

Archivradio – Geschichte im Original
SWR
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog
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Sep 5, 2024 • 1h 13min
Der Tag nach der Maueröffnung | 10.11.1989
28 Jahre lang war Berlin eine geteilte Stadt. Am frühen Abend des 9. November 1989 tritt eine neue Reiseregelung für die Bürger Ost-Berlins in Kraft – kurz darauf strömen Tausende zu den Grenzübergängen und nach West-Berlin.
Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus
Einen Tag nach Öffnung der Mauer findet vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin eine Kundgebung mit westdeutschen Spitzenpolitikern statt. Walter Momper, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sprechen vor mehreren Zehntausend Berlinerinnen und Berlinern. Auf dem Weg zur Kundgebung gibt der ehemalige Regierender Bürgermeister von Berlin und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt ein Interview. Dort fällt auch der berühmte Satz:
Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.
Quelle: Willy Brandt, 10.11.1989
Willy Brandt äußert sich nur sehr vorsichtig zur Frage einer möglichen Wiedervereinigung. Das könnten die beiden deutschen Staaten nicht alleine entscheiden. Entscheidend sei jetzt erst einmal, dass die Menschen im gespaltenen Deutschland wieder zusammenkommen – an dieser Stelle bricht Brandt die Stimme, ihm kommen die Tränen.
Kein Wort über eine Wiedervereinigung
Auf der Kundgebung selbst spricht keiner der Redner von einer möglichen Wiedervereinigung oder einem gemeinsamen Staat. Brandt spricht vom "Zusammenrücken" beider Staaten. Nur Kohl benutzt an einer Stelle das Wort "Einheit", ohne das aber genauer auszuführen.
Hintergrund: Dieser Kundgebung war hinter den Kulissen ein ziemliches Gezänk vorausgegangen. Vor allem im Berliner Abgeordnetenhaus stritten sich die Parteien, wer auf der Kundgebung sprechen soll und worüber. Und gerade der Begriff "Einheit", für Alternative Liste, aber auch Teile der SPD ein rotes Tuch, war dabei heiß umstritten. So umstritten, dass die CDU kurz überlegte, eine eigene, getrennte Kundgebung zu veranstalten. Diesen Streit hat man den Rednern aber nicht mehr angemerkt, als sie auf dem John-F.-Kennedy-Platz standen.
Wo fiel "Es wächst zusammen, was zusammengehört"?
Von der Rede Willy Brandts ist der Satz überliefert: "Es wächst jetzt zusammen, was zusammengehört." Doch hört man Brandts Auftritt, fällt dieser Satz nicht. Nur eben im Interview zuvor. Später lässt er ihn noch einmal in einem Zeitungsinterview fallen. Nachträglich lässt er ihn auch in die Berliner Rede hineingeschreiben, als diese in einer Reden-Sammlung veröffentlicht wurde.
Pfeifkonzert für Helmut Kohl
Während Momper, Brandt und Genscher jubelnde Zustimmung erhalten, wird Bundeskanzler Helmut Kohl von den Anhängern des rot-grünen West-Berliner Senats gnadenlos ausgepfiffen.
Kohl spricht in seiner Ansprache von einem "historischen Augenblick für Berlin und für Deutschland", mahnt aber zugleich zu Besonnenheit und klugem Handeln. Mit Pathos bekräftigt Helmut Kohl, dass der "Geist der Freiheit" an diesem historischen Tag ganz Europa erfasse, es gehe um Einigkeit und Recht und Freiheit für ganz Deutschland.

Sep 1, 2024 • 9min
Kampf gegen Tuberkulose: Die Röntgen-Reihenuntersuchungen | 1.9.1939
Verpflichtend für die gesamte Bevölkerung
Es handelte sich um eine Untersuchung des Brustkorbs auf Anzeichen von Tuberkulose und andere Erkrankungen. Sie war über viele Jahre verpflichtend für die gesamte Bevölkerung ab dem Schulalter. Die erste Gemeinde, die die Reihenuntersuchung konsequent in der gesamten Bevölkerung durchführte, war Friedrichstal in Baden.
Der Mediziner Hellmuth Ulrici, Chefarzt des Tuberkulosekrankenhauses in Sommerfeld in Brandenburg, erläutert im Rundfunk Ende 1939, wie wichtig die neue Reihenuntersuchung sei.
Bundesländer schaffen Reihenuntersuchung wieder ab
Als mit den Jahrzehnten dann die Tuberkulose erfolgreich bekämpft wird und die Erkrankungsrate sinkt, findet ein Umdenken statt. Die mit der Untersuchung noch entdeckten unbekannten Tuberkulosefälle sind so gering, dass dieser Vorteil in keinem Verhältnis mehr steht zum Risiko der Röntgenbestrahlung an sich. Daraufhin schaffen die Bundesländer die Untersuchung nach und nach wieder ab, Baden-Württemberg sogar erst 1983.
Mehr historische Aufnahmen zur Medizingeschichte: http://swr.li/medizingeschichte

Aug 31, 2024 • 15min
BBC-Nachrichten zum Kriegsbeginn | 1.9.1939
Deutschland hat Polen angegriffen und zahlreiche Städte bombardiert. Großbritannien und Frankreich haben eine Generalmobilmachung angeordnet. Abends werde das Parlament in London zusammenkommen. Auch "Herr Hitler" wird mit einigen Äußerungen zitiert.

