SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
undefined
Jun 15, 2025 • 55min

lesenswert Magazin: Zwischen Matriarchat und Moderne - literarische Reisen und starke Frauengeschichten

Mit Büchern von Louise Kennedy, Barbara Kingsolver und Linn Ullmann
undefined
Jun 15, 2025 • 6min

Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers

„Polyphon Pervers“: das ist ein bisschen irrwitzig. Als Projekt, von dem erzählt wird, sowie als Buch, in dem erzählt wird. Ich habe das direkt gemerkt, in den ersten Zeilen: Man könne easy sagen, das sei alles die Sabin gewesen. Wie die Sabin ja am Anfang noch der Kopf von Polyphon Pervers gewesen ist. Oder allgemein: Die Sabin ist genau son Mensch gewesen, von dem man gerne sagt, er wär der Kopf von irgendwas. Oder das Hirn hinter was. Also wenn man Fan von so markigen Metaphern ist. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Der Sound, sie merken es, bleibt im Ohr: Eine irre verschwafelte und halbgenaue Erzählerstimme, die nicht richtig festgelegt werden will, mit ihrer unendlichen indirekten Rede und ihrem leichten Dauerspott erinnert sie an das Maul in den Krimis von Wolf Haas oder an einen bekifften Thomas Bernhard. Die Handlung: Ein Schelmen- und Hochstaplerroman, wie ich ihn lange nicht gelesen habe. Am Anfang stehen eine Unitheatergruppe in Luzern, ein Kiffer, ein etwas uninspirierter Regisseur und eine ehrgeizige Managerin: Irgendwas müsse man ja machen, hat die Sabin gesagt. Irgendwas müsse man machen, sonst gehe man kaputt. Und wenn man schon was mache, dann könne mans auch gleich gut machen, oder, wenn möglich sogar mega gut. Wenn man schon was mache, dann könne man auch gleich nach den Sternen greifen, hat Sabin gemeint. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Kultur als Vorwand – und Geschäftsmodell Und ab da mischt die Truppe die bürgerliche Kulturszene der Schweiz auf. Polyphon Pervers. Verein für Unterhaltung – so nennen sie sich. Denn um Kultur geht es eigentlich gar nicht, Kunst und Kultur sind in diesem Buch längst erledigte Fälle, werden von jedem beliebig verwässert, als gäbe es nur noch Volkskultur, Trinkkultur und Fankultur. Das sei mega vage, da könne man nächtelang drüber streiten, was das überhaupt bedeute: Kunst. Und so Wörter, Wo die Philosoph:innen schon seit paar Tausend Jahren drüber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Vom Drogendealer zum Dramaturgen Es nimmt Fahrt auf, als Sabin den Stammdealer der Truppe scheinbar als Dramaturg anstellt, damit der endlich legal in die Rentenversicherung einzahlen kann – sein Drogengeld wird übers Theater gewaschen, wo eh keiner mitbekommt, wie viele Zuschauer kommen. Finden seine Kollegen auch super, also hat das Theater bald ziemlich viele Dramaturgen, die werden outgesourced und als Performancetruppe unter dem sprechenden Namen „Cash Washer“ durchs Land geschickt, wo sie dann bekifft vor Publikum Marvel Superhelden-Filme angucken. Wirklich, mehr passiert nicht, aber ein paar Zuschauer finden sie damit natürlich – das gilt dann als Kunstperformance und ist steuerrechtlich nicht nachzuvollziehen. Und als zweites ökonomisches Standbein stellt man Förderanträge. Kultursubventionen gibt es in der Schweiz wie in Deutschland natürlich für quasi jeden. Das ganze Buch dreht sich darum, wie man gut leben kann, indem man Kultur vortäuscht. Die Truppe kommt damit drei Jahre lang durch, wird sogar wohlhabend, bis die Coronakrise …. So, reicht, mehr an Handlung verrate ich jetzt nicht, obwohl es sehr viel mehr zu verraten gäbe, auch einen wirklich brillanten Showdown. Von der Hochstapelei zur echten Kunst Bela Rothenbühlers Roman „Polyphon pervers“ hat übrigens in seiner ursprünglichen Schweizerdeutschen Fassung 2025 den Schweizer Literaturpreis gewonnen. Könnte sein, dass der Roman so auch lustig ist, aber davon merkt in Deutschland halt keiner was. Deswegen hat es Uwe Dethier ins Hochdeutsche übersetzt oder übertragen. Die Mundart-Herkunft hat aber die Handlung geprägt – es ist ein Heimatroman geblieben, nur halt in einer ziemlich schrägen Szene.  Statt Almödis beschreibt Rothenbühler bauernschlaue Hanfbauern. Ihm ist damit was gelungen. In der Mundartliteratur haben es fiktionale Stoffe nicht ganz leicht, denn der Markt ist klein, und gilt als ein bisschen konservativ. Wer da sowas Nischiges schreibt, hat keine Chance auf große Auflagen. Manchmal aber gibt es da so einen Mut der Verzweiflung. Wenn’s eh keiner mitbekommt, kann man seine Spottlust und Experimentierfreude auch ungebremst ausleben und der Welt einen Spiegel vorhalten. Die Botschaft des Buches ist so böse, dass man sie schon wieder gut finden muss: Das, was wir unter Kultur verstehen, ist kaputt, ein System, ein Selbstbedienungsladen für die, die geschickt Anträge formulieren können. Steuerbetrug ist gang und gäbe. Gleichzeitig gibt es eine Dialektik: Die ziemlich skrupellose Ausnutzung des Systems produziert nun aber in diesem Buch und vielleicht auch im echten Leben echtes Theater, es kommen auch immer mehr Leute, die sich für die frechen und unbekümmerten Performances der Cash Washer interessieren. Es muss kein Geld verdient werden, sondern hier ist die Kunst endlich frei. Irgendwann gibt es im Buch eine Performance, die heißt „Raubkunst“, und die Cashwasher klauen ein Kunstwerk aus einem Museum und schicken es vor laufenden Kameras in den Benin. „Der Kunstraub ist großartig geworden“ heißt es banal. Spätestens da ist die Kultursimulation als Simulation gescheitert und zur richtigen Kunst geworden. Was soll ein Theaterstück anderes sein als die Simulation von Welt, als eine Scheinwelt, in der man herumspielen kann? Beim Dadaisten Walter Serner in seinem grandiosen Handbrevier für Hochstapler, der sogenannten „Letzten Lockerung“, heißt es: Die Welt will betrogen sein, gewiß. Sie wird sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust.' Kunst ist Hochstapelei. Und umgekehrt. Genau das erzählt Béla Rothenbühler traumhaft sicher. Und jetzt mal abgesehen davon: Das Buch ist so schön in Grün, Pink und weiß gestaltet, dass ich zum ersten Mal im Leben im Umschlag nachgeschaut habe, wer ihn gestaltet hat – und da steht „Guerillagrafik“. Das passt zum Inhalt.
undefined
Jun 12, 2025 • 4min

Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren

Mehr als drei Jahrhunderte regierte der Zarismus Russland. Im Frühjahr 1917 fällt das Zarenreich jedoch innerhalb weniger Tage wie ein Kartenhaus zusammen. „Schon zwei Wochen nach dem Beginn der Brotproteste ist von der alten Welt kaum noch etwas zu spüren“, schreibt Jörg Baberowski. In packenden Geschichten zeichnet er mit dramaturgischem Geschick und erzählerischem Esprit den Zusammenbruch minutiös nach. Einer der Zeitgenossen, dem er über die Schulter blickt, ist der exzentrische Komponist Sergei Prokofjew.   Prokofjew kehrt zum Winterpalast zurück, und von dort läuft er zum Marsfeld. Lastwagen fahren an ihm vorbei, johlende Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten schwenken rote Fahnen und schießen Gewehrsalven in die Luft. Langsam begreift auch Prokofjew, dass die Tage des Friedens gezählt sind, die Revolution kein Geschehen ist, das man einfach ignorieren könnte.  Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Überfordert von den Geschehnissen    Baberowski folgt dem Geschehen aus der Perspektive einer Vielzahl von Personen. Oft sind die Politiker, Generäle, Höflinge und Revolutionäre weniger Handelnde, sondern mehr Getriebene – mitgerissen vom Strudel der historischen Ereignisse. So faszinierend die detailreiche Darstellung ist, so sehr fordert sie auch die Konzentration der Leser, um in der chaotischen Szenerie nicht – gleichsam wie die historischen Akteure – den Überblick zu verlieren.   Am Anfang vom Ende steht eine massive Versorgungskrise, die sich rasch zur Legitimationskrise auswächst. Während immer mehr Menschen auf die Straße gehen, Brot und ein Ende des Krieges fordern, während die herbeigerufenen Soldaten sich mit den Protestierenden verbünden, versäumt es die Regierung, „im richtigen Augenblick richtige Entscheidungen zu treffen“, notiert Baberowski. Aber auch Sozialisten und Liberale, die den Umbruch propagiert haben, sind überfordert von den Geschehnissen.  Die Ereignisse haben keinen Urheber, es scheint, als vollzöge sich die Revolte unabhängig von den politischen Parteien und ihren intellektuellen Interpreten. Stets haben sie in der Vergangenheit von Reformen und Revolutionen gesprochen, sich damit gebrüstet, es besser zu wissen als die dunkle Masse. Und nun tanzt das Volk auf den Straßen, und niemand weiß, welche Antwort man darauf geben soll.  Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Erst die Familie, dann das Land  Weil ihm sein Innenminister versichert, alles unter Kontrolle zu haben, verlässt der Zar die kriselnde Hauptstadt. Baberowski zeichnet Nikolai als willens- und antriebsschwachen Menschen, der sich mehr um seine Familie als um das Land sorgt. Widerstandslos willigt er in die Abdankung ein. Seine letzte Zugreise wird zu einer Irrfahrt, die auf dem Abstellgleis endet.  Wo Institutionen verfallen, gewinne persönliche Autorität an Bedeutung zurück, schreibt Baberowski prononciert. Doch auch der Mann, der sich wie kein anderer als Sprachrohr und Führer der Massen in Szene setzt, zögert in den entscheidenden Momenten. Baberowski hält nicht viel von Alexander Kerenski, dem zweiten Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung. Er porträtiert ihn als eitlen, selbstverliebten Mann der billigen Effekte. Ganz anders agiert der aus dem Exil nach Russland zurückgekehrte Lenin. Zielgerichtet und rücksichtslos strebt er an die Macht.  Niemand weiß besser als Lenin, dass die Grausamkeit und die anarchistischen Gefühle des desorientierten Volkes Triebkräfte sind, die sich der revolutionäre Wille zunutze machen kann. Nicht verbrüdern will er sich mit den Massen. Er will sie vielmehr zwingen, dem Ruf der Wissenden zu folgen und sich von sich selbst zu befreien. Auf Technik und Strategie, nicht auf Programm und Überredung kommt es in diesen Tagen an. Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Jörg Baberowski schildert die revolutiuonären Ereignisse als eine Abfolge von Augenblicken und Situationen, die immer neue Möglichkeiten eröffnen. Das Geschehen folgt keinem Plan und keiner Notwendigkeit. Als seine Henker Nikolai eröffnen, dass er und seine Familie hingerichtet werden, entgegnet er nur erstaunt und fassungslos: „Wie bitte?“
undefined
Jun 11, 2025 • 4min

