

Radiowissen
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Sep 19, 2025 • 22min
Zivilcourage - Der Mut des Bürgers
Zivilcourage ist oft leichter gesagt als getan. Der Podcast beleuchtet ihre Bedeutung durch historische Beispiele wie Gandhi und die Scholls. Im Gespräch mit Experten wird die Rolle der Zivilcourage in einer Demokratie thematisiert, einschließlich des Alltags und der Unterstützung von Whistleblowern. Es wird auch kritisch hinterfragt, wie viel Verantwortung der Staat tragen sollte. Zivilcourage wird als wichtige gesellschaftliche Tugend betrachtet, die aktiv gefördert werden muss.

Sep 19, 2025 • 22min
Leo von Klenze - Der Mann, der Münchens Bild prägte
Leo von Klenze prägte das Stadtbild Münchens wie kein anderer. Sein Aufstieg als Hofarchitekt führte zu beeindruckenden Bauprojekten wie der Residenz und der Glyptothek. Klenze verband Antike mit der Gegenwart und sorgte für internationale Anerkennung, aber auch für Kritik. Interessant sind seine Ideen zur nationalen Identität und die Konflikte mit anderen Architekten. Trotz seiner bedeutenden Rolle schwand sein Einfluss im Laufe der Jahre, was zu einem spannenden Blick auf die Veränderungen in München führt.

Sep 19, 2025 • 23min
Embodiment - Welchen Einfluss hat der Körper auf Psyche und Denken?
Prof. Thomas Fuchs, ein Experte für die Wechselwirkungen zwischen Körper, Denken und Psyche, diskutiert die Embodiment-Theorie. Er erklärt, wie unsere Körperhaltung unser Selbstbewusstsein beeinflusst und ob Power-Posing tatsächlich wirkt. Das Zusammenspiel von Körper und Geist wird beleuchtet, ebenso wie der Einfluss von Emotionen auf kreative Prozesse. Fuchs thematisiert zudem die Relevanz des Embodiments in der Psychologie und der Robotik, wobei er beeindruckende Parallelen zwischen menschlichem Erleben und Technologie aufzeigt.

Sep 18, 2025 • 23min
Wetterballons - Datenspione des Himmels
Wetterballons spionieren die Atmosphäre und liefern entscheidende Daten für präzisere Wettervorhersagen. Ihre historische Entwicklung und der technische Aufbau werden anschaulich erklärt. Außerdem wird die Bedeutung dieser Daten für Wettermodelle und Umweltfragen beleuchtet. Interessant sind auch die möglichen missbräuchlichen Anwendungen und die Diskussion über Sicherheitsvorfälle. Experteninterviews bieten tiefere Einblicke in die Rolle der Radiosonden in der Meteorologie.

Sep 17, 2025 • 22min
KI-Pionier Joseph Weizenbaum - ELIZA und ihre Tücken
Joseph Weizenbaum war der selbsternannte Ketzer und Dissident der "künstlichen Intelligenz" - die er selbst mitentwickelt hatte. Er hielt Computer für bessere Schreibmaschinen. Sein Programm "ELIZA" aus den 1960er Jahren war der erste "Chatbot", der mit Menschen sprechen konnte. Und zugleich eine Parodie auf den Fortschrittsglauben. Von Martin Trauner (BR 2024)
CreditsAutor und Regie dieser Folge: Martin TraunerEs sprachen: Susanne Schroeder, Burchard DabinnusRedaktion: Karin Becker
Im Interview:Dr. Christian Strippel, Forschungsgruppenleiter am Weizenbaum Institut in BerlinLiteraturtipps:Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft– Suhrkamp 1977Gunna Wendt: Computermacht und Vernunft: Gespräche und Geschichten. Hommage an Joseph Weizenbaum zu seinem 100. Geburtstag – Limbus Preziosen 2023
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Sep 16, 2025 • 25min
Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (3/3)
Die bewegende Geschichte von Gorilla Fritz wird erzählt, der als ältester Silberrücken Europas lebte. Spannende Einblicke in die Herausforderungen des Alters und die enge Bindung zu seinem Sohn Toni werden gegeben. Eine Rettungsmission für den inhaftierten Gorilla Toni beleuchtet den Einfluss von Prominenten auf den Tierschutz. Emotionale Verbindungen zwischen Mensch und Tier werden reflektiert, während die Sorgen um Fritz' Gesundheit und die Bedeutung seines Lebens für Zoobesucher und Betreuer thematisiert werden.

