Ausgeglaubt: ein RefLab-Podcast

Manuel Schmid & Stephan Jütte
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Nov 1, 2023 • 1h 1min

Psychologische Kritik: Gott ist nur menschliches Wunschdenken (Teil 2)

Wie lässt sich auf die Projektionsthese reagieren? Was spricht gegen die Behauptung, dass Gott nur ein aufgeblasener und ins Jenseits versetzter Mensch ist – dass besonders die christlichen Gottesvorstellungen letztlich einfach menschliche Bedürfnisse spiegeln und zeigen, dass der Mensch sich Gott nach seinem Bilde geschaffen hat, und nicht umgekehrt? Manuel und Stephan setzen bei einer innerbiblischen Kritik an den menschengemachten Götterbilder ein, wie sie sich etwa bei Jesaja finden lässt. Im Blick auf den polytheistischen Bilderkult des Neubabylonischen Reiches beschreiben die Propheten Israels spöttisch den handwerklichen Prozess, der zur Herstellung eines solchen Götzen führt (vgl. Jesaja 46): Da wird im Wald ein Baum ausgesucht, der dann gefällt und ins Dorf geschleppt wird, wo man ihn schält, bearbeitet und schliesslich eine Götterstatue daraus schnitzt. Damit sie nicht wackelt und wieder umkippt muss man sie befestigen. Dann, wenn der Mensch sein Handwerk vollendet hat, wirft er sich vor dem selbstgemachten Standbild nieder und betet es als Gott an. Die biblischen Propheten haben dafür nur Hohn und Spott übrig, und sie verweisen auf den lebendigen Gott Israels – der ist nicht selbstgemacht, sondern begegnet seinem Volk, führt es, antwortet auf ihre Gebete und kann ausführen, was er versprochen hat… Es ist durchaus bemerkenswert, dass sich zur gleichen Zeit und unabhängig von der Polytheismus-Kritik des Xenophanes in Israel die Überzeugung Bahn bricht, dass ein selbstgemachter Gott kein wirklicher Gott sein kann: «Götterstatuen sind Produkte menschlicher Arbeit, also nichts anderes als Götzen; ihre Verehrung ist deshalb ebenso dumm wie nutzlos» (Thomas Menges: Gotteskritik https://www.bibelwissenschaft.de/ressourcen/wirelex/6-inhalte-iii-systematisch-theologische-didaktik/gotteskritik). In der christlichen Theologiegeschichte ist dann auch ein ausgeprägtes Problembewusstsein hinsichtlich der menschlichen Gottesrede vorhanden. Es ist mitnichten so, dass erst Feuerbach die Einsicht des Xenophanes wieder ausgegraben hat, dass Menschen notwendigerweise menschlich von Gott reden: Schon die mittelalterliche Theologie hat sich ganz wesentlich an der Frage abgearbeitet, wie denn Menschen mit menschlichen Worten einen Gott beschreiben können, der ihre Sprache und ihren Horizont kategorisch übersteigt. Es wurden oft drei Wege unterschieden, von Gott zu reden: Die «via affirmativa», die positive, bestätigende Aussagen über Gott wagt (Gott als gütig, gerecht, liebevoll…), die «via negativa», die zu Aussagen über Gott findet, indem sie menschliche Prädikate ins Gegenteil wendet (der Mensch ist endlich, zeitlich, veränderlich, leidensfähig, Gott ist unendlich, zeitlos, unveränderlich, leidensunfähig…), und die «via eminentiae», die Aussagen über Gott macht, indem sie menschliche Prädikate übersteigt (der Mensch hat beschränkte Kraft und Einsicht, Gott ist allmächtig und allwissend…). Immer war dabei klar, dass man mit den eigenen Beschreibungen Gottes nicht völlig «trifft», was Gott tatsächlich ist – aber dass man es auch nicht notwendigerweise völlig verfehlt. Hier liegt dann auch ein Denkfehler mindestens in der Religionskritik Feuerbachs: Sellbst wenn ihm der Nachweis gelingen sollte, dass sich in allen religiösen Gottesvorstellungen die Kultur, Biographie oder Persönlichkeit derjenigen spiegelt, die an diesen Gott glauben, ist damit über die Angemessenheit dieses Glaubens und über die Existenz dieses Gottes noch kein definitives Urteil gefällt. Norbert Hoerster sagt treffend: «Meine Annahme, dass meine Frau mich liebt, mag falsch sein; aber sie ist gewiss nicht deshalb falsch, weil ich mir wünsche, dass sie richtig ist.» Man müsste schon Gründe für die zusätzliche Annahme nennen können, dass Gott auf keinen Fall menschenähnlich ist bzw. dass menschliche Vorstellungen Gott unmöglich treffen können. Der christliche Glaube behauptet aber gerade das Gegenteil: Dass Gott den Menschen von allem Anfang an in seinem Bild geschafften hat – d.h. der Mensch ist «theomorph», gottesförmig –, und dass Gott selbst als Mensch unter die Menschen gekommen ist – d.h. Gott ist «anthropomorph», menschenförmig. Man könnte sagen, dass der christliche Glaube damit zielstrebiger als jede andere Religion dem Projektionsvorwurf Feuerbach ins Messer läuft: Das Christentum gibt ja offen zu, sich Gott als Menschen – als Jesus von Nazareth – vorzustellen. Gleichzeitig wird aber an Jesus auch deutlich, dass der biblische Gott nicht nur die Verlängerung der Wünsche und Sehnsüchte des Menschen ist, sondern den Menschen auch überrascht, seine Gottesvorstellungen wortwörtlich «durchkreuzt», indem er einen schändlichen Tod stirbt und den Erwartungen an eine «anständige» Gottheit so gar nicht entspricht…
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Oct 25, 2023 • 1h 1min

