SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Sep 2, 2025 • 4min

Ann Schlee – Die Rheinreise | Buchkritik

Romane, die von einer Reise erzählen, tun dies meist auf doppelte Weise. Denn fast immer ist die äußere Reise der Figuren nur das Gegenstück zu einer inneren, psychischen. Das trifft auch auf Ann Schlees vergessenes Meisterwerk „Die Rheinreise“ zu. Vor mehr als 40 Jahren erstmals erschienen, erzählt dieser bemerkenswerte Roman von vier Touristen aus dem viktorianischen England. Im Sommer 1851 ist das Quartett auf einem Dampfschiff von Koblenz nach Köln unterwegs: der missionarische Reverend Charles, seine passiv-aggressive Frau Marion, ihre von diffusen Erwartungen erfüllte Teenagertochter Ellie – und Charles’ Schwester Charlotte, Schlees Hauptfigur.   Fremdbestimmte „alte Jungfer“  Charlotte ist Mitte fünfzig und das, was man damals als „alte Jungfer“ bezeichnete. Ihre ganze Existenz steht im Dienst an anderen; auf der Reise fungiert sie für die Familie ihres Bruders als Gouvernante, Gesellschafterin und Kammerzofe in einem. Ein eigenes Leben hat Charlotte nicht – könnte sie aber, da sie kürzlich ein kleines Vermögen geerbt hat. Erwartet wird von ihr jedoch etwas anderes, nämlich ein pflichtbewusstes Leben im Haushalt ihres Bruders und ihrer Schwägerin. Eine Vorstellung, gegen die sie immer mehr Widerstände verspürt, nachdem sie auf der Reise einem Landsmann begegnet, der sie an die einzige Liebe ihres Lebens erinnert.  Wer sie sein und wo sie wohnen würde, musste noch beschlossen werden. Sie war nicht sie selbst. Der Anblick dieses Gesichtes auf dem Anleger hatte sie tief erschüttert, denn was war sie für ihn und was war er, ein völlig Fremder, für sie?  Quelle: Ann Schlee – Die Rheinreise „Opfer einer unanständigen Phantasie“  So sehr Charlotte auch den Kontakt zu vermeiden sucht, der dubiose Mr. Newman taucht wie ein Springteufel überall auf. Selbst in Charlottes Träumen, wo er provozierende Fragen stellt, mit denen er Schlees Protagonistin zum „Opfer einer unanständigen Phantasie“ macht. Und alte Wunden aufreißt. Schließlich war es seinerzeit ihr bevormundender Bruder gewesen, der ihren damaligen Verehrer als nicht standesgemäß abgewiesen hatte. Womit er seine sich fügende Schwester ihrer einzigen Chance auf ein erfülltes Leben beraubte. Gegen Romanende entladen sich die Spannungen zwischen Schlees Figuren in einer Aussprache, die man kaum anders denn als zutiefst befriedigend empfinden kann.   „Oh, das ist so erschütternd“, rief ihr Bruder. „Alles, was ich getan habe, war immer nur für dein Bestes. Weil du selbst nicht wusstest, was du wolltest, und jemand für dich entscheiden musste.“ „Ich glaube, Charlotte weiß gerade auch nicht, was sie will“, sagte seine Frau.  „Damals wusste ich es besser.“  Quelle: Ann Schlee – Die Rheinreise Roman einer weiblichen Selbstermächtigung   Charlottes Widerstand wächst auch, weil sich ihr eigenes Schicksal an ihrer Nichte zu wiederholen droht, die noch voller jugendlichem Enthusiasmus ist. Schließlich könne der fesche preußische Offizier, der in Köln um sie wirbt, laut Charles nur ein „Mitgiftjäger“ sein. Dass Schlees Figuren, auch Charlotte selbst, sich als Engländer den Deutschen gegenüber überlegen fühlen, macht sie blind gegenüber den politischen Verhältnissen vor Ort. Denn in diesem Sommer 1851, wenige Jahre nach der Märzrevolution, herrschen im rheinischen Preußen überall Misstrauen und Zensur. Gerade Charlotte, die Mr. Newman zeitweilig regelrecht stalkt, wird, wie sich herausstellt, dessen Handlungen auf peinliche Weise missverstehen.  So arm an äußeren Ereignissen Ann Schlees Roman ist, so sehr fesselt er durch seine präzise Prosa, die Charakterisierung seines viktorianischen Personals und die subtile Spannung zwischen den Zeilen. Mit einer sich mühsam aus den Fesseln einer toxischen Familiendynamik und den Konventionen der Zeit befreienden Protagonistin, die an Sylvia Townsend Warners „Lolly Willows“ erinnert. Großartig übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, ist dieser Roman einer weiblichen Selbstermächtigung nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken!
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Sep 1, 2025 • 4min

