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Nov 6, 2023 • 24min
Der Zweite Opiumkrieg - Chinas unvergessene Demütigung durch Europa
Wie schon der erste diente auch der zweite Opiumkrieg dazu, das große chinesische Reich gewaltsam für westliche Warenströme zu öffnen. Mit Kanonenbooten und Opium, mit Soldaten, Missionaren und "Ungleichen Verträgen" stürzten fremde Mächte, allen voran Europäer, das China des 19. Jahrhunderts in eine tiefe Krise.
Autor: Thomas GrasbergerCreditsAutor/in dieser Folge: Thomas GrasbergerRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Jerzy MayTechnik: Ruth-Maria OstermannRedaktion: Thomas Morawetz
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Im Interview:Thomas Heberer, Seniorprofessor Chinese Politics & Society am Institute of East Asian Studies an der Universität Duisburg-EssenDiese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren:
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Nov 6, 2023 • 22min
Der Krimkrieg - Der allererste Weltkrieg
Im Krimkrieg kämpften 1853-56 Russland, England und Frankreich um das Erbe des Osmanischen Reichs. Mit Schützengräben, Stellungskrieg und dem modernen Sanitätswesen scheint der Krieg den Ersten Weltkrieg vorwegzunehmen. (BR 2014)
Autor: Klaus UhrigCreditsAutor/in dieser Folge: Klaus UhrigRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Beate Himmelstoß, Thomas Loibl, Peter WeißTechnik: Miriam BöhmRedaktion: Thomas Morawetz
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Nov 6, 2023 • 23min
Heinrich Barth - Der vergessene Afrika-Forscher
Er trank sein eigenes Blut, um in der Sahara nicht zu verdursten. Heinrich Barths Expedition nach Afrika gilt heute als Pionierleistung der Afrikaforschung. (BR 2017)
Autor: Linus Lüring
Credits Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Rahel Comtesse, Rainer Buck, Jerzy May Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Sprecher
Vor 24 Stunden hatte Heinrich Barth zum letzten Mal etwas getrunken. Jetzt steigt die Sonne erbarmungslos immer höher. An Schatten ist nicht zu denken, die wenigen Bäume sind verdorrt. Der junge Deutsche ist allein unterwegs und weiß, dass er bald verdursten wird. In seiner Verzweiflung schneidet er sich in den Arm und trinkt sein eigenes Blut, um den Durst zu stillen. Dann fällt er in Ohnmacht. In der sengenden Hitze dämmert Barth dahin. Doch am Abend weckt ihn plötzlich der Schrei eines Kamels.
Zitator
Der klangreichste Ton, den ich je im Leben gehört! Ich erhob mich etwas vom Boden und sah einen Targi in einiger Entfernung langsam nach allen Seiten umherspähend, vor mir vorbeireiten. Ich öffnete meine trockenen Lippen, mit meiner geschwächten Stimme „Wasser, Wasser“ rufend.
Sprecher
Die Rettung für Heinrich Barth kommt in letzter Minute. Beinahe wäre sein Traum – das nördliche Afrika zu erforschen – schon hier im kargen Idinen-Gebirge am Rand der Sahara zu Ende gewesen. Jetzt aber lernt Barth aus dieser Erfahrung. Er teilt seine Kräfte künftig besser ein und riskiert nie wieder bei Alleingängen sein Leben. Das ist die Basis für eine beeindruckende Pionierleistung, die aber jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geraten wird.
Sprecherin
Einige Wochen vorher, im März 1850, hat sich Heinrich Barth in Tripolis mit einer Expedition im Auftrag der britischen Regierung auf den Weg in Richtung Süden gemacht. Neben dem damals 29-jährigen Barth sind noch der deutsche Geologe Adolf Overweg und der Leiter der Expedition dabei, der britische Missionar James Richardson. Begleitet werden sie von einheimischen Führern und dutzenden Kamelen. Zuerst wollen sie die Sahara durchqueren und dann weiter in Richtung Tschadsee vorstoßen. Ihr Auftrag: Sie sollen das nördliche Afrika erforschen und dabei Absatzmärkte für britische Waren erschließen. Vor den Männern liegt ein Gebiet, das zur damaligen Zeit in Europa größtenteils noch unbekannt ist. Es gibt wenig verlässliche Informationen, stattdessen Gerüchte über angriffslustige Nomadenvölker, wilde Tiere und Dürren. Wie gefährlich die Expedition ist, das werden die Europäer schnell spüren. Barth wird der einzige der drei sein, der die Forschungsreise überlebt.
Sprecher
Nachdem sich Barth von seinem lebensgefährlichen Alleingang erholt hat, zieht die Karawane weiter in Richtung Air-Gebirge. Die wasserlose Region ist sagenumwoben, noch nie waren Europäer bis hierher vorgedrungen.
Sprecherin
Schon nach wenigen Tagen gerät die Expedition in einen Hinterhalt. Dutzende Tuareg, bewaffnet mit Schwertern und Speeren, überfallen die Karawane. Sie haben es auf die mit unzähligen Kisten und Gepäckstücken beladenen Kamele abgesehen. Die Expedition verliert etwa ein Viertel der Lebensmittelvorräte und andere Güter. Während Expeditionsleiter Richardson schon mit dem sicheren Tod rechnet, tritt Heinrich Barth den Nomaden entschlossener entgegen.
Schließlich kommen die drei Christen nach zähen Verhandlungen mit dem Leben davon.
Sprecher
Immer wieder wird Heinrich Barth bei der weiteren Reise bedrohliche Situationen erleben. Dennoch begegnet er den Einheimischen mit großem Respekt. Stets sucht er den Kontakt mit Ihnen und schließt viele Freundschaften. Dies ermöglicht ihm tiefe Einblicke in die Kulturen Nordafrikas. Dass Barth in Afrika so gewinnend auftritt, war keineswegs zu erwarten gewesen. In Deutschland galt Heinrich Barth als Einzelgänger, ja sogar als beziehungsunfähig.
Sprecherin
Im Februar 1821 wurde er als Sohn einer Kaufmanns-Familie in Hamburg geboren. Seine Eltern achteten auf Fleiß und eiserne Disziplin, Merkmale, die Barths Persönlichkeit prägten. Ein Mitschüler beschrieb ihn zwar als kränklich und schwach, fügte aber bewundernd hinzu, dass er im Winter in Eiswasser schwamm, um seinen Körper zu stärken. Bald soll Barth dann eine stattlichere Statur gehabt haben, trotzdem fanden ihn viele ziemlich merkwürdig, wie ein Klassenkamerad festhielt.
Zitator
Namentlich hieß es von ihm, dass er sich privat und ohne alle Anleitung mit dem Arabischen beschäftige, was uns gedankenlosen Schuljungen denn freilich als der Gipfel aller Verrücktheit erschien.
Sprecherin
Auch später im Studium hatte er wenig Kontakt zu anderen, stattdessen war er getrieben vom Wissensdrang, also studierte er in Berlin nicht nur Geschichte, sondern gleich auch noch Geografie, Jura und Germanistik. Nach der Promotion brach er zu einer Reise ums südliche Mittelmeer auf.