Psychologische Kritik: Gott ist nur menschliches Wunschdenken (Teil 1)

Schon vor über 2‘500 Jahren hat Xenophanes den polytheistischen Götterglauben seiner Zeit angezweifelt, indem er auf die menschenförmigkeit der Göttervorstellungen hingewiesen hat: «Die Äthiopier stellen sich ihre Götter schwarz und stumpfnasig vor, die Thraker dagegen blauäugig und rothaarig«, beobachtet er – und er spitzt seine Erkenntnis zu in der Übertragung auf die Tierwelt: »Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie die Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferdeähnliche, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben.» Der Kern seiner Kritik klar: Das, was Menschen als Gott verehren und anbeten, ist eigentlich ihren eigenen menschlichen Vorstellungen entsprungen – jeder Volksgruppe schafft sich ihre eigenen Götter. In Wirklichkeit sind die Götter der Menschen aber nur Produkte ihrer Phantasie. Xenophanes schliesst daraus noch nicht, dass es Gott gar nicht gibt, sondern dass der wahre, eine Gott hinter all diesen partikularen Gottesvorstellungen liegt. Ludwig Feuerbach, der im 19. Jahrhundert denselben Gedanken verfolgt, hält die Existenz Gottes damit allerdings für erledigt: Was Menschen «Gott» nennen, geht völlig im Menschsein auf: «Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen. Aus seinem Gotte erkennst du den Menschen, und wiederum aus dem Menschen seinen Gott; beides ist eins. Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele, und was des Menschen Geist, seine Seele, sein Herz, das ist sein Gott: Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochne Selbst des Menschen; die Religion die feierliche Enthüllung der verborgenen Schätze des Menschen, das Eingeständnis seiner innersten Gedanken, das öffentliche Bekenntnis seiner Liebesgeheimnisse» (aus: Das Wesen der Religion). Religiosität war für Feuerbach darum Ausdruck einer frühen Stufe des menschlichen Selbstbewusstseins, die es zu überwinden gilt. Wer den Glauben an Gott nicht in einen Glauben an den Menschen auflösen kann, bleibt in seiner Entwicklung stehen: Religion bindet menschliche Energien und wird zur schädlichen Illusion, die schliesslich zur Selbstentfremdung führt. Feuerbach hat sich darum zum Programm gemacht, «Menschen von Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits» zu machen. Nur wenn die christlichen Glaubensinhalte transformiert werden in Selbstaussagen des Menschen, nur wenn zB. aus dem Bekenntnis «Gott ist gütig» die Einsicht «Güte ist göttlich» wird, findet der Mensch zur eigenen Stärke und Selbstwirksamkeit zurück. Er kann dann die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nach dem Grundsatz «homo hominis Deus est» (der Mensch ist des Menschen Gott) umgestalten. Es spricht viel dafür, diesem Einwand gegen den Gottesglauben recht zu geben. Ein beredtes Beispiel gibt etwa die Suche nach dem «historischen Jesus» ab, die v.a. im 19. Jahrhundert die theologischen Fakultäten beschäftigt hat. Man war damals von der Zuversicht und Leidenschaft getragen, durch die Anwendung historisch-kritischer Werkzeuge, durch Redaktionskritik, Quellenkritik, Formkritik usw. herausdestillieren zu können, welche Geschichten und Aussprüche wirklich auf den historischen Jesus zurückgehen. Albert Schweitzer hat dann nach der Jahrhundertwende (1906/1913) die Geschichte dieser Bemühungen über 150 Jahre hinweg nachgezeichnet – und ein berühmt gewordenes und ernüchterndes Resümee gezogen. Das Ansinnen, etwa durch die rigorose, unvoreingenommene Analyse biblischer Quellen den historischen Jesus zu bergen und »als Lehrer und Heiland in unserer Zeit hinein[zu]stellen«, ist nach Schweitzer nämlich von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Ergebnis solcher Bemühungen ist spätestens im historischen Rückblick unverkennbar zeitgeschichtlich geprägt und orientiert sich an den Werten und Idealen der jeweiligen Epoche wie auch an der Persönlichkeit des oder der Forschenden selbst: »So fand jede folgende Epoche der Theologie ihre Gedanken in Jesus, und anders konnte sie ihn nicht beleben. Und nicht nur die Epochen fanden sich in ihm wieder: jeder einzelne schuf ihn nach seiner eigenen Persönlichkeit.