Alles Geschichte - Der History-Podcast

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Apr 18, 2025 • 23min

AUF UNBEKANNTEM TERRAIN - Mary Leakey und der „Nussknacker-Mensch“

Mary Leakey flog aus dem Internat, als sie das Chemielabor fast in die Luft gejagt hätte. Ohne Abschluss machte sich die Autodidaktin auf den Weg nach Afrika. Dort stößt sie auf Funde, mit denen sie beweisen kann: Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. Von Florian Kummert (BR 2013)Credits Autor: Florian Kummert Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Margrit Carls, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Herzig, Josuel Theegarten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Friedemann Schrenk Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): Ein Zimmer für uns allein – Der Frauengeschichte-Podcast Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? ZUM PODCAST Linktipps: Deutschlandfunk Nova (2015): Paläoanthropologie – Stumme Zeugen Die Wiege des Homo sapiens ist Afrika. Eine Erkenntnis, die noch gar nicht so alt ist, denn lange war man sicher, dass er aus Europa kommen müsse. Wie politisch die Frühmenschforschung ist, zeigt sich in Friedemann Schrenks Abriss der sechs Millionen Jahre Menschheitsgeschichte. JETZT ANHÖREN SWR (2024): Frauen in der Wissenschaft Qualifizierten Nachwuchs gibt es genug. Aber allen Gleichstellungsmaßnahmen zum Trotz machen Frauen immer noch seltener Karriere in der Wissenschaft als Männer. Woran liegt das, was ist zu tun? Julia Nestlen im Science Talk mit Dagmar Höppel, Leiterin der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an den wissenschaftlichen Hochschulen Baden-Württemberg. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:ATMO Vulkanausbruch & matschigen Schritten SPRECHERIN:Der Vulkanausbruch war gewaltig. Auf vielen Quadratkilometern fiel feiner Ascheregen auf die Erde. Die Flocken schwebten überall, drangen beim Atmen in Mund und Nase ein. Zwei Personen - mindestens - waren auf der Flucht vor dem Vulkan und seiner tödlichen Glut. Schnell konnten sie nicht vorankommen, ihre Füße sanken beim Gehen in die graue Masse ein, die der Regen matschig-weich gemacht hatte. Schritt für Schritt brachten sie mehr und mehr Abstand zwischen sich und dem Berg. Andere Lebewesen huschten an ihnen vorbei, ebenfalls auf der Flucht. Ein dreizehiges Huftier etwa, eine Stute mit ihrem Fohlen. ATMO gedämpfter Galopp SPRECHERIN:Weiter, immer weiter. Bald war niemand mehr zu sehen. Nur die Fußabdrücke blieben zurück. Noch mehr Asche fiel, deckte die Abdrücke zu und konservierte sie für die Ewigkeit. MUSIK Erst 3,6 Millionen Jahre später kommen sie wieder ans Tageslicht, und werden zur Sensation. MUSIK & ATMO Soundcollage Pinseln, Schaben, Steingeröll, Ausgrabungsstelle SPRECHER:Zuerst sind es nur seltsame Abdrücke im Geröll, ehe daraus eindeutige Fußspuren werden. Die Grabungsleiterin reinigt sie viele Stunden lang, immer wieder, begutachtet die Stelle, bis es keinen Zweifel mehr gibt. Das sind keine Affen-Spuren, bei denen sich der große Zeh abspreizt. Hier liegt der große Zeh in einer Linie zum Fuß. Vormenschen also. Und vor allem: Vormenschen mit aufrechtem, bipedalem Gang. Handabdrücke sind nirgends zu sehen. Dies sind die Spuren von Zweibeinern. Mary Leakey richtet sich auf und blickt auf die rund 70 fossilen Fußabdrücke. Dann zündet sie sich - wie so oft - eine Zigarillo an, bläst genussvoll den Rauch in den Himmel und sagt zu ihren Assistenten an der Grabungsstelle: ZITATORIN MARY LEAKEY:„Na, das ist doch mal eine Trophäe für den Kaminsims!“ SPRECHER: Typisch Mary Leakey. Trockenes britisches Understatement für einen Jahrhundertfund. In Ostafrika, auf dem Laetoli-Plateau an der Grenze zwischen Tansania und Kenia, findet sie 1978 die bis dahin ältesten bekannten Fußspuren der Menschheit. Fußspuren einer Kleinfamilie von Vormenschen, die nach einem Vulkanausbruch durch die Savanne geflüchtet waren. Damit gelang Mary Leakey der Nachweis, dass der aufrechte Gang bereits vor mehreren Millionen Jahren entwickelt war. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 1„Als diese Fußabdrücke kamen, muss man sagen, war das das erste Mal, das der aufrechte Gang überhaupt aus dieser Zeitphase direkt nachgewiesen werden konnte.“ SPRECHERIN: Sagt Friedemann Schrenk, einer der führenden Paläoanthropologen aus Deutschland.  Zudem ist Friedemann Schrenk einer der wenigen deutschen Wissenschaftler, die selber eine Grabungslizenz in Afrika haben. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 2 „Man kann sich ja lange streiten über Langknochen, über Oberschenkelknochen, was das jetzt bedeutet, wie der Gang war. Bei den Fußabdrücken ist das völlig eindeutig, und das Alter ist eindeutig, weil das in vulkanischen Aschen ist, die 3,6 Millionen Jahre alt sind, das heißt: der entscheidende Punkt an diesen Fußabdrücken war, dass man den aufrechten Gang sozusagen bis 3,6 Millionen Jahre zurückdatieren konnte.“ MUSIK SPRECHER: Woher stammen wir ab? Wie und warum haben sich unsere frühen Vorfahren weiter entwickelt zum Homo sapiens sapiens? Welche Gattungen sind durch den Flaschenhals der Evolution gekommen und welche mussten aussterben? Seit Mitte des 19. Jahrhunderts liefert die Wissenschaft immer fundiertere Ergebnisse über den Stammbaum der Menschheit. Die Paläontologie, die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Zeitalter, gräbt dazu tief in der Erde, bringt zahllose Knochen und Fossilien ans Tageslicht und mit ihnen immer mehr Informationen über die Frühzeit der menschlichen Spezies. Informationen für die sich ein Teilgebiet der Paläontologie besonders interessiert: die so genannte Paläoanthropologie. Sie befasst sich mit der Stammesgeschichte des Menschen und mit dem Entstehen der spezifischen menschlichen Merkmale. Die Fakten dazu liefern die Fossilien. Doch die muss man erst mal finden. SPRECHERIN: Über Jahrzehnte hinweg zeigte eine Großfamilie hierbei besonderes Talent: die Leakeys. Denn nicht nur Mary, sondern auch ihr Mann, Louis Leakey, später dann ihr Sohn Richard und dessen Frau Maeve, und schließlich auch Marys Enkeltochter Louise haben das Bild der modernen Paläontologie geprägt wie keine andere Familie zuvor. Der Name Leakey wurde zum Synonym für die Suche nach den Ursprüngen der Menschheit. Als Mary Leakey im Dezember 1996 im Alter von 83 Jahren starb, betitelte die New York Times ihren Nachruf „Die Grande Dame der Archäologie“. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 3 „Sie ist natürlich eine der ersten Frauen, die in diesem Gebiet international Grabungen gemacht hat und weltweit berühmt wurde. Ich denke so viel Vergleichsmöglichkeiten gibt‘s da gar net.“ SPRECHERIN: Friedemann Schrenk hat mittlerweile den Großteil der Leakey-Familie kennengelernt. Als junger Wissenschaftler traf er 1993 in Tansania auch noch die Grande Dame höchstpersönlich. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 4„Mary Leakey hab ich selbstverständlich kennen gelernt, hab auch mit ihr auch schon in Olduvai, da haben wir ihren 80. Geburtstag gefeiert, da haben wir in Olduvai-Schlucht übernachtet, in einem Camp, im Camp Leakey, ja, wie das so schön heißt. Mary Leakey war ne tolle Frau, sehr überzeugt, dass sie immer alles richtig gemacht hat, und das hat sie wahrscheinlich auch.“ MUSIK SPRECHER: Man geht davon aus, dass der Stammbaum der menschlichen Vorfahren sich vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren von dem der Affen getrennt hat. Doch wo liegt die Wiege der Menschheit? Als Marys Mann, Louis Leakey, in den 1920er Jahren begann, in Ostafrika nach Fossilien zu graben, war der Rassismus in den Köpfen vieler Wissenschaftler noch fest verankert. Afrika, so der Glaube, dieser wilde, dunkle, primitive Kontinent konnte nie und nimmer die Wiege der Menschheit sein. Einige glaubten, in Asien sei der Ursprung zu vermuten, doch für die meisten kam einzig und allein Europa in Frage. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 5 Sie finden das bis heute, jetzt wo langsam klar wird, dass der biologische Ursprung der Menschheit in Afrika ist, gibt‘s immer noch Kollegen die nun wenigstens den „kulturellen Ursprung“ irgendwo der modernen Menschen, wenigstens den noch in Europa suchen wollen, aber das ist auch dabei zu zerbröseln, und letztendlich war das die Überzeugung der Leakeys schon immer gewesen dass es eben nur einen Ursprung gibt, und das ist Afrika.“ MUSIK SPRECHER: Eine der ergiebigsten Regionen für die Paläoanthropologie ist das ostafrikanische Grabensystem. Die exzellenten Ablagerungsbedingungen der Region führten hier zu einer Vielzahl an Fossilienfunden. Besondere Bedeutung fällt dabei der Olduvai-Schlucht zu, im Norden Tansanias, an der Grenze zu Kenia. Hier, in dieser Schlucht, haben Mary Leakey und ihre Familie den Großteil ihres Lebens verbracht, und mit spektakulären Funden wesentlich dazu beigetragen, die Paläoanthropologie regelmäßig ins Rampenlicht zu holen. ((Dass die Leakeys selber auch immer wieder für handfeste Skandale sorgten, hat ihrer Bekanntheit nicht geschadet. Im Gegenteil. SPRECHERIN: Für Mary verlässt Louis Leakey seine erste Ehefrau und die zwei kleinen Kinder. Für sie setzt er seine Karriere und sein Ansehen aufs Spiel. Mary Leakey aber kann sich behaupten und wird zu den angesehensten Wissenschaftlerinnen ihrer Zeit gehören: die erste Frau, die von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaft die Linné-Medaille in Gold erhält, die die Ehrendoktorwürde nicht nur von Yale, sondern auch von Cambridge und Oxford verliehen bekommt. SPRECHER: Dabei hat sie nie einen regulären Schulabschluss gemacht. Mary Leakey liebt es zwar ihr Leben lang zu lernen. Aber sie hasst auch ihr Leben lang pädagogische Regeln und jede Art von formeller Schulbildung. Mary ist ein Freigeist wie ihr Vater, der Landschaftsmaler Erskine Nicol, ein Weltenbummler, der in Ägypten seine Frau Cecilia kennen und lieben lernt. MUSIK SPRECHER: Am 6. Februar 1913 kommt in London Erskines Tochter zur Welt, sein erstes und einziges Kind: Mary Douglas Nicol. Die Familie ist ständig auf Reisen. London wird die Sommerresidenz der Nicols, hier verkauft Erskine seine Gemälde und sammelt ausreichend Geld an für die Reisen während der Winter- und Frühlingsmonate. Er malt Landschaften in der Schweiz, in Italien und immer wieder in Frankreich. In der Dordogne sieht das Mädchen zum ersten Mal Höhlenmalereien aus der Steinzeit, und zeichnet die Motive detailgetreu nach. SPRECHERIN:Im Frühjahr 1926 endet Marys unbeschwerte Kindheit. Erskine Nicol erkrankt unheilbar an Krebs und stirbt. Ein traumatisches Erlebnis für die Familie. Mary, gerade erst 13 geworden, sucht ihren Ausweg in Rebellion. Zurück in England, torpediert sie jegliche Art von Erziehung und macht ihrer Mutter und ihren Lehrern das Leben zur Hölle. Sie entschließt sich nur das zu lernen, was sie wirklich interessiert. Ihre Mutter aber hat andere Pläne: Mary soll eine gediegene Schulausbildung erhalten und sesshaft werden. ZITATORIN MARY LEAKEY:„Meine Mutter dachte: gute katholische Kinder gehen in ein gutes katholisches Nonnenkloster, um eine gute katholische Erziehung zu genießen. Unglücklicherweise befand sich gleich bei uns ums Eck solch ein Kloster. Fast ein Jahr musste ich mich dort durch den Unterricht quälen. Meine Taktik, mich vor dem Poesieunterricht im Heizkeller zu verstecken, erzürnte die Nonnen. In der Klasse hätte ich ein Gedicht laut aufsagen sollen. Nun sollte ich zur Strafe vor der gesamten versammelten Schule das Gedicht vortragen. Doch ich weigerte mich auch nur ein Wort zu sagen. Damit verwies mich die Mutter Oberin von der Schule. Wir zogen nach Wimbledon, wo es leider ein Ursulinen-Kloster gab, das ich besuchen musste. Auch dort lernte ich nichts was von Nutzen gewesen wäre und auch dort wurde ich nach einem Jahr unehrenhaft entlassen. Zum einen täuschte ich einen Tobsuchtsanfall vor und benutzte Seife, um Schaum vorm Mund zu simulieren. Zum anderen kam es zu einem Zwischenfall im Chemielabor.“ ZITATORIN MARY LEAKEY:„Die Explosion, an der ich zugegeben ganz eindeutig schuld war, hörte man im ganzen Kloster. Viele Nonnen kamen angelaufen, was den meisten von ihnen ganz gut tat. Meine Karriere als Schülerin fand damit allerdings ein abruptes Ende.“  SPRECHER: Dass sie ohne Schulabschluss nicht studieren kann, findet Mary zwar ärgerlich, es hält sie aber auch nicht davon ab, ihrem Traumberuf nachzugehen. MUSIK Systematisch arbeitet sie daran, Archäologin zu werden und assistiert bei Grabungen. Bald fällt Mary zum einen durch eine rigorose Präzision auf, die ihr Markenzeichen werden soll, zum anderen durch ihr Talent, detaillierte Zeichnungen von den Fundstücken anzufertigen. So wird Mary Nicol, gerade 20-jährig, weiterempfohlen. Ein aufstrebender Afrikaforscher namens Louis Leakey sucht eine begabte Zeichnerin, die sein Buch, Adams Vorfahren, illustrieren könnte. Louis ist begeistert von der brünetten Wissenschaftlerin mit den stechend blauen Augen. Aus dem Arbeitsverhältnis wird bald eine Affäre. Zwei Seelenverwandte seien sie gewesen, haben Mary und Louis immer wieder gesagt.  SPRECHERIN: Leakey zählt zur Speerspitze der Forschung, als er Mary 1933 kennenlernt. Die Affäre wird aber alles ins Wanken bringen. Der Grund: Louis Leakey ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Zudem ist seine Frau Frida mit dem zweiten Kind schwanger. Louis, der schon vor Mary etliche Affären hatte, wartet noch, bis das Kind geboren ist, dann beichtet er Frida alles. Mary, die mit anwesend ist, erinnert sich in ihrer Autobiografie: ZITATORIN MARY LEAKEY:„Frida bebte vor Wut, und als betrogene Ehefrau hatte sie auch allen Grund dazu. Mit bewundernswerter Offenheit sagte sie, was sie von uns beiden hielt. Genau erinnere ich mich nicht mehr an ihre Worte, aber im Groben und Ganzen hielt sie Louis für einen gemeinen Schuft und für einen Verräter, der sie und ihre Kinder hintergangen habe. Mich betitelte sie als wertloses Luder, das Louis verführt habe, ohne einen Funken Anstand und Moral. Dann ging sie, und untersagte Louis fortan jeglichen Kontakt zu seinen Kindern.“ SPRECHERIN: In Cambridge ernten Louis und Mary nichts als Verachtung, Freunde und Kollegen ziehen sich zurück, an Forschungsgelder und Sponsoren ist in der Situation kaum zu denken. Schließlich kehren beide England den Rücken, heiraten, und beginnen ein neues Leben, in Afrika. Ihr Ziel: die Olduvai-Schlucht, die bislang nur rudimentär erforscht wurde. MUSIK SPRECHERIN: Am Rande der Serengeti schlagen die beiden ihr Lager auf, inmitten der Jagdgründe von Löwen, Hyänen und Schakalen. Es wird ein Abenteuerleben, in das sich Mary Leakey intensiv stürzt. Aus Liebe zu Louis, aber auch aus eigenem Ehrgeiz. Sie bekommt drei Söhne, Jonathan, Richard und Philip. Mary genießt es, wenn die Kinder während der Grabungsarbeit in Sichtweite sind, aber nur, wenn die Kleinen sich selbst beschäftigen. Die Leidenschaft für die Arbeit bleibt immer größer als die Mutterliebe: ZITATORIN MARY LEAKEY:„Ich war nicht gewillt, der Mutterschaft zu erlauben, meine Arbeit zu stören.“ SPRECHER: Ein halbes Jahrhundert lang wird Mary Leakey unter der sengenden Sonne Ostafrikas arbeiten, auf Knien mit einfachen Werkzeugen im Staub und Geröll graben, und Millionen Jahre alten Schotter nach Fossilien durchforsten, immer auf der Suche nach Fundstücken, die Licht ins Dunkel der menschlichen Evolution bringen können. MUSIK SPRECHER: In Kenia macht Mary Leakey ihren ersten bedeutenden Fund. Im Oktober 1948 entdeckt sie auf der Insel Rusinga im Victoriasee einen 18 Millionen Jahre alten Schädel. Ein „Proconsul africanus“, aus der Frühphase der Entwicklung der Menschenaffen. Elf Jahre später gelingt ihr ein weiterer Sensationsfund, diesmal in Olduvai. Nach fast drei Jahrzehnten erfolgloser Grabungsaktivitäten in der Schlucht zahlt sich die Beharrlichkeit der Leakeys aus. Es ist der 17. Juli 1959. Louis liegt mit Fieber im Camp, Mary aber entschließt sich mit dem Range Rover und zweien ihrer geliebten Dalmatiner-Hunde zu einer Grabungsstelle in der Schlucht zu fahren. Stundenlang sucht sie die Erdoberfläche ab, und will, als die Mittagshitze sie müde macht, wieder zurückkehren. Da fällt ihr Blick auf einen hervorstehenden Knochen. ZITATORIN MARY LEAKEY:„Das Stück schien zu einem Schädel zu gehören, sah hominid aus, aber die Knochen wirkten viel zu dick und kräftig. Ich nahm einen Pinsel und legte mehr von diesem Kieferknochen frei. Ein mächtiges Gebiss wurde sichtbar.“ SPRECHER: Mary rast zum Camp zurück, weckt Louis und führt ihn zur Fundstelle. Zum Schädel, der als „Nussknacker-Mensch“ in die Geschichte eingehen wird. Louis nennt die Gattung Zinjanthropus, nach dem alten arabischen Wort „Zinj“ für Ostafrika. Heute wird der Fund oft auch der Gattung „Paranthropus“ zugeordnet, wortwörtlich heißt das „neben dem Menschen“. Auf dem Stammbaum unserer Vorfahren findet sich der Nussknacker-Mensch auf einer ausgestorbenen Seitenlinie. Sein Gebiss bleibt aber auch heute noch beeindruckend, erklärt Friedemann Schrenk. OTON FRIEDEMANN SCHRENK 8„Der Unterkiefer ist sehr mächtig, die Zähne sind ungefähr drei Mal so groß wie bei uns heute und die Kaumuskulatur die an der Seite sitzt außen, die bei uns auf halber Höhe aufhört am Schädel, die geht bei denen bis auf den Kopf, und stößt dann in der Mitte von beiden Seiten zusammen, so dass sich dann ein Knochenkamm bildet, deswegen hat dieser Zinjanthropus wie er genannt wurde, so einen Knochenkamm auf dem Schädel, also ist ne Kombination von Kiefer, Zähne und Muskulatur, und alles zusammengenommen ist - wenn man so will - eine Nussknacker-Konstruktion.“ SPRECHER:Dieser Nussknacker-Mensch schiebt die Leakeys mit einem Schlag ins weltweite Rampenlicht. Sie landen auf den Titelseiten der New York Times, der London Times und beginnen eine langjährige Zusammenarbeit mit der National Geographic Society. Filmteams, Reporter und natürlich auch viele Wissenschaftler besuchen Camp Leakey in regelmäßigen Abständen. MUSIK Zahlreicher werden die Funde, diffiziler die Kategorisierung in Gattungen und Arten. In der Ehe der Leakeys beginnt jedoch zu kriseln. Louis hat etliche Affären, bis es Mary schließlich reicht. Ihre Wege trennen sich. Sie leitet nun in alleiniger Verantwortung die Grabungsarbeiten in der Olduvai-Schlucht. Nach Louis Tod 1972 muss sie auch noch die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, Vorträge halten und Spendengelder eintreiben. Im Gegensatz zu Louis ist ihr all der Trubel unangenehm, der 1978 seinen Höhepunkt findet, als Mary ihren wichtigsten Fund, die Fußabdrücke von Laetoli, öffentlich macht. MUSIK SPRECHERIN:Die Ruhe. Die Einsamkeit der Savanne. Die ausgedehnten Spaziergänge mit ihren Dalmatinern. Ungestörte Grabungen. Das ist es, was Mary Leakey fasziniert. Und die einzigartige Landschaft von Olduvai. MUSIK ZITATORIN MARY LEAKEY:„An diesem Anblick kann ich mich nie satt sehen. Vor über einem halben Jahrhundert kam ich mit Louis zum ersten Mal nach Olduvai. Und noch immer bin ich verzaubert, egal ob es Regenzeit ist oder extrem trocken, ob die Sonne mittags vom Himmel brennt, oder die Abenddämmerung anbricht. Olduvai fühlt sich immer gleich an, und immer anders. Dies ist mein Zuhause geworden.“ SPRECHERIN:Als Mary Leakey im Dezember 1996 im Alter von 83 Jahren stirbt, erfüllen ihr ihre Söhne den letzten Wunsch und verstreuen ihre Asche in der Olduvai-Schlucht. SPRECHERIN:Mittlerweile ist die Straße nach Olduvai geteert und es gibt vor Ort ein Museum zu Ehren von Mary Leakey und ihrer Entdeckungen. Auf ihre umfangreiche Forschungsarbeit stützen sich Paläoanthropologen wie Friedemann Schrenk bis heute. MUSIK OTON FRIEDEMANN SCHRENK 9 „Für mich bleibt von Mary Leakey die Faszination für diese Wissenschaft. Etwas zu entdecken, was noch nie vorher jemand gesehen hat, ihre Liebe zu Afrika und die ungeheure Energie, die sie da reingesteckt hat und diese Wissenschaft geprägt hat, die moderne Paläoanthropologie. Ohne Mary Leakey wäre unsere Wissenschaft nicht so wie sie ist.“
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Apr 18, 2025 • 24min

