

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Oct 7, 2025 • 4min
Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke
Hans Joachim Schädlich und Günter Grass unterhielten ein besonderes Verhältnis. Als die DDR dem Ostberliner Schädlich aus politischen Gründen alle Verdienstmöglichkeiten entzog, unterstützte ihn Grass mit einer rettenden Summe. Und mit großem Engagement setzte er sich nach der Ausreise des ostdeutschen Kollegen für dessen Bücher ein.
Doch dann, nach der Wiedervereinigung, folgte das Zerwürfnis. Dass Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ die DDR als „kommode Diktatur"“ charakterisierte, wollte ihm Schädlich nicht durchgehen lassen. In einem Brief warf er Grass vor:
Es ist kein Wunder, dass Du das gesamte Stasi-System regelrecht verharmlost. Wie ‚angenehm‘ diese Diktatur war, hättest Du von Leuten wissen können, die Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben
Quelle: Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke
Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente
Der Rückblick auf die Freundschaft mit Grass und ihr harsches Ende gehört zu den brisantesten Texten in Hans Joachim Schädlichs Erinnerungsbuch mit dem bescheidenen Titel „Bruchstücke“. Darin versammelt der nun neunzigjährige Schriftsteller Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente und Merkwürdigkeiten aus seinem Leben. Er lässt Kollegen wie Uwe Johnson, Nicolas Born, Adolf Endler oder Max Frisch in Momentaufnahmen und Porträtskizzen auftreten.
Sarah Kirsch, die Dichterin und enge Freundin, überraschte ihn mit ihrer Fürsorglichkeit, später hob sie sarkastisch hervor, es sei ihm das „Meisterstück“ gelungen, in der DDR kein einziges Buch herauszubringen. Von SED-Funktionären dagegen wurde er aufgrund unveröffentlichter Texte der „psychologischen Kriegsführung gegen die DDR“ beschuldigt.
Literatur und Staatssicherheit
Schädlich erlebte, so lässt sich sagen, die Wiederkehr des deutschen Untertanen in Gestalt realsozialistischer Mitläufer, Karrieristen und Spitzel. Das ist ein zentrales Thema in seiner stets präzise gearbeiteten Erzählprosa und es bildet auch den roten Faden in diesen Erinnerungsfragmenten, die mal sachlich, mal mit leiser Ironie und oftmals spürbar nachzitternder Bewegung formuliert sind.
Etliche Reminiszenzen sind Schädlichs häufigen Aufenthalten an US-Universitäten gewidmet. Dabei sticht besonders sein Auftritt bei einem Symposium in Washington 1988 hervor. Da bezeichnete Schädlich die These, es habe sich in der DDR eine „sozialistische Nationalliteratur" entfaltet, als „propagandistischen Hokuspokus“. Er stellte fest:
In der DDR verfügen die Herrschenden über ein umfassendes Zensursystem. Eine erhebliche Arbeit an der Sache der Literatur leistet der Staatssicherheitsdienst durch Hilfe bei der Beseitigung oder bei der Zusammenstellung von Manuskripten.
Quelle: Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke
Eine exemplarische deutsch-deutsche Geschichte
Sicher ist jedenfalls: das entsprach Schädlichs persönlicher Erfahrung und dadurch wurde sein Selbstverständnis, wie hier immer wieder spürbar wird, unwiderruflich geprägt: als das eines Schriftstellers, dem im Land seiner Herkunft das Wort verboten wurde, und der erst in den Westen gehen musste, um seiner Berufung folgen zu können.
Dass sich sogar Schädlichs Bruder als Stasi-Spitzel entpuppte, taugt zum schmerzhaften Sinnbild dieses deutsch-deutschen Schriftstellerlebens. Kurzum: Hans Joachim Schädlichs „Bruchstücke“ messen in anekdotischer Form literaturgeschichtliche Höhen und Abgründe aus, von denen nur noch wenige so zuverlässig Zeugnis ablegen können wie er.

