

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Episodes
Mentioned books

Jun 1, 2025 • 20min
Nell Zink: Sister Europe
Klug, abgründig und hochkomisch – so sind die Romane der in Brandenburg lebenden Amerikanerin Nell Zink. In ihrem neuen Roman will sie einen realistischen Ausschnitt von Deutschland zeigen. Ihr Blick ist gnadenlos und bitterböse.

Jun 1, 2025 • 20min
Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit
Unbeirrt und auf höchstem Niveau schreibt Ralf Rothmann seine Ästhetik des romantischen Realismus fort. Seine neuen Erzählungen sind gleichermaßen sprachlich authentisch wie einfühlsam.

Jun 1, 2025 • 1h 13min
SWR Bestenliste Juni im Künstlerhaus Edenkoben
Freude des Lobs: Jutta Person, Nicola Steiner und Christoph Schröder diskutierten im gut besuchten Künstlerhaus Edenkoben vier Werke, die auf die vorderen Plätze der SWR Bestenliste im Juni gewählt worden sind. Auf dem Programm standen: Urszula Honeks Prosadebüt „Die weißen Nächte“, Ralf Rothmanns Erzählband „Museum der Einsamkeit“, der Roman „Frühlingsnacht“ von Tarjei Vesaas und Nell Zinks Roman „Sister Europe“.
Selten war die Stimmung der Jury-Runde so heiter, selbst wenn oder gerade weil die besprochenen Texte oft vom Sterben handeln. In Urszula Honeks „Die weißen Nächte“ (Suhrkamp) lauert der Tod an jeder Ecke. Die polnische Autorin, die vor allem als Lyrikerin bekannt ist, lässt in ihrem Prosadebüt dreizehn Einzelgeschichten in einem Dorf am Rand der Beskiden spielen und verwebt sie zu einem Romanmosaik, in dem Zeiten, Epochen und Figurenperspektiven ständig wechseln. Schwebende Prosa, urteilte die Jury, ein Buch als literarisches Versprechen.
Auch im Dissens wird an diesem Abend viel gelacht. Worin zeigen sich die literarischen Stärken der neuen Erzählungen von Ralf Rothmann? „Das Museum der Einsamkeit“ (Suhrkamp) beschreibt existentielle Krisen in Lebensläufen und die Suche der Figuren nach verlorener Würde. Ist die Prosa in den Passagen mit 50er-Jahre-Patina „überorchestriert“, wie Jutta Person meint, oder sind gerade die Geschichten aus dem Arbeitermilieu der alten Bundesrepublik authentisch und lebensnah, wie Nicola Steiner argumentiert? Die scharfe Kritik, die der beim Publikum beliebte Schriftsteller zuweilen im Feuilleton einstecken muss, erklärt sich Christoph Schröder mit der Verachtung der bildungsbürgerlichen Elite gegenüber einer nichtakademischen Literaturposition.
So düster wie skurril ist auch die Handlung im Roman „Frühlingsnacht“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas, den die Jury unisono als Meisterwerk feierte. Ein Geschwisterpaar ist zum ersten Mal allein daheim, die Eltern sind über Nacht verreist. Plötzlich steht eine Gruppe fremder Leute vor der Tür und bittet um Einlass. Ein Kind wird geboren, ein Mensch stirbt und ein Junge wird erwachsen. Ein zeitlos schönes Buch, hieß es in der Diskussion.
Hochaktuell ist hingegen Nell Zinks dialogschnelle Satire auf Identitätsdebatten und den hiesigen Kulturbetrieb. „Sister Europe“ schildert eine Zufallsgemeinschaft in Berlin, die eine Literaturpreisverleihung besucht, parlierend durch die Hauptstadt zieht und schließlich in einem modernistischen, nahezu sprichwörtlichen Glashaus landet. Aber tritt das brillante Diskurstheater in der Mitte des Romans auf der Stelle, wie Christoph Schröder meint? Jutta Person und Nicola Steiner verweisen auf die gewitzte Verschränkung von Hochkultur und Trash, die sich zu einer Feier der Narration entwickeln würde, in der es immer neue Erzählschichten und Verweise zu entdecken gelte.
Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Johannes Wördemann. Durch den Abend führte Carsten Otte.

