SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
undefined
Jul 21, 2024 • 2min

Sommer-Lesetipp: T. C. Boyle – Blue Skies

Mehr wettergeprägte Bücher
undefined
Jul 21, 2024 • 2min

Sommer-Lesetipp: Albert Camus – Der Fremde

Mehr wettergeprägte Bücher
undefined
Jul 18, 2024 • 4min

Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi | Buchkritik

So richtig verwunderlich ist es nicht, dass man sich in der frühen Bundesrepublik recht schwer tat mit der Bewertung des Widerstands gegen das Dritte Reich. Die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen wurde rasch ad acta gelegt; ehemalige Nazis waren schon kurz nach Kriegsende entlastet und ins neue System eingebunden worden – nicht nur für diese galten die Elsers, Scholls und Stauffenbergs als Landesverräter. Zudem gab es ja einen neuen Feind, dem man sich mit bewährten Kräften entgegenstemmen musste – den Kommunismus. Eine allzu starke Beschäftigung mit den zahlreichen Tätern und Mitläufern, den Opfern oder Oppositionellen passte da nicht ins Bild.   Der Widerstand als Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft  Die Journalistin Ruth Hoffmann untersucht in ihrem ausgezeichnet recherchierten Buch „Das deutsche Alibi“ diesen blinden Fleck sowie den später politisch instrumentalisierten Mythos „Stauffenberg-Attentat“. Noch bis in die 50er Jahre hinein…   …standen mit wenigen Ausnahmen also nicht die Verfolger und Henker am Pranger, sondern ihre Opfer. Während für die einen Pensionen gezahlt, Rechtsbeistand geleistet und Ehrenerklärungen abgegeben wurden, waren die anderen weiterhin Verleumdungen ausgesetzt – und die Regierung ließ es geschehen. Quelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war ein…   …Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Quelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi Absolution fürs „verführte Volk“  Die Unfähigkeit zu trauern verband sich mit dem Unwillen, Scham angesichts der begangenen Verbrechen zu empfinden. Nur langsam änderte sich daran etwas. Die Helden des 20. Juli 1944 hätten den Versuch unternommen, „den Staat der mörderischen Bosheit zu entreißen“, sagte Theodor Heuss zum zehnjährigen Jubiläum des Attentats; dem „verführten“ Volk erteilte aber auch er die Absolution. Angesichts der vorangegangenen Scheuklappenmentalität war Heuss‘ Bekenntnis jedoch schon ein Fortschritt: Konservativen Kreisen fiel es zwar nicht leicht, den Widerstand zu würdigen – zu sehr stand der im Ruch des Landesverrats; aber mit den Offizieren rund um Stauffenberg konnten sie einigermaßen leben. Immerhin ließ sich deren Haltung gut in ein bürgerliches Narrativ von deutschem Geist und patriotischer Gesinnung integrieren.  Wie um die Deutung dieses Ereignisses und des Widerstands insgesamt gerungen wurde, wie die Beurteilung auch den Kalten Krieg zwischen West- und Ostdeutschland bestimmte, wie man um Worte feilschte und Redner sich wanden, wie die Hinterbliebenen der Widerständler ihre je eigenen Kämpfe gegen das Vergessen oder das richtige Gedenken führten – das zeigt Hoffmann penibel genau auf. Die Kultur des Erinnerns bettet sie in die jeweiligen politischen Kontexte ein und würdigt einzelne Protagonisten. Über die Jahre verfestigte sich so das immer gleiche Muster: Widerstand, das war der 20. Juli 1944. (…) und von einer Schuld der Deutschen war praktisch nie die Rede Quelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi Historische Erkenntnisse jenseits ideologischer Ambitionen fehlen  Selbst nach dem Fall der Mauer änderte sich nicht viel – die Instrumentalisierung des 20. Juli für konservative Zwecke setzte sich fort. Der Widerstand linker Gruppen wurde kaum betrachtet, er passte noch immer nicht ins Bild eines konservativen Geschichtsverständnisses, das während Helmut Kohls Regierungszeit neue Konjunktur erfuhr. Dass der zivile Teil des 20. Juli und das politisch höchst heterogene Netzwerk der Verschwörer bis heute unterbelichtet bleiben und inzwischen die AfD und die Neue Rechte das Datum ungeniert für sich reklamieren können – als Aufstand echten deutschen Patriotismus – scheint nach Hoffmanns Ausführungen fast folgerichtig: Über Jahrzehnte wurde versäumt, historische Erkenntnisse jenseits ideologischer Ambitionen in die offizielle Erinnerungsrhetorik einzubringen. Das ist das große Verdienst von Ruth Hoffmanns dazu noch exzellent geschriebener Studie – aufzuzeigen, wie der Mythos vom „Stauffenberg-Attentat“ die Komplexität des Widerstands überlagert hat und zum „selbstgerechten Narrativ der Konservativen“ geworden ist.
undefined
Jul 17, 2024 • 4min

