fall wird der Geist weit.
Musik noch mal hoch
O-Ton 28 Andreas Wolf (0‘23“):
Am Ende sage ich auch immer: Wann bin ich authentisch? Wenn ich spontan reagiere, weil dann reagiere ich aus mir heraus. Dann verstelle ich mich nicht. Wenn ich spontan bin, verstelle ich mich nicht. Und was lieben die Menschen mehr als einen spontanen Menschen? Die anderen mögen das. Wir mögen es auch, wenn jemand spontan ist und so, wie er ist, weil wir dann sofort einen Zugang haben. So ist er oder sie genau so! Da ist keine Verstellung! Und da komme ich bei mir selber an!

Dec 12, 2024 • 23min
Ludwig Hirsch - Dunkelgraue Lieder aus Wien
Der Wiener Liedermacher Ludwig Hirsch gewann mit seinen dunkelgrauen Liedern Kultstatus. Sie waren seine Antwort auf das graue Wien mit "seiner Zentralfriedhofs-Atmosphäre und seinem Altweiber-Faschismus". Die melancholischen Melodien seiner Lieder verwandelte er mit seinen bissigen Texten zu akustischem Theater. Von Frank Halbach (BR 2023)
CreditsAutor dieser Folge: Frank HalbachRegie: Frank HalbachEs sprachen: Irina Wanka, Thomas BirnstielTechnik: Wolfgang LöschRedaktion: Susanne Poelchau
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Literaturtipps:
Cornelia Köndgen: Mit einem kleinen Schuss ins Rot: Die Jahre mit Ludwig Hirsch. Wien 2013.
Andy Zahradnik/Cornelia Köndgen/ Johann M. Bertl: I lieg am Ruckn – Erinnerungen an Ludwik Hirsch. Wien 2016.
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Dec 11, 2024 • 22min
Kultur des Todes - Geschichte des Friedhofs
Grabstätten gehören zu den ältesten Zeugen menschlicher Zivilisation: Von Gräberfeldern und Nekropolen entwickelten sie sich mit der Christianisierung zum Friedhof. Dieser Ort des Gedenkens wandelt sich heute mehr und mehr zu einem Schauplatz, der das menschliche Streben nach Individualität widerspiegelt. Von Frank HalbachCredits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Ditte Ferrigan, Stefan Wilkening, Ines Hollinger Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler (Soziologen und Thanatologen), Universität PassauProf. Dr. Dr. Ina Wunn, Religionswissenschaftlerin und Biologin
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Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit
Wie gehen wir mit unserer Sterblichkeit um? Wie hängen Lebenskunst und Wissen um die eigene Endlichkeit zusammen? Welche Rolle spielt der Trost der Religion? Antworten aus der Psychoanalyse und der Philosophie. (BR 2018) Autorin: Inka Kübel HIER ENTDECKEN
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Literatur:
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Körper - Kultur - Konflikt: Studien zur Thanatosoziologie (Thanatologische Studien - Thanatological Studies). Baden-Baden 2021.
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe. Ungewöhnliche Grabsteine. Eine Reise über die Friedhöfe von heute. Köln 2014.
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Game Over. Neue ungewöhnliche Grabsteine. Köln 2016.
Ina Wunn , Patrick Urban , et al.: Götter - Gene - Genesis: Die Biologie der Religionsentstehung. Heidelberg 2015.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATORIN
Noch niemals hat mich so wie heut
Des Todes Poesie gerührt,
Da mich mein Pfad beim Nachtgeläut
Zum engen Friedhofstor geführt.
SPRECHER
Ein Raum für ungestörtes Totengedenken: der Friedhof.
ZITATORIN
Wie liegen sie so still und traut,
Umglüht vom gleichen Abendschein,
Vom gleichen Lenzduft übertaut,
Die blumenbunten Gräberreih’n,
SPRECHER
Dichtet Frida Schanz, eine der beliebtesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen vor dem Ersten Weltkrieg, über den Friedhof, einen von den Lebenden abgegrenzten Ort.
MUSIK ENDE
O-Ton 2 Meitzler (16:58)
Dieses Image als düsterer, weltvergessener Ort…
SPRECHERIN
Der Totenacker, das Gräberfeld, die Gruft, das Mausoleum, die letzte Ruhestätte…
SPRECHER
Ein Ort des Gedenkens, der Einkehr und der Trauer.
O-Ton 3 Meitzler (13:13)
Friedhof ist eben nicht nur der Ort, der Trauer und der Melancholie, sondern es kann auch durchaus ein sehr lebendiger Ort sein, den man auch zu ganz anderen Zwecken aufsuchen kann.
SPRECHERIN
Ein heiliger Ort
O-Ton 4 Benkel (03:11)
Friedhöfe haben eine ganz klassisch profane Funktion, sie sind Speicherstätten für tote Körper. Die müssen ja irgendwohin. (…) 03:32 Ganz profan pragmatisch. Wird dann natürlich mehr oder minder intensiv, je nachdem, wo man ist, durch Ritualität, Zeremonien und so weiter aufgewertet. Wobei das heutzutage nicht mehr so eine große Rolle spielt.
SPRECHER
Dr. Thorsten Benkel. Er und sein Kollege Matthias Meitzler, beide am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Passau, sind Thantologen.
SPRECHERIN
Sie forschen zu den Themenfeldern Sterben, Tod und Trauer. Matthias Meitzler:
O-Ton 5 Meitzler (01:24)
Im Prinzip sämtliche Facetten dieser ganz großen Thematik. Das geht los beim Sterben. Das führt zu der Frage: Was passiert eigentlich mit einem toten Körper? Wie wird heutzutage bestattet? Wie sind Gräber gestaltet? Und was kann man denn ganz allgemein sagen: Wie hat sich das Verhältnis zu Sterben, Tod und Trauer verändert? Das ist so ein Forschungsschwerpunkt von mehreren, und den bearbeiten wir seit einiger Zeit sehr intensiv.
MUSIK 2 ; ZEIT: 00:25
SPRECHERIN
Grab- und Kultstätten sind gehören zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Zivilisation.
SPRECHER
Schon seit der frühen Steinzeit bestatten Menschen ihre Toten. In der frühesten Epoche der Menschheitsgeschichte entstehen verschiedene Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod und Ahnenkult.
MUSIK ENDE
O-Ton 6 Wunn (01.37)
Am Anfang war der Tod.
SPRECHERIN
Sagt Dr. Dr. Ina Wunn, Biologin und Professorin für Religionswissenschaft.