AUF UNBEKANNTEM TERRAIN - Heinrich Barth, der vergessene Afrika-Forscher

Erkundung der bis dahin in Europa weitgehend unbekannten Sahara. Wie gefährlich das Vorhaben ist, merkt der deutsche Forscher schon nach wenigen Wochen, als er sich bei sengender Hitze in der vegetationslosen Region verirrt. Nachdem Barth gerade noch dem Verdursten entkommt, setzt er seinen Weg äußerst umsichtig und mit großem Respekt vor den Einheimischen fort. Barth lernt in den kommenden fünf Jahren viele lokale Sprachen und passt sich der Lebensweise der Menschen an. Von Linus Lüring (BR 2017) Credits Autor: Linus Lüring Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Rainer Buck, Rahel Comtesse, Jerzy May Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Klaus Schneider (war bis 2018 Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums) Linktipps: BR (2019): Die Geschichte der Sahara – Seen im Sand Inmitten der Sahara liegen seit Jahrtausenden die Seen von Ounianga. Ihre Existenz verdanken sie Regen, der vor mehr als 5.000 Jahren fiel. Denn die Sahara war nicht immer eine Wüste. JETZT ANHÖREN SWR (2015): Timbuktu, Mali Zentrum islamischer Gelehrsamkeit - so zumindest stellte sich Timbuktu den Menschen des 19. Jahrhunderts dar, als nach Timbuktu zu gelangen noch ein gefährliches Abenteuer war. Eine Stadt in der Wüste und scheinbar aus Sand gebaut. Die Bewohner beleben das allgemeine Lehmbraun mit ihrer bunten Kleidung. Die Nahrungsmittel werden über hunderte Kilometer auf dem Niger herbeigeschifft, und es ist nach wie vor ein Abenteuer, nach Timbuktu zu gelangen. Die Lehm-Moscheen bestimmen immer noch das Stadtbild, wenn nicht Sandstürme alles begraben. Die islamische Universität hat allerdings nicht mehr die Bedeutung früherer Jahrhunderte. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Sprecher Vor 24 Stunden hatte Heinrich Barth zum letzten Mal etwas getrunken. Jetzt steigt die Sonne erbarmungslos immer höher. An Schatten ist nicht zu denken, die wenigen Bäume sind verdorrt. Der junge Deutsche ist allein unterwegs und weiß, dass er bald verdursten wird. In seiner Verzweiflung schneidet er sich in den Arm und trinkt sein eigenes Blut, um den Durst zu stillen. Dann fällt er in Ohnmacht. In der sengenden Hitze dämmert Barth dahin. Doch am Abend weckt ihn plötzlich der Schrei eines Kamels. ATMO Schrei eines Kamels ZitatorDer klangreichste Ton, den ich je im Leben gehört! Ich erhob mich etwas vom Boden und sah einen Targi in einiger Entfernung langsam nach allen Seiten umherspähend, vor mir vorbeireiten. Ich öffnete meine trockenen Lippen, mit meiner geschwächten Stimme „Wasser, Wasser“ rufend.         Sprecher Die Rettung für Heinrich Barth kommt in letzter Minute. Beinahe wäre sein Traum – das nördliche Afrika zu erforschen – schon hier im kargen Idinen-Gebirge am Rand der Sahara zu Ende gewesen. Jetzt aber lernt Barth aus dieser Erfahrung. Er teilt seine Kräfte künftig besser ein und riskiert nie wieder bei Alleingängen sein Leben. Das ist die Basis für eine beeindruckende Pionierleistung, die aber jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geraten wird. MUSIK    SprecherinEinige Wochen vorher, im März 1850, hat sich Heinrich Barth in Tripolis mit einer Expedition im Auftrag der britischen Regierung auf den Weg in Richtung Süden gemacht. Neben dem damals 29-jährigen Barth sind noch der deutsche Geologe Adolf Overweg und der Leiter der Expedition dabei, der britische Missionar James Richardson. Begleitet werden sie von einheimischen Führern und dutzenden Kamelen. Zuerst wollen sie die Sahara durchqueren und dann weiter in Richtung Tschadsee vorstoßen. Ihr Auftrag: Sie sollen das nördliche Afrika erforschen und dabei Absatzmärkte für britische Waren erschließen. Vor den Männern liegt ein Gebiet, das zur damaligen Zeit in Europa größtenteils noch unbekannt ist. Es gibt wenig verlässliche Informationen, stattdessen Gerüchte über angriffslustige Nomadenvölker, wilde Tiere und Dürren. Wie gefährlich die Expedition ist, das werden die Europäer schnell spüren. Barth wird der Einzige der drei sein, der die Forschungsreise überlebt. MUSIK SprecherNachdem sich Barth von seinem lebensgefährlichen Alleingang erholt hat, zieht die Karawane weiter in Richtung Air-Gebirge. Die wasserlose Region ist sagenumwoben, noch nie waren Europäer bis hierher vorgedrungen. MUSIK SprecherinSchon nach wenigen Tagen gerät die Expedition in einen Hinterhalt. Dutzende Tuareg, bewaffnet mit Schwertern und Speeren, überfallen die Karawane. Sie haben es auf die mit unzähligen Kisten und Gepäckstücken beladenen Kamele abgesehen. Die Expedition verliert etwa ein Viertel der Lebensmittelvorräte und andere Güter. Während Expeditionsleiter Richardson schon mit dem sicheren Tod rechnet, tritt Heinrich Barth den Nomaden entschlossener entgegen.Schließlich kommen die drei Christen nach zähen Verhandlungen mit dem Leben davon. SprecherImmer wieder wird Heinrich Barth bei der weiteren Reise bedrohliche Situationen erleben. Dennoch begegnet er den Einheimischen mit großem Respekt. Stets sucht er den Kontakt mit Ihnen und schließt viele Freundschaften. Dies ermöglicht ihm tiefe Einblicke in die Kulturen Nordafrikas. Dass Barth in Afrika so gewinnend auftritt, war keineswegs zu erwarten gewesen. In Deutschland galt Heinrich Barth als Einzelgänger, ja sogar als beziehungsunfähig. MUSIK SprecherinIm Februar 1821 wurde er als Sohn einer Kaufmanns-Familie in Hamburg geboren. Seine Eltern achteten auf Fleiß und eiserne Disziplin, Merkmale, die Barths Persönlichkeit prägten. Ein Mitschüler beschrieb ihn zwar als kränklich und schwach, fügte aber bewundernd hinzu, dass er im Winter in Eiswasser schwamm, um seinen Körper zu stärken. Bald soll Barth dann eine stattlichere Statur gehabt haben, trotzdem fanden ihn viele ziemlich merkwürdig, wie ein Klassenkamerad festhielt. ZitatorNamentlich hieß es von ihm, dass er sich privat und ohne alle Anleitung mit dem Arabischen beschäftige, was uns gedankenlosen Schuljungen denn freilich als der Gipfel aller Verrücktheit erschien. SprecherinAuch später im Studium hatte er wenig Kontakt zu anderen, stattdessen war er getrieben vom Wissensdrang, also studierte er in Berlin nicht nur Geschichte, sondern gleich auch noch Geografie, Jura und Germanistik. Nach der Promotion brach er zu einer Reise ums südliche Mittelmeer auf. Dass er unterwegs angeschossen und ausgeraubt wurde, warf ihn nur kurz aus der Bahn. Zu fasziniert war er von den antiken Stätten und den unterschiedlichen Kulturen, denen er in Tunesien oder Syrien begegnete. SprecherObwohl ständig von Hunger und Geldsorgen geplagt, notierte er doch alle möglichen Details zu Namen, Entfernungen und Begegnungen. Daraus verfasste er später seine Habilitationsschrift in Geographie. Trotz dieser enormen Leistung erfüllte sich sein großer Wunsch nicht – eine eigene Professur. Er schafft es nicht, andere mit seinen enormen Kenntnissen zu begeistern. Seine Vorlesungen sind schlecht besucht. Entmutigt zieht Barth sich zurück und blickt einer unsicheren Zukunft entgegen. Sein Schwager charakterisiert ihn so: ZitatorSein Selbstgefühl erlaubt ihm nicht, sich zur rechten Zeit zu beugen. Er ist ein kühner und ausdauernder, aber kein gewandter Schwimmer auf dem Strome des Lebens. SprecherinNicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine Expedition in unbekannte Gebiete, bei der es auf Diplomatie und Offenheit ankommen wird. Trotzdem: Für Barth kam die Einladung zur Teilnahme gerade recht. Die Briten wollten von seiner akribischen Arbeitsweise profitieren. Und dem ehrgeizigen Wissenschaftler wurde zugesichert, dass er - wenn er mit herausragenden Ergebnissen nach Europa zurückkehrt - eine passende Professur bekommt. Darauf verließ sich Barth. Hochmotiviert brach er auf nach Afrika. Während der Expedition wird er ein anderer Mensch werden. MUSIK SprecherIm Januar 1851, knapp neun Monate nach dem Aufbruch, haben die Männer um Heinrich Barth bereits dreieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt. Langsam lassen sie die Sahara hinter sich und sehen jetzt die ersten Kornfelder im Norden des heutigen Nigeria. SprecherinFür Barth kommt die Karawane zu langsam voran, außerdem nerven ihn die ständigen finanziellen Sorgen, denn der Geldnachschub aus England ist schon seit längerem ausgeblieben. Allein wäre er nicht nur schneller und günstiger, sondern auch unauffälliger und damit sicherer unterwegs, hofft er. Expeditionsleiter Richardson stimmt schließlich zu, dass die drei Europäer sich trennen. Für die umfangreichen Forschungsarbeiten Barths und auch des anderen Wissenschaftlers Adolf Overweg hat er ohnehin immer weniger Verständnis. Die  Männer vereinbaren, sich drei Monate später im 700 Kilometer entfernten Kukawa wiederzutreffen, der Hauptstadt des mächtigen Bornu-Reiches am Tschad-See. SprecherHeinrich Barth zieht mit neuer Energie und nur wenigen Begleitern weiter. Dass er nun seinen Weg selbst bestimmen und ungehindert die Gegenden, die vor ihm liegen, erforschen kann, macht ihn glücklich. Wie besessen versucht er jedes Detail festzuhalten. Seine breite Bildung in Archäologie, Geographie und Linguistik ist dabei ein Schlüssel für bemerkenswerte Erkenntnisse. SprecherinSchon kurz nach der Abreise hatte der deutsche Forscher im heutigen Libyen einige jahrtausendealte Felsbilder entdeckt. Weil er dort, mitten in der Wüste, Zeichnungen von Elefanten und Flusspferden sah, begriff er als erster überhaupt, dass die Region einen gewaltigen Klimawandel erlebt hat. Solche Erkenntnisse notiert er akribisch. Seine Schriften gibt er dann von Zeit zu Zeit Karawanen in Richtung Norden mit. Barths Briefe sind monatelang unterwegs, bis sie in Europa eintreffen. MUSIK SprecherIm März 1851, kurz vor Kukawa, dem vereinbarten Treffpunkt der drei Europäer, reiten Boten Heinrich Barth entgegen. Die Nachricht, die sie überbringen dämpft seinen Optimismus empfindlich. Expeditionsleiter Richardson ist vor wenigen Tagen an Entkräftung gestorben. Auf einmal muss sich Barth die Frage stellen, wie es mit der Expedition weitergeht. Er schreibt deshalb an die britische Regierung in London mit der Bitte um Anweisungen. Dabei steht er vor einem weiteren Problem: Der Deutsche weiß nicht, wie der mächtige Scheich von Bornu ihn in Kukawa empfangen wird. Weil Adolf Overweg noch nicht eingetroffen ist, muss er allein, ärmlich gekleidet und nach Richardsons Tod auch ohne offiziellen Auftrag in die Stadt einreiten. SprecherinUnsicher reitet Heinrich Barth auf die in der Sonne schimmernden, weißen Lehmmauern der Stadt zu. Doch er wird erst vom Wesir, dem wichtigsten Minister des Scheichs und später von Scheich Omar selbst wohlwollend begrüßt und dann zu einem üppigen Abendessen eingeladen. Und obwohl er fast keine Gastgeschenke mitbringt, wird Barth sogar ein geräumiger Lehmziegelbau zugewiesen. SprecherSchon nach wenigen Tagen ist es ihm gelungen, das Vertrauen des Scheichs zu gewinnen. Er wird mit Unterbrechungen insgesamt über ein Jahr in Kukawa verbringen. SprecherinEs scheint paradox. In Europa ist Heinrich Barth noch der zurückgezogene, abweisende Einzelgänger. In Afrika tritt er dagegen völlig anders auf, erklärt Professor Klaus Schneider: ZUSP Schneider 1Er hatte anscheinend ein ganz großes Geschick oder große Ausstrahlung diesen Menschen gegenüber. Er hatte überall, wo er war, und das sagt er in einem ganz berühmten Satz, überall wo ich gewesen bin, habe ich Freunde hinterlassen. Und das hat er auch ganz früh zu einer Methode gemacht und er sagte, man muss mit diesen Menschen persönlich in Kontakt geraten, und sie müssen sich um dich kümmern. Sonst wird das nicht gut gehen. SprecherinBarth profitiert dabei auch von seinem außerordentlichen Sprachtalent. Innerhalb weniger Wochen schafft er es oft die Sprachen der Regionen, durch die er gerade reist, zu lernen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Dolmetscher braucht er so gut wie nie. Und noch etwas hilft ihm. Er hat keine Berührungsängste mit dem Islam, der in Nordafrika dominierenden Religion. Im Gegenteil, während in Europa im 19. Jahrhunderts der Antiislamismus weit verbreitet ist, faszinieren ihn die islamischen Einflüsse auf Wissenschaft und Kunst. In vielen Gegenden kleidet er sich sogar wie ein Muslim und reist unter dem Pseudonym „Abd el Karim“, übersetzt: „der Diener des Höchsten“. Ein gewaltiger Unterschied zu anderen Afrika-Forschern vor ihm, wie etwa Mungo Park. Sie bevorzugten bewusst europäische Kleidung um sich als Höherstehende abzugrenzen. SprecherMitte des Jahres 1852 ist Kukawa, die Hauptstadt des Bornu-Reiches, für Heinrich Barth seine „afrikanische Heimat“ geworden, wie er selbst sagt. Von hier aus unternimmt er monatelange Exkursionen ins Umland, begleitet von Adolf Overweg, der mit einigen Wochen Verspätung doch noch angekommen ist. Dabei bereisen sie Gebiete, die in Europa nicht mal dem Namen nach bekannt sind. Dann, nach über einem Jahr, kommt endlich ein Brief aus London. Für Barth wird das einer der „glücklichsten Tage seines Lebens“, wie er sagt: denn die britische Regierung bestimmt ihn zum neuen Leiter der Expedition.Mit diesem offiziellen Auftrag kann er schließlich den Handelsvertrag für Großbritannien mit dem Scheich abschließen – eines der Hauptziele der Expedition ist damit erreicht. Außerdem bekommt Barth lang ersehnte finanzielle Unterstützung. Nun kann er die weitere Route der Expedition selbst bestimmen. Und da fasst Heinrich Barth einen Ort ins Auge, der in Europa damals einen mythischen Ruf hatte – Timbuktu. MUSIK SprecherinUnvorstellbar reich soll die Wüstenstadt sein. Es heißt sogar, dass die Häuser mit Gold überzogen seien. Allerdings sind das eben nur Erzählungen. Wohl erst zwei Europäer haben Timbuktu bisher erreicht. Ihre jahrzehntealten Berichte sind ent-weder nicht überliefert oder werden angezweifelt. Barth möchte herausfinden, wie es in der Stadt wirklich aussieht. Er weiß, dass die Reise etwa ein Jahr dauern wird: von Kukawa nach Timbuktu sind es mehr als 2000 Kilometer. Trotzdem ist der deutsche Wissenschaftler voller Tatendrang. Aber kurz vor dem geplanten Aufbruch dann ein Rückschlag: Adolf Overweg stirbt an Malaria. Barth ist tief erschüttert, denn Overweg war für ihn zu einem wichtigen Freund geworden. Den-noch bleibt er bei seinem Ziel - er will Timbuktu unbedingt erreichen. Im November 1852 bricht er mit acht Begleitern sowie einigen Pferden und Kamelen auf. SprecherAuf dem Weg nach Westen, in Richtung Timbuktu erlebt Barth, wie er später schreibt, „ununterbrochene Kriegsführung und Gewalttätigkeit“. Immer wieder müssen er und seine Begleiter deshalb große Umwege machen. Einmal reiten sie 30 Stunden ohne wirkliche Rast, in der ständigen Angst entdeckt zu werden. Dabei spürt Heinrich Barth die Überanstrengung immer deutlicher. Seit knapp drei Jahren ist er jetzt schon unterwegs. Rheuma, Fieber oder Skorpionstiche quälen ihn immer wieder. Dazu kommt die einseitige Ernährung: Auf dem Weg nach Timbuktu zum Beispiel gibt es monatelang fast nur Hirsebrei. Trotzdem treibt ihn eiserne Disziplin vorwärts, mit teilweise bizarren Folgen: ZitatorBald begann ich die Qual der Übermüdung zu fühlen. Um nicht im schläfrigen Zustande vom Kamele zu fallen, war ich genöthigt, einen großen Teil der Nacht mich zu Fuße hinzuschleppen, was nicht eben angenehm war. SprecherDass Barth es dabei schafft, seine Forschungsarbeiten nicht zu vernachlässigen, wirkt fast übermenschlich. Doch genau das bringt ihn jetzt in zusätzliche Schwierigkeiten. Weil er ständig Gebäude oder Landschaften zeichnet und sogar lange Vokabellisten für verschiedenste Sprachen anlegt, ist er vielen Afrikanern suspekt. In die Zeit fallen auch Berichte, dass französische Truppen beginnen, den Nordwesten Afrikas zu erobern. Für viele Einheimische steht deshalb fest: Barth muss ein Spion sein, der eine Invasion vorbereitet. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. SprecherinWährend viele Europäer Afrika zur damaligen Zeit als Kontinent ohne Geschichte sehen und Afrikaner für primitive Wilde halten, fehlen bei Heinrich Barth solche rassistischen Bemerkungen. Er ist überzeugt, dass den afrikanischen Gesellschaften eine große Gefahr droht. Professor Klaus Schneider: Zusp. Schneider 2 Also ich glaube der Kolonialismus, der sich anbahnte, der war für Barth schon gefühlt. Er war sicher, dass die Europäer Afrika überrennen würden. Und er sagt dann ja auch an manchen Stellen, er hätte davon geträumt, dass er an der Spitze eines panafrikanischen Heeres gegen die europäischen Kolonialmächte angehen würde. Und damit war er der einzige überhaupt zu der Zeit, der sich in irgendeiner Art und Weise wirklich artikuliert auf die Seite der Afrikaner gestellt hat. SprecherinEin Europäer an der Seite Afrikas – Heinrich Barth wird noch spüren, dass er sich mit dieser Einstellung nicht nur Freunde macht. SprecherEndlich. Im September 1853 hat es Heinrich Barth trotz aller Widrigkeiten geschafft. In der Ferne taucht vor ihm die Stadt seiner Sehnsucht auf -Timbuktu. Doch der Anblick ist für den mittlerweile 32-jährigen eine Enttäuschung. MUSIK ZitatorIhre dunklen, schmutzigen Tonmassen waren kaum vom Sande und umher aufgehäuften Schutt zu unterscheiden. Denn der Himmel war dick überzogen und mit Sand erfüllt. SprecherFür Barth wird Timbuktu trotzdem eine der wichtigsten Stationen. Denn hier freundet er sich mit Scheich Al-Bakkai an, einem der berühmtesten Koran-gelehrten Westafrikas. Der mächtige Mann beschützt Barth als feindliche Herrscher herausbekommen, dass der Fremde Christ ist. Außerdem führen die beiden Männer lange Gespräche über die Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum. Und Al-Bakkai gewährt ihm Einblicke in bedeutende historische Dokumente. So kann Barth die Geschichte der westafrikanischen Reiche erstmals umfassend nachvollziehen. Dabei bleibt seine Lage lebensgefährlich, mehrmals muss der Forscher Timbuktu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. In dieser Zeit reißt auch der Kontakt nach Europa völlig ab. In der Heimat kursiert bereits die Nachricht, dass Heinrich Barth ums Leben gekommen sei, und zahlreiche Nachrufe werden verfasst. SprecherinNach sechs Monaten in Timbuktu macht sich Heinrich Barth Anfang 1854 auf den Rückweg nach Europa. Im August 1855 erreicht Barth völlig erschöpft wieder Tripolis. Hinter ihm liegen über 15.000 Kilometer in fünfeinhalb Jahren. Als Heinrich Barth sich dann nur wenige Tage später auf die Weiterreise nach London macht, ist er sich sicher, dass das, was er zu berichten hat, in Europa für Furore sorgen und ihn in Wissenschaftskreisen weit bringen würde. SprecherDoch angekommen in London erfährt er, dass England und Frankreich ihre Interessensgebiete in Nordafrika inzwischen abgesteckt haben. Die Gebiete, in denen Heinrich Barth Handelsverträge für England abgeschlossen hat, liegen jetzt im französischen Einflussbereich. Die zähen Verhandlungen Barths waren umsonst. Schwer enttäuscht schreibt er seinen Reisebericht. Bereits zwei Jahre später erscheint das Werk auf Deutsch und Englisch. Auf 3.500 Seiten erklärt Heinrich Barth in fünf Bänden geografische und sprachliche Details, schildert politische und wirtschaftliche Beziehungen und beschreibt Personen, die er getroffen hat. Doch anders als die Bücher früherer Afrikareisender wird das Werk ein Ladenhüter. Es ist zu detailliert, zu wenig spannend geschrieben. Der nächste Rückschlag für Barth. Wehmütig denkt er an seine Reisejahre zurück: MUSIK ZitatorWie sehne ich mich nach einem freien Nachtlager in der Wüste. Wo ohne Ehrgeiz, ohne Sorge um die tausend Kleinigkeiten, die hier den Menschen quälen, ich mich im Hochgenuss der Freiheit nach Beendigung des Tagesmarsches auf meine Matte zu strecken pflegte. SprecherAber statt nach Nordafrika, kehrt Barth nun nach Deutschland zurück und wird wieder enttäuscht. Die versprochene Professur bekommt er nicht, stattdessen spürt er breite Ablehnung. Viele nehmen ihm übel, dass er im Auftrag der Briten unterwegs war. Und dass er dazu den Kolonialismus deutlich kritisiert und den Islam bewundert, passt so gar nicht zum damaligen Zeitgeist. Professor Klaus Schneider: ZUSP: Schneider 4Er hatte keine Möglichkeit in diese Wissenschaftskreise zu gelangen, von denen er sich dann die weitere Karriere versprochen hat. Das ist für ihn, glaube ich, auch ein Grund gewesen, zu resignieren und vielleicht auch durch diese Umstände depressiv zu werden und in Kombination mit einigen Krankheiten, die er aus Afrika mitgebracht hatte, dass er daran auch verstarb. MUSIK SprecherMit nur 44 Jahren stirbt Heinrich Barth zurückgezogen im November 1865 in Berlin. Lange gerät er dann in Vergessenheit. Erst 100 Jahre später wird sein Werk wiederentdeckt und die Bedeutung seiner Arbeit gewürdigt. Gerade weil er vorurteilsfrei den direkten Kontakt suchte, erkannte er als einer der ersten Forscher die reiche Vergangenheit Afrikas und wies nach, dass die These vom Kontinent ohne eigene Geschichte nicht haltbar ist. Doch das passte nicht in eine Zeit, die gerade die Kolonialisierung Afrikas vorbereitete.
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Apr 18, 2025 • 23min

