SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jul 7, 2025 • 10min

„Ich habe mir dieses Buch heimlich gewünscht“: Anne Sauer über ihr Debüt „Im Leben nebenan“

SWR Kultur: Frau Sauer, „Im Leben nebenan“ heißt Ihr erster Roman. Über der Handlung schwebt eine große Frage: Was wäre, wenn Ihre Protagonistin Antonia, beziehungsweise Toni, eine andere Abzweigung im Leben genommen hätte? Fragen Sie sich auch manchmal: Wo wäre ich, wenn ich an der einen oder anderen Stelle eine andere Entscheidung getroffen hätte? Anne Sauer: Es kommt noch gelegentlich vor, dass ich das mache. Ich habe das früher mehr gemacht und dieses Gedankenexperiment freudig fortgeführt. Mittlerweile entscheide ich mich einfach schneller. Ich habe ein bisschen mehr Mut gewonnen. Aber ich liebe es, ab und zu in dieser zukunftsgerichteten Was-wäre-wenn-Version meines Lebens zu versinken. Toni wacht in einem anderen Leben auf SWR Kultur: Ihr Roman ist eigentlich auch ein großes Gedankenexperiment. Worum geht es denn in „Im Leben nebenan“? Anne Sauer: Es geht um Antonia oder Toni, eine Figur, die plötzlich in einem anderen Leben aufwacht. Nicht mehr neben ihrem langjährigen Partner in der Stadt, wo sie sich ein Leben aufgebaut und einen Job gewählt hat, wo sie auf scheinbar stabilen Säulen steht. Sie wacht auf in ihrem Heimatdorf, wo sie aufgewachsen ist. Sie ist scheinbar verheiratet mit ihrer Jugendliebe, was sie sehr irritiert, denn den hat sie eigentlich vor ganz vielen Jahren verlassen. Und sie hat ein Baby, das auf ihrer Brust liegt. Sie hat absolut keine Erinnerung daran, dass sie überhaupt dieses Leben geführt haben soll oder wie es zu der Geburt kam. Das ist ein großer Schockzustand zu Beginn. Sie versucht, das zu vermitteln und zu sagen:, „Leute, hier ist was falsch“. Das Buch zeigt beide Versionen des Lebens. Mit Antonia, die plötzlich in dem einen Leben aufwacht, in dem sie sich fremd fühlt. Mutterschaft als literarisches Sujet SWR Kultur: Mutterschaft ist ein Thema, über das es in letzter Zeit viele Bücher und Romane gibt. Stefanie de Velasco, Guadalupe Nettel und Antonia Baum haben darüber geschrieben, um jetzt nur ein paar Beispiele zu nennen. Was hat Sie literarisch gereizt, sich diesem Themenfeld anzunähern? Anne Sauer: Besonders die Perspektive einer Figur, die meinem Alter entspricht. Eine Figur abzubilden, wie eben Toni eine ist, die sich nicht sicher ist. Es geht auch um den vermeintlichen Kinderwunsch und die Frage, woher der überhaupt kommt. Ist das mein eigener Kinderwunsch oder ist er mir anerzogen worden? Habe ich das Gefühl, ich muss da mitmachen, damit ich zugehörig bin? Ich finde, das Thema ist so facettenreich und die von Ihnen genannten Autorinnen haben das auch schon in ihren Versionen abgebildet. Mich haben eben diese zwei sehr kontrastreichen Lebensrealitäten gereizt: die einer Mutter fünf bis sechs Wochen nach der Geburt und die einer Person, die am Kinderwunsch zu scheitern droht. Was passiert mit denen? In welchen Stilen oder in welchem Ton kann ich das Innenleben dieser Figuren abbilden? Das hat mich sehr gereizt. Das Umfeld beeinflusst den Kinderwunsch SWR Kultur: Bei Toni oder Antonia sind es eben nicht nur eigene Entscheidungen, die sie treffen muss, sondern sie ist natürlich von ihrem Umfeld genauso beeinflusst. In erster Linie sind es die Partner, die Einfluss auf sie nehmen, aber auch die Freundinnen oder die Freunde, die Mutter ihres Partners oder das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter. Auch das spielt eine Rolle. Anne Sauer: Absolut. Die eigene Mutter ist abwesend, sie ist leider verstorben. Das ist etwas, wo Toni oder Antonia irgendwann denkt: Ich hätte sie fragen sollen. Wie war das damals bei dir? Die Fragen, die sie im Kopf hat, sind unterschiedlicher