Jun 1, 2025 • 17min
Urszula Honek: Die weißen Nächte
13 Erzählungen aus den Beskiden, untereinander verknüpft durch ein Beziehungsnetz der Figuren. Ein Dorf, in dem die Menschen ihren Sehnsüchten, Ausbruchsfantasien, Illusionen nachgehen. Düstere, schwebende Texte.

Jun 1, 2025 • 16min
Tarjei Vesaas: Frühlingsnacht
Zwei Geschwister, die eine Nacht lang allein zu Hause sind. Eine Gruppe von Fremden, die vor der Haustür steht und um Einlass bittet. Aus dieser Konstellation entwickelt Vesaas ein dunkles Kammerspiel von buchstäblich unheimlicher Qualität.

May 27, 2025 • 4min
Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Junger Mann mit hochfliegenden Plänen zieht hinaus in die Welt – und findet, nach diversen Abenteuern, seinen Platz im Leben: So verläuft der klassische Bildungsroman. Der SZ-Journalist Hilmar Klute aber stellt dieses Erzählschema in seinem neuen Roman auf den Kopf. Denn sein Jungautor Volker Winterberg hat gleich zu Beginn seinen Aufbruch in West-Berlin abgebrochen – und ist in seine Heimatstadt Bochum zurückgekehrt. Oder wie der 21-Jährige selbst zerknirscht bekennt:
Ich hätte abhauen sollen. Aber ich war zu träge gewesen oder zu feige oder beides, keine Ahnung. Und ich wollte meinen sterbenden Großvater nicht zurücklassen, weil er mir, als ich ein Kind war, die schönsten Geschichten erzählt hatte.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Tagträumerei und Biertrinken
Der eigentlich genretypisch nach fernen Abenteuern dürstende Aufbruchsheld bleibt in Klutes Coming-of-Age-Roman also im Nest hocken – und sträubt sich im Jahr 1987 erst einmal lange gegen die eigene Schreibberufung. Etwas arg lange, sollte man an dieser Stelle vielleicht schon mal sagen. Denn lebens- und entscheidungsscheu verbringt der junge Winterberg erst einmal einen längeren Zeitraum mit Vermeidungsstrategien.
Er schreibt sich für ein Germanistikstudium an der Bochumer Universität ein, obwohl er von wissenschaftlicher Textanalyse nichts hält. Er tändelt unschlüssig mit seiner West-Berliner Gelegenheits-Geliebten Katja herum, obwohl er längst weiß, dass er nicht in sie verliebt ist.
Und: Er entflieht den notwendigen Risiko-Entscheidungen seines Lebens mit viel Tagträumerei und viel Biertrinken in Bochumer Kneipen, begleitet vom besten Freund Leo:
Die Abende verliefen stets nach dem gleichen Muster. (…) Irgendwie saßen wir beide in einer Art Zeitschleife fest, Leo und ich.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Jugendliche Verpeiltheit
Am Anfang von Klutes Roman herrscht also viel Leerlauf dank jugendlicher Verpeiltheit. Das aber ist nicht das dramaturgische Problem der ersten hundert Seiten, sondern eher die auffällige Leidenschaftslosigkeit des Helden.
Denn so sehr Winterberg auch ständig von anderen für seine Texte gelobt und zum Weiterschreiben ermuntert wird, so mut- und visionslos verharrt er doch zunächst in Lethargie. Seine Freundin Katja bringt diese rätselhaft teilnahmslose Haltung einmal so auf den Punkt:
An Tatsachen bist du nicht interessiert, aber an Träumen irgendwie auch nicht. Und an mir am bist du am allerwenigsten interessiert.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Glücklicherweise aber hat Klute diese nicht unbedingt sympathische Oblomov-Trägheit seines autofiktionalen Helden offenbar selbst gespürt – und ihm darum gleich zwei aufrüttelnde Spiegelfiguren an die Seite gestellt.
Zum einen Winterbergs Malocher-Großvater: Einen unheilbar an Staublunge erkrankten ehemaligen Kohlekumpel, der für den Enkel zum Memento Mori wird. Und zum anderen den abenteuerlustigen Leo, der seinen Zauder-Freund schließlich zur Interrail-Tour überreden kann.
Interrail-Trip als Erweckungsfahrt
Diese Zugreise quer durch das noch politisch geteilte Europa vor dem Mauerfall bringt nicht nur den Plot wohltuend in Schwung, weil die beiden Freunde es bis ins sozialistische Ungarn schaffen – und dort Begegnungen mit weniger privilegierten Europäern machen.
Der Interrail-Trip wird für den gehemmten Winterberg auch vor allem seelisch zur Erweckungsfahrt, bei dem er endlich erkennt, dass man beim Kampf für einen Lebenstraum aufs Ganze gehen muss und keine Angst vor Blamagen haben darf. Von daher entwickelt der Zauderer nun endlich jenen ungestümen Elan, den visionäre Künstler doch so dringend brauchen – und der sie so ungemein betörend macht.
Und spätestens, wenn Winterberg dann kurz vor Schluss von einem hinreißend knarzigen Jugendbuch-Autor Michael Ende endgültig der verblasene Kopf gewaschen wird, verzeiht man ihm und seinem Schöpfer den schniefig verstolperten Anfang.