AUF UNBEKANNTEM TERRAIN - Bronislaw Malinowski, der Mann im Pazifik

Die Welt kann auch komplett anders funktionieren, als wir gemeinhin meinen. Das hat der Ethnologe Bronislaw Malinowski gezeigt. Er hat Anfang des 20. Jahrhundert auf abgelegenen Inseln im Pazifik gewohnt, hat die Sprache der Trobriander gelernt und hat ihren Alltag präzise beobachtet. Von Bettina Weiz (BR 2018)Credits Autorin: Bettina Weiz Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christiane Roßbach Technik: Regina Staerke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Gunter Senft, Prof. Dr. Bettina Beer Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD: Gold & Asche: Projekt Versicherungen Im Podcast “Gold & Asche: Projekt Versicherung" führen Antonia Mannweiler und Till Bücker in neun Folgen durch die komplizierte Welt der Versicherungen. Welche Versicherungen sind Pflicht – und auf welche kann man verzichten? Dafür haben sie mit zahlreichen Experten gesprochen: Versicherungsexperten, Professorinnen, Verbraucherschützer und Journalistinnen teilen ihr Wissen und geben wertvolle Einblicke in die Welt der Versicherungen. ZUM PODCAST Linktipps: SWR (2023): Feldforschung vor der eigenen Haustür – Die Ethnologin Juliane Stückrad Juliane Stückrad wollte eigentlich in Lateinamerika forschen, doch ihre ostdeutsche Heimat fand sie interessanter. In ihrem vielbeachteten Buch "Die Unmutigen, die Mutigen" zeigt sie Arbeits- und Lebenswelten im Wandel. JETZT ANHÖREN ARD (2024): Papua-Neuguinea extrem – Hölle oder Paradies? Ein krasses Land! Papua-Neuguinea ist gefährlich, unberechenbar, faszinierend – und manchmal furchteinflößend. ARD-Korrespondent Florian Bahrdt und sein Team sind auf einem Roadtrip durchs Hochland von Papua-Neuguinea. Reisen dort ist eine mühsame Strapaze. Und sehr riskant. Brutale Kämpfe zwischen den Dörfern fordern täglich Tote und Verletzte. Raubüberfälle und Straßensperren sind an der Tagesordnung. Aber Papua-Neuguinea ist so viel mehr: „Expect the unexpected! Erwartet das Unerwartete!“, rät Mundiya Kepanga. Der Chief, der sich gerne im traditionellen Outfit zeigt und mühelos zwischen Regenwald und Klimakonferenzen wechselt, zeigt dem Team bedrohte und lebenswichtige Naturschätze der Insel. Warum ist Papua-Neuguinea noch so einzigartig? ARD-Korrespondent Florian Bahrdt sucht Antworten - und zwar dort, wohin sonst kaum jemand geht. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:ATMO und MUSIK Erzählerin:Es ist Sommer 1914. Ein Schiff dampft über die Weltmeere, an Bord: ein dreißigjähriger Herr. ATMO Schiffströte & Wellen Erzählerin:Er ist schlank, hat ein langes, schmales Gesicht, eine hohe Stirn, sinnliche Lippen und eine kleine, runde Brille: Bronislaw Malinowski. Ein Wissenschaftler durch und durch. Er hat in Krakau Mathematik und Physik studiert und ist Doktor der Philosophie geworden. An der Universität Leipzig hat er sich mit Psychologie und Wirtschaft befasst. Und dann hat er in London noch ein Studium abgeschlossen – das der Völkerkunde. Nun hat er einen Job auf einer Wissenschaftler-Konferenz ergattert. Deshalb ist er auf dem Dampfer. Die Konferenz findet nämlich in Australien statt, und immerhin kommt er so günstig ans andere Ende der Welt. MUSIK Erzählerin:Genau an dem Tag, an dem die Konferenz beginnt, bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich befindet sich Bronislaw Malinowski in Feindesland. Als Pole ist er Bürger der Donaumonarchie und damit Kriegsgegner Englands, zu dem Australien damals gehört. Die Regierung lässt ihm die Wahl: zurück nach Europa, also in den Krieg, oder in die Südsee. Malinowski wählt die Südsee. Er fährt nach Papua Neu Guinea und forscht – erst auf dem Festland, dann auf einer vorgelagerten Insel, dann noch weiter weg, so der Sprachwissenschaftler Gunter Senft, der selbst über Jahrzehnte in der Gegend gearbeitet hat. 1. Zsp. (Gunter Senft)Daraufhin hatte ihm sein Doktorvater Seligman da empfohlen, da auf die Rossell-Insel zu fahren, eine ganz weit abgelegene Insel in der Solomon-See, und auf dem Weg auf diese Inseln hat er eine Einladung von einem Offizier angenommen, ihn auf den Trobriand-Inseln zu besuchen. Das hat den damaligen Oberbefehlshaber und Verwalter der Kolonie Neu Guinea, Sir Hubert Murray, derart aufgeregt, dass er schon wieder ein eigenwilliges Experiment gemacht hat, dass er Malinowski angeordnet hat, er MUSS jetzt auf den Trobriand bleiben und dort Forschung betreiben. Wir verdanken also die Tatsache, dass wir diese exzellente Ethnographie über die Trobriand-Insulaner von Malinowski haben, der Tatsache, dass ein Verwaltungsbeamter verärgert über ihn war und ihn dort hat sitzenlassen. Erzählerin:Eine Ethnographie ist die Beschreibung des Lebens von Leuten, die die Welt anders verstehen und andere Dinge tun als man selbst. Die Völkerkundler vor Bronislaw Malinowski hatten auch Ethnographien verfasst – aber die Informationen dafür hatten sie meist aus zweiter oder dritter Hand. Einer der Großen von ihnen soll auf die Frage, ob er jemals persönlich einen Wilden, wie man damals sagte, getroffen habe, geantwortet haben: „Gott bewahre!“. Er bekam seine Daten, mit Hilfe von Fragebögen und von Kolonialbeamten und Missionaren, die wiederum einzelne Dorfbewohner zu sich auf die Verandas kommen ließen und diese befragten. MUSIK Erzählerin:Zunächst hatte auch Malinowski bei anderen Europäern gewohnt, die es in die Südsee verschlagen hatte. Er hatte abends bei ihnen zu Grammophonmusik Walzer getanzt und tagsüber im Dorf nebenan Frauen mit Baströcken bei Zeremonien zu Trommelrhythmen beobachtet. Aber immer mehr ärgerte er sich über Kolonialbeamte, die den Leuten in den Dörfern zum Beispiel die Schweinehaltung verboten oder Missionare, die ihnen ihre Religion ausreden wollten – und die Leute nicht verstanden. Da machte er aus der Not, dass er wegen des Krieges vier Jahre lang in der Südsee festsaß, die Tugend, dass er die Kulturen anders erforschte als die Kollegen vor ihm: vor Ort, im Felde, wie man damals sagte, kurz: in einer Feldforschung statt im Lehnstuhl zuhause oder von der Veranda anderer Weißer aus, weiß die Luzerner Völkerkunde-Professorin Bettina Beer. 3. Zsp. (Bettina Beer)Häufig wurden eben auch die Sachen beschrieben, die ganz besonders waren. Also Kopfjagd, Kannibalismus, Dinge, die gruselig waren oder komisch oder erschreckend, und er hat eben gesagt, um verstehen zu können, wie die Lebensweise von den Menschen ist, muss man sich eigentlich mit allem beschäftigen, auch mit dem ganz Banalen, mit dem Alltäglichen. Erzählerin:Bronislaw Malinowski beschreibt, wie er jeden Morgen unter seinem Moskitonetz hervorkroch und einen Spaziergang durchs Dorf machte, wie er dabei sah, wie vor den palmblattgedeckten Hütten Essen gekocht wurde, Kinder spielten, Paare sich stritten oder sich liebten, wie er in den Gärten bei der Yams-Ernte war, an Fischzügen auf den kunstvoll gebauten Katamaran-Segelbooten teilnahm oder mit den Leuten Kämme schnitzte, wie er sich am Abend lange am Feuer mit ihnen unterhielt, scherzte und bei spannenden Geschichten mitfieberte – und wie er dadurch viel mehr verstand, als wenn er nur für ein paar Stunden am Tag einen bezahlten, lustlosen Informanten befragt hätte. Selbstverständlich lernte der polnische Kulturforscher dabei auch die Sprache der Trobriander, das Kiliwila. Und zwar ohne dass er dafür Lehrer, Kurse oder Sprachbücher zur Verfügung gehabt hätte, betont der Sprachwissenschaftler Gunter Senft. 4. Zsp. (Gunter Senft)Er musste unglaublich sprachbegabt gewesen sein, das stammt wirklich auch aus der Jugend her, seine Mutter hatte ihn ausgesprochen stark gefördert, sein Vater selber war auch Sprachwissenschaftler, der war Dialektologe an einer polnischen Universität, und Malinowski hat schon mit etwa 18 oder 20 Jahren Italienisch, Latein, Englisch, Französisch, Deutsch gesprochen. Ich hab die erste Grammatik des Kiliwila geschrieben – bei meinem Versuch, Informationen über grammatische Strukturen in der Literatur zu finden, waren die einzigen verlässlichen Daten die Aufzeichnungen von Malinowski. MUSIK Erzählerin:Bronislaw Malinowski war in einer gelehrten polnischen Familie im multikulturellen Habsburgerreich groß geworden. Er hatte im großstädtischen Krakau gewohnt, wo die Gebildeten Deutsch sprachen. Er hatte aber auch viel Zeit auf dem Land verbracht, wo polnisch gesprochen wurde. Er beschreibt, wie er als Achtjähriger in zwei völlig unterschiedlichen kulturellen Welten gelebt habe, zwei Sprachen gesprochen habe, Essen aus zwei unterschiedlichen Küchentraditionen verzehrt und zwei verschiedene Tischmanieren befolgt habe, zwei verschiedene Codes von Verschwiegenheit und Feinheiten beherrscht habe, auf zwei unterschiedliche Arten Spaß gehabt habe. Er habe auch zwei religiöse Weltsichten, Glauben und Praktiken gelernt und mitbekommen, dass es unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Sexual-Sitten gab. ATMO SÜDSEE Erzählerin:Er konnte also von Haus aus mit kultureller Verschiedenheit umgehen und verstand auch, dass „Kultur“ mehr ist als Malerei, Musik, Kunst und Bücher. Dementsprechend beobachtete er, als er in der Südsee war, alle Aspekte des Lebens und verfolgte nicht wie mit Scheuklappen ein vorgefasstes Forschungsthema. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal guter Feldforschung, unterstreicht die Völkerkundeprofessorin Bettina Beer. 5. Zsp. (Bettina Beer)Es ist der Aspekt des Sich-Hineinbegebens, des zwar Ein-Thema-Verfolgens, aber doch sich auch dem Überlassens, was vor Ort passiert. Dass man also, auch wenn man fertige Fragestellungen hat, dennoch die nicht stur verfolgt, sondern sich auch von dem leiten lässt, was für die Menschen vor Ort entscheidend, wichtig, gerade brisant ist und nicht an seinem Thema klebt. MUSIK Erzählerin:Umfassend. Unvoreingenommen. Präzise. Vor Ort. Das sind seit Bronislaw Malinowski bis heute wichtige Grundsätze für die wissenschaftliche Erkundung anderer Kulturen, für die Feldforschung. Die Ergebnisse hat Bronislaw Malinowski in einem Dutzend Büchern veröffentlicht. Sein berühmtestes Werk heißt „Argonauten des westlichen Pazifik“. Es beschreibt kula, einen Tauschhandel, der auf den ersten Blick als sinnlose Mühe erscheint: Männer begeben sich dafür auf höchst teure und lebensgefährliche Seereisen, zu Inseln, die teils Hunderte von Kilometern entfernt sind und auf denen Leute mit fremder Sprache und Kultur wohnen. Dabei werden von Insel zu Insel im Uhrzeigersinn lange Halsketten aus roten Muscheln weitergegeben. In Gegenrichtung gehen Armreifen aus durchbrochenen Muscheln. Ihr praktischer Nutzen steht dabei im Hintergrund – die meisten Armreifen sind zum Beispiel zu klein, um über den Arm eines Erwachsenen zu passen. Manche Ketten gelten als viel zu wertvoll, um getragen zu werden. Höchstens bei ganz besonderen Zeremonien stellt man sie zur Schau – Bronislaw Malinowski vergleicht sie mit den Kronjuwelen der Königin von England, die gewöhnlich gut bewacht im Londoner Tower lagern. Aber anders als diese darf eine Kette oder dürfen Armreifen im kula-Tauschhandel höchstens ein paar Jahre lang im Besitz ein- und desselben Mannes sein. Dann muss er sie weitertauschen. Der Feldforscher beschreibt, wie Trobriander dafür kunstvolle Kanus bauten und sich aufwändig vorbereiteten, welche Nebengeschäfte mit praktischen Handelswaren sie dabei machten, und besonders, was für eine überragende Rolle dabei magische Rituale spielten. Die standen für die Teilnehmer an dem weitläufigen Handel sogar im Vordergrund. Aber die praktischen Effekte waren auch groß, weiß der Südsee-Spezialist Gunter Senft. 6. Zsp. (Gunter Senft)Damit haben sich die Trobriander in einer See, die so hoch gefährlich ist – also „der Pazifik“ ist ein sehr gefährlicher Ozean, da haben sie sich ein Netz geschaffen, das über Handelsbeziehungen auch eine Lebensversicherung ist, sozusagen, denn wenn diese Leute auf ihren Auslegerbooten dann tatsächlich auch mal in schwere See kamen und Schiffbruch erlitten haben, konnten sie, wenn sie eine Insel erreicht haben und an Land gehen konnten, sich da erstmal durchfragen und fragen, ob die Leute vielleicht auch in diesem Kula-Handel waren. Wenn die Leute in dem Kula-Handel waren, dann waren sie verpflichtet, diesen Leuten Gastrecht zu geben, vor allem dann, wenn sie auch noch die gleichen Gegenstände mal besessen hatten, und damit war gewährleistet, dass Schiffbrüchige, die es geschafft hatten, an Land zu kommen, in irgendeiner Art und Weise von ihren kula-Partnern wieder so geholfen bekommen hatten, dass man sie wieder zurück zu ihrer Insel gebracht hat. Erzählerin: Daneben haben sie mit dem kula-Tauschhandel auch Netzwerke geknüpft und Plattformen für den internationalen Austausch geschaffen. Ähnlich leisten das auf anderer Ebene die Welthandelsorganisation, die G20 oder internationale Handelsabkommen. In solchen ist längst auch Papua Neu Guinea Mitglied. Den alten kula-Tauschhandel, der den Beteiligten auch Ehre verleiht und der persönliche Bande zwischen ihnen knüpft, gibt es daneben aber immer noch. 7. Zsp. (Gunter Senft)Ja. Auch wenn die Kanus, die für kula gebraucht wurden, früher, nicht mehr von vielen Leuten gebaut werden können – der kula wird heute teilweise auch mit Fliegern gemacht, dass man also mit kleinen Maschinen der Milne-Bay-Air oder von Air New Guinea von Insel zu Insel fliegt und sich dort trifft und dann den kula-Handel macht, so wie man den früher gemacht hat, als man sich mit Segelbooten noch besucht hat. Heute hat der auch immer noch diese Band-stiftende Funktion. Man kann sagen, Leute, die im kula sind, haben eine ganz bestimmte Beziehung. Und diese Beziehung wirkt sich eben auch aus als – wenn Sie so wollen - als Kartell dieser Leute, die in der Milne-Bay-Provinz miteinander interagieren, helfen sich auch in anderen Situationen. Auch in anderen Gebieten. Die Trobriander beispielsweise, auch wenn die Leute aus der Milne-Bay-Provinz oft in Port Moresby leben, haben sie in Port Moresby, in der Hauptstadt von Papua Neu Guinea, einen ganz eigenen Kreis geschaffen und helfen sich da wie eine kleine Mafia, wenn irgendwo eine Stelle offen ist, dann wird der Trobriander vielleicht einen Menschen von den d'Entrecasteaux-Inseln aus der Milne-Bay-Provinz bevorzugen, als jemanden vom Hochland. Weil er mit diesen Leuten in Beziehung steht. MUSIK Erzählerin:Die Welt kann ganz anders funktionieren kann, als man sich das gemeinhin vorstellt. Das hat Bronislaw Malinowski auch an weiteren Aspekten des Lebens der Trobriand-Insulaner gezeigt. Zum Thema Familie etwa beschreibt er, wie sie ausschließlich über die Linie der Mutter festlegen, mit wem jemand verwandt ist. Wie Kinder oder Jugendliche nicht in Matrosenanzüge oder gebügelte Kleidchen gesteckt werden, wie sie sich auch nicht nur im beaufsichtigten Tanzkurs erlaubterweise sehen und berühren dürfen, sondern wie sie alle Freiheiten genießen. Der Kulturforscher zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen wie Männer vor der Ehe Sex haben und das auch dürfen – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der in Bronislaw Malinowskis Kreisen im heimatlichen Europa außerehelicher Sex für Frauen tabu war. Es war die Geisteshaltung, aus der heraus Menschen ungleiche Rechte zugebilligt wurden: Männern mehr als Frauen, Erwachsenen mehr als Kindern, Weißen mehr als Schwarzen (13’57) Bürger der einen Nation glaubten, sich mehr Rechte herausnehmen zu dürfen als Bürger einer anderen. Dieser Glaube an die eigene Überlegenheit konnte über Leben und Tod entscheiden – im Rahmen des Ersten Weltkriegs und auch von sogenannten Strafexpeditionen in Kolonien. Erzählerin:Bronislaw Malinowski ist nicht in den Krieg gezogen. Er beschreibt in seinen Ethnographien die Sitten und Gebräuche der Trobriander, ohne sich darüber zu erheben. Auch was er über seinen Umgang mit trobriandischen Mitarbeitern schreibt, lässt auf kollegialen Umgang schließen, teils sogar auf freundschaftlichen. Aber sein Buch etwa über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf Trobriand hat einen Titel, der heute absonderlich klingt: „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“, und gleich auf der ersten Seite zeigt ein Foto den Forscher in blütenweißem Hemd und Knickerbockerhosen und mit Tropenhelm, wie er barbusigen Trobrianderinnen, die viel kleiner sind als er und wie angewurzelt dastehen, an die Halsketten fasst. Durchaus typisch, findet die Völkerkundlerin Bettina Beer. 8. Zsp. (Bettina Beer)Ich sehe ihn als Kind seiner Zeit, kritisch muss man das natürlich schon sehen, weil das auch Ausdruck ist einer bestimmten Haltung den Einheimischen gegenüber, Frauen gegenüber, aber was ich dann doch wieder an ihm interessant finde, ist, dass er in der ganzen Frage der Mythologie der Geschlechterbeziehungen dann doch so weit hat von seinen eigenen Vorstellungen sich hat lösen können, dass er hat nachvollziehen können, wie die Trobriander selbst auch das Ganze erklären. Erzählerin:Den Standpunkt des Indigenen, seinen Bezug zum Leben verstehen, seine Sicht seiner Welt – so umreißt Bronislaw Malinowski das Ziel des Forschers. Dabei ist ihm klar, dass verschiedene Trobriander verschiedene Weltsichten haben. In seinen Darstellungen notiert er immer genau, wer ihm welche magische Formel verraten hat, wer ihm geholfen hat, sie zu deuten, woher diese Auskunftgeber stammen und dass das womöglich auf der Nachbarinsel oder von jüngeren oder älteren Trobriandern oder Frauen anders gesehen wird. Doch bei all dieser Differenzierung versucht er, die Kultur der Trobriander als zusammenhängendes Ganzes verständlich zu machen. Heute dagegen würde man die Widersprüche eher stehenlassen und die Vielstimmigkeit betonen. 9. Zsp. (Bettina Beer)Von seiner theoretischen Ausrichtung her hat er schon sehr stark versucht, die einheimischen Gesellschaften als so integrierte Ganzheiten zu beschreiben, in denen dann die einzelnen Aspekte der Gesellschaft jeweils die Funktion haben, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Und diese theoretischen Überlegungen, die er da so gemacht hat, das ist eigentlich der Aspekt seiner Arbeit, von dem ich sagen würde, der ist heute eigentlich überholt. Wobei eben die Feldforschungsmethodik und die Reflexion der Methodik, das ist, was eher noch Bestand hat. Erzählerin:Klar und deutlich schrieb Bronislaw Malinowski in seinen hat ein 10. Zsp. (Gunter Senft)Ich bewundere ihn als Feldforscher und als Wissenschaftler absolut, aber ich muss auch sagen, wenn ich ganz ehrlich bin, ich bin froh, dass ich ihm nicht begegnet bin, nicht kennengelernt hab. Er muss ein sehr eigenwilliger Mensch gewesen sein, er muss ein sehr herrischer Mensch gewesen sein, er hat seine Studenten wirklich behandelt teilweise wie Kleinkinder, indem er ihnen vorgeschrieben hat, was sie wo mit welchem Farbstift  in ihren Aufzeichnungen zu markieren haben, war ein Hypochonder ohne gleichen, er hat in den ganzen Aufzeichnungen seines Tagebuches, die eigentlich dann posthum fast schon als Racheakt von seiner zweiten Frau veröffentlicht wurden, permanent beschrieben, wovor er jetzt schon wieder Angst hat, was für eine Krankheit er hat, er hat schon oft gedacht, er hätte Typhus, Malaria, er hatte das alles nicht gehabt. Erzählerin:Tatsächlich ist eine Feldforschung, wie Bronislaw Malinowski sie als Pionier ausgeführt hat, körperlich wie geistig und seelisch anspruchsvoll. 11. Zsp. (Gunter Senft)Wenn man diese Bilder mit den weißen Sandstränden sieht von der Südsee, das ist alles wunderbar, sieht idyllisch aus, aber was auf diesen Bildern nicht abgebildet sind, das sind die Sandflöhe, die einem ganz schön zusetzen können. MUSIK & ATMO Insekten Erzählerin:Bronislaw Malinowski selbst erwähnt in seinem Tagebuch ekelhafte Flöhe, grausame Moskitos und sein Grauen vor der Hitze und Schwüle der Tropen. Er notiert auch, wie er sich einfach nicht davon losreißen konnte, Romane wie „Der Graf von Montechristo“ zu lesen, um sich so gedanklich nach Europa zu flüchten. Es geht um Heimweh, Liebeskummer, das faszinierende Spiel der Muskeln auf dem nackten Rücken eines hübschen Trobriander-Mädchens, das vor ihm herging – oder er schimpft über „Wilde“, die er nur mit extra-viel geschenktem Tabak dazu bekam, mit ihm zu sprechen. Als das Tagebuch nach dem Herzinfarkt-Tod des Forschers 1958 erschien, platzte für viele das Bild des zugewandten, Südsee-affinen Malinowski. Doch Bettina Beer, die selbst Feldforschung betrieben hat, auf den Philippinen und in Papua Neu Guinea, wirbt um Verständnis für solch ein Tagebuch. 12. Zsp. (Bettina Beer)Eigentlich ist das ein ganz gutes Mittel, Dampf abzulassen, wenn man eben vor Ort jetzt nicht ne zweite Person hat und nicht ständig in Kontakt mit zuhause steht, dass man die Probleme und auch das Ausgeliefertsein dann in so einer Situation irgendwie – ja, loswird oder sich klarmacht und damit auch beiseitelegt und damit auch im Alltag dort auch funktionieren kann. Erzählerin: Doch die Strapazen und Mühen lohnen sich, so die Luzerner Völkerkundeprofessorin. 13. Zsp. (Bettina Beer)Eine andere Weltsicht kennenzulernen bedeutet auf jeden Fall eine Bereicherung der eigenen Welt, und in dem Moment, wo man es schafft, sich so einen anderen Standpunkt anzueignen, bekommt man auch einen ganz frischen Blick auf das Eigene. Man bemerkt vielmehr, was eigentlich wirklich Zwang ist, oder was vielleicht auch in der eigenen Lebensweise zu den Dingen gehört, die man aufgeben könnte. Es gibt ne gewisse Freiheit. Man ist nicht Marionette einer Kultur. MUSIK & ATMO Erzählerin:Ein Jahrhundert, nachdem Bronislaw Malinowski die Trobriand-Inseln verlassen hat, liegen sie immer noch weit ab in der Südsee. Die Inselbewohner haben damit zu kämpfen, dass das Klima sich wandelt und der Meeresspiegel ansteigt und dass wichtige Ressourcen wie Holz knapp werden, berichtet Gunter Senft. Aber den Namen des Vaters der modernen Feldforschung kennen dort selbst kleine Kinder. 14. Zsp. (Gunter Senft)Er ist bekannt und ist auch sehr geehrt, weil die Trobriander sich durchaus der Tatsache bewusst sind, dass sie auf der Welt wegen Malinowski bekannt sind.
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Apr 11, 2025 • 45min