Oct 6, 2025 • 4min
Anne Rabe – Das M-Wort
Keine Gesellschaft kommt ohne Moral aus. Gemeinsame Werte regeln nicht nur unser Zusammenleben, sondern bestimmen auch unser Selbstbild als Gesellschaft. Sie kommen sowohl in den Gesetzen zum Ausdruck als auch in unserem alltäglichen Verhalten. Die Entscheidung, was wir für richtig und für falsch halten, ist zugleich eine Entscheidung über unser Selbst.
Das ist auch der Grund dafür, warum moralische Auseinandersetzungen besonders emotional geführt werden. Ob man sich nun auf die antike Tugendlehre, die Zehn Gebote oder die Erklärung der Menschenrechte bezieht. Seit es die Annahme verbindlicher Werte gibt, wird auch darüber gestritten, nach welchen Normen wir uns richten sollen.
Die Moral der Gesellschaft
Die heftigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre hat die Schriftstellerin Anne Rabe nun zum Anlass genommen, die hohen Ansprüche an unser moralisches Verhalten zu verteidigen. Ihr Essay „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ richtet sich vor allem gegen die Vorwürfe, unsere Debatten seien von zu viel Moral geprägt:
Die Verachtung der Moral ist nicht neu. Sie ist immer wieder Motor reaktionärer und auch gewalttätiger Bewegungen. Sie ist aber auch Teil der Überlegenheitsbehauptung derjenigen, die mit zynischem Schulterzucken andeuten wollen, dass sie sich keine Illusionen mehr machen: Es ist, wie es ist. Finde dich damit ab
Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort
Eine Welt ohne Aussicht
Auch in der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche moralische Krisen. Aber die aktuelle Krise, die Rabe diagnostiziert, geht sowohl über die schlechte wirtschaftliche Lage als auch über die Migrationsproblematik hinaus. Sie besteht letztlich in einer Abkehr von den moralischen Grundsätzen der Bundesrepublik.
Hatte sich Westdeutschland in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit in moralischer Hinsicht über die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen definiert, wurde diese negative Identität spätestens seit der Wiedervereinigung zunehmend kritisch gesehen. Aus dieser Kritik, so Rabe, sei heute längst eine grundsätzliche Moralverschiebung geworden:
Inzwischen ist es schwer zu sagen, wann es angefangen hat, dass Zukunft nicht mehr gleichbedeutend mit vorne, höher, weiter und besser war. Dass aus Wünschen auf Verbesserung, Ahnungen von Stillstand und schließlich die Angst vor Rückschritt wurde. War die Pandemie der Ausgangspunkt? Der Kriegsausbruch in der Ukraine? Oder doch schon die Finanzkrise? Der 11. September?
Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort
Der Wunsch nach Zukunft
So gut wie alle gesellschaftlichen Debatten sind derzeit von einer affektiven Polarisierung geprägt, ob es um den Klimawandel, die Flüchtlingspolitik oder die Geschlechtergerechtigkeit geht. Dagegen kämpft Rabe leidenschaftlich an, mal subjektiv, mal mit empirischen Daten, aber immer engagiert. Vor allem appelliert sie an unsere Fähigkeit zur demokratischen Solidarität.
Bei einem wichtigen Punkt bleibt sie allerdings merkwürdig unkritisch gegenüber den Kritikern der Moral. Als wären tatsächlich die einen für Moral und die anderen dagegen. Dabei begründen selbst reaktionäre Haltungen ihre Anliegen letztlich moralisch. Auch sie entwerfen sich im Hinblick auf eine zukünftige Welt, wie Rabe sie zurecht als moralischen Anspruch einfordert:
Die Moral ist keine Last. Sie befreit uns von unseren niederen Instinkten. Sie gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen, dass eine Welt, die wir denken können, eine Welt ist, die es geben kann.
Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort
Es hätte dem Buch gut getan, nicht der weit verbreiteten Rhetorik von Befürwortern und Gegnern der Moral verhaftet zu bleiben, sondern die gegenläufigen moralischen Horizonte herauszuarbeiten, vor denen argumentiert und gestritten wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre und hilft dabei, sich der eigenen moralischen Position zu vergewissern.

Oct 5, 2025 • 17min
Katerina Poladjan: Goldstrand
Auf engem Raum erzählt Katerina Poladjan von der ideologischen Wucht, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Von utopischen Entwürfen, kühnen Versuchen des Aus- und Aufbruchs. Und von den darauffolgenden Entzauberungen.