Natur, in beiden Welten sind die ein bisschen unterschiedlich. Beide Figuren oder beide Frauen finden sich in ganz anderen Situationen wieder. Die Entscheidungen, die für sie getroffen werden, führen dazu, dass zum Beispiel Antonia gar keine Zeit hat, sich großartig Gedanken über eine Zukunft zu machen. Sie ist so gefangen im Hier und Jetzt und sie muss reagieren. Sie kommt in eine Passivität. Sie muss ihren eigenen Weg wieder hinausfinden oder zumindest ihren Platz zurück erkämpfen, um herauszufinden, wer sie denn ist in diesem Leben? Wie kann sie sich denn diese Version dieses Lebens zu eigen machen? Quelle: Anne Sauer Ich glaube, das ist etwas, was viele kennen, die sich, wie beim Thema Mutterschaft, wiederfinden in einer Situation, die vorher nie dagewesen ist. Also eine Kehrtwendung. Wenn das Leben einmal Kopf steht, wie finden wir da wieder einen Weg auf zwei sichere Beine? Das ist bei Antonia der Fall. Während Toni zum Beispiel, ich möchte sagen ... in so einer schönen Zweisamkeit mit ihrem Partner lebt. Mit Jakob, der sie auch unterstützt. Die beiden gehen einen sehr kapseligen Weg. Sie hat zwar Freunde und Freundinnen, aber teilt nicht so richtig alles rund um das Thema Kinderwunsch. Ich glaube, das ist ganz natürlich, weil sich viele Frauen oder Menschen, die sich damit beschäftigen, unsicher sind. Und da gar nicht so mit nach draußen gehen, weil sie sich fragen: Warum bin ich mir denn nicht sicher? Was stimmt denn eigentlich nicht? Wenn was schief geht oder wenn es nicht klappt, woran liegt das? Da ist auch ein Scham-Aspekt mit dabei. Und das sind die Unterschiede der beiden. Beide kämpfen sich eben so ein bisschen raus. SWR Kultur: Aber einen Ratgeber wollten Sie nicht schreiben? Anne Sauer: Nee, nee, absolut nicht. Es ist schon ein Roman, es ist eine reine Fiktion. Das liegt mir völlig fern, einen Ratgeber zu schreiben. Richtig oder falsch gibt es nicht SWR Kultur: Weil einige Fragen natürlich auch offen bleiben. Anne Sauer: Absolut. Fragen ist das richtige Stichwort, weil ich der Meinung bin, es gibt bei diesem Thema so selten eine einzige Antwort. Und das lernen auch die beiden Figuren. Es sind mehr Fragen, die ich im Text stelle, die die Figuren sich stellen und damit ja auch die Leser und Leserinnen stellen können. Aber alle für sich selbst. Das habe ich jetzt auch schon gemerkt, das ist ganz interessant: Jeder zieht da so ein bisschen was Eigenes raus. Die Idee zum Roman kam in der Badewanne SWR Kultur: Auf Instagram habe ich gelesen, dass Ihnen die Idee zum Buch in der Badewanne kam. Und auch, dass Sie das in Interviews nicht immer zugeben wollen. Anne Sauer: Es ist tatsächlich so gewesen, dass sie in der Badewanne kam, in der Badewanne meiner Eltern. Das war nach der Frankfurter Buchmesse 2022. Ich weiß nicht genau, was da passiert ist, aber ich habe gedacht: Was wäre denn, wenn jetzt ein Baby bei mir wäre? Ich hatte auf einmal Gänsehaut und habe gemerkt, dass da eine Geschichte lauert und da bin ich dem nachgegangen. Die Badewanne war irgendwie ein guter Moment. SWR Kultur: Sie sind auch Podcasterin. Im Podcast „Monatslese" sprechen Sie mit Tina Lurz über Bücher und auf ihrem Instagram-Kanal @fuxbooks empfehlen Sie regelmäßig Lektüren. Jetzt machen wir doch mal ein kleines Gedankenspiel: „Im Leben nebenan" in der Berufsedition quasi. Stellen Sie sich doch mal eine Welt vor, in der Sie nicht @fuxbooks sind, sondern nur Romanautorin. Sie nehmen Ihr Telefon in die Hand, öffnen die App und ein anderer @fuxbooks-Account postet eine kurze Social-Media-Rezension zu Ihrem Buch. Was würde da stehen? Anne Sauer: Da würde vielleicht stehen, ich habe mir dieses Buch heimlich gewünscht, ohne es zu wissen.
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Jul 6, 2025 • 1h 16min

