

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Dec 22, 2024 • 7min
Charles Baudelaire (Hg.) – Edgar Allan Poe. Heureka & Der Rabe
In „Der Rabe“ geht es um einen Raben, der um Mitternacht einen um seine verstorbene Geliebte trauernden Mann besucht. Es zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Gedichten.
Neben den zahlreichen Übersetzungen, die es bereits zu „Der Rabe“ gibt, entschied sich Andreas Nohl mit seiner Neuübersetzung, Edgar Allan Poes Gedicht in Prosa, also nicht in Reimform, zu übersetzen.
Geistesverwandtschaft zwischen Baudelaire und Poe
In Edgar Allan Poe entdeckte der Herausgeber, Charles Baudelaire, einen Geistesverwandten. Mit „Die Blumen des Bösen“ verfasste Baudelaire selbst einen lyrischen Grusel-Klassiker.
SWR Kultur Literaturchef Frank Hertweck ist in die Welt von Edgar Allan Poe und seinem Förderer Charles Baudelaire eingetaucht.

Dec 22, 2024 • 6min
25. Ausgabe von „Das Gramm“ – Kurzgeschichten im Abo
22 Gramm kreischende Sägen
Was hätten Sie denn gern? 22 Gramm kreischende Sägen? 24 Gramm Sekt und Sardellen? 22 Gramm folgenschwere Beobachtungen - oder doch lieber 24 Gramm Liebe in Zeiten der Zombie-Apokalypse? Diese feine Auswahl bietet kein großes Internetkaufhaus, sondern ein Magazin für Kurzgeschichten: Das Gramm.
Etwa so groß wie die gelben Reclam-Heftchen steckt in jeder Ausgabe eine erlesene, bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte. Der Name „Das Gramm“ zeigt die Idee dahinter: ein Heft, eine Geschichte, ein Häppchen Literatur, das aber keineswegs Fast Food ist, sondern lange nachhallen und satt machen möchte.
Und der Name hat noch eine zweite Bedeutung
Es gibt da natürlich auch den etymologischen Hintergrund, also das Wort „Gramm“ kommt aus dem Griechischen „Gramma“, das bedeutet so viel wie „Geschriebenes“. Man kennt es aus Autogramm, Telegramm oder auch aus dem Wort Grammatik. Und dann ist eben ein Gramm natürlich auch vor allem eine Einheit und ein Gramm als Gewichtseinheit finde ich als etwas sehr Sympathisches. Es ist sowas Leichtes und nichts Belastendes und doch ist es da. Es ist spürbar und kann durchaus einen Unterschied machen. Und das finde ich, passt gut zu dem, was dieses Magazin auch ist.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
… sagt Patrick Sielemann. Er ist hauptberuflich Lektor beim Kein und Aber Verlag und er ist der Herausgeber von „Das Gramm“. Anstoß für das Magazin war eine Frage:
In diesem Fall war es die Frage, wie man mehr Menschen für das Lesen begeistern kann. Oder im Umkehrschluss, was hält Menschen eigentlich vom Lesen ab?
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Das Gramm will Lesehürden nehmen
Patrick Sielemann fragte nach bei Familie und Freunden - und hörte meist dieselben drei Gründe:
Erstens man hat zu wenig Zeit. Zweitens, man weiß nicht genau, was man lesen soll. Und vielleicht Drittens noch, wenn man sich entschieden hat, ist es vielleicht nicht das Richtige für einen.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Diese drei Lesehürden, wie Patrick Sielemann sie nennt, möchte Das Gramm nehmen. Das Zeitproblem ist schnell gelöst, denn Kurzgeschichten sind von Natur aus kurz. Und anstelle von einem dicken Kurzgeschichten-Sammelband gibt es bei Das Gramm alle zwei Monate eine Geschichte.
Thematisch keine Grenzen gesetzt
Die anderen beiden Lesehürden – was soll ich lesen und trifft es meinen Geschmack – löst Das Gramm durch eine feine Auswahl an Texten: Von der Horror- bis zur Liebesgeschichte – thematisch gibt es keine Grenzen.
Wichtig ist für Patrick Sielemann die Zugänglichkeit: Nicht an der Oberfläche bleiben, sondern den Leser und die Leserin an die Hand nehmen und in den Abgrund führen, das mache einen guten Text aus, sagt der Herausgeber.
Das finde ich spannend an Texten, wenn man so…Da ist jemand und bittet einen in sein Haus hinein und winkt und ist freundlich und dann sieht man doch die Risse und den Schmutz unter dem Sofa. Das ist sowas, was ich an Texten spannend finde, wenn man erst mal reingelockt wird und dann doch irgendwie überrascht oder sogar vor den Kopf gestoßen wird.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Wie im aktuellen Heft: „Dort sind auch Bären“ von Andrej Schulz. Darin verfolgt ein Mann Tag und Nacht den Livestream aus einem Bären-Gehege in Rumänien. Er sorgt dafür, dass die Zuschauerzahl im Livestream nie auf null runtergeht. Und er kennt alle Bären beim Namen.
Besonders verbunden fühlt er sich dem Bären Bolik. Er kommt aus der Ukraine, wurde aus einem zerbombten Zoo gerettet. Etwas scheint in Bolik zerbrochen zu sein, denn er hebt kaum den Kopf.