Ika Sperling – Der große Reset

Ein Vater, der an eine Weltverschwörung glaubt. Seine Familie, die aufgegeben hat, mit ihm darüber zu sprechen. Oder miteinander. Das klingt nach großer Tragödie. Doch Ika Sperlings Comic-Debüt „Der Große Reset“ verbreitet von Seite 1 an vor allem eines: Leichtigkeit. Mit schwungvollem Strich und vielen Aquarellfarben schickt sie ihr Alter Ego, das wie sie Ika heißt, in die pfälzische Provinz. Wochenende. Heimatbesuch. Mit der großen Schwester daddeln oder abhängen. Nur verrät schon ihr erstes Gespräch: Unbeschwert wird der Besuch nicht.  Ika: U..und? Was macht er? Hat er seinen Job schon gekündigt? Hat er schon einen Flug. Glaubst du, er macht dieses Mal Ernst? Hat er was darüber gesagt, ob er das Haus verkauft? Lernt der schon spanisch? Lässt er sich dann auch scheiden? Und was ist dann mit uns? Was genau ist dann sein Plan? Was passiert dann mit dem Hund? (kurze Pause) Bella: Ika. Das kannst du ihn gleich alles selbst fragen.  Quelle: Ika Sperling – Der große Reset Tragik in den Dialogen, Komik in den Bildern  Damit ist die Fallhöhe gesetzt. Für die Familie geht es ums Ganze. Von nun an kippt „Der Große Reset“ zwischen zwei Polen hin und her. In den Dialogen offenbaren sich Verzweiflung und Resignation, die jeder in Ikas Familie mit sich herumschleppt. Die Bilder aber verbreiten weiter bunte Leichtigkeit. Auch, weil sie den Alltag in der Familie und im Dorf zeigen. Dabei fühlt man sich bisweilen an Sketche von Loriot erinnert. Kleinbürgerleben hat ungeheuer komisches Potenzial und Ika Sperling hat ein Auge dafür, wie sich Menschen ungewollt lächerlich machen. Die übergriffige Mutter, die Teilnahme heuchelnde Nachbarin, ihr eigenes ungelenkes Alter Ego – sie schont niemanden. Ihre Figuren zeichnet sie bisweilen, als seien sie überdrehten Cartoons entsprungen. Sie verzerrt die Gesichter oder lässt Schweißtropfen fliegen. Und doch ist die ganze Zeit eine große Zärtlichkeit spürbar, für Schwester, Mutter und sogar für den fremd gewordenen Vater. Ihn entwirft sie als amorphes durchsichtiges Wesen, halb gefüllt mit Flüssigkeit. Tropfen rinnen als Verschwörungsmythen nach und nach aus ihm heraus. Denn er wähnt sich als Opfer böser Mächte und will raus aus Deutschland.  Aber ich muss mich beeilen. Die scheinen ihre Pläne schneller umzusetzen als gedacht. Der Krieg für Europa war erst für 2024 vorhergesagt. Und gerade sieht es so aus, als ob sie das vorgezogen hätten. Wahrscheinlich weil immer mehr Leute wie ich aufwachen und bei dem Mist nicht mehr mitmachen und sich jetzt wehren. Zuerst Corona, dann der Krieg, jetzt die Inflation. Es ist alles so gekommen, wie ich gesagt habe. Wach endlich auf!   Quelle: Ika Sperling – Der große Reset Verschwörungsglauben entsteht nicht im luftleeren Raum  Redet sich der Vater in seine Wut hinein, verlieren seine Umgebung und Tochter Ika ihre Konturen und Farben, alles fließt ineinander. Auch wenn die Zeichnerin danach zu ihrem lockeren Strich und bunten Bildern zurückkehrt – es wird klar: Der Vater lebt in seiner eigenen Realität. Ika Sperling lässt uns aber nicht im Glauben, seine Radikalisierung sei ein Sonderfall. Sie porträtiert ein Umfeld, in dem andere ganz ähnlich denken.   Gespaltene Gesellschaft – gespaltene Familie  Glücklicherweise erspart „Der Große Reset“ uns Lesenden moralische Verurteilungen. Ika Sperling hält in ihrem Comic einfach fest, wie die politische Spaltung der Gesellschaft sich ins Private fortsetzt. Bei Konflikten lässt sie ihre Ika einfach aus dem Bild spazieren. Oder sie zeichnet immer wieder einen Querschnitt vom Haus der Familie. Unter dessen Dach leben zwar alle, aber jeder in einem anderen Raum. Und so endet ihr Debüt nicht hoffnungslos, aber ernüchtert. Aus Ikas Vater ist zum Schluss alle Flüssigkeit herausgesuppt. Vielleicht, weil die beiden sich endlich offen auseinandergesetzt haben. Und seine Entscheidung getroffen ist.   „Reset“ ist ja auch übersetzbar mit „Neustart“. Ein großartiges Comic-Debüt.
undefined
Jul 16, 2024 • 4min