May 26, 2025 • 4min
Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Matthias Politycki ist ein Autor, der gerne gegen den Mainstream anschreibt. So auch in seinem neuen umfangreichen Essay „Mann gegen Mann. Von alten und von neuen Tugenden“. Er stellt schlicht die Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“, um den Refrain von Herbert Grönemeyers Kultlied „Männer“ aus den 1980er Jahren zu bemühen.
Politicky bewegt sich aber ganz in der Jetztzeit: Auf der einen Seite haben wir die Genderdebatten und LGBTQ-Manifestationen. Auf der anderen Seite betreten wieder echte Männer die Weltbühne: Wladimir Putin und Donald Trump. Die Europäische Union wiederum will enorm aufrüsten. Und in Deutschland wird neuerdings über die Wehrpflicht diskutiert. Das Soldatische, das Mannhafte ist plötzlich wieder ein Thema.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Neue Männer braucht das Land, Verteidiger unserer Kultur und ihrer Werte. Oder besser: Menschen mit alten, traditionell den Männern zugeschriebenen Tugenden braucht das Land, welchen Geschlechts auch immer. Ja, wir brauchen Männer, die sich klassischer Rollenmuster erinnern und dennoch die neuen Interpretationen der Geschlechterrolle nicht preisgeben.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
So ganz klar ist die Botschaft Politickys nicht: Will er alle Menschen, auch jene, die sich LGBTQ zugehörig fühlen, viril aufrichten? In einem Punkt muss man wohl – oder auch übel! – dem Autor Recht geben: Gender-Diskurse eignen sich wenig zur Verteidigung der Demokratie.
Was ist, wenn es dazu käme, dass man unser Land, Europa, also die westliche Wertegemeinschaft mit der Waffe beschützen müsste? Sind dann wieder die Männer am Zug? Und wenn ja – welche? Politicky umschifft in seinem Essay eine klare Antwort und sucht in der Literatur Verbündete. Es sind Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway. Es geht um die Mannhaftigkeit der beiden Autoren.
Borges, Hemingway und die Männer-Literatur
Borges und Hemingway, so sah ich’s da plötzlich, das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Was die beiden verbindet, ist ihre lebenslange Sehnsucht nach einer archaischen Männlichkeit.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Mit dieser archaischen Männlichkeit verbindet Politicky eine gewisse Ablehnung von Intellektualität. Gemeint ist das Zerreden von Sachverhalten, gemeint ist die von ihm gescholtene „Gelehrtenliteratur“.
Freilich – in der Politik wie in der Literatur kann alles und jedes ohne Ergebnis hin und her diskutiert werden. Doch gerade in schwierigen Zeiten der Weltpolitik sind intellektuell wache Geister bei diplomatischen Bemühungen gefragt. Scharfe Intellektualität ist weder männlich noch weiblich noch divers, sondern sexy.
Von einer Sache ist der Autor fasziniert, so dass sie im Essay öfters besprochen wird: Der Messer- oder Schwertkampf, Mann gegen Mann. Ob bei Borges oder Hemingway oder gar in den mittelalterlichen Epen – die kleinen wie die großen Helden sind männlich.
Anders als bei den Messerhelden, die nur für ihre eigenes Ego kämpfen, kämpfen die Krieger in einer Schlacht für ihr Vaterland, ihren König, ihren Anführer. Das ist sehr wohl eine Idee, eine ziemlich große sogar.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Verteidigung der Werte der westlichen Welt
Die Idee, für ein „Vaterland“ zu kämpfen, müsste man wohl heute um die Idee der Verteidigung der Werte der westlichen Welt erweitern. Aber egal. Kampf, Krieg sind nicht nur Ideen, sondern meinen ganz konkret: Leben und vielleicht Sterben auf dem Schlachtfeld.
Am Ende seines Essays wünscht sich Politicky einen offenen Diskurs hinsichtlich einer „neuen, zeitgemäßen Männlichkeit“. Borges wie Hemingway sind dabei nicht unbedingt überzeugende Argumentgeber.
Der Autor hat aber ohne Zweifel den Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft gelegt. Wer von uns – egal ob Mann, Frau oder Divers – wäre bereit, demokratische Werte mit seinem eigenen Leben zu verteidigen? Matthias Politickys Essay „Mann gegen Mann“ bietet genügend Zündstoff, um eine solche Debatte zu befeuern.