Aug 31, 2024 • 4min
Ex-US-Präsident Herbert Hoover: "USA sollen sich aus Krieg raushalten" | 1.9.1939
Herbert Hoover war zwar seit 1933 nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten, aber immer noch außenpolitisch aktiv. Er traf sich diplomatisch mit Adolf Hitler und Hermann Göring. Als Hitler wieder anfing, über die Juden herzuziehen, soll Hoover ihn zum Schweigen aufgefordert haben.
Hoover hatte nicht erwartet, dass Hitler Polen tatsächlich angreifen würde. Er spricht in seiner Rundfunkansprache von einer der traurigsten Wochen seit hundert Jahren. Dieser Krieg werde lange dauern; er sähe keine Möglichkeit, ihn schnell zu beenden.
Gleichzeitig spricht er sich dafür aus, dass die USA sich aus diesem Krieg heraushalten. Sie könnten nicht die Probleme Europas lösen.

Aug 31, 2024 • 36min
"Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen" – Hitler erklärt Kriegsbeginn und Pakt mit Stalin | 1.9.1939
Bei seiner Reichstagsrede zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 donnert Adolf Hitler immer wieder frenetischer Applaus entgegen. Er rechtfertigt den Überfall auf Polen mit einem angeblichen polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz in Schlesien. Jetzt schieße man eben "zurück".
Tatsächlich aber hatte die deutsche SS den Angriff auf den Sender inszeniert, um den Grund für den Überfall auf Polen zu liefern, der schon seit längerem geplant war. In seiner Rede kommt Hitler wieder auf sein Dauerthema zu sprechen: die Schmach der Kapitulation nach dem Ersten Weltkrieg und den Versailler Vertrag. So etwas wie damals werde sich nie wiederholen.
Hitler verkündet in der Rede auch den eine Woche zuvor mit Josef Stalin geschlossenen Pakt. Da Sowjetrussland seine Doktrin nicht nach Deutschland zu exportieren gedenke, gäbe es keinen Grund mehr für einen Konflikt. Beide Seiten seien sich klar geworden: Jeder Kampf gegeneinander würde nur anderen nützen. Am Anfang der Aufnahme begrüßt Reichstagspräsident Hermann Göring die Abgeordneten.

Aug 31, 2024 • 2min
Paul von Hindenburgs Dankerlass an die Truppen der 8. Armee nach der Schlacht von Tannenberg | 31.8.1914 / 17.10.1917 | Erster Weltkrieg
Schlacht bei Tannenberg
Am 31. August 1914 schlägt die 8. Armee des Deutschen Kaiserreichs bei Tannenberg die russische Armee. Ein siegessicher-gelassen sprechender Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg gibt seinen Kämpfern ein paar Tage Urlaub.
Paul von Hindenburgs Dank an die Soldaten
"Soldaten der 8. Armee! Die vieltägigen heißen Kämpfe auf den weiten Gefilden zwischen Allenstein und Neidenburg sind beendet. Ihr habt einen vernichtenden Sieg über fünf Armeekorps und drei Kavalleriedivisionen errungen. Mehr als 90.000 Gefangene, ungezählte Geschütze und Maschinengewehre, mehrere Fahnen und Ziele sonstiger Kriegsbeute sind in unseren Händen. Die geringen, der Einschließung entronnenen Trümmer der russischen Narew-Armee fliehen nach Süden über die Grenze. Die russische Wilna-Armee hat von Königsberg her den Rückzug angetreten.
Nächst Gott dem Herrn ist dieser glänzende Erfolg Eurer Opferfreudigkeit, Euren unübertrefflichen Marschleistungen und Eurer hervorragenden Tapferkeit zu danken.
Ich hoffe, Euch jetzt einige Tage wohlverdienter Ruhe lassen zu können. Dann aber geht es mit frischen Kräften wieder vorwärts mit Gott für Kaiser, König und Vaterland, bis der letzte Russe unsere teure, schwergeprüfte Heimatprovinz verlassen hat und wir unsere sieggewohnten Fahnen ins Feindesland hineingetragen haben.
Es lebe Seine Majestät der Kaiser und König – Hurra!"
Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) Nachgesprochen und aufgezeichnet drei Jahre später, im Oktober 1917