Auch das Leben des Ich-Erzählers der Geschichte ist von Splittern und Einsamkeit durchzogen. Andrej Schulz wurde in der Ukraine, in Donezk geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Er ist einer der vielen neuen literarischen Stimmen, die man Dank Das Gramm entdecken kann.
Denn neben großen etablierten Namen wie Clemens J. Setz, Ulrike Draesner oder Judith Herrmann, die alle schon eine Kurzgeschichte bei Das Gramm veröffentlicht haben, bietet das Magazin auch unbekannten Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, sein Skript einfach einzuschicken.
Auf der Suche nach literarischen Goldnuggets
Und wir bekommen auch viel geschickt und aus diesen vielen Einsendungen haben wir auch schon was herausgefischt und gefunden. Die Suche nach tollen Texten ist immer so ein bisschen wie eine Goldsuche. Man hat so einen Berg an Texten vor sich und man sucht den einen Besonderen, also das Goldnugget. Und auf dem Weg dorthin findet man durchaus viele toll aussehende Mineralien oder auch Edelsteine. Aber man will eben das Goldnugget. Und das meine ich nicht als materiellen Wert, sondern als ideellen Wert. Man will diesen einen Text, der einen begeistert und überrascht. Und der so strahlt, dass man weiß, man hält was Besonderes in den Händen.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Besondere Gestaltung
Die Geschichte von Andrej Schulz ist so ein Goldnugget. Was die Ausgaben von Das Gramm ebenfalls besonders macht, ist ihre Gestaltung. Sie sind wahre Sammelobjekte: handliches Format, kräftiges Papier, schöne Cover.
Auf dem Cover der nächsten Ausgabe - Heft Nummer 25 - sieht man eine Skyline und die Silhouette einer Frau, die vor dem nächtlichen, liladunklen Himmel auf einem Hochhaus sitzt. Im Heft: Eine Kurzgeschichte von Ulrike Sterblich.
Die Ausgabe heißt „Verliefen sich im Park“ und spielt in New York. Zum ersten Mal eine Das Gramm Geschichte, die in New York spielt. Es handelt von einer Familie, die dort einen Urlaub verbringen möchte und dort die wichtigsten Touristenattraktionen abklappert. Und irgendwie läuft alles ganz anders, als wie sie es sich vorgestellt haben.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
22 Gramm märchenhafte Begegnungen verspricht uns diese Kurzgeschichte. Ein gutes Pfund wiegen alle 25 Hefte zusammen. Sie zeigen: Das Gramm ist festes Gewicht im deutschsprachigen Magazin-Markt. Und verhilft so der etwas stiefmütterlich behandelten Kurzgeschichte zu einem Revival. Vor allem aber gibt es nun grammweise schwere Gründe, direkt mit dem Lesen loszulegen.

Dec 22, 2024 • 7min
Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Jeder Mensch braucht einen sicheren Ort. Das konnte ein großer Kleiderschrank sein, in den man komplett hineinpasste, eine morsche Bank an einem abgelegenen See oder ein Schrebergartenhäuschen mit bollerndem Holzkohleofen. Emily hatte eine Bibliothek.
Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Und das ist nicht irgendeine Bibliothek, sondern die Anna Amalia Bibliothek in Weimar mit ihrem berühmten Rokokosaal. Autor Carsten Henn hat für seine jugendliche Heldin Emily ein namhaftes, ehrwürdiges Setting ausgesucht, das er ansonsten aber sehr frei behandelt.
Er erfindet noch einen Nachfahren des nicht weniger berühmten Johannes Gutenberg, Eurich von Gutenberg, der die Bibliothek erbaut haben soll. Dort steht ein Ohrensessel, auf dem Emily lesend ihre Nachmittage verbringt.
Eines Tages aber dringt ausgerechnet der Lehrer, den sie am wenigsten leiden kann, in ihren geschützten Ort ein. Dr. Dreskau ist streng, gemein und ungerecht – die schlechteste aller Kombinationen. Und nun beobachtet Emily heimlich, wie eben dieser Dr. Dreskau in ihrer Bibliothek ganz offensichtlich etwas sucht.
Buch um Buch zog er hektisch hervor, jedes wurde wütender zurückgeschoben. Beim 31. geschah etwas Ungewöhnliches: Die Wolkendecke riss ein wenig auf, und die Sonne schickte einen warmen Strahl durch eines der Fenster. Nur ein, zwei Sekunden lang. Im Bücherregal glitzerte es golden. Als Emily genauer hinsah, war es schon wieder verschwunden.
Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Emily entdeckt einen geheimen Raum voller Merkwürdigkeiten
Emilys Neugier ist geweckt. Am nächsten Tag gelingt es ihr gemeinsam mit ihrem Freund Frederick nach einigen Mühen tatsächlich, das zu finden, was das Glitzern ausgelöst hat: Einen goldenen Füllfederhalter.
Mehr noch: Das edle Schreibgerät lässt sich mit einer Drehung in einen Schlüssel verwandeln und dieser wiederum passt in ein Gemälde, das Eurich von Gutenberg zeigt. Ehe sie sich versieht, steht Emily in einem gewaltigen Raum hinter dem Rokokosaal, einer Art Negativabbildung: Dort ist es Nacht, nicht Tag, die Regale sind schwarz, nicht weiß. Und er scheint schier unendlich zu sein.