SWR Bestenliste Juli/August im Staatstheater Mainz

So unterhaltsam kann Literaturkritik sein: Meike Feßmann, Klaus Nüchtern und Jan Wiele diskutierten in der Kakadu Bar des Mainzer Staatstheaters vier Werke, die auf den vorderen vier Plätzen der SWR Bestenliste im Juli und August stehen. Die Jury-Mitglieder sprengten jedes Zeitlimit, waren sich nur bei einem Roman einig und verstanden sich prächtig. Es gab beherzten Dissens auf der Bühne und zahlreiche Lacher im Publikum. Auf dem Programm standen: Der zweisprachige Gedichtband „Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen“ der kanadischen Autorin Eva H.D., mit einer deutschen Übertragung von Anne-Kristin Mittag und Steffen Popp, herausgekommen im Hanser Verlag, ist auf Platz 4 der Sommer-Bestenliste verzeichnet. Barbi Markovićs Poetikvorlesung „Stehlen, Schimpfen, Spielen“, erschienen bei Rowohlt Hundert Augen, steht auf Platz 3. Jonathan Lethems Roman „Der Fall Brooklyn“ in deutscher Übersetzung von Thomas Gunkel, veröffentlicht im Klett-Cotta Verlag, belegt Platz 2. Auf der Spitzenposition der Bestenliste im Juli und August steht Gesa Olkusz mit ihrem zweiten Roman „Die Sprache meines Bruders“, der im Residenz Verlag erschienen ist. Aus den vier Büchern lasen Iris Atzwanger und Johannes Schmidt vom Staatstheater in Mainz. Durch den Abend führte Carsten Otte.
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Jul 6, 2025 • 19min

Gesa Olkusz: Die Sprache meines Bruders | SWR Bestenliste

Eine Mutter, die mit ihren Kindern in den USA ein neues Leben anfangen will. Zwei Brüder, die nach dem Tod der Mutter neu anfangen müssen. Eine Familiengeschichte, die vieles offenbart, doch wenig erklärt. Und ein elegantes Buch über Ankünfte, Aufbrüche, Verluste und Familiendynamiken.
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Jul 6, 2025 • 22min

Jonathan Lethem: Der Fall Brooklyn | SWR Bestenliste

Ein Porträt von Brooklyn und ein kunstvolles Wimmelbild quer durch die Jahrzehnte. Lethem zeigt, wie Jugendliche in Brooklyn in selbstverständlicher Kriminalität aufgewachsen sind. Manchmal nostalgisch, nie verklärend – und exzellent geschrieben.
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Jul 6, 2025 • 19min

Barbi Marković: Stehlen, Schimpfen, Spielen | SWR Bestenliste

Im Mai 2022 bekommt Marković die Anfrage für eine Poetikvorlesung. Sie sagt zu – es sind ja noch zwei Jahre Zeit bis dahin. Die Monate gehen ins Land, die Zeit drängt. Noch vierzehn Tage. Von genau denen handelt diese Vorlesung. Sie handelt von Selbstzweifeln, kleinen Tricks und allem sonst, was Marković durch den Kopf geht.
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Jul 6, 2025 • 18min

Eva H.D.: Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen | SWR Bestenliste

Gedichte aus Kanada, konkret, anschaulich, gegenständlich. Eva H.D. schreibt Lyrik, in denen die Zeilen aber auch plötzlich abschweifen können, ins Persönliche, ins Fantastische. In einem melancholischen Grundton umkreist die Dichterin die Störfaktoren des Lebens und Liebens.
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Jun 29, 2025 • 6min

Kritik der Kritik: Wie war die Bachmann-Jury?