So schön bedrohlich: Am Kipppunkt

Das Buch kommt einer Offenbarung gleicht, denn Benjamin von Brackel und Toralf Staud zeigen an zahlreichen Beispielen aus jüngsten wissenschaftlichen Studien, dass es keineswegs leicht ist, Kipppunkte zu benennen. Es ist oftmals ein kompliziertes Geflecht sich teilweise sogar gegenseitig aufhebender Faktoren, die entscheiden, wann und wo das Klima tatsächlich kippen wird.  Persönliche Erfahrungsreise   Das Buch ist eine persönliche Erfahrungsreise der beiden Autoren rund um die Welt zu den wichtigsten Stätten der Klimaforschung. Ihre Faszination für die Leistungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist ansteckend und macht die Lektüre zu einer aufregenden Entdeckungsreise.   Beruhigend sind ihre Erkenntnisse nicht, denn sie betonen immer wieder, dass wir uns binnen weniger Jahrzehnte den gefürchteten Kipppunkten nähern, falls wir nicht endlich konsequent die CO² Emissionen reduzieren.  Veränderungen in Luft, Wasser und Natur   Entscheidend ist, welche Veränderungen in Luft, Wasser und Natur bis zur Mitte und bis zum Ende dieses Jahrhunderts stattfinden. Benjamin von Brackel und Toralf Staud listen im zweiten Kapitel detailliert und mit vielen leicht verständlichen Beispielen und Vergleichen auf, wie sie das Klima beeinflussen und ab wann sie unumkehrbar sind.  An erster Stelle steht das in den Medien gerne zitierte Abschmelzen des Eisschildes an beiden Polen. Es ist ein extrem langsamer Prozess, der weit über dieses Jahrhundert hinaus reichen wird, selbst wenn das 1,5 Grad Ziel der Pariser Klimakonferenz nach den derzeitigen Bemühungen verfehlt wird.  Selbst bei zwei Grad Erwärmung, weisen Studien nach, bleibt in vielen Bereichen noch Zeit für menschliches Handeln. Es ist - und das ist die optimistische Botschaft des Buches - dafür noch nicht zu spät. Das rechtfertigt natürlich nicht, in den Bemühungen nachzulassen, den CO²-Ausstoß möglichst rasch zu minimieren.  Die bedrohlichsten Kipppunkte  Die Kipppunkte zu bestimmen ist – so die Autoren – ein schwieriges Geschäft, denn es spielen unendlich viele Faktoren eine Rolle, die bisher kein Szenario vollständig berücksichtigen kann. Wann schmelzen die Gletscher unwiderruflich und wenn ja in welcher Geschwindigkeit, wie beeinflusst das die Meeresströmungen, besonders den Golfstrom, der Europa mit Wärme versorgt. Welche Rolle spielt der wenig erforschte Subpolarwirbel vor der Südspitze Grönlands?  Auch Veränderungen in der Luft können das Klima beträchtlich beeinflussen. Auch in der Natur drohen heftige und bereits jetzt unmittelbar bevorstehende Veränderungen. Es sterben deutlich sichtbar die Korallenriffe, wichtige Heimat zahlreicher Fischarten, der Amazonas-Urwald schwindet dramatisch rasch und die borrealen Nadelwälder rücken beim Auftauen der Permafrostböden in den hohen Norden. Hier sind schon bald Kipppunkte erreicht, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.  Positive Kipppunkte  Die Situation ist ernst, aber nicht zum Verzweifeln, denn – so die Autoren in ihrem letzten Kapitel – es gibt auch positive Kipppunkte beim Klimaschutz. Dazu zählen sie den unaufhaltsamen Aufstieg der Erneuerbaren Energien, insbesondere der Solarenergie und die E-Auto Revolution, die sich auch nicht mehr stoppen lässt. Ein dritter positiver Kipppunkt: eine Änderung des Essverhaltens. Weniger Fleisch, mehr Gemüse und Obst, möglichst biologisch angebaut. Ein sehr schwieriger Weg, wie die Autoren unumwunden zugeben, aber durchaus lohnenswert, denn die positiven Entwicklungen könnten uns vor den negativen Kipppunkten bewahren. Fazit des Buches: noch ist nicht alles verloren.
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Aug 31, 2025 • 4min

Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule

Zwei Schulen standen in der Kindheit des Schriftstellers Kaleb Erdmann für ein schreckliches Ereignis. Am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt gehörte er als elfjähriger Schüler zu einer Klasse, deren Lehrerin nach Abschluss der Stunde von dem Amokläufer Robert Steinhäuser erschossen wurde. Nach der Tat wurden die Schüler des Gymnasiums für mehrere Jahre in einem anderen Gebäude unterrichtet. Das war „Die Ausweichschule", von der Kaleb Erdmanns Roman über die aufsehenerregende Untat seinen Titel hat.   Roman über ein Erzählprojekt  Es hat gedauert, bis der Erzähler begriff, dass das Gemetzel, von dem er damals unmittelbar kaum etwas mitbekam, tiefe Spuren in ihm hinterlassen hat. Und es musste Zeit vergehen, bis Erdmann beschloss, sich die aufwühlende Erfahrung mit über dreißig von der Seele zu schreiben. Im ersten Kapitel erklärt er:  Ich denke sehr gründlich über einen noch nicht existierenden Roman nach, einen Roman über den Erfurter Amoklauf und mein elfjähriges Ich, das ihn erlebt, einen Text über eine kollektiv traumatisierte Schule, über das Gutenberg-Gymnasium in den Jahren nach dem Amoklauf, über Gewalt und Verarbeitung.  Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Nun ist dieses Buch fertig und auf dem Umschlag steht tatsächlich die Gattungsbezeichnung Roman, obwohl es sich genau genommen um den Roman eines Romans handelt. Denn Erdmann schreibt hier Metafiktion, also darüber, wie er bei der Arbeit an diesem Erzählprojekt vorgegangen ist, mit welchen Hemmnissen er zu kämpfen hatte und wie es ihm bei alldem ergangen ist. Das ist konsequent und im Übrigen ganz hervorragend gemacht.   Die Suchbewegungen der Recherche  Schließlich wirft die Annäherung an das traumatisch besetzte Thema viele Fragen auf. Eine davon lautet:   Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln? Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Die Katastrophe: das waren sechzehn ermordete Menschen in maximal zwanzig Minuten, eine tödliche Raserei, die sich mit rationalen Erklärungen kaum fassen lässt. Dass Erdmann daraus kein illusionistisches Erzählkino macht, gehört zu den Qualitäten seines Buches. Stattdessen beschreibt er die Suchbewegungen der Recherche und trägt damit mehr zur Charakterisierung des Unfassbaren bei als eine vermeintlich allwissende Erzählung, die ohne thesenhafte Behauptungen nicht auskäme. Wie im New Journalism der Amerikaner und inspiriert von dem Franzosen Emmanuel Carrère rückt der Autor seine Überlegungen und Empfindungen als Berichterstatter in den Mittelpunkt.   Gegen die geläufigen Debatten  Durch die pointierte Schilderung banaler Alltagsverrichtungen entsteht dabei immer wieder die Fallhöhe für beklemmende Komik. Vor allem aber verweigert sich Erdmann den geläufigen Debatten in der Öffentlichkeit konsequent, eher hält er ihnen kritisch den Spiegel vor. Ein Manifest, ein Bekennerschreiben als „Gebrauchsanweisung" zur Tat hat es, so betont er, im Fall dieses Amokläufers nicht gegeben. Daran schließt er eine Frage an, auf die jede allzu griffige Antwort verfehlt wäre:  Wie geht man mit dieser Sinnlosigkeit um, diesem irren Nihilismus, den Steinhäuser gehabt hat? Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Obwohl Kaleb Erdmann seine Darstellung nicht als Kunst konstruiert und damit im Ästhetischen befriedet hat, ist ihm dennoch etwas sehr Kunstvolles gelungen. Nämlich ein fesselnder Reportageroman, der Widersprüche und Rätsel nicht einebnet, sondern vielschichtig bewahrt, empfindsam und nüchtern, erhellend und ohne falschen Trost.
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Aug 29, 2025 • 55min

lesenswert Magazin mit neuen Büchern von Caroline Wahl, Antonia Baum, Marko Dinić und Katerina Poladjan

Neue Romane über Macht, Erinnerung und entzauberte Welten
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Aug 29, 2025 • 7min

