SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Nov 10, 2024 • 6min

Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst

Der Ursprung dieses Buches ist eine zufällige Begegnung in einer Leipziger Kneipe. So behauptet es jedenfalls der Ich-Erzähler in Clemens Böckmanns „Was du kriegen kannst“. Es ist Zufall, dass Uta und ich uns kennengelernt haben. Eine Freundin von mir war, im Rahmen ihrer Forschung in Leipzig, an einem Abend müde in eine Bar gegangen. An einem der Tische saß eine ältere Frau. Sie kamen ins Gespräch. Über vier Stunden erzählte Uta Einzelheiten aus ihrem Leben. Am nächsten Morgen rief die Freundin mich an, war verwirrt und überfordert und gleichzeitig eingenommen von einer Person, die sich ihr fast hemmungslos offenbart hatte. Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst Diese Frau aus der Bar ist Uta Lothner, die (durchaus widersprüchliche) Heldin des Romans. Sie arbeitet in den frühen 1970er-Jahren als Möbelverkäuferin in ihrer Heimatstadt Zwickau. Uta sieht gut aus, ist erlebnishungrig und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt, kurz: eine ganz normale junge Frau, die in einem ganz und gar unnormalen, wenn auch grundspießigen Staat aufwächst. Im Jahr 1971 wirbt die Staatssicherheit Uta an, um rund um die internationalen Leipziger Messen Geschäftsleute und Besucher aus dem Westen auszuspionieren. Das funktioniert natürlich am besten, indem man mit ihnen schläft. Uta wird zur Sexarbeiterin und Agentin, die regelmäßig Berichte an ihre Kontaktleute abliefert, zugleich aber selbst immer unter Beobachtung steht. Clemens Böckmann beleuchtet Utas Biografie aus unterschiedlichen Erzählperspektiven: Sein Ich-Erzähler zeigt die Uta der Gegenwart als prekäre Alkoholikerin. Uta selbst erzählt im umgangssprachlichen Jargon aus ihrem Leben. Und große Teile des Romans schließlich bestehen aus Aktenvermerken des Ministeriums für Staatssicherheit: In ihrer Begleitung befindet sich meistens die Verkäuferin aus der Konsumgenossenschaft Zwickau (schwarzer Balken)wohnhaft in Zwickau, (schwarzer Balken)sowie auch oftmals die Verkäuferin vom Warenhaus (schwarzer Balken) aus Schneeberg (schwarzer Balken)wohnhaft in (schwarzer Balken).Alle Genannten werden als Männertoll eingeschätzt.Seit dem 30.1.1972 ist die Obengenannte Mitglied der SED. Gesellschaftliche Funktionen übt sie keine aus. Ansonsten kann gesagt werden, dass es sich bei der Obengenannten um eine attraktive Erscheinung handelt, die auch stets mit der neusten Mode gekleidet ist.“ Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst „Was du kriegen kannst“ ist ein komplexer, anspruchsvoll zu lesender Roman, eine Collage aus unterschiedlichen Textgattungen. Die Fülle an Informationen, die hier aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wird, dient im Grunde einem einzigen Zweck: Zu zeigen, dass es keine gesicherten Informationen gibt. Uta ist eine ambivalent gezeichnete Figur: Ist sie Täterin oder Opfer? Clemens Böckmann ist subtil genug, die Antwort auf diese Frage in der Schwebe zu halten. Er zeigt, wie man in die Maschinerie des Spitzelapparates hineingeraten kann. Er führt vor, wie ein Individuum komplett hinter einer Sprache verschwindet, die auf bloße Funktionalität ausgerichtet ist und in ihrer bürokratischen Verschraubtheit nahezu unlesbar ist. Der Geruch von Abgasen und Schnaps Uta ist in diesem Roman beobachtetes Objekt und sprechendes Subjekt zugleich, doch beide Perspektiven ergeben kein abgerundetes Bild, sondern stecken voller Widersprüche. Genau darin liegt die historische Wahrhaftigkeit dieses Romans. Zugleich transportiert Böckmann die Gerüche, Geräusche, Milieus des nach Abgasen, Zigaretten und Schnaps riechenden, muffigen Alltags eines sich selbst als progressiv verstehenden Staats auf verblüffende Weise. Die Ambivalenz zwischen Utas Unschuld und Täterschaft kommt auch in kleinen Szenen zum Vorschein. Beispielsweise, wenn die junge Uta in ihrer Wohnung ihren Vater empfängt: Irgendwann später hat er mich mal besucht, und da hat er eine Einladung von der persischen Botschaft gesehen. Da hat er Augen gemacht! Meine Tochter beim Empfang in der persischen Botschaft! Da habe ich ihm alles erzählt. Also nicht das mit dem Sex, aber, dass ich da für die STASI hingehe, in deren Auftrag, und dass ich schon seit vier Jahren für die arbeite. Da war er stolz! Damit hatte er gar nicht gerechnet. Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst Clemens Böckmann, so kann man nachlesen, hat für seinen Roman ausgiebig recherchiert. Es gab schon einige, durchaus gelungene Versuche, den Staatssicherheitsapparat der untergegangenen DDR in Literatur zu fassen, Wolfgang Hilbig mit seinem grandiosen Roman „Ich“ zum Beispiel. Aber in den vergangenen Jahren hat sich nun eine neue, junge Generation von Autorinnen und Autoren herausgebildet, die sich dem Leben in der DDR nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus der Sicht der Nachgeborenen nähert. Der 1988 geborene Clemens Böckmann gehört zu diesen neuen Stimmen und bekommt nun für sein vielschichtiges, komplexes Debüt „Was du kriegen kannst“ den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung – verdientermaßen. Was genau in diesem Buch erfunden und was in Archiven entdeckt wurde, bleibt bewusst unklar. Wer Uta Lothner tatsächlich war, weiß man nach der Lektüre nicht und soll es auch nicht wissen. Aber wie kann man einer solchen versehrten Existenz mit all ihren Brüchen, die bis in die Gegenwart hineinreichen, gerecht werden? Die Antwort auf diese Frage ist dieses Buch: Indem man von ihr erzählt.
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Nov 10, 2024 • 5min

Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen

Will man von seinem Leben erzählen, muss man entweder ein großer Poet und Dichter sein, sprachlich etwas entstehen lassen, das in keiner Form so erlebbar wäre, oder man braucht ein aufregendes, von dramatischen Ereignissen durchzogenes Leben. In einer psychiatrischen Klinik aufzuwachsen, als Sohn des medizinischen Leiters, inmitten von mehr oder minder liebenswürdigen, in jedem Fall aber sonderbaren Gestalten, das ist großer Romanstoff. Reisen nach Amerika, die Sehnsucht nach Behausung, schicksalhafte Todes- oder Krankheitsfälle sowie die erste große Liebe sind es ebenfalls. Von all diesen Dingen erzählt Joachim Meyerhoff, und doch verlässt er sich nicht darauf. Er bleibt immer bei einem beiläufigen Ton, der Selbstverständlichkeit suggeriert, wo wahrhaft Aufregung geherrscht haben muss. Jedes meiner Organe schien maßlos enttäuscht von mir zu sein und genug von mir zu haben. Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen So beginnt er sein neues Buch „Man kann auch in die Höhe fallen“, das zwar die Genrebezeichnung Roman trägt, sich aber liest wie ein Memoire, eine sprachliche Verarbeitung von Gewesenem, und das mit den Nachwehen seines Schlaganfalls einsetzt. Aus Berlin zur Mutter an die Ostsee So sehr ich mich auch bemühte, oft wurde ich eine mir völlig wesensfremde Gereiztheit nicht los. Dinge ärgerten mich, die mir früher in Wien, vor dem Schlaganfall, nicht einmal aufgefallen wären. Unordnung machte mich unverhältnismäßig nervös, ungemachte Betten ließen meine Unterlippe erzittern vor Empörung. Geräusche, welcher Art auch immer, Straßenlärm oder Kinderlärm, wurden mir schlagartig zu viel. Es war vorgekommen, dass ich durch eine neben mir plötzlich aufheulende Krankenwagensirene in Tränen ausgebrochen war. Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen Meyerhoff verlässt Berlin, die Stadt, die ihm nach dem Schlaganfall in Wien zur neuen Heimat werden sollte und zieht sich zu seiner Mutter an die Ostsee zurück. Eine Art Privat-Sanatorium in mütterlicher Hand, nicht zu hart, aber auch nicht zu locker, soll ihn wieder in die Balance bringen und ihm auch über eine unerklärbare Schreibblockade hinweghelfen. Tag für Tag schrieb ich, ohne zu wissen, wohin mich meine Erzählungen tragen würden. Es kam mir völlig absurd vor, nach einem Sujet zu suchen, nie hatte ich das getan, immer hatte ich das geschrieben, was mir unter den Nägeln gebrannt hatte. Unter Literaturgattungen herrscht eine brutale Hierarchie. Es gibt Versepen, Gesänge und tausendseitige Gesellschaftsromane, die alles überdauern. Es gibt unsterbliche Dramen, deren Personal unverwüstlich durch die Zeiten schreitet. Und natürlich Lyrik, die dem Wort unsterblich einen tieferen Sinn verleiht. Aber dann gibt es eben auch die kleineren Formen, die keine allzu lange Lebensdauer haben. Eintagsfliegen aus Worten. Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen Die offene Art zu erzählen, nimmt die Leser gefangen Es sind diese kleinen Geschichten, oft nicht mehr als Anekdoten, die Meyerhoff in seinen Text streut, und deren Entstehen er wiederum mit anderen Worten beschreibt, als gäbe es zwei Ebenen des Textes, verschiedene Zeiten und Orte. Tatsächlich aber sind wir unmittelbar dabei, wie dieses Buch entsteht. Zumindest fühlt es sich so an. Hier wird nicht tiefenpsychologisch analysiert oder auf einer philosophischen Ebene reflektiert, sondern einfach nur erzählt. Mit dem Gestus des „weißt Du noch“ holt er Geschichten hervor, die er selbst erlebt, aber keineswegs heldenhaft gemeistert hat. Das beginnt bei einer Erzählung, die der kleine Joachim in der Grundschule mit Bleistift in ein Heft geschrieben hatte, und endet bei einem Wutausbruch bei der Geburtstagsfeier seines Sohnes in Berlin. Doch die offene Art, wie Meyerhoff keinerlei Rücksicht auf sich selbst nimmt und den Erzähler oft in ausweglosen Situationen schildert, nimmt den Leser gefangen. Diese kleine Schulheftgeschichte zum Beispiel, als Faksimile im Buch abgedruckt, ist so voller Fehler, dass kaum ein orthografisch richtiges Wort übrigbleibt und dazu kommentiert der offensichtliche Legastheniker, dass er schon bei seinem eigenen Namen Joachim Phillip Maria Meyerhoff ins Straucheln kam und nicht wusste, ob Phillip mit zwei l oder zwei p zu schreiben sei. Meyerhoff wird weiter schreiben – hoffentlich! Tatsächlich hilft ihm die beruhigende Gegenwart der Mutter, das tägliche Schwimmen in der Ostsee oder dem eigenen Teich, die Gartenarbeit, die nie aufzuhören scheint und die Leichtigkeit des Seins, dem jede Verantwortlichkeit entzogen wurde. Den zweiten Band, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ über seine Kindheit in der Psychiatrie, hat Sonja Heiss erfolgreich verfilmt. Bei dem bildstarken Stoff lag das nahe. Joachim Meyerhoff, das wissen wir am Schluss dieses Buches, wird weiterschreiben. Auf eine weitere Verfilmung, die diese Schlussszene enthalten könnte, müssen wir hoffen. »Morgen fährst du.« »Ja.« »War so schön, dass du da warst. Mal richtig mit Zeit.« »Ja.« »Bist du zufrieden mit dem, was du geschrieben hast?« »Hm.« »Glaubst du, es wird ein Buch?« »Ich weiß es nicht, Mama.« »Ich würde, ehrlich gesagt, lieber doch nicht drin vorkommen.« »Na bravo.« Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
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Nov 10, 2024 • 55min