Sep 16, 2025 • 25min
Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (2/3)
In dieser packenden Dokumentation erzählt Alexander Duda von der unglaublichen Lebensgeschichte des Gorillas Fritz. Er war der älteste Silberrücken Europas und erlebte die Veränderungen in Zoos über 55 Jahre. Die heikle Gorillaaufzucht und die emotionale Bindung zu Nachkommen stehen im Fokus. Zudem wird die Geschichte von Taro, einem lebhaften Gorilla aus Nürnberg, und die bewegende Beziehung zwischen dem Schimpansen Ivo und seiner Betreuerin beleuchtet. Fritz hat nicht nur die Menschen um ihn geprägt, sondern selbst auch Gleichgesinnte gefunden, die seine Geschichte erzählen.

Sep 16, 2025 • 25min
Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (1/3)
Die Geschichte des Gorillas Fritz entfaltet sich in packenden Anekdoten. Von seinem aufregenden Leben im Dschungel Kameruns bis zu seinen Herausforderungen als Jungtier im Zoo erzählt. Fritz wird als respektierter Patriarch dargestellt, der über fünf Jahrzehnte Menschen und Tiere prägte. Die bewegenden Erlebnisse seiner Kindheit und gesundheitlichen Kämpfe werden ebenfalls beleuchtet. Außerdem gibt es Einblicke in die tiefgreifenden Veränderungen im Umgang mit Wildtieren, die er miterlebt hat.

Sep 16, 2025 • 24min
Hannah Arendt - Die Banalität des Bösen
Was bringt Menschen dazu, Böses zu tun? Aus Sicht von Hannah Arendt braucht es dazu nicht mehr als kollektive Gedankenlosigkeit, jedenfalls in einem Staat, der das Böse zum Ziel erhoben hat. Nichts anderes bedeutet die Banalität des Bösen. (BR 2018)Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Sep 16, 2025 • 23min
Arsen - Eine mörderische Karriere
Jahrhundertelang war Arsen das beliebteste Mordgift, auch als "Erbschaftspulver" bekannt. Lange Zeit war es kaum nachzuweisen und konnte an fürstlichen Höfen wie im privaten Familienkreis Misstrauen und Schrecken verbreiten. Das toxische Halbmetall hat allerdings auch andere Seiten. Es verlieh Bildern berühmter Maler leuchtende Farben, steckt in Raumschiffen wie Solaranlagen - und kann sogar Krankheiten heilen. Von Lukas Grasberger (BR 2024)
Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Bettina Wahrig, Lehrstuhl für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig; Dr. Gabriele Roider, Pharmakologin am Institut für Rechtsmedizin, LMU München; Simon Brugner, Fotograf und Autor „The Arsenic Eaters – die Arsenfresser“; Prof. Christopher Rensing, Chinese Academy of Agricultural Sciences Fujian, Academy of Agricultural Sciences, Fuzhou Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:
Die Geschichte der Apotheke - Von Mäusezahn bis Aspirin HIERSpinnweben, Kuhfladen, gespaltene Fledermäuse: Sonderbare Zutaten finden sich in Heilmittel-Rezepten früherer Jahrhunderte. Die Entstehungsgeschichte der Apotheke ist geprägt von Kuriositäten. Von Iska Schreglmann
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Kunstverbrechen HIER ENTDECKEN