Amitav Ghosh – Rauch und Asche | Buchkritik

Und wieder steht ein Akteur aus der Pflanzenwelt im Zentrum des Geschehens. Nach „Der Fluch der Muskatnuss“ widmet sich der indische Romancier und Essayist Amitav Ghosh in seinem neuen Buch dem Schlafmohn und damit einer der wirkmächtigsten Pflanzen der Menschheitsgeschichte.   Opium als Stütze des britischen Kolonialregimes  In „Rauch und Asche“ beleuchtet Ghosh die kolonialen Hintergründe der Opiumerzeugung in Indien und beschreibt, wie Großbritannien den chinesischen Markt im 18. und frühen 19. Jahrhundert illegal mit dem verderbenbringenden Handelsgut überschwemmte, um sein Handelsdefizit auszugleichen.   Es gibt möglicherweise keine Wirtschaftspolitik, die jemals erfolgreicher umgesetzt worden ist als das Opiumprogramm des britischen Empire. Genau wie geplant lösten diese Maßnahmen innerhalb weniger Jahrzehnte das Zahlungsbilanzproblem der East India Company: Anstatt dass riesige Silbermengen von England nach China flossen, bewegten sich nun massenhaft Goldbarren in die andere Richtung. Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche Opiumgeld für Aufbau von US-Infrastruktur  Nicht nur die Briten profitierten vom Opiumschmuggel. Rasch nach der Unabhängigkeitserklärung stiegen auch blutjunge US-amerikanische Kaufleute in den chinenischen Drogenhandel ein. Nach ihrer Rückkehr aus Kanton investierten diese „Brahmanen von Boston“ ihre kolossalen Gewinne in die entstehende Industrie und in die Eisenbahn. Sie gründeten und finanzierten Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser.   Im Wesentlichen hatte der Kolonialismus eine Machtstruktur geschaffen, der zufolge die aus Europa kommenden Eliten und ihre Verbündeten unter den europäisch stämmigen Diasporagruppen eine derart absolute Vorherrschaft genossen, dass es tugendhaften jungen Amerikanern möglich war, in fernen Ländern Verbrechen zu begehen, mit sauberen Händen in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort als Helden für ihre Rolle beim Aufbau der amerikanischen Wirtschaft feiern zu lassen. Mit anderen Worten, sie konnten mithilfe des weltweiten Kolonialismus das verwirklichen, wonach Drogenbarone wie Lucky Luciano und Pablo Escobar sich immer gesehnt hatten: endlich »legal« zu werden.   Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche Fokus auf Verlierer des ungleichen „Handels“  Hier klingt an, wo Ghoshs Sympathien beheimatet sind. Er interessiert sich für die Verlierer dieses ungleichen, mit Waffengewalt durchgesetzten „Handels“. Für die abhängigen Bauern in Indien, für die der Mohnanbau ein katastrophales Verlustgeschäft war. Für die Verheerungen in China, das sich in zwei Opiumkriegen vergeblich gegen den Schmuggel zur Wehr setzte. Und für die langfristigen wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die bis in die Gegenwart reichen. Die sogenannte Opioid-Krise in den USA interpretiert Ghosh als trauriges „Echo" auf die Erfahrungen Chinas im 19. Jahrhundert. Millionen US-Amerikaner sind süchtig nach jahrzehntelang leichtfertig verschriebenen opioidhaltigen Schmerzmitteln, Überdosierungen – zuletzt vor allem von Fentanyl – fordern jährlich zehntausende Menschenleben. Ghosh stellt sich gegen die scheinheilige Behauptung der Drogenhändler des 19. und der Pharmaunternehmer des 21. Jahrhunderts, wonach sie lediglich eine ungedeckte Nachfrage bedienen würden.   Eine sonnenklare Tatsache ist, dass bei Opioiden nicht die Nachfrage, sondern das Angebot der verantwortliche Faktor für den steigenden Konsum ist. Wenn Opioide im Überfluss vorhanden sind, schaffen sie ihre eigene Nachfrage: Und das ist genau der Grund, warum Opium als eine eigenständige historische Kraft betrachtet werden muss.  Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche Lange hat Ghosh gezögert, ob er die Geschichte dieser „abscheulichen Gemeinheit“ erzählen solle, wie er unumwunden zugibt. Dieses Zaudern ist dem Text stellenweise anzumerken. Er ist weniger zwingend und kohärent als „Der Fluch der Muskatnuss“ und mit seinen zahlreichen Verweisen auf sein eigenes literarisches Œuvre bisweilen ein wenig selbstreferenziell. Aber wieder beeindruckt Ghoshs Sinn für den großen Bogen und sein Talent für mutige Parallelen. „Rauch und Asche“ ist ein schonungsloses Manifest gegen die Heuchelei und gegen das Unter-den-Teppich-Kehren der dunklen Geschichten hinter dem Siegeszug des globalen Kapitalismus.
undefined
Jun 10, 2025 • 4min

Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris

Zugegeben: Es ist ein ungewöhnlicher Ansatz, vom deutschen Herbst 1989 von Paris aus zu erzählen, und eben nicht aus der DDR. Aber Patricia Holland Moritz hat aus der Begegnung einer gelernten DDR-Bürgerin mit der Stadt des Lichts einen Roman mit mehreren Ebenen geschaffen: eine Geschichte vom Einwandern, eine kleine Liebesgeschichte – einen scharfen Blick auf den Umbruch in der DDR und zugleich eine feinfühlige Skizze der Metropole.   Die Stadt war ein Kinosaal, in dem ein Film in Endlosschleife lief und ich kommen und gehen konnte, wann ich wollte. In Paris redete jede Straßenecke zu dem, der die Geschichten hören wollte. Besonders laut tuschelten die Gässchen mit ihren eingerückten Mauern. Quelle: Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris Pariser Kulturgeschichte - individuell erkundet  Es sind besondere Pariser Geschichten, für die sich Ulrike interessiert. Sie ist von jeher eine begeisterte Leserin; und jetzt spürt sie teils jung verstorbenen Schriftstellern und Künstlern nach, die einst hier arbeiteten: Gertrude Stein und Ernest Hemingway - James Joyce - Samuel Beckett, aber auch Jim Morisson, Frédéric Chopin. Deren Welt entdeckt sie auf eigenwillige Art: mit einer alten Kamera, einer stilechten Rolleiflex, auf deren Mittelformat-Film gerade einmal zwölf Aufnahmen passen. Das totale Gegenteil der digitalen Bilderflut von heute.  Die Fotos waren von der schwarz-weißen Eleganz der Vergangenheit. Selbst beim Betrachten verspürte ich noch jenen seltsamen, fast morbiden Reiz, an denselben Orten zu stehen, dieselbe Luft zu atmen, in denselben Himmel zu schauen wie jene, deren Zeitfaden zu früh abgerissen war. Tragische und kurze Leben riefen in mir das Gefühl verpasster Möglichkeiten hervor. Der flüchtige Kontakt mit den Verstorbenen ließ mich glauben, ich könne einen Teil ihres Mythos berühren und mich gegen verpasste Möglichkeiten wappnen. Quelle: Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris Der Umbruch in der DDR - distanziert betrachtet  Denn Ulrike selbst hat sich in den Kopf gesetzt, einen Paris-Roman zu schreiben. Den beginnt sie auf der letzten Seite des Buches, und herausgekommen ist natürlich jener Roman, den man jetzt in der Hand hält. Ulrike hat sich zwar mit Haut und Haaren ins Leben in Paris gestürzt; was gerade in der DDR passiert, das nimmt sie nur aus der Distanz wahr. Aber ihr Zorn erwacht: auf die Diktatur – zugleich darauf, wie die von ihr so lange Gegängelten mit der neuen Freiheit umgehen. Und darauf, wie jene Gegängelten jetzt von den bislang unverdient Privilegierten der Geschichte – den Westlern – behandelt werden. Das ist keine Ex-Post-Besserwisserei der Autorin – wer es denn wollte, der konnte die Probleme schon Anfang 1990 heraufziehen sehen. Die neuen deutsch-deutschen Brüche, auch den damaligen Blick des Auslands auf den Wandel in Deutschland – all dies hat die Autorin souverän in Dialoge zwischen ihren Figuren gegossen.   Paris hautnah und authentisch  Gewürzt wird es mit feinem ironischem Humor und mit liebevollen Detailschilderungen: wenn Ulrike etwa zur tiefgründigen Ballade Nantes der Chansonnette Barbara langsam über die Stadtautobahn Péripherique fährt; und dass einmal in Ulrikes Großraumbüro die ungemein tanzbare Zouk-Musik aus der Karibik ertönt, verrät, wie 'tief drin' Patricia Holland Moritz damals in Paris gelebt hat. Wohl sind ein paar sprachliche Details a-historisch geraten; und etwas ärgerlich, dass der Autorin ausgerechnet in einem ihrer elegantesten Dialog-Sätze gegen Ende ein Grammatikfehler unterläuft: Aber wenn man auf einer Sache besteht, dann stand diese Sache jedenfalls 1989 im Dativ. Immerhin, diese abschließenden dreißig Seiten bringen noch eine überraschende, dabei aber schlüssige und vor allem ganz und gar zeittypische Wendung. Dieser Roman bleibt bis zuletzt spannend und birgt trotz seiner über vierhundert Seiten keinerlei Leerlauf. Eine feinfühlige, authentische und dabei vielschichtige Erzählung über Paris und über eine junge Ostdeutsche vor 35 Jahren.
undefined
Jun 8, 2025 • 4min