SPRECHER
Archäologischen Funde früher Bestattungen, in Form demonstrativer Gräber, gelten gemeinhin als Beweisstücke für die ersten menschlichen Vorstellungen vom „Übersinnlichen“.
SPRECHERIN
Dabei haben sie zunächst einen ganz diesseitigen praktischen Zweck:
O-Ton 7 Wunn (02.18)
Wenn man das Ganze aber aus einer biologischen Warte betrachtet oder auch aus einer ethnologischen Warte, dann wird man feststellen: Diese demonstrativen Grabstätten gibt es immer da, wo Territorien markiert werden. Also da, wo Völker leben, oder Stämme leben, oder Gruppen leben, die Jäger sind und Sammler und die auf ein großes Territorium angewiesen sind. Und die markieren mit den Begräbnissen einfach das Land, was sie für sich zum Jagen und zum Sammeln beanspruchen. Und genau so haben das bereits vor 90.000 Jahren die ersten Bewohner Europas gemacht. Haben also einfach ihre Toten bestattet, haben unter Umständen den Schädel, den sie vorher schön säuberlich bearbeitet hatten, also alles Fleischige davon entfernt, haben sie auf die Begräbnisstätte gelegt, um deutlich zu machen, hier sind wir schon, dieses Land haben wir von unseren Vätern und Großvätern ererbt, das ist unseres.
ZITATORIN
Die erste Haltestelle im Jenseits.
SPRECHERIN
Zunächst einfach eine Grenzmarkierung.
MUSIK privat Take 003 „Ancient Mystery“; Album: Ancient Atmospheres; Label: 2011 Network Music; Interpret: Network Music Ensemble; Komponist; Network Music Ensemble; ZEIT: 01:50
SPRECHER
Mit der Entfaltung der ersten Hochkulturen entwickelte sich ein regelrechtes Bestattungswesen.
ZITATORIN
Die Geheimnisse der Unterwelt, die Initiation in die Mysterien des Totenreichs, Berge aufzubrechen und Täler aufzuschließen, Geheimnisse, die niemand kennt zur Behandlung des Verstorbenen…
SPRECHER
Heißt es im ägyptischen Totenbuch, entstanden um 2.500 vor Christus. Im Alten Ägypten e erblühte ein ausgeprägter Totenkult mit Pyramiden, dem Tal der Könige und Nekropolen für die kunstvoll mumifizierten Leichen von Pharaonen, Würdenträgern und Beamten als letzte Ruhestätten.
ZITATORIN
Eikōn hē lithos
Eimi. tithēsi me
Seikilos entha
mnēmēs athanatou
sēma polychronion
darüber
Ich bin ein Bild
in Stein; Seikilos stellte
mich hier auf,
in ewiger Erinnerung,
als zeitloses Symbol.
SPRECHERIN
Im antiken Griechenland, Kreta und Kleinasien entstanden Orte außerhalb des städtischen Lebens, an denen die Toten bestattet wurden: Gräberfelder oder Felsengräber. Nicht selten erbaute man in der Nähe ganze Tempelbezirke, wo Rituale zu Ehren der Toten vollzogen wurden.
ZITATORIN
honc oino ploirume cosentiont Romani / duonoro optumo fuise viro
darüber
Dieser ganz allein, so stimmen die meisten Römer überein / sei der allerbeste Mann gewesen.
SPRECHER
Lautet die Inschrift auf dem Grab des Konsuls Lucius Cornelius Scipio aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Die Römer schließlich organisierten ihre Grabstätten auf unterschiedlichste Art und Weise. Die Reichen ließen sich gerne entlang von Ausfallstraßen bestatten, wo sie prächtige Gedenktafeln, monumentale Stelen oder prunkvolle Mausoleen errichten ließen.
Die Kapitale Rom barg außerdem eine ganze unterirdische Totenstadt, in deren Katakomben über 850.000 gesellschaftlich nicht ganz so hochstehende Verstorbene in Nischen eingemauert wurden.
MUSIK ENDE
ATMO Glocke
SPRECHERIN
Die Christianisierung machte dann Schluss mit Gräbern außerhalb der Siedlungen. Sowohl die auf germanisch-keltischer Tradition beruhenden außerörtlichen Gräberfelder als auch die Feuerbestattung wurden als heidnisch verurteilt.
SPRECHER
Es war Zeit für die letzte Ruhestätte im eingefriedeten Kirchhof, im geweihten Bereich der Kirchengebäude. Ein Ort der Ruhe und der Besinnung…
ATMO ENDE
MUSIK 4 „Saltarello“; ZEIT: 00:20
ZITATORIN
Gespannte Leinen zum Trocknen der Wäsche, beim Spielen laut schreiende Kinder, streunende Hunde, zechende, kartenspielende und raufende Soldaten…
MUSIK ENDE
O-Ton 8 Meitzler (17:41)
Denn im Mittelalter war der Friedhof eben nicht am Rand, sondern er war im Zentrum der der Stadt oder des Dorfes. Da ging man fast täglich hin, zumindest einmal wöchentlich, wenn man noch zur Kirche gegangen ist. Da haben dann teilweise Märkte stattgefunden, auf den Friedhöfen aus. Da pulsierte das gesellschaftliche Leben, und das kann man jetzt eben schon seit längerer Zeit nicht mehr sagen. Da kann man schon überlegen, ob das auch was zu tun hat mit der vielzitierten Verdrängung des Todes.
SPRECHER
Ruhiger lag man im Altarraum oder in der darunter liegenden Kirchengruft - ein hohes Privileg, das lediglich der Familie des Kirchenstifters, dem Kirchherren oder kirchlichen Würdenträgern zustand. Nur die Wohlhabendsten konnten sich ein Begräbnis innerhalb der Kirche leisten.
SPRECHERIN
Der Tod machte also keineswegs alle gleich: Ständische oder soziale Unterschiede setzten sich auf dem Kirchhof fort. Je höher der Status, desto näher wurde man an der Kirche begraben.
SPRECHER
Unterschiede, die selbstverständlich auch in Aufwand und Pracht der Grabgestaltung schnell sichtbar werden.
MUSIK 5 „Kyrie“; ZEIT: 01:20
SPRECHERIN
Und das Grabmal gewinnt an künstlerischer Bedeutung. Die Gräber der oberen Zehntausend im Chor und in anderen Bereichen der Kirche sind natürlich auch am besten erhalten. Grabplatten sind die ältesten und zahlreichsten bewahrten Grabmäler. Inschriften darauf verraten Namen und den Todestag, Wappen bezeugen die Herkunft.