Ingrid Robeyns – Limitarismus

Sinnvolle Forderungen gegen Armut und Ungleichheit Die Österreicherin Marlene Engelhorn hat rund 25 Millionen Euro geerbt und wird ein Großteil ihres Erbes nicht behalten. Ein Rat aus fünfzig Bürgerinnen und Bürgern wird darüber entscheiden, was damit geschehen soll. Engelhorn tritt dafür ein, die Erbschaftssteuer zu erhöhen und große Vermögen mit saftigen Steuern zu belegen, um Armut und Ungleichheit entgegenzuwirken. Den Schluss, dass diese Forderungen sinnvoll sind, legt auch das Buch „Limitarismus. Warum Reichtum begrenzt werden muss“ nahe. Das leidenschaftliche Plädoyer für die Deckelung von Vermögen stammt aus der Feder der niederländischen Wirtschaftswissenschaftlerin und Ethikprofessorin Ingrid Robeyns. Sie liefert Belege für die weltweit wachsende Ungleichheit und erklärt, warum diese schädlich für die Stabilität der Demokratie und das Klima ist. In einem zweiten Schritt zeigt sie Wege auf, diese Ungleichheit wieder zu verringern. Die Forscherin schreibt,  (...) dass in den vergangenen fünf Jahren jeder der zehn reichsten britischen Milliardäre mindestens 10 Milliarden Pfund besaß oder das Äquivalent von zehntausend Dreizimmerwohnungen mitten in London. Zehntausend Dreizimmerwohnungen. Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus Zwei Millionen Dollar Stundenlohn Zu Elon Musk, der 2022 die Spitze der Milliardärsliste des US-Magazins Forbes anführte, heißt es bei Robeyns:   Damals belief sich der geschätzte Wert seines Vermögens auf 219 Milliarden US-Dollar. Welchem lebenslangen Stundenlohn entspricht Musks Vermögen? Antwort: 1.871.794 US-Dollar pro Stunde. Annähernd zwei Millionen Dollar pro Stunde. Fünfundvierzig Jahre lang für jede Arbeitsstunde.  Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus Robeyns macht in ihrem gut lesbaren Buch mit solch eindrücklichen Beispielen klar, was es heißt, unermesslich reich zu sein. Sehr große Vermögen, so schreibt sie, wurden meist nicht nur auf saubere Weise angehäuft, sondern profitierten von Steuerbetrug, Korruption oder Geldwäsche und bauten auf ausbeuterischen Gewinnen aus der Kolonialzeit auf.   Robeyns schreibt großen Vermögen auch zu viel politischen Einfluss zu, etwa durch Lobbyismus. Dadurch werde das Prinzip „eine Person – eine Stimme“ ausgehebelt. Wachsende Ungleichheit und Armut seien jedoch noch weitaus gefährlicher für die Demokratie:  Wenn unterschwellige Unzufriedenheit über die Verhältnisse herrscht, kann ein einziges Ereignis sehr schnell eine Eskalation auslösen und zu Protesten, Aufständen und sogar Regimewechseln führen. Die einzige Möglichkeit, solche dramatischen Umwälzungen zu verhindern, ist, den Gesellschaftsvertrag so zu überarbeiten, dass er allen einen gerechten Nutzen gewährleistet. Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus Vielfältige Wege zu mehr Gleichheit Für Robeyns gibt es verschiedene Wege, um mehr Gleichheit zu erreichen. Hohe Steuern für Vermögende sind ein Weg, die Besteuerung von Erbschaften ein weiterer. Und Steueroasen und Steuervermeidungsstrategien gehörten abgeschafft. Am liebsten würde die Autorin ein Limit für Reichtum einführen, zumal ab einer bestimmten Vermögenshöhe der Wohlstand eines Menschen nicht mehr wachsen könne. Eine Million Euro pro Person ermögliche einem Menschen ein sehr gutes Leben, habe beispielsweise eine Umfrage in den Niederlanden ergeben. Robeyns weiß, dass drastische Eingriffe wie eine Obergrenze für Reichtum utopisch sind. Überdenkenswert sind ihre Vorschläge aber durchaus, zumal es auch die Reichen sind, die am meisten zum Klimawandel beitragen. Wie Marlene Engelhorn ist inzwischen eine wachsende Zahl von Vermögenden zu dem Schluss gekommen, dass ungezügelt wachsender Reichtum nicht von Nutzen sei. Wie Taxmenow in Deutschland, fordern inzwischen weltweit Vereinigungen von Vermögenden die Einführung gerechterer Steuersysteme, berichtet Ingrid Robeyns – nicht zuletzt aus Angst vor Gewalt und politischer Instabilität.
undefined
Jul 15, 2024 • 4min

