SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 24, 2025 • 14min

„Die Abwesenheit ukrainischer Kultur passt gut in die russische Propaganda“

Die Autorin Tanja Maljartschuk kennt die Gedichte von Lesja Ukrajinka seit ihrer Kindheit. Umso empörter ist sie, dass niemand in Deutschland das Werk von Ukrajinka kenne: „Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine dachte ich mir, das muss endlich geändert werden. Denn diese Abwesenheit der ukrainischen Kultur passt sehr gut in die russische Propaganda, dass die Ukraine keine Kultur habe.“ Tanja Maljartschuk, die in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren ist und in Wien lebt, kann seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht mehr selbst schreiben. So kam ihr die Idee für die „Ukrainische Bibliothek“. Verbotene ukrainische Sprache Zwei Bände sind bisher in der „Ukrainischen Bibliothek“ erschienen: Gedichte von Juri Andruchowytsch und Prosa von Lesja Ukrajinka. Tanja Maljartschuk hat einen Band mit Erzählungen von Lesja Ukrajinka herausgegeben. Ukrajinka, die 1883 in Wolhynien geboren ist und im Alter von 42 Jahren gestorben ist, gehört für sie zu den lesenswertesten Autorinnen der literarischen Frühmoderne. Sie ist eine Frau, die sich schon mit ihrem Künstlernamen, der auf Deutsch „Lesja, die Ukrainerin“ bedeutet, vom russischen Imperium distanziert hat. Ihre Botschaft, sagt Tanja Maljartschuk: „Ihr werdet mich nicht haben.“ Ganz bewusst habe sie damit in Kauf genommen, dass sie so keine bekannte russische Autorin wird. Noch deutlicher wird ihre Ablehnung dadurch, dass sie auf Ukrainisch schrieb, zu einer Zeit, als die Sprache verboten war. Psyche der Frau in der Literatur Lesja Ukrajinka war eine sehr belesene Frau, die neun Sprachen sprach und durch Europa reiste. In ihren Theaterstücken, Gedichten und Erzählungen kommen fast nur Frauenfiguren vor. Und das in einer Zeit, in der die Perspektive von Frauen in der Literatur quasi nicht vorhanden war, sagt Tanja Maljartschuk. So habe Ukrajinka nicht nur aus der Perspektive von Frauen geschrieben, sondern auch über die Gewalt, die Frauen in ihrer Zeit erlebt haben. Wie etwa in der Erzählung „Stadt der Trauer“. Diese spielt in einer Frauen-Irrenanstalt. Ukrajinka beschreibt ihren Wahnsinn und wie dieser sich äußerlich auswirkt mit großer Empathie: „Das ist unglaublich neu für ihre Zeit. Sie hat sich auch sehr für Psychoanalyse interessiert und diese Geschichte geschrieben, bevor Sigmund Freud seine Abhandlungen veröffentlichte“; erzählt Tanja Maljartschuk begeistert. Hoffnungen auf Europa Insgesamt acht Bände sollen im Wallstein Verlag in der Reihe „Ukrainische Bibliothek“ erscheinen. Tanja Maljartschuk hofft, dass die Klassiker, die größtenteils zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt werden, nicht nur der ukrainische Literatur und ihre Autor*innen einen angemessenen Platz in der europäischen Literaturgeschichte verschaffen. Sondern auch, dass die Ukraine selbst zukünftig Teil der Europäischen Union werden könnte.
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Oct 24, 2025 • 55min

Neue Bücher von Joy Williams, Thomas Pynchon, Jegana Dschabbarowa, Yavuz Ekinci, ein Paul Auster Comic und ukrainische Klassiker

Eigentlich längst überfällig: Ukrainische Klassiker in moderner deutscher Übersetzung. Die erscheinen nun als „Ukrainische Bibliothek“ im Wallstein Verlag. Neu entdecken kann man auch Paul Austers „New-York-Trilogie“ – jetzt als Comic.
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Oct 24, 2025 • 7min