ZITATORIN
Hic iacet … - Hier ruht …
SPRECHER
Grabmäler gehörten damals freilich nicht zu den Gedenkmöglichkeiten breiter Bevölkerungskreise. Die fanden ihrer Ruhe meist in Gräbern ohne Grabkennzeichnung und häufig in Gemeinschaftsgräbern.
SPRECHERIN
Mit der Neuzeitzeit ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert erscheint auf den Grabmälern der Knochenmann. Er symbolisiert: Alles ist eitel, alles ist vergänglich.
ZITATORIN
memento mori / heri mihi hodie tibi -
Gedenke der Sterblichkeit /Gestern mir, heute dir.
SPRECHER
Bilder des Vergangenen und des Vergehenden wie Schädel oder Sanduhren werden zu dominanten Motiven.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Die Pest, später Pocken oder Cholera führen zu Wohnraummangel auf den Friedhöfen. Noch dazu möchte man die Seuchenopfer aus Angst vor Ansteckung ungern in der Ortsmitte begraben. In Nürnberg zum Beispiel wird schon 1517 angeordnet, dass von Ausnahmen für hohe Würdenträger abgesehen niemand mehr innerhalb der Stadtmauern begraben werden soll. München beauftragt 1545 zwei ihrer Ratsleute mit der Planung von zwei Gottesäckern vor den Toren der Stadt.
SPRECHER
1563 wird in München der äußere Friedhof vor dem Sendlinger Tor eingeweiht: Seuchenopfer, hingerichtete Verbrecher, Prostituierte, Selbstmörder und Ungläubige – also alle Nicht-Katholiken – finden ihre letzte Ruhe auf der aus Platzmangel geborenen Begräbnisstätte.
SPRECHERIN
Heute eine der schönsten Friedhöfe Deutschlands: der Alte Südfriedhof an der Thalkirchener Straße.
ZITATORIN
Die Aufhebung der inneren Freithöfe im Jahre 1789 machte dessen Vergrößerung nothwendig, aber von den kolossalen und kostbaren Marmor- und Erzdenkmälern, welche dermal den Münchner Friedhof zu einem der sehenswertesten in Europa machten, zeigte der alte enge Leichenacker des vorigen Jahrhunderts noch keine Spur.
SPRECHER
Sinniert der kulturhistorische Schriftsteller Carl Albert Regnet 1879.
Entstanden ist der Alte Münchner Südfriedhof schon 1563: als Pestfriedhof und lag damals vor den Toren der Stadt. Er gilt heute als der münchnerischste aller Friedhöfe und zugleich exemplarisch: Zahlreiche Petitionen im Münchner Staatsarchiv zeugen heute noch von den vergeblichen Versuchen der Münchner Bürger, die alten Familiengrüfte innerhalb der Stadtmauern zu erhalten.
SPRECHERIN
Anfang des 19. Jahrhunderts gestaltete Friedrich Ludwig von Sckell, der Schöpfer des Münchner Englischen Gartens, eine Parkanlage für den Friedhof – wie sie für den modernen Friedhof prägend wurde.
SPRECHER
Es entstanden klar definierte Reihengräber, geometrisch angeordnet ebenso wie Arkadengrüfte im südlichen Halbrund entlang der Außenmauer des Friedhofs. Hier lagen nun alle Berufe, alle Stände, arm und reich.
MUSIK 6 „Messiah. Oratorio in 3 Teilen, HWV 56“; ZEIT: 00:45
ZITATORIN
Die Gräber bürgerlicher Familien schmückte mit wenigen Ausnahmen ein einfaches hölzernes oder eisernes Kreuz, das hie und da vergoldet und regelmäßig mit einem Heiligenbilde versehen war, unter dem der Name und Stand des Begrabenen verzeichnet stand und welches durch zwei in Angel hängende Flügeldecken gegen die Unbild der Witterung geschützt war. Und als Franz Schwanthaler, der Vater des berühmten Ludwig Schwanthaler, es wagte, eine marmorne Frauengestalt auf einem Grabe aufzustellen, schlugen fromme Eiferer, darin eine Entweihung des geweihten Ortes erblickend, sein Werk in Trümmer! Aber die Bahn war gleichwohl glücklich gebrochen.
MUSIK ENDE
O-Ton 9 Benkel (10:45)
Es hat auch einen kulturellen Wert. Auch wenn Menschen da jetzt nicht gezielt hingehen oder höchstens mal spazieren gehen, haben die Friedhöfe trotzdem natürlich eine genealogische Bedeutung. Also, ich kann da ja sehen: Prominente liegen da rum. In München haben Sie das ja zum Beispiel. Und da sind tolle Statuen.
SPRECHERIN
Sagt der Thanatologe Thorsten Benkel. Grabmale sind ebenso wie die weltliche Architektur Spiegel ihrer Zeit, folgen dem Klassizismus oder Strömungen der Romantik. Aus Repräsentationsmotiven lassen Grabeigentümer bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aufwändige Grabanlagen errichten.
SPRECHER
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt dann das Reihengrab mit gleichförmigen Grabmalen zu dominieren.
SPRECHERIN
Heutzutage allerdings geht der Trend schon lange weg von halbanonymen Grabanlagen.
O-Ton 10 Meitzler (06:31)
Ja, so der Haupttrend, den wir beobachten können, ist die Individualisierung und Pluralisierung.
O-Ton 11 Benkel (14:08)
Standardbeispiel ist, dass Grabstätten die Persönlichkeit der Verstorbenen widerspiegeln. 14:33 Und das Individuum rückt also in den Mittelpunkt und die kulturellen, religiösen, politischen Aspekte, die also sozusagen auf der Kollektiv-Ebene stattfinden, die werden nebensächlich, also vor allem die Religion wird nebensächlich. Und dann sehen diese Gräber teilweise sehr profan, sehr eigenwillig, sehr bunt, teilweise ungewöhnliche, Auswahl, Hobbys in den Vordergrund rücken, Vereinszugehörigkeiten, teilweise sogar Fußballvereine, Musikgeschmack und so weiter. Und wir haben am Anfang gedacht: Mensch, das ist ja schräg. Aber haben dann halt in ganz Deutschland, in ganz Österreich, in der ganzen Schweiz vergleichende Studien angestellt. Wir waren auf fast 1.300 Friedhöfen, und wir können sagen, das ist ein allgemeiner Trend seit ungefähr 25 Jahren. Dass eben diese Gräber diese Persönlichkeits-Bilanz ziehen.