Dass er unterwegs angeschossen und ausgeraubt wurde, warf ihn nur kurz aus der Bahn. Zu fasziniert war er von den antiken Stätten und den unterschiedlichen Kulturen denen er in Tunesien oder Syrien begegnete.
Sprecher
Obwohl ständig von Hunger und Geldsorgen geplagt, notierte er doch alle möglichen Details zu Namen, Entfernungen und Begegnungen. Daraus verfasste er später seine Habilitationsschrift in Geographie. Trotz dieser enormen Leistung erfüllte sich sein großer Wunsch nicht – eine eigene Professur. Er schafft es nicht, andere mit seinen enormen Kenntnissen zu begeistern. Seine Vorlesungen sind schlecht besucht. Entmutigt zieht Barth sich zurück und blickt einer unsicheren Zukunft entgegen. Sein Schwager charakterisiert ihn so:
Zitator
Sein Selbstgefühl erlaubt ihm nicht, sich zur rechten Zeit zu beugen. Er ist ein kühner und ausdauernder, aber kein gewandter Schwimmer auf dem Strome des Lebens.
Sprecherin
Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine Expedition in unbekannte Gebiete, bei der es auf Diplomatie und Offenheit ankommen wird. Trotzdem: Für Barth kam die Einladung zur Teilnahme gerade recht. Die Briten wollten von seiner akribischen Arbeitsweise profitieren. Und dem ehrgeizigen Wissenschaftler wurde zugesichert, dass er - wenn er mit herausragenden Ergebnissen nach Europa zurückkehrt - eine passende Professur bekommt.
Darauf verließ sich Barth. Hochmotiviert brach er auf nach Afrika. Während der Expedition wird er ein anderer Mensch werden.
Sprecher
Im Januar 1851, knapp neun Monate nach dem Aufbruch, haben die Männer um Heinrich Barth bereits dreieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt. Langsam lassen sie die Sahara hinter sich und sehen jetzt die ersten Kornfelder im Norden des heutigen Nigeria.
Sprecherin
Für Barth kommt die Karawane zu langsam voran, außerdem nerven ihn die ständigen finanziellen Sorgen, denn der Geldnachschub aus England ist schon seit längerem ausgeblieben. Allein wäre er nicht nur schneller und günstiger, sondern auch unauffälliger und damit sicherer unterwegs, hofft er. Expeditionsleiter Richardson stimmt schließlich zu, dass die drei Europäer sich trennen. Für die umfangreichen Forschungsarbeiten Barths und auch des anderen Wissenschaftlers Adolf Overweg hat er ohnehin immer weniger Verständnis. Die Männer vereinbaren, sich drei Monate später im 700 Kilometer entfernten Kukawa wiederzutreffen, der Hauptstadt des mächtigen Bornu-Reiches am Tschad-See.
Sprecher
Heinrich Barth zieht mit neuer Energie und nur wenigen Begleitern weiter. Dass er nun seinen Weg selbst bestimmen und ungehindert die Gegenden, die vor ihm liegen, erforschen kann, macht ihn glücklich. Wie besessen versucht er jedes Detail festzuhalten. Seine breite Bildung in Archäologie, Geographie und Linguistik ist dabei ein Schlüssel für bemerkenswerte Erkenntnisse.
Sprecherin
Schon kurz nach der Abreise hatte der deutsche Forscher im heutigen Libyen einige jahrtausendealte Felsbilder entdeckt. Weil er dort, mitten in der Wüste, Zeichnungen von Elefanten und Flusspferden sah, begriff er als erster überhaupt, dass die Region einen gewaltigen Klimawandel erlebt hat. Solche Erkenntnisse notiert er akribisch. Seine Schriften gibt er dann von Zeit zu Zeit Karawanen in Richtung Norden mit. Barths Briefe sind monatelang unterwegs, bis sie in Europa eintreffen.
Sprecher
Im März 1851, kurz vor Kukawa, dem vereinbarten Treffpunkt der drei Europäer, reiten Boten Heinrich Barth entgegen. Die Nachricht, die sie überbringen dämpft seinen Optimismus empfindlich. Expeditionsleiter Richardson ist vor wenigen Tagen an Entkräftung gestorben. Auf einmal muss sich Barth die Frage stellen, wie es mit der Expedition weitergeht. Er schreibt deshalb an die britische Regierung in London mit der Bitte um Anweisungen. Dabei steht er vor einem weiteren Problem: Der Deutsche weiß nicht, wie der mächtige Scheich von Bornu ihn in Kukawa empfangen wird. Weil Adolf Overweg noch nicht eingetroffen ist, muss er allein, ärmlich gekleidet und nach Richardsons Tod auch ohne offiziellen Auftrag in die Stadt einreiten.
Sprecherin
Unsicher reitet Heinrich Barth auf die in der Sonne schimmernden, weißen Lehmmauern der Stadt zu. Doch er wird erst vom Wesir, dem wichtigsten Minister des Scheichs und später von Scheich Omar selbst wohlwollend begrüßt und dann zu einem üppigen Abendessen eingeladen. Und obwohl er fast keine Gastgeschenke mitbringt, wird Barth sogar ein geräumiger Lehmziegelbau zugewiesen.
Sprecher
Schon nach wenigen Tagen ist es ihm gelungen, das Vertrauen des Scheichs zu gewinnen. Er wird mit Unterbrechungen insgesamt über ein Jahr in Kukawa verbringen.
Sprecherin
Es scheint paradox. In Europa ist Heinrich Barth noch der zurückgezogene, abweisende Einzelgänger. In Afrika tritt er dagegen völlig anders auf, erklärt Professor Klaus Schneider, Präsident der Heinrich-Barth-Gesellschaft:
ZUSP Schneider 1
Er hatte anscheinend ein ganz großes Geschick oder große Ausstrahlung diesen Menschen gegenüber. Er hatte überall, wo er war, und das sagt er in einem ganz berühmten Satz, überall wo ich gewesen bin, habe ich Freunde hinterlassen. Und das hat er auch ganz früh zu einer Methode gemacht und er sagte, man muss mit diesen Menschen persönlich in Kontakt geraten, und sie müssen sich um dich kümmern. Sonst wird das nicht gut gehen.
Sprecherin
Barth profitiert dabei auch von seinem außerordentlichen Sprachtalent. Innerhalb weniger Wochen schafft er es oft die Sprachen der Regionen, durch die er gerade reist, zu lernen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Dolmetscher braucht er so gut wie nie. Und noch etwas hilft ihm. Er hat keine Berührungsängste mit dem Islam, der in Nordafrika dominierenden Religion. Im Gegenteil, während in Europa im 19. Jahrhunderts der Antiislamismus weit verbreitet ist, faszinieren ihn die islamischen Einflüsse auf Wissenschaft und Kunst. In vielen Gegenden kleidet er sich sogar wie ein Muslim und reist unter dem Pseudonym „Abd el Karim“, übersetzt: „der Diener des Höchsten“. Ein gewaltiger Unterschied zu anderen Afrika-Forschern vor ihm, wie etwa Mungo Park. Sie bevorzugten bewusst europäische Kleidung um sich als Höherstehende abzugrenzen.