« Mit anderen Worten: Der Jesus, den man nach streng wissenschaftlichen Anstrengungen aus den Quellen »ausgegraben« hat, war dem Spiegelbild der Forschenden jeweils erstaunlich (ernüchternd) ähnlich. Ohne es bewusst zu beabsichtigen, haben Menschen ihre eigenen Züge oder genauer: ihre jeweiligen Vorstellungen eines vollkommenen, vorbildlichen Menschen in Jesus hineinprojiziert. Und trotz seiner Einsicht ist das natürlich auch nach seiner Zeit immer wieder geschehen. Verschiedene Zeiten und Milieus haben einen kommunistisch-sozialistischen Jesus, eine kapitalistisch-libertären Jesus, einen Hippie-LSD-Jesus, einen individualistisch-postmodernen Jesus usw. hervorgebracht. Was Schweitzer in seinem Fazit schon antönt, wurde in neuster Zeit eingehender untersucht: Die Frage nämlich, inwiefern das Gottesbild eines Menschen mit seiner eigenen Persnönlichkeit zusammenhängt. Verschiedene empirische Untersuchungen bekräftigen die Annahme, dass die spezifischen Persönlichkeitsmerkmale und Eigenheiten eines Menschen auch sein Gottesbild beeinflussen – und umgekehrt. Ist der Gottesglaube damit als zutiefst menschliches Unternehmen entlarvt, hinter dem gar keine göttliche Existenz steht, sondern nur die beschränkten, partikularen Wünsche und Vorstellungen des Menschen?
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Oct 18, 2023 • 1h 2min

Erkenntnistheoretische Kritik: Die Naturwissenschaft erledigt den Glauben (Teil 2)

Wie stichhaltig ist die Kritik am Gottesglauben im Namen der Naturwissenschaften? Gibt es Möglichkeiten zur versöhnlichen Verhältnisbestimmung dieser Grössen, oder muss man sich auf eine Seite schlagen? Manuel und Stephan diskutieren verschiedene Ansätze, Christentum und Glauben zusammenzudenken, ohne schizophren zu werden… Wir steigen mit dem berühmten Prozess der Kirche gegen Galileo Galilei ein: Diese Geschichte ist zu einem Symbol geworden für eine bornierte, machtgierige Kirche, welche sich dem durch Galileo verkörperten wissenschaftlichen Fortschritt widersetzt und die Stimme der Vernunft notfalls gewaltsam zum Schweigen bringt. An diesem Narrativ ist so ziemlich alles falsch, wie Manuel darlegt – und wie sich auch in einschlägigen Quellen nachlesen lässt. In der Kirche war das kopernikanische Weltbild längst verbreitet, als Galileo auftrat – und die Hauptfront seiner Auseinandersetzungen bestand im Gegenüber zu seinen Wissenschaftskollegen. Dass er es schlussendlich mit Papst Urban verscherzte, hat seinen Grund nicht in der Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche, sondern eher in zwischenmenschlichen Querelen, nicht zuletzt in Galileos unverbesserlicher Eitelkeit und Polemik gegen alle, die nicht seine Überzeugungen vertreten… Aber wie steht es heute um den Ruf der Wissenschaften und des Glaubens? Manuel und Stephan kommen beispielhaft auf die Wissenschaftsgläubigkeit während der Corona-Pandemie zu sprechen – und auf die Vorzüge und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis, die gerade dort spürbar wurden. Es wird deutlich, dass die Naturwissenschaften zur Klärung gesellschaftlicher, ethischer Fragen eigentlich immer zu kurz greifen – sie bedürfen der Ergänzung und Rahmung durch weiterführende, «geisteswissenschaftliche» Überlegungen. Dabei geht es nicht ohne weltanschauliche, explizit oder implizit religiöse Prämissen. Zum Schluss wird’s dann persönlich. Stephan und Manuel versuchen darüber Rechenschaft zu geben, wie sie denn noch beten und darauf hoffen, dass Bittgebete irgendetwas austragen…
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Oct 11, 2023 • 58min