MUSIK 7 101 „Six feet under“; ZEIT: 00:40
ZITATORIN
„Nur tiefergelegt“
SPRECHER
Oder:
ZITATORIN
„Mit dir zu leben war nicht leicht, doch ohne dich ist’s noch viel schwerer.“
SPRECHER
„Nicht das Licht auslöschen“
ZITATORIN
„Dein letztes Match hast du verloren“
SPRECHER
„Er war guter Eltern Sohn“
ZITATORIN
„Sie war zu gutgläubig, um zu überleben“
SPRECHER
„Hier liegt meine Dicke“
ZITATORIN
„Es Lebbe geht weiter“
SPRECHER
„Alles Scheiße“
ZITATORIN
„Ich wollte für meine Familie das Beste, habe es aber nicht erreicht“
SPRECHER
„Wanderer zieh schnell vorbei, sonst steht sie auf und babbelt wieder“
ZITATORIN
„Das war alles.“
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Grabinschriften von heute. Statt Kreuzen oder Engeln auf den Grabsteinen von heute: Comicfiguren, Computermäuse, Brillen, Bettgestelle, Aschenbecher, Skateboards… Auf Tausenden von Fotos haben Thorsten Benkel und Matthias Meitzler die Entdeckungen ihrer Friedhofsrecherchen in zwei Büchern festgehalten.
ZITATORIN
„Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe: Ungewöhnliche Grabsteine - Eine Reise über die Friedhöfe von heute“.
SPRECHERIN
Und:
ZITATORIN
„Game Over: Neue ungewöhnliche Grabsteine“.
O-Ton 12 Meitzler (11:50)
Man kann vielleicht sagen: Der Friedhof hat sein Monopol verloren. Es gibt halt nicht mehr den Volksfriedhof für jedermann, sondern er ist eine Option unter mehreren. Er gerät unter Innovationsdruck.
SPRECHER
Welches Grab und welche Art von Bestattungsritual ist das richtige?
ZITATORIN
Erdbestattung? Urnenbestattung? Mit Priester? Ohne? Dafür professioneller Trauerredner? Katholisch? Muslimisch? Nicht religiös? Oder gar evangelisch?
O-Ton Meitzler 13 (07:27)
Wir können mittlerweile wählen, ob wir überhaupt auf dem Friedhof beigesetzt werden wollen und wenn ja, welches Grab, welche Grabart da am besten passt, also wir werden konfrontiert mit einer großen Pluralität.
MUSIK 7 „Six feet under“; ZEIT: 00:30
ZITATORIN
Erdbestattung?
SPRECHER
Feuerbestattung?
ZITATORIN
Seebestattung?
SPRECHER
Almwiesenbestattung …
ZITATORIN
Steinbestattung…
SPRECHER
Forstbestattung…
ZITATORIN
Rosenstockbestattung…
SPRECHER
Bergbachbestattung…
ZITATORIN
Flugbestattung…
SPRECHER
Weltraumbestattung…
ZITATORIN
Oder Diamantbestattung – individuell und exklusiv. Ein Edelstein, gefertigt aus einem Bruchteil der Asche des Verstorbenen.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Die Kulturgeschichte des Friedhofs hat Orte hervorgebracht, wo man sich auch nach dem Tod zuhause fühlen kann: Venedig – San Michele… Paris - Montmartre, Père Lachaise… oder Wien - es lebe der Zentralfriedhof und alle seinen Toten.
MUSIK 8 „Wien, Wien nur du allein“; ZEIT: 01:10
SPRECHER
Wien, wo man sich gerne schon zu Lebzeiten Namen und Geburtsdatum auf dem Stein des Familiengrabes eingravieren lässt. Allein der Zentralfriedhof präsentiert 950 Ehrengräber.
SPRECHERIN
Unter dem Stephansdom: Wiens unterirdische Hauptstadt Nekropolis mit Beinhäusern voller Schädel. Die Habsburger Pracht der Trauer ist Wiener Tradition.
SPRECHER
Begräbnis und letzte Ruhestätte: Kaum irgendwo sonst in Mitteleuropa wurden Begräbnisse so pompös inszeniert wie in Wien.
SPRECHERIN
Schon 1867 boten die ersten gewerblichen Bestattungsunternehmen in Wien ihre Dienste an. Denn die meisten Wiener hatten den Wunsch, sich ein letztes Mal kaiserlich groß in Szene zu setzen und griffen dafür tief in die Tasche. Etwa für einen mondänen Leichenzug – mit Kutsche, Reitern und Trauerpersonal in Galauniform.
MUSIK ENDE
SPRECHER
Repräsentation: Die „schöne Leich“, die prächtige Trauerzeremonie - ein soziokulturelles Phänomen: ein Kompensator, der den Tod erträglicher macht. In Wien nicht anders als das Elitegrab des frühgeschichtlichen Häuptlings, das Prunkgrab des römischen Patriziers an der Via Apia, das Mausoleum des Modeschöpfer Rudolph Moshammer auf dem Münchner Ostfriedhof oder die über 146 Meter hohe Pyramide von Gizeh des Pharaos Cheops.
SPRECHERIN
Repräsentation oder nicht doch vielmehr der Wunsch nach etwas da bleibt - Ausdruck des ungebrochenen menschlichen Wunsches nach Unsterblichkeit.
O-Ton 14 Benkel (29:17)
Also wir haben entweder: das eine Extrem ist das klassische Grab mit allem Drum und Dran, wohin man regelmäßig geht. Das andere Extrem ist: überhaupt kein Raum mehr. Und eigentlich spielt sich Trauer zwischen diesen beiden Polen ab.
SPRRECHER
Die Geschichte des Friedhofs endet sie im virtuellen Raum? Der Thanatologe Dr. Thorsten Benkel:
O-Ton 15 Benkel (28:03)
Was wir auch stark untersucht haben, immer noch untersuchen ist: Trauer im Internet. Da haben Sie natürlich keinen fixen geografischen Ort mehr, sondern eine virtuelle Verräumlichung. Und das ist absolut ein Zukunftsfeld.
MUSIK 9 “ Solar sailer“; ZEIT: 01:15
ZITATORIN
Werden Sie einfach unsterblich!
SPRECHERIN
Verstorbene, die als Avatare auferstehen. Der Skype-Chat von damals, das hochgeladene Video aus der Vergangenheit, aus all den digitalen Spuren können komplexe Algorithmen eine virtuelle Persönlichkeit, einen Avatar, erschaffen.
ZITATORIN
Eine Sicherheitskopie des eigenen Charakters…
SPRECHER
Mit der Hinterbliebene dann interagieren können.
ZITATORIN
Ein Interface für den Zugang zu Erinnerungen
SPRECHERIN
Der Orts des Gedenkens: Überall – bei WLAN-Empfang. Oder man benutzt einfach sein eigenes Gedächtnis – zum Angedenken.