Bei Krisen aller Art hilft: Lesen! Bücher von Joachim Meyerhoff, Tove Ditlevsen und Clemens Böckmann

Mit guten Büchern kann man die Krisen und Brüche der politischen Welt für ein paar Stunden ausblenden - und das Lesenswert Magazin hat die passenden Tipps dafür.
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Nov 10, 2024 • 6min

Tove Ditlevsen – Vilhelms Zimmer | Gespräch

Tove Ditlevsen nahm sich 1976 das Leben. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt. Ihr letztes Buch „Vilhelms Zimmer“, in Dänemark bereits 1975 erschienen, liest sich wie eine Ankündigung ihres Freitods und wie ihr literarisches Vermächtnis. In Dänemark war Tove Ditlevsen bereits zu Lebzeiten sehr erfolgreich. In Deutschland hingegen wurde die Dänin erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt, vor allem ihre autofiktionale „Kopenhagen Trilogie“, in der sie ihre Kindheit, Jugend und ihre Abhängigkeit verarbeitet. Übersetzerin Ursel Allenstein im Gespräch In Ditlevsens jetzt ins Deutsche übertragenen Buch „Vilhelms Zimmer“ verarbeitet sie ihre schwierige letzte Ehe. Das Buch handelt von der Hassliebe zwischen der Protagonistin Lise Mundus, eine erfolgreiche Schriftstellerin, und ihrem narzisstischen Ehemann Vilhelm. In der Ehe wie auch im ganzen Roman geht es um Leben und Tod. Tove Ditlevsen war eine Vorreiterin des autofiktionalen Erzählens und damit war sie ihre Zeit total weit voraus. Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen Durch den stetigen Wechsel der Erzählperspektiven sei die Übersetzung von "Vilhelms Zimmer" die schwierigste aller Ditlevsen-Übersetzungen gewesen, berichtet Übersetzerin Ursel Allenstein im lesenswert-Gespräch. Tove Ditlevsen ist eine Ikone der dänischen Literatur. Sie hat Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt. Sie ist auch heute, 50 Jahre später, noch wahnsinnig modern. Wie sie über weibliches Leben und Leiden schreibt, hat immer noch eine große Aktualität. Sie ist unglaublich kompromisslos und in ihrer Radikalität, dass sie wirklich immer alles von sich gibt, finde ich sie einzigartig. Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen
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Nov 10, 2024 • 6min