Noch etwas war merkwürdig in diesem Raum, der vor Merkwürdigkeiten strotzte. Die Einbände der Bücher changierten in den unterschiedlichsten Farben. Als könnten sie sich nicht richtig für eine einzige entscheiden und probierten ständig neue aus. Im Zentrum dieser Welt stand eine goldene Schreibmaschine auf einem silbernen Tisch. Davor ein kupferfarbener Stuhl. All das funkelte, als wäre es gerade erst poliert worden.
Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Die goldene Schreibmaschine kann Bücher neu schreiben
Schauspieler Stephan Benson macht genau das, was ein guter Erzähler tun sollte: Selbst in Beschreibungen macht er die Emotionen der beobachtenden Figur hörbar – wie hier die der staunenden Emily.
Diese ahnt nicht, dass sie genau das gefunden hat, wonach ihr Lehrer Dr. Dreskau so verzweifelt gesucht hat: eine Erfindung Eurich von Gutenbergs, eine Maschine, die Mechanik und Magie miteinander verbindet.
Emily kehrt nun immer wieder in die geheime Bibliothek zurück und findet heraus, wozu die goldene Schreibmaschine zu gebrauchen ist: Emily kann darauf einzelne Seiten bestehender Bücher neu schreiben und mit einem beiliegenden Bastelset in das Exemplar in der geheimen Bibliothek einkleben.
Daraufhin verändern sich sämtliche Exemplare dieses Buches – und: Niemand erinnert sich an das Original. Emily ist begeistert und schreibt erstmal das Ende eines ihrer Lieblingsbücher zum Happy End um. Zu Hause überprüft sie, ob es geklappt hat:
Auf der letzten Seite dann: Drei getrocknete Tränen. Wie konnte das sein? Sie hatte beim Lesen nicht geweint. Ganz bestimmt nicht! Sie war wütend gewesen. Dann begriff Emily. Sie hatte ihre eigene Vergangenheit verändert. Ungläubig berührte sie die Worte, als wären sie aus Träumen gewoben und könnten bei Berührung zerfallen. Die goldene Schreibmaschine war ein mächtiges Werkzeug. Wie hatten sich wohl die beiden Folgebände verändert? Emily griff nach ihnen, doch sie standen nicht an ihrem Platz.
Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Was passiert, wenn man Romane umschreiben kann?
Es gibt sie nicht mehr – Emilys Happy End hat die Fortsetzungen obsolet gemacht. Hier zeigt sich die Macht der goldenen Schreibmaschine und der durchaus aktuelle Bezug dieses Hörbuchs. Sie könnte auch Diskussionen zum Beispiel darüber, ob man Begriffe wie das N-Wort aus alten Kinderbüchern ausmerzen sollte, verhindern.
Einmal umgeschrieben und es gäbe noch nicht einmal eine Debatte. Diese Maschine öffnet Geschichtsklitterung Tür und Tor, doch auf ein rein politisches Gebiet begibt sich Autor Carsten Henn nicht: Sachbücher und Zeitungen kann Emily nicht umschreiben.
Aber auch die veränderten Romane haben erstaunliche Effekte: Mitschüler verhalten sich ihr gegenüber plötzlich ganz anders. Und leider beachtet ihr Freund Frederick sie gar nicht mehr. Emily kann die Folgen der veränderten Geschichten schlecht kontrollieren. Manchmal findet sie sich selbst kaum in ihrer neuen Realität zurecht. Dazu kommt: Dr. Dreskau ist ihr auf den Fersen.
Günther Dreskau wurde von vielen Menschen unterschätzt. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein Geschichts- und Mathelehrer und damit ein historisch gebildeter Mann und logisch denkender Mensch so verschlagen sein konnte. Und erst recht nicht, dass er eine Schülerin verfolgen würde.
Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Ein Abenteuerhörbuch mit idealem Sprecher
Und dann wird Autor Carsten Henn doch politisch: Dr. Dreskau will sich um jeden Preis Zugang zur goldenen Schreibmaschine verschaffen, um seine Werte wie Disziplin, Heimat und Tradition über manipulierte Romane im Gedankengut der Gesellschaft zu verankern.
Allein Emily kann das verhindern, da sie die Einzige ist, die sich an die alte Welt erinnern wird. Carsten Henn erzählt mit der „goldenen Schreibmaschine“ sehr spannend über die Macht von Ideen und Geschichten.
Stephan Benson ist der ideale Interpret dafür. Seine Stimme erinnert an Christian Brückner und wie er hat Stephan Benson den Text voll im Griff, macht die erzählenden Passagen genauso lebendig wie die Figuren, die er selbstverständlich eindeutig charakterisiert.
Das macht „Die goldene Schreibmaschine“ zu einem großartigen Abenteuerhörbuch. Pass auf, was Du liest, heißt die Botschaft – aber diese Geschichte sollte auf jeden Fall dabei sein.

Dec 22, 2024 • 5min
Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Sie kannte die Nächte von Berlin, New York und Jerusalem. Als junge Dichterin saß Mascha Kaléko an den Künstlertischen des Romanischen Cafés. Im New Yorker Exil dachte sie nachts an Deutschland und vermisste den Frühling an der Spree.