Gestohlene Gemälde, Kunstschmuggel, Fälscherskandale: Bei Kunstverbrechen rollen Lenore Lötsch und Torben Steenbuck spektakuläre Verbrechen in der Welt der Kunst- und Kultur auf. Ohne Blutvergießen, dafür mit spannender Kunst! Sie nehmen euch mit an Tatorte und hinter die Kulissen der Ermittlungen bei True-Crime-Fällen im vermeintlich glitzernden Kunstgeschäft. Sie treffen Zeugen, Experten und Opfer. Unterstützung bekommen sie dabei von Deutschlands bekanntestem Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR 1
„Er ist von schöner Farbe, die an Gold erinnert. Ein künstlicher Stoff, hergestellt durch Alchemie. Aber - er ist wirklich giftig!“
ZITATOR 2
„Das Arsenicum wirkt ähnlich dem Sandarak, aber schärfer, wird daher zum Ätzen und zum Wegbeizen der Haare angewendet. Es nimmt auch die Nagelgeschwüre, die fleischigen Auswüchse in der Nase, die Geschwüre am After und alles wilde Fleisch weg. Seine Kraft wird erhöhet, wenn man es in einem neuen Tiegel so lange röstet, bis es die Farbe verändert hat.“
ZITATOR 1
„Unter der geringsten Menge liegt unermessliche Bosheit
verborgen“.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Angst, die aus diesen Worten über Arsen spricht: Zuerst dem Satz des spanischen Malers Francisco Pacheco, der seine Bilder mit arsenhaltiger Farbe zum Leuchten brachte; dann dem Kommentar des römischen Gelehrten Plinius über kosmetische und heilende Wirkung von Arsenicum; und schließlich einem Satz über das Arsen aus dem ersten deutschsprachigen Lehrbuch der Toxikologie.
MUSIK „Discombobulate“; ZEIT: 00:19
Zu Weltruhm gelangte Arsen freilich als Mordgift. Die Karriere dieses chemischen Elements mit der Ordnungszahl 33 indes ist so schillernd wie facettenreich – und reicht zurück bis weit ins Altertum.
MUSIK ENDE
Bei genauerer historischer Betrachtung zeigt sich: Arsen, dieses meist im Stein verborgene Halbmetall, trägt seinen verruchten Ruf zu Unrecht: Denn schon die alten Griechen machten sich Arsen zwar vor allem seiner Giftigkeit wegen zu Nutze, wie die Braunschweiger Wissenschaftshistorikerin Bettina Wahrig weiß...
O-Ton 1 Prof. Bettina Wahrig, Wissenschaftshistorikerin, Uni Braunschweig
„Also man hatte das ganz, ganz breit eingesetzt, und eine der wichtigen Einsatzmöglichkeiten war natürlich die Bekämpfung von Insekten, Schadinsekten - oder auch eben Ratten und Mäusen.“
Sprecherin
Arsen war im Altertum aber auch eine wichtige Arznei. In Griechenland und dem alten Rom zerrieb man arsenhaltiges Gestein zu Pulver, mischte es zu Salben, und kurierte damit Asthma genauso wie Hautkrankheiten. Die augenfälligste Anwendungsform von Arsen, sagt Bettina Wahrig, war bis in die Neuzeit aber eine andere.
O-Ton 2 Wahrig
„Also einmal als Farbe: Einmal ist es ne Schwefel-Arsen-Verbindung, die ganz rot ist. Die heißt dann in der frühneuzeitlichen Sprache dann auch „Realgar“, also „das königliche Rot“, eigentlich. Und eine sehr schöne gelbe Tönung, Auripigment, also ne goldene Färbung, und die wurde auch zu Farben eingesetzt.“
MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:18
Sprecherin
Silber bekam in Verbindung mit Arsen eine goldartige, Kupfer eine weiße Farbe.
MUSIK ENDE
In der Natur kommt Arsen nur selten in seiner Reinform vor, die wenig giftig ist. Meist tritt es auf in Gestein, in Verbindung mit Metallen oder Schwefel – und ist dann hochtoxisch, sagt die Pharmakologin Gabriele Roider vom Institut für Rechtsmedizin der LMU München.