„Da wird nichts von außen behauptet, sondern aus dem Erleben heraus erzählt“

Ein Tag, viele Perspektiven Im Zentrum des Romans steht ein einziger Sommertag im Jahr 1942, der in acht Kapiteln immer wieder neu erzählt wird. Aus wechselnden Perspektiven entsteht so kein enzyklopädisches Geschichtswerk, sondern eine erzählerische Collage: eine Sammlung von Gesichtern, Erinnerungen und Brüchen. Die Hauptfigur Isak – vorgestellt zunächst als Kind im Jahr 1916 – gilt als „letzter Jude Belgrads“. Er versucht seine Herkunft abzulegen, um zu überleben, während die Gewalt des Antisemitismus um ihn kreist. Die Geschichte seiner Mutter Olga, die 1921 spurlos verschwindet und zuvor ihre Haggada unter den Dielen versteckt, bleibt als ungelöstes Rätsel präsent und treibt Isak Jahrzehnte später an. Figuren zwischen Erinnerung und Erfindung Neben Isak begegnen wir vielen anderen Stimmen: dem Jungen Petar, der sich den Partisanen anschließt, und Rosa und Milan, einem Anarchistenpaar, das Isak adoptiert. Besonders ungewöhnlich ist die Figur der Hündin Malka – ihr Name bedeutet „Königin“. Aus ihrer hundehaften, sinnesgesteuerten Wahrnehmung entsteht ein ganz besonderes Kapitel. Sie wird zum Gedächtnis des Romans, ein Lebewesen, das Spuren von Vergangenheit und Herkunft in sich trägt. Ein poetischer Titel Der Titel „Buch der Gesichter“ verweist doppelt: auf die vielen einzelnen Menschen und ihre Schicksale sowie auf Erinnerungen und Visionen. Traum und Realität fließen ineinander, Geschichte entsteht aus Bewusstsein und Unbewusstem zugleich. Dinić ordnet sich damit deutlich in die literarische Tradition der Erinnerungs‑Literatur ein. Zitate von Danilo Kiš, Soma Morgenstern, Wislawa Szymborska oder Ruth Klüger markieren die Kapitel. Der Roman sucht zu Beginn manchmal den großen Ton, doch findet nach und nach eine eindringliche Sprache: persönlich, vielstimmig, berührend.
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Aug 29, 2025 • 8min

Literarische Radwege in Baden-Württemberg: Auf den Spuren von Grimmelshausen, Mörike & Co.

Freitagnachmittag im August. Ich sitze auf dem Rad. Knapp 50 Kilometer liegen vor mir. Zwischen Feldern, Weinbergen und kleinen Ortschaften öffnet sich ein Weg, der mehr ist als eine sportliche Tour: ein literarischer Radweg in Baden-Württemberg. „Per Pedal zur Poesie" heißt das Projekt vom Literaturarchiv Marbach. Schirmherr ist Prof. Dr. Thomas Schmidt: „Die Idee für die Literarischen Radwege kam 2008. Sie liegt eigentlich auf der Hand: Wir haben im Südwesten viele schöne Landschaften, die gut mit dem Rad erschlossen sind, und gleichzeitig die reichste Literaturlandschaft Europas – etwa 100 literarische Dauerausstellungen und zahlreiche weitere Orte. Das wollten wir verbinden: Landschaft und Literatur, auf eine sanfte, den Raum abtastende Weise. Daraus sind die Radwege entstanden. Mittlerweile haben wir elf Routen, drei weitere sind in Planung.“ Auf Spuren barocker Dichter Radweg Nummer elf führt mich ins Renchtal. Oberkirch, Gaisbach, Renchen, Willstätt – ruhige Weinbaugebiete in der Rheinebene, viel Fachwerk, grüne Felder, reichlich Obstanbau. Und: Eine reiche Literaturgeschichte. Hier befand sich schließlich, seit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Wahlheimat von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, wo er den barocken Abenteuerroman „Simplicissimus Teutsch“ schrieb. Die Radwege plant das Literaturarchiv eben nicht zufällig, sondern an den wichtigsten historischen Punkten entlang: „Mindestens zwei, höchstens vier literarische Museen oder Dauerausstellungen sollen an der Route liegen. Mehr wäre für Radler zu viel. Die Länge liegt zwischen 30 und 50 Kilometern. Zunächst orientieren wir uns an den Ausstellungen, dann suchen wir literarische Orte in der Umgebung.“ Bewegungssinnliche Literaturerfahrungen Damit zurück zu meiner Radtour. Startpunkt: Oberkirch. Im kleinen Stadtmuseum lässt sich mehr über Grimmelshausen und seinen Einfluss auf den regionalen Weinbau erfahren. Schnell weiter geht es aber nach Gaisbach, wo sich im Gasthaus Silberner Stern, das Grimmelshausen einst selbst betrieb, vespern ließe. Vielleicht die bessere Wahl? Denn die nächste Etappe hat es in sich. Der Anstieg auf die Schauenburg zeigt Zähne. Literaturgeschichte als körperliche Erfahrung. Ich erinnere mich an Schmidts Worte: „Die Erfahrung prägt sich sinnlich, sogar kinästhetisch – also bewegungssinnlich – ein. Wenn man etwa von Kirchheim/Teck über Ochsenwang nach Bad Boll fährt, dann fährt man auf Mörikes Spuren, aber muss den Albtrauf hoch – das vergisst niemand, auch E-Biker nicht. Die Geschwindigkeit des Rades ist aber beschaulich, man ist mit allen Sinnen dabei. Aber: Ein Radweg muss vor allem schön sein.“ Neue Radwege in Planung Schön ist die Aussicht auf die Rheinebene. Das macht den Reiz des poetischen Radwegs aus: Natur, Stadtbild und Literatur verbinden sich hier spielerisch miteinander. So lässt sich die Regionalkultur aktiv erleben. Das Projekt wächst bis heute immer weiter, wird modernisiert, meint Schmidt: „Unter anderem, weil sich in den letzten 17 Jahren Beschilderungsvorschriften und Radwegführungen stark verändert haben. Wir evaluieren die bestehenden Wege, korrigieren die Führungen, beschildern neu, produzieren GPX-Tracks für Komoot und Outdooractive.“ Da Literaturbegeisterte aber bekanntlich auch gerne Viellesende sind, finden sich die Wegbeschreibungen in aufwendig gestalteten Leporellos. 2026 ist Grimmelshausen-Jahr „Darin gibt es Texte, die – wie Ethnologen sagen würden – eine „dichte Beschreibung“ bieten. Was nicht einfach ist, weil die literarischen Spuren oft nicht kausal zueinander stehen. Daraus entsteht ein Essay, der die Landschaft als Literatur-Landschaft zeigt – nicht nur als Natur- oder Weinlandschaft.“ In Renchen gilt es einige Sehenswürdigkeiten zu besichtigen: Das Simplicissimus-Haus, der Fabeltierbrunnen, das Grimmelshausen-Denkmal. Ein Ausblick aufs Jahr 2026 gibt Prof. Dr. Thomas Schmidt: „Es ist Grimmelshausen-Jahr. In Renchen und Oberkirch finden Sie zentrale Orte zu seinem „Simplicius Simplicissimus“. In Renchen gibt es eine Ausstellung mit Illustrationen des Romans, in Oberkirch eine ganz neue Ausstellung, die am 20. März eröffnet wird – rechtzeitig vor der Radsaison. Handlungsorte literarischer Texte im Südwesten Die letzte Etappe und die Beine sind schwer. Hinter mir liegen viele literarische Stationen, fast 50 Kilometer. In Willstätt warten die Spuren eines weiteren barocken Dichters: Johann Michael Moscherosch. Der Südwesten zeigt sich voller Handlungsorte literarischer Texte und Schauplätzen der Literaturgeschichte.   „Beispiel: Wenn Sie mit der Regionalbahn von Stuttgart nach Heilbronn fahren, passieren Sie kurz vor Lauffen, dem Geburtsort Hölderlins, einen Eisenbahntunnel. Dieser ist zentraler Ort eines Romans von Heimito von Doderer, wo der Tunnel für das Unbewusste und Verdrängte steht. Die Museen sind das Korsett, dazu kommen spannende, literarische Orte.“ Jeder gefahrene Kilometer auf dem literarischen Radweg inspiriert zu neuem Lesestoff. Am Schluss steht also kein Endpunkt, sondern ein fortlaufendes Projekt. Es gibt viel zu entdecken. Immer weiter radeln also.
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Aug 29, 2025 • 5min