Und in Jerusalem, wo sie seit 1959 mit ihrem Mann lebte, litt sie am Heimweh nach Orten, die nur noch im Traum existierten. In ihrem Gedicht "Emigranten-Monolog", das in New York entstand, schrieb sie:
Mir ist zuweilen so als ob Das Herz in mir zerbrach. Ich habe manchmal Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach ...
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Exil ohne Ende
In diesen Versen zeigt sich die Dramatik des Lebens von Mascha Kaléko, denn für sie nahm das Exil als Zustand und Gefühl nie mehr ein Ende. Trotzdem geriet ihr Werk nicht so in Vergessenheit, wie gelegentlich beklagt wird. Nach dem Krieg hatte sie immer wieder Auftritte in der Bundesrepublik.
Nach ihrem Tod gab es Neuauflagen, und 2012 erschien bei dtv eine vierbändige Ge-samtausgabe. Darauf basiert der schöne Auswahlband, den Daniel Kehlmann nun zum 50. Todestag der Dichterin zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen hat. Er trägt als Titel die Gedichtzeile "Ich tat die Augen auf und sah das Helle".
Eine Großstadtlerche im Dichterwald
Begonnen hatte alles mit einem fulminanten Start. Bereits mit Anfang zwanzig stieg Mascha Kaléko vom Bürofräulein zur jungen Dichterin auf. Sie beherrschte den Stil der Neuen Sachlichkeit, genauso verstand sie sich jedoch auf ganz eigene Tonlagen zwischen Sarkasmus, Ironie und Wehmut, wenn sie das Großstadtleben der zwanziger Jahre in Verse fasste.
Ein Kinoliebling lächelt auf Reklamen für Chlorodont und sieht hygienisch aus. Ein paar sehr heftig retuschierte Damen blühn bunt am Hauptportal vorm Lichtspielhaus.
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Mascha Kalékos Gedichte erschienen in den führenden Berliner Feuilletons, sie wurden auf Kabarettbühnen gesungen und von der Verfasserin selbst mit viel Lampenfieber vorgetragen. "Ich sang einst im deutschen Dichterwald, / Abteilung für Großstadtler-chen", schrieb sie später.
Sie konnte so abgebrüht sein wie Erich Kästner, mit dem sie oft verglichen wurde, und von den neuen Frauen jener Zeit verstand sie ebenso viel wie Irmgard Keun. Den "nächsten Morgen" nach einer illusionslosen Liebesnacht beschreibt sie so:
Ich zog mich an. Du prüftest meine Beine. – Es roch nach längst getrunkenem Kaffee. Ich ging zur Tür. Mein Dienst begann um neune. Mir ahnte viel ... Doch sagt' ich nur das Eine: »Ich glaub', jetzt ist es höchste Zeit! Ich geh ...«
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
1933 war es vorbei mit der Leichtigkeit
Die "paar leuchtenden Jahre", wie sie ihre Berliner Zeit nannte, waren 1933 vorbei, obwohl es noch eine Weile dauerte, bis die Nazis in Mascha Kaléko die Jüdin und ihr literarisches Feindbild, die "Asphaltliteratin" identifizierten. 1938 floh sie mit Mann und Sohn in die USA und verdiente Geld mit Reklametexten.
Von da an überwogen in ihren Gedichten die melancholischen Töne, die wehmütigen Rückblicke, die bitteren Nuancen. Naturbilder wurden für sie gleichermaßen zu Symbolen für das Leiden an Deutschland wie das Heimweh danach. Im Gedenken an die Opfer der Nazis beschrieb sie deutsche Eichen und Äcker als hassenswert.
Viel öfter aber waren es die Dramatik von Exil und Fremdheit, die sie in Naturszenen spiegelte. Im Gedicht "Herbstlicher Vers" heißt es:
Nun schickt der Herr das Leuchten in die Wälder. Grellbunte Brände lodert jedes Blatt. Wie welkt das Herz dem wandermüden Fremden, Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat.
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Auch wenn Mascha Kaléko nicht zu den ganz großen sondern, wie sie selbst sagte, zu den "zweitbesten Namen" zählt, wird niemand, der einmal davon gehört hat, ihre Verse und ihr Schicksal vergessen.

Dec 22, 2024 • 6min
Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung
Die Erzählerin in Ottessa Moshfeghs Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ lässt sich von einer schrägen Psychiaterin ein buntes Sortiment an Medikamenten verschreiben, um abzuschalten und ein ganzes Jahr im Dämmerzustand zu verbringen.
Verrückt spielendes Unterbewusstsein
Doch dann gibt es Schwierigkeiten. Die Schläferin kann nicht mehr schlafen und erhöht die Medikamentendosis. Darauf beginnt ihr Unterbewusstsein verrückt zu spielen und lässt sie seltsame Dinge tun.
Für Katrin Ackermann ist diese ungewöhnliche Geschichte der perfekte Lesestoff für die Zeit zwischen den Jahren. Ein Beispiel sollte man sich an diesem Winterschlaf jedoch nicht nehmen.

Dec 22, 2024 • 3min
Rita Bullwinkel – Schlaglicht
Wir steigen in den Ring – beim fiktiven „Daughters of America Cup“ in Reno, Nevada. Zwei Tage, zahlreiche Kämpfe, acht Boxerinnen. Jede von ihnen weiß genau, warum sie im schmuddeligen „Bob’s Boxing Palace“ antritt.