Oct 5, 2025 • 1h 13min
SWR Bestenliste Oktober
Eine Premiere im Jubiläumsjahr: Die SWR Bestenliste gastierte zum ersten Mal im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters. Aus der Jury diskutierten Cornelia Geißler (Berliner Zeitung), Anne-Dore Krohn (Rundfunk Berlin-Brandenburg) und Paul Jandl (Neue Zürcher Zeitung) über vier ausgewählte Titel der SWR Bestenliste im Oktober.
Auf dem Programm standen: Thomas Melles Roman „Haus zur Sonne“ (Kiepenheuer & Witsch), Percival Everetts Roman „Dr. No“ in deutscher Übersetzung von Nikolaus Stingl (Hanser), Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ (Hanser) und Katerina Poladjans Roman „Goldstrand“ (S. Fischer Verlag).
Die Jury lobte die vier erstplatzierten Bücher der Oktober-Bestenliste durchgehend, allein bei Everetts James-Bond-Persiflage gab es unterschiedliche Meinungen zur Frage, ob es ein paar Pointen zu viel gebe und die Parodie in manchen Passagen leerlaufe. Die brillante Übersetzung des Werks wurde wiederum von allen Jury-Mitgliedern herausgestellt!

Oct 5, 2025 • 20min
Percival Everett: Dr. No
Ein Professor und Experte für das Nichts. Ein Milliardär, der nur ein Ziel hat: Ein Bösewicht zu werden. Ein Buch, das unter seiner humorigen Oberfläche davon erzählt, was die Welt derzeit massiv ins Wanken bringt.

Oct 5, 2025 • 19min
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Der Anruf eines Theatermachers bei einer Schriftstellerin. Ein Angebot, an einem künstlerischen Projekt im Urwald teilzunehmen. Es wird ein beunruhigender Trip in Zwischenzonen des Daseins, in denen die Sprache zu versagen droht.

Oct 5, 2025 • 18min
Thomas Melle: Haus zur Sonne
Ein staatlich subventioniertes Projekt, in dem die Probanden ihre Wünsche erfüllt bekommen, um dann unauffällig aus dem Leben zu scheiden. Wieviel Selbstbestimmung hat man, wenn man erst einmal dort gelandet ist?

Oct 5, 2025 • 4min
Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün
Riesige Städte beherrschen die Welt in Patrick Lacans und Marion Besançons Graphic Novel „Grün“. Bilder aus der Satellitenperspektive zeigen, dass sie sich wie ein Nervengeflecht über die Erde ausgebreitet haben. Die Kontinente und Ozeane sind kaum noch erkennbar. Doch die Natur scheint unbeeinflusst von alldem.
In den Städten gibt es Gärten und Parks, sogar Wald. Und unterhalb der gigantischen Autobahnen schlängeln sich Unmengen von Wurzeln durch die Erde, umschlingen Rohre und Drähte. Diesen stummen Wettbewerb um Lebensraum kleiden die Comic-Erzähler nicht etwa ins titelgebende Grün.
In zarten Bildern erobert sich die Natur den Raum zurück
Er findet in Schwarzweiß und vor allem unzähligen Stufen von Grau statt und beginnt harmlos. Überall auf der Welt werden Babys geboren, denen Blätter aus der Nase wachsen. Sie sind gesund und niedlich wie alle Babys. Trotzdem verfallen die Medien in Alarmbereitschaft.
Reporterin: Anscheinend wurde zunächst versucht, es zu vertuschen. Aber bei der aktuellen Größenordnung ist das unmöglich. Ärztin: Wir haben nie versucht, es zu vertuschen. Das ist absurd! Reporterin: Wie dem auch sei, Frau Doktor, die Leute fangen an sich Sorgen zu machen. Handelt es sich um eine Epidemie?
Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün
Misstrauen gegenüber den Familien breitet sich aus. Gleichzeitig wachsen überall die Pflanzen schneller, verbreiten sich durch Pollen. Bemerkenswert ist: Obwohl es eine Invasion ist, wirkt sie an keiner Stelle so. Denn Marion Besançons Strich ist zart und skizzenhaft. Ihre kunstvoll gezeichneten Bäume und Büsche, die immer üppiger werdenden Wälder kommen fast ohne Konturen aus, sind weich und einladend.
Umso erstaunlicher, dass einige Figuren so panisch auf die Schönheit der Natur reagieren. Was umso mehr irritiert, weil ihre kindlich-weichen Gesichter an die Ästhetik des Manga erinnern.
Allen voran kapselt der alleinerziehende Vater Merlin sich ab und radikalisiert sich. Sein Sohn Clarence nimmt die Veränderungen als gegeben hin. Daneben führen Lacan und Besançon in Episoden weitere Figuren ein.
Sie leben alle in derselben Nachbarschaft: ein Männerpaar, ein Teenager-Mädchen und seine Mutter, eine Reporterin und ihre Großmutter, ein Paar mit Baby, dem immer mehr Blätter und Zweige wachsen. Wie überhaupt so gut wie alle Figuren irgendwann beginnen, Triebe zu bilden. Sogar Skeptiker Merlin entdeckt auf einem Röntgenbild winzige Zweige in seinem Kniegelenk.
Merlin: Was ist mit mir? Befreien Sie mich von diesem ...Alptraum, Doktor! (...) Arzt: Haben Sie Schmerzen? Wenn nicht, würde ich Ihnen raten, es so zu lassen. In letzter Zeit wurden viele Operationen durchgeführt, aber mit schlechtem Ergebnis. Entweder wächst es wilder nach oder es wird eine Behinderung
Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün
Eine Metamorphose vollzieht sich über ein Jahr. Die Jahreszeiten teilen das Buch in seine Kapitel ein: Herbst, Winter, Frühling und Sommer. Die Verwandlung ergreift nach und nach den Figurenreigen, die Städte und schließlich alle Menschen.
Die Metamorphose ist zu schön, um wünschenswert zu sein
Mit feinem Gespür für die Dimensionen von Misstrauen und Neugier entwickelt Patrick Lacan die Haltung seiner Figuren, lässt einige der Kleingruppen aufeinandertreffen und mit ihnen auch ihre widersprüchlichen Gefühle zum wuchernden Grün.
Verblüffend ist aber, dass Lacan die spannendste Dimension seines Gedankenspiels gar nicht thematisiert: nämlich wie Politik und Wirtschaft auf die sanfte Invasion reagieren. Zwar lässt er militante Pflanzengegner zum Kampf gegen den vermeintlichen Feind auflaufen. Aber das ist schon alles an sichtbarer Gesellschaft.
Wenn schließlich im finalen Kapitel, im Sommer, die Comic-Welt und die Buchseiten komplett grün werden, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, etwas zu sang- und klanglos verschwunden. Denn die Zweifel, ob eine Natur, die die Individualität des Menschen zerstört, eine wünschenswerte ist, haben in diesem Comic keinen Raum. Und so bleibt nach dem Lesen ein zwiespältiger Eindruck zurück. Trotz der Schönheit der saftig grünen Bilder.

Oct 1, 2025 • 4min
David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt
David Graeber war ein Vordenker, ein Utopist, ein Anarchist – und ein Träumer, auch das, belesen und denkfreudig. „Ein mit feministischer Theorie gut vertrauter Akademiker“, wie er selbst schrieb. Graebers Nachlassverwalterin und Witwe, Nika Dubrovsky, hat diese Textsammlung von David Graeber zusammengestellt und ihr den Titel gegeben: „Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt…“. Graebers Ideen leben.
Unsere Gesellschaft ist so organisiert, dass der Zugang zu Macht mit dem Zugang zu Gewalt verbunden ist. Menschen, die für andere sorgen, dürfen kaum wichtige Entscheidungen treffen. Es sind die Armeechefs, die Bosse von großen Konzernen und so weiter, die bestimmen, wie wir alle unser Leben leben. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die nach den Idealen dieser Leute organisiert ist?
Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt...