Magische Bilder - Paul Austers New-York-Trilogie als Comic-Adaption

Elternsprechstunde mit Paul Auster Manchmal kann die Wirklichkeit ganz schön unheimlich sein. Oder um es mit Daniel Quinn, dem Krimiautor und Helden aus Paul Austers erstem Roman „Stadt aus Glas“ zu sagen: „Nichts ist wirklich außer dem Zufall“. Ein Zufall – oder vielleicht doch die Vorhersehung – hat am Ende eines der herausforderndsten Comic-Projekte auf den Weg gebracht. Und es beginnt damit, dass der Cartoonist  Paul Karasik in den 1980er Jahren an einer Schule in Brooklyn Kunst unterrichtet. Einer seiner Studenten ist der Sohn von Schriftsteller Paul Auster: Er habe gewusst, dass Auster Schriftsteller war und daraufhin die New York Trilogie gelesen – als Vorbereitung für die Elternsprechstunde, um Auster ein wenig zu schmeicheln. Nach dem Motto: „oh, ich habe ihr Buch gelesen, Ihr Sohn ist großartig. So was in der Art.“  Aber am Ende hätten sie überhaupt nicht über den Roman gesprochen, erzählt Paul Karasik, der sich zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ein paar erste Skizzen zum Roman notiert hatte. Von wegen Zufall - Ein chancenloser Paul Karasik 10 Jahre sollten diese Notizen in der Schublade liegen, bis sich plötzlich ein anderer berühmter Comic-Autor und befreundeter Kollege, nämlich Art Spiegelman, bei Paul Karasik meldet: „Wir unterhielten uns, und er sagte: Ich helfe einem New Yorker Verlag, zeitgenössische Noir-Literatur in Comics zu adaptieren. Und das erste Buch, das wir ausgewählt haben, ist sehr schwierig. Mehrere Künstler haben es versucht, aber es sieht nicht so aus, als ob es machbar wäre. Aber es hat gewisse formale Aspekte und ich weiß, dass Dich so etwas interessiert. Und ich sagte: Okay, was ist das für ein Buch? Und er sagte: City of Glass von Paul Auster. Und ich sagte: Oh, ich habe schon vor zehn Jahren damit angefangen. So ist es passiert. Es ist ein Projekt, bei dem ich keine Wahl hatte. Der Zufall, die Umstände haben mich ausgewählt. Genau wie bei einer Figur in Paul Austers Roman.“ Und mit einem ebenso schicksalshaften Anruf beginnt auch die Graphic Novel „Stadt aus Glas“. Mitten in der Nacht wird der Krimi-Autor Daniel Quinn aus dem Bett geklingelt. Der Anrufer hält Quinn fälschlicherweise für den Privatdetektiv Paul Auster und bittet ihn um Hilfe. Quinn, der nach dem Tod von Frau und Kind selbst in einer schweren Existenzkrise steckt, lässt sich darauf ein und trifft am nächsten Tag auf einen offensichtlich verwirrten jungen Mann, der Opfer eines brutalen Experiments wurde. Sein eigener Vater, ein krankhaft besessener Sprachprofessor, hatte den Sohn als kleines Kind jahrelang in einem dunklen Raum weggeschlossen, um Forschungen zur Ursprache der Menschen anstellen zu können. Großartige, zugleich verstörende Bilder Für dieses Kasper-Hauser-Motiv, den Verlust der Sprache, der eigenen Identität, haben die beiden Comic-Illustratoren Paul Karasik und David Mazzucchelli ebenso grandiose wie zugleich beklemmende Bilder gefunden. Im Sessel sitzend, erzählt der junge Mann von seinem Martyrium als Kind. Dabei geht der Hinweisstrich der Sprechblase auf Kamerafahrt: zunächst durch den Mund, dann durch den Schlund, um immer tiefer durch einen Strudel im Nichts zu versinken, neu aufzutauchen als Teil archaisch biblischer Erzählungen. Die babylonische Sprachverwirrung findet ihre Entsprechung in New Yorker Häuserfassaden, die sich immer wieder in sehr dynamische Labyrinthe verwandeln oder ganz auflösen.  