António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres | Buchkritik

Es ist alles lange her, was den Menschen, die in diesem Roman ihr Innerstes ausbreiten, durch den Kopf geht. Und doch ist es für sie noch immer präsent wie eine nie vergehende Gegenwart. So lebte die Frau, die an ihre Jugend zurückdenkt, einst als Tochter eines Plantagenbesitzers in Angola, als das Land noch eine portugiesische Kolonie war. Trotzdem ist das Mädchen, das sie einmal war, in ihr noch immer so lebendig wie ein zweites Ich, von dessen Empfindungen nichts verloren gegangen ist, wenn sie zurückblickt. Obwohl ich vor vielen Jahren weggegangen bin, habe ich die Orte, die ich bewohnt habe, nie verlassen, oder aber sie sind es, die mich immer begleiten, ich höre den Mispelbaum, höre das Pfeifen der Gräser, Domingas Warnung 'Vorsicht der Wind Menina, Vorsicht der Wind'. Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres Es war einmal in Afrika In Wirklichkeit befindet sich die Frau nicht mehr in Afrika, genauso wenig wie die beiden anderen Protagonisten des neuen Romans von António Lobo Antunes. Die beiden anderen, das sind ein ehemaliger Offizier der portugiesischen Kolonialtruppen und ein Beamter der Kolonialverwaltung. Alle drei sind längst wieder in Portugal, „Am anderen Ufer des Meeres", wie es im Romantitel heißt, nur dass die beiden Ufer in ihren Erinnerungen immer wieder miteinander verschwimmen.  Bis zur sogenannten Nelkenrevolution von 1974 war Portugal eine katholisch-autoritäre Diktatur. Seit den 1960er-Jahren verrannte sich das Regime in lange, qualvolle und hoffnungslose Kriege um den Erhalt seiner afrikanischen Kolonien. Diese Gewaltgeschichte hat Antunes in seinem Erzählwerk schon oft thematisiert und auch in seinem neuen Roman bilden zwei Schlüsselereignisse dieser Zeit den historischen Hintergrund. Das eine ist der brutal niedergeschlagene Landarbeiterstreik in einer angolanischen Baumwollplantage. Das andere ist der dadurch ausgelöste Befreiungskrieg gegen die portugiesische Herrschaft. Das Murmeln der Erinnerungen In der Erinnerung der Romanfiguren sind diese historischen Vorgänge nicht als Abfolge von Ereignissen sondern als Gefühlsgeschichte präsent. Da verdichten sich Stolz und Niederlagen, Beschämungen, Verluste und Verklärungen zu einem oft ununterscheidbaren Knäuel von Empfindungen. Ohne Übergang wechselt der Erinnerungsmonolog des Offiziers von der Schilderung sexueller Anzüglichkeiten zum angeberischen Bericht über die Vorbereitung eines Gemetzels. Die Lastwagen fuhren in Quela ein, ich gab den Soldaten den Befehl, in Schussposition auszusteigen, die Offiziere und die höheren Dienstgrade vorn, in einer Art Halbmond vor dem Hüttendorf, ich ließ die Bazooka zu mir bringen, seitlich davon zwei Maschinengewehre, während zwei Flugzeuge über den Bäumen auftauchten. Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres Im Wechsel der Romankapitel reden die drei Protagonisten weder miteinander, noch zu irgendjemand sonst. Sie reden vor sich hin, gleichsam ins Leere - ein perfektes Bild der Einsamkeit.   Im Bewusstseins- und Redestrom ihrer Monologe vermischen sich einschneidende und alltägliche Momente ihres Lebens, Vergangenheit und Gegenwart unablässig. Vorgefunden hat Antunes diese komplexen emotional geprägten Erzählmuster in seiner viele Jahre ausgeübten Praxis als Psychiater. Seine Figuren beherrschen nicht den Stoff ihres Lebens sondern werden von ihm beherrscht, sie sind ihm ausgeliefert. Dieses Erzählverfahren hat Antunes zu höchster Kunst entwickelt.  Unverkennbar wird das selbstversunkene Monologisieren dieser Menschen angetrieben von Verletzungen und Verlusten aber auch von schal gewordenen Triumphen. Die Grundmelodie des Ganzen wird von Melancholie bestimmt. Portugiesische Passionsgeschichten Die Tochter des Plantagenbesitzers ergibt sich dem Zauber ihrer Erinnerungen, weil ihr Leben nie wieder so wurde wie einst in Afrika. Für den Offizier bilden seine militärischen Heldentaten, deren verbrecherischen Anteil er verdrängt, den Höhepunkt seines Lebens. Der Staatsbeamte kann sich nicht lösen von den Resten seines früheren privilegierten kolonialen Daseins, weil ihm das portugiesische Mutterland fremd geworden ist. Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten. Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres Antunes portugiesische Passionsgeschichten handeln von der Gefangenschaft des Menschen in der erdrückenden „Ordnung der Dinge", wie er einen seiner früheren Romane nannte, das heißt in der Ordnung ihrer seelischen Prägungen, ihrer sozialen Stellung und der historischen Verhältnisse. Mit unerbittlicher Konsequenz hat Antunes die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms weiterentwickelt zu einem Medium nationaler Befindlichkeiten und Traumata, die sich aber über Portugal hinaus ebenso gut auf die menschliche Existenz überhaupt beziehen lassen. Den Nobelpreis hat er bislang nicht bekommen. Aber die Anerkennung für sein großartiges Werk, für das auch dieser neue Roman stehen kann, ist ihm gewiss.
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Nov 10, 2024 • 6min

Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur

In den acht Jahren, die er und Nastaran zusammen waren, waren sie noch nie ernsthaft miteinander in Streit geraten. Man konnte sie zu den unkomplizierten Paaren zählen… Seit ein, zwei Jahren aber fragt Mama Malli ständig: „Findet ihr nicht, dass es Zeit ist zu heiraten?“ Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur Amir Hassan Cheheltan im Gespräch: „In my apartment, in the building that I live in, 20 families live in this building, and we had two couples, who live together without marriage. And this is the real picture of my country, or at least the real picture of Tehran as the mega city and as the heart of Iran." Amir Hassan Cheheltan kennt zwei unverheiratete Paare im eigenen Haus, das sei heute Realität in Teheran, dem Herzen Irans, sagt er. Auch zwei seiner Romanfiguren, der Schriftsteller Nader und die junge Grafikdesignerin Nastaran, leben in „weißer Ehe“. Nastarans Gefühle waren echt… Nader bewunderte ihre dezente Unverblümtheit und ihre Zivilcourage. Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur Abtrünniger, Ungläubiger, Hedonist: Der Dichter Omar Khayyam Aber dann kommt der attraktive, alle betörende Engländer David, benennt ihre Lebenslügen, und die Dreiecksgeschichte driftet in die Katastrophe. Dieses Beziehungsdrama unterfüttert Cheheltan, der Homme de lettres, mit philosophischen Gesprächen und historischen Lektionen. Im Zentrum Omar Khayyam, ein Dichter aus dem 11./12. Jahrhundert. David verehrt Khayyam, den Abtrünnigen, Hedonisten, den Gegenspieler aller Glaubensverkäufer. So Amir Hassan Cheheltan: „In his poetry, he's against God, he's against everything. He cares only about this moment. I want to clear up something at the present. Khayyam is a figure that is against everything that Islamic Republic is based on and at the same time, I wanted to show a modern life in Tehran." Historie zur Klärung der Realität also. Khayyam lehnte alles ab, worauf die heutige Islamische Republik basiert, resümiert Amir Cheheltan. Wozu noch Selbstmordattentate, wenn es kein Paradies gibt? Wozu Wein und Musik im Diesseits verbieten, wenn kein Jenseits existiert, lässt er seine Figuren fragen, öffnet Diskussionsräume und zeigt die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit. Aus der persischen Literaturgeschichte zitiert er eine Fülle von Beispielen, auch zu Tabus wie Homosexualität. Europa sei prüde gewesen, sagt er und lässt das Personal seines bildungstrunkenen Romans überall debattieren, auf Märkten, beim opulenten Essen, im Theater. Über Gott und die Welt, Orient und Okzident, es wird eine Menge geredet und zugleich verhüllt. „Manchmal redet man viel, um etwas zu verbergen“ Amir Hassan Cheheltan: „This is my style in narration always, that I am not so direct to anything. Because I think a human life is very complicated, and sometimes you talk a lot just because you want to hide something." Das menschliche Leben sei kompliziert, manchmal rede man viel, um etwas zu verbergen, weiß Amir Hassan Cheheltan, Ende 60, ein Schriftsteller von stilistischer Raffinesse, ein Meister von Innenräumen, der hinter Fassaden blickt, der mit Erwartungen spielt und immer wieder falsche Fährten legt. Nastaran heißt seine weibliche Hauptfigur, sie kommt aus Nischapur wie Omar Khayyam und wie die echte Rose von Nischapur, die Blume, die im fernen England, am Grab von Khayyams Übersetzer vertrocknete. Eine Rose, nicht feuerrot, aber wunderbar duftend. Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur Amir Hassan Cheheltan ist Iraner und Weltbürger. In der Zeit der Massenhinrichtungen in Iran Ende der 90er-Jahre lebte er in Italien, später in Deutschland und den USA. Immer ging er nach Teheran zurück, das Land sei sein Zuhause, die Stadt sein Arbeitszimmer, sagt er:„I am so connected to my home, the country, my country is my home. The capital of my country is my study room. And whereever in the world I am, I feel like a passenger who is in the station to get the next train." Wo immer er in der Welt sei, er fühle sich wie ein Passagier, der auf den nächsten Zug warte, meint Cheheltan. Auch diesmal wird er wieder aus Europa zurückkehren in die Islamische Republik. Er hält sich fern von politischen Organisationen, selbst dem Schriftstellerverband, in dem er einst aktiv war. Seit vierzig Jahren publiziert er, seit zwanzig Jahren können seine Bücher nur im Ausland erscheinen. Aber er schreibt, in Romanen und deutschsprachigen Zeitungen, erstaunlich deutlich über Korruption, Inflation, Frauen, den offenen und stillen Protest, nichts davon gibt es auf Persisch. Irans „Weg des Todes“: eine Sackgasse? Amir Hassan Cheheltan: „In fact, after the Mahsa movement, maybe the government was even more strict. So many lives were lost during this movement. Many eyes were blinded in the streets, in the protest scene. But like any other movement it has got up and down. It is still an ongoing movement, and nowadays, there is a lot of people active in social obedience. You see many girls in public places without hijab." Zu Beginn der Jina Mahsa Amini-Bewegung sei das Regime rigider gewesen, so viele verlorene Leben, beim Protest in den Straßen erschossen oder geblendet, aber die Bewegung gehe weiter, immer mehr junge Frauen zeigten sich öffentlich ohne Hijab, sagt Cheheltan. Irans neuer Präsident Massud Peseschkian, ein Reformer im Amt, schien ein Zeichen, als hätte das Regierungssystem der Mullahs verstanden, dass der rigide Kurs eine Sackgasse, ein „Weg des Todes“ gewesen wäre. Aber die Hinrichtung eines Deutschen wäre ein fataler Fehler gewesen. Den Preis zahlten am Ende wieder die Iraner, sagt Cheheltan. Die Reformer sind eliminiert, aber die Mittelschicht verweigert sich, nur 15 Prozent der Bürger Teherans gingen zur Wahl. Iraner haben mehrere Gesichter Die Menschen lebten in eigenen Welten, hinter den Wohnungstüren meist liberaler, Iraner hätten drei, vier Gesichter, sagt er. Und mit dem Krieg in Nahost wolle die Mehrheit nur noch „Iran first“, keine Einmischung im Libanon oder in Palästina. Für Nastaran, „Die Rose von Nischapur“ im Roman, gibt es kein glückliches Ende. Aber, wo es keine Hoffnung gebe, sagt Amir Hassan Cheheltan, müssten wir sie schaffen. Ost und West seien heute ein Dorf und Literatur immer eine Hilfe, sie sei alles in der Welt: „We should create hope if there is not any. Of course, the West and East, we are living in a very small village now. Always, literature is helpful. Literature is everything in the world."
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Nov 10, 2024 • 7min