May 25, 2025 • 4min
Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Es geht schon wüst los: erstmal kopfloser Sex in Manila, dann haut der Mann ab, die Frau ihm tobend hinterher, denn sie ist schwanger. Das alles auf den ersten fünf Buchseiten. Und auf Seite 6 ist das Kind dann auch schon da: Guada rutscht in die Welt, die Hauptfigur in Jessica Zafras turbulentem, ja, zuweilen überturbulentem Roman „Ein ziemlich böses Mädchen“.
Der Kopf des Babys war so groß, dass die kleinste Bewegung es umfallen ließ. Als es nach einer Rassel griff, die Nani auf der Matratze neben ihrem Gitterbett hatte liegen lassen, fiel es kopfüber auf die Matratze und weckte dabei ihre erschöpfte Mutter. Die kleine Guada, völlig unversehrt, machte keinen Mucks, aber Siony reagierte so hysterisch, dass man meinen konnte, der Schädel des Babys wäre zerschmettert und die Hirnmasse würde sich über das Laken ergießen. Siony hatte schon immer einen Hang zum Dramatischen, aber das Muttersein steigerte dies nochmal.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Ein Anwesen namens „Alhambra“
Ganz schön überspannt, diese Siony! Als sie einen Job als Köchin bekommt, zieht sie gemeinsam mit ihrer Tochter als Bedienstete in das hochherrschaftliche Haus der Almagros. Guada – inzwischen ein Schulkind – freut sich vor allem über die Bibliothek im Südflügel. Weil die Almagros kolonialspanischer Herkunft sind, trägt ihr Anwesen den pompösen Namen „Alhambra“.
Ja, Jessica Zafra kann ziemlich polemisch sein. Aus ihrem Roman spricht deutlich die geübte Kolumnistin. Sie kann auch herrlich hochnäsig klingen, wenn Westler Weltgeschichte zu schreiben versuchen.
Die Bibliothek im Südflügel war nicht zu verwechseln mit der beim Orchideengarten, in der die vererbte antiquarische Buchsammlung von Don Placido inklusive einer etwas schadhaften Originalabschrift des Protokolls des Konzils von Trient zu finden war, ebenso wie der Boxer Codex, die Erstausgabe der über fünfzig Bände umfassenden Reihe The Philippine Islands von Blair und Robertson und, hinter feuerfestem Glas verschlossen, die Tagebücher des ersten Almagro, der die Philippinen erreichte zusammen mit dem Adelantado Legazpi.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Religion und Aberglauben auf den Philippinen
Konquistadoren des 16. Jahrhunderts. Entsprechend sorglos haben sich die Almagros über die Jahrhunderte bereichert. Bis in die Gegenwart des Romans – die 1980er und 1990er Jahre – zählen sie zur hellhäutigen Oberschicht. Deshalb ist dies – wie so viele philippinische Bücher – auch ein bissiger Roman über Klassenunterschiede.
Zudem erzählt Zafra von Arbeitsmigration und vom sehr philippinischen und durchaus wahnhaften Mix aus Religion und Aberglauben. Alle paar Seiten werden Marienerscheinungen beschworen und Amulette gezückt, Karten gelegt und Geister belauscht. Ein Kind wird auf den Namen Jejomar getauft, einen Zusammenschnitt aus Jesus, Josef und Maria.
Amen. Amen. Und nochmal Amen.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Sehr geistreich, aber leider verquasselt
Das alles ist eine ganze Weile lang sehr, sehr geistreich. Spätestens auf der Hälfte des Romans aber verliert sich Guadas Geschichte im Gequassel der Figuren mit all ihren witzigen Dialogen, ihrem Hang zu Mobbing und Lästereien und den vielen politischen Kommentaren. So verschwindet das Mädchen streckenweise völlig, taucht erst ein paar Seiten später wieder auf und ist dann plötzlich wieder ein paar Jahre älter.
Dabei hätte sie erzählerisch so viel zu bieten gehabt. Schließlich ist sie gar kein „ziemlich böses Mädchen“, wie der Buchtitel irreführenderweise behauptet, sondern ein eher ernstes Wesen. Leider lässt ihr die scharfzüngige Erzählerin keinen Raum, sich zu entfalten. Deshalb zerfällt Guadas Geschichte in ein Gewimmel aus Episoden. Jede für sich ist soziologisch interessant und unterhaltsam sowieso. Aneinandergehängte Episoden machen aber leider noch keinen guten Roman.