O-Ton 3 Dr. Gabriele Roider, Institut für Rechtsmedizin, LMU München
„Das gibt es so als kristalline Form... Also, wenn ich jetzt von Arsen spreche, meine ich jetzt immer Arsenik, also Arsentrioxid. Es gibt auch noch metallisches Arsen, und es gibt auch organisch gebundenes Arsen, was viel zum Beispiel in Fischen und Meerestieren drin ist. Und aber ich spreche jetzt dann von Arsenik. Also das ist die toxischste Verbindung, damit die toxikologisch relevanteste Verbindung - und auch die wirtschaftlich interessanteste Verbindung.“
Sprecherin
Bis heute ist Arsentrioxid ein Ausgangsstoff für industrielle Anwendungen – etwa zur Herstellung von Batterien. Arsenverbindungen stecken aber auch in Halbleiter-Chips für Solaranlagen wie für Satelliten oder Raumschiffe.
Die Entwicklung von Arsen als wichtigem Wirtschaftsgut begann im Mittelalter. Es war der Regensburger Bischof Albertus Magnus, der 1240 erstmals die Herstellung metallischen Arsens durch Erhitzen von Arsenkies beschrieb. Um den Stoff in größeren Mengen wirtschaftlich zu nutzen, brauchte es eine geradezu fabrikmäßige Herstellung: Zu Beginn von Bergbau und Hüttenwesen im frühen Mittelalter fiel Arsen zunächst einmal als Abfallprodukt an. Etwa bei der Verhüttung von Metallen wie Kupfer, Zinn, Silber oder Gold in den Bergbauregionen der Steiermark. Dabei erhitzte man arsenhaltige Steine in Brenn-Öfen.
O-Ton 4 Simon Brugner Fotograf + Autor „Die Arsenfresser“ Teil 1
„In Schmelzprozessen verdampft das Arsenik, das verflüchtigt sich ziemlich schnell, und das Arsen, das im Gestein drinnen ist, wird zu Arsentrioxid. Und das ist das giftige…
Sprecherin
sagt der österreichische Fotograf und Autor Simon Brugner,
O-Ton 4 Brugner Teil 2
„...deswegen immer auch die ganzen Brennöfen hoch bauen – weil wenn dich so ein Schwaden trifft, ist die Gefahr für Leib und Leben sehr hoch. Man hat dann – nachdem es am Anfang ein unerwünschtes Nebenprodukt war - bald auch Arsen bewusst produziert. Das ist in so genannten Gifthütten passiert, die keine nach oben gerichteten Schornsteine hatten, sondern das waren horizontale Kammern, durch die der Rauch durchgeleitet wurde. Das Arsen hat sich verflüchtigt, hat sich in diesen horizontalen Rauchfängen als weißes Pulver abgesetzt.(…) Die Bergarbeiter, also die in der Verhüttung Tätigen, haben einfach den Beschlag abgeklopft, und so hat man dann wirklich reines Arsen gewonnen. Auch als wirtschaftlich wichtiges Handelsgut.“
Sprecherin
Vor allem Orte in der Ober- bis zur Oststeiermark waren in den vergangenen Jahrhunderten Hotspots der Arsen-Produktion. Die dortigen Minen waren strategisch günstig gelegen. Zum einen unweit von Ungarn, wo man Arsen als Heil- und Dopingmittel für Pferde nutzte. Die Hauptabnehmer für das steirische Arsen saßen jedoch südlich der Alpen. Simon Brugner:
O-Ton 5 Brugner
„Wo es wirklich zu großen Mengen verwendet wurde, ist in der Glasherstellung…. also das meiste. Der Großteil vom steirischen Arsenik wurde nach Venedig für die Muranoglas-Erzeugung verkauft. Also da gingen zig Tonnen jährlich nach Venedig.“
Sprecherin
Bald war Arsen vom Abfallprodukt zu einem wirtschaftlich wichtigen Handelsgut der K.u.K.-Monarchie geworden. Die österreichische Herrscherin Maria Theresia hatte ein genaues Auge auf die Arsen-Produktion ihrer Untertanen. Steuern und Zölle für Erzeugung und Transport waren zu entrichten. Doch die penible Reglementierung von Herstellung und Handel hatte einen weiteren Grund:
O-Ton 6 Brugner
„Arsen ist hochpotentes Gift. Es wurde immer stark kontrolliert. Also der Umgang mit Giften, der war immer schon rechtlich reglementiert.“
MUSIK „The game is on”; ZEIT: 00:50
Sprecherin
Dennoch sollte Arsen für die Herrschenden im 18. Jahrhundert zunehmend zum Problem werden. Denn trotz der genauen Kontrolle war der hochgiftige Stoff leicht zu haben, er wurde „legal“ vielfältig verwendet. Gleichzeitig gelangten zunehmend Nachrichten von Giftmorden mittels Arsen in Italien und Frankreich ans Licht der Öffentlichkeit. Mit der Aufklärung hatte die Bevölkerung hierzulande lesen gelernt - und verschlang aktuelle wie historische Berichte von Mord und Totschlag, Schuld und Sühne begierig. Man erfuhr von in Serie verübten Giftmorden der Borgia und der Medici, begangen mutmaßlich mit Arsenik. Später war in den Zeitungen von aqua tofana zu lesen, einer Arsen-Mischung, die jenseits der Alpen dutzenden Männern den Tod brachte.
MUSIK ENDE
O-Ton 7 Wahrig
„In der Tat gab es in Italien einen sehr, sehr großen Giftmordprozess gegen [00:09:00] eine relativ große Zahl auch an Frauen, die mit der sogenannten Aqua Tofana gehandelt haben. Und das soll eben ein sehr... raffiniert zubereitetes Gift gewesen sein, das so gewirkt haben soll, dass man der Person, die man gerade loswerden wollte, über längere Zeit kleine Mengen von diesem Gift untergejubelt hat und dass die dann irgendwann mal gestorben sind, ohne dass man wirklich Krankheiten oder andere Ursachen erkennen konnte.“
Sprecherin
Das berüchtigte Arsen-Elixier raffte Dutzende, wenn nicht gar Hunderte dahin, sagt die Professorin für Wissenschaftsgeschichte und Pharmazie, Bettina Wahrig. Dass vor allem Frauen schwunghaften Handel mit dem Gift trieben und bandenmäßig mordeten – dies, sagt Bettina Wahrig, war auch den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet.
O-Ton 8 Wahrig
„Wenn wir das heute lesen, dann denken wir, naja gut, da gibt es eben eine Partnerschaft Mann-Frau, also die Frau hat ihn satt - und weg damit! Aber die sozialen Beziehungen am Hof waren ja viel, viel komplizierter. Deswegen...also es gab [00:11:00] jedenfalls ein Netzwerk von Leuten, die dieses Giftwissen verbreitet haben und die so gefährlich erschienen, dass extra eine Serie von Gerichtsverhandlungen abgehalten wurde, um diese Leute abzuhandeln, abzuurteilen. Natürlich ging es da auch darum, wieder zu zeigen: Der König, die Souveränität, bemerkt das und richtet die Leute deswegen dann hin oder verurteilt sie deswegen.“
MUSIK „My Mind Rebels At Stagnation”; ZEIT: 00:43
Sprecherin
Arsen war also zur Bedrohung der patriarchalen politischen und sozialen Ordnung geworden – gegen die die Herrschenden infolge energisch vorgingen.
Der „Geist des Gifts“ war dennoch aus der Flasche – und sorgte auch in deutschen Landen zunehmend für Verwerfungen. Hier waren es vor allem Ärzte und Apotheker, die vor einem allzu sorglosen Umgang mit Arsen warnten. Und die dafür warben, den Zugang zu Giften zu beschränken, sowie die Bevölkerung aufzuklären, um unabsichtliche – oder auch absichtliche -Tötungen durch Arsen zu vermeiden.