„Das ist die Mcdonaldisierung der Literatur"

Wäre es für Verlage nicht rentabel, wenn man vor dem Druck eines Buches absehen könnte, wie erfolgreich es wird? Ab Ende des Jahres steht der Verlagswelt eine künstliche Intelligenz zur Verfügung, die genau das kann: Eine Art Bestseller-Orakel, das mithilfe eines Algorithmus vorhersagt, welche Bücher zu Verkaufsschlagern werden. Ob das ein Fluch oder ein Segen für die Literaturbranche ist, darum geht's im Gespräch mit Thomas Montasser, Literaturagent aus München. Algorithmus bezieht sich auf Vergangenheit Die Firma Media Control, die das Programm "Demandsens" entwickelt hat, verspreche den Verlagen eine 85-prozentige Prognose-Sicherheit darüber, ob ein Buch ein Bestseller werde oder nicht, sagt Literaturagent Thomas Montasser. Allerdings: 'Demandsens' kennt nur den literarischen Massengeschmack. Wenn wir nicht aufpassen, gibt es bald nur noch Einheitsbrei und alles, was neu ist, findet nicht mehr statt. Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München Der Algorithmus von "Demandsens" basiere sich in seiner Prognose aber lediglich auf Trends der Vergangenheit. Unvorhersehbares, wie etwa die Vergabe eines Literarturpreises, woraufhin Werke in manchen Fällen zu Bestsellern werden, könne das Programm in seine Berechnungen nicht einbeziehen, erklärt Montasser. Künstliche Intelligenz kann als Ansporn dienen Ihm zufolge könne künstliche Intelligenz aber auch Positives für die Buchbranche bewirken: Ich bin selbst nicht nur Agent, sondern auch Autor. Wenn ich heute einen Text schreibe, dann überlege ich mir am Ende regelmäßig: 'Hätte das auch eine KI schreiben können?' Und wenn ich zu dem Ergebnis komme: 'Ja, möglicherweise schon.' Dann muss ich den Text löschen, denn dann genügt er meinen eignen Ansprüchen nicht. Die KI hält uns den Spiegel vor. Wir müssen besser als die KI bleiben, denn sonst hat der Mensch keine Chance. Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München
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Nov 7, 2024 • 4min

Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews

Vor dem Putschversuch von 1923 erschien in den USA ein erstes längeres Interview mit Hitler, geführt von dem prominenten Deutsch-Amerikaner George Sylvester Viereck, einem Bestsellerautor, Publizisten und Esoteriker. Einen Monat vor dem misslungenen Bierkellerputsch in München (und natürlich auch vor Hitlers Buch „Mein Kampf“ von 1925), verhehlt Hitler Anfang Oktober 1923 seine Absichten weniger als später. In seinem Antisemitismus sind mörderische Töne nicht zu überhören.   Wir haben es hier mit der Frage Jude und Arier zu tun. Die Mischrasse stirbt aus; sie ist ein wertloses Produkt. Rom ging unter, als es nicht mehr auf den Erhalt seiner Rasse achtete. In der Literatur, im Film, in der Wissenschaft ist der Einfluss des Juden destruktiv. Wir gleichen einem Schwindsüchtigen, der nicht merkt, dass er dem Untergang geweiht ist, wenn er nicht die Mikroben aus seiner Lunge vertreibt. Wie Individuen tanzen auch Nationen in der Nähe des Abgrunds oft besonders wild. Deshalb sage ich, wir brauchen gewaltige Korrektive, starke Arznei, vielleicht Amputation.  Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews Lügen und Propaganda eines Diktators  So deutlich wird Hitler später nicht mehr. Und Fragen zum Antisemitismus bleiben in Hachmeisters Buch ohnehin die Ausnahme. Viele Auslandsjournalisten begnügten sich mit der Sensation einer Exklusiv-Begegnung mit einem angesagten Politiker und späteren Diktator, sie ließen ihn reden, ohne nachzufragen, und verbreiteten es als Clou. So gelingt Propaganda. Das erste (wenn auch kurze) Hitler-Interview in einer französischen Zeitung erschien am 19. März 1932 in L’Œuvre (»Das Werk«), einer linken Publikation. Es war aber kein klassisches Interview mit Fragen und Antworten, schreibt Hachmeister, sondern eher ein Monolog: Hitler als Friedensfreund.   Man hat gesagt: Hitler bedeutet Krieg. Ich will Ihnen versichern: Mein Sieg wird die deutschen Beziehungen mit dem Ausland in keinster Weise ungünstig beeinflussen können. […] Der Frieden in Europa, ich sage es noch einmal, wird nicht gestört werden, es sei denn ein Land will das. Wir werden das nicht sein.   Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews Der Diktator und die Journalisten  Interessant in diesem Buch ist die Bestandsaufnahme einer internationalen Journalistenszenerie und die Kurzbiographien dazu, in denen Hintergründe, fragwürdige Allianzen, Eitelkeiten der Branche, Verführbarkeit, Karrieresucht angedeutet werden. Dazu veranschaulicht eine lange Reihe weitgehend unterbeleuchteter Memoirenliteratur die Begegnungen mit dem Diktator. Zur Rolle der französischen Journalisten fasst Lutz Hachmeister zusammen:  Man kann sagen: Die wenigen Interviewer verhielten sich zuvorkommend gegenüber Hitler. Vielleicht war es eine gewisse complaisance oder eine Faszination, die er auf Journalisten aus dem Ausland ausübte. Oder zunehmende Rechtstendenzen spielten eine Rolle. Oder eine Selbsttäuschung, denn keiner wollte Krieg; alle wollten Hitler glauben, wenn er von Frieden sprach.  Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews Massenpsychologie und Täuschungsmanöver  Insgesamt bringt diese aufwendig recherchierte Bestandsaufnahme Hachmeisters nicht unbedingt neue Erkenntnisse für die Hitler-Forschung. Einblicke in die Journalistenbranche hingegen sind höchst aufschlussreich und wenig schmeichelhaft. Es herrschte viel Opportunismus und Spökenkiekerei, Irrtümer, Naivität und Dummheit verstellten die Sicht, Servilität und Kollaboration waren verbreitet. Wiederholt warnt Hachmeister vor Interviews mit Diktatoren oder Autokraten, auch mit Blick in die Gegenwart. In seinem Vorwort zitiert der Medienfachmann den französischen Mediziner und Soziologen Gustave Le Bon aus seiner „Psychologie des foules“ von 1895. Darin spricht der französische Autor über Massenpsychologie und die Macht von Täuschungen.  Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.   Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews
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Nov 6, 2024 • 4min