Paul Auster habe damals eine klare Ansage gemacht, sagt Comic-Künstler Paul Karasik. Bei den Zeichnungen hatten die Illustratoren freie Hand, den Text, die Wörter, durften sie auf keinen Fall ändern. „Das war eine sehr nützliche Einschränkung, denn sie brachte mich zum Nachdenken: Okay, ich muss die Worte wie ein Dichter sehr sorgfältig wählen und dann überlegen, was ich zeigen kann, anstatt es auszudrücken. Ich habe das ganze Buch fotokopiert. Dann habe ich zwei Buntstifte genommen – blau und rosa - und mit der einen Farbe habe ich die Wörter unterstrichen, die ich verwenden könnte. Und dann habe ich mit einer anderen Farbe das unterstrichen, wofür ich keine Worte brauche, was aber Bilder ausdrücken können.“ Und diese Bilder, die übrigens sämtlich in schwarz-weiß gehalten sind, variieren beständig in Größe und Form, in Stil und Anmutung. Details werden herangezoomt, der Strich wechselt von geschwungenen, weichen Linien zu kantigen, harten Strichen, die zeitweise zu Piktogrammen erstarren. Kritzelmännchen tauchen wie Geister auf, ganze Flächen versinken im düsteren Schwarz. Die innere Verwüstung des Menschen, die seelische Zerrissenheit der Großstadtmenschen finden hier ihren kongenialen Ausdruck. Mal Bildergeschichte, mal Comic auf anspruchsvollem Niveau Besonders dramatisch verändert sich die Ästhetik im zweiten Band der New York Trilogie „Schlagschatten“, den Paul Karasik diesmal mit Comic-Autor Lorenzo Mattotti umgesetzt hat. Das Layout erinnert an eine Bildergeschichte/ein Bilderbuch: eine große Zeichnung pro Seite ohne Sprechblasen, darunter sehr viel erzählender Text. Wieder eine Detektivgeschichte, in der ein Mann namens Blue den Auftrag von White bekommt, Black zu beobachten. Ein recht ereignisloser Job, weil Black die ganze Zeit über unbeweglich an seinem Schreibtisch sitzt und liest. Mehr als ein Jahr lang geht das so, bis Blue der Verdacht beschleicht, das sei alles nur eine undurchsichtige Inszenierung seines Auftraggebers. Die Illustrationen in dieser Geschichte gleichen erstarrten Momentaufnahmen: großflächig schraffierte Zeichnungen in grau bis dunkelschwarz, auf denen sich Black und Blue teilweise wie überdimensionierte Puppen abheben. Doch dann plötzlich wechselt das Layout: das eine große Bild zerfällt in eine klassische Comic-Streifen-Erzählung. Die Perspektive verändert sich, es kommt mehr Dynamik ins Spiel. Der Formatwechsel reagiert auf ein wesentliches Motiv des Romans – auf die Natur des Lesens, meint Comic-Künstler Paul Karasik: „Wir haben das Format geändert. Das Gehirn des Lesers soll ein wenig jonglieren. Die Idee ist: Die Veränderungen im Layout zwingen den Leser, die Art und Weise, wie er ein Buch liest - vielleicht bewusst oder eher unbewusst - neu zu bewerten –. So wie die Figur im Buch lernen muss, wie man einen Text liest, wie man die Bedeutung vom Inhalt erschließt.“ Der Wechsel zwischen verschiedenen Formaten und Größen, zwischen Bildsprache und unterschiedlicher Ästhetik erreicht mit dem dritten Band „Hinter verschlossenen Türen“, den Paul Karasik allein verantwortet, noch einmal ein ganz neues Level: faszinierend, seltsam, ausdrucksstark und anspruchsvoll. Sehnsucht nach Sicherheit im Leben Und auch wenn seit der Veröffentlichung der Comic-Adaption des ersten Bandes inzwischen 30 Jahre vergangen sind, sind die Fragen nach Identität, Orientierung und nach dem, was Menschsein ausmacht, heute vielleicht aktueller denn je. Die Comic-Adaption macht die rätselhaften Verstrickungen, die Paul Auster in seiner New York Trilogie knüpft, auf solche eindrückliche Art sichtbar, dass schmerzhaft klar wird: die Sehnsucht nach Sicherheit im Leben ist vor allem eine trügerische.
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Oct 24, 2025 • 9min