Erkenntnistheoretische Kritik: Die Naturwissenschaft erledigt den Glauben (Teil 1)

Die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse schnüren Gott die Luft ab und machen den Glauben überflüssig. Manuel und Stephan diskutieren diesen populären Einwand gegen den Glauben – und werfen einen Blick in die Geschichte der wissenschaftlichen Kränkungen des Menschen und seines Gottesglaubens… Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat schon im Jahr 1917 den Begriff der narzisstischen «Kränkungen der Menschheit» geprägt, die den Menschen in seiner Mittelpunktstellung in Frage stellen – und die nicht zuletzt religiösen Menschen den Boden unter den Füssen wegziehen. Er benennt konkret die kosmologische Kränkung, welche die Erde im Zuge der kopernikanischen Wende aus dem Zentrum des Universums herausreisst, die biologische Kränkung, welche die «Krone der Schöpfung» im Zuge der Entwicklung der Evolutionstheorie zu einem Primaten in der tierlichen Entwicklungsgeschichte erklärt, und die psychologische Kränkung – hier zeigt sich Freud wenig bescheiden selbst verantwortlich: Nach seinen Erkenntnissen ist der Mensch nicht einmal «Herr im eigenen Hause», sondern vielmehr durch sein Unbewusstes bestimmt. Die Liste der «Kränkungen» wurde seither fleissig fortgesetzt, und sie lässt sich im Blick auf den Gottesglauben auf die Formel bringen: Je mehr die Wissenschaft fortschreitet und Erkenntnisse gewinnt, desto mehr wird nicht nur der Mensch an den Rand gedrängt – desto mehr verliert auch Gott als Garant für die Einzigartigkeit des Menschen an Terrain. Dazu kommen überhaupt die Spannungen und Widersprüche, die sich aus einer wörtlichen Lesung der Bibel im Zuge wissenschaftlicher Entwicklungen ergeben. Es macht den Anschein, als ob sich das Wachstum naturwissenschaftlicher Erkenntnis und der Gott zur Verfügung stehende Raum umgekehrt proportional zueinander verhalten: Je mehr die Wissenschaft unsere Welt erklären kann, desto weniger Berechtigung hat Gott als Erklärung für diese Welt. Zugleich lässt sich aber auch beobachten, dass renommierte Naturwissenschaftler wie Steven Hawking nicht bei ihren Leisten als Naturwissenschaftler bleiben, sondern mit ihren Erklärungen in den weltanschaulichen, sogar religiösen Bereich vordringen: Hawking meint definieren zu können, wer und was Gott noch sein kann, wenn die Physik die grossen Fragen der Menschheit geklärt hat… Noch deutlicher hat der Ruf nach «der Wissenschaft» in der Zeit der Corona-Pandemie quasi-religiöse Züge angenommen: «Follow the Science» wurde zum Schlachtruf gegen Schwurbler und Querdenker und führte teilweise zu einer ganz unwissenschaftlichen Verehrung und Überschätzung der Naturwissenschaften – ein Punkt, der in der nächsten Folge weiter zur Sprache kommen wird…;-)
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Oct 4, 2023 • 1h

Moralische Kritik: Die Kirche verspielt ihre Glaubwürdigkeit (Teil 2)