O-Ton 16 Meitzler (25:27)
Und entscheidend ist eben dass - was wir eben auch als Individualisierung begreifen - dass ich als Trauernder oder vielleicht auch als Sterbender, irgendwann das Gefühl bekomme: Ich kann es selber entscheiden. Ich kann selbst entscheiden, wieviel der traditionellen Rituale und Bezüge möchte ich überhaupt? Möchte ich überhaupt irgendetwas an den Traditionen noch bewahren? Oder zieht es mich vielleicht in andere Richtungen?

Dec 9, 2024 • 21min
Charakter und Bestechlichkeit - Die Psychologie der Korruption
Wer lässt sich besonders gerne bestechen? Und wie reden sich diejenigen heraus, die der Bestechung überführt werden? Von Daniela Remus (BR 2016)CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Christiane Roßbach, Peter VeitTechnik: Christiane VoitzRedaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Jamie Lee Campbell, PsychologinNils Köbis, Sozialpsychologe, Freie Universität Amsterdam;Edda Müller, Politologin, Transparency International, Berlin;Tanja Rabl, Wirtschaftswissenschaftlerin, Technische Universität Kaiserslautern;Stephanie Thiel, Kriminologin, Universität Gießen
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Atmo Autobahn MUSIK What have we done to each other
Erzählerin:
Ein Krimischreiber hätte sich die Szene nicht besser ausdenken können: Im Schutz des Dämmerlichts treffen sich auf einem Autobahnparkplatz zwei Män¬ner. Sie sind verabredet, um Be¬stechungs¬gelder aus¬zu¬tauschen. Der eine ist 48 Jahre alt, Prokurist der Berliner Flug¬hafen¬ge¬sell¬schaft, der andere ein 46-jähriger Mitarbeiter des Gebäude¬tech¬nik¬aus¬rüsters Imtech. Von ihm bekommt der Prokurist 150.000 Euro, damit die Flug¬¬¬hafengesellschaft auf die Nachzahlungsforderungen von Imtech in Höhe von 60 Millionen Euro eingeht.
Zitator:
„Ich habe 150.000 Euro angenommen – drei Bündel mit 500-Euro-Scheinen in einem Briefumschlag. Dafür habe ich aber keine konkreten Handlungen versprochen, nur Wohlwollen bei der Prüfung der Imtech- Nachforderungen.”
Erzählerin:
Gesteht der Beschuldigte bereits am ersten Prozesstag im August 2016 und ergänzt:
Zitator:
„Es war falsch.”
Erzählerin:
Zu einem derart unumwundenen Geständnis kommt es aber eher selten, wenn jemandem der Prozess wegen Bestechung und Be¬stech¬lich¬¬keit gemacht wird. Viel häufiger tun die Angeklagten so, als handele es sich um eine Art von Kavaliersdelikt. Und glauben, dass sie damit vor Gericht durchkommen. Denn das unterscheidet diese Straftat Korruption von Diebstahl oder Unterschlagung: Die Täter fühlen sich nur in den seltensten Fällen schuldig und kriminell.
Zitator:
„Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil.
Musik aus
Ob Bestechung oder Bestechlichkeit im internationalen Ge¬schäfts¬verkehr oder im eigenen Land, ob Käuflichkeit in der Politik oder der Versuch, durch Schmiergelder Vorteile zu erlangen - Korruption ver¬ur¬sacht nicht nur materielle Schäden, sondern untergräbt auch das Fundament einer Gesellschaft.”
Erzählerin:
So definiert die Nichtregierungsorganisation Transparency International den Begriff Korruption. Strafrechtlich kann Korruption mit mehreren Jahren Haft belangt werden.
Allerdings nennt der Gesetzgeber keine Summe, ab wann das Delikt ein Straftatbestand ist - außerdem ist entscheidend, ob es sich um Amtsmissbrauch handelt, ob man sich einen großen Wettbewerbsvorteil erschleicht oder wie hoch dabei die Steuerhinterziehung ist. Insgesamt wird ein ganzes Bündel von Gesetzen in Anschlag gebracht, um die Schwere der Tat zu ermitteln. Transparency International kämpft seit 1993 weltweit gegen dieses aus¬ge¬prägte Phänomen. Ein Verhalten, das nicht nur illegal ist, sondern auch dem globalen Wirtschaftssystem einen massiven Schaden zufügt. Jährlich gehen etwa 1,5 Billionen Euro durch Schmiergeldzahlungen und Bestechung verloren, also 50% des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Womit das weltweite Wirtschaftswachstum um etwa zwei Prozent geschmälert wird, so der Internationale Währungsfond IWF. Für Deutschland sind es rund 250 Milliarden Euro.
MUSIK Clue one
Erzählerin:
Korruption ist nicht gleich Korruption: Ist das Schenken einer Kiste Wein schon ein Bestechungsversuch? Und die Urlaubs¬ein¬ladung ein Ausdruck von echter Freundschaft? Die Grenzziehung macht das Ganze so schwierig: Wo genau beginnt Korruption? Das untersuchen Wissenschaftler erst seit wenigen Jahren. Dabei stehen die psychologischen Recht¬fer¬tigungs¬stra¬tegien der Be¬teilig¬ten im Fokus. Forscher skiz¬zieren drei Bereiche, in denen korrupt ge¬han¬delt wird: Die sichtbarste Korr¬uption ist die so¬g¬e¬nann¬¬te situa¬tive Korruption. Sie ist auch am ein¬fachsten zu beschreiben und damit auch zu bekämpfen. Darüber hinaus un¬terscheiden Wissenschaftler die strukturelle Korruption und die Netz¬werkkorruption, sagt die Kriminologin Dr. Stefanie Thiel von der Universität Gießen:
Musik aus
Take 4 (O-Ton Thiel)
Also große Korruption, das findet auf einer höheren sozialen Ebene statt, das kann auch in den politischen Sektor hineinreichen, da ist die Wirtschaft dran beteiligt, das kann bis hin zu ganzen Netzwerken gehen, das ist eher Korruption unter Mächtigen.
Erzählerin:
Die situative Korrup¬tion ist vor allem in Staaten verbreitet, in de¬nen es ein starkes Gefälle zwis¬chen Arm und Reich gibt, in denen staat¬liche Strukturen schwach aus-geprägt sind. Beispiele sind Indien, Nigeria oder Brasilien. Dort sind Schmier¬geld-zahlungen an der Tagesordnung: Jeder muss zah¬len, um seinen Pass ver¬län¬gert zu bekommen, eine ärztliche Be¬handlung zu erhalten oder nach dem Überfahren einer roter Ampel nicht im Ge¬fän¬g¬nis zu landen. Diese Art von Korruption ist deshalb gefährlich, weil sie das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat nachhaltig zerstört. Bei uns dagegen spielt diese Art von Kor¬rup¬tion so gut wie gar keine Rolle. Auch das ist ein Grund, warum Deutsch¬land beim Kor¬rup¬¬¬tions¬¬wahr¬neh¬mungs¬¬index von Transparency Inter¬national seit Jahren so gut abschneidet, obwohl Schmiergelder und Käuf¬lichkeiten auch bei uns gang und gäbe sind.