May 25, 2025 • 6min
Michi Strausfeld – Die Kaiserin von Galapagos
Der Titel Die Kaiserin von Galapagos ist etwas irreführend, denn er bezieht sich nur auf die spektakulärste Geschichte des Bandes. Darin landet eine angebliche Baronin mit Hofstaat auf einer paradiesischen Insel im Galapagos-Archipel, ruft sich zur Kaiserin aus und errichtet ein Schreckensregime: ein vielfach verfilmter Stoff.
Auch der Untertitel Deutsche Abenteuer in Lateinamerika verweist nur oberflächlich auf den wirklichen Inhalt.
Vielfältige, meist kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika
Tatsächlich liegt hier ein zentrales Werk über die vielfältigen, meist kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und dem großen Kontinent vor. Sie haben allerdings inzwischen erheblich gelitten, was Michi Strausfeld zu ihrem Buch bewegt hat:
„Das ärgert mich, das macht mich traurig. Dann wollte ich einfach wissen, war das immer so, gab es mal in der Geschichte Momente, wo wirklich Deutsche und Lateinamerikaner ein enges Verhältnis hatten, wer war drüben, was haben sie gemacht. Das war der Ausgangspunkt.“
Und dieses Ungenügen hat sie zu einem Kaleidoskop aus 500 Jahren deutsch-lateinamerikanischer Verbindungen gestaltet.
Es reicht von dem ersten Kartografen Martin Waldseemüller, der 1507 mit seiner Landkarte den Namen ‚América‘ einführte, über Weltumsegler wie Adellbert von Chamisso, der sich im 19. Jahrhundert für den Reichtum der brasilianischen Natur begeisterte, bis hin zu Hermann Burmeister, der als Maler, Geologe, Botaniker, Meeresbiologe und Paläntologe die Bedeutung Argentiniens in seinem Bericht Reise durch die La Plata-Staaten angemessen würdigte.
Hier ist seine Leistung längst vergessen. Michi Strausfeld hat auf ihn und viele andere wieder hingewiesen:
„Vielleicht kann man auf dem Einen oder Anderen etwas aufbauen, z.B. die berühmte ‚Berliner Schule‘ mit den Archäologen, Ethnologen. Diese Forscher haben Großartiges geleistet für Lateinamerika und werden in den Ländern, in denen sie waren, verehrt, haben dort Statuen, Museen sind nach ihnen benannt, und wir wissen noch nicht einmal, wer das war.“
Deutsche haben in Lateinamerika viele Spuren hinterlassen
Wie im Fall Burmeister. Er hat immerhin das ‚Argentinische Museum der Naturwissenschaften‘ in Buenos Aires gegründet, und ein Denkmal erinnert an seine Leistungen.
Die Hälfte ihres rund 260 Seiten umfassenden Buches hat Michi Strausfeld dem 20. und 21. Jahrhundert gewidmet, der Zeit, in der sich die Beziehungen vervielfachten, zunächst besonders durch die Emigranten. Sie flohen aus der Not in Deutschland in den Süden Lateinamerikas und auch nach Mexiko.
Die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska hielt z.B. die deutsche Gemeinde „für eine der besten in unserem Land: alle gaben ihr Herzblut und ihren Verstand.“
Dazu gehörte z.B. der Fotograf Hugo Brehme, der an der Mexikanischen Revolution teilnahm und dem das „kanonische Bild“des legendären Anführers Emiliano Zapata gelang: mit dem landestypische Sombrero, überkreuzten Patronengürteln, Gewehr und Säbel.
Zahllose jüdische Emigranten flohen in den 1930er Jahren vor dem wachsenden Antisemitismus. Einige von ihnen gründeten z.B. berühmte Buchhandlungen, die teilweise heute nach existieren. Dann kam die Welle der Nazis, die im Süden unterzutauchen versuchten.
Michi Strausfeld meint: „Wie die Nazis dort unbehelligt haben leben können, das ist etwas, was einen heute noch schamrot werden lässt. Und dass die Diplomaten kein wirkliches Interesse hatten. Ich meine, dass Mengele dort 20 Jahre lang im Großraum São Paulo leben konnte und bei einem Herzinfarkt im Meer gestorben ist.
Und die Leute wussten, dass er da war, die Botschaften wussten es mit ziemlicher Sicherheit auch.“
Mexiko: neue Heimat für viele Verfolgte
Unter den Emigrationsländern spielte Mexiko damals eine Sonderrolle, dank der liberalen Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas und mexikanischer Diplomaten wie Gilberto Bosques, der für lebensrettende Visa in großer Zahl sorgte. Die erhielten vor allem politisch Verfolgte und Intellektuelle wie Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel oder Heinrich und Golo Mann.
„Und auch bildende Künstler. Und erstaunlich ist, das hat mich sehr überrascht, dass die bildenden Künstler fast alle geblieben sind... Da sieht man, dass eines der Hauptprobleme, dass Deutschland und Lateinamerika sich vielleicht nicht ausreichend kennen, sind die Sprachprobleme,“ sagt Michi Strausfeld.
Michi Strausfeld kann sie zwar nicht beheben, aber sie hat ein Werk vorgelegt, dass die Leserin und den Leser in eine weitgehend unbekannte Welt eintauchen lässt.
Die Fülle der Beispiele bewältigt sie durch eine besonders anschauliche Form der Darstellung. Dazu verwendet sie oft ausführliche Zitate von Zeitzeugen oder von Autoren, die über einzelne Aspekte geschrieben haben. Ihre ungemein detailreiche Studie ist ein profunder Beitrag zum Verständnis Lateinamerikas.