Wie lässt sich die moralische Kritik an der Kirche ernst nehmen, ohne dabei den Glauben zu verlieren? Stephan und Manuel geben offen zu, dass diese Form der moralischen Kritik am Glauben wohl jene Anfrage ist, die ihnen auch selbst am nächsten geht. Was lässt sich darauf entgegnen? Sie spielen zunächst drei Möglichkeiten durch, auf diese Kritik zu reagieren: Strategie 1: Relativierung der Verfehlungen der Kirche unter Verweis auf ihre Errungenschaften Gerade wenn die Kritik in der radikalen Pauschalisierung Karlheinz Deschners daherkommt, welche alle Kirchenfunktionäre zu Verbrechern erklärt und das Christentum insgesamt kriminalisiert, liegt es nahe, mit einer Relativierung zu entgegnen: Ja, die Christentumsgeschichte hat eine schandhafte, grauenhafte Seite, gerade dort, wo sich die Kirche mit der staatlichen Macht und politischen Interessen verband – aber sie hat zugleich eine lange Tradition der diakonischen Hilfe, der sozialen Nächstenliebe, der Förderung von Bildung und Gemeinwohl usw. Strategie 2: Unterscheidung von wahrem und falschem Christentum Beliebt ist besonders in frommen, erwecklichen, freikirchlichen Kreisen der Hinweis auf das «wahre» Christentum, das die in der Kirchengeschichte beobachteten Perversionen nicht dulde. Die historischen und aktuellen Gräueltaten werden dann auf das säkularisierte «Staatschristentum», auf die «Volkskirchen» mit ihren christlichen «Karteileichen» zurückgeführt, welche den wahren Glauben längst hinter sich gelassen haben. Das Herausstreichen der «grosskirchlichen» Fehlleistungen kann dann sogar dazu dienen, den moralischen Bankrott der Mainstream-Kirchen zu demonstrieren und sich selbst als rechtgläubige Alternative zu profilieren. Strategie 3: Verweis weg von den Christen auf den vollkommenen Christus Immer wieder begegnet besonders im Blick auf aktuelle Vergehen von Kirchen und Gläubigen der Hinweis, man soll seinen Glauben nicht von Verhalten der Gläubigen abhängig machen, sondern den Blick vielmehr auf Jesus Christus richten: «Mach deinen Glauben nicht an Christen fest, sondern an Christus – Christen werden dich immer enttäuschen, Christus enttäuscht dich nie!»  In unzähligen Varianten finden sich diese Zitate auf Sozialen Medien, aufbereitet wie Kalendersprüche – aber bekommt man ein Christentum, das dem eigenen Liebesethos so eklatant widerspricht, wie es die Kirchengeschichte und die Gegenwart an vielen Stellen bezeugt, so leicht vom Haken? Die Wette gilt… Wie aber lässt sich die moralische Kritik an der Kirche ernst nehmen, ohne dabei seinen Glauben zu verlieren? Manuel und Stephan kommen zum Schluss der Folge auf eine Metapher zu sprechen, die sie schon einmal zur Beschreibung der Kirche herangezogen haben: Kirche zu sein, das ist nicht etwas, was sich einfach so in Anspruch nehmen lässt – das ist vielmehr etwas, was sich erweisen, beweisen muss. Kirche ist eine Wette, die wir als Glaubende Menschen eingehen – eine Wette darum, ob es möglich ist, der Menschenliebe Gottes in unserer Gegenwart Hände und Füsse zu verleihen…
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Sep 27, 2023 • 1h

Moralische Kritik: Die Kirche verspielt ihre Glaubwürdigkeit (Teil 1)