MUSIK Sugar storm
Erzählerin:
Wie zum Beispiel in der sogenannten Adlon Affäre:
Zitator:
2001 übernachtete der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Ernst Welteke, mit Familie im Berliner Luxushotel Adlon. Bezahlt wurde der viertägige Silvesteraufenthalt von der Dresdner Bank. Als der Spiegel die Zahlung 2004 öffentlich machte, legte Welteke sein Amt nieder. Er begründete das damit, dass der Aufenthalt zu „Kritik und Miss¬ver¬¬ständnissen” geführt habe. Er habe die Einladung als eine Art von Honorar verstanden, nicht als Geschenk, rechtfertigte sich der Banker, schließlich habe er in Berlin Interviews gegeben, Presse- und Fototermine wahrgenommen.
Musik aus
Erzählerin:
Die Ermittlungen wegen Vorteilsnahme wurden gegen Zahlung von 25.000 Euro eingestellt.
Take 5 (O-Ton Köbis)
Was wir in unserer Forschung gezeigt haben ist, dass wenn es um Korruption geht, die meisten Leute es als unakzeptabel und unmoralisch ansehen, aber es trotzdem relativ viele Leute gibt, die in unserem Ex¬pe¬ri¬ment bereit sind, korrupt zu handeln …
Erzählerin:
Sagt Dr. Nils Köbis, Sozialpsychologe an der Freien Universität in Am¬ster¬dam. Dieser Spagat zwischen Einstellung und Handlung ist möglich, weil sich die Täter etwas vormachen und selbst belügen. Das betrifft ihr Verhalten, ihre Motive und die Folgen ihrer Handlungen. Auf diesen Widerspruch ist auch die Psychologin und Wirt¬schafts¬-wis¬sen¬schaft¬lerin Prof. Tanja Rabl von der Technischen Universität Kaisers¬lautern bei ihren Experimenten gestoßen:
MUSIK Sugar storm
Take 6 (O-Ton Rabl)
Das Planspiel war so angekündigt, dass es um Entscheidungsverhalten in Unternehmen geht, das heißt, im Vorfeld wussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht, dass es um Korruption geht.
Zitator:
Die Teilnehmer des spieltheoretischen Experiments, mussten dafür in die Rolle eines Entscheidungsträgers in einem Unternehmen schlüpfen.
Musik aus
Sie waren dann Marketing- oder Vertriebsleiter und sollten entscheiden, wieviel Geld sie in welche Maßnahmen und Leistungen stecken wollten: Werbung, Verkaufsförderung, Produktverbesserung etc. Und gerieten im Laufe des Experiments dann in Situationen, in denen die Versuchung bestand, korrupt zu handeln.
MUSIK Sugar storm
Take 7 (O-Ton Rabl)
…uns war es ja wichtig zu erkennen, ob in den Situationen, wo solche Angebote eine Rol¬le spielen, ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch erkennen, ob es sich um Korruption handelt, oder nicht und wie sie sich ent¬spre¬chend verhalten.
Erzählerin:
Eine erste überraschende Erkenntnis dieser Experimente: Viele Teilnehmer waren sich nicht bewusst, so sagten sie zumindest, etwas Unrechtes getan zu haben, als sie Korruptionsangebote an¬genommen oder unterbreitet hatten.
Musik aus
Vielmehr stellten sie ihr Handeln in einen anderen Zusammenhang und damit in einem positiven Licht dar, so Tanja Rabl.
MUSIK Strange activities
Erzählerin:
Bei Diebstahl und anderen kriminellen Delikten, die zu einer persön¬li¬chen Be-reicherung führen, sind die Grenzen der Legalität klar.
Bei Ko¬r¬ruption dagegen tun sich die Handelnden damit deutlich schwerer, zeigen die Forschungen in Kaiserslautern und Amsterdam. Das liegt zum einen daran, dass alle, die sich direkt an der Korruption beteiligen, zufrieden sind – der Bestochene, weil er Geld erhält oder in den Genuss geldwerter Privilegien kommt, und der Bestechende, weil er dadurch ein Ziel erreichen kann. Und es liegt an der Natur der sozialen Beziehungen: Kor¬rup¬tion ist keine Straftat, die sich ein Einzelner im stillen Kämmerchen aus¬denkt, sondern immer auf die Interaktion mit anderen an¬ge¬wiesen. Die Grenzen zwischen Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Käuflichkeit können verwischen, und in einem Beziehungsgeflecht zum Teil des sozialen Lebens werden.
Musik aus
Take 9 (O-Ton Rabl)
Was wir da gesehen haben, ist, dass es verschiedenste Recht¬ferti¬gungs¬stra¬tegien gibt, dass man eben den Schaden leugnet oder dass man leug¬net, dass es Opfer gab, oder dass man auch die Verantwortung leugnet, und da haben wir gesehen, dass vor allem Strategien zum Ein¬satz kommen, wo es eben darum geht, diese positive Absicht, die hinter kor¬ruptem Handeln steht, hervorzuheben.
Musik Rara avis
Erzählerin:
Auch die Tatsache, dass es bei der Korruption keine sichtbaren Opfer gibt, trägt entscheidend mit dazu bei, dass sich viele nicht als Straftäter fühlen, so der Sozialpsychologe Nils Köbis von der Freien Universität Amsterdam:
Take 10 (O-Ton Köbis)
Was wir z.B. in Experimenten herausgefunden haben, ist, dass die Wahr-scheinlichkeit, dass Menschen korrupt handeln, deutlich höher ist, wenn sie nicht alleine davon profitieren, sondern auch noch andere mit pro¬¬fitieren. Und so können sie sehr viel einfacher das Ganze recht¬fer¬tigen, indem sie sagen, na gut ich hab das jetzt nicht nur für mich gemacht, ich hab das auch für die andere Person gemacht. ((Das Besondere an der Korruption ist, dass es sehr häufig eine Art von beidseitigem
Profit gibt.)) Ganz vielen Menschen nehmen Korruption als eine Win-Win Situation wahr, blenden dabei aber aus, dass es eine Win-Win-Loose Situation ist. Denn es gibt stets ein Opfer der Korruption.