Als „charmantester Gerichtshof Mitteleuropas“ wurden die Jury-Diskussionen bei der feierlichen Eröffnung des diesjährigen Wettbewerbs bezeichnet. Dabei erinnert mich das Ganze weniger an ein ehrwürdiges Gericht, als an ein Familientreffen, das alle Jahre wieder – in ähnlicher Besetzung - über die Bühne geht. Denn so wie die ewig jammernde Cousine und der ständig Witze reißende Onkel nicht aus ihrer Haut können, scheinen auch hier alle festgelegte Rollen zu haben. Es wurde gemutmaßt: Hat Thomas Strässle ein Bauchnabelpiercing? Wenn sich der Juryvorsitzende Klaus Kastberger einmal mehr als „Erklärer der österreichischen Literatur“ für seine Kandidaten in die Bresche wirft oder ihn die Frage beschäftigt, ob sein stets umsichtig und moderat argumentierender Mitstreiter Thomas Strässle wohl ein Bauchnabelpiercing hat, ist dieser furiose Grant, wie man in Österreich sagt, beim dienstältesten Juror inzwischen so erwartbar wie unterhaltsam. Auch das notorische Gezänk zwischen Philipp Tingler und Mithu Sanyal gehört längst zum festen Repertoire dieses Juroren-Ensembles, das diesmal deutlich mehr diskutiert und viel weniger ins Monologisieren verfällt als im Vorjahr. Auch hat sich Philipp Tingler vom giftigen Polemiker, der sich vor allem am liebsten selbst in Szene setzt, zu jemandem entwickelt, dem es doch häufig gelingt, subtilen Witz mit scharfer Kriitk zu vereinen. Etwa, wenn er nach dem Vortrag von Max Höflers post-avantgardistischem Text zugibt, er hätte noch vor wenigen Jahren gesagt, er würde sich lieber Taranteleier ins Ohr stecken, als weiter zu zuhören, während er heute so einen Text höre und sich denke, das „das wird’s wahrscheinlich nicht mehr lange geben, das ist irgendwie eine bedrohte Form“. Unterschiedliche Herangehensweisen an Literatur Persönliche Veränderungen sind also doch möglich, wobei Tingler ja noch immer am liebsten wie in Beton gegossene Sätze raushaut, im Stil von: „Ein literarischer Text muss sich die Frage gefallen lassen, worum es geht.“ Und Mithu Sanyal unterstreicht mehr denn je ihre gefühlsgrundierten Betrachtungen mit großen Gesten und bleibt schlüssige Argumente schuldig. Was in diesem Jahr sichtlich alle nervt und dann doch fast zum Debakel führt, als Sanyal einwirft, man könne doch Verständnis für den russischen Präsidenten Putin aufbringen. Unterm Strich führen diese unterschiedlichen Herangehensweisen an Literatur (und damit an die Welt) doch immer wieder zu ausgesprochen anregenden Grundsatzdebatten. Etwa darüber, ob es Nähe oder Distanz zum Gegenstand brauche, um ihn kritisieren zu können, was sich bald wie ein Leitmotiv durch die Debatten zog – so wie im Vorjahr Johanna Seebauers „Gurkerl“-Motiv oder noch früher mal das Putzen. Und wenn z.B. darüber diskutiert wird, was es heißt, sich als Schriftsteller bei einem historischen Stoff seiner Verantwortung bewusst zu sein – wie nach der Lesung von Stefan Bissinger – zeigt sich deutlich, dass mit dem Niveau der Texte auch das der Diskussionen steigt. „Unwohlsein“ bei einigen Texten Ohnehin sind die Jury-Diskussionen der interessanteste Teil des Wettbewerbs, ganz besonders in diesem Jahr, wo man in Anbetracht der ausgewählten Texte den Eindruck hat, der aus Kostengründen abgeschaffte Nachwuchs-Kurs ist diesmal ins Hauptprogramm gerutscht. Aber so dürftig und unfertig das von den Autoren Vorgetragene häufig ist – es gelingt den Jurorinnen und Juroren immer wieder, mit vielschichtigen, oft erhellenden Betrachtungen zu überraschen. Selbst wenn ein Text mal fast alle mehr oder weniger verständnislos kapitulieren lässt, wie nach dem Auftritt der Wiener Schriftstellerin Verena Stauffer, als gleich mehrere Jurymitglieder ihr „Unwohlsein“ mit diesem Text äußerten, in dem es scheinbar „um alles“ ging, was eben auch „nichts“ sein kann. Öffentlich zuzugeben, dass etwas nicht sofort und vollständig verstanden und eingeordnet werden kann, hat in unseren Zeiten, wo sehr schnell und reflexhaft geurteilt und wegsortiert, sprich gecancelt wird, eine hohe Qualität. Zweifel und Widerspruch zuzulassen, sich einander doch noch anzunähern oder auch bereits geäußerte Ansichten öffentlich zu revidieren, das ist vorbildlich – auch im Hinblick auf andere Gespräche und Diskussionen, zu denen uns die komplizierte, oft überfordernde Weltlage herausfordert. Hier geht es um tiefere Erkenntnis Der boomende Podcast Markt zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt, anderen beim Diskutieren zuzuhören. Was die Jury-Debatten hier in Klagenfurt von den meisten Podcasts unterscheidet, ist, dass hier eben nicht möglichst locker und niedrigschwellig geplaudert wird. Hier geht es - in den besten Momenten - doch um tiefere Erkenntnis, um das Aushalten von Widersprüchen und Ambivalenzen und auch darum, diese möglichst pointiert und unterhaltsam zu formulieren. Dass das natürlich immer noch viel besser gehen kann, weiß jeder, der schon länger an den Klagenfurter Familientreffen teilnimmt. Selige Zeiten, als sich hier noch unter dem Vorsitz des stets klug argumentierenden und nie um eine Pointe verlegenen Burkhard Spinnen gezankt wurde und die kluge Daniela Strigl mit ihren humorvollen Einlassungen die Runde und das Publikum bereicherte. Und da wahrscheinlich jeder seine Lieblingsjuroren hat, wäre es doch vielleicht eine nette Idee, für den 50. Geburtstag des Wettbewerbs im nächsten Jahr eine Art Jubiläums-Jury zu berufen – über deren Zusammensetzung die Zuschauer abstimmen dürfen. Und danach dann bitte – neues Spiel, neues Glück – und mit einer frisch zusammengewürfelten Familie in die nächsten Jahrhunderthälfte starten.
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Jun 29, 2025 • 6min