Ein Kind - ja oder nein? Antonia Baum erzählt von der schwersten Entscheidung | Buchkritik

Laura ist Anfang 30, sie strebt eine geisteswissenschaftliche Unikarriere an und steckt mitten in der Promotion. Für den Lebensunterhalt arbeitet sie in der gynäkologischen Praxis von einem Freund ihres Vaters als Arzthelferin. Von ihrem Lebensgefährten Aram ist sie frisch getrennt - und schwanger: in der titelgebenden „achten Woche“. Ist man schwanger, nimmt man sein Urteil (…) immer mit, egal, wohin man geht. Die Gewissheit, die darin liegt, hat (…) aber auch was Beruhigendes, jedenfalls für sie. Sie wird die Suppe auslöffeln. (…) Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Laura hat bereits eine Abtreibung hinter sich, dann bekam sie eine Tochter, Helena, heute fast drei, und jetzt ist sie also wieder schwanger: wieder von ihrem Freund Aram - oder korrekter: von ihrem Ex-Freund. Soll sie das Kind behalten oder nicht? Das ist die große Frage für Laura. Wie für so viele andere Frauen. Die große Unsicherheit der Frauen bei der Kinderfrage Die Geburtenrate in Deutschland sinkt. Zurzeit liegt sie bei etwa 1,3 Kindern pro Frau. Warum ist das so? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, der kann sie in Antonia Baums kurzem Roman finden, der sich eher als ein langer Gedankenstrom liest, denn als klassisch erzählter Plot. Antonia Baum umkreist sehr eindringlich und aus verschiedenen weiblichen Perspektiven die fast erdrückend große Unsicherheit, die Frauen heute bei der Kinderfrage umtreibt. Denn sie sind ja diejenigen, die am Ende, wie es Baum es so bitter-ironisch nennt, „die Suppe auslöffeln“: …wenn Frauen ungewollt schwanger waren und arm, dann gingen sie ins Wasser, auf Gemälden, in der Literatur, sie gingen ins Wasser, wo sie die Suppe auslöffelten, schlammig mit Seerosen drin, verdorben und schön zugleich. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Ins Wasser müssen die Frauen heute nicht mehr gehen - aber ihre Nöte, das zeigt Baum in „Achte Woche“ sehr anschaulich, sind nicht unbedingt kleiner geworden. Die Kinderfrage ist für viele immer noch eine schwere Bürde, mit der sie oft ziemlich allein gelassen werden. Viele Frauen werden mit ihrer Entscheidung alleingelassen In der Praxis, in der Laura arbeitet, kommen einige von ihnen zusammen. Baum erzählt ein paar Parallelgeschichten, in denen sich Lauras eigenes Schicksal spiegelt: Da gibt es zum Bespiel die Patientin Amelia, die sich - anders als Laura - sehr sicher über ihre Abtreibung zu sein scheint, es gibt Lauras Kollegin Elena, die Kinder bekommen hat, aber jetzt sehr unter ihnen leidet: „eine stille Heldin, die jeder schon mal ausgenutzt hat“ heißt es im Roman über sie. Es gibt die 16-jährige Maha mit Migrationshintergrund, für die sich noch ganz andere Probleme stellen. Und es gibt Barbara, Lauras Mutter, die vom Vater Lutz lange getrennt ist. Heute lebt sie mit einer Frau zusammen - und an einer Stelle steht da ganz lapidar über sie: „Sie ist total verarscht worden.“ Das Verarscht- und das Alleingelassen werden: Für Laura trifft das in ganz wörtlichem Sinne zu. Eigentlich hatte sie sich ein zweites Kind mit Aram gewünscht. Das ist jetzt unterwegs, aber der Mann ist weg. Und das hier ist Lauras Dilemma: Wenn sie das Kind nicht bekommt, wird sie ihm das nicht verzeihen, egal, wie sehr sie sich um Fairness bemüht. Aber wenn sie es bekommt, wird sie es ihm auch nicht verzeihen. Er weiß nichts von ihrer Schwangerschaft. Er hat sich nicht gemeldet und sie hat ihm nicht geschrieben, hat nicht angerufen, aus Angst vor seiner Reaktion. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche „Achte Woche“ ist auch ein Roman über die große Abwesenheit der Männer, die sich schwierigen Situationen gerne mal entziehen: Hier sind sie ständig auf Reisen. Bekannte Themen wieder neu erzählt Auch in diesem schmalen Roman fächert Antonia Baum nochmal alle die Themen auf, die wir auch schon aus früheren Büchern von ihr kennen: Es geht, wie schon in „Stillleben“, um Rollenbilder, Mutterschaft und die vielfältigen Überforderungen heutiger Frauen, es geht auch um die Auswirkungen patriarchaler Strukturen und den männlichen Blick, den „male gaze“, um den schon Baums großartiger Roman „Siegfried“ kreiste. Hier, in „Achte Woche“, erscheint das alles noch einmal sehr verdichtet. Die einzige Frau, die in diesem Roman souverän aufbegehrt, ist die Lateinamerikanerin Amelia: Amelia raucht selbstgedrehte Zigaretten, sie trinkt Bier, sie geht campen, sie will forschen, sie lässt alles wachsen und trägt schnelltrocknende, ultradünne, thermoregulierende Kleidung, bestimmt schwarz. (…) Sie kümmert sich nie darum, wie sie aussieht und was andere wollen, und das verzeiht Laura ihr nicht. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Aber auch nur, weil Laura diese Frau insgeheim bewundert, die sich so konsequent dem „male gaze“ und allen gesellschaftlichen Erwartungen entzieht. Amelias Entscheidung gegen ihr Kind steht fest. Wie sich Laura am Ende entscheidet: Das lässt dieser kluge Roman natürlich offen.
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Aug 29, 2025 • 6min