May 25, 2025 • 55min
Welt im Wachkoma
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels feiert seinen 200. Geburtstag und ist damit der älteste Branchenverband Europas. Der Band „Zwischen Zeilen und Zeiten. Buchhandel und Verlage 1825-2025. Eine andere Geschichte des Börsenvereins“ wirft spannende Schlaglichter auf die bewegte Historie des Vereins.
Außerdem blicken wir mit der Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, in die Zukunft: Welche Chancen und Risiken birgt KI für die Branche, wie kann eine flächendeckende Leseförderung gelingen und warum bleibt Deep Reading der Schlüssel für die Zukunft des Buches (und unsere eigene)?
Oliver Maria Schmitt schreibt mit „KomaSee“ einen herrlich durchgeknallten Italien-Roman und verrührt fröhlich alle Genres vom Politthriller bis zur Vorabendserie: nicht büchnerpreisverdächtig, aber saukomisch.
Von den vielen Deutschen, die sich - neben und nach Alexander von Humboldt - nach Lateinamerika aufmachten und dort wichtigen Spuren hinterließen, erzählt die große Lateinamerika-Expertin Michi Strausfeld in ihrem neuen Buch „Die Kaiserin von Galapagos“.
Nell Zink lässt in ihrem neuen Roman „Sister Europe“ eine illustre Gruppe in der Berliner Kulturblase aufeinander treffen. Dabei heraus kommt nicht nur eine gewitzte Parodie auf den Literaturbetrieb, auf Wokeness-Bewegungen und Identitätsdebatten - sondern auch eine widerborstige Liebeserklärung an Berlin.
Der Chilene Alejandro Zambra ist Vater geworden - und nichts ist mehr wie vorher. In seinen „Nachrichten an meinen Sohn“ nimmt er uns mit und erzählt vom Glanz und Elend moderner Vaterschaft: feine, ehrliche Beobachtungen eines Mannes, der sich im Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Überforderung und dem Wunsch nach einer echten Beziehung zu seinem Kind bewegt.