„Meine Verteidigung ist ein Akt des Widerstandes“ – Autor Yavuz Ekinci vor Gericht

Druck- und Verkaufsverbot  In seinem Roman erzählt Ekinci von dem Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen PKK am Beispiel zweier Brüder: Ismail und Yusuf. Für die türkische Staatsanwaltschaft ist das Terrorpropaganda. Der Roman ist schon 2014 in der Türkei erschienen, 2023, also fast 10 Jahre später, erließ ein Gericht dann ein Druck- und Verkaufsverbot, sogar Ekincis Wohnung wurde durchsucht. Dagegen läuft eine Beschwerde vor dem Verfassungsgericht und außerdem ein Verfahren gegen Ekinci selbst wegen „Propaganda für eine Organisation“. Damit sei in aller Regel Terrorpropaganda gemeint, „meist benutzt für Äußerungen, die angeblich die PKK unterstützen. Die ist in der Türkei wie in Deutschland als Terrororganisation eingestuft“, sagt Pia Masurczak aus dem ARD Studio Istanbul. Auf der Suche nach dem Bruder in den irakischen Bergen Der Roman folgt Ismail, dem älteren Bruder, der in Deutschland lebt. Als sein Vater im Sterben liegt, beschließt er, nach Hause, in den Südosten der Türkei zu fliegen und nach seinem jüngeren Bruder, Yusuf zu suchen. Der ist „in die Berge gegangen“, ein üblicher Ausdruck für „sich der Guerilla anschließen“. Ismail macht sich von Batman aus auf die Suche nach dem Bruder in den irakischen Kandil-Bergen, dort liegt das Rückzugsgebiet der PKK und anderer Gruppen. Sein Ziel: Für den Vater ein Lebenszeichen von Yusuf zu finden. In den Bergen trifft Ismail auf kurdische Guerilla-Kämpfer und andere Familien auf der Suche nach ihren Kindern. Kein politischer Roman Auf den nur 150 Seiten „steckt ganz viel drin“, sagt Pia Masurczak: „Ismails Angst vor Gewalt, Erinnerungen an Folter, Sehnsucht nach einem normalen Leben. Er verflucht den ganzen Konflikt und das Leid der Familien, deren Kinder in die Berge gehen, gleichzeitig hegt er Bewunderung für kurdische Kämpfer.“ Gleichzeitig sei das auch kein im engeren Sinne politischer Roman, so Pia Masurczak: „Ekinci agitiert nicht, er will sich nicht dezidiert auf eine Seite stellen.“ Der Roman bleibe ganz bei Ismail. Der Konflikt spiele sich auf der familiären, menschlichen Ebene ab. Dort werde er greifbar.
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Oct 24, 2025 • 6min

Eine Geschichte des Körpers

In ihrem Roman „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“, erzählt die Autorin in elf Kapiteln ihre eigene Geschichte, die Traditionen ihrer aserbaidschanischen Familie und die Regeln des Patriachats anhand von Körperteilen. Kapitel Eins: Die Augenbrauen, dann - Augen, Haare, Mund, Schultern, Hände, Zunge, Rücken, Bein, Hals und Bauch. Die Welt, die Jegana Dschabbarowa beschreibt, ist von Körpersprache geprägt und der Art und Weise, wie Körper auszusehen haben. Böse Blicke machen sich ein Urteil, ungezupfte Augenbrauen signalisieren Jungfräulichkeit, die weibliche Zunge ist verstummt, die Haare der Frauen müssen lang sein und dürfen nicht geschnitten werden und der wichtigste Körperteil einer Frau ist der Bauch, der gebähren kann und ihre Hände, die die Familie versorgen:    Die wichtigsten Körperteile einer Frau waren die Hände: sie bereiteten Essen zu, wiegten Kinder, wuschen Wäsche, bügelten Männerhemden, wischten den Boden oder Staub – Frauenhände mussten immer beschäftigt sein,Sorglosigkeit stand nur Männerhänden zu. Jede Frau in unserer Familie wusste, dass die Hände ihr nicht zum Schreiben gegeben waren. Ihre Worte waren Taten: das tadellos aufgeräumte Haus präsentierte sich wie ein seltenes Manuskript. Quelle: Jegana Dschabbarowa – Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt Frauenhände und Männerhände Die Erzählerin lernt auch von Kind an, dass die Sprache der Hände einem Geschlecht zugeordnet sind – dass Frauenhände sich kümmern, dass Männerhände sich zu Fäusten ballen.  