Menschlichkeit in Zeiten der Simulation: Marius Goldhorns neuer transhumanistischer Roman „Die Prozesse“ | Buchkritik

Wir sind deutsche Einzelkinder. Wir leben in Brüssel. Ezra ist älter als ich, über sieben Jahre. Ich bin 29. Ezra ist tausend Jahre alt. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Das steht in Marius Goldhorns zweitem Roman „Die Prozesse“ ziemlich am Anfang. Ein irritierendes Zitat. Der Ich-Erzähler wirkt furchtbar überreflektiert, wer stellt sich schon als Einzelkind vor? Er ist irgendwie entwurzelt zwischen Belgien und Deutschland, und zwischen ihm und seinem Freund klafft eine gewaltige Lücke von gefühlt 1000 – 29, also 979 Jahren. Außer einem erheblichen Gefühl der Verlorenheit erfährt man wenig über den Erzähler. Digitale Welt und literarische Strategien Der heute 30jährige Schriftsteller Marius Goldhorn ist in der durchdigitalisierten Welt großgeworden. Und das ist eine Welt, in der soziales Leben mehr simuliert als gelebt wird. Das erfordert neue literarische Strategien des Verbergens und Entblößens: Was gebe ich preis, und was erzähle ich besser nicht – das ist eine lebenswichtige Frage. Der Titel des Romans wie gesagt: „Die Prozesse“, und dieser Titel hat es in sich. Ein Prozess, das ist ein feststehendes Verfahren, das gilt bei Gericht wie bei naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen. Man kann sich hinter Prozessen verstecken – denn es gibt da Regeln, und die tragen dann die Verantwortung.   Marius Goldhorns Roman ist eine Reaktion darauf, und das macht ihn wertvoll. Goldhorn entwirft ein Vexierspiel zwischen handelnden Personen und einer Welt, die mit sich nicht klarkommt. Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Prophet des Aussterbens in virtuellen Welten Die Handlung ist ein bisschen komplex nachzuerzählen.  Es geht um ein Paar in einer nahen Zukunft, in der postkoloniale Migrationsverwerfungen und Klimakatastrophen Europa instabil gemacht haben, der Ältere des Paars, Ezra, ist Blogger und begleitet mit seinen Posts einen Aufstand in Belgien. Er ist besessen von der Idee, dass die Menschheit aussterben müsse, er gilt als Prophet des Aussterbens. Ezra hat diese online-Persona, sie heißt Deborn. Er hat mehrere Blogs, er kommentiert alles, er schreibt über alles. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Passend dazu: Sein Profilbild. Das ist Paul Klees „Angelus Novus“, der Engel, der rückwärtsfliegend nichts sieht außer den Katastrophen, die die Menschen anrichten, so hat Walter Benjamin, der große Denker, ihn beschrieben. Deborn war der Aussterbe-Engel. Er hatte diese kultartige Anhängerschaft. Online gab es Foren, die versuchten herauszufinden, was Deborn wollte. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Deborn/Ezra/Der Aussterbeengel ist sowas wie ein Heiliger. Er leidet gleichzeitig unter der Schmetterlingskrankheit, das hört sich poetisch an, aber die Krankheit gibt es wirklich, und sie ist wenig poetisch, unheilbar verlieren die Erkrankten ihre Haut – eine zerstörerische Metamorphose. Das passiert alles in der realen Welt, aber dann gibt es auch noch die Online-Welt. Sein Freund ist der Ich-Erzähler T., 3D-Entwickler, er will einen mystischen Baum schaffen, ein Heiligtum, für ein Computerspiel, das in einem Land namens Egregore spielt, der Begriff kommt aus der Fantasywelt, und bezeichnet eine Art Gedankenkraftfeld. Egregore ist am Leben“, erklärte sie ruhig, Egregore ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Lebenssimulation. Die Pflanzen wachsen, NPCs sterben und ihre Kinder altern.“ …. Hier, in Egregore verehren sie die Natur-Intelligenz als eine Gottheit, die ihnen nicht mehr als künstlich erscheint. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Menschlichkeit im Spiel – eine transhumanistische Utopie Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, hat Friedrich Schiller gesagt. Marius Goldhorn entwickelt den Gedanken bemerkenswert fort: Es gibt keine Menschlichkeit ohne Spiel – aber es kann ein Spiel geben ohne Menschen. Eine Entwicklerin erklärt irgendwann: „Die menschlichen Spieler leben einfach nur mit“. Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine transhumanistische Utopie: Wir saßen an schwarzen Steinen und verkohlten Ästen, eine Feuerstätte unter einem bewölkten Nachthimmel, sofort ergriff mich die Ingame-Wärme. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Die In-Game-Wärme ersetzt die zwischenmenschliche … Man kann Marius Goldhorns Roman so lesen: Es geht darum, was die Welt mit den Menschen macht, nachdem wir sowas wie ein kollektives Bewusstsein entwickelt haben. Zwischen Apokalypse und Europaroman Das Spiel wächst und wächst, während die Aufständischen langsam die Macht über Europa übernehmen. Der schwerkranke Ezra und T. suchen Heilung und Ruhe im Süden, bis sie ins klimawandelverbrannte Ligurien kommen, wo Ezra an Denguefieber stirbt. Die Passagen dort gehören zu den ruhigsten und traurig-schönsten des Romans. Ein seltsamer, schwebender, mystischer Grundton durchzieht das Buch, das ist beim Lesen trotz der einfachen Sätze manchmal herausfordernd aber immer spannend. Ezra ist wie gesagt ein Heiliger der Revolution, T. trägt den halben Roman hindurch eine Djellaba, das ist ein arabisches Männerkleid, man könnte es aber auch als Mönchskutte sehen. Dass er gleichzeitig den Roman schreibt, den wir lesen, macht ihn zum Propheten Ezras. Vieles wirkt geradezu religiös, Das Computerspiel am Anfang wie eine Untergrundkirche, die Aufstände wie ein jüngstes Gericht. Utopie und Apokalypse halten sich die Waage in Marius Goldhorns Roman. Die Kommunarden wollen irgendwann die Schuld aufarbeiten. Es kommt zu Prozessen, Schauprozessen, bei denen die Kommunarden die historischen Verbrecher benennen, die dann von Fotos getilgt werden und in Büchern nur noch mit einem X vor den Namen erscheinen. Da steht dann weniger Kafkas Prozess als Peter Weiss‘ „Ermittlung“ Pate – und das kann man wirklich so sagen: Marius Goldhorn beruft sich auf ein ganzes Arsenal von Dichtern und Denkern. Und schreibt dabei einen irritierend zwischen Welten oszillierenden Roman, der Kraft hat, Tiefe und Geschwindigkeit. Heiligenlegende, Europaroman, Revolutionsdrama, Künstlerroman, postmodernes Kabinettstück Liebesgeschichte und Science-Fiction – „Die Prozesse“ sperrt sich gegen jede Eindeutigkeit – und macht dadurch den Kopf frei, der in den Sturzbächen der digitalen Entwicklung nur noch das überlaute und bedrohliche Grundrauschen wahrnimmt.
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Aug 28, 2025 • 4min

Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen? | Buchkritik

Flüsse in drei unterschiedlichen Klimazonen hat der britische Autor Robert Macfarlane für sein neues Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ besucht: in Südamerika, in Indien, in Nordamerika. Anhand ihres Schicksals weist er auf die vielfältigen Schwierigkeiten hin, hin, die fließendes Wasser auf seinem Weg zur Küste zu bewältigen hat. Bedroht ist ihre jeweils besondere Schönheit, durch den Menschen, seine Industrie, seine Chemie, seine Landwirtschaft, seine ungehemmte Wassergier.  Drei Flüsse – drei Kontinente – drei Klimazonen  In Ecuador ist Macfarlane in das Quellgebiet des Río Los Cedros, in den Nebelwald aufgebrochen, um dessen wilde, ungezähmte Natur zu entdecken. Dank mutiger Richter ist es inzwischen unter strengen Naturschutz gestellt.   In Indien hat er sich in die Hafenstadt Chenai begeben, um dort die Misshandlung – anders kann man es wohl kaum nennen – dreier Flüsse zu dokumentieren. Sie dümpeln nur noch als Schatten ihrer selbst in den Golf von Bengalen, als schmutzige Rinnsale, ungenießbares Wasser, giftig für Mensch wie Natur, von korrupten Politikern an die Chemieindustrie verkauft.   Der dritte Fluss ist der Mutehekau Shipu in Kanada, bedroht durch Staudämme zur Stromgewinnung. Nach Ansicht des Autors „ertränken“ diese einen Fluss, denn das gestaute Wasser nimmt ihm seine Kraft, seine Lebendigkeit, seine Sedimente.  Die indigene Bevölkerung sieht den Fluss als eine heilige Gottheit an. Mit dem Segen einer Heilerin und der von ihr versprochenen Aussicht auf innere Erkenntnis, paddelt Robert Macfarlane mit ortskundigen Gefährten im Kajak flussabwärts. Ein Höllenritt, denn sie müssen sehr gefährliche Stromschnellen, reißende Strudel, enge Felsschluchten bewältigen.   Engagierte Naturschützer vor Ort  Macfarlanes Vorgehensweise ist immer dieselbe. Er sucht sich engagierte Naturschützer vor Ort, die ihn führen, aufklären, unterstützen. Mit ihnen spürt er der Einzigartigkeit der Flüsse nach. Er beschreibt wortmalerisch ihr Wasser, das organische Leben in ihnen, die sie umgebende Natur. So erweckt er sie für uns Leser zum Leben – eine erstaunliche Leistung.  Immer wieder fügt er Zitate von Dichtern und Philosophen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse in seinen Text ein.  Vor allem aber beschreibt er seine persönlichen Empfindungen und Gefühle angesichts des Zustands der Flüsse: Er macht aus seiner Wut, Verzweiflung, Begeisterung, Erschöpfung keinen Hehl. Das bringt uns Macfarlane nahe und macht ihn uns sympathisch.  Ansteckende Begeisterung  Ihm gelingt es zudem, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Wir folgen ihm gerne, auch wenn seine Beschreibungen bisweilen arg lang geraten. Der erzählende Teil des Buches ist immerhin 341 Seiten lang. Es enthält aufschlussreiche Schwarz-Weiß-Fotos der Landschaften und Kartenausschnitte sowie am Ende ein umfangreiches Quellenverzeichnis. Dabei verliert Macfarlane nie seine große Frage aus dem Auge, ob Flüsse als Lebewesen anzusehen sind. Dass seine Schilderungen sie lebendig machen, ihnen einen eigenen Charakter zusprechen, ist eine Antwort. Man versteht sie sofort. Aber wichtiger ist die Frage, wer sie eigentlich vertritt, ihnen eine Stimme gibt, ihre Sprache versteht. “Was sagt uns der Fluss” formuliert es Robert Macfarlane, der sich als ihr Fürsprecher sieht, aber ihre Sprache eben auch nur interpretieren kann.   Jeder hört etwas anderes, je nachdem, ob er zu den indigenen Völkern gehört, die an den Flussufern wohnen, ein Umwelt- oder Naturschutzaktivist, ein Naturphilosoph, ein Wissenschaftler ist. Selbst wenn sie alle die Frage mit einem Ja beantworten, so sieht jeder im Fluss etwas anderes. Und genau das ist die Crux mit der Antwort, so Macfarlane, denn jeder antwortet aus seiner Sicht, aus seiner Perspektive. Der Fluss spricht, aber wir Menschen verstehen ihn nicht.
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Aug 28, 2025 • 13min

„Man denkt, dort passiert es am wenigsten“ - Caroline Wahl im Gespräch über ihr Buch „Die Assistentin“