MUSIK ENDE
Sprecherin
War dies wirklich ein Unfall? War es Mord? Oder war es gar keine Vergiftung? Diese Fragen mussten sich Rechtsmedizinern wie Richtern seinerzeit häufig stellen, sagt die Apothekerin Gabriele Roider. Klare Antworten aber fanden sie selten...
O-Ton 10 Roider
„Weil die Symptomatik, die wurde damals viel mit der Cholera verwechselt. Die hygienischen Verhältnisse waren ja vor bis vor 200 Jahren sehr, sehr schlecht. Das heißt, die Leute hatten häufig Brechdurchfall, und das ist auch so die typische Vergiftungserscheinung bei einer akuten Arsen-Intoxikation (…)eben
MUSIK „My Mind Rebels At Stagnation”; ZEIT: 01:29
Sprecherin
Dass der kenntnisreich ausgeführte Giftmord kaum nachzuweisen war; dass breite Gesellschaftsschichten mittlerweile Zugang zu umfangreichem Giftwissen hatten: Dies trieb auch die Schriftsteller der Aufklärung um. ETA Hoffmann etwa zeichnete in seiner Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ das dystopische Bild einer Gesellschaft, in der die Allgegenwart von Giften wie Arsen letztlich zu einer völligen Zersetzung des sozialen Zusammenhalts führt:
ZITATOR 1
Man sah Familienväter ängstlich in entfernten Gegenden Lebensmittel einkaufen, und in dieser, jener schmutzigen Garküche selbst bereiten, in ihrem eigenen Hause teuflischen Verrat fürchtend. Und doch war manchmal die größte, bedachteste Vorsicht vergebens.“
Sprecherin
Auch für die Ärzte hierzulande galt letztendlich, was ein französischer Kollege angesichts der nur zufälligen erfolgten Entdeckung des Giftmischers Godin de Sainte-Croix schrieb:
ZITATOR 1
„Bey diesen Giften ... werden die Erfahrungen falsch, die Regeln ungewiss, und die Aphorismen lächerlich. Sie schwimmen auf dem Wasser; sie lassen in der Feuerprobe bloß eine süße unschädliche Materie zurück, und liegen in den
tierischen Körpern so künstlich versteckt, dass man sie unmöglich erkennen
kann.“
MUSIK ENDE
Sprecherin
An einem gerichtsfesten Nachweis von Arsen forschten Wissenschaftler jahrzehnte-, ja, jahrhundertelang. Fand man verdächtige Materie, so gab man sie Tieren, um zu sehen, ob diese verendeten. Zuweilen warf man eine Probe auf glühende Kohlen. Enthielt diese Arsen, so entwickelte sich ein Geruch nach Knoblauch.
MUSIKAKZENT „Discombobulate“; ZEIT: 00:04
Es sollte bis 1836 dauern, dass der britische Chemiker James Marsh einen Apparat entwickelte, mit dem sich selbst kleine Mengen von Arsenik im Mageninhalt oder an Teilen einer Leiche wissenschaftlich nachweisen ließen. Dazu gab man zunächst Schwefelsäure und Zink in ein Reagenzglas und erzeugte so Wasserstoff. Dann gab man die Probe hinzu. Schließlich erhitzte man das Gemisch und hielt ein Porzellanstück hinein. Enthielt die Probe Arsen, so bildete sich am Porzellan ein gut sichtbarer, schwarzer Film.
O-Ton 11 Wahrig
Und das konnte man dann in den Gerichtssaal tragen. Und damit war es in der Tat auch für Juroren, also wenn man Schöffen hatte - oder eben Geschworene oder Richter - ein [00:17:00] glaubhafter Beweis.“
Sprecherin
Die Zahl der Morde mit Arsen gingen mit Etablierung des Marsh-Tests schlagartig zurück. Und doch: Die letzten Geheimnisse von und um Arsen waren damit noch immer nicht gelüftet.