Wir schauten durch den winzigen Türspalt, und sein Zorn prägte sich in unseren Augen ein, seine Fäuste lehrten uns die wichtigste Regel in diesem Haus: Vater niemals wütend machen. Mit jedem Schlag gegen Mutters rechtlosen Körper prügelte er unsere Freiheit in einen Sarg, hämmerte diese Worte immer tiefer ein, warf Erde über unsere Hoffnungen, stampfte mit seinen großen Füßen unsere kleinen Körper fest in einer Kiste mit der Aufschrift ‚Frau‘. Quelle: Jegana Dschabbarowa – Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt Eine Kulturgeschichte des Körpers Es ist beeindruckend und faszinierend zu lesen, wie Jegana Dschabbarowa ihre Familiengeschichte als eine Kulturgeschichte des Körpers erzählt. Die Erwartungen, die an ihn gestellt werden; die traditionellen Handlungen und Gesten, die die Körperteile auszuführen haben. Sprache dient nur dazu, die Normen, Regeln und Verbote zu vermitteln: Uns sagte sie, was wir anziehen sollten, wie wir uns verhalten sollten, was wir tun durften und was nicht, was wir sagen durften und was nicht, liebevolle Worte sagte sie uns nie. Meistens erteilte sie uns Anweisungen, wir wussten natürlich, dass sie uns liebte, aber ausgesprochen wurde es nie. Mama hatte keine Wertschätzung für Worte, und als sie erfuhr, dass ich Gedichte schreibe, war sie sehr verwundert. Es beunruhigte sie, dass ich nicht schweigen konnte, dass ich meinen Standpunkt immer äußern und verteidigen musste.  Quelle: Jegana Dschabbarowa – Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt Krankheit als Ausweg Dieser über Generationen weitergegebene Kreislauf von unhinterfragten Traditionen wird radikal unterbrochen, als die Erzählerin lebensbedrohlich krank wird. Die Symptome der neurologischen Krankheit Dystonie, bei der Muskeln so verkrampfen, dass einfache Bewegungsabläufe wie Gehen, Sitzen, Sprechen und Essen nicht mehr möglich sind – verweigern die Fortsetzung der ihr angedachten Körperrolle:     Alles: meine Vergangenheit, die Vergangenheit der Frauen meiner Familie, die Geschichte eines einzelnen Körpers – das alles lag nun auf dem kalten Boden des Behandlungsraums. Ich wusste, dass ich nie wieder ein Teil der Vergangenheit sein würde, nie mehr so leben würde wie bisher, mir nie mehr lange Zöpfe flechten würde wie meine Großmütter, mir war ein vollkommen anderes Schicksal zugedacht.    Quelle: Jegana Dschabbarowa – Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt Die Krankheit sei für sie zur Freiheit geworden, erzählt sie. Sie habe nicht nur verstanden, dass sie einen Körper hat und somit Handlungsmacht, sondern auch, dass eine lebensbedrohliche Krankheit sich ähnlich anfühlt wie Diskrimierung. In beiden Fällen, wird dem Körper sein Dasein nicht zugestanden. Allein die Anwesenheit eines nicht akzeptierten Körpers, seines Aussehens, wird für die Umgebung zu einer Provokation.   Schreiben bedeutet für Jegana Dschabbarowa deshalb auch Aufbegehren, in ihrem Ausweg aus dem Schweigen will sie Worte finden für das, was Generationen von Frauen vor ihr nicht aussprechen konnten. Diskriminierung der aserbaidschanischen Diaspora in Russland Mit ihrer Geschichte, die sie nicht nur um ihrer selbst willen erzählt, sondern auch um Wort zu ergreifen für alle Frauen in ihrer Familie, die ihre Gefühle nie ausgedrückt hätten, schreibt sie auch gegen die Unterdrückung und Diskriminierung der aserbaidschanischen Diaspora in Russland an. So ist ihr Buch auch ein Versuch, verloren gegangenes, ausgelöschtes Wissen über die Aserbaidschanische Community, ihre Traditionen und Bräuche wieder herzustellen, nicht zuletzt als literarischer Widerstand gegen russische Unterdrückung. Ein tief poetischer, literarisch außergewöhnlicher und existenzieller Roman, der daran glaubt, dass Sprache eine Zuflucht sein kann.
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Oct 22, 2025 • 4min