Kristine Harthauer: Du hast Deine Figuren Tilda und Ida nach zwei Büchern ziehen lassen. Wie war das für Dich? Caroline Wahl: Ach, voll okay. Ich hatte jetzt Bock, etwas Neues zu erzählen, und ich glaube, es hätte sich falsch angefühlt, jetzt nochmal mit der Mutter oder Samara oder so loszuziehen, weil ich diese Geschichte eigentlich schon länger erzählen wollte. Und weil ich auch Bock hatte, mich literarisch neu aufzustellen. Ich brauche, glaube ich, immer so neue Lebensabschnitte. Und ich wollte jetzt was ganz anderes, beziehungsweise ganz anders ist es ja nicht, aber ein bisschen anders. Eigene Erfahrungen flossen mit ein Kristine Harthauer: Dein neues Buch ist schon anders, weil es noch mal näher dran ist an Deinen eigenen Erfahrungen. Wie war das für Dich, damit zu arbeiten? Caroline Wahl: Das war total anders, diesmal in die Verlagsbranche reinzuspringen, also in einen Bereich, den ich sehr gut kenne und wo ich viele Erfahrungen gemacht habe. Es war auf jeden Fall auch ein anderes Schreiben und herausfordernder, würde ich sagen. Aber es macht natürlich auch Bock, in einen Bereich zu gehen, in dem man sich schon auskennt. Ich finde, da kann man so anders in die Tiefe springen als in anderen Bereichen. Wenn ich zum Beispiel über Alkoholismus schreibe, in „22 Bahnen“, dann ist das ein Thema, da würde ich jetzt nie krass in die Tiefe gehen und ein Psychogramm von der Mutter versuchen zu zeichnen. Und beim Thema Verlag hat man dann schon Bock, kleinteilige Beobachtungen einfließen zu lassen, die man gemacht hat. Folgen von Machtmissbrauch und Manipulation Kristine Harthauer: Lass uns mal auf die Hauptfigur in Deinem neuen Roman schauen: Die Assistentin, das ist Charlotte. Was ist sie für eine junge Frau? Caroline Wahl: Charlotte ist eine wütende junge Frau, die gerade unzufrieden mit ihrer Situation und auf jeden Fall sehr einsam ist und sich zu Beginn zumindest gar nicht traut, ihren Weg zu gehen und dann eben in diesem Verlagshaus landet und sich verfängt. Und ich würde sagen, dass Charlotte eben keine klare Heldin ist, so wie Tilda. Sie hat auf jeden Fall auch negative Seiten. Sie ist unkollegial und vor allem verliert sie sich so ein bisschen im Verlag und handelt entgegen ihrem moralischen Kompass. Das wollte ich auch erzählen, was das mit so einer Person wie Charlotte macht, wenn sie so einem Machtmissbrauch ausgesetzt ist. Also, dass man dann auch gar nicht mehr so handelt, wie man es von sich selbst erwartet. Und dass da auch ganz viele kleine Dinge passieren, die ganz schwierig zu erklären oder in Worte zu fassen sind. Zum Beispiel, dass sie sich fast schon schämt und dass sie sich nicht wehrt. Und dass sie zum Beispiel mitflirtet, wenn der Verleger so komisch mit ihr kommuniziert und so weiter. Kristine Harthauer: Das sind sehr bedrückende Szenen. Und ich glaube, viele junge Frauen kennen das, dass sie sich im ersten Job besonders beweisen wollen und viel herunterschlucken. Charlotte steckt in einem wirklich schrecklichen Arbeitsverhältnis, weil die Grenzen zwischen der Arbeit im Verlag und dem Privatleben verschwimmen. Als Assistentin kümmert sich Charlotte auch um das Privatleben des Verlegers. Gleichzeitig ist Charlotte als Figur nicht besonders sympathisch, weil sie sehr ehrgeizig ist und dem Verleger auch irgendwie gefallen will, woher kommt das? Caroline Wahl: Es ist einerseits so, wie Du meinst, dass diese veralteten Vorstellungen herrschen, dass man sich als Berufseinsteigerin erstmal behaupten muss und viel Scheiße fressen muss. Ich glaube, ich bin da so ein bisschen zwischen den Generationen. Ich denke auch, dass man sich am Anfang seinen Platz erkämpfen muss. Aber es gibt Grenzen und man muss nicht jede Scheiße fressen. Bei Charlotte ist das große Ding diese Suche nach Bestätigung und diese tiefe Einsamkeit. Sie hat einfach wenig Menschen, die ihr nahestehen und sucht dann, da sie die Bestätigung von den Eltern nicht bekommt, die Bestätigung von diesem neuen Chef und ist dann auch ganz blind in dieser Bestätigungssuche. Es fehlen Kontrollmechanismen Kristine Harthauer: Dein Buch spielt in einem Verlag, der dem Verleger Ugo Maise gehört. Er ist der Eigentümer und hat damit sehr viel Macht. Glaubst Du, dass Verlage, die sie so strukturiert sind, besonders anfällig sind für Machtmissbrauch? Caroline Wahl: Ja. Ich glaube, es ist ein Modell, das schon gut funktioniert, um eine Firma zu strukturieren. Aber es ist auch mega gefährlich und es braucht sehr viele Kontrollmechanismen, wenn einer an der Spitze ist. Als alleiniger Eigentümer finde ich es schwierig. Und in dem Fall ist es sogar ein inkompetenter Mensch, der da oben das Sagen hat und wirklich quasi Narrenfreiheit hat. Und wenn ich manchmal darüber nachdenke, finde ich gar nicht, dass der Verleger der Täter ist. Ich finde, das Schlimmste beim Lesen und auch beim Schreiben waren diese ganzen Menschen, die im Verlag arbeiten und zuschauen. Es ist offensichtlich und jeder weiß es, dass dieser Verleger Ugo Maise da eine Assistentin nach der anderen hat und sein Unwesen treibt und dass da alle nur um die eigene Stelle Angst haben und diesem Assistentinnen-Verschleiß zuschauen und sich diesem Chef beugen. Ein Verlag ist kein utopischer Ort Das kann mir niemand sagen, dass das sein muss.Wenn mich manchmal andere fragen, muss diese Geschichte in der Verlagsbranche spielen, dann denke ich, nein, es kann auch in jeder anderen Branche passieren. Aber es war mir wichtig, dass es in der Verlagswelt passiert, weil ich davon mitbekommen habe, von anderen Menschen und durch eigene Beobachtungen. Und ich finde, das ist so ein krasser Ort, wo das passiert, weil man eigentlich denkt, dort passiert es am wenigsten. Es ist ein Ort, wo idealistische Menschen zusammenkommen und Bücher rausbringen und das sind Menschen, die an Debatten teilhaben, die offen sind. Und damals als Studentin wollte ich unbedingt in einem Verlag arbeiten, weil es für mich so ein utopischer Ort war, wo man einfach zusammen an der Veröffentlichung von Büchern arbeitet und wo Menschen sind, die für Geschichten brennen. Und deswegen finde ich den Verlag gerade als Ort für so einen Machtmissbrauch passend, weil es eben auch in der Realität passiert. Kristine Harthauer: Du hast es schon angedeutet, dass Du auch aus eigenen Erfahrungen schöpfst. Hast Du dieses Buch geschrieben, weil da