Paula Irmschler – Alles immer wegen damals

Müsste man das Leben von Karla mit einem Satz zusammenfassen, so lautete er vermutlich: Es ist kompliziert. Sie ist 29, lebt in Köln in prekären Verhältnissen, ist verliebt in eine Frau, die weit weg ist, und mit ihrer Mutter Gerda hat sie seit zwei Jahren kein Wort gewechselt. Warum genau, ist nicht so leicht zu sagen. Eine Antwort könnte darin liegen, dass Karla 1989 in Leipzig zur Welt kam. Ihre Mutter hatte da bereits drei Kinder, musste sich nach der friedlichen Revolution plötzlich in einem neuen System zurechtfinden und hatte kaum Zeit und Nerven, sich der sensiblen Karla ausreichend zu widmen. Und weil auch der Vater abwesend war, musste das Mädchen sich eben selber helfen, was einerseits in tiefsitzende Ängste und Selbstzweifel und anderseits in einer tiefen Entfremdung zwischen Tochter und Mutter mündete. Es klingt dramatisch und das ist es auch, doch Paula Irmschler findet in ihrem Roman „Alles immer wegen damals“ einen Ton für ihre Geschichte, der schön schnoddrig ist und doch berührt.   Erst als sie 17 wurde, erfuhr Mutti, dass Karla schon lange ihre Tage hatte und war enttäuscht, sie hätte das gern gewusst, es sei doch eine große Sache, man wird zur Frau. Karla fühlte sich überhaupt nicht als Frau, nur weil sie einmal im Monat ultrafiese Schmerzen und eklige Suppe im Schlüpfer hatte. Sie wartet noch heute auf das Gefühl. Auch ihr Körper hat sich nicht verändert. Sie ist bis heute dünn und flach, sie findet sich viereckig. Sie ist eine Sache. Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals Der Ossi in ihr  Immer im Wechsel erzählt Paula Irmschler von Karla in Köln und Gerda in Leipzig. Karla wollte zwar so schnell und so weit wie möglich weg von der Mutter, aber auch in Köln fühlt sie sich unfertig und verloren. Allerdings bemerkt sie in der Ferne, dass sie ihre Herkunft nicht einfach abstreifen kann. Und so zeichnet Paula Irmschler nicht nur das Porträt einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, sondern wie nebenbei auch das einer nicht weniger schwierigen Ost-West-Beziehung, die sich in Karla auf interessante Art und Weise personifiziert. So, wenn sie allein in einem Kölner Café sitzt und die einladenden Blicke einer Frau am Nebentisch abwehrt.   