Jedes Kapitel - ein Kampf
„Schlaglicht“, das Debüt der US-amerikanischen Autorin Rita Bullwinkel, erzählt dramaturgisch klar strukturiert und in packenden, kurzen Kapiteln von diesem Wochenende. Jedes Kapitel ist ein Kampf – und jeder Schlag hat Gewicht.
Denn als Leser und Leserinnen haben wir einen Vorteil, den man üblicherweise beim Sportschauen nicht hat: Wir erleben nicht nur das körperliche Spektakel im Ring, sondern auch die inneren Kämpfe der Boxerinnen. Wir blicken in ihre Köpfe – sehen Wut, Entschlossenheit, Ängste und unbändiges Selbstbewusstsein.
Boxerstereotype fehlen komplett – zum Glück
Was „Schlaglicht“ zu einer besonderen Lektüre macht, ist auch das, was fehlt. Bullwinkels Roman kommt ganz ohne Boxstereotype aus. Hier gibt es keine „Eye of the Tiger“-Rockys, keine Nummerngirls und keine „Million Dollar Babys“. Stattdessen zeichnet die Autorin komplexe, vielschichtige Sportlerinnen. Das Turnier wird zum Brennglas für die Lebensrealitäten dieser jungen Frauen.
Jede Boxerin bringt ihre Geschichte mit
Iggy Lang hat nur ein Ziel: „die Weltbeste in etwas“ zu werden. Andi denkt immer wieder an den Jungen, der unter ihrer Aufsicht im Freibad ertrank. Und Artemis Victor will endlich aus dem Schatten ihrer erfolgreichen Schwester treten. Jede bringt ihre eigene Geschichte mit in den Ring. Jedes Match wird zur wortlosen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt.
Bullwinkels Sprache ist kraftvoll und präzise wie ein perfekter Schlag – stark, roh und furchteinflößend. Doch das Leben geht weiter, auch nach den Kämpfen. Eine der Frauen kann später, nach zu vielen gebrochenen Fingern, nicht einmal mehr eine Tasse halten. Andere werden Managerinnen, Buchhalterinnen, vielleicht Hochzeitsplanerinnen. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Zeit im Ring.
„Schlaglicht“ ist ein Roman über Kampfgeist, Verletzlichkeit und das Ringen um den eigenen Platz in der Welt. Das Boxen wird zur Metapher für das Leben: ein Kampf, in dem man sich beweisen muss. Ein Buch über die Suche nach Identität – und eines, das nachhallt wie ein harter linker Haken.

Dec 22, 2024 • 55min
lesenswert Magazin: Mit Büchern von Ottessa Moshfegh, Rita Bullwinkel, zwei literarischen Magazinen und einem Hörbuch von Carsten Henn
Dieses Mal im lesenswert Magazin: Bücher für die Zeit „zwischen den Jahren“ sowie zwei literarische Magazine als Geschenktipps

Dec 22, 2024 • 7min
100 Jahre "Das Magazin"
Es ist vielleicht die kleinste große Unbekannte auf dem deutschen Pressemarkt: Das Magazin. Am Kiosk und in Bahnhofsbuchhandlungen liegt es meist, aber man muss danach fragen, denn oft geht es zwischen all den großen Zeitschriften unter, seufzt Co-Verleger Till Kaposty-Bliss.
Das ist ja das Problem beim Magazin durch das kleine Format. Das hat ja immer schon das iPad-Format, also die DIN-A5-Größe. Das ist ein Vorteil, wenn man es in der Hand hält und wenn man damit rumreist oder auch in der Badewanne.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Hundert Jahre, und immer noch da
In diesem Jahr ist das Magazin 100 Jahre alt geworden. Deutschlands erstes „Magazine“ – gegründet 1924 von Franz Walter Koebner und Robert Siodmak, der später als Regisseur in Hollywood Karriere machte. Das Heft war seinerzeit etwas völlig Neuartiges. Leicht im Ton, aber nicht seicht. Eine Wundertüte, gefüllt mit allem, was Spaß macht und aufregend ist.
„Die einzige Zeitschrift, die sich – auch in heutigen Zeiten – durchsetzen wird. Warum? Haben Sie vielleicht Lust, wenn Sie heute etwas lesen wollen, das Risiko zu laufen, mit einem langen Roman hereinzufallen, der fünf Mark kostet? – Nein! Sie werden das Magazin durchblättern und sofort etwas finden, was Sie interessiert.“
Die erste Auflage des Magazins 1924 war umgehend vergriffen. Rasch entwickelt es sich zur erfolgreichsten Monatsillustrierten in der Weimarer Republik. Ständiger Gast auf den Covern: ein kleiner Engel.
„Also diese wirklich interessante Mischung aus leichter Erotik, Tingeltangel, sehr offenen Themen, wie zum Beispiel Rauschmittel. Das war ja in den Zwanzigern ein großes Thema.“
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Auch Marlene Dietrich stand schon Modell
Ein Heft, prall gefüllt mit Berichten über Revuegirls und literarischen Geschichten. Dazwischen viele Fotos von leicht bekleideten Damen, eingefangen von Vertretern der Avantgarde-Fotografie wie Man Ray.
… manchmal auch Herren, soweit ich weiß, hat das Magazin die ersten Misswahlen in Deutschland ausgerufen …
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
In der Jury: unter anderem Heinrich Mann und Carl Zuckmayer.