Sprecher
Mitte des Jahres 1852 ist Kukawa, die Hauptstadt des Bornu-Reiches, für Heinrich Barth seine „afrikanische Heimat“ geworden, wie er selbst sagt. Von hier aus unternimmt er monatelange Exkursionen ins Umland, begleitet von Adolf Overweg, der mit einigen Wochen Verspätung doch noch angekommen ist. Dabei bereisen sie Gebiete, die in Europa nicht mal dem Namen nach bekannt sind. Dann, nach über einem Jahr, kommt endlich ein Brief aus London.
Für Barth wird das einer der „glücklichsten Tage seines Lebens“, wie er sagt: denn die britische Regierung bestimmt ihn zum neuen Leiter der Expedition.
Mit diesem offiziellen Auftrag kann er schließlich den Handelsvertrag für Großbritannien mit dem Scheich abschließen – eines der Hauptziele der Expedition ist damit erreicht. Außerdem bekommt Barth lang ersehnte finanzielle Unterstützung. Nun kann er die weitere Route der Expedition selbst bestimmen. Und da fasst Heinrich Barth einen Ort ins Auge, der in Europa damals einen mythischen Ruf hatte – Timbuktu.
Sprecherin
Unvorstellbar reich soll die Wüstenstadt sein. Es heißt sogar, dass die Häuser mit Gold überzogen seien. Allerdings sind das eben nur Erzählungen. Wohl erst zwei Europäer haben Timbuktu bisher erreicht. Ihre jahrzehntealten Berichte sind ent-weder nicht überliefert oder werden angezweifelt. Barth möchte herausfinden, wie es in der Stadt wirklich aussieht. Er weiß, dass die Reise etwa ein Jahr dauern wird: von Kukawa nach Timbuktu sind es mehr als 2000 Kilometer. Trotzdem ist der deutsche Wissenschaftler voller Tatendrang. Aber kurz vor dem geplanten Aufbruch dann ein Rückschlag: Adolf Overweg stirbt an Malaria. Barth ist tief erschüttert, denn Overweg war für ihn zu einem wichtigen Freund geworden. Den-noch bleibt er bei seinem Ziel - er will Timbuktu unbedingt erreichen. Im November 1852 bricht er mit acht Begleitern sowie einigen Pferden und Kamelen auf.
Sprecher
Auf dem Weg nach Westen, in Richtung Timbuktu erlebt Barth, wie er später schreibt, „ununterbrochene Kriegsführung und Gewalttätigkeit“. Immer wieder müssen er und seine Begleiter deshalb große Umwege machen. Einmal reiten sie 30 Stunden ohne wirkliche Rast, in der ständigen Angst entdeckt zu werden. Dabei spürt Heinrich Barth die Überanstrengung immer deutlicher. Seit knapp drei Jahren ist er jetzt schon unterwegs. Rheuma, Fieber oder Skorpionstiche quälen ihn immer wieder. Dazu kommt die einseitige Ernährung: Auf dem Weg nach Timbuktu zum Beispiel gibt es monatelang fast nur Hirsebrei. Trotzdem treibt ihn eiserne Disziplin vorwärts, mit teilweise bizarren Folgen:
Zitator
Bald begann ich die Qual der Übermüdung zu fühlen. Um nicht im schläfrigen Zustande vom Kamele zu fallen, war ich genöthigt, einen großen Teil der Nacht mich zu Fuße hinzuschleppen, was nicht eben angenehm war.
Sprecher
Dass Barth es dabei schafft, seine Forschungsarbeiten nicht zu vernachlässigen, wirkt fast übermenschlich. Doch genau das bringt ihn jetzt in zusätzliche Schwierigkeiten. Weil er ständig Gebäude oder Landschaften zeichnet und sogar lange Vokabellisten für verschiedenste Sprachen anlegt, ist er vielen Afrikanern suspekt. In die Zeit fallen auch Berichte, dass französische Truppen beginnen, den Nordwesten Afrikas zu erobern. Für viele Einheimische steht deshalb fest: Barth muss ein Spion sein, der eine Invasion vorbereitet. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.
Sprecherin
Während viele Europäer Afrika zur damaligen Zeit als Kontinent ohne Geschichte sehen und Afrikaner für primitive Wilde halten, fehlen bei Heinrich Barth solche rassistischen Bemerkungen. Er ist überzeugt, dass den afrikanischen Gesellschaften eine große Gefahr droht. Professor Klaus Schneider:
Zusp. Schneider 2
Also ich glaube der Kolonialismus, der sich anbahnte, der war für Barth schon gefühlt. Er war sicher, dass die Europäer Afrika überrennen würden. Und er sagt dann ja auch an manchen Stellen, er hätte davon geträumt, dass er an der Spitze eines panafrikanischen Heeres gegen die europäischen Kolonialmächte angehen würde. Und damit war er der einzige überhaupt zu der Zeit, der sich in irgendeiner Art und Weise wirklich artikuliert auf die Seite der Afrikaner gestellt hat.
Sprecherin
Ein Europäer an der Seite Afrikas – Heinrich Barth wird noch spüren, dass er sich mit dieser Einstellung nicht nur Freunde macht.
Sprecher
Endlich. Im September 1853 hat es Heinrich Barth trotz aller Widrigkeiten geschafft. In der Ferne taucht vor ihm die Stadt seiner Sehnsucht auf -Timbuktu. Doch der Anblick ist für den mittlerweile 32-jährigen eine Enttäuschung.
Zitator
Ihre dunklen, schmutzigen Tonmassen waren kaum vom Sande und umher aufgehäuften Schutt zu unterscheiden. Denn der Himmel war dick überzogen und mit Sand erfüllt.
Sprecher
Für Barth wird Timbuktu trotzdem eine der wichtigsten Stationen. Denn hier freundet er sich mit Scheich Al-Bakkai an, einem der berühmtesten Koran-gelehrten Westafrikas. Der mächtige Mann beschützt Barth als feindliche Herrscher herausbekommen, dass der Fremde Christ ist. Außerdem führen die beiden Männer lange Gespräche über die Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum. Und Al-Bakkai gewährt ihm Einblicke in bedeutende historische Dokumente. So kann Barth die Geschichte der westafrikanischen Reiche erstmals umfassend nachvollziehen. Dabei bleibt seine Lage lebensgefährlich, mehrmals muss der Forscher Timbuktu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. In dieser Zeit reißt auch der Kontakt nach Europa völlig ab. In der Heimat kursiert bereits die Nachricht, dass Heinrich Barth ums Leben gekommen sei, und zahlreiche Nachrufe werden verfasst.
Sprecherin
Nach sechs Monaten in Timbuktu macht sich Heinrich Barth Anfang 1854 auf den Rückweg nach Europa. Im August 1855 erreicht Barth völlig erschöpft wieder Tripolis. Hinter ihm liegen über 15.000 Kilometer in fünfeinhalb Jahren.