Musik aus
Erzählerin:
Aber das liegt nicht schwerverletzt am Boden, sondern bekommt beispielsweise als konkurrierendes Unternehmen nicht den Zuschlag für den Auftrag. Oder das Opfer ist die Allgemeinheit, weil etwa ein überteuertes oder gar unsinniges Projekt umgesetzt wird - und und und. In jedem Fall gilt: Schaden und Geschädigte bleiben abstrakt für den Täter und können so leichter verdrängt werden.
Take 11 (O-Ton Thiel)
Man spricht von Korruption als einem opferlosen Delikt, das ist natürlich nicht opferlos, aber man sieht das Opfer in dem Moment ja nicht. Das Opfer ist die Allgemeinheit, ich selber bin als Bestechende oder als Bestechlicher selber auch Teil der Allgemeinheit, aber in dem Moment sehe ich die Zusammenhänge nicht, weil sie sich nicht so offensichtlich erschließen.
Erzählerin:
Deshalb reden sich viele die Korruption schön.
Atmo Geldzählen MUSIK Zippo‘s
Erzählerin:
Anfällig für Bestechung zu sein, ist keine angeborene Charakter¬eigen¬schaft. Fast jeder ist potentiell korrupt und kann sich unter bestimmten Um¬stän¬den korrupt verhalten. In Deutschland, wo sie kein situatives Alltags¬ph䬬no¬men ist, tritt Korruption netzwerkartig in der Wirtschaft auf. Daher ist Be¬stechung in der Regel ein Delikt der Entscheidungsträger, d.h. der höheren Beamten oder Angestellten, der Ma¬nager, Aufsichtsrats¬vorsit¬zen¬den, Bosse.
Denn es geht dabei meis¬tens um Aufträge, um Erfolg, um Profit, um Geld und Macht. Wie der typische korrupte Akteur aussieht, erklärt Tanja Rabl:
Musik aus
Take 13 (O-Ton Rabl)
Was natürlich nicht überrascht, weil gerade in den Positionen, die anfällig sind für korruptes Handeln, nämlich die, mit viel Ent¬scheidungs¬spiel¬raum, nach wie vor Männer überrepräsentiert sind, dass die sehr kar¬riereorientiert sind, sehr ehrgeizig sind, dass das oftmals Aufsteiger sind, die sehr statusbewusst sind, die die viele Aus- und Fortbildungen ab¬solviert haben, aber die auch diese sehr ausgeprägten Recht¬ferti¬gungs¬tendenzen haben.
MUSIK Yolanda
Erzählerin:
Und offenbar hat sich an diesen beiden grundsätzlichen Einschätzungen we¬nig geändert.)) Heut¬zu¬ta¬ge gilt Korruption zwar als eine Straftat. Und wer in den Ruf gerät, korrupt zu sein, kann mit wenig Ver¬ständnis rechnen, wie das Beispiel des ehe¬ma¬ligen Bundespräsidenten Christian Wulff deutlich gezeigt hat.
Ganz anders aber ist die Bewertung von Korruption häufig dann, wenn es um kon-krete eigene Interessen geht. So hat z.B. im Jahr 2005 eine Untersuchung der Unter¬nehmens¬beratung Ernst & Young er¬geben, dass jeder vierte deutsche Angestellte Korruption in Ordnung findet, wenn dadurch die Wirtschaftskraft des eigenen Unternehmens ge¬stärkt wird. Dr. Jamie Lee Campbell hat festgestellt, dass es häufig die Organisationen selbst sind, die das Arbeitsklima so beeinflussen, dass die Mit¬arbeiter korruptes Verhalten als durchaus üblich und sogar notwendig be-trachten:
Musik aus
Take 14 (O-Ton Campbell)
Was ich herausgefunden habe, dass die Wahrnehmung ist, dass man mit der Organisation im Krieg ist. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, und dadurch wird jedes Projekt, jeder Auftrag, der herangezogen wird, ist wichtig, damit die Organisation weiterleben kann und dadurch sind dann auch die Arbeitsplätze sicher und dementsprechend ist das ein großer Druck. Und dass Korruption dadurch dann auch ein legitimes Mittel werden kann, um dieses Problem zu lösen. Dass man den Krieg gegen andere gewinnt.
MUSIK A rocket debris cloud drifts
Erzählerin:
In Unternehmen, denen Korruption nachgewiesen werden konnte, wie etwa Siemens in Deutschland oder dem Energiekonzern Enron in den USA, herrschte häufig eine Unternehmenskultur, so die Psychologin, die die Mitarbeiter auf vielen Ebenen unter Druck setzt.
Musik aus
Take 15 (O-Ton Campbell)
Man macht das ja jetzt nicht nur für sich, sondern auch für die Kollegen, weil die ja sonst auch ihren Job verlieren können und selbst, wenn man sich nicht sehr mit dem Unternehmen oder der Organisation identifiziert, kann es sein, weil die anderen einfach so einen Druck machen, dass man auch aus den Gründen mitmacht.
MUSIK Procedural
Erzählerin:
Der Absturz von Enron
Zitator/Sprecher:
Der weltgrößte Energiekonzern Enron beschäftigte auf dem Höhepunkt seines Erfolgs mehr als 22.000 Mitarbeiter. Für sich selbst warb der Kon¬zern, der vielen als Inbegriff eines innovativen Unternehmens galt, mit dem Spruch, er sei die großartigste Firma der Welt! 2001 kam heraus, dass jahrelang im großen Stil Bilanzen gefälscht und reihen¬weise US-Po¬litiker geschmiert worden waren. Als Konsequenz musste die Firma In¬solvenz anmelden, zahlreiche Mitarbeiter verloren die Jobs und auch ihre Betriebsrenten.
Musik aus
Erzählerin:
Eine Unternehmenskultur der absoluten Gewinnmaximierung ist durch¬aus verbreitet. Und auch wenn viele Un¬ter¬neh¬men heut¬zu¬tage in ihrer Selbstdarstellung auf Ver-haltens¬codices, so¬ge¬nannte Codes of Conduct oder Codes of Ethics verweisen, in denen von Nach¬ha¬ltigkeit, Trans¬pa¬renz und Verantwortung die Rede ist, so gibt es auf der infor¬mellen Or¬ga¬nisationsebene doch häufig Maßnahmen, die einem solchen Ver¬hal¬tens¬kodex diametral entgegengesetzt sind.