Anarchismus: weder gewaltsam noch zerstörerisch
In einem Essay aus dem Jahre 2000 räumt der 39-Jährige Graeber grundsätzlich mit Vorurteilen auf. „Sind Sie ein Anarchist?“, lautet der Titel und er listet zunächst Ängste und Befürchtungen auf. Anarchisten seien „Befürworter von Gewalt, Chaos und Zerstörung“? Falsch, sagt Graeber, purer Unsinn. Und er stellt seine Sichtweise und sein Verständnis von Anarchismus vor:
Anarchisten sind einfach nur Menschen, die glauben, menschliche Wesen seien zu einem vernünftigen Verhalten fähig, ohne dass man sie dazu zwingt. Es ist wirklich eine sehr einfache Vorstellung. Aber es ist eine Vorstellung, die die Reichen und Mächtigen schon immer für extrem gefährlich gehalten haben.
Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt...
Einfache Grundsätze des allgemeinen Anstands
Macht korrumpiere, schreibt Graeber, das gehöre zu den Grundüberzeugungen von Anarchisten. Und es sei „eine Frage des Mutes“, fährt er fort, „sich an die einfachen Grundsätze des allgemeinen Anstands zu halten“. Dazu zählt Graeber Würde und Respekt, Gewaltfreiheit, Empathie. Und er, der Akademiker, der aus der Arbeiterklasse stammte, verweist auf Studien der Psychologie.
Und weil die Menschen nun einmal empathische Lebewesen sind, führt das Wissen zu Mitleid und Mitgefühl. Die Reichen können unterdessen weiterhin unaufmerksam und gleichgültig bleiben, weil sie sich das leisten können. Zahlreiche psychologische Studien haben das in den letzten Jahren bestätigt. Menschen, die in Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, erzielen bei Tests zur Einschätzung von Gefühlen anderer Menschen konstant bessere Ergebnisse als Sprösslinge aus den wohlhabenden Bevölkerungsschichten oder von Angehörigen freier akademischer Berufe.
Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt...
Freiheit
David Graeber, in New York geboren, war kein Besserwisser, er wollte nicht recht haben. Doch er spekulierte und kombinierte gern, um neue Einsichten zu ermöglichen, um langweilige Vorurteile aus dem Kopf zu bekommen.
Graeber ging den Tabus im Denken und Handeln und in seiner eigenen Disziplin, der Anthropologie, nach; er schilderte persönliche Erfahrungen aus seiner Schulzeit mit Formen von Gewalt oder Erlebnisse mit seiner kranken Mutter und lähmender, schikanierender Bürokratie; er geißelte wiederholt überflüssige Bullshit-Jobs in Verwaltung, Finanz- und Werbewirtschaft, Manager- und Beratungstätigkeiten. Schließlich umriss er seine Idee von Freiheit.
Handeln als Selbstzweck könnte als eine Definition von Freiheit betrachtet werden, ist aber auch eine gängige Definition des Spiels. Das Spielprinzip kann mithelfen zu erklären, warum Sex Spaß macht, es kann aber außerdem erklären, warum Grausamkeit Spaß macht. (Wie jeder Mensch bestätigen kann, der schon einmal beobachtet hat, wie eine Katze mit einer Maus spielt, sind viele Spiele von Tieren nicht besonders nett anzusehen.) Aber es bietet uns eine Basis, von der aus wir über die Welt, die uns umgibt, hinausdenken können.
Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt...
Solidarische und gewaltfreie Überzeugungen scheinen heute weitgehend aus dem Blickwinkel in der Öffentlichkeit verschwunden zu sein. Graebers Schriften können dazu beitragen, andere Möglichkeiten als Krieg, Ungerechtigkeit, Fremdbestimmung wieder zu bedenken und kraftvoll zu propagieren.

Sep 30, 2025 • 4min
Samanta Schweblin – Das gute Übel
Als 2010 der erste Erzählband von Samanta Schweblin erschien, galt die 1978 geborene Argentinierin als große literarische Entdeckung. Sie hat sich ihre schriftstellerischen Qualitäten bewahrt. Das beweist sie erneut mit dem Erzählband „Das gute Übel“. Er enthält sechs Kurzgeschichten, und sie überzeugen alle. Durch fein ziselierte Beschreibung menschlicher Schwächen und sauber aufgebaute Spannungsbögen, sowie durch sprachliche Präzision.