… so was gibt’s wahrscheinlich gar nicht mehr, und was ich immer gerne erzähle, ist, dass eine damals unbekannte Dame Model beim Magazin war: Marlene Dietrich.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Unter den Nazis musste das Magazin kriegsbedingt eingestellt werden – in der DDR aber ist es dann „auferstanden aus Ruinen“. Musik andeuten Hymne? Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 ändert die SED ihren „neuen Kurs“ und „erlässt“ die Gründung einer Zeitschrift, die die Massen unterhält und zerstreut.
„Ab Dezember 1953 erscheint ein populäres, für den breitesten Leserkreis bestimmtes, monatlich erscheinendes Magazin. Mitte November sind dem Politbüro Probeexemplare der ersten Nummer vorzulegen.“
Im Januar 1954 erscheint das erste „Magazin“ – für die DDR, eine kleine Sensation. In der bis dahin eintönigen Presselandschaft tritt ein völlig neuer Ton, eine neue Farbe, ja, und die ersten Nacktaufnahmen.
Eine Katze wird zum neuen Maskottchen
Anteil am sensationellen publizistischen Erfolg haben aber vermutlich auch die ikonischen Titelblätter von Werner Klemke, die von Beginn an eine große Heiterkeit ausstrahlen. Er gestaltete bis nach der Wende über 400 Cover.
Auf fast allen taucht ein kleiner Kater auf – mal mehr, mal weniger versteckt. Die Fellnase wird – ähnlich wie in den Zwanzigerjahren der Engel – zum Maskottchen des Blattes.
Das Magazin hat für DDR-Verhältnisse eine hohe Druck-Qualität. Für reichlich Devisen werden Kodak-Farbfilme aus dem Westen eingekauft. Das Blatt steht finanziell gut da. Kurz vor dem Mauerfall beträgt die Auflage über eine halbe Million Exemplare. Und sie hätte noch höher sein können, wenn das Papier nicht so knapp gewesen wäre.
Namhafte Schriftsteller:innen schreiben für das Blatt wie Christa Wolf, Bertolt Brecht oder Arnold Zweig, das dokumentieren heute die alten Honorar-Karteikarten, in denen Till Kaposty-Bliss blättert:
Auch Loriot habe ich gefunden. Die Namen sagen mir jetzt alle auch nichts, ach, guck mal, Anja Kling, die Schauspielerin, die war mal Model beim Magazin, Gerit Kling, die Schwester …
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Viel mehr als eine Ost-Zeitschrift
Das Magazin sei der „Playboy der DDR“ gewesen, der „New Yorker des Ostens“. Diese Vergleiche hört Till Kaposty-Bliss aber heute nicht mehr so gerne. Für ihn ist das Blatt unvergleichlich. – Und eines der wenigen Ost-Produkte, das zumindest dem Namen nach überlebt hat.
Das Magazin bleibt zwar zunächst im Bewusstsein der Menschen mit der DDR verbunden, ist aber heute mitnichten eine Ost-Zeitschrift. Es gehen zwar 75 Prozent der etwa 45.000 Auflagen starken Zeitschrift nach Ostdeutschland, aber die Themen sprechen alle an. – Gemäß dem Motto: „Hinterher ist man immer schlauer“.
Das ist interessant, das sind Lebenswelten, die ich nicht kenne, das sind Biografien, die anders sind als meine, aber durchaus Inspiration bieten fürs eigene Leben. Das sind solche Themen, wo man mit einem Erkenntnisgewinn rausgeht.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Das Magazin ist sich in vielem treu geblieben. Noch immer findet man Berichte aus Kneipen oder fernen Ländern neben Reportagen, Kolumnen und Kultur-Tipps: von Sexualität ab 60 bis zum Boxen sind den Themen keine Grenzen gesetzt. Freundlich im Ton, mit Witz und Sinnlichkeit. Politik spielt praktisch keine Rolle und, ja, auch die geschmackvollen Erotik-Fotos sind geblieben.
Wir sind, glaube ich, die einzige Publikumszeitschrift, also die eben nicht Erotik ist, die sowas noch macht. Das macht ja keiner mehr. Das ist ja komplett verschwunden aus der Presse.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Überraschende Themen, viel Kultur, aber keine Politik
Meistens werden Themen verhandelt, über die man so noch nicht nachgedacht hat. Und es gibt persönliche Geschichten – zum Teil mit überraschenden Offenbarungen.
„Ich hab einen Hochschulabschluss und verdiene so viel oder wenig, wie man im Kulturbetrieb eben verdient. Mir gehts gut, echt. Ich hab was ich brauche. Trotzdem klaue ich neuerdings. Nicht im großen Stil, so bin ich nicht. Es ist einfach so, dass die Selbstbedienungskassen, die man in Supermärkten vorfindet, eine Belastung für meine Integrität darstellen.“
Zum geistreich-verspielten Inhalt passen die brillanten Titel-Gestaltungen von Kat Menschik, Deutschlands gefragtester Illustratorin. Die sind bunt, wo es nur geht und erinnern in ihrem harten Strich an Jugendstil-Plakate – Pop-Art mit romantischem Twist.
Und noch etwas ist geblieben: der Kater.