Die blutige Geschichte der Kirchen, ihre Chronik der Gewalt und Diskriminierung unterläuft die Glaubwürdigkeit ihres Glaubens: Manuel und Stephan können über diese Form der moralischen Kritik am Christentum nicht sprechen, ohne auch die aktuellen Enthüllungen um Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche zu thematisieren. Die Infragestellung des christlichen Glaubens durch die Vergehen der Kirche verbindet sich gegenwärtig unweigerlich mit der aktuellen Studie zu den grassierenden Fällen sexuellen Missbrauchs in der Schweizer katholischen Kirche. Manuel und Stephan wenden sich dieser traurigen Realität zu und entfalten die daraus erwachsende Anfrage nicht nur an die Institution, sondern an den christlichen Glauben überhaupt. Keiner hat diese Kritik am christlichen Glauben pointierter und zugleich ausführlicher vorgebracht wie der deutsche Historiker und Religionskritiker Karlheinz Deschner (1924-2014): Den grössten Teil seiner Lebenszeit hat er unermüdlich an seiner 10-bändigen «Kriminalgeschichte des Christentums» gearbeitet, die es schliesslich auf 6'000 Seiten und 100'000 Quellenverweise bringt – und die in ungeschönter Klarheit (und manchmal auch in reichlich verbittertem Ton) die Fehlleistungen und Schandtaten der Kirche durch die Jahrhunderte vor Augen malt. Um die Wucht seiner Kritik am Christentum zu erfassen, sei hier ein zugespitzter Abschnitt aus seinem Werk zitiert: «Wo sonst noch gibt es diese atemverschlagende Mischung von Wolfsgeheul und Friedensschalmei, Weihnachtsbotschaft und Scheiterhaufen, von Heiligenlegende und Henkersgeschichte! Wo sonst dies allumfassende Liebespalaver und den praktisch allesverschlingenden Haß! Wo sonst eine Religion, die aus Liebe tötet, aus Liebe foltert, aus Liebe raubt, erpreßt, entehrt, verteufelt und verdammt! Es wurde die große, die weltbeglückende Praxis des Christentums, die grassierende Pest der Jahrtausende. Mit einem Wort: Das Christentum wurde der Antichrist. Jener Teufel, den es an die Wand malte: er war es selber! Jenes Böse, das es zu bekämpfen vorgab: es war es selber! Jene Hölle, mit der es drohte: sie war es selbst! […] Seit Konstantin wurden Heuchelei und Gewalt die Kennzeichen der Kirchengeschichte, wurde Massenmord zur Praxis einer Religion. Einen zu töten war strikt verboten, Tausende umzubringen ein gottgefälliges Werk. Das Ganze heißt nicht Geisteskrankheit, das Ganze heißt Christentum.» Bevor Stephan und Manuel auf verschiedene Strategien eingehen, diesem Einwand gegen den Glauben zu begegnen, wollen sie der Kritik in dieser Folge das nötige Gewicht geben. Hinweis: Im «Stammtisch» hat Felix Reich mit Veronika Jehle über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gesprochen: https://www.reflab.ch/veronika-jehle-ueber-die-krise-der-katholischen-kirche/
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Sep 20, 2023 • 1h 10min

Moralische Kritik: Der Gott der Bibel ist kein ethisches Vorbild (Teil 2)

Es gibt zahlreiche Versuche, mit den «anstössigen» Beschreibungen Gottes in der Bibel zurechtzukommen, sie zu rechtfertigen, umzudeuten, einzuordnen oder unschädlich zu machen. Manuel und Stephan breiten diverse Bewältigungsstrategien aus und machen deutlich, wie sie selbst mit dem Problem umgehen… Strategie 1: Texte als «sub-christlich» oder moralisch verwerflich ausscheiden Markion macht vor, was faktisch bis heute immer wieder geschieht: Die strittigen Texte werden «erledigt», indem man sie aus dem gottesdienstlichen Gebrauch und aus der privaten Frömmigkeit verbannt und die Bibel so de facto beschneidet… Strategie 2: Die Texte zur Rechtfertigung von eigener Gewalttat missbrauchen Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass die blutrünstigen Beschreibungen Gottes gar nicht notwendigerweise als anstössig empfunden wurde – sondern dass man sie zuweilen auch dankbar zur Rechtfertigung eigener Gewalttaten zitierte… Strategie 3: Die Texte als moralisch gerechtfertigt ausweisen Man kann versuchen, die Stellen so zu deuten, dass die beschriebene Gewalt als gerechtfertigt erscheint und Gott von der moralischen Zweifelhaftigkeit freigesprochen wird: Es war für Gott richtig und geboten, so zu handeln… Strategie 4: Die Texte kontextsensibel untersuchen und differenziert bewerten Besonders Exegeten des Alten Testaments führen vor, wie man den problematischen Texten durch eine Lesung im Kontext ihrer Zeit zwar nicht jede Anstössigkeit nehmen, aber doch ein tieferes und differenziertes Verständnis für sie gewinnen kann. Strategie 5: Die Texte von ihrer wirkungsgeschichtlichen Funktion her deuten Eine Variante der obigen Strategie hebt besonders auf die Wirkungsgeschichte der Texte ab und kann zeigen, dass Erzählungen eines gewalttätigen Gottes wichtige psychologische, traumabewältigende Funktionen hatten… Strategie 6: Texte in eine progressive Offenbarungsentwicklung einordnen Man kann die Texte als Relikte einer inzwischen überholten oder verfeinderten Entwicklungsstufe der Offenbarung Gottes in der Bibel verstehen – und sie also in ein evolutives Verständnis des biblischen Gotteszeugnisses einpassen. Strategie 7: Texte in eine Lerngeschichte Gottes einordnen Noch grundsätzlicher kann man natürlich Gott selbst (und nicht nur seine Offenbarung dem Menschen gegenüber) als veränderlich verstehen: Früher hat Gott gewalttätig gehandelt, aber daraus gelernt und sich weiterentwickelt… Strategie 8: Texte von der «externen Mitte» Jesus Christus her neu lesen Eine alternative Lesung der strittigen Texte wird auch durch eine konsequente Perspektive von Jesus Christus her möglich: In ihm enthüllt sich, wer Gott ultimativ ist, und von ihm her ist auch die ganze Bibel zu verstehen (und notfalls zu kritisieren…). Am der letztgenannten Strategie entzündet sich das weitere Gespräch zwischen Manuel und Stephan – und auch wenn sie auf langen Strecken theologisch nicht zusammenfinden, kommt es doch noch zu einem einvernehmlichen Schluss-Statement…
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Sep 13, 2023 • 58min