MUSIK „The game is on”; ZEIT: 00:12
Bis nach Übersee drang Ende des 19. Jahrhunderts die Kunde von tollkühnen Pferdeknechten aus der Steiermark, die Arsen ganz freiwillig und in beträchtlichen Mengen als Droge konsumierten.
MUSIK ENDE
O-Ton 12 Brugner
Kokain, Methamphetamin. Das ist wahrscheinlich das vergleichbarste mit Arsenik. (...) Man hat quasi klarere Gedanken, man kriegt leichteren Atem, man steigt leichter die Berge hinauf. Es wird auch beschrieben, die Leute hatten mehr Courage, waren rauflustiger. Das Sexualdrang wurde gesteigert. Also es war eigentlich ein Aufputschmittel.“
Sprecherin
Arsenesser waren zuerst die Berufsgruppen, die durch ihren Job mit der Substanz in Berührung kamen: Bergleute, Beschäftigte in Schmelzhütten - aber auch hart schuftende Holzarbeiter, die Arsenpulver gewissermaßen als Dopingmittel zu sich nahmen. Arsen brachte die Wangen von Pferdeknechten zum Glänzen, und das Fell ihrer Tiere zum Leuchten. „Man trank es, wurde jung - und nach einiger Zeit vom Teufel geholt“, schrieb der Volksdichter Peter Rosegger über seine arsenessenden Landsleute: Denn Arsen kann sich im Körper einlagern und bei Langzeitkonsum Krebs oder Nervenschäden verursachen. Und nicht selten ging die genaue Dosierung schief bei Konsumenten, die ohnehin eine geringe Lebenserwartung und wenig zu verlieren hatten. Doch warum überlebten andere gar jahrzehntelang den Konsum von Arsen, einem Gift, dessen tödliche Dosis zwischen 60 und 170 Milligramm – in etwa der Größe einer Tablette – liegt?
MUSIK „Discombobulate“; ZEIT: 00:13
Die Kunde von diesen geheimnisvollen Bergbewohnern, die ein hochpotentes Gift aus reinem Spaß am Genuss konsumierten, machte europaweit die Runde.
MUSIK ENDE
Sprecherin
Wie konnte es also sein, dass eine Person an einer minimalen Dosis Arsen qualvoll verendete - sich eine andere aber mit der drei- bis vierfachen Menge Hochgefühle verschaffte? Gab es schlicht einen Gewöhnungseffekt? Oder war es die Art der Aufnahme von Arsenik, das man wie Kandiszucker lutschen oder als feingemahlenes Pulver schlucken konnte? Die Wissenschaftlerin Gabriele Roider glaubt, dass dies am Mikrobiom der Arsenesser liegen könnte….
O-Ton 14 Roider
„...also die mikrobielle Besiedelung des Magen-Darm-Traktes sozusagen. Das ist das Mikrobiom, das setzt sich aus ganz vielen verschiedenen Bakterien und Mikroorganismen zusammen. Und da gibt es tatsächlich auch welche, die (…) das metallische Arsen in organisch gebundenes Arsen überführen. Dann ist es ungiftiger und kann auch besser über die Nieren ausgeschieden werden. Und so können auch bestimmte Bakterien im Mikrobiom tatsächlich Arsen entgiften, sodass es also vorstellbar ist, dass das möglicherweise der Mechanismus ist….