Sebastian Haffner – Abschied

Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos, die machtversessene Tyrannin. Ist es nicht aber doch möglich, ihrem Diktat noch letzte Momente des Glücks abzutrotzen? Wir sind in Paris, linkes Seine-Ufer, Quartier Latin, Februar 1931. Raimund, Mitte 20, Referendar am Amtsgericht Rheinsberg, ist seit zwei Wochen zu Besuch bei seiner Freundin Teddy, die an der Sorbonne studiert und überhaupt keine Anstalten mehr macht, ins muffige Deutschland zurückzukehren. Jetzt indes rückt die Stunde des Abschieds immer näher, um 22 Uhr fährt an der Gare du Nord Raimunds Nachtzug nach Berlin. Melancholisch blickt er sich in seinem Hotelzimmer um: Was war in diesen vierzehn Tagen nicht alles Merkwürdiges in diesem kleinen Zimmer geschehen, das ich nun verließ! Na, um das Zimmer war mir nicht bange. Es hatte sicher schon vorher manches Lustige, Traurige und Merkwürdige gesehen und würde es weiter sehen. Mich aber sah es nun nicht mehr. Ich musste fort nach dem kalten Berlin, ich würde Urteile verfassen, Klavier spielen und auf Briefe warten, und hier in meinem Zimmer wohnte ein anderer, füllte die Luft mit Rauch, schlief, ärgerte sich, freute sich und sah aus dem Fenster die Seine und die Brücke und den weiten Platz dahinter und groß und tausendfältig schimmernd bei Tag und bei Nacht Notre-Dame. Quelle: Sebastian Haffner – Abschied Von jungen Männern umschwirrt Was die Melancholie noch verstärkt und zugleich doch auch erträglicher macht: Nichts ist eindeutig in diesen verspielten Tagen in Paris. Teddy und Raimund ziehen sich an und stoßen sich ab, haben sich lieb und sind immerzu im Streit. Dass sie ein Paar wären – so eine freiheitsberaubende Behauptung würden die beiden, würde vor allem Teddy nie aussprechen. Die junge Frau, die direkt einem Roman von Irmgard Keun entsprungen scheint, aber wohl, wie wir aus dem schönen Nachwort von Volker Weidermann erfahren, ein reales Vorbild hat – diese Teddy ist also eigentlich immerzu umschwirrt von einem Schwarm junger Männer, Bohèmestudenten unterschiedlichsten Temperaments, Konkurrenten und Verbündete zugleich für Raimund… Übrigens war ich, glaube ich, der uneleganteste Mann auf dem Ball. Teddy kriegte ich nachher überhaupt nicht mehr zu sehen. Sie tanzte mit weiß ich wem, mit dem ganzen Attachégesindel und mit dem Bayern – bö.“ Franz Frischauer lachte. „Ist das so zum Lachen?“, sagte ich. „Kennen Sie das nicht? Sind Sie nie eifersüchtig? Es ist ein ekelhaftes Gefühl.“ „Schon, schon“, sagte Franz. „Aber man muss doch wissen, auf wen man eifersüchtig ist, wos lohnt. Man ists doch nicht auf all und jeden.“ „Gerade“, sagte ich. „Auf Sie bin ich noch ganz gern eifersüchtig. Aber diese Smokingproleten! Was hat es denn für Zweck, in einer Lotterie mitzuspielen, wo auch so ein Bayer gewinnen kann! Quelle: Sebastian Haffner – Abschied Über die Freiheit und Melancholie das Glück zu suchen Die Zeit wird knapp und knapper, bald geht der Zug, und bis dahin muss Raimund noch möglichst viel von Paris und möglichst oft in Teddys Augen sehen. Temporeich und atemlos einerseits, dann aber auch unheimlich lässig, verspielt und frühlingsduftend erzählt dieser Roman von der Freiheit, in der Melancholie das Glück zu suchen; nebenbei ist er ein fabelhafter Reiseführer durchs Quartier Latin der frühen 1930er: Weltstadt des Mittelalters, enge Straßen, Höfe wie Fahrstuhlschächte, glorreich verwitterte Fassaden der alten verwanzten Prunkhäuser, mitten dazwischen der Boulevard Saint-Michel mit seinen Lichtern, Cafés und Reklamen, und an den Stätten verschollener Triumphe und Grausamkeiten das Leben der Studenten. In den Straßen war immer, immer noch nach hundert Jahren ein Nachhauch vergangener Festlichkeiten, wie ein Parfum, in der Luft verspritzt. Quelle: Sebastian Haffner – Abschied Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos. Es ist Februar 1931; nicht mehr lang, und das Glück und die Freiheit sind verweht. Aber das Schöne lässt sich nicht bezwingen.
undefined
Jun 8, 2025 • 13min