Moralische Kritik: Der Gott der Bibel ist kein ethisches Vorbild (Teil 1)

Die Bibel beschreibt an vielen Stellen einen ausserordentlich gewalttätigen, rachsüchtigen, blutrünstigen Gott, von dem man eigentlich nur hoffen kann, dass es ihn nicht gibt. Manuel und Stephan schärfen in dieser Folge das Problem, das sich damit für den christlichen Glauben ergibt. Nicht nur aus der Entstehungsgeschichte der Bibel ergibt sich ein Einwand gegen den Glauben (vgl. die letzten beiden Folgen…), sondern auch aus ihrem Inhalt. Ungeachtet der Frage, wie, auf welchem verworrenen, historisch-kontingenten Wege diese Texte zu uns gelangt sind, bekommt ein gewissenhafter Leser so seine Probleme mit dem, was er hier liest… Die Bibel ist nämlich mitnichten ein beschauliches Erbauungsbuch mit inspirierenden Spruchweisheiten für jeden Tag, die man auf Kalender mit Sonnenuntergängen drucken kann. Hier geht’s vielmehr brutrünstig, rachsüchtig, eifersüchtig, frauenfeindlich und rassistisch zu und her – und Gott selbst ist dabei nicht nur wehrloser oder betrübter Zuschauer, sondern wird in den biblischen Geschichten in diese Gräuel auch selber verwickelt. Mit einem solchen Gott sind wir schlecht bedient, könnte man sagen – von einem solchen Gott lässt sich nur wünschen, dass er nicht existiert. Diese Kritik geht historisch bis auf die Lehren des Marcio im frühen 2. Jahrhundert n.Chr. zurück und findet bis in die Neuzeit hinein verschiedene Vertreter. Weltberühmt wurde dieser substantielle Einwand gegen den christlichen (und jüdischen) Glauben in unserer Zeit dann durch Richard Dawkins ätzende Religionskritik «Der Gotteswahn». Das berühmteste Zitat aus diesem Buch spiesst gerade den problematischen Gottesbegriff auf, den die Bibel seiner Ansicht nach vermittelt: «Der Gott des Alten Testaments ist … die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.» Dawkins führt als Belege z.B. folgende Texte auf: 1. Mose 19,5ff; 1. Mose 19,31ff.; 1. Mose 20,2ff; 1. Mose 22; 2. Mose 34,13ff; 3. Mose 20; 4. Mose 15,32; 4. Mose 25,1ff; 4. Mose 31,18ff; 5. Mose 20,16ff; Richter 11,30ff; Richter 19,24ff – eine Zusammenstellung weiterer «anstößiger» Bibelstellen findet sich z.B. hier: http://www.krause-schoenberg.de/gn_religionskritik_problematische_bibelstellen.htm. Wer die entsprechenden Stellen nachschlägt, den überkommt tatsächlich ein Schaudern – und der Spruch bestätigt sich: Die meisten Christen haben kein Problem mit der Bibel, weil sie sie nicht wirklich lesen – oder nur die fettgedruckten Verse der Lutherbibel… Manuel und Stephan greifen in dieser Folge die ethische Kritik am biblischen Gottesbild auf, werfen einige Schlaglichter auf die Geschichte und zeigen, wie grundsätzlich diese Anfrage an den Glauben ist.
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Sep 6, 2023 • 1h 5min