Als Heinrich Barth sich dann nur wenige Tage später auf die Weiterreise nach London macht, ist er sich sicher, dass das, was er zu berichten hat, in Europa für Furore sorgen und ihn in Wissenschaftskreisen weit bringen würde.
Sprecher
Doch angekommen in London erfährt er, dass England und Frankreich ihre Interessensgebiete in Nordafrika inzwischen abgesteckt haben. Die Gebiete, in denen Heinrich Barth Handelsverträge für England abgeschlossen hat, liegen jetzt im französischen Einflussbereich. Die zähen Verhandlungen Barths waren umsonst. Schwer enttäuscht schreibt er seinen Reisebericht. Bereits zwei Jahre später erscheint das Werk auf Deutsch und Englisch. Auf 3.500 Seiten erklärt Heinrich Barth in fünf Bänden geografische und sprachliche Details, schildert politische und wirtschaftliche Beziehungen und beschreibt Personen, die er getroffen hat. Doch anders als die Bücher früherer Afrikareisender wird das Werk ein Ladenhüter. Es ist zu detailliert, zu wenig spannend geschrieben. Der nächste Rückschlag für Barth. Wehmütig denkt er an seine Reisejahre zurück:
Zitator
Wie sehne ich mich nach einem freien Nachtlager in der Wüste. Wo ohne Ehrgeiz, ohne Sorge um die tausend Kleinigkeiten, die hier den Menschen quälen, ich mich im Hochgenuss der Freiheit nach Beendigung des Tagesmarsches auf meine Matte zu strecken pflegte.
Sprecher
Aber statt nach Nordafrika, kehrt Barth nun nach Deutschland zurück und wird wieder enttäuscht. Die versprochene Professur bekommt er nicht, stattdessen spürt er breite Ablehnung. Viele nehmen ihm übel, dass er im Auftrag der Briten unterwegs war. Und dass er dazu den Kolonialismus deutlich kritisiert und den Islam bewundert, passt so gar nicht zum damaligen Zeitgeist. Professor Klaus Schneider:
ZUSP: Schneider 4
Er hatte keine Möglichkeit in diese Wissenschaftskreise zu gelangen, von denen er sich dann die weitere Karriere versprochen hat. Das ist für ihn, glaube ich, auch ein Grund gewesen, zu resignieren und vielleicht auch durch diese Umstände depressiv zu werden und in Kombination mit einigen Krankheiten, die er aus Afrika mitgebracht hatte, dass er daran auch verstarb.
Sprecher
Mit nur 44 Jahren stirbt Heinrich Barth zurückgezogen im November 1865 in Berlin. Lange gerät er dann in Vergessenheit. Erst 100 Jahre später wird sein Werk wiederentdeckt und die Bedeutung seiner Arbeit gewürdigt. Gerade weil er vorurteilsfrei den direkten Kontakt suchte, erkannte er als einer der ersten Forscher die reiche Vergangenheit Afrikas und wies nach, dass die These vom Kontinent ohne eigene Geschichte nicht haltbar ist. Doch das passte nicht in eine Zeit, die gerade die Kolonialisierung Afrikas vorbereitete.

Nov 2, 2023 • 22min
Tiere in der Pubertät - Abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig
Abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig - die Pubertät ist auch für viele Tiere eine aufregende Zeit. Die Veränderungen, die tierische Teenager durchlaufen, sind zum Teil ähnlich wie beim Menschen. (BR 2020)
Autorin: Claudia SteinerCreditsAutor/in dieser Folge: Claudia SteinerRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Heiko Ruprecht, Katja SchildTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Im Interview:Norbert Sachser (Professor für Zoologie, Institut für Verhaltensbiologie an der Universität Münster)Dag Encke (Tiergartendirektor in Nürnberg)Barbara Natterson-Horrowitz (Gastprofessorin für menschliche Evolutionsbiologie in Harvard, Professorin für Medizin und Kardiologie an der Universität of California in Los Angeles)
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Nov 2, 2023 • 24min
Mutterliebe im Tierreich? Alles Natur
Liebevolle Tiermütter sind beliebte Motive in den Medien, dabei zählt im Tierreich nur, die eigenen Gene weiterzugeben. Die Strategien, wie das gelingt, führen zu verschiedenen Formen der Elternschaft. Aufopfernde Spinnen und liebevolle Elefanten lassen den Homo sapiens fragen: gibt es doch Mutterliebe bei Tieren? Autorin: Fiona Rachel Fischer
Credits Autor/in dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner
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Im Interview:Dr. Thomas Breuer, Projektleiter WWF für Zentral- und Westafrika
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Nov 1, 2023 • 23min
Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit
Wie gehen wir mit unserer Sterblichkeit um? Wie hängen Lebenskunst und Wissen um die eigene Endlichkeit zusammen? Welche Rolle spielt der Trost der Religion? Antworten aus der Psychoanalyse und der Philosophie. (BR 2018)
Autorin: Inka KübelCredits
Autor/in dieser Folge: Inka KübelRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Hemma Michel, Carsten FabianTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Bernhard KastnerDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Oct 31, 2023 • 21min
Die Lust am Gruseln - Echte Gänsehautgefühle
Eine Hexe, ein Monster, der Tod: Das Grauen gehört zum menschlichen Leben wie die Versuche, die Dämonen der Angst zu bekämpfen - etwa durch magische Rituale oder Gebete. Gruseln will gelernt sein. (BR 2015)
Autorin: Justina Schreiber
Credits Autor/in dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Frank Halbach Es sprachen: Laura Maire, Christian Baumann, Carsten Fabian Technik: Roland Böhm Redaktion: Susanne Poelchau
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Oct 31, 2023 • 22min
Chronomedizin - Therapie im Takt des Körpers
Der Blutdruck steigt morgens stark an. Die Blase füllt sich mittags am schnellsten. Und die Haut erneuert sich vor allem nachts. Viele Funktionen unseres Körpers schwanken im 24-Stunden-Takt, im sogenannten zirkadianen Rhythmus. (BR 2018)
Autorin: Maike BrzoskaCreditsAutor/in dieser Folge: Maike BrzoskaRegie: Martin TraunerEs sprachen: Hemma Michel, Carsten FabianTechnik: Roland BöhmRedaktion: Gerda Kuhn, Nicole Ruchlak
Im Interview:Ulf Landmesser (Direktor der Klinik für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin der Charité Berlin);Björn Lemmer (emeritierter Professor für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Heidelberg); Martin Midekke (Leiter des Hypertoniezentrums in München);Achim Kramer (Professor für Chronobiologie und Leiter der medizinischen Immunologie an der Charité, Berlin);Angela Relógio (Forscherin am Institut für Theoretische Biologie der Charité, Berlin)
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Oct 31, 2023 • 22min
Richard Feynman - Physikgenie mit Charisma
Eine Mischung aus theoretischem Physiker und Zirkusdirektor: Richard Feynman revolutionierte die Quantenphysik und setzte dabei auch auf den großen Auftritt. (BR 2020)
Autorin: Sophie Stigler
Credits Autor/in dieser Folge: Sophie Stigler Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Beate Himmelstoß, Johannes Hitzelberger, Benedikt Schregle Technik: Robin Auld Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Finn Ravndal (Doktorand bei Feynman am Caltech von 1968-74)Harald Fritzsch (Forscher in Gruppe Murray Gell-Mann am Caltech, 1972-76)
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO großer Hörsaal, voll, Gemurmel, Gespräche
MUSIK Beschwingt, positiv, bouncy
OTON Ravndal 1
[00:36:57] I remember the first very first time I saw Feynman in the lecture hall.