„Ein Zeugnis davon, dass es queere Erzählungen immer schon gegeben hat“: Miku Sophie Kühmel über „Kind der Liebe“

Ein flirrend heißer italienischer Sommer, geheimnisvolle Affären und ein Teenager mit messerscharfer Beobachtungsgabe – in Maureen Duffys Roman „Kind der Liebe“ trifft all das aufeinander. Der Coming-of-Age-Roman erschien 1971 in Duffys Heimat Großbritannien. Jetzt – über fünfzig Jahre später – gibt der Reclam Verlag „Kind der Liebe“ erstmals auf Deutsch heraus, in der Übersetzung von Katharina Herzberger. Miku Sophie Kühmel über die literarische Wiederentdeckung Das Nachwort zu dieser literarischen Wiederentdeckung stammt von der Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel. Im „lesenswert Magazin“ erzählt Kühmel von diesem britischen Sommerroman in dessen Mittelpunkt der Teenager Kit steht. Kit ist eifersüchtig auf die Affäre der Mutter, Aias – oder auf die Mutter selbst? Kits eigensinnige Familie begleiten wir durch einen Sommer in einem fiktiven italienischen Fischerdorf. Ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen und eine Sommerlektüre Dabei wendet Duffy einen besonderen erzählerischen Kniff an – und dieser mache den Roman heute wieder besonders zeitgemäß, meint Kühmel. Weder der Hauptfigur Kit, noch Aias, gibt Duffy eine geschlechtliche Zuschreibung. Doch „Kind der Liebe“ ist nicht nur ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen. Der Roman ist eine stimmungsvolle Sommerlektüre – irgendwo zwischen „Bonjour Tristesse“, „Saltburn“ und „Call Me By Your Name“.
undefined
Jun 8, 2025 • 2min

Heinz Strunk – Zauberberg 2

Schon zweimal habe ich versucht, Thomas Manns "Zauberberg" zu lesen. Nie habe ich durchgehalten, der dicke Wälzer mit seinen scheinbar endlosen detaillierten Beschreibungen war mir einfach zu langatmig – Weltliteratur hin oder her. Zum Glück gibt es einen kuriosen, literarischen Brückenschlag in die Gegenwart: "Zauberberg 2" von Heinz Strunk. Ja, genau – der Heinz Strunk, der sonst für tragik-komische Alkoholiker-Romane bekannt ist. Und doch funktioniert es. Denn Strunk nimmt nicht einfach das Original von 1924 auseinander, sondern überträgt dessen Grundstimmung in unsere Zeit. Statt Davoser Höhenluft: mecklenburgische Provinz. Statt Thomas Manns Hans Castorp: Jonas Heidbrink – ein depressiver Start-up Millionär, ohne Lebenssinn, der sich freiwillig in ein mecklenburgisches Sanatorium einweist. Dort trifft er auf andere seelisch Versehrte, erlebt Therapiesitzungen und Albträume – und wird, wie schon Castorp, zum Beobachter einer Welt, in der die Zeit stillsteht. Strunks Version ist düster, schräg und manchmal sehr komisch. Wer also, wie ich, an 1000 Seiten Thomas Mann gescheitert ist, aber dennoch ein Gefühl für die Fragen des Original- "Zauberbergs" bekommen will – denen nach Krankheit, Zeit, Tod und Sinn, der soll es ruhig mal mit der Strunk‘ schen - der findet in "Zauberberg 2" eine überraschend respektvolle und eigenständige Alternative. Und wer weiß – vielleicht ist das ja der Startschuss, sich doch nochmal an den Klassiker zu wagen. Wer’s durchhält…
undefined
Jun 8, 2025 • 7min