Karla ist ein unzugänglicher Millennial, obendrauf ist sie noch, wie sie ist, und dann steckt da leider auch immer ein unaufgeschlossener Ossi in ihr, der skeptisch gegenüber allen ist, die ihr fremd sind, also alle, die sie kürzer als ein Jahr kennt. Wann wird sie endlich zur Kölnerin und schmatzt einfach alle ab? Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals Und wo bleibt unsere Geschichte?  Mutter Gerda dagegen gehört zu der Generation Ostdeutscher, die im wiedervereinigten Deutschland tapfer ihren Weg gegangen sind und dabei zugesehen haben, wie Leute aus dem Westen auch im Osten zunehmend das Sagen hatten. Mit ihrer Freundin Karin erträgt sie in Leipzig die Höhen und Tiefen dieser Entwicklung und bemerkt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung eine gewisse Selbst-Musealisierung.   Die Lebensgeschichten der beiden sind jetzt Systembiografien. Das Leben von damals befindet sich nun in Museen und Dokus, aber nirgendwo findet Gerda ihres. Vieles war eigentlich so unspektakulär, findet sie. Ja, richtig langweilig, ergänzt Karin. Aber dann sagt sie: Das sollte man nicht öffentlich sagen, sonst verharmlost man die Diktatur. Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals Weil sowohl Karla als auch Gerda im November geboren sind, schenken ihnen die Geschwister zum 30. bzw. 60. Geburtstag schließlich eine gemeinsame Reise nach Hamburg, die Karla nur zähneknirschend antritt und die sie unverhofft an die Ostsee führt. Dort kommen Tochter und Mutter sich immerhin wieder so nahe, dass sie erst über Wessis und deren Macken lästern und sich dann ihre Versionen der gemeinsamen Geschichte erzählen können. Der Titel von „Alles immer wegen damals“ ist also Programm, ein manchmal trauriges, oft komisches, aber immer unterhaltsames Programm. Paula Irmschler schafft es, das zumindest im Osten immer noch heiße Eisen der ungleichen Verhältnisse anzufassen ohne in Larmoyanz zu verfallen. Dass der Roman ein bisschen zerfasert und kein richtiges Ende findet, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache: Familie ist nie zu Ende und auch die deutsche Wiedervereinigung ist, wenn man ehrlich ist, noch in vollem Gange.
undefined
Jul 14, 2024 • 55min

lesenswert Magazin: (Nicht ganz leichte) Sommerlektüren

Ein gutes Buch darf in keinem Reisegepäck fehlen - und da hat das Lesenswert-Magazin einige Tipps.
undefined
Jul 14, 2024 • 6min