Aug 25, 2024 • 7min
Robert Bosch spricht über sein Lebenswerk | 23.9.1941
Magnetzünder – Schlüsselprodukt für die Automobilindustrie
Robert Bosch ist 25 Jahre alt, als er 1886 in Stuttgart eine Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik eröffnet. Ein Jahr später entwickelt er das Produkt, dass seinem Betrieb ein riesiges Wachstum beschert: einen Magnetzünder für Verbrennungsmotoren – buchstäblich das Schlüsselprodukt für die aufkommende Automobilindustrie.
Die Firma expandiert, 1913 hat sie Niederlassungen auf allen Kontinenten. Aus der Werkstätte für Feinmechanik wird die bis heute bestehenden Robert Bosch GmbH.
Robert Bosch: bekennender Sozialdemokrat
Robert Bosch war ein bekennender Sozialdemokrat und nahm für sich auch eine soziale Betriebskultur in Anspruch. Er stiftete in Stuttgart ein Krankenhaus und verfügte in seinem Testament, dass die Erträge des Unternehmens gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden sollen. Das war die Voraussetzung für die Gründung der heutigen Robert Bosch Stiftung.
Robert Bosch starb 1942. Ein halbes Jahr vor seinem Tod gibt er am 23. September 1941, seinem 80. Geburtstag, dieses Radiointerview. Er spricht darin über seine berufliche Laufbahn und sein Selbstverständnis als Unternehmer.
Wie bei vielen Interviews in den Anfängen des Radios lesen die Beteiligten ihre Sätze hörbar von einem vorgefertigten Manuskript ab.

Aug 21, 2024 • 6min
Kritik an deutscher Amateur-Fotografie | 24.4.1953
Ein Foto war in den Anfängen der Fotografie eine aufwändige Angelegenheit. Familienfotos entstanden nur bei seltenen Anlässen. Profi-Fotografen mussten engagiert, das Setting für das Bild genau arrangiert werden.
Im Lauf der Zeit wurden Fotoapparate auch für Privatleute erschwinglich und einfach bedienbar, man nahm sie mit in den Urlaub. Damit veränderten sich die Ansprüche an die Bildgestaltung – platt gesagt: Sie war vielen egal.
Bitte nicht "Tante Auguste vor dem Schloss"
Das wiederum beklagten diejenigen Profi- und Amateur-Fotografen, die das Fotografieren mit einem künstlerischen Anspruch verfolgten. So in diesem Interview von 1953. Es gab noch keine KI, auch das Wort "Selfie" war noch nicht erfunden. Und doch beklagt der Vorsitzende der Südwestdeutschen Amateur-Fotografen Carl Bosch (nicht identisch mit dem gleichnamigen Industriellen) einen Technik-"Fetischismus" und dass die Leute immer nur sich selbst vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten fotografieren würden.

Aug 21, 2024 • 13min
Foto-Pionier Felix H. Man und die Anfänge der Pressefotografie | 30.9.1983
Felix H. Man war in den späten 1920ern und frühen 1930ern einer der Pioniere der Pressefotografie. Geboren wurde er am 30. November 1893 in Freiburg unter dem Namen Felix Sigismund Baumann; er starb am 30. Januar 1985 in London.
Dokumentarfotografie während der Ersten Weltkriegs
Bereits während des Ersten Weltkriegs produzierte er mehrere Reportagebilderreihen wie "Ruhe an der Westfront" oder "Vom Schwein bis zur Wurst", später dann die berühmte Serie "Ein Tag im Leben Mussolinis". Seine Bildberichte in der "Münchner Illustrierten Presse" pflegte er mit dem Pseudonym "MAN" zu zeichnen. 1934 emigrierte er nach England, da er "mit der Hitlerei" nichts zu tun haben wollte.
In diesem Interview von 1983 berichtet er von den frühen Jahren.
Quelle: Deutschlandradio

Aug 20, 2024 • 3min
DDR-Flüchtlinge gelangen über Ungarn nach Österreich | 23.8.1989
Im Lauf des Jahres 1989 fliehen immer mehr DDR-Bürger in die Bundesrepublik. Bis zu 60.000 sind es laut inoffiziellen Zahlen schon bis Mitte August. Doch dann kommt es nochmal zu einer kleinen Massenflucht über Ungarn. Gelegenheit dazu bietet ein "paneuropäisches Picknick", zu dem die ungarische Regierung nach Sopron eingeladen hat, nahe der österreichischen Grenze. Viele DDR-Bürger kommen – mit dem alleinigen Ziel, von Sopron über die Grenze nach Österreich zu fliehen. Die Bundesrepublik wird später Ungarn dafür immer wieder seinen Dank aussprechen, denn diese kleine Massenflucht gilt als einer der vielen kleinen Meilensteine 1989 auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Die ersten fliehen schon am 20. August, am 23. August zeigt sich das ganze Ausmaß.
Aus Österreich berichtet Korrespondent Thomas Gerlach.