FAST FOOD – LONG STORY - Wie die Tiefkühlpizza nach Deutschland kam

Alles Geschichte stellt vor: "Fast Food - Long Story”. Die Tiefkühlpizza ist aus den deutschen Gefriertruhen nicht wegzudenken. Aber wie ist sie dahin gekommen? Host Anke van de Weyer erzählt in dieser Folge von einem italienischen Gastarbeiter, der den Kompromiss zwischen Dolce Vita und deutschem Pragmatismus fand.Credits: Autor: Tobias Stosiek Regie: Martin Zeyn Es sprachen: Anke van de Weyer und Tobias Stosiek Redaktion: Friedrich Müller, BR Kultur Ein besonderer Linktipp der Redaktion: “Fast Food – Long Story” erzählt in jeder Episode die Kulturgeschichte der besten schlechten Essen: vom Hamburger bis zum Borschtsch. In sechs Episoden begibt sich Host Anke van de Weyer mit den Reportern und Reporterinnen auf eine kulinarische Reise durch die Zeit und trifft auf Menschen, die diese Essen groß gemacht haben und dafür oft alles aufs Spiel setzten. Fast Food – Long Story ist abrufbar in der ARD Audiothek und auf allen Podcastplattformen. https://1.ard.de/fast_food_podcast?aigLinktipps:BR: "Schmankerlpost"-NewsletterAbonnieren Sie den Newsletter aus der "Wir in Bayern"-Küche! Dann erhalten Sie jeden Freitag die Rezepte der Woche bequem in Ihr Email-Postfach. ZUM NEWSLETTER
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Apr 11, 2025 • 40min

FAST FOOD – LONG STORY - Wie die Fertigsuppe zum Lebensretter wurde

Alles Geschichte stellt vor: "Fast Food - Long Story”. Die Ramensuppe ist in Japan Kulturgut, und das gilt auch für Ramenfertigsuppe, die ein findiger Geschäftsmann kurz nach dem zweiten Weltkrieg erfand. Davon erzählt Host Anke van de Weyer in dieser Episode.Credits: Autor: Jakob Wihgrab Regie: Martin Zeyn Es sprachen: Anke van de Weyer und Jakob Wihgrab Redaktion: Friedrich Müller, BR Kultur Ein besonderer Linktipp der Redaktion: “Fast Food – Long Story” erzählt in jeder Episode die Kulturgeschichte der besten schlechten Essen: vom Hamburger bis zum Borschtsch. In sechs Episoden begibt sich Host Anke van de Weyer mit den Reportern und Reporterinnen auf eine kulinarische Reise durch die Zeit und trifft auf Menschen, die diese Essen groß gemacht haben und dafür oft alles aufs Spiel setzten. Fast Food – Long Story ist abrufbar in der ARD Audiothek und auf allen Podcastplattformen. https://1.ard.de/fast_food_podcast?aig
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Apr 11, 2025 • 43min

FAST FOOD – LONG STORY - Woher kommt der Caesar Salad wirklich?

Alles Geschichte stellt vor: "Fast Food - Long Story”. Ein Salatklassiker mit einer überraschenden Geschichte. Vom italienischen Einwanderer, der in Mexiko einen ikonischen Salat erfindet, erzählt Host Anke van de Weyer in dieser Episode. Credits Autorin: Ronja Mira Dittrich Regie: Martin Zeyn Es sprachen: Anke van de Weyer und Ronja Mira Dittrich Redaktion: Friedrich Müller, BR Kultur Ein besonderer Linktipp der Redaktion: “Fast Food – Long Story” erzählt in jeder Episode die Kulturgeschichte der besten schlechten Essen: vom Hamburger bis zum Borschtsch. In sechs Episoden begibt sich Host Anke van de Weyer mit den Reportern und Reporterinnen auf eine kulinarische Reise durch die Zeit und trifft auf Menschen, die diese Essen groß gemacht haben und dafür oft alles aufs Spiel setzten. Fast Food – Long Story ist abrufbar in der ARD Audiothek und auf allen Podcastplattformen.https://1.ard.de/fast_food_podcast?aig
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Apr 3, 2025 • 23min

FREIHANDEL UND ZÖLLE - Eine abwechslungsreiche Geschichte

Das Ringen um Freihandel und Zölle prägt die Weltwirtschaft seit gut 200 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel jahrzehntelang im großen Stil liberalisiert, nun geht es wieder um Strafzölle und Handelskriege, auch dank US-Präsident Donald Trump. Ist das nun das Ende der Globalisierung? Von Maike Brzoska (BR 2025)Credits Autorin: Maike Brzoska Regie: Irene Schuck Es sprachen: Susanne Schröder Technik: Regine Elbers Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Nikolaus Wolf, Prof. Oliver Lorz, Claudia Schmucker, Hanns-Günther Hilpert Linktipps: ARD alpha (2020): Freihandel – Fluch oder Segen alpha-demokratie befasst sich diesmal mit dem Thema: "Freihandel – Fluch oder Segen". Zu Gast ist: ist Dr. Martin Braml, Ifo-Institut. JETZT ANSEHEN radioWissen (2023): David Ricardo – Begründer des Freihandelns Selfmade-Wissenschaftler, Börsenmakler, Multimillionär und ein Urvater der Volkswirtschaftslehre: David Ricardo. (BR 2018) JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Mar 28, 2025 • 24min

LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Das Rätsel vom Tollensetal

Aus dem Flüsschen Tollense in Mecklenburg-Vorpommern bargen Archäologen viele tausend Menschenknochen: die Überreste einer mörderischen Schlacht vor gut 3000 Jahren. Doch wer kämpfte mit wem? Reichten damals Schockwellen aus dem östlichen Mittelmeer bis ins heutige Norddeutschland? Von Matthias Hennies (BR 2022) Credits Autor: Matthias Hennies Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Karin Schumacher Technik: Michael Krogmann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Joachim Krüger, Dr. Detlef Jantzen, Prof. Thomas Terberger, Prof. Lorenz Rahmstorf Linktipps: ZDF (2019): Tatort Steinzeit Immer wieder stoßen Forscher auf die Spuren von Gewalt, die in diesem Ausmaß aus früheren Epochen unbekannt sind. Wer waren die Opfer und wer die Täter? JETZT ANSEHEN BR (2024): Bewegter Mensch – Der neue Blick in der Archäologie Was erzählen versteinerte Fußspuren über das Leben in der Steinzeit? Inwiefern haben Wege dazu beigetragen, dass sich Menschen ihre Umwelt zu Nutze machen und weiterkommen konnten? Eine neue Denkrichtung in der Archäologie versucht, sich homo sapiens als bewegtem Wesen zu nähern. Ein Podcast von Katharina Hübel. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO SprecherIn weiten Schleifen zieht sich ein Flüsschen durch das Grünland, im Schilf steht ein Graureiher. Nach dem letzten eisigen Schauer ist die Sonne wieder herausgekommen und über der Waldkante erscheint ein Regenbogen. Spätherbst im Tal der Tollense, im ländlichen Mecklenburg.  1. OT Krüger_1 5:17Das ist der Fundplatz, wo alles begann, Weltzin 20, das ist der Fundplatz, wo der berühmte Oberarmknochen mit der eingeschossenen Flintpfeilspitze herstammt, das ist der Fundplatz, wo die ersten eingeschlagenen Schädel gefunden worden sind und das ist der Fundplatz, der auch noch drei Holzkeulen geliefert hat. Also zu den eingeschlagenen Schädeln auch noch die entsprechenden Mordwerkzeuge. MUSIK SprecherJoachim Krüger ist fasziniert von diesem Ort – dem weiten stillen Tal, das ein großes Rätsel birgt. Krüger ist Taucher und Archäologe, er lehrt an der Uni Greifswald. Im Tollense-Tal hat er mit einem Team ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer mehr als 10.000 menschliche Knochen geborgen, bei Tauchgängen aus den Sedimenten des Flusses und bei Ausgrabungen an den Ufern. MUSIK 2. OT Krüger_1 8:01Da drüben die Fundstelle ist auch interessant, weil ich dort den Schädel mit der eingeschossenen Bronzepfeilspitze gefunden habe, aber wir gehen erstmal zum Hauptfundplatz. 3. OT Krüger_1 9:58Hier sind insgesamt über 90 Individuen anhand des linken Oberschenkels nachgewiesen worden, das ist der Bereich an Land, der am intensivsten ausgegraben worden ist, und Sie sehen das vielleicht dort drüben, wo das Gras etwas grüner ist, da wurde damals festgestellt, dass eigentlich über den gesamten Bereich mit Knochen zu rechnen ist. MUSIK SprecherEin makabrer Fundplatz in einer idyllischen Landschaft. Das Wasser des Flusses ist kristallklar und voller Fische. Durch die üppigen Wiesen geht mal ein Spaziergänger mit Hund, sonst ist es still. Wer wurde hier massakriert? Der Ausgräber zuckt die Schultern: Er weiß nur, wann es geschah: Zu Anfang des 13. Jahrhunderts vor Christus, in der späten Bronzezeit. Das verrieten die bronzenen Pfeilspitzen, die zahlreich ans Licht kamen, denn daran fanden sich noch winzige Reste des hölzernen Schafts – und das Holz ließ sich mit der C-14-Methode auf die Jahre um 1275 vor Christus datieren. Ein älteres Schlachtfeld kennt man in ganz Europa nicht. Doch wer hier die Sieger, wer die Besiegten waren, kann niemand sagen. Es gibt keine Aufzeichnungen über Götter und Helden, geschweige denn über reale Menschen dieser Zeit, denn vor gut 3000 Jahren kannte dieser Teil Europas die Schrift noch nicht. ATMO SprecherMindestens auf 2 ½ Kilometern entlang des Flusses sind Menschenknochen verteilt, berichtet Krüger. Es war ein furchtbares Gemetzel. Bei jahrelangen Forschungen fanden die Archäologen Beckenschaufeln, Oberschenkelknochen, Wirbelsäulen, alle hervorragend erhalten, weil sie im feuchten Sediment des Flusses und im moorigen Boden an den Ufern nicht mit Sauerstoff in Berührung gekommen waren. Die Skelette waren zwar in Einzelteile zerfallen, doch oft überraschend vollständig. 4.OT Krüger_3 8:52Das ist an dieser Stelle so, das ist da drüben so, da ist von Kopf bis Fuß noch alles vorhanden. Das ist dann nur die Aufgabe der Anthropologen, das zusammenzupuzzeln. SprecherDie konnten bisher rund 150 Personen rekonstruieren – und die Archäologen haben einiges gefunden, was die Menschen bei sich hatten. Kleidung ist im feuchten Grund längst vergangen, aber Gegenstände aus Holz oder Edelmetall blieben erhalten. 5. OT Krüger _3 12:32Wo die Individuen gut zugänglich gewesen sind, findet man fast nichts an Ausrüstungsgegenständen - was auf eine Plünderung hindeutet: Hier auf 90 Personen ein Fingerring und dann dieser massive Armring. Aber wo die Toten tiefer abgelagert waren, da haben wir auch tolle Metallfunde. Man hat ja in diesem Tal vier goldene Spiralringe gefunden – oder der Fundort da drüben an der Waldkante, da haben wir eine phantastisch erhaltene Gürteldose und Gewandschmuck, Nadeln, im Zusammenhang mit menschlichen Überresten. SprecherDie Sieger haben sich beim Plündern offenbar viel Zeit gelassen: Sie nahmen den Toten alles ab, was sie zu fassen bekamen, sammelten sogar die Spitzen der verschossenen Pfeile ein. Zurück blieb nur, was an tieferen Stellen des Flusses im Wasser versunken war. 5a. OT Krüger_4 6:03Da vorne ist ne kleine Brennnessel-Stelle, macht nix, ne? SprecherWenn man sich durchs feuchte, hohe Gras ein Stück flussaufwärts arbeitet, versteht man, warum es gerade hier zum Kampf kam. Joachim Krüger zeigt auf einige Holzpflöcke und einen helleren Grasstreifen am anderen Ufer: Dort verlief vor gut 3000 Jahren ein Dammweg, so breit, dass man mit Fuhrwerken darauf fahren konnte. Weil das Tal damals sehr sumpfig war, hatte man aus großen Rasensoden den Damm gebaut und an den Seiten aufwändig befestigt. 6. OT Krüger_5 3:21An den Rändern mit Feldsteinen belegt im trockenen Bereich und im feuchten Bereich Eichenstämme hineingerammt und die Datierungen haben ja ergeben, dass diese Konstruktion in der frühen Bronzezeit 1800-1900 vC. errichtet wurde und anhand von Reparatur-Hölzern konnte man feststellen, dass der noch um 1300 in Betrieb gewesen ist. MUSIK SprecherDer Damm war schon mehr als 500 Jahre in Stand gehalten worden, als der Kampf entbrannte. Die Angreifer hatten eine günstige Stelle gewählt, denn der Weg führt hier herunter zur Tollense und ihre Gegner mussten den Fluss schutzlos auf einer Brücke überqueren. Holzreste der Brückenkonstruktion konnten die Archäologen im Wasser identifizieren. Ein über Jahrhunderte gepflegter Fahrweg und sogar eine Brücke: Diese Strecke hatte in der Bronzezeit offensichtlich große Bedeutung. Vermutlich war es eine weitreichende Handelsverbindung – und hier kreuzte sie den Fluss, der mit Einbäumen oder Booten ebenfalls für den Fernhandel genutzt werden konnte. 7. OT Krüger_3 16:28Die Tollense ist zwischen 70 und 80 km lang, sie entspringt im Tollense-See bei Neubrandenburg, das ist in Richtung Süden, dort hinten, wo die Windräder stehen, und dann fließt sie hier ziemlich genau Richtung Norden und bei der Stadt Demmin mündet sie in die Peene – und über die Peene haben Sie Zugang zur Ostsee. MUSIK SprecherDiese Fernverbindungen waren wohl die Ursache für die Schlacht, denn sie hatten immense Bedeutung für die Menschen in Norddeutschland – und mehr noch für die florierende Kultur der „Nordischen Bronzezeit“ in Dänemark. Aus dem Süden kamen nämlich die Rohstoffe für die Bronze, den golden glänzenden, hochbelastbaren Schlüsselwerkstoff der Epoche: Bronze wurde aus etwa neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn hergestellt – und in Nordeuropa waren weder Kupfer noch Zinn verfügbar. Aber im heutigen Sachsen wurde viel Bronze verarbeitet und weiter südlich, im böhmischen und slowakischen Erzgebirge, baute man sowohl Kupfer- als auch Zinnerz ab. Wurde also an der Tollense-Brücke ein Transport von Zinn und Kupfer ausgeraubt, eine Handelskarawane? Oder trafen vielleicht die Truppen zweier Lokalfürsten aufeinander, die um die Kontrolle über eine Fernhandelsroute stritten? Dann konnten sie von jedem Händler, von jeder Karawane Abgaben eintreiben! Wer die Antwort sucht, muss ermitteln, ob die Menschen aus Siedlungen in der Umgebung stammten, die man bisher nicht kennt, oder von weit her kamen. Und wie viele waren es überhaupt? ATMO SprecherUm diese Fragen zu klären, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein großes, interdisziplinäres Projekt gefördert. Die Funde, die dabei analysiert wurden, ruhen nun im Magazin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin. SprecherDetlef Jantzen ist der Landesarchäologe in Mecklenburg-Vorpommern. Er sitzt vor einem Stapel Fundkartons und fasst zusammen, was die Analysen ergaben. Aufschluss über die Waffen der Kämpfer haben die anthropologischen Knochenuntersuchungen geliefert: 9. OT Jantzen_1 2:22Viele dieser Individuen haben Pfeiltreffer, wir haben Schnittverletzungen zwischen den Rippen, da ist dann mit Lanzenspitzen oder Dolchen gestochen worden, wir haben einige Hiebverletzungen, es gab also offenbar auch Schwerter, und wir haben Spuren stumpfer Gewalt, vor allem an den Schädeln in Form von Frakturen, die durch gezielte Keulenschläge im Nahkampf beigebracht worden sind. V. Atmo Jantzen_1 11:15Dann gucken wir uns mal die Langknochen an. SprecherIm nächsten Karton zeigt Jantzen einen Oberschenkelknochen: 10. OT Jantzen_2 3:30Knistern. Und an der tiefsten Stelle entdeckt man ein Loch, das ungefähr dem Querschnitt einer Pfeilspitze entspricht. Hier ist offensichtlich eine Pfeilspitze eingedrungen und dann ist diese Pfeilspitze wahrscheinlich wieder herausgezogen worden, das ist ein Phänomen, das wir an vielen Knochen feststellen können, dass eingedrungene Projektile wieder herausgezogen wurden. SprecherVielleicht hat ein Kamerad versucht, dem Verletzten zu helfen. Wahrscheinlicher ist aber, dass jemand den Pfeil beim Plündern herauszog, weil er die Spitze wiederverwenden wollte. ATMO 11. OT Jantzen_2 16:35Das hier ist eine Gürteldose, das ist ein kleines Gefäß aus gegossener Bronze, dessen Oberfläche sehr schön verziert ist mit einem strahlenförmigen Muster - MUSIK Sprecher - ein prachtvolles Stück, das nichts Kriegerisches an sich hat: Die eingetieften Kreise und Strahlen des sonnenähnlichen Musters sind mit schwarzem Birkenpech gefüllt worden und ergeben einen schönen Kontrast zur golden schimmernden Bronze. Solche Dosen trugen Frauen häufig am Gürtel. Tatsächlich sind unter den Opfern der Schlacht auch einige Frauen identifiziert worden – waren sie Kriegerinnen? Oder zogen sie mit den Truppen mit wie später die legendäre Mutter Courage? Sie könnten aber auch eine Handelskarawane begleitet haben – die Frage, welche Rolle die Frauen spielten, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Die anderen naturwissenschaftlichen Analysen blieben unergiebig. Hinweise auf die Herkunft eines Toten kann das Mischungsverhältnis von Strontium-Atomen geben, die sich in der Jugend in den Zähnen anlagern. Doch das Rätsel der Tollense-Schlacht ließ sich damit nicht lösen: Die Messungen deuteten auf Landschaften quer durch Europa hin.Auch Genetiker konnten nicht helfen: DNA-Spuren aus den Skelettresten zeigten nur, dass die Toten nicht miteinander verwandt waren. Daher stützt sich Detlef Jantzen bei seiner Interpretation vor allem auf anthropologische Erkenntnisse: Durch anhaltende Belastungen verursachte Veränderungen an den Knochen deuten darauf hin, erläutert er, dass die Menschen in ihrem Leben viel gelaufen waren und dass sie schwere Lasten getragen haben. 12. OT Jantzen_2 44:45Wir haben dort also eine Menschengruppe vor uns, weit überwiegend Männer, einige Frauen, regionale Herkunft ist sehr unterschiedlich, sie sind offenbar nicht mit einander verwandt und sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie weite Strecken gelaufen sind und dass sie teilweise auch schwere Lasten trugen. Und das Bild passt nicht wirklich zum Bild eines Kriegerbundes, sondern führt zu der Notwendigkeit, in Betracht zu ziehen, ob man dort nicht eine Gruppe vor sich hat, die für Warentransport zuständig war? MUSIK SprecherAn den Ufern der Tollense wurde eine Karawane überfallen, die auf der Fernhandelsroute unterwegs war, glaubt Detlef Jantzen. Die Angreifer überraschten sie mit einem Hagel von Pfeilen, dann kam es zum Nahkampf mit der bewaffneten Bedeckung der Händler. Wer den Kampf gewann? Ungeklärt. Wer die Sieger auch waren, sie nahmen alles mit: Die Wertgegenstände der Gefallenen und das Handelsgut – doch was war das Handelsgut? Vielleicht Zinn, meint der Landesarchäologe: Bei den Ausgrabungen sind zwei kleine Zinn-Objekte von normierter Größe ans Licht gekommen. Oder Pferde, denn auch Knochen von fünf Pferden sind gefunden worden.Dieses Szenario ist jedoch auf entschiedene Kritik gestoßen. Thomas Terberger, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen, hat das DFG-Projekt zusammen mit Detlef Jantzen geleitet. 13. OT Terberger 36:01Erst mal stimmen ja die Hypothesen darin überein, dass wir hier ein Gewalt-Level sehen und eine Opferzahl, wie wir sie noch nie gehabt haben in der Bronzezeit – aus ganz Mitteleuropa und darüber hinaus! SprecherDoch aus den Erkenntnissen zieht Terberger andere Schlüsse. Er betont: 14. OT Terberger 36:01Dass, wenn wir 150 Opfer kennen, wir davon ausgehen müssen, dass mindestens noch mal so viele, möglicherweise noch mehr, dort im Boden liegen – und dann haben wir eine Anzahl von Individuen, die mir für eine Handelskarawane schon als sehr groß erscheinen würde. SprecherTerbergers Rechnung: Da nur kleine Abschnitte in der 2 ½ Kilometer langen Kampfzone ausgegraben wurden, liegen im Boden weitere Opfer. Und die Sieger haben ihre Toten wahrscheinlich mitgenommen, um sie würdig zu bestatten: Daher könnten an der Tollense insgesamt 300 bis 600 Menschen gefallen sein – wie viele Kämpfer standen sich demnach bei Beginn des Gefechts gegenüber? 15. OT Terberger 2:16Ich halte es nicht für übertrieben, dass wir durchaus auf weit mehr als 1000 Individuen kommen. So dass es nicht unrealistisch ist, von bis zu 2000 Personen auszugehen. SprecherAuch andere Forscher halten die Kalkulation für plausibel. Terberger schließt daraus, dass sich zwei Heerhaufen in einer Feldschlacht gegenüberstanden. Er bezweifelt, dass es schon reguläre Armeen in der Bronzezeit gab. Eher waren es kleinere Kriegergruppen, die sich zusammengeschlossen hatten, weil es um eine attraktive Beute ging - wie die Kontrolle über eine wichtige Rohstoff-Handelsroute. Thomas Terberger hebt einen anderen Punkt hervor: 17. OT Terberger 36:46Was sehen wir denn, was tatsächlich auf Handel hinweist? Wenn eine Handelskarawane überfallen wird, dann würde ich zumindest teilweise erwarten, dass sich Handelsgüter in unserem Fundmaterial widerspiegeln. Natürlich wird geplündert und alles mitgenommen, was man in die Hände bekommt, aber es sieht ja so aus, als seien Opfer in den Fluss gelangt und nicht mehr zugänglich gewesen. Und die Funde, die im Fluss liegen, zeigen uns von Menge und Charakter her eher kleine Mengen. Das ist eher persönliche Ausstattung als nun Handelsgut. SprecherDie Archäologen fanden beispielsweise 250 Gramm Bronzebruch und die beiden Zinnobjekte zu je 22 Gramm: Darin sieht Jantzen Reste von Handelsgut. Doch für professionelle Händler auf einer langen, gefährlichen Reise wären das allzu kleine Mengen. Überdies haben sie nicht die Form von Handelsgut, die Terberger für die späte Bronzezeit erwartet: 18. OT Terberger 39:33Typisch sind zum Beispiel Barren, also Kupfer-, Zinn-Barren – die müssen ja nicht gleich 50 Kilo wiegen, aber Fragmente davon, also irgendetwas, was auf eine standardisierte Form des Handels mit Rohstoffen hinweist. Wir wissen, dass in dieser Zeit Glasperlen in den Norden gelangen – dann würde ich doch mal Glas erwarten. Alles, was als Handelsgut in größerem Stil zu erwarten wäre, sehe ich im Tollense-Tal nicht. Ich sehe, dass unsere Funde aus Metall oder Bronze-Waffen sind oder zur persönlichen Ausstattung von Männern passen. MUSIK SprecherDer Streit ist nicht entschieden, das Rätsel ungelöst. Eine eindeutige Antwort liefern die Funde nicht, deswegen plädieren die beteiligten Wissenschaftler für weitere, vor allem naturwissenschaftliche Auswertungen des vorliegenden Materials. Einig sind die Forschenden nur darüber, dass die Toten aus dem Tollense-Tal letztlich zu den Opfern einer überregionalen Umwälzung gehören, eines großen politischen und auch ideologischen Wandels. Detlef Jantzen: 19. OT Jantzen_2 57:47Die Zeit um 1300 vor Christus ist nun eine Zeit des Umbruchs, da passiert eine ganze Menge, es gibt im religiösen Bereich einen Wandel, man geht weg von der Körperbestattung hin zur Brandbestattung und man stellt fest, dass die Metallversorgung ins Stocken gerät, also der Metallzufluss, der bisher offensichtlich problemlos geklappt hat, wird jetzt schwieriger. Man fängt noch mehr an zu recyceln, als man das vorher getan hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Ereignisse im Tollense-Tal mit diesem Umbruch etwas zu tun haben, dass sie mit einer Neustrukturierung oder Kämpfen um die Handelswege zusammenhängen. MUSIK SprecherEs waren die Schockwellen einer Katastrophe im östlichen Mittelmeerraum, die das norddeutsche Flüsschen erreichten. Dort entwickelte sich im 13. Jahrhundert vor Christus in den reichen Hochkulturen eine existenzielle Krise: durch eine Reihe schlechter Ernten, soziale Unruhen und Angriffe fremder Völker. Nur die ägyptischen Pharaonen konnten sich behaupten. Die anderen Reiche fielen wie die Dominosteine: Das Imperium der Hethiter in Anatolien, die Herrschaft der Mykener in Griechenland, das Königtum auf der Kupfer-Insel Zypern. Damit endete die Bronzezeit – und man weiß heute davon, weil die Schrift im östlichen Mittelmeerraum seit langem bekannt war: Auf Tontäfelchen und in Inschriften ist eine Vielfalt schriftlicher Zeugnisse erhalten.Die Staaten dieser Region waren untereinander wirtschaftlich und diplomatisch eng vernetzt – und unterhielten auch Handelsbeziehungen nach Mittel- und Nordeuropa. Der Umfang ist unklar, nachgewiesen nur der Austausch von Luxusgütern: Bernstein von der Ostsee erfreute sich bei Eliten des Südens großer Beliebtheit. In nordeuropäischen Gräbern wiederum kam Schmuck aus den südlichen Kulturen ans Licht, berichtet Professor Lorenz Rahmstorf, Spezialist für die europäische Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen: 20. OT Rahmstorf_1  3:18Zum Beispiel Glasperlen, das können wir direkt nachweisen, dass sie bestimmte Formen aufweisen, die wir aus dem Ostmittelmeerraum kennen, das ist nach Norden gekommen, die mykenische Keramik ist zumindest bis nach Norditalien gekommen. Die Glasperlen können wir auch analysieren, da hat sich gezeigt, dass dieses Glas, das sogar in dänischen Gräbern als Perlen gefunden wurde, aus dem Ostmittelmeerraum stammen muss, möglicherweise sogar aus mesopotamischen Werkstätten, es gibt auch ägyptische Werkstätten. Aber sicher war Bernstein und Glas auch nur ein Beiprodukt des Austausches, weil das Neue in der Bronzezeit war, dass die jetzt Metalle in sehr großem Umfang getauscht haben. SprecherEin Austausch drängt sich auf, denn die Hochkulturen hatten Bedarf und Mitteleuropa die Ressourcen. Seit langem bekannt ist der frühgeschichtliche Zinnabbau in Cornwall: 21. OT Rahmstorf_1 6:45Es gab mehr Lagerstätten als nur in Cornwall, Europa ist da vergleichsweise gut gesegnet mit Zinnlagerstätten, auch das Erzgebirge, in den letzten Jahren ist das tatsächlich sehr wahrscheinlich geworden, dass bronzezeitlich hier dies Metall auch schon abgebaut wurde. MUSIK SprecherUnd Bergbau auf Kupfer ist im Erzgebirge wie auch in den Alpen nachgewiesen worden. Wenn die Abnehmer am Mittelmeer aber plötzlich vom Thron gestürzt wurden oder die Herrscher nicht mehr ihre schützende Hand über die Händler hielten, geriet das ganze Netzwerk in Unordnung. Dann wurden Karawanen ausgeraubt und neue Herren sicherten sich die Kontrolle über die Fernhandelsrouten. Doch was an der Tollense genau geschah, liegt noch immer im Dunkel. Die Toten, ihre Anführer und ihre Heimat werden erst einmal namenlos bleiben.
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Mar 28, 2025 • 23min

LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Auf der Suche nach Rohstoffen