Linn Stalsberg – Krieg ist Verachtung des Lebens

Die norwegische Journalistin und Soziologin Linn Stalsberg hat ein Buch zum Luftholen verfasst, frischer Wind weht aus ihren Zeilen. Es ist ein zorniges Buch gegen den vorlauten, den vorherrschenden Zeitgeist in kriegsertüchtigten Aufrüstungszeiten. Ein Buch, das den Blick wendet und an Friedensfreunde und Kriegsverweigerer erinnert. „Ein Essay über den Frieden“ nennt sich die Studie im Untertitel bescheiden, 300 Seiten im Geiste der Abrüstung, der Titel: „Krieg ist Verachtung des Lebens“.  Es ist kaum zu begreifen, dass wir in einer Epoche, in der die Welt durch den alles Leben bedrohenden Klimawandel zu kippen droht, riesige Summen für die Entwicklung von Waffen ausgeben, die Menschen und Umwelt zerstören. Es ist, als wäre die Menschheit unbewusst in eine Art Selbstmordspirale geraten, in der Krieg und Klimakrise sich gegenseitig verstärken und einem Apathie und Ohnmacht grenzenlos vorkommen. Quelle: Linn Stalsberg – Krieg ist Verachtung des Lebens Dem Krieg ein Ende bereiten  Es gab, selbst im kriegerischen 20. Jahrhundert, mahnende Stimmen von Spitzenpolitikern. In seiner Abschiedsrede warnte der US-amerikanische Präsident Dwight „Ike“ Eisenhower vor dem „militärisch-industriellen Komplex“. Und er fügte im Januar 1961 hinzu:  Jedes Gewehr, das hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das ins Wasser gelassen wird, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet einen Diebstahl an jenen, die hungrig sind und nichts zu essen haben, und an jenen, die frieren und keine Kleidung haben.  Quelle: U.S. President Dwight D. Eisenhower in seiner "Chance for Peace speech" Gewaltlosigkeit und Wehrdienstverweigerung  Mit welchem Recht maßen sich Staaten und ihre sogenannten Volksvertreter an, die Grenzen zu schließen und jungen Männern den Weggang zu verbieten, weil sie nicht sterben wollen oder andere Männer totschießen möchten? So geschehen in der Ukraine. Und hätten israelische Politiker nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 nicht andere Möglichkeiten gehabt, als komplette Zerstörung und verbrannte Erde zu hinterlassen?  Israel zerstört Gaza, um die Hamas zu zerschlagen. Doch gleichzeitig wird so viel mehr zerstört: die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten in der Zukunft, der Glaube an eine Zwei-Staaten-Lösung, das Vertrauen in die Autorität der Vereinten Nationen und das, was wir gern als moderne Idee von Wert und Würde aller Menschen betrachten. Der Stein, der Gaza zerschmettert, wird in der Zukunft Wellen schlagen, deren Ausmaß unsere Vorstellungskraft übersteigt.  Quelle: Linn Stalsberg – Krieg ist Verachtung des Lebens Krieg gegen den Planeten  Linn Stalsberg gibt einen Überblick über Gewaltlosigkeit in Religionen; sie skizziert die Geschichte von pazifistischen Protesten und Widerstandsformen im 20. Jahrhundert; sie geht der Frage der Gewalt nach; sie trägt Informationen zum Thema Kapitalismus und Krieg zusammen, streift die Themen Kriegspropaganda und Lobbyismus der Waffenproduzenten, und sie spricht sich gegen weibliche Wehrpflicht aus: Diese führe nicht zur Frauenbefreiung, argumentiert Stalsberg, sondern stärke eher die Vorherrschaft des Mannes. Im vorletzten Kapitel, „Krieg in Zeiten der Klimakrise“, liefert Stalsberg empörende, erschütternde Zahlen.  Im Jahr 2022 wurden die weltweiten Militärausgaben auf 2240 Milliarden Dollar (knapp 2 Billionen Euro) geschätzt und machten rund 2,2 Prozent des weltweiten BNP (Bruttonationalprodukt) aus. Laut Welternährungsprogramm würden 12 Prozent dieses Betrags ausreichen, um den weltweiten Hunger zu beenden.  Quelle: Linn Stalsberg – Krieg ist Verachtung des Lebens Linn Stalsberg beharrt darauf, dass Kriege nicht im Wesen des Menschen angelegt seien, vielmehr in seiner Kultur. Die Autorin trägt ihre Argumente nüchtern vor und stützt sie mit überbordendem Material; sie erinnert daran, dass es die Vielen seien, die alles in der Hand hätten, würden sie aufstehen und sich lauthals wehren. Frauen aber bleiben in dieser Bestandsaufnahme einer Frau eher Randfiguren, sie verbergen sich in den weißen Seiten der Geschichtsschreibung. Stalsbergs Essay bietet reichhaltiges Material für gegenwärtige Debatten.
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Oct 21, 2025 • 4min