Kat hat Katzen oder Kater, und just als sie für uns angefangen zu zeichnen, war ihr Kater Boris gestorben und Boris lebt weiter im Magazin.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Ein Geheimtipp im Westen
Nicht nur für Katzenliebhaber ist das Magazin also ein echter Geheimtipp. Und wer nicht am Kiosk suchen will, der verschenke doch einfach last minute ein Abo von „Das Magazin“ – als Überraschung für Kulturinteressierte unterm Weihnachtsbaum - „Hinterher ist man immer schlauer“, versprochen.

Dec 19, 2024 • 4min
Russ Hodge – Lebenskünstler
Am Berliner Max-Delbrück-Centrum arbeitet der US-Amerikaner Russ Hodge, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt, als Kommunikationstrainer und Wissenschaftsjournalist. Nach einer Konferenz 2019 über besondere Tiere in der Forschung beschloss er, ein Buch zu schreiben.
Er hatte so viele interessante Wissenschaftler getroffen, die über so phantastische Tiere wie Nacktmulle, Nachtigallen oder Axolotl arbeiten, dass ihm all die Geschichten nicht mehr aus dem Kopf gingen. Das Ergebnis ist ein großformatiges, farbenprächtiges Kompendium voller Lebenskünstler – Menschen und Tieren. Gleich das erste Kapitel ist kleinen, schrumpeligen Gesellen gewidmet: Nacktmullen.
Leben in einer ausgeklügelten Sozialstruktur: Nacktmulle
Die wenigen auf ihrer rosa Haut verteilten Haare dienen als Stimmgabeln, um Vibrationen aufzufangen, wenn sie durch die dunklen Gänge unter der äthiopischen Erde flitzen. In vielerlei Hinsicht faszinierende Wesen. Russ Hodge sagt: „Sie haben ihre eigene Sprache, sie können ohne Sauerstoff leben, sie kriegen nie Krebs, das ist ein Tier, das 36, 37 Jahre lebt, jedes Tier ist eine Welt für sich, ist eine Art Community von Eigenschaften, die zusammenarbeiten, um zu überleben in Harmonie mit ihrer Umwelt.“
So wie bereits seit 350 Millionen Jahren der Axolotl aus Mexiko. Übersetzt „Wassermonster“ heißt der überaus friedliebende weiße Schwanzlurch mit dem rosa Kranz aus Kiemenästen um seinen Kopf, dessen Körperteile wieder nachwachsen, wenn sie verletzt oder abgerissen werden.
Die meisten Axolotl leben weltweit in Forschungslaboren, wo sie gezüchtet werden, weil sie für die Regenerationsmedizin von großem Interesse sind. In Freiheit in ihrer Heimat nahe Mexiko-City hingegen kommen sie nur noch sehr selten vor.
Ausgestattet mit erstaunlichen musikalischen Fähigkeiten: Nachtigallen
Eine andere Hauptstadt allerdings bietet beste Bedingungen für eine weitere sehr besondere Spezies: Nachtigallen. Mehr als 3000 fühlen sich in Berlin wohl und lassen die 2500 öffentlichen Parks der Stadt mit ihrem sommerlichen nächtlichen Gesang zu Freiluftkonzertsälen werden.
Bis zu 200 Strophen kann das Lied einer Nachtigall umfassen. Oder sie überrascht mit ganz anderen musikalischen Fähigkeiten. Russ Hodge ließ sich darüber von der Künstlerin Ines, einer der vielen Nachtigallbegeisterten, erzählen und beschreibt es in seinem Buch:
„Als sie eines Tages auf dem Weg nach Hause war, hörte sie aus einer Hecke eine Nachtigall singen. Sie sang etwas, und Ines antwortete ihr. ‚Ich brachte ihr eine Zeile aus einer Nachtigallenarie von Händel bei‘, erzählt sie. ‚Am Ende sang sie die Zeile besser als ich. Sie hatte Händel verbessert‘.“
Neben all den interessanten Fakten und Anekdoten über die Tiere gerät Russ Hodge nie die große Gefahr aus dem Blick, die für all diese Lebenskünstler besteht – von Grizzlybär über Eisfisch bis Schleiereule oder Bärtierchen. Der Autor sagt: „Die sind alle perfekt angepasst, aber dafür hatten sie Millionen von Jahren Zeit. Da wir diese Prozesse von Klimaentwicklung so beschleunigt haben, werden sie nicht mehr die Zeit haben, diesen natürlichen Prozess von Anpassung hinzukriegen.“
Phantasievolle Bildtafeln für Augen, Herz und Hirn
So berichtet Russ Hodge nicht nur viel Wissenswertes von besonderen Tieren und den Forschern, die sie in Laboren züchten und erforschen oder in freier Wildbahn aufspüren. Er zeigt auch, wie fragil ihre, unsere Welt ist.
Ungemein bereichert wird der Fundus an Fakten durch die farbenfrohen Illustrationen von Kat Menschik. Sie hat sich an Dioramen von Naturkundemuseen orientiert und große, phantasievolle Bildtafeln geschaffen, auf denen in türkisblauem Wasser ein Axolotl neben einer bunten mexikanischen Totenmaske schwimmt.