Natascha Gangl gewinnt das Wettlesen um den Bachmannpreis

Der Bachmannwettbewerb beginnt grundsätzlich mit allerlei Reden von Politikern und Preisstiftern, die das Engagement ihrer Institutionen ausgiebig loben. In diesem Jahr störte Jury-Präsident Klaus Kastberger die aufgesetzt gute Stimmung, indem er auf den kulturellen Kahlschlag der rechtspopulistischen Regierung in der Steiermark hinwies. Die kulturfeindlichen Sparmaßnahmen in Österreich betreffen längst auch Renommierveranstaltungen wie das Wettlesen am Wörthersee. Der traditionelle Bürgermeisterempfang wurde dieses Mal genauso gestrichen wie der Literaturkurs für den schreibenden Nachwuchs. Eröffnungsrede von Nava Ebrahimi Nach der Auslosung der Lesereihenfolge wird in Klagenfurt die Rede zur Literatur gehalten – in diesem Jahr von einer ehemaligen Gewinnerin des Wettbewerbs, nämlich von der in Teheran geborenen und in Graz lebenden Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Mit „Drei Tage im Mai“ war die Rede überschrieben, die sich über weite Strecken in einer Wehklage über die politischen Verhältnisse der Gegenwart erschöpfte. Das ist vermutlich der größte Erfolg aller, die nicht mehr an die Bewohnbarkeit dieses Planeten glauben und ihn aufgegeben haben: dass wir dem Sog der Alternativlosigkeit erliegen. Es ist leicht, sich ihm hinzugeben. Es ist bequem. Dem Sog zu entkommen, ist anstrengend. Und wenn wir ihm entkommen sind, was dann? Dann darf da keine Leere sein. Dann erfordert es unsere ganze Vorstellungskraft, mit anderen, besseren Geschichten die Lücke zu füllen. Quelle: Auszug aus Nava Ebrahimis Eröffnungsrede „Drei Tage im Mai“ Es ging um Krisen und Kriege, um den Klimawandel und mächtige Milliardäre, die sich dem „Endzeit-Faschismus“ verschrieben hätten und die den Rest der Menschheit zur Passivität verdammen würden. Um ästhetische Fragen ging es nur am Rande. Literatur solle unter diesen Prämissen eine aktivistische Position einnehmen, um die Lesenden von anderen, verantwortungsvolleren Narrativen zu überzeugen.  Nostalgietexte, literarische Höhepunkte und stilistische Überraschungen Wie aber sah es nun mit der widerständigen und innovativen Kraft der Literatur im Wettbewerb aus? Auf den ersten beiden Lesetagen wurden erstaunlich viele Nostalgietexte vorgetragen. Da gab es klassische Familienerkundungen, Mutter- und Vatersuchen sowie viele Gewaltgeschichten. Eine Nachwende-Erzählung mit ideologisiertem Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte, eine alberne Mediensatire in Form einer Slam-Poetry-Suada, die popliterarische Satire einer ernährungsbewussten Abendgesellschaft, ein etwas biederes Sterbe-Drama mit surrealem Ende und ein Avantgarde-Gedicht mit Politformeln. Unfaire Geschlechterverhältnisse und fluide Körperidentitäten wurden in den Geschichten beschrieben, die oft in einem hohen Ton gehalten waren und keineswegs neu klangen, sondern eher wie Variationen schon mal gehörter Bachmann-Texte. Ingeborg-Bachmann-Preis