Schon vor tausenden von Jahren haben sich Menschen Rohstoffe zunutze gemacht. Wie konnte es ihnen gelingen, unter Tage nach Kupfer, Feuerstein oder Braunkohle zu graben? Und welche Rolle spielten Rohstoffe in ihrem Leben? Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits Autorin: Katharina Hübel Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Berenike Beschle Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Michael Rind, Prof. Thomas Stöllner, Prof. Philipp Stockhammer Linktipps: radioWissen (2020): Granit – Der Stein aus der Tiefe   'Hart wie Granit' steht für etwas besonders Widerstandsfähiges und Robustes … Deshalb wird Granit immer dann verwendet, wenn quasi für die Ewigkeit gebaut werden soll: Vom Grund- bis zum Grabstein. (BR 2018) JETZT ANHÖREN MDR (2024): Kohlefrauen Vier selbstbewusste, hochqualifizierte Frauen, die jenseits jeglicher Klischees um die Bedeutung ihrer Arbeit wissen - und sie verteidigen. Denn sie wissen, dass mit dem Kohleausstieg das Bild von stolzen Frauen, die riesige Bagger oder andere Tagebaugroßgeräte bedienen, Geschichte sein wird. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIKSPRECHERIN: Es ist ein über 3.000 Jahre alter Zahn, der Professor Philipp Stockhammers Blick auf das Leben der Menschen in der Bronzezeit verändert hat: 01 / OT StockhammerIch habe mir das nicht vorstellen können. SPRECHERIN: Philipp Stockhammer ist Archäologe und wollte eigentlich nur wissen, was die Menschen vor tausenden von Jahren gegessen haben. Stattdessen ist er auf einen für ihn völlig neuen Forschungszweig gestoßen. MUSIK SPRECHERIN:In dem bronzezeitlichen Zahn hat das Team von Professor Stockhammer etwas gefunden, mit dem keiner gerechnet hatte: Reste von Braunkohle. 02 / OT StockhammerWir hatten damals eine ganz neue Methode zur Verfügung, um aus menschlichem Zahnstein Nahrungsreste zu isolieren. SPRECHERIN: Zahnstein. Mineralisierter Zahnbelag. Die harten Verfärbungen am Zahn, die heutzutage der Zahnarzt entfernt. Archäologen können sie genauso abkratzen – von Zähnen, die zu ihren Funden gehören. Zum Beispiel von Menschen, die einst in der Bronzezeit gelebt haben. 03 / OT StockhammerIch dachte, wie cool ist das denn? Ich kann sehen, was Menschen vor 4000 Jahren gegessen haben, indem ich Zahnstein rausnehme. SPRECHERIN:In den Ablagerungen sind nämlich chemische Signaturen von den Speisen eingeschlossen, die die Menschen damals zu sich genommen haben. Der Zahnstein ist wie ein Tresor für die Forscher. 04 / OT StockhammerUnd dann kam heraus, dass im Zahnstein noch viel mehr drinsteckt als nur, was die Menschen gegessen haben, nämlich auch, was sie so alles sonst noch eingeatmet haben. MUSIK SPRECHERIN: Vor allem, wenn sie über lange Zeit am Feuer gesessen oder gearbeitet haben. Spuren von Holzkohle, sogar verschiedene Baumarten kann man chemisch identifizieren, Tier-Dung, der verfeuert wurde.Aber mit einem hatte Philipp Stockhammer nicht gerechnet: In dem über 3.000 Jahre alten Zahnstein, den er untersucht hat, war eindeutig die chemische Signatur von Braunkohle zu finden. Genauer: von den Verbrennungsprodukten der Braunkohle. 05 / OT StockhammerUnd ich dachte mir so: Wie? Braunkohle? Griechenland, zweites Jahrtausend vor Christus – Braunkohle? Häh? SPRECHERIN: Die Menschen aus der Bronzezeit, deren Zähne Philipp Stockhammer untersucht hat, müssen sich regelmäßig in der Nähe eines Feuers aufgehalten haben, das mit Braunkohle befeuert wurde – ein überraschender Befund. Bis vor Kurzem noch, bis ins Jahr 2021, nahmen Archäologen nämlich an, dass die Menschen erst rund 1.000 Jahre später die Braunkohle als Rohstoff entdeckt haben. 06 / OT StockhammerBlöd! Die Forschung ist jetzt hundert Jahre davon ausgegangen, dass es so war, nicht anders… (…) Wie erkläre ich jetzt die Vergangenheit neu? MUSIK SPRECHERIN: Der Bergbau ist eine sehr alte Kulturtechnik. Die zurückreicht in Zeiten, zu denen noch der Neandertaler existiert hat und die Menschen noch nicht sesshaft waren. 07/OT StöllnerDie frühe Rohstoffgewinnung, die Aneignung von mineralischen Ressourcen, beginnt eigentlich vor Ackerbau und Viehzucht. (…) In Südafrika haben wir Beispiele, die etwa 40- bis 60.000 Jahre vor heute zurückreichen. SPRECHERIN: Dort wurde beispielsweise roter Farbstoff abgebaut, in Form von Pigmenten, erzählt der Montan-Archäologe Professor Thomas Stöllner von der Ruhr-Universität Bochum. Er leitet das Deutsche Bergbau-Museum: 08/OT StöllnerEs zeigt Ihnen, dass die Aneignung der Erde und damit eigentlich Bergbau zu einer Urproduktion des Menschen gehört. Das, finde ich, ist vielleicht nicht jedermann bewusst, ist aber ein ganz wesentlicher, sozusagen kultureller Faktor, der für die Menschen einfach wichtig ist. SPRECHERIN:  „Aneignung der Erde“ – damit meint Thomas Stöllner, dass die Menschen die Erde über tausende von Jahren immer besser kennen gelernt haben. In der menschlichen Umwelt gibt es eben nicht nur Pflanzen und Tiere, die als Nahrungsquelle dienen, sondern auch: Georessourcen. Also: Mineralien, Rohstoffe. Die haben die Menschen nach und nach entdeckt. MUSIK SPRECHERINIn der Regel haben sie sie wohl erst einmal zufällig an der Erdoberfläche gefunden. Dort sind ihnen vielleicht besonders schön gefärbte oder glitzernde Steine aufgefallen. Und, einmal genutzt, haben sie dann systematisch nach ihnen gesucht – und auch irgendwann danach gegraben. Dass Bergbau so eine alte Kulturtechnik ist, wissen Archäologen übrigens deshalb, weil an denselben Stellen heute manchmal immer noch Bergbau betrieben wird. Und ab und an stoßen die Menschen, die im modernen Bergbau arbeiten, dann eben auf alte Stollen oder alte Werkzeuge. Wenn die Archäologen Glück haben, werden sie dann auf den Plan gerufen. 09 / OT StöllnerZum Beispiel gibt es da drin Horn. Stellen Sie sich vor: ein eiszeitliches Tier, die Saiga-Antilope, die dort heimisch war. (…) Und diese Saiga-Antilope, deren Gehörn, wurde zum Ausgraben dieser Pigmente genutzt. SPRECHERIN: Immer wieder finden die Forscher Erstaunliches. MUSIK SPRECHERIN: In der Nähe von Kelheim in Niederbayern entdeckte ein Hobby-Archäologe merkwürdige Verfärbungen im Boden eines großflächigen Sand- und Kiesabbaus. Das war in den 1980ern. Die Verfärbungen waren kreisrund. Eine neben der anderen. Wie ein Schweizer Käse sah das Areal aus. Nur, dass der Boden eben nicht durchlöchert, sondern merkwürdig befüllt war. So kam bei Abensberg-Arnhofen etwas an die Oberfläche, das lange Zeit verschüttet war. Das Archäologen aber schon wie eine Stecknadel im Heuhaufen gesucht hatten: eines der größten und qualitativ hochwertigsten Feuersteinbergwerke der Steinzeit, 5- bis 7000 Jahre zurück in der Menschheitsgeschichte. Hier wurde Feuerstein für Waffen und Arbeitsgeräte abgebaut und auch weithin in ferne Regionen gebracht. Es war nicht irgendein Feuerstein. Es war mit der beste Feuerstein seiner Zeit. 10 / OT Michael RindMan spricht von dem gebänderten Plattenhornstein. Der Hornstein ist charakteristisch und sieht im Grunde genommen aus wie ein aufgeschnittener Baumkuchen. Das heißt, es gibt ganz viele einzelne Schichten, dunkel- und hellgrau. Das hängt mit der Entstehung dieses Hornsteins vor etwa 160 Millionen Jahren zusammen. Das Material ist schon von besonderer Qualität und Güte, sodass es sich für die Menschen auch gelohnt hat, dieses Material vor Ort abzubauen. (…) Und zwar im ganz ganz großen Stil. (…) Das war schon eine kleine Sensation. Vor allen Dingen für den süddeutschen Raum. Man wusste ja aufgrund der Funde aus den Siedlungen nicht nur in Bayern, auch im angrenzenden Österreich, dass dieser Hornstein hier abgebaut worden sein muss. Man kannte nur die Stelle einfach noch nicht. MUSIK SPRECHERIN: Im Landkreis Kelheim sind bislang drei solcher Feuersteinbergwerke gefunden worden, in Deutschland insgesamt sieben. Doch der Fund von Abensberg-Arnhofen bleibt für Professor Michael Rind, damals der Kreisarchäologe vor Ort, ein besonderer: 11 / OT Michael Rind(…) weil das für den ganzen süddeutschen Raum das größte Bergwerk ist, das wir haben. Wir gehen im Moment davon aus, dass ungefähr 200- bis 300.000 Schächte damals dort abgeteuft worden sind. Das ist schon eine ganze Menge. MUSIK SPRECHERIN: Hunderttausende Löcher, eines neben dem anderen. Manche sind so schmal, dass dort vermutlich Kinder gearbeitet haben. Wahrscheinlich sind sie an einem Seil nach unten gelassen worden, haben den Feuerstein, der lose in der Erde lag, aufgesammelt und sind wieder hochgezogen worden. Es gab keine unterirdischen Gänge oder Stollen. MUSIK 12 / OT Michael RindSie müssen sich vorstellen, Sie stehen in einer acht Meter tiefen Röhre, die Sie ausgegraben haben. Und Sie gucken nach oben. Das ist schon eine gewaltige Distanz. Diese Löcher, die man damals gegraben hat, die haben ja häufig nur einen Durchmesser, sodass man sich gerade darin bewegen konnte. (…) Da bekommt man schon Angst, wenn man nach oben schaut, vor allen Dingen, wenn man weiß, dass die ganzen Seitenwände nicht verstärkt worden sind. Das heißt also, dass der Erddruck jederzeit dazu führen kann, dass man dort verschüttet wird. SPRECHERIN: Die Menschen gruben in die Tiefe, von oben nach unten, immer dem Feuerstein nach, und wenn sie tief genug unten waren, hörten sie dort auf und gruben daneben ein neues Loch. 13 / OT Michael RindDas war ein riskantes Unterfangen. Natürlich, weil die Seitenwände nicht stabil waren. Und das Ganze wurde immer sofort wieder verfüllt, weil man auch Angst hatte, dass diese Schächte in sich zusammenstürzen könnten. Und man hat immer mit dem Aushub des gerade bearbeiteten Schachtes den letzten alten Schacht wieder verfüllt. SPRECHERIN: Das heißt: An der Oberfläche sind deshalb Kreise zu sehen, weil die gegrabenen Löcher gleich wieder zugeschüttet worden sind. Schicht für Schicht. SPRECHERINMichael Rind hat zehn Jahre lang mit seinem Team hunderte der Schächte ausgegraben, untersucht und dokumentiert. Dabei haben die Archäologen viel Erde gesiebt und einige wichtige Funde gemacht: Arbeitsgeräte zum Beispiel, die die Menschen in der Steinzeit zum Graben verwendet haben. 