Oder über der rosa Nacktmulletruppe in ihrem dunklen unterirdischen Gang zwei afrikanische Frauen in bunten Kleidern unter orangefarbenem Himmel auf eine Neubausiedlung am Rande der Wüste blicken. Ein im wahrsten Wortsinne bildschön gestaltetes Buch für Augen, Herz und Hirn.

Dec 18, 2024 • 4min
Maria Messina – Eine Blume ohne Blüte
Wer sich fleißig durch die letzten Jahrhunderte Literaturgeschichte bewegt, wird einer Spezies von Autoren eher selten begegnen: den weiblichen. Nicht dass schreibende Frauen gänzlich inexistent gewesen wären. Nur fanden sie selten Eingang in den Kanon.
Erst in der jüngsten Vergangenheit werden längst vergessene Autorinnen häufiger in ein helles Licht gerückt, gewürdigt durch Neuveröffentlichungen oder erstmalige Übersetzungen. Die Friedenauer Presse hat uns im Frühjahr mit Maria Messina bekannt gemacht, einer 1887 in Palermo geborenen Erzählerin, die auch in Italien vergessen war, bis ihr sizilianischer Landsmann Leonardo Sciascia in den frühen Achtzigern auf sie aufmerksam machte.
Nun folgt nach „Das Haus in der Gasse“ ihr 1923 erstmals erschienener Roman „Un fiore che non fiorì“, in dem eine junge, zunächst eigensinnig wirkende Frau doch ganz klassisch die Liebe sucht, an den bürgerlichen Konventionen ihrer Zeit verzweifelt und an der Unerfülltheit ihrer Leidenschaft buchstäblich zugrunde geht.
Ein Buch, zwei Übersetzungen
Das Besondere: Es liegen nun gleich zwei Übersetzungen des Romans vor. Christiane Pöhlmanns bei der Friedenauer Presse vorgelegte Übersetzung heißt „Eine Blume ohne Blüte“; jene von Leopold Federmair bei PalmArtPress „Eine Blume, die nicht blühte“. Der eine Titel nimmt sich eine größere poetische Freiheit; der andere hält sich an die ursprüngliche Relativsatz-Konstruktion. Auch der erste Satz des Buches hat in den deutschen Versionen zwei Varianten:
Stefano reichte es!
Quelle: Maria Messina – Eine Blume ohne Blüte
So bei Christiane Pöhlmann. Bei Leopold Federmair lautet er hingegen:
Stefano war sehr verärgert!
Quelle: Maria Messina – Eine Blume, die nicht blühte
Kreuzdämliche Romantiker
Was sich hier schon andeutet, zieht sich durch das Buch: Pöhlmanns Übersetzung ist spielerischer, entfernt sich zwar nicht vom Original, aber interpretiert es freier und ausdrucksvoller. Federmair bleibt näher am Text, wirkt aber zugleich auch ein bisschen braver. Es ließen sich viele Stellen finden, die das belegen, nur zwei seien zitiert. Pöhlmann: Nun allerdings trottete er mit dem Kopf voran, als trüge er seine Gedanken huckepack. Und bei Federmair: Er ging mit nach vorne gerecktem Kopf, als trüge er die Gedanken auf seiner Schulter.
Pöhlmann: Und die Bewunderer im Klub oder beim Tennis – die um keinen Preis als »kreuzdämliche Romantiker« abgestempelt werden wollten – stellten sich mit ihr in einer Weise auf freundschaftlichen Fuß, als wäre sie ein junger Mann.
Federmair: (…) die Bewunderer vom Club und vom Tennis wiederum behandelten sie – um nicht als „dümmliche Romantiker“ zu gelten – auf saloppe Art und Weise, ganz so, als wäre sie ein junger Mann.
Konventionen hinter sich lassen
Beide Übersetzungen sind gelungen – wenngleich jene von Pöhlmann der Geschichte der für ihre Zeit ziemlich emanzipierten Franca gerechter zu werden scheint, ihre Keckheit und ihre Regelverstöße stärker in der Sprache zum Klingen bringt.
Aus der Perspektive von Franca ist der Roman zum allergrößten Teil erzählt: Sie wächst bei ihrer Tante in einer Kleinstadt bei Florenz auf, ihr Vater lässt ihr gehörige Freiheiten – allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze der Schicklichkeit.
Mit ihren Freundinnen bildet sie eine verschworene Gemeinschaft; zumindest so lange nicht der Ernst des Lebens droht. Der bedeutete auch in den 1920er Jahren: heiraten, Kinder kriegen, einem Mann treu ergeben sein – genau die faschistische Ideologie, die in der Entstehungszeit des Romans die Gesellschaft prägte. Franca sträubt sich einerseits dagegen – und wird zugleich von der Liebe zum Sizilianer Stefano in einen Strudel von Begehren und Zweifel gerissen.
Dieser Stefano allerdings scheint einer Welt verhaftet, die sie eigentlich hinter sich lassen will. Dass Messina ihrer Heldin zwar Eigensinn zugesteht, sie aber dann doch auf gewisse Weise zum Opfer überkommener Vorstellungen macht, mag man bedauern. Aber auch das ist ein Statement: Messina beschreibt einen Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, der noch ganz am Anfang stand.
Von diesen Anfängen heute sogar in zwei Übersetzungen einer fast vergessenen Autorin lesen zu können, zeigt: Der feministische Kampf ist zumindest in Teilen erfolgreich weitergegangen.