Vor allem aber erweist sich Schweblin als Meisterin der Überraschung. Wie schon in ihren früheren Erzählungen, wählt sie wieder durchgängig die Ich-Form: In „Das Auge in der Kehle“ erzählt sie aus der Perspektive eines zunächst zweijährigen Jungen:
Ein langes Schweigen genügt, dass mein Vater sich umdreht. Ich sitze inmitten verstreuter Gegenstände vor dem Fernseher auf dem Boden und merke, dass er erschrickt. Er steht auf, ist mit einem Satz bei mir, denn das, was gerade passiert, ist kein Wutanfall, das versteht er sofort. Es ist nicht dieses Schweigen, das dem Weinen vorausgeht. Er hat mein Gesicht gesehen, wie ich die Wangen aufblase, bis sie sich färben, irgendwas passiert da gerade. Er braucht ein paar Sekunden, bis er versteht, dass ich am Ersticken bin, dass ich keine Luft mehr kriege. Ich schließe eines meiner Händchen zur Faust und haue mir ungeschickt auf den Mund. »Was hast du gemacht?«, fragt er. Er versucht, meine Faust, meinen Mund aufzubekommen. Ich entwische ihm, er fängt mich ein. Gewaltsam öffnet er meine Hände. Da schlucke ich auf einmal, schlucke etwas...
Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel
Es ist eine Lithium-Batterie. Sie verätzt dem kleinen Ich-Erzähler die Kehle.
Parabel auf die Sprachlosigkeit
Während die Kinder in meinem Alter anfangen, mit komplexeren Wörtern zu spielen und die Kraft des Klangs und den Luxus des vorsätzlichen Schweigens entdecken, verliere ich für immer die wenigen Wörter, die ich gelernt habe.
Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel
In der berührenden Erzählung beleuchtet Samanta Schweblin, wie der namenlose Junge, seine Mutter und vor allem sein Vater über die Jahre mit ihrer Schuld umgehen: Nur für einen Moment hat der Vater nicht hingeschaut. Man kann die Geschichte aber auch als eine Parabel auf die Sprachlosigkeit innerhalb einer Familie lesen. Für Momente hebt Schweblin dabei ins Unwirkliche ab, wie es für sie typisch ist:
Auf Höhe meines Kehlkopfs ist eine Art schwarzes Amulett, so groß und unförmig wie ein gigantisches Auge.
Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel
Schweblin knüpft an die Tradition der fantastischen Erzählung an, wie sie in Argentinien seit mehr als hundert Jahren gepflegt wird. Auf feine Untertöne versteht sich die Autorin ebenfalls. So klingt an, dass in der patagonischen Kleinstadt, in der die Familie lebt, die Gesundheitsversorgung den Namen nicht verdient.
Dass Staat und Gesellschaft hilfsbedürftige Menschen allein lassen, schwingt auch in „Die Frau von Atlántida“ mit. Eine Frau erzählt von ihren Kindheitserlebnissen in einem Atlantikbadeort. Gerade mal zehn Jahre alt, ist sie dort mit ihrer Schwester zum Spaß allnächtlich in das Haus einer Dichterin eingedrungen. Die Mädchen räumten deren Müll weg und badeten die alkoholabhängige Frau:
Sie war etwas, das wir gefunden hatten, ein Schatz, der uns gehörte. Tot oder lebendig, sie war unsere Frau, und wenn wir sie frühmorgens in ihrem Haus zurückließen, wollten wir sie nachts, wenn wir wiederkamen, dort auch wieder vorfinden. Die Begegnungen mit der Dichterin waren für uns ein unerhörtes Privileg, so kaputt sie auch war.
Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel
Themen von universellem Interesse
Natürlich nimmt die Geschichte eine höchst dramatische Wende. Es schwingt mit, dass sich mit Ausnahme zweier Kinder niemand um eine kranke, einsame Frau kümmert. Samanta Schweblin siedelt ihre Erzählungen zwar in Argentinien an, doch sie könnten überall spielen. Ihre Themen sind von universellem Interesse. Auch das macht sie so großartig.