Alexander Kluge und Anselm Kiefer – „Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben“ | Buchkritik

Weißer Umschlag, grüner Balken – von außen sieht das Buch aus wie ein klassischer Band aus der Bibliothek Suhrkamp. Wenn man sich aber hineinvertieft, ist es viel mehr: Schatzkasten, Zauberkunststück, Überraschungsei. Um den besonderen Charme dieser medialen Neuerfindung zu entdecken, muss man aber erst einmal lesen. Das Buch ist aus dem Dialog zwischen dem Künstler Anselm Kiefer und dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge entstanden:   Das ist das Schöne am Dialog, dass er ein ganz anderes Metier hat als ich. Ich habe mein Metier als Autor und als Filmemacher. Er hat ein Metier: er macht feste und recht große Bilder. Er ist aber übrigens ein poeta doctus. D.h. er ist ein gelehrter Maler, der sich auch interessiert. Und das fügen wir zusammen und dabei gibt es Riss-Stellen. Wir überraschen uns gegenseitig. Das ist Dialog.   Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben« Kunst vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit  Es geht um Freundschaft, auch wenn das Wort nicht strapaziert wird, es geht um Unterschiede und Berührungspunkte zwischen den Menschen, den Künsten und der Zeit.   Für mich innerlich war das Thema: Was ist Verlässlichkeit in einer zerrissenen Welt. Das ist eigentlich meine Grundfrage, die mich die ganze Zeit, letztes Jahr, dieses Jahr beschäftigt.   Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben« In Text-Collagen, Assoziationen, Zitaten und gemeinsamen Gesprächen kommentiert Alexander Kluge das Werk von Anselm Kiefer und reflektiert dabei seine eigene künstlerische Position. Im Hintergrund beider Biografien wummert der Krieg. Alexander Kluge ist 1932 in Halberstadt geboren, Anselm Kiefer im März 1945 in einem Luftschutzbunker in Donaueschingen. Als er auf die Welt kam, schreibt Kluge über Kiefer, „waren Süddeutschlands Himmel voller alliierter Flugzeuge“. Flugzeuge werden zu wiederkehrende Motiven in Kiefers Werk. Kluge vergleicht den Maler und Bildhauer mit einer Fledermaus. Die Tiere werfen Töne an die Wände und orientieren sich am Echo.   Und sie haben ein Ohr, sie sehen mit dem Ohr, das ist etwas sehr Interessantes. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass Anselm Kiefer, wenn er malt, Musik macht.   Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben« Künstlerische Gemeinsamkeiten  Die beiden Künstler verbindet das Prinzip, ihr Material zu zerlegen, zu schichten und zu verdichten. Die abgebildeten Werke von Kiefer bestehen aus Stroh, Gold, Schellack. Er zersetzt seine Bilder durch das Elektrolyse-Verfahren oder begräbt sie unter Blei. Einige, sagt er im Buch, könnten einen Atomkrieg überstehen. Gemeinsam ist den Werken der unbedingte Anspruch an die Kunst. Alexander Kluge schreibt.   Es müsste möglich sein, dass die Verschränkung von Texten, Bildern, Filmen, Dokumentationen und Poemen: die tausend Splitter und Fragmente, dazu führt, dass Tote auferstehen.  Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben« Das Buch wird zum Kino  Und dann wandelt sich der Charakter des Buches: Kleine QR-Codes erscheinen auf den Seiten. Wenn man sie mit dem Handy scannt, wird das eigene Smartphone zum Taschenkino. Kurze Filme öffnen sich, nur eine Minute lang, wie die ersten Filme in der Geschichte des Kinos. Alexander Kluge kreiert neue Bilder auf den übermalten Rändern der Leinwände von Anselm Kiefer, die dieser Elefantenhaut nennt:   Er ist wie ein Alchimist tätig und schafft auf diese Weise unbekannte Materialien. Wenn ich sie als Hintergrund nehme für mein filmisches Emblem, dann ist das so, als ob eine Felsmalerei entsteht.   Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben« „Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben“ – der unscheinbare Band birgt mehrere Stunden Film. Da sind zwei Systemsprenger am Werk. Getreu bleiben sich Anselm Kiefer und Alexander Kluge, indem sie immer wieder die Grenzen ihrer Kunst überschreiten.
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Nov 5, 2024 • 4min