Rachel Cusk – Parade | Buchkritik

Schon der Anfang ist typisch Rachel Cusk: präzise, kühl und treffend genau. Ab einem gewissen Punkt in seiner Laufbahn begann der Künstler G – vielleicht weil er keine andere Möglichkeit sah, sich zeitlich und räumlich in der Geschichte zu orientieren -, auf dem Kopf zu malen. Quelle: Rachel Cusk – Parade Wo findet die künstlerische Frau ihren Platz? Die Kunstwelt reagiert begeistert: Die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt - was für ein genialer Einfall! Eine Betrachterin aber steht wie erstarrt: Als Gs Frau die umgedrehten Bilder zum ersten Mal sah, fühlte sie sich, als hätte jemand sie geschlagen. Das Gefühl, dass alles richtig erschien und doch grundlegend falsch war, erkannte sie auf Anhieb wieder. Dies war ihre Befindlichkeit, die Befindlichkeit ihres Geschlechts. Quelle: Rachel Cusk – Parade Damit ist auch schon das Thema auf dem Tisch, das fast das ganze Werk von Rachel Cusk beherrscht: Wo findet die Frau, vor allem die künstlerische Frau ihren Platz? Wie kann sie ihre Talente erkennen und umsetzen? Und wie schützt sie sich vor den Anforderungen des Alltags, der Familie, der Liebe, die sie von ihrem Weg abbringen? Das fragt sich auch Gs Frau, findet dann aber einen Ausweg, mit dem sie einigermaßen leben kann: Seine Erfolge - seine Leistungen – waren auch ihre, besser gesagt hatte sie ihm ihr Leben und ihre Kraft gewidmet und auf die Möglichkeit verzichtet, es selbst zu etwas zu bringen. Deshalb beanspruchte sie nun einen Teil seiner Macht für sich. Quelle: Rachel Cusk – Parade Themenwechsel: es geht um Mutterschaft Doch kaum hat man sich als Leser auf dieses Malerpaar und seine Probleme eingelassen – da bricht die Geschichte auch schon ab. Übergangslos übernimmt eine andere Frau den Erzählfaden, die einfach nur als „Ich“ auftritt, vielleicht sogar die Autorin selbst ist. Sie berichtet von einer Künstlerin, die auch G heißt und ziemlich jung im Kindsbett gestorben ist. Plötzlich geht es also um Mutterschaft und ob sie die schöpferische Arbeit von Frauen behindert oder sogar zerstört. Auch die Erzählerin fühlt sich davon bedroht. Manchmal scheinen in dieser Stadt alle Kinder zu weinen. Sie werden in Buggys durch die Straßen geschoben und heulen wie Sirenen. Quelle: Rachel Cusk – Parade stellt sie genervt fest. Während die Kinder schreien, erscheint mir meine eigene Geschichte der Mutterschaft wie ein hoch flussaufwärts gelegener Ort, von dem ich weit abgedriftet bin. (…) Das Geschrei der Kinder weckt meine Ungeduld und so etwas wie Angst, als verkörperten sie eine universelle Einsatztruppe, aus der ich niemals entlassen werde. Quelle: Rachel Cusk – Parade Später wird dieser Gedanke aus der Sicht einer Tochter aufgegriffen. Denkt denn nicht jeder, seine Mutter hätte eine Künstlerin sein können? Vielleicht glauben wir das, weil wir uns schuldig gemacht und das Leben unserer Mutter ruiniert haben. Quelle: Rachel Cusk – Parade Rachel Cusk ist nicht ohne Grund eine hochgelobte Schriftstellerin - wenn auch in Deutschland weniger bekannt als im englischsprachigen Raum. Schon zu Beginn ihrer literarischen Karriere 1993 wurde sie als eine der besten jungen britischen Autorinnen gefeiert und dann auch mit Preisen überhäuft. In nahezu allen ihren Büchern umkreist sie Themen wie Mutterschaft und weibliches Künstlertum. Fast zornig verteidigt sie das Recht der Frau, eine eigene Sicht auf die Welt zu haben und die auch kreativ umzusetzen. 