VOICE-OVER – Sprecher: Ravndal 1
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich Feynman gesehen habe, im Hörsaal war das.
OTON Ravndal 2
((That must have been during my first year and that time I hadn't seen him yet on campus.)) And I was sitting in the audience. And then I saw this man walking down on my left side towards the blackboard and he had a white shirt and gray black pants and he had long black gray hair.
VOICE-OVER – Sprecher: Ravndal 2
Ich habe bei den Zuhörern gesessen und sehe dann diesen Mann, der links von mir zur Tafel runtergeht. Er hatte ein weißes Hemd an und eine grauschwarze Hose und lange grauschwarze Haare.
SPRECHERIN 2
Finn Ravndal erzählt – einer von Richard Feynmans wenigen Doktoranden.
OTON Ravndal 3
((And he was moving.)) He was almost gliding down towards the blackboard. And he was smiling and he looked in many ways divine.
VOICE-OVER – Sprecher: Ravndal 3
Er ist fast runter zur Tafel geschwebt. Und er hat gelächelt und hatte dabei sowas… göttliches.
OTON Ravndal 4
I think I thought about Jesus [freistehen lassen], because he almost, you know, he was in a different sphere because he looked so happy and so content. And it was very, it made a very special impression that time.
VOICE-OVER – Sprecher: Ravndal 4
Ich glaube, ich dachte da an Jesus. Weil er fast, naja, er war irgendwie in anderen Sphären unterwegs, so glücklich, so zufrieden sah er aus. Und das hat auf mich damals ziemlich Eindruck gemacht.
SPRECHERIN 3
Aber dann spricht Jesus über Theoretische Physik.
OTON Ravndal 5
[00:38:32] Yes. Yes. Yes.
ATMO Hörsaal keine Gespräche mehr, nur noch Raumgeräusch??
MUSIK bouncy steht frei, auch immer wieder mit Akzenten in Pausen von folgendem Sprechertext
SPRECHERIN 4
Richard Feynman ist nicht nur theoretischer Physiker. Er hat das Herz eines Zauberers, der das Staunen der Zuschauer liebt – ein Entertainer eben. In einer Vorlesung beschwert er sich halb ironisch, halb ernst: Seine Vorredner erwähnten immer nur, was für ein guter Trommler er sei.
SPRECHER Feynman 6
Sie scheinen es nie für nötig zu halten, dass ich auch theoretische Physik betreibe.
MUSIK bouncy endet mit Akzent
SPRECHERIN 5
Vielleicht waren die Kollegen der Meinung, Feynman brauche keine lange Vorstellung. Schließlich gehört sein Name in die Reihe der bekanntesten Physiker der USA. Und auch, wer in Deutschland einen Physik-Hörsaal betritt, hat gute Chancen, an der Tafel Richard Feynmans Vermächtnis zu sehen: Abstrakte Kunstwerke aus Strichen, Schlangenlinien, Pfeilen – die Feynman-Diagramme. Sie zeigen, was zwischen Elementarteilchen vor sich geht. Und sie haben Feynman einen Nobelpreis eingebracht. Nicht für die eine große Theorie, sondern für den Anspruch, dass Physik einfach und verständlich sein sollte – selbst, wenn es Quantenphysik ist. Das machte ihn zu einem der besten Lehrer, den die Physik je hatte. Das und ein gutes Gefühl für einen dramatischen Auftritt. Schon mit elf, zwölf Jahren. Feynmann erinnert sich in seiner Anekdotensammlung “Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!“
MUSIK nostalgisch, fröhlich, Ende 20er/ Anfang 30er Jahre
SPRECHER Feynman 7
Wir haben oft Zauberkunststücke – chemische Zaubereien – für die Kinder aus der Straße vorgeführt.
MUSIK Ende
SPRECHERIN 7
Am MIT und später an der Universität Princeton gehört Feynman Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre zur ersten Generation von Physikern, die Quantenphysik im Studium lernen. Man weiß damals noch nicht allzu lange, dass seltsame Dinge passieren, wenn man immer tiefer in die Materie hineinschaut. In der Welt der kleinsten Teilchen, der Quanten, gibt es plötzlich keine Gewissheiten mehr, sondern es regieren der Zufall und Wahrscheinlichkeiten. Leider wollen die neuen Gesetze der Quantenmechanik so gar nicht zu den „alten“ Gesetzen passen, die die Welt der großen Dinge doch vorher so gut beschrieben haben. Selbst für Feynman wird diese Erkenntnis problematisch:
OTON Feynman 9
3:15 We see things that are far from what we would guess.
SPRECHERIN 8
Feynmans Vorlesung mit dem Titel “Wahrscheinlichkeit und Unsicherheit“, 1964 aufgenommen von der BBC.
OTON Feynman 10
Our imagination is stretched to the utmost just to comprehend the things that are there.
VOICE-OVER/SPRECHER Feynman 10 (nicht drüberlegen, bitte)
Wir sehen Dinge, die weit weg sind von allem, was wir erwartet hatten. Unsere Vorstellungskraft wird aufs Äußerste gefordert, nur, um die Dinge zu erfassen, die da sind.
SPRECHERIN 9
Genau das ist Feynmans Mission: Diese neue unvorstellbare Quantenwelt zu versöhnen mit der bewährten Physik. Aber das reicht ihm noch nicht, erinnert sich sein früherer Doktorand Finn Ravndal. Er ist heute emeritierter Professor der Universität Oslo.
OTON Finn Ravndal 11
[00:51:25] He used to say that if you if you have found a truth about nature, something which is of fundamental importance on the basic level, then whatever this level is, when the truth, when it's right, when it's really true, then you should be able to go out and tell an arbitrary person on the street about this truth and this insight. And this arbitrary person should understand right away that this is really right. (…) And it sounds almost hopeless to do that in theoretical physics, in elementary particles. But that was his attitude.
VOICE-OVER Ravndal 11
Er sagte immer, dass, wenn du etwas Wahres über die Natur rausgefunden hast, etwas, das grundlegend wichtig ist, dann solltest du in der Lage sein, auf die Straße zu gehen und deine Erkenntnis der nächstbesten Person zu erklären. [Und diese Person sollte sofort verstehen, dass deine Erkenntnis auch stimmt.] Das klingt hoffnungslos in der Theoretischen Physik oder in der Teilchenphysik. Aber das war seine Einstellung.
SPRECHERIN 10
Feynman nimmt schon im Physikstudium nichts als gegeben hin, leitet sich alle Gesetze selbst her. Aber noch bevor seine Karriere in der Wissenschaft richtig angefangen hat, wird er vor die Wahl gestellt.