Keine Hymne auf die vielbesungene Stadt: „Auflösungen. New York“

New York als Neustart – verführerischer Gedanke. Nina Wagner, Mitte fünfzig, Lyrikerin aus Wien, hat die Gelegenheit einer Gastdozentur ergriffen, um sich für ein Semester von allem, wie sie es nennt, „abzutrennen“. Von den traumatischen Erinnerungen an die lieblosen Eltern und die vor langer Zeit gescheiterte Ehe. Von der Tatsache, dass die erwachsene Tochter zum Vater übergelaufen ist. Von der Sehnsucht nach dem Mann, der sich nach der ersten Liebesnacht einfach nicht mehr gemeldet hat. Von irgendwelchen Shitstorms wegen „Verteidigung der freien Rede“ über die Kriege in der Ukraine und Gaza, die ihr von, so wörtlich, „gesichtslose[n] Verleumder[n]“ den Vorwurf der „Querdenkerei“ eingebracht haben. Die Menschlichkeit liegt gleich zu Beginn am Boden Es ist der März 2024. Das New York, das Nina von früheren Besuchen zu kennen glaubt, gibt es so nicht mehr, das wird schon zu Beginn des neuen Romans von Marlene Streeruwitz klar. Die Warteschlange vor dem Immigration Counter am Flughafen schiebt sich an einer leblos daliegenden Frau vorbei, und keiner traut sich zu helfen, auch Nina nicht. Sie umklammerte ihren Pass. Sie konnte nichts tun. Niemand konnte etwas tun. Niemand durfte etwas tun. Die Bürokratie musste ihren Lauf nehmen. Die Frau musste nachweisen, wirklich krank zu sein. Und jeder, der sich der Frau zubeugen wollte. Es würde eine Komplizenschaft vermutet werden und die Sache noch komplizierter machen. Ein Komplott würde vermutet werden. Alle würden zum Verhör abgeführt werden. Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York Die Angst vor Migranten. Die Pandemiefolgen. Die Opioidkrise. Schließlich Trump ante portas. Das Buch trägt den Titel „Auflösungen. New York.“ – und genau darum geht es. Irgendwie ist alles in Auflösung begriffen, in Ninas Leben und im Leben der Stadt. Die ersten dreißig Seiten des Romans sind nur ein Vorgeschmack: Auf dem Weg vom Flughafen setzt ihr Uber-Fahrer sie an einer falschen Adresse ab, vor einem Abbruchhaus. Am Abend ihrer Ankunft gerät sie in den Vortrag einer jungen Wissenschaftlerin, die in Tradwife-Manier nur den männlichen Vertretern der Literaturgeschichte huldigt. Kurz drauf wird sie Zeugin, wie ein Sicherheitsmann einen wehrlosen propalästinensischen Studenten tasert. Besser wird es nicht. Ninas desolatem Gefühlszustand, ihrem Hadern mit dem Älterwerden, mit ihren weiblichen Selbstzweifeln und ihrer ökonomisch prekären Existenz entsprechen Alkoholismus, Aids und Altersarmut im Kreis ihrer homosexuellen Künstlerfreunde und Theaterfreundinnen: der Verfall einer ehedem so lebendigen Kulturboheme, die sich ein unfassbar teuer gewordenes New York City einfach nicht mehr leisten kann. Wo Henry James seinen ersten Roman ansiedelte Der Roman besteht aus zwei Teilen, genannt Volume 1 und Volume 2. Sie beziehen ihre Titel von Gedichten des früh verstorbenen New Yorker Lyrikers Frank O‘Hara. Auch ansonsten wird viel Intertextualität geboten, allen voran Bezüge auf Henry James‘ frühen Geld-oder-Liebe-Roman „Washington Square“ von 1881 – was wenig verwundert, ist die Heldin doch untergebracht in einem Hochhausapartment im Washington Square Village, just in dieser vor 150 Jahren so gutbürgerlichen Gegend. Die O’Hara-Reminiszenzen der Titel, „Standing Still and Walking in New York“ und „Meditations in an Emergency“, setzen den Ton. Im ersten Teil ist Nina tatsächlich immerzu unterwegs, mit der U-Bahn, vor allem aber zu Fuß, in Buchhandlungen, Klamottenläden, Supermärkten, Bars und den Wohnungen der Freunde, mal flanierend, mal joggend bis zur nächsten Pause am Hudson mit Blick auf Staten Island. Streeruwitz ruft detailliert die Szenerien im vorfrühlingshaften Manhattan auf, aber „Auflösungen. New York“ wird nicht zu einer weiteren Hymne auf die vielbesungene Stadt. Der innere Aufruhr der Protagonistin spiegelt sich in haarsträubend kaputten Straßen voller Menschen ohne Zuhause, in überall weggeworfenen Fast-Food-Containern und aufgeplatzten Müllsäcken. Nina deutet den Niedergang als Folge einer Weltordnung, in der Männer, ob Präsidentschaftskandidat mit einer Bestechungsklage am Hals oder trunksüchtiger Ex-Mann, immer jemand anderen wissen, der die Schuld hat am eigenen Versagen und Fehlverhalten: Alltägliche Verschwörungstheorie war das gewesen. Mittlerweile war das die politische Kraft des Internets und nicht anders als jeder andere feudale Entwurf. Immer ein verstörtes männliches Ego im Mittelpunkt. Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York Unzweifelhaft liegt eine gewisse Ironie darin, dass im Mittelpunkt des Romans ein verstörtes weibliches Ego steht, das ebenfalls eine ganze Reihe von Verantwortlichen für sein eigenes Unglück zu benennen weiß. Zweifelhaft ist jedoch, ob die Autorin, die in ihren Texten seit eh und je durchaus Sinn für Komik zeigt, ausgerechnet diese Ironie beabsichtigt hat. Plötzlich selbst ohne Geld und ohne Papiere Jedenfalls lösen sich die vielerlei dunklen Vorausdeutungen aus der ersten Hälfte des Buchs im zweiten Teil aufs Heftigste ein. Nun konzentriert sich die Handlung auf einen einzigen, höllisch heißen Tag. Nina findet sich mit blutender Platzwunde am Hinterkopf, beraubt und ohne Papiere, in den Fängen eines feindseligen Medizinsystems wieder, wird des Drogenmissbrauchs verdächtigt, entkommt abenteuerlich, sieht sich am Internetpranger und fürchtet um ihren Aufenthaltsstatus. Die Beklemmung wächst – bis sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst: in einer großen deutsch-amerikanischen Szene mit Ninas hochbetagtem Nachbarinnenpaar. Sie nahm das Glas. Sie konnte nicht antworten. War überwältigt. Alles anders, als gedacht. […] ,Now Nina. How are your affairs coming along?’ […] Norma schaute sie freundlich verlegen an. ,We are helplessly romantic. You know. We cannot think of other motives than love affairs.‘ And in the end. We are right. Usually. You know.‘ […] Konnte das sein? War sie in die Mitte einer Fernsehserie geraten? Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York Das ist genau die Frage, die sich der Leserin aufdrängt. Ist die Wendung hin zu Friede, Freude, Eierkuchen, schwarze Schlusspointe eingeschlossen, nicht arg willkürlich? Soll diese freundliche kleine Insel gegenseitiger Fürsorge tatsächlich die Schrecknisse im Kosmos des Öffentlichen aufwiegen? Marlene Streeruwitz‘ Roman, der so vieles behauptet, gibt darauf keine überzeugende Antwort.
undefined
Jun 8, 2025 • 2min