2022 sagte sie in einem Interview: „Muss eine weibliche Stimme denn ungelebt und unentdeckt bleiben? Besteht ihr Wert darin, überhaupt nicht oder nur stumm zu existieren? Nicht frei zu sein, keine Dinge zu besitzen und nicht das Wissen, das daraus entsteht? Oder ist sie in Wirklichkeit eine eigenständige Existenz und ein als eigenständig erkennbares geistiges Wesen?“ Ein Plädoyer für weibliche Eigenständigkeit Auch Rachel Cusks neues Werk „Parade“ ist ein Plädoyer für die Eigenständigkeit der Frau und für den Respekt vor ihrer künstlerischen Kraft. Denn trotz aller Gleichberechtigung gibt es immer noch die vertrauten Rollenverteilungen, die Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern. Manchmal brutal direkt, manchmal nur wie ein feines Gespinst, eine Art Spinnennetz - Gelegenheit für schön fiese Bemerkungen: Einem Mann ihre Alpträume aufzubürden, war womöglich ihr Abschiedsgeschenk an das männliche Geschlecht. Vielleicht lässt mich dieser Gedanke heute Nacht besser schlafen. Quelle: Rachel Cusk – Parade Leider hat Rachel Cusk ihrem Roman eine ziemlich komplizierte Form verpasst. Er zerfällt in oft unverbundene Einzelteile. Männliche und weibliche Künstler tauchen auf und verschwinden wieder und alle heißen sie G. Oft rätselt man, an welchem Ort und in welcher Zeit man sich denn jetzt befindet. Doch immer wenn man kurz davor ist, das Buch beiseite zu legen, genervt von dem ewigen Hin und Her und dem vielen Theoretisieren, fegen wun­derbar dichte und klare Passagen allen Frust weg. Nach der Parade bedeckte eine flockige Schicht aus Müll und Glasscherben die Straße (…) An manchen Stellen lag er fast einen halben Meter hoch, größtenteils leere Flaschen und Verpackungen. Wie Tiere, die in freier Wildbahn einen abgenagten Kadaver zurück­lassen, hatte die Leute gegessen, getrunken und die Behältnisse einfach zu Boden geworfen. In den Schaufensterscheiben spiegelte sich der rosa Himmel. Quelle: Rachel Cusk – Parade Solche sprechenden Bilder sind eine der großen Stärken von Rachel Cusk. Sie ist eine erbarmungslos genaue Beobachterin von Menschen, von kleinen, erhellenden Szenen, in denen sie viel mehr erkennt, als an der Oberfläche erscheint. Besonders genau aber beobachtet sie sich selbst, klug und fast übersensibel. Es lohnt sich also, sie näher kennenzulernen, mit ihren Gedanken und ihrer Dünnhäutigkeit – doch „Parade“ ist dafür leider kein guter Einstieg: zu theoretisch, zu kopflastig, zu kompliziert. Deshalb lieber „Arlington Park“ oder „Der andere Ort“. Oder die vielgelobte „Outline“-Trilogie. Alle aber mit punktgenauen Erkenntnissen wie diese: Gottseidank sind wir nicht verheiratet, sagte sie, denn so kann ich ihn trotzdem lieben. Quelle: Rachel Cusk – Parade
undefined
Jul 14, 2024 • 5min