MUSIK Spannung sanft
SPRECHERIN 11
Ein Kollege berichtet ihm von einem geheimen Projekt, bei dem Feynman unbedingt mitmachen müsse.
SPRECHER Feynman 12
Dann erzählte er mir von der Aufgabe, verschiedene Uranisotope voneinander zu trennen, um daraus schließlich eine Bombe zu machen. Er erzählte mir davon und sagte: „Es findet ein Treffen…“ Ich sagte, ich wolle nicht daran mitarbeiten. Er sagte: „Na gut, um drei Uhr findet ein Treffen statt. Bis dann.“
SPRECHERIN 12
Feynman erklärt dem Kollegen noch einmal, dass er nicht mitmachen wird [und wendet sich wieder seiner Doktorarbeit zu – für ungefähr drei Minuten].
SPRECHER Feynman 13
Dann begann ich auf und ab zu gehen und mir die Sache zu überlegen.
SPRECHERIN 13
Er denkt an Hitler und dessen Versuche, eine Atombombe zu entwickeln, und an die Möglichkeit, dass es ihm gelingen könnte. Um drei Uhr ist er beim Treffen. Um vier Uhr sitzt er an einem Schreibtisch und rechnet los. So erinnert sich Richard Feynman jedenfalls in seiner Anekdotensammlung „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!“.
MUSIK bleibt noch frei stehen und endet dann
SPRECHERIN 14
Am Kernforschungsstützpunkt in Los Alamos, New Mexico arbeitet Feynman also mit an der US-amerikanischen Atombombe. Eine seiner Aufgaben: die Explosionskraft der Bombe berechnen. Wenn er kann, fährt Feynman die knapp zwei Stunden ins Krankenhaus, um seine Frau Arline zu besuchen.
Seine große Jugendliebe hat eine lebensbedrohliche Form der Tuberkulose. Feynman gelingt es dennoch, ihre Krankheit und den Erfolgsdruck immer wieder wenigstens für kurze Zeit zu vergessen – etwa mit Streichen, die man einem Physiker, der gerade an der Atombombe forscht, nicht unbedingt zutrauen würde. Er macht sich einen Spaß daraus, die Tresore der Kollegen zu knacken und wird richtig gut darin.
SPRECHER Feynman 14
Wir hatten in Los Alamos keine Unterhaltung, und wir mussten uns selbst irgendwie amüsieren. (S. 188)
SPRECHERIN 15
Im Manhattan Project gehen Größen in der Physik ein und aus. Paul Dirac etwa, der Mitbegründer der Quantenphysik, und die Kernphysiker Enrico Fermi und Niels Bohr. Feynman hat am Anfang nicht mal einen Doktortitel, verdient sich aber Respekt mit seinem klugen Kopf und seiner unerschrockenen Art. [Noch während seiner Zeit in Los Alamos bekommt er Angebote von Universitäten.]
MUSIK traurig, sanft
SPRECHERIN 16
Im Sommer 1945 erreicht Feynman schließlich der lange befürchtete Anruf. Auf dem Weg zum Krankenhaus hat sein Auto drei platte Reifen. Er schafft es noch rechtzeitig – Arline stirbt wenige Stunden später. Die Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte, wird 25 Jahre alt.
MUSIK steht frei
SPRECHERIN 17
Wenige Wochen später explodiert die erste Atombombe der USA.
SPRECHER Feynman 15
BANG, und dann ein Grollen, wie Donner. Wir schauten alle stumm zu. (178)
SPRECHERIN 18
Feynman selbst wird erst danach klar, was er mit angestoßen hat.
ATMO Park, Vögel, leiser Verkehr in der Nähe
SPRECHERIN 19
Nur selten spricht er darüber, mit seinem Doktoranden Finn Ravndal kommt das Thema ausgerechnet an einem sonnigen, warmen Freitagnachmittag auf.
OTON Ravndal 16
[00:09:48] I remember especially one afternoon we were standing in my office and it was a beautiful afternoon. And we looked out over the landscape, the city outside campus, which was very green and a wonderful afternoon.
VOICE-OVER – Sprexcher: Ravndal 16
Wir standen in meinem Büro und schauten raus über die grüne Landschaft und die Stadt hinter dem Campus. Es war ein wunderschöner Nachmittag.
ATMO steht nochmal kurz frei
OTON Ravndal 17
And Feynman came to discuss atomic weapons and his involvement with atomic weapons during the war. And then he said that: When I look at this beautiful landscape, I never thought it would survive so long without being destroyed by atomic weapons. And so he was very well aware of the danger from atomic weapons. Which he had helped to develop.
VOICE-OVER – Sprecher: Ravndal 17
Und Feynman fing an, von Atomwaffen zu reden und seiner Rolle dabei während des Kriegs. Und dann sagte er: Wenn ich mir diese schöne Landschaft so ansehe – ich hätte nie gedacht, dass sie so lange überdauert, ohne von Atomwaffen zerstört zu werden. Er war sich also der Gefahr durch die Atombombe sehr wohl bewusst. Und er hatte geholfen, sie zu entwickeln.
ATMO fadet langsam aus
SPRECHERIN 20
Nach dem ersten Atomwaffentest kehrt Feynman zurück in die Zivilisation, auf eine gutbezahlte Stelle als junger Professor. Aber mit seinen 27 Jahren fühlt er sich ausgebrannt, ohne Perspektive. Er hat sich schon damit abgefunden, dass er nie mehr etwas leisten wird, da macht er eine interessante Beobachtung in der Cafeteria.
ATMO Kantine wird unter Sprechertext langsam lauter. Rufe ertönen, als Teller geworfen wird
SPRECHER Feynman 18
Und irgendjemand, der herumalbert, wirft einen Teller in die Luft. Als der Teller durch die Luft flog, sah ich, dass er eierte.
ATMO fadet aus oder endet mit markantem Klappern
SPRECHERIN 21
Feynman macht sich daran, die Bewegung zu berechnen. Er entdeckt, dass der Teller bei kleinem Winkel doppelt so schnell rotiert wie er eiert. Als ein Kollege ihn fragt, was daran so wichtig sei, antwortet er nicht ohne Trotz:
SPRECHER Feynman 19
Ha! Daran ist überhaupt nichts wichtig. Ich mache das nur aus Jux und Tollerei.
SPRECHERIN 22
Feynman erinnert sich wieder daran, was ihm in der Physik immer am wichtigsten war: Der Spaß am Entdecken. Das ist seine Rettung, wie er in seiner Anekdotensammlung schreibt.
SPRECHER Feynman 20
Es war, wie wenn man eine Flasche entkorkt: Alles floss mühelos heraus. Es war nichts wichtig an dem, was ich tat, aber schließlich doch. Die Diagramme und die ganze Geschichte, wofür ich den Nobelpreis erhielt, das kam von dem Herummachen mit dem eiernden Teller.