noch etwas in Dir gärt oder weil Du ein Sittengemälde zeichnen wolltest? Es gibt ja noch nicht wirklich den einen Roman über Machtmissbrauch in der Verlagsbranche. Caroline Wahl: Es wäre mir falsch vorgekommen, jetzt noch mal so eine zeitlose Geschichte von einer jungen Frau zu erzählen, die ans Meer fährt oder so, weil ich eben diese Beobachtungen gemacht habe. Ich habe schon nach „22 Bahnen“ meinem ehemaligen Agenten gesagt, Du, als nächstes schreibe ich „Die Assistentin“. Und der meinte, warte mal, schreib erstmal was anderes. Dann habe ich „Windstärke 17“ geschrieben, weil ich da auch Bock drauf hatte. Aber jetzt war klar, ich kann nicht noch länger warten, wenn man eine Geschichte hat, die mehr in der Gegenwart spielt. Ich freue mich jetzt richtig auf die Veröffentlichung, weil ich auch keine Angst vor irgendetwas habe. Ich muss mit allen Konsequenzen leben, weil es war klar, dass ich diese Geschichte erzähle und ich bin jetzt auch stolz, dass ich die erzählt habe. Vorbild Diogenes-Verlag? Kristine Harthauer: Du hast in einigen Interviews erzählt, dass Du im Diogenes Verlag als Assistentin gearbeitet hast und dass das eine schwierige Zeit für Dich war. Damals hast Du in Zürich neben der Arbeit angefangen, an Deinem Debütroman „22 Bahnen“ zu schreiben. Deine Figur Charlotte macht es ähnlich. Sie fängt an, Musik zu machen. Das Vorbild für den Verleger in Deinem Roman, ist das der Verleger und Eigentümer des Diogenes Verlages, Philipp Keel? Caroline Wahl: Nö, also das ist nicht autobiografisch, meine Geschichte, die ich erzähle, ist Charlottes Geschichte. Ich kann natürlich total nachvollziehen, dass da jetzt Parallelen gesucht werden. Ich wurde bei „22 Bahnen“ immer gefragt, ob meine Mutter alkoholkrank ist, da habe ich Nein gesagt. Und dass jetzt sich noch mehr solche Fragen aufdrängen, ist klar. Aber ich glaube, dass das der falsche Schritt ist, dann mit dem Textmarker oder Bleistift zu kommen und genau die Parallelen aufzuzeigen, weil ich eben denke, dass es kein Einzelschicksal ist, von dem ich erzähle. Und dass das, was Charlotte passiert, vielen passiert und dass dieser Machtmissbrauch auch ein Thema ist, das passiert. Und ich glaube, vielleicht sollte man eher den Blick ausweiten, als ihn auf diesen einen Verlag dort in der Schweiz zu richten. Kristine Harthauer: Du wendest in „Die Assistentin“ einen ungewöhnlichen Erzähl-Kniff an: Du lässt die Erzählerin immer wieder die Handlung kommentieren und andeuten, was als nächstes kommt. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, es hilft mir, das Ganze noch besser zu verstehen, weil ich Pausen zum Nachdenken habe. Was wolltest Du vielleicht als Autorin besser verstehen? Caroline Wahl: Alles, vor allem den Machtmissbrauch. Es ist keine MeToo-Geschichte, da findet keine klare Grenzüberschreitung statt. Er fasst sie nicht an. Es ist quasi nichts nachweisbar, ob er etwas gemacht hat, was nicht geht. Aber es sind ganz viele kleine Grenzüberschreitungen. Und in diesen Grenzüberschreitungen verfängt sich Charlotte immer mehr. Wie sie in eine Abwärtsspirale reingerät – es sind ja total viele Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Dass sie einsam ist, dass sie keinen Halt bei den Eltern findet, dass sie Angst vor der Zukunft hat. Da passiert so viel, dass es wichtig für mich war, als Erzählerin einen Schritt zurückzugehen und kurz innezuhalten, zurückzublicken, vorauszublicken, mich kurz zu sammeln. Struktureller Machtmissbrauch in der Verlagsbranche Kristine Harthauer: Du hast vorhin gesagt, dass Dir Menschen aus Verlagen erzählt haben, dass sie Machtmissbrauch erlebt haben. Hast Du da Gespräche geführt? Caroline Wahl: Super viele Gespräche, noch mehr als ich dachte. Ich glaube, alle, die so ein bisschen in der Verlagsbranche sind, können Dir mindestens drei schwierige Verleger*innen, auch Frauen, nennen. Man muss sich eigentlich nur mal die Verlagsspitzen anschauen und gucken, wie oft die wechseln und wie schnell die auf einmal wechseln. Bewegung ist immer gut und ich finde, wenn die Führungsetage mal gewechselt wird, ist das immer gut. Aber bei manchen Verlagen ist da wirklich auch viel Bewegung und da wundert man sich natürlich als Beobachterin, die manchmal auch die Geschichten nicht kennt, die dahinterstecken. Den Text haben noch nicht viele gelesen, aber wenn ihn welche gelesen haben, dann sind es meistens Journalist*innen oder Leute aus der Verlagsbranche. Und es war erschreckend, was einem dann so erzählt wird. Aber es hat mich trotzdem nicht überrascht. Ich finde, so eine Verlagsleitungsstelle bietet guten Nährboden für eine schwierige Figur, weil man braucht so seltsame Qualifikationen. Es geht darum, einfach gut kommunizieren zu können und Autor*innen zu umwerben und ein Gespür zu haben, was gerade abgeht. Und das sind halt so Menschen, die auf den ersten Blick interessant sind und mit denen man auch mal ein Weinchen trinkt und eine Zigarette raucht und so weiter. Und ich finde, mit diesem Grundkonstrukt, da bieten sich Grenzüberschreitungen nochmal mehr an. Vielleicht auch, weil die Aufgabenbereiche nicht so klar abgesteckt sind. Hinschauen nicht wegschauen Kristine Harthauer: Was glaubst Du, hätte Charlotte geholfen, um da früher aus dem Verlag rauszukommen? Caroline Wahl: Sie wünscht sich ja immer, dass die Eltern sagen, das geht ja nicht, ihr flirtet ja schon fast, oder komm nach Hause, aber die sagen es nicht. Ich glaube, das hätte ihr schon geholfen. Umso schöner finde ich, dass sie im Laufe der Geschichte checkt, dass da kein Ritter kommt, der sie rausholt. Dass nicht die Eltern kommen, die sie rausziehen, sondern dass sie es selbst schafft. Wobei mir letztens aufgefallen ist, eigentlich ist die Retterin die Ärztin, die sagt, Du gehst da nicht mehr hin. Sie hat auf so eine Nachricht gewartet. Wenn diese Nachricht nicht gekommen wäre, weiß ich nicht, wohin die Geschichte gegangen wäre. Ich möchte mit meinen Geschichten nichts bewirken, ich will in erster Linie erzählen. Aber wenn es passiert, dass die Leser*innen danach ein bisschen sensibler für so was sind und nicht nur zuschauen, sondern wenn sie so eine Charlotte sehen, da mal ein bisschen mutig eingreifen, dann wäre es das Geilste, was passieren kann. Kristine Harthauer: Caroline Wahl, danke Dir für das Gespräch!

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