Charly Hübner – „Wenn du wüsstest, was ich weiß ...“: Der Autor meines Lebens | Buchkritik

1989 der Mauerfall, dann der politische Umbruch mit einer Welt voll neuer Möglichkeiten in diese und jene Richtung. Charly Hübner, ein seinerzeit 16jähriger Mecklenburger, will Schauspieler werden, und er ist bereit, all das Neue ringsum zu erkunden, zu erkennen, zu erleben und – auch das – zu erlesen. Hans Fallada ist bis dahin sein Lieblingsautor, Fallada mit seiner Mischung aus genauer Beobachtung, sozialer Anteilnahme und klarer, stets im Dienst der Erzählung stehender Sprache. Aber dann - auch der Buchmarkt ist ja nun ein großer, gesamtdeutscher - geraten ihm die „Jahrestage“ in die Hände, das Meisterwerk des Uwe Johnson – auch er ein ostdeutsches Nordlicht. Gut fünf Jahrzehnte später spricht der inzwischen als Schauspieler bekannt gewordene Charly Hübner Johnsons Romanchronik als Hörbuch ein und liefert dazu noch eine Art Liebeserklärung - eben an Uwe Johnson. Johnson ist für Charly Hübner der Autor seines Lebens Johnson ist für Hübner der Autor seines Lebens und einer der größten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Manche Eingeweihte werden Hübner hier zustimmen, andere Johnson doch eher eine Kategorie unter Mann, Musil, Keller und Kafka einsortieren, vielleicht auch noch unter Günter Grass und Martin Walser. Was letztlich egal ist, denn solche Rankings haben immer etwas irgendwie Verfehltes und Angestrengtes. Viel interessanter ist es, dem Schauspieler Hübner bei seinen Umkreisungen des Johnsonschen Erzählstils zu folgen: „Es geht eben nicht nur darum, cool eine Geschichte zu erzählen, sondern auch darum, wie man diese spezielle Geschichte erzählt und mittels Sprache, das, was die Helden der Geschichte erleben, spürbar macht.“  „Uwe Johnson suchte in der Sprache nach einem Ausdruck, der Tatsache und Empfindung, persönliche Sorge und historischen Fakt verbindet. Er erfand Sätze, die mir sowohl die Vertracktheit der politischen Situation als auch die persönliche Empfindung der erlebenden oder berichtenden Person widerspiegeln, wie zum Beispiel die rasenden Gedanken des trainierenden Radrennfahrers Achim in dem 1964 erschienen Roman „Das dritte Buch über Achim“.“ Hübners Biografie verbunden mit Johnsons Leben Immer tiefer wird Johnson die verschiedenen Zeit- und Ereignisebenen verdichten, immer offener und freier wird er das Abgelauschte gegen das von ihm Erfundene, das Geschnatter neben das Chronologische stellen und es dann in den „Jahrestagen“ zu seinem Großroman zusammenbinden. „Das gezierte Sprachbild ist ein Code für eine Wirklichkeit, für einen Gedanken, den Johnson nicht direkt erzählen will. Er nimmt einen Umweg. Im Umweg liegt Johnsons Geheimnis, als würde er sich auf vielen Wegen und mit allen möglichen, lyrischen, journalistischen, erzählerischen Mitteln diesem Geheiminis (einem Lebensgeheimnis?) nähern.“  Uwe Johnson neu entdecken Charly Hübner verbindet seine eigene Biografie unaufdringlich mit dem Lektüreerlebnis, er ruft spezielle Lebensstationen Johnsons auf und kehrt von da zurück zur großen Herausforderung der Hörbuchproduktion der Jahrestage. Die Jahrestage hat Hübner mit Moderatorin Caren Miosga eingelesen, und warum die beiden genau so und nicht anders gelesen haben – auch das erschließt sich mit diesem Buch. Und so ist Charly Hübners Johnson-Würdigung eine feine, an jedem Punkt gut nachvollziehbare Lesehilfe fürs Entdecken oder Bewundern des Schriftsellers Uwe Johnson.
undefined
Jul 14, 2024 • 6min

Die gute alte Landkarte hat noch nicht ausgedient | Gespräch

Sein persönlicher Lektüretipp: Anne Webers „Bannmeilen“.

The AI-powered Podcast Player

Save insights by tapping your headphones, chat with episodes, discover the best highlights - and more!
App store bannerPlay store banner
Get the app