SPRECHERIN 23
Der eiernde Teller führt Feynman zu rotierenden Elektronen und schließlich zurück zu den Widersprüchen, die sich in der Quantentheorie ergeben, wenn man zu genau hinschaut. Beim Versuch, die geladenen Teilchen umfassend zu beschreiben, tauchen damals an allen Ecken und Enden lästige Unendlichkeiten auf, die verhindern, dass man realistische Ergebnisse erhält. 1947 kommt ein weiterer, ganz konkreter Beweis, dass etwas mit der Theorie nicht stimmt. Wissenschaftler der Columbia University in New York haben Elektronen so genau wie noch nie vermessen und herausgefunden: Die geladenen Teilchen halten sich nicht an die bisherigen Vorhersagen – weder ihre Energieniveaus noch ihre magnetischen Eigenschaften sind wie erwartet. Erstmal eine unschöne Überraschung, aber auch eine große Chance. Feynmans Chance. Er stürzt sich auf das Problem – aber anders als andere.
O-TON Fritzsch 21
2 /10:39 Ja ja, für ihn, er war net interessiert an Mathematik, mathematische Symbole haben für ihn gar nix bedeutet. Er wollte die Sache verstehen, richtig verstehen.
SPRECHERIN 24
Der theoretische Physiker Harald Fritzsch hat in den USA länger mit Feynman zusammengearbeitet. Sie wurden Freunde.
O-TON Fritzsch 22
2/ [0:25:03] Er hat alle Probleme intuitiv gelöst, er hat lange nachgedacht über das, bis er dann die richtige Antwort hatte und erst danach hat er die Mathematik dazu gemacht, aber er hat das alles intuitiv gemacht.
SPRECHERIN 25
Feynman hat seine eigene Art, die Dinge zu betrachten. Beim Elektron interessiert ihn: Wo geht es hin, wo kommt es her? Der Clou in der Quantenwelt ist: Das Elementarteilchen muss sich nicht „entscheiden“, ob es hierhin oder dahin fliegt, sondern es nimmt alle Wege gleichzeitig. Natürlich sind nicht alle Wege gleich wahrscheinlich – aber wenn man alle Wege und Wahrscheinlichkeiten zusammen betrachtet, bekommt man ein gutes Gesamtbild davon, was das Elektron so treibt und welche Eigenschaften sich daraus ergeben. Feynmans Methode ist noch nicht ganz ausgefeilt, da kommt ihm ein Physiker der Harvard University zuvor.
O-TON Fritzsch 23
2/ 28:20 Julian Schwinger. Schwinger hat einen Vortrag gehalten, und dann hat er auf komplizierte Weise dieses magnetische Moment ausgerechnet, und was er gerechnet hatte, stimmte genau überein mit dem Experiment.
SPRECHERIN 26
Schwinger gilt damals als wahrer Mathematikakrobat. Seine komplexen Rechnungen zum Elektron erzeugen großes Staunen – aber keiner kapiert sie.
O-TON Fritzsch 24
2/ 28:30 Und der Feynman, für ihn war das alles zu kompliziert.
SPRECHERIN 27
Ganz ohne Mathematik geht es nicht. Aber Feynman verpackt sie geschickt – in Diagrammen. [Fritzsch zeigt auf eines davon.]
O-TON Fritzsch 25
C [0:01:21]: Diese Wellenlinie sind Photonen und die geraden Linien, wie das da oder das, sind Elektronen oder Positronen. [Positronen sind die Antiteilchen zum Elektron] und diese Diagramme sind keine Spielsachen, sondern damit kann man rechnen.
SPRECHERIN 28
Mithilfe von Feynmans Diagrammen kann man nachvollziehen, wann ein Elektron Energie abgibt oder aufnimmt, und wie schnell es dabei unterwegs ist. Klingt erstmal simpel – es kann sich dabei aber vorwärts oder rückwärts in der Zeit bewegen. Und es können Teilchen aus dem Nichts entstehen und wieder verschwinden. Solche Phänomene konnte man bis dahin überhaupt nicht berechnen.
O-TON Fritzsch 26
2 [0:25:50]: Es war eine großartige Idee mit dem Diagramm.
MUSIK Spannung, sanft, mit positivem Ende
SPRECHERIN 29
Nur glaubt erstmal niemand an Feynmans Hilfszeichnungen. Anfang 1949 kommt schließlich seine große Chance. Auf einer Konferenz der Amerikanischen Physik-Gesellschaft in seiner Heimatstadt New York. Ein Kollege stellt vor, was er in sechs Monaten zum Elektron ausgerechnet hat. Feynman nimmt die Herausforderung an.
O-TON Fritzsch 27
2/ 29:30 Er ging dann in sein Hotel. Er hat die ganze Nacht drüber gearbeitet.
SPRECHERIN 30
Er rechnet alles nochmal durch.
O-TON Fritzsch 28
2/ 29:40 Und Feynman hatte es am nächsten Morgen auf ‚ner halben Seite ausgerechnet mit seinem Diagramm. Und dann hat er einen Vortrag darüber gehalten. Und die Leute waren sehr beeindruckt. … [Er hatte dasselbe ausgerechnet in ganz, ganz schnell. Das war schon ein wesentlicher Schritt.]
SPRECHERIN 31
Zusammen mit Schwinger und einem japanischen Kollegen, der noch eine dritte Rechenvariante entwickelt hat, bekommt Feynman knapp 20 Jahre später den Nobelpreis. Seine Diagramme gehen um die Welt. Sie werden erweitert und heute gibt es kaum eine Veröffentlichung auf dem Gebiet, in der nicht mindestens ein kleines Feynman-Diagramm zu finden ist.
MUSIK endet mit Akzent
SPRECHERIN 32
Richard Feynman zieht es kurz nach seinem Durchbruch mit den Diagrammen zu dem Ort für Elementarteilchenphysiker.
Zum California Institute for Technology, kurz Caltech. Er holt den jüngeren Murray Gell-Mann ans Institut und beide arbeiten zusammen als Dream-Team– zumindest vorerst, erzählt Harald Fritzsch.
O-TON Fritzsch 29
1 /15:59 Gell-Mann war mathematisch orientiert, er mochte nur die Mathematik, nicht die eigentliche Physik. Und Feynman war das umgedrehte: Er war interessiert an der Physik und die Mathematik war Nebensache.
SPRECHERIN 33
Eine Weile ergänzten sich beide in ihrer Arbeit wunderbar.
O-TON Fritzsch 30
1/11:00 Danach muss es einen Krach gegeben haben. … Was genau weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie schon miteinander geredet, aber sie haben nicht mehr zusammengearbeitet.
SPRECHERIN 34
Sie werden zu Rivalen, die sich manchmal wie Jungs auf dem Spielplatz zanken. Fritzsch versteht sich gut mit beiden, mit Gell-Mann und Feynman.
O-TON Fritzsch 31
2/ 2:15 Ich musste nur aufpassen, dass der Gell-Mann uns nicht sieht, wenn wir diskutieren.
SPRECHERIN 35
Denn Harald Fritzsch arbeitet eigentlich im Team von Gell-Mann. Zusammen versuchen sie, Ordnung in das Teilchenchaos damals zu bringen.