Kaska Bryla – Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich

Der Vater, ein polnischer Widerstandskämpfer, überlebte von 1945 bis 1948 drei Jahre in einem stalinistischen Gulag. Die Tochter überlebte im Jahr 2020 ihre Corona-Infektion, zusammen mit einer jungen Krähe, die sie großzog. Die Tochter ist die zwischen Wien und Warschau aufgewachsene Schriftstellerin Kaśka Bryla. Ihr Vater Zygmunt Bryla starb 2009. Ihm und sich selbst hat sie ihr Buch „Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich“ gewidmet, nachdem sie in den Jahren vor seinem Tod längere Gespräche mit ihm geführt hatte, die nun als seine Erzählungen den interessanteren Teil dieser merkwürdigen Zusammenstellung ausmachen.   Verdämmernde Gedanken  Alles an diesem Buch ist autobiographisch, auch die Freundschaft mit der Krähe Karl. Sie dient der Autorin mehrfach als Spiegel ihrer eigenen Situation. Beide sind krank. Die Krähe ist am Flügel verletzt, kann nicht fliegen und muss gefüttert werden. Kaśka Bryla ist lesbisch, litt zu dieser Zeit an Long Covid und lebte auf einem Wagenplatz in Leipzig, wo sie im Liegenstuhl vor sich hindämmerte. Vielleicht macht diese Lage die Gedanken so unscharf.   Eigentlich sind queere Menschen in dieser Gesellschaft so wenig vorgesehen wie kranke Tiere in der Wildnis, wir sind der Auswurf eines momentanen Lapsus, wahrscheinlich möchte ich deshalb so sehr, dass es Karl schafft, um der Welt etwas zu beweisen. Quelle: Kaśka Bryla – Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich Auch in der Tatsache, dass das Geschlecht einer Krähe nur schwer zu bestimmen ist und Karl durchaus auch ein Weibchen sein könnte, erkennt die Autorin sich selbst:   Als würden alle Lebewesen mit Flügeln denselben Gesetzmäßigkeiten folgen, als wäre ich, seitdem mir Brüste gewachsen sind und monatlich Blut aus mir fließt, automatisch eine Frau.  Quelle: Kaśka Bryla – Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich Derlei Kurzschlüsse mögen noch erträglich sein. Unangemessen und geschmacklos wird es, wenn auch das Schicksal des Vaters im Gulag der Tochter als Spiegelbild der eigenen Befindlichkeit dient. Nicht nur ihre Erkrankung schließt sie mit dessen Überlebenskampf kurz, sie sieht sich so wie ihn als Widerstandskämpferin. Doch während er als Patriot zuerst gegen die Nazis und dann gegen die Kommunisten für ein unabhängiges, demokratisches Polen kämpfte, geht es ihr um eine „offene Gesellschaft“, in der sie als queere Person „so sein kann wie ich will“. Das ist schon deshalb nicht dasselbe, weil der Vater tatsächlich bereit war, sein Leben „für Polen“ zu opfern, während es der Tochter um sich selbst und ihre Minderheitenrechte geht.   Schreiben als Aufblasen eines Luftballons  Auch wenn sie dazwischen kein Gleichheitszeichen setzt, ist ihr Montage-Verfahren so angelegt, dass Krankheit, Lesbentum, Genderfragen, Widerstand, Gulag und ein Herz für Tiere miteinander eine literarische Verbindung eingehen, die durch nichts gedeckt ist. So kommt es auch sprachlich zu peinlichen Ausfällen, wenn es etwa heißt, dass Stalin seine „Gulags über ganz Russland verstreute wie Puderzucker über einen Gugelhupf.“ Da wundert es dann auch nicht mehr, dass die Tochter dem Vater widerspricht, wenn er ihr Schreiben mit einem Puzzlespiel vergleicht.  Die Herstellung dieses Manuskripts gleicht eher dem Aufblasen eines Ballons, antworte ich, immer wieder muss ich Pausen machen, um Luft zu holen, dann puste ich weiter, manchmal entweicht Luft, manchmal blase ich und es tut sich nichts, meine Lunge ist schwach. Quelle: Kaśka Bryla – Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich Das Ergebnis dieser Herstellungstechnik ist eine stilistische Aufgeblasenheit, die sich im Vermeiden von Punkten manifestiert. Die ersten Kapitel bestehen aus einem einzigen Satz oder vielmehr aus der Aneinanderreihung von Sätzen, die durch Kommata anstelle von Punkten voneinander getrennt sind. Mit der Sache hat das nichts zu tun. Zur Kurzatmigkeit einer an den Coronafolgen Leidenden würden kurze Sätze mit längeren Atempausen viel besser passen. Aber das ist noch das kleinste Problem an dieser zusammengeschusterten Arbeit.
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Oct 20, 2025 • 4min