Dass die vielleicht ein bestimmtes Mikrobiom hatten und vielleicht das auch so ein bisschen gefördert haben durch diese relativ häufigere oder einigermaßen regelmäßige Arsen-Aufnahme und das Mikrobiom also die Bakterien im Magen-Darm-Trakt dann schon viel davon entgiftet haben, sozusagen und dann gar nicht so viel von dem Gift tatsächlich im Körper von diesen Arsenik-Essern angekommen ist.“
Sprecherin
Wie Arsen im menschlichen Organismus wirkt – das ist bis heute nicht bis ins Letzte verstanden. Aktuell konzentriert sich die Arsenforschung auf Kleinstmengen, die aus Gesteinsschichten unter der Erde ins Trinkwasser gelangen – und die Gesundheit von Millionen Menschen in Indien und Bangladesch, aber auch in den USA, Asien und Europa gefährden.
MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:20
Doch Arsen hat - heute wie damals – nicht nur Schattenseiten. Als Mordgift und Aufputschmittel weitgehend passé, schickt sich das schillernde Halbmetall an, erneut Karriere als Arznei zu machen.
MUSIK ENDE
O-Ton 16 Prof. Christopher Rensing
„Was einen am meisten wundert, ist, wie viele Gene es gibt, die irgendwie was mit Arsen zu tun haben.“
Sprecherin
...sagt der Mikrobiologe Christopher Rensing, der zu Arsen in Stoffwechselprozessen forscht.
Seit dem 19. Jahrhundert erforscht die moderne Medizin die Mechanismen, wie Arsen auch heilend in den menschlichen Stoffwechsel, den Metabolismus, eingreifen könnte. Die so genannte Fowler´sche Lösung, die Kaliumarsenit enthielt, senkte erfolgreich das Fieber von Patienten und wirkte als Heilwasser gegen Schuppenflechte. Schließlich wurde das „heilende Arsen“ ab 1910 zum ersten Mittel der modernen Chemotherapie. Mit „Salvarsan“ hatte der Mediziner und Nobelpreisträger Paul Ehrlich das erste wirksame Medikament gegen die Volksseuche Syphilis gefunden. Wegen starker Nebenwirkungen geriet das vermeintliche Wundermittel jedoch bald wieder in Vergessenheit.
Heute sehen Forscher wieder großes Potenzial für Arsen als Arznei.
O-Ton 18 Rensing
„Arsenid-Trioxid, zusammen mit so einem Vitamin A-Derivat, wird das in der Krebsbekämpfung bei akuter promyelozyter Leukämie eingesetzt. (…) Da kann man dann fragen: Ja, aber wenn das da funktioniert, warum soll das nicht dann bei Brustkrebs oder bei Lungenkrebs... warum soll das da nicht funktionieren? Aber dann ist da das Problem, wenn man da jetzt Arsen so einsetzen würde, dann wird die toxische Wirkung irgendwann zu viel sein. Und deshalb, dann, jetzt wird halt versucht, das Arsen gezielt an den Wirkungsort zu bringen. Also, wenn man jetzt in Liposomen, also so kleine Fettkügelchen, wenn man da die Arsenverbindung reinbringt und dann so Moleküle da rein tut, dass die halt den richtigen target finden, dann ist natürlich die Hoffnung, dass man den Krebs auch gezielt dann bekämpfen kann.“
Sprecherin
Gemeinsam mit Kollegen fand der Professor Christopher Rensing außerdem heraus, dass Arsenpräparate auch dort wirken, wo herkömmliche Medikamente versagen: Etwa gegen einen Krankenhauskeim, der lebensbedrohliche Lungenentzündungen auslösen kann.
MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:45
O-Ton 19 Rensing
„Das, denke ich, wird auch viel Zukunft haben. weil es wird immer mehr zunehmen, dass Leute halt ins Krankenhaus kommen und nicht mehr behandelt werden können, weil die Antibiotika nicht mehr wirksam sind...da wird das natürlich dann auch wieder interessant dann, weil man natürlich eine Alternative auch braucht.(…)
Sprecherin
So könnte Arsen - über Jahrhunderte als Werkzeug der Gift-Mörder verrufen - vielleicht dabei helfen, zwei gegenwärtige Geißeln der Menschheit zu besiegen – und vom verruchten Killer künftig vielleicht zum anerkannten Lebensretter werden.