Historische Kritik: Die Bibel ist nicht Gottes Wort (Teil 2)

Heute erzählen Manuel und Stephan von ihrem eigenen Bibelverständnis – und wie es sich durch das Theologiestudium verändert hat. Dabei kommen verschiedene Versuche zur Sprache, auf die Infragestellung der Bibel zu reagieren, ohne dabei seinen Glauben zu verlieren. Ganz einig werden sich die beiden dabei nicht… Manuel und Stephan sind den historisch-kritischen Anfragen an ein traditionelles Verständnis der Bibel in ganz unterschiedlicher Weise begegnet. Aufgewachsen und theologisch ausgebildet im evangelikalen Milieu, war für Manuel die erste ungeschönte Begegnung mit den Konsequenzen der modernen Bibelwissenschaft einigermassen traumatisch – der Professor für Altes Testament (ein eigentlich ganz wunderbarer Mensch übrigens…) fand seine Freude darin, gleich in den ersten beiden Vorlesungsstunden ein ganzes Artilleriefeuer kritischer Beobachtungen auf die frommen Studierenden abzulassen, im Zuge dessen gewissermassen kein Stein auf dem anderen geblieben ist… Während sich Manuel davon nur langsam erholt hat, ist es Stephan an der Universität leichter gefallen, sich auf ein neues, historisch-kritisches Bibelverständnis einzulassen. Für ihn wurde Rudolf Bultmanns Ansatz prägend und befreiend – sein Versuch also, die biblischen Texte auf ihren existenziellen Gehalt hin zu befragen und die mythologischen Vorannahmen der Texte hinter sich zu lassen. Aber wie weit kommt man damit – und lässt sich der Anspruch auf einen historischen Gehalt der Jesusüberlieferung wirklich so leicht aufgeben? Manuel ist nicht einverstanden, was zu einer intensiven Diskussion führt, bei der sich die beiden nicht wirklich finden…
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Aug 30, 2023 • 58min

Historische Kritik: Die Bibel ist nicht Gottes Wort (Teil 1)

Spätestens seit dem Aufkommen der historisch-kritischen Erforschung der Bibel scheint diese als inspirierte Offenbarung Gottes erledigt zu sein. Manuel und Stephan zeichnen in dieser Folge wesentliche geschichtliche Entwicklungen nach und schärfen das Problem, das sich damit für den christlichen Glauben stellt. In dieser Folge geht es um einen ersten, fundamentalen Einwand gegen den christlichen Glauben, der sich aus der modernen, wissenschaftlichen Erforschung mit der Bibel ergibt. Der historisch-kritische Methodenkatalog hat Erkenntnisse hervorgebracht, die sich mit einem herkömmlichen (und besonders mit einem konservativ-evangelikalen oder reformiert-orthodoxen) Verständnis einer wörtlichen Inspiration der Bibel nur schwer vereinbaren lassen. Wenn die Bibel durch ganz verschiedene antike Quellen inspiriert wurde, wenn sie zahlreiche Parallelen zur religiösen Literatur Mesopotamiens aufweist, wenn die Schriften einen komplexen und verworrenen Redaktionsprozess durchgemacht haben, und wenn schliesslich auch innerbiblische Vergleiche zeigen, dass Geschichten und Ereignisse ganz unterschiedlich, manchmal widersprüchlich berichtet werden – dann kann dieses Buch nicht in einem wörtlichen Sinne von Gott inspiriert oder «vom Himmel gefallen» sein. Damit steht aber ein Glaube, der auf dem Zeugnis dieser Texte beruht, auf denkbar wackligen Beinen. Müssen wir die Rede von der Bibel als «Gottes Wort» aufgeben – und ist ein christlicher Glaube ohne dieses Bekenntnis überhaupt lebensfähig?

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