Christoph Engemann – Die Zukunft des Lesens

20.000: So viele Bücher könnte ein Mensch im Laufe seines Lebens lesen, wurde einmal errechnet. Nun ja. Vermutlich gab es noch nie viele Leserinnen oder Leser, die auch nur in die Nähe dieser Zahl gekommen sind. Heutzutage mehren sich aber die Anzeichen, dass Bücherliebhaber generell zu einer aussterbenden Spezies gehören. Selbst in den Geisteswissenschaften scheint der Griff zum Buch aus der Mode gekommen zu sein.  Auf die Frage, wer denn die Texte für die heutige Sitzung gelesen hat, heben die üblichen zwei bis drei Studierenden ihre Hand, der Rest guckt betroffen oder indifferent in die Gegend. »Wer von Ihnen hat ein Bücherregal?«, entfuhr es mir vor nicht allzu langer Zeit in einem solchen Moment.  Quelle: Christoph Engemann – Die Zukunft des Lesens Neue Lese-Dienstleister  Eine Frage, die die Hälfte seiner Studierenden nicht einmal verstanden habe, so Christoph Engemann. Dabei gehört der Bochumer Medienwissenschaftler durchaus nicht zur Riege der Alarmisten. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Die Zukunft des Lesens“ versucht er vielmehr neugierig-beschreibend die sich abzeichnenden Veränderungen zu verstehen. Und die sind ebenso widersprüchlich wie komplex.   So wird nämlich einerseits heute mehr gelesen und geschrieben als je zuvor. Stichwort Social Media. All das Liken, Posten und Kommentieren verschlingt schließlich tagtäglich zahllose Stunden. Der Lesestreik betreffe laut Engemann vielmehr primär literarische oder vor allem wissenschaftliche Bücher, Texte also, für deren Lektüre man Zeit aufwenden und sich gedanklich anstrengen muss. Was solche Werke angeht, so lassen heute viele lesen, sie delegieren die Lektüre quasi. An wen? Einerseits an die KI, die uns in Sekundenschnelle Zusammenfassungen in jeder gewünschten Länge liefern kann. Andererseits, und das ist der spannendste Teil von Engemanns Analysen, an einen neuen Typ von Vermittlern, gewissermaßen die Erben der Rezensenten und Kritiker. Diese neuen Lese-Dienstleister finden sich auf Plattformen wie YouTube oder Spotify und erklären in Videos oder Podcasts alles, was man wissen will: sei es Kants kategorischer Imperativ, Heisenbergs Unschärferelation oder Luhmanns Systemtheorie.   Podcasthörer:innen und Konsument:innen von Long-form-YouTubeVideos verlassen sich darauf, dass andere für sie lesen und die Konzentrationsleistung übernehmen. Es sind Leser:innen, die selbst Lesen könnten, aber lesen lassen. Quelle: Christoph Engemann – Die Zukunft des Lesens Vom „Schreibzeug“ zum „Sprechzeug“  Solche Formate bezeichnet der Universitätsdozent durchaus anerkennend als „neue Vorlesung“. Schließlich werde hier, oft unter akribischer Angabe von Quellen, in der Regel seriös Wissen vermittelt. Aber eben auf eine Weise, die meist unterhaltsam ist und uns – im Unterschied zum Lesen – erlaubt, nebenbei anderen Tätigkeiten nachzukommen, egal ob im Haushalt oder Sport. Was sich dabei abzeichne, so Engemann, sei eine Verschiebung weg von der Schriftlichkeit hin zu Mündlichkeit. Erst die KI hätte es ermöglicht, mündliche Äußerungen jederzeit bei Bedarf in Schrift umzuwandeln und dadurch wiederauffindbar zu machen. Weshalb Engemann den Begriff „Sprechzeug“ einführt – in Analogie zu „Schreibzeug“. Lohnt die Mühe Jungen Menschen, die ihre Brötchen im Bereich der Wissensvermittlung verdienen wollen – und die früher vielleicht Journalisten oder Buchkritiker geworden wären –, rät der Medienwissenschaftler, durchaus konsequent, ihr Glück heute lieber im Bereich Podcast zu suchen.   Ob Christoph Engemann selbst auf diesen Plattformen Erfolg hätte, sei allerdings dahingestellt. Dazu ist der Duktus seiner medienwissenschaftlichen Reflexionen zu sehr dem akademischen Bereich verhaftet und das Abstraktionsniveau seiner Wissenschaftsprosa zu hoch. Engemanns „Die Zukunft des Lesens“ verlangt seiner Leserschaft also einige Mühe ab. Aber eine, die sich lohnt, so erhellend sind Engemanns Beobachtungen. Wer sich diese Mühe aber nicht antun will, darf immerhin hoffen: darauf nämlich, dass ihm ein findiger YouTuber Engemanns Thesen nacherzählt.
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Oct 19, 2025 • 6min

Historiker Karl Schlögel erhielt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Karl Schlögel erhielt in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Der Osteuropa-Historiker wurde geehrt, weil er „in seinem Werk empirische Geschichtsschreibung mit persönlichen Erfahrungen verbindet“. Eindringlich warnte er in seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche vor einem expandierenden Russland. Die Laudatio hielt die aus Kiew stammende Autorin Katja Petrowskaja. Hören Sie eine Einordnung von SWR-Literaturchef Frank Hertweck.
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Oct 19, 2025 • 59min

Mit neuen Büchern von Friedrich Ani und Annette Hug und aktuellen Berichten von der Frankfurter Buchmesse

Was war wichtig auf der Frankfurter Buchmesse? Wir besprechen Themen und Trends. Außerdem haben wir Krimiautor Friedrich Ani zu Gast. Und die Tagalog-Übersetzerin Annette Hug.

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