Take 17 (O-Ton Campbell)
Die Frage ist halt, wie ist das mit dem Belohnungs- und Sanktionssystem ver-bunden? Inwiefern kann ich auch belohnt werden, wenn ich einen Auf¬trag nicht bekommen habe, obwohl ich ethisch gehandelt habe, und ihn deswegen nicht bekommen habe oder inwiefern werde ich belohnt, wenn ich einen Auftrag bekommen habe, wo es ganz klar ist, dass das mit Korruption vonstatten gegangen ist. Das wirkt halt auch auf die an¬de¬ren Mitarbeiter.
Erzählerin:
In vielen Branchen und Unternehmen ist es für neue Mit¬ar¬beiter nicht auf den ersten Blick erkennbar, welche Unternehmenskultur, neben der offiziellen Selbst¬dar¬stellung, vorherrscht. Manchmal rutschen Mitarbeiter Schritt für Schritt hinein in ein Geflecht aus Betrug, Lüge und Bestechung.
Take 18 (O-Ton Köbis)
Das ist dieser graduelle Prozess in dem eine gewisse Handlung, von der man gesagt hätte, dass man sie niemals machen würde, am Ende oder nach einiger Zeit als akzeptabel angenommen wird.
Erzählerin:
Sagt der Sozialpsychologe Nils Köbis von der Freien Universität Amsterdam.
Take 19 (O-Ton Köbis)
Jetzt kann es allerdings sein, dass am Anfang das Ganze nicht nach einem Briefumschlag mit Geld aussieht, sondern dass es vielleicht erstmal eine nette Einladung zum Abendessen ist. Auf die nette Ein¬ladung zum Abendessen folgt dann vielleicht die Einladung ein The¬a¬ter¬¬event oder ein Sportevent zu besuchen. Dann wiederum kann es sein, dass man zu einem Urlaub eingeladen wird und auf einmal erhöht sich die Größe der Korruption schrittweise und jeder Schritt fühlt sich als ein-zelner überhaupt nicht verwerflich an.
Akzent Geldzählgeräusch
MUSIK Diamond
Take 20 (O-Ton Campbell)
Kognitive Dissonanz bedeutet, ich habe eine Einstellung und einen Wert, das wäre, ich bin ein ethisch und rechtschaffener Mensch. Mein Verhalten ist aber, dass ich was ganz anderes mach, ich unterstütze Korruption in meiner Organisation. Und um die zu überbrücken, brauche ich eine Strategie, die nennt sich Rationalisierung. Das sind sehr starke Strategien, die helfen, dass man seinen Wert und sein Selbstbild aufrecht erhalten kann und trotzdem weiter kriminell unterwegs sein kann.
Erzählerin:
Entscheidend für diese kognitive Dissonanz ist auch, dass ein Verhalten in verschiedenen Situationen unterschiedlich bewertet wird. Was ein Mensch im Privatleben als unethisch und falsch verurteilt, kann er in Arbeitszusammenhängen durchaus akzeptabel finden, erklärt der Sozialpsychologe Köbis:
Musik aus
Take 21 (O-Ton Köbis)
Und was wir dort gefunden haben, dass die Personen, die sich nicht korrupt verhalten, ein sogenanntes moralisches Framing benutzen, das heißt, ihre Verhalten unter moralischen Gesichtspunkten sehen. Sie sagen, ich hab das nicht gemacht, Korruption ist unmoralisch. Die Per¬so¬nen, die wiederum in dem Spiel korrupt gehandelt haben, sagen, ich hab das gemacht, weil es clever war, weil das smart war. Und so zeigt sich, bei der Korruption, dass selektiv ausgesucht wird, ob man das Verhalten eher als clever und smart ansieht, oder eher unter einem moralischen Gesichtspunkt sieht.
Erzählerin:
Und je verbreiteter Bestechung und Be¬stech¬lich¬keit als Teil der Unternehmenskultur sind, desto leichter fällt eine solche Beurteilung, sagt auch die Wirtschaftswissenschaftlerin und Psychologin Tanja Rabl von der Technischen Universität in Kaiserslautern:
Take 22 (O-Ton Rabl)
Da haben wir gesehen, dass drei Faktoren ganz wichtig sind, nämlich einmal, wie ist die persönliche Einstellung der Person zu Korruption, dann natürlich auch, wie sind die Normen der anderen, wie steht mein Umfeld, wie stehen Personen, die mir wichtig sind, das können Kollegen sein, das kann Familie sein, das können Freunde sein, wie stehen die eigentlich zu Korruption? Und der dritte Faktor war dann eben noch, wie viel Kontrolle glaub ich noch über mein korruptes Handeln zu haben , wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass ich das Ganze risikolos durchführen kann?
Erzählerin:
Diese Faktoren führen dazu, dass Schmiergeldzahlungen auch bei uns noch immer ver¬breitet sind, allem Wissen um Kriminalität, um Ungerechtigkeit und wirtschaftl¬i-chen Scha¬den zum Trotz. Denn nicht nur in einzelnen Unternehmen herrscht mit-unter eine tolerierende Haltung gegenüber Korruption, weil sie an¬geb¬lich nötig ist, um an Aufträge zu kommen oder um Arbeitsplätze zu erhalten. Auch auf staatlich-ge¬sell-schaf¬tlicher Ebene erschüttern immer wieder Bestechungs-Skandale, in die Politiker oder angesehene Persönlichkeiten verwickelt sind, die Öffentlichkeit. Grundsätzlich könnte der Staat jedenfalls Be¬stechung und Be¬stech¬lichkeit deutliche effektiver ver-folgen und eindämmen, erläutert die Kriminologin Thiel von der Universität Gießen.
Trotzdem gehe in Deutschland der Trend weg von staatlicher Kontrolle hin zu betrieblicher Selbstkontrolle. Das sei das falsche Signal:
Take 24 (O-Ton Thiel)
Da hat sich der Staat auch aus vielen Kontrollfunktionen zurückgezogen und das hat natürlich auch der Korruption Tür und Tor geöffnet.
MUSIK Zippo‘s
Erzählerin:
Diejenigen, die die psychologischen Strategien der korrupt Handelnden un¬ter¬suchen, sehen v.a. in den sozialen Normen, eine große Chance, um Korruption zu bekämpfen und zu vermeiden. Wenn Korruption nämlich tatsächlich geächtet ist, wenn keine Belohnungen oder Beförderungen und andere Vorteile daraus erwachsen, dann lässt sich die Aufteilung in strategisch cleveres Arbeitsverhalten und moralisch integeres Privatleben nicht aufrechterhalten. Dann würden die Gelegen¬heiten, Situationen und Zufälle, die entscheidend sind für ein korruptes Verhalten, einfach entfallen.
Musik aus