Inger-Maria Mahlke – Unsereins

Ich erinnere mich noch an ein paar sehr schöne Tage, als ich die Buddenbrooks las. Es war eskapistische Lektüre, es ging um den Abstieg einer reichen Familie in einer fernen Zeit in Norddeutschland – Thomas Mann mit seinem Bessere Leute-Setting hat eine Familiengeschichte geschrieben, aus der ich mitnahm, dass es auch reiche Menschen nicht leicht haben. Heute könnte das nicht mal Martin Mosebach noch so sozial blind erzählen. Und jetzt kam im vergangenen Jahr Inger-Maria Mahlke, „Unsereins“ – schon vom Titel ist das zugewandter. Mahlke erzählt die Welt, in der die Buddenbrooks leben aus der Perspektive derer, die nicht die Buddenbrooks sind, aus der Sicht des Ratsdieners, der einmal im Monat zur Prostituierten geht, des Dienstmädchens, das langsam begreift wie sozial abgehängt sie ist und aus der Sicht der Lindhorsts, in vielem ganz ähnlich zu den Buddenbrooks, aber jüdisch. Sie halten sich für assimiliert, bis ein Schlüsselroman, eben die Buddenbrooks ihnen vor Augen hält, dass sie nie dazugehört haben. „Unsereins“ kann man auch dann gut lesen, wenn man von den Buddenbrooks nur noch den fernen Schatten der jugendlichen Lektüre oder der Filme vor Augen hat. Thomas Mann könnte heute aus dem Roman von Mahlke mitnehmen, dass die Verfallsgeschichte der Buddenbrooks in Wirklichkeit auch der zaghafte (und dann vom Faschismus brutal unterbrochene) Beginn des bürgerlich-liberalen Zeitalters war.

The AI-powered Podcast Player

Save insights by tapping your headphones, chat with episodes, discover the best highlights - and more!
App store bannerPlay store banner
Get the app