und Publikumspreis für Natascha Gangl Immerhin gab es sie noch, die literarischen Höhepunkte und stilistischen Überraschungen. Etwa von Almut Tina Schmidt und ihren Story-Splittern aus einem großstädtischen Wohnhaus, ausgezeichnet mit den 3-sat-Preis. Die filigrane Reflexion über die Sprache in autoritären Systemen von Boris Schumatsky erhält den Deutschlandfunk-Preis. Und Natascha Gangl wird für ihre kunstfertige, nämlich audiovisuelle Poesieprosa über Verbrechen im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet mit dem Ingeborg-Bachmann-Hauptpreis ausgezeichnet. Außerdem erhält sie den begehrten Publikumspreis für ein Werk, in dem sich auch nach mehrfacher Lektüre immer wieder neue Gedanken und im wahrsten Sinne des Wortes grenzgeniale Formulierungen über eine kontaminierte Landschaft entdecken lassen.  Die Jury war von Gangls und Schumatskys Texten euphorisiert, nachdem sie zuvor eher durch erratische Urteile und dahinplätschernde Diskussionen aufgefallen war. Selbst ein Beinahe-Skandal rund um die Jurorin Mithu Sanyal, die angesichts von Verena Stauffers unmissverständlichem Anti-Putin-Text aus welchen Gründen auch immer „Mitleid“ für den angeblich einseitig beschriebenen Kriegstreiber bekundete, belebte die Debatte nur kurzzeitig. Ernsthaft, unterhaltsam und auch literarisch treffsicher vermochte auch in diesem Jahr nur der einst umstrittene Juror Philipp Tingler sprechen. Bachmann-Preis-Jubiläum steht 2026 Im nächsten Jahr findet der Bachmannwettbewerb zum 50. Mal statt. Wenn sich die Veranstaltung nicht endgültig in ein Literaturmuseum verwandeln möchte, müssen insgesamt bessere, originellere, sprachlich wie inhaltlich wirklich mitreißende Texte ausgewählt werden. Vielleicht wird rechtzeitig zum Jubiläum auch die Jury neu aufgestellt, um alte Rollenmuster gar nicht erst bedienen zu müssen. Ansonsten lässt sich diese für den Literaturbetrieb und das interessierte Publikum gleichermaßen so wichtige Veranstaltung schon bald wegsparen, ohne dass es in der deutschsprachigen Kulturwelt groß auffallen würde.
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Jun 29, 2025 • 10min

Mitmachen ist alles? Was die Autorinnen und Autoren sagen

Wie war das Lesen? Mit welcher Erwartung sind die Autoren und Autorinnen nach Klagenfurt gereist? Und: Wie empfanden die Lesenden die Jury-Diskussion?
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Jun 29, 2025 • 12min

Streitkultur auf der Bühne – Wie die Arbeit in der Bachmann-Jury den Blick auf Literatur verändert

Seit fast einem halben Jahrhundert fährt die Literaturbranche ins sommerliche Klagenfurt zum Bachmann-Wettbewerb: Dabei wird nicht nur auf der ORF-Fernsehbühne über Literatur diskutiert, auch jenseits der Scheinwerfer gehen die Gespräche unter Verlagsleuten und Journalisten weiter. Was aber denkt ein Juror über die Debatten im Fernsehstudio und über die Diskussion nach der Diskussion?

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