Yaroslav Hrytsak – Ukraine. Biographie einer bedrängten Nation

Yaroslav Hrytsaks Buch über die Ukraine ist in seiner Heimat ein Bestseller. Mittlerweile in neunter Auflage, stillt dieses Grundlagenwerk offenbar ein elementares Bedürfnis der Ukrainer, sich mit ihrem Land und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Mein Buch ist sehr populär bei Ukrainern, besonders bei denen im Osten, in den großen russischsprachigen Städten, die seit Kurzem ukrainische Patrioten sind. Das ist ein radikaler Wandel. Viele Ukrainer haben jetzt erst ihre nationale ukrainische Identität entdeckt. Quelle: Yaroslav Hrytsak Hrytsaks Buch, das nun unter dem Titel „Ukraine. Biographie einer bedrängten Nation“ auf Deutsch erschienen ist, handelt von der Kiewer Rus, einer Art vornationalem Handelsbündnis, dessen Gründer im 9. Jahrhundert Wikinger waren – und von den globalen Folgen der Entdeckung Amerikas. Damals brachte ein intensiverer Warenverkehr entscheidende Impulse auch für Osteuropa, bis hin zur Gründung eines Kosakenstaats im Jahr 1648. Kosakentum als Herzstück der Nation Dem Kosakentum mit seinen urdemokratischen Strukturen – für Hrytsak ein Herzstück noch der heutigen Ukraine – ist im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Kosaken wählten ihren Anführer jeweils auf Versammlungen in der Sitsch, ihrem Hauptquartier. In Russland hatten die Kosaken eine ganz andere Rolle, betont Hrytsak. Natürlich gibt es auch russische Kosaken: Donkosaken, Kubankosaken, Uralkosaken. Doch sie unterscheiden sich deutlich von den ukrainischen Kosaken. Die russische Geschichte kann man leicht ohne Kosaken schreiben, weil die Kapitel über sie etwas über den russischen Staat erzählen, nicht aber über die Kosaken. Die ukrainische Geschichte dagegen kann man nicht ohne die Kosaken erzählen, weil sie eine Geschichte von unten nach oben ist. Im Gegensatz dazu ist die russische Geschichte eine Geschichte von oben nach unten. Quelle: Yaroslav Hrytsak Mit den Kosaken hat es auch zu tun, dass Russen Ukrainer bis heute gern „chochly“ nennen, nach der einzelnen Haarsträhne auf dem kahlgeschorenen Kopf. Das verlustreiche 20. Jahrhundert Weiter geht es in Hrytsaks Buch von den blutigen Jahren des Ersten Weltkriegs zum millionenfachen Mord des Zweiten Weltkriegs. Die Gemetzel wurden oft genug durch Begehrlichkeiten nach den fruchtbaren Böden der Ukraine ausgelöst. Die Tatsache, dass Teile der ukrainischen Bevölkerung in den 1940ern mit deutschen Einheiten kollaborierten, um nationale Autonomie zu erlangen, benutzt die Putinsche Propaganda bis heute, indem sie Ukrainer grundsätzlich als „Faschisten“ bezeichnet. Dagegen hält Hrytsak, dass in der heutigen Ukraine alle Ethnien, von den Krimtataren bis zu den Juden, gegen Russland zusammenstehen. Das hat auch damit zu tun, dass die moderne Ukraine sich ihrer Mitverantwortung am Holocaust bereits gestellt hat. Was die meisten westlichen Beobachter, einschließlich der deutschen, nicht zur Kenntnis nehmen, ist die große Gruppe der Juden in der Ukraine, die sich ganz bewusst als Ukrainer fühlen. Da gab es jetzt einen sehr bewegenden Fall: Der oberste Rabbiner von Kiew hat seinen Sohn an der Front verloren. Das war ein tragischer Moment, der eine Menge darüber sagt, ob die Ukraine wirklich ein faschistischer Staat ist. Quelle: Yaroslav Hrytsak Loslösung aus dem russischen Narrativ Hrytsaks starkes Buch treibt die Loslösung der ukrainischen Geschichte aus dem so lange dominanten russischen Narrativ weiter voran. Punkt für Punkt widerlegt Hrytsak Putins neoimperiale Argumentation, die stets darauf hinausläuft, dass die Ukraine ein marginales Land ohne eigene Identität sei. Ein gut zu lesendes Buch, dass auch deutschen Lesern die ukrainische Perspektive überzeugend näherbringt.

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