Was, wenn man annimmt, dass manche Elementarteilchen gar nicht so elementar sind und sich in NOCH kleinere Bausteine zerlegen lassen? Gell-Mann nennt solche – rein hypothetischen – Bausteine: Quarks, geschrieben wie der deutsche Quark.
O-TON Fritzsch 32
2/21:40 Aber es bedeutet indirekt auch Unsinn, und das wusste Gell-Mann halt nicht. … Ich habe ihm gesagt, die heißen eigentlich unsinnige Teilchen. (lacht)
SPRECHERIN 36
Die meisten halten die Quarks nur für einen mathematischen Trick – sogar Gell-Mann selbst. Wären da nicht die Ergebnisse eines neuen Teilchenbeschleunigers an der Uni Stanford.
ATMO/MUSIK rhythmisches Prasseln, Rieseln
SPRECHERIN 37
Dort wurden Elektronen auf Wasserstoffkerne, also Protonen, geschossen und es passierten seltsame Dinge. Eigentlich hätte man erwartet, dass die Elektronen relativ unbeeindruckt durch die schwammige Ladungswolke der Protonen fliegen – wie Gewehrkugeln, die man durch eine Matratze schießt. Aber einige Elektronen prallten in alle möglichen Richtungen ab – so als hätte die Matratze Metallfedern im Innern. Ein Physiker in Stanford versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Aber kaum einer versteht, was er da gerechnet hat. Es braucht jemanden, der hinter die Mathematik schauen kann. Einen wie Feynman.
O-TON Fritzsch 33
2 / 04:07 Ja, das war vor allem die Idee der Partonen.
SPRECHERIN 38
Feynman nimmt an, dass Protonen wirklich aus kleineren, realen Teilchen bestehen könnten. Er nennt sie aber nicht Quarks, sondern Partonen.
O-TON Fritzsch 34
1 /12:50 Gell-Mann hatte immer gelacht über den Ausdruck Partonen, er nannte das immer Put-onen. Ein Kunstwort aus dem englischen, das heißt sowas wie Unsinn.
SPRECHERIN 39
Feynman lässt sich nicht beirren und denkt die Idee weiter: Wie sieht die Kollision aus Sicht des Elektrons aus, wie aus Sicht des Protons? Er kommt zu dem Schluss, dass Protonen wirklich aus realen, noch kleineren Teilchen bestehen müssen. An denen sind die Elektronen in den Kollisionsexperimenten abgeprallt.
O-TON Fritzsch 35
1/13:20 Jedenfalls habe ich mit Feynman darüber gearbeitet und habe ihn dann auf die Idee gebracht, dass die Partonen eventuell weiter nichts sind wie die Quarks. Und es hat sich ja auch herausgestellt, die Partonen sind genau, die Quarks … und dazu auch die Gluonen, die die Quarks zusammenhalten, das sind dann die sogenannten Partonen.
SPRECHERIN 40
Trotz Fritzsch´ Überzeugungsversuchen dauert es noch einige Jahre, bis beide – Feynman und Gell-Mann – überzeugt sind, dass sie das Selbe meinen. Feynman fusioniert die Ideen schließlich einfach.
O-TON Fritzsch 36
1 [0:32:00] Er nannte sie Quark-Partons… Das ging dann schon.
SPRECHERIN 41
Für seine Überlegungen bekommt Gell-Mann schließlich einen eigenen Nobelpreis. Die Erkenntnis, dass sich die angeblich kleinsten Teilchen noch weiter aufspalten lassen, gibt der Teilchenphysik in den nächsten Jahrzehnten einen großen Schub. Und Feynman? Kehrt in seiner Forschung immer wieder zu den Quarks zurück.
O-TON Fritzsch 37
2 [1:00:00] Feynman hat dann später eine Menge Sport gemacht und auch Dauerlauf gelaufen. Er ist einmal sogar von seinem Haus in Altadena hoch zum Mount Wilson und zurückgelaufen und das ging sehr gut, und einmal ist er beim Dauerlauf zusammengebrochen, und dann ging's ab ins Hospital, und da hat man entdeckt, dass er Krebs hatte. [Pause] Und dann hat man das operiert, war es wieder weg. Dann kam es wieder, noch mal operiert, wieder dasselbe, noch einmal operiert. So ging das halt.
MUSIK startet traurig, sanft, wird positiver
SPRECHERIN 42
Feynman stirbt im Jahr 1988, mit 69 Jahren. Was hinterlässt er?
O-TON Fritzsch 38
2 /52:09 Feynman selber hatte oft gesagt, er selber hätte keine richtige Theorie machen können. Er kam nie auf eine Theorie. Er hat immer nur Theorien, die schon existierten, da hat er dann die Details ausgearbeitet. Das hat ihn immer gewurmt, dass er nicht so was gemacht hat.
MUSIK endet
SPRECHERIN 43
Feynman ist inzwischen weniger bekannt als großer Physiker denn als Wissenschaftsvermittler und Visionär, der Forschungsgebiete wie die Nanotechnologie und Quantencomputer vorhergesehen hat – lange bevor irgendjemand davon redete. Seine Vorlesungen sind bis heute legendär. In einem wahren Feuerwerk der Physik fuchtelt Feynman, reißt Witze, doziert mit vollem Körpereinsatz. Eine Mischung aus theoretischem Physiker und Zirkusdirektor, schreibt einmal die New York Times.
O-TON Fritzsch 39
2/42:30 (lacht) Ja, so kann mans sagen.
MUSIK lustig, beschwingt, gerne 40er/50er Jahre
SPRECHERIN 44
Vielleicht war Feynman auch deshalb so beliebt, weil er immer Spaß hatte. An der Physik und auch sonst im Leben. Zugegebenermaßen: Manchmal auch auf Kosten anderer.
O-TON Fritzsch 40
C [0:02:09] In Kalifornien kann man Nummernschilder draufmachen nur mit einem Wort. Das sind spezifische Nummernschilder, und die dürfen nicht zweimal vorkommen. Natürlich. Und Feynman hatte er ein Nummernschild. Da stand einfach drauf: Quarks. Quarks. Und als mein Kollege Gell-Mann, der die Quarks erfunden hat, selber auch so ein Nummernschild haben wollte, wollte er auch Quarks. Und das ging halt nicht, weil der Feynman das hatte. Er war sehr ärgerlich, denn er hatte ja die Quarks erfunden, nicht der Feynman.
SPRECHERIN
Eins kann man Richard Feynman nicht absprechen – er hatte Sinn für Humor.

Oct 30, 2023 • 23min
Friedrich II und die Seidenraupen - Wie Preußen Seidenbau förderte
Friedrich der Große förderte noch mehr als nur die Kartoffel und die Künste: Auch den Seidenbau. Ausgerechnet im unwirtlichen Brandenburg. Ein historisches Kapitel voller Anstrengungen und Kuriositäten. (BR 2020)
Autorin: Katharina Hübel
Credits Autor/in dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Axel Wostry Es sprachen: Heiko Ruprecht, Katja Schild, Axel Wostry Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Dr. Susanne Evers,Dr. Silke Kamp
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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