14 / OT Michael RindEs gab bis zu diesem Zeitpunkt am Beginn der 2000er Jahre keinen einzigen Fund von so einer Geweih-Hacke und wir haben jetzt immerhin aus mehreren Schächten solche Geweih-Gezähe gefunden. Das ist schon ein ganz wichtiger Aspekt. Denn diese Dinge, die sich auch nur schwer im Boden halten, würden sonst überhaupt nicht entdeckt werden. MUSIK SPRECHERIN: Zwischen 1998 und 2009 konnte Michael Rind insgesamt 650 dieser Schächte ausgraben. Das gibt eine Idee von der unglaublichen Dimension und Schaffenskraft, die die Menschen in der Steinzeit an den Tag gelegt haben müssen, die hunderttausende dieser Löcher gegraben haben. MUSIK SPRECHERIN: Einen spezialisierten Beruf, den des Bergmannes, gibt es wohl ziemlich sicher in der Jungsteinzeit noch nicht. Die Menschen haben das Einsammeln der Feuersteine nebenbei betrieben.Den Ertrag pro Schacht schätzt Michael Rind auf zirka 50 Kilogramm Feuerstein. Genug für eine Siedlung, um zwei bis drei Jahre damit auszukommen. Die Menschen der Steinzeit benötigten Feuerstein etwa, um hochwertiges Werkzeug herzustellen, so genannte Silex-Klingen, sehr scharfe Messer, die teilweise heute noch in der Chirurgie eingesetzt werden. Aber auch Waffen wurden damit hergestellt, Holz bearbeitet, Jagd-Bögen geschnitzt oder Tiere gehäutet. Guter Feuerstein sicherte das Überleben. In Abensberg-Arnhofen ist viel, viel mehr Feuerstein abgebaut worden, als die umliegenden Siedlungen für sich selbst gebraucht hätten. Und es lässt sich mit Funden belegen: Der niederbayerische Feuerstein ist bis zu 600 Kilometer weit, bis nach Osteuropa, transportiert worden. Unklar ist für die Forschenden, wie genau diese Handelskette funktioniert hat: 17 / OT Michael RindKonnte da jeder an diese Stelle herangehen? War die Stelle frei zugänglich oder haben die Menschen ihre Monopolstellung erkannt? Das haben sie offensichtlich nicht, denn das Material wurde zwar vertauscht, und man kannte Qualität und Güte des Materials, war sich dessen bewusst. Aber man hat es nur vertauscht und nicht verhandelt, denn sonst hätte man mit viel mehr Profitgier aus dem Material etwas herausschlagen können. MUSIK SPRECHERIN: Die steinzeitlichen Siedlungen rund um das Feuersteinbergwerk Abensberg-Arnhofen sind nicht besonders reich ausgestattet. Ohne besondere Prestige- oder Luxusobjekte. Die Menschen vor rund 5.000 Jahren tauschten also vermutlich den Feuerstein ein gegen das, was sie brauchten – aber auch nicht gegen mehr. MUSIK SPRECHERIN: Ein Profi-Business rund um den Bergbau, mit hoch spezialisierten, komplexen Tätigkeiten, mit technologischen Innovationen und intellektuell ausgereiften Erfindungen, ein Bergwerk im heutigen Sinne mit unterirdischen Stollen, zum Teil auch mit hölzernen Stützkonstruktionen, mit Gangsystemen, Entwässerung und Belüftungsschächten, ein komplexes Unterfangen, das von mehreren Siedlungen als Gemeinschaftswerk betrieben wurde – das ist für die Bronzezeit, also gut 1.000 Jahre weiter in der Menschheitsgeschichte, gut dokumentiert. In unmittelbarer Nähe zu Bayern: am Mitterberg in der Nähe von Salzburg. Die mächtigste Kupfer-Erz-Lagerstätte der Ostalpen. Für Zentraleuropa die bedeutendste. 18 / OT Prof. StöllnerDer Mitterberg ist so ein Paradebeispiel für diese frühe Kupfer-Erz-Gewinnung in den Zentral- und Ostalpen und durch seine gute Erhaltung der Quellen, der Schmelzplätze, der Bergwerke, der Siedlungen im Umfeld, der so genannten Aufbereitung, dieser technischen Anlagen eben auch zu Recht berühmt. SPRECHERIN:Schon seit Mitte des 19. Jahrhundert werden am Mitterberg archäologische Funde gesichert: Bronzezeitliche Werkzeugkästen, Pickel, Halterungen aus Holz für Hacken, aber auch oberirdische Schmelzplätze mit Öfen und so genannte Röstbetten, also Gruben, in denen das zerkleinerte Kupfererz erhitzt wurde, bevor es dann zum Schmelzen ging… ein wahres Füllhorn für Archäologen, Funde, die von einer Art früh-industrieller Produktion erzählen. MUSIK 19 / OT StöllnerDiese frühe Erschließung des Mitterbergs hat große Bedeutung. Weil man mit diesen frühen Funden praktisch überhaupt das erste Mal so ein Kupfererz-Bergbau-Revier der Urgeschichte mit Funden verstanden hat: Betriebsgeräte, Schäftungen, Pickel, Hölzer…Das hat damals große Furore gemacht. Viele Funde waren zum Beispiel bei der Weltausstellung in Paris. SPRECHERIN:Sie haben die Montan-Archäologie und die Archäo-Metallurgie als Spezial-Disziplinen mitbegründet, die sich noch heute an den Funden vom Mitterberg abarbeiten. Bis zu 200 Meter tief haben die bronzezeitlichen Bergleute gegraben. MUSIK 20 / OT StöllnerDas sind die weltweit größten und tiefsten Bergwerke der Zeit. Das ist wirklich auffällig. (…) 24.000 Tonnen Quarz-Kupfer ist schon eine Hausnummer. Wir glauben, dass halb Europa vom Mitterberg versorgt wurden. Und das ist schon sehr, sehr beeindruckend. MUSIK SPRECHERIN:Und die Menschen der Bronzezeit hatten bereits sehr komplexes und spezialisiertes Wissen. 21 / OT StöllnerDer Stein wurde in Teilen häufig noch mit Feuer geschwächt. Man nennt das Feuer setzen… SPRECHERIN:Unterirdisch haben die bronzezeitlichen Bergarbeiter also ein Feuer vor der Wand entfacht, in der das Kupfer-Erz eingeschlossen war, um das sehr feste Gestein aufzulockern. Durch die Hitze dehnt sich das Gestein und reißt. So kann das Kupfer-Erz dann einfacher aus der Felswand geschlagen werden. Doch wer unterirdisch Feuer setzt, muss für eine gute Belüftung sorgen. Sonst könnten die Bergleute ersticken. Den Menschen in der Bronzezeit war dieser Zusammenhang bewusst und sie setzten systematisch so genannte „Durchstiche“ nach oben, um die Frischluftzufuhr unter Tage sicher zu stellen. Ein technisch hoch aufwändiger Bergbau, meint Thomas Stöllner vom Deutschen Bergbau-Museum. 22 / OT StöllnerVielleicht ein Fund, der besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, ist ein Zirkel, den wir 2004 in einer Grabungsstrecke entdeckt haben. SPRECHERIN: Zwei hölzerne Schenkel, die von einem Nagel zusammengehalten wurden. 23 / OT StöllnerWir wissen, dass mit diesem Zirkel Winkel abgenommen werden konnten. Und wir wissen an einer anderen Stelle, nicht weit von dieser Fundstelle entfernt, dass man in der Bronzezeit vermessen hat, also vielleicht so einen Zirkel eingesetzt hat. Warum wissen wir das? Dort sind zwei Strecken im so genannten Gegen-Ort-Betrieb aufeinander zugeführt worden – von zwei verschiedenen Grubenbauteilen eben aufeinander zugeführt… SPRECHERIN:Zwei Gänge sind also, so stellt Thomas Stöllner fest, systematisch aufeinander zu gegraben worden. Das geht nur, wenn es vorherberechnet wurde. MUSIK 24 / OT StöllnerUnd man hat sich wirklich punktgenau an einer Stelle getroffen. Das ist ein ganz klarer Beleg für eine Vermessungsingenieursleistung. In der Zeit des 15. Jahrhunderts vor Christus. Was ein Eye-Opener war für die hohen technologischen Fertigkeiten mancher bronzezeitlicher Bergleute in dieser Zeit. Die beherrschen, wenn Sie so wollen, eine Urform des Pythagoras oder auch der Trigonometrie, anders wäre so etwas nicht möglich. Wir haben mittlerweile auch andere Belege für Längenmaße und sowas. Daran sehen Sie, dass der Bergbau, der ja hoch aufwändig ist, auch ein Innovationstreiber war.  (…) Und man kann füglich davon sprechen, dass der Bergbau Mitterberg einer der Hochtechnologiekomplexe der Zeit war, überregional weit über die alte Welt hinaus, ist es sicherlich DIE innovativste Bergbautechnik, die wir in der Bronzezeit kennen. Und das ist auch schon sehr erstaunlich, weil es unser Bild von den Hochkulturen des Alten Orients doch ein bisschen relativiert. SPRECHERIN:Hochtechnologie gab es eben auch im Alpenraum der Bronzezeit. Und manchmal brauchen auch die Forscher Heute ausgeklügelte Technologien, um dem Leben vor tausenden von Jahren auf die Spur zu kommen. 25/ OT Philipp StockhammerDas sind Methoden, die sind brandneu. Das ist nicht so, dass Sie da diesen Zahnstein in die Maschine stecken, ein Knopfdruck, dann kommt auf der anderen Seite die Analyse raus, sondern sie müssen es aufbereiten, Sie sind Monate dran, diese Daten auszuwerten, das ist wahnsinnig schwierig. SPRECHERIN:Professor Philipp Stockhammer aus München, der Zahnstein aus der Bronzezeit untersucht, hat sich zu diesem Zweck mit dem ehemaligen Lebensmittelchemiker Stephen Buckley zusammengetan. 26 / OT StockhammerDas ist einfach ein Crack, der in diesen so genannten Chromatogrammen, das ist das, was wir aus den Maschinen rauslesen, einfach all diese Biomoleküle identifizieren kann und sagen kann: Dieses Biomolekül steht für die Pflanze oder die und die Substanz. SPRECHERIN:Als Stephen Buckley – ein Pionier auf seinem Gebiet – also auf Philipp Stockhammer zukam mit dem Ergebnis, Verbrennungsstoffe von Braunkohle in den rund 4.000 Jahre alten Zähnen aus Griechenland gefunden zu haben, konnte es Philipp Stockhammer zunächst nicht fassen. Aber chemisch war das Ergebnis absolut eindeutig. 27 / OT StockhammerWir konnten tatsächlich bei den verschiedenen Individuen auch sehen, wo die Braunkohle herkam, die sie eingeatmet haben, weil wir eben genau diese chemische Zusammensetzung feststellen konnten, die in Griechenland heute für eine bestimmte Lagerstätte bekannt ist. Es ist einfach fantastisch. SPRECHERIN:Und dennoch zunächst ein kleiner Schock für Philipp Stockhammer. 28 / OT StockhammerWarum haben wir von der Archäologie nie irgendetwas gewusst oder gesehen? Ich meine, da wird seit Schliemann seit 130 Jahren gegraben. Und wir hatten keine Ahnung, dass sie Braunkohle genutzt haben. SPRECHERIN:Mehr noch: Die Braunkohle wurde offenbar über 150 Kilometer aus einem anderen Teil Griechenlands importiert. Die Zähne, die Philipp Stockhammer und Stephen Buckley untersucht haben, stammen von Menschen, die um das 13. Jahrhundert vor Christus in Tiryns gelebt haben, einer antiken Stadt im Nordosten der Peloponnes. Sie atmeten über eine lange Zeit Verbrennungsstoffe von Braunkohle ein – von Braunkohle, die aus Olympia angeliefert wurde. Hatten sie vor Ort nichts Anderes zum Feuermachen? MUSIK SPRECHERINUnd die Menschen in Tiryns brauchten viel Feuer. Denn in Tiryns fand eine Massenproduktion an Keramik statt. 29 / OT Stockhammer Nur für den Export, zum Teil nach Zypern oder in die Levante. Es waren Manufakturen, antike Mega-Werkstätten, in denen man einfach mal 40.000 Gefäße pro Jahr nur für den Export hergestellt hat. Das sind Tonnen an Produkten, für die ich auch Tonnen an Brennmaterial brauche. Keramik brennt sich ja nicht von alleine. SPRECHERIN:Die Brenn-Öfen liefen auf Hochtouren. Offensichtlich mit Braunkohle. Ein bislang übersehener Aspekt in der Archäologie. Aber bei genauer Betrachtung nur allzu logisch, dass es so gewesen sein muss für Philipp Stockhammer: 30 / OT StockhammerAber im Endeffekt passt es auch so gut, weil ich hab mir dann überlegt, naja, Griechenland war damals sehr dicht besiedelt. Wir hatten Paläste, wir hatten Wirtschaftssysteme, umfangreichen Schiffsbau. Da standen nicht allzu viele Bäume. SPRECHERIN:Weil schon alles abgeholzt war. 31 / OT StockhammerUnd was für mich eben jetzt auf einmal klar wird, worüber ich mir nie Gedanken gemacht hatte: Welches Brennmaterial nehmen die denn? Auf einmal ist mir klar, dass in einer dicht besiedelt und zugleich völlig entwaldeten Gegend man trotzdem was braucht, mit dem man die Brennöfen auf Hochtouren laufen lassen kann und auf einmal macht die Braunkohle natürlich Sinn. SPRECHERIN:In einem Text von Theophrast rund 1.000 Jahre später ist beschrieben, wie in Olympia Braunkohle an der Erdoberfläche zu finden ist. 32 / OT StockhammerWenn noch im 4. Jahrhundert vor Christus Theophrast die an der Oberfläche bei Olympia finden kann, dann konnte ich die tausend Jahre früher auch dort an der Oberfläche finden. (…) Ich hatte ja ursprünglich gar nicht vor zur Braunkohle zu arbeiten und bin jetzt total fasziniert, auf einmal gibt es neue Denkmöglichkeiten und neue Antworten, es gibt viele Fragen. Und bin selber noch so ein bisschen überwältigt. Man muss das Ganze auch noch kulturell einordnen, was das eigentlich bedeutet. (…) Für mich öffnet so ein Projekt dann manchmal so eine Tür, einen Spalt in eine Denkwelt, die uns bislang einfach verloren war. MUSIK SPRECHERIN:Braunkohle in der Bronzezeit. Kupfer-Erzabbau mit mathematischen Berechnungen und hoch komplexen Ingenieursleistungen. Und hunderttausende handgegrabene Schächte in Niederbayern, aus denen Feuerstein für halb Europa an die Oberfläche geholt worden ist. Nur drei Geschichten, die zeigen, wie innovativ, organisiert und erfindungsreich die Menschen vor tausenden von Jahren die Erde mit ihren Schätzen für sich nutzbar gemacht haben. MUSIK  
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Mar 28, 2025 • 24min

LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Der Alltag der Frauen

Dass Frauen in der Steinzeit nicht in einer Kinderschar ums Feuer saßen und auf den Familienernährer warteten, ist inzwischen weitgehend bekannt. Doch wie lebten Frauen dann? Welche Belege gibt es und welche Thesen? Und - was bringt uns die Frage nach Geschlechterrollen in grauer Vorzeit? Von Silke Wolfrum (BR 2025) Credits Autorin: Silke Wolfrum Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christoph Jablonka, Julia Fischer Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Brigitte Röder, Claudine Cohen Linktipps: radioWissen (2025): Beruf Hausfrau – Die Geschichte einer Arbeiterin Die klassische "Hausfrau" ist tot. Oder doch nicht? Wer kocht, putzt und wäscht, wenn alle arbeiten? Und wann entstand das Bild der "Hausfrau"? Von Julia Fritzsche (BR 2019) JETZT ANHÖREN funk (2022): Frauen an der Front Wenn wir an Schlachten und Kriege denken, kommen vielen wohl ähnliche Bilder in den Kopf: Männer in Schützengräben. Panzerfahrer. Ritter auf Pferden. Generäle in Uniform. Dabei spielen Frauen oft eine größere Rolle im Krieg als vielen auf den ersten Blick erscheint. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZUSPIELUNG 01 a: Brigitte Röder Einer der größten Irrtümer ist, dass man von den Frauen in der Steinzeit spricht. Denn genauso wie heute die Lebensverhältnisse von Frauen sehr, sehr verschieden sein können, war das auch in der Vergangenheit der Fall. SPRECHER:Sagt Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Uni Basel. ZUSPIELUNG 01 b: Brigitte RöderUnd das andere ist, dass man sich klarmachen muss, dass die Steinzeit 2,8 Millionen Jahre umfasst. Also das ist ein ungeheuer langer Zeitraum, in dem sehr viele Veränderungen stattgefunden haben. Und von daher muss man schon davon ausgehen, dass sich auch die Lebensverhältnisse für die Geschlechter in diesem langen Zeitraum verändert haben. MUSIK SPRECHER:Aussagen über Geschlechterrollen in der Steinzeit zu treffen ist nicht leicht. Nicht nur aufgrund des immensen Zeitraums, auch weil es sich um eine Zeit vor der Schrift handelt, ihre Überreste also ausschließlich aus Knochen, Steinen, Siedlungsresten, aus Kunstobjekten, evtl. auch aus Stoff- oder Nahrungsresten bestehen. Ein nicht minder großes Problem stellt zudem der häufig subjektiv gefärbte Blick dar, mit dem die Steinzeit betrachtet wird, so die Philosophin und Wissenschaftshistorikerin Claudine Cohen von der l'EHESS, einer Universität für Sozialwissenschaften in Paris. ZUSPIELUNG 02: Claudine Cohen - OVERVOICEIl se trouve bien que... les cadres bourgeois de nos sociétésMan hat sich in der Geschichte lange Zeit nicht wirklich mit Frauen beschäftigen wollen, man hat sehr lange die Rolle der Frauen praktisch ausgelassen, unsichtbar gemacht. Es gab schon eine Reihe von Darstellungen, aber es waren extrem, sagen wir mal, banale Darstellungen, die die Konzepte der Gesellschaft des 19. oder 20. Jahrhunderts aufgriffen, um sie auf diese sehr, sehr weit entfernte Vergangenheit zu projizierten, die natürlich nichts mit den bürgerlichen Konzepten unserer Gesellschaften zu tun hat. SPRECHER:So wurde und wird z.T. immer noch in populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur wie in wissenschaftlichen Abhandlungen behauptet, Männer hätten in der Steinzeit die Rolle des Ernährers eingenommen, Frauen die der Kinderbetreuung und des Haushalts. Von dieser vermeintlich ursprünglichen und natürlichen Rollenaufteilung wird gern auf entsprechende angeblich geschlechtsspezifische Charakterzüge von Frauen und Männern geschlussfolgert. Hier der mutige Mann, der sich bestens orientieren kann, dort die fürsorgliche und eher vorsichtige Frau mit den besseren Kommunikationsfähigkeiten. Und so dient DIE Steinzeit, die es ja so - wie gerade gehört - gar nicht gibt, zur Projektionsfläche für Geschlechterfragen unserer Zeit, in der reichlich Verunsicherung herrscht. Stichwort Me too, Gendersternchen und „Krise der Männlichkeit“. ZUSPIELUNG 03: Brigitte RöderIn solchen Situationen kommt es eigentlich regelmäßig vor, dass man nach Orientierung in der Vergangenheit sucht und dann häufig in der Urgeschichte landet, weil die Urgeschichte bei uns als eine Art Ur- und Naturzustand gilt, also als ob man quasi da noch mal auf das eigentliche Wesen des Menschen von Frauen und Männern gucken könnte, ohne die ganzen zivilisatorischen Prozesse, die dieses Wesen vielleicht verändert haben. Also man merkt schon dahinter steht ein essentialistisches Menschenbild, also die Vorstellung, dass es so etwas wie das Wesen des Menschen oder das Wesen der Frau, des Mannes gäbe. Dass man dieses Wesen dann in der Urgeschichte sucht und dann meint, man könne von dort quasi eine Antwort erhalten, wie Frauen und Männer eigentlich von Natur aus seit Urzeiten sind. SPRECHER:Neuere Ansätze gehen einen anderen Weg, stellen andere Fragen und können auf eine Vielfalt auch neuer wissenschaftlicher Methoden zurückgreifen. Wer heute seriös über die Rolle der Frau in der Vorgeschichte forscht, ist interdisziplinär, bedient sich der Paläontologie, die sich mit Fossilien befasst oder der Anthropologie, die Knochen untersucht, genauso wie der prähistorischen Archäologie, die sich mit behauenen Knochen oder Steinen beschäftigt oder der so genannten Trassologie, die Auskunft gibt über die Herstellung und Verwendung von Werkzeugen und den Spuren, die sie hinterlassen. Auch moderne DNA-Analysen bringen neue Erkenntnisse oder ethnografische Studien, die sich mit noch heute lebenden traditionellen Gesellschaften befassen und teilweise Rückschlüsse auf Bedingungen prähistorisches Lebens erlauben. Die Methoden ergänzen sich gegenseitig. ZUSPIELUNG 04: Brigitte RöderDa gibt es eine Untersuchung, die zeigt, dass es bei männlichen und weiblichen Skeletten aus der Altsteinzeit keine Unterschiede bei den Verletzungen gibt. Das heißt, dass man davon ausgehen muss, dass Männer und Frauen in der Altsteinzeit denselben Gefahren ausgesetzt waren, also haben sie offensichtlich ähnliche Tätigkeiten ausgeübt. Also das wäre jetzt ein indirekter Hinweis darauf, dass Frauen auch gejagt haben. Dann kann man sich mit ethnografisch überlieferten Gesellschaften beschäftigen. Eine Kollegin aus der Archäologie, Linda Owen, eine andere Kollegin, die aus der Ethnologie und der Archäologie kommen, Sibylle Kästner, haben beide dazu gearbeitet und haben aus der ethnografischen Literatur Beispiele zusammengestellt von Gesellschaften, in denen Frauen jagen, teilweise alleine, teilweise sogar mit Baby auf dem Rücken auf die Jagd gehen, teilweise in Treibjagden und in Gruppenjagden involviert sind. MUSIK SPRECHER:Bei den Inuit sind es v.a. Männer, die Eisbären, Karibus oder Wale jagen. Doch gibt es zu wenig männliche Nachkommen, fällt den Frauen diese Aufgabe zu. Die Arbeitsteilung ist unter gewissen Bedingungen also flexibel.Generell spielte die Großwild-Jagd in der Urgeschichte wohl nicht die entscheidende Rolle, die ihr oft zugeschrieben wurde. Ein Großteil der Nahrung setzte sich aus Kleinwild wie z.B. Hasen und pflanzlicher Nahrung zusammen. Frauen leisteten einen großen Anteil bei der Nahrungsbeschaffung, so Claudine Cohen: ZUSPIELUNG 05: Claudine Cohen OVERVOICEPendant longtemps, on a cru … et même qu'elles chassaient.Lange Zeit glaubte man, dass Frauen zu Hause blieben, nichts taten, darauf warteten, dass man ihnen etwas zu essen brachte, und sich um eine reiche Nachkommenschaft kümmerten. Da denkt man heute wirklich ganz anders. Man glaubt, dass sie extrem mobil waren, dass sie nach draußen gingen, entweder Pflanzen sammelten, Wild sammelten, Eier und Muscheln sammelten und sogar jagten. MUSIK SPRECHER:Frauen schafften nicht nur Nahrung ran, sie spielten auch eine Rolle im Bereich der Kunst. Untersuchungen des amerikanischen Archäologen Dean Snow ergaben, dass Handnegative, die auf verschiedenen Höhlenmalereien neben den Tierzeichnungen zu sehen sind, zu Dreivierteln von Frauen stammen. Frauen legten also ihre Hand auf die Felswand, dann wurden mit einem Röhrchen Farbpigmente darauf geblasen und der Handumriss blieb erhalten. ZUSPIELUNG 07 Claudine Cohen OVERVOICEAlors effectivement, pendant longtemps…  qu'on voit et qu'on admire sur les parois des grottes. Als man die Kunst des Paläolithikums, die Kunst der Höhlenmalereien fand, dachte man sofort, dass es sich um die Kunst von Jägern handelte, die ihren Wunsch nach der Fortpflanzung des Wildes zum Ausdruck brachten, Jagdgeschichten erzählten usw., ohne sich auch nur vorzustellen, dass Frauen daran beteiligt gewesen sein könnten. Heute geht man davon aus, dass Frauen in den bemalten Höhlen waren, dass sie an dem teilnahmen, was dort stattfand, wahrscheinlich an Zeremonien, und dass sie vielleicht auch an der Herstellung dieser Malereien beteiligt waren, die man an den Höhlenwänden sieht und bewundert. MUSIK SPRECHERFrauen waren ebenso auch häufig selbst Gegenstand von Kunst. Aus der Alt- und Jungsteinzeit sind zahlreiche figürliche Darstellungen von Frauen erhalten. Erstaunlich ist ihre Ähnlichkeit untereinander. Die Körperformen sind stets stark überzeichnet, sie haben oft riesige Brüste, eine gut sichtbare Vulva, einen prallen Bauch, Kopf, Arme und Beine sind dagegen stark reduziert oder ganz weggelassen. Solche Frauendarstellungen fand man an der Atlantikküste genauso wie in Sibirien. Zu ihren berühmtesten Exemplaren zählen die 6cm große 40.000 Jahre alte so genannte Venus vom Hohlefels von der Schwäbischen Alb oder die 30.000 alte 11cm große Venus von Willendorf aus Österreich. Sie nach der römischen Liebesgöttin „Venus“ zu benennen, zeugt bereits von voreingenommenen Zuschreibungen. Lange sah man in den Figuren Fruchtbarkeit-Symbole. ZUSPIELUNG 08 Claudine Cohen OVERVOICEAlors, c'est vrai qu'il y a un certain nombre… aller plus loin dans l'interprétationEs stimmt, dass es eine Reihe von Statuetten gibt, die schwanger sind und die Schwangerschaft darstellen. Sie sind sehr klein und waren vielleicht Amulette. Amulette weniger, um Fruchtbarkeit hervorzurufen, als vielmehr, um die Schwangerschaft und die Geburt zu schützen. Dies ist eine Interpretation, die heute vorherrschend ist. Was sie auf jeden Fall aussagen, ist, dass es eine Symbolik gab, die mit der Frau und dem Körper der Frau zusammenhing. Weiter kann man eigentlich nicht gehen. SPRECHER:Was diese Figuren auf alle Fälle nicht sind: Belege für die Existenz eines Matriarchats, wie es einige Feministinnen v.a. ab den 70er-Jahren behaupteten. Die in Kalifornien lebende Anthropologin Marija Gimbutas sah in den üppigen Statuetten einen Beleg für einen Fruchtbarkeits-Kult um die „Große Mutter“, der von der jüngeren Altsteinzeit bis zur Bronzezeit in ganz Europa geherrscht haben soll. Es gibt dafür jedoch keinerlei Beweise. Überhaupt ist schon allein die Begrifflichkeit des Matriarchats problematisch, findet Brigitte Röder: ZUSPIELUNG 09: Brigitte RöderMatriarchat und Patriarchat sind Begriffe, die auch im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft entstanden sind, sind auch zutiefst essentialistisch von den damaligen Vorstellungen, vom Wesen von Männern und von Frauen geprägt. Auch von der Idee, dass ein Geschlecht in allen gesellschaftlichen Bereichen über das andere herrscht. Und da ist die Wissenschaft inzwischen doch auf einem ganz anderen Standpunkt, was jetzt die Rekonstruktion von Herrschaftsverhältnissen zwischen Geschlechtern in Gesellschaften anbelangt. Da geht man eher davon aus, dass es in Gesellschaften verschiedene Felder gibt, in denen Geschlechter mehr oder weniger zu sagen haben und dass diese Felder sich auch ständig verändern. SPRECHER:Es ist also anzunehmen, dass sowohl Machtstrukturen wie Rollen- und Familienkonzepte in der Steinzeit vielfältig waren, sich immer wieder veränderten und stark von äußeren Bedingungen abhingen. Ebenso scheint sich auch die Vorstellung von Geschlecht immer wieder verändert zu haben, wie man historisch gut nachweisen könne, so Brigitte Röder. Während wir nämlich heute mit einem Zwei-Geschlechter-Modell sozialisiert sind, in dem Männer und Frauen als grundsätzlich ganz verschiedene Wesen angesehen werden, gab es früher vermutlich auch völlig andere Vorstellungen. Das legen jedenfalls Funde von Menschen-Figuren oder Plastiken nahe. ZUSPIELUNG 10 Brigitte Röder Also es gibt eindeutig weibliche, eindeutig männliche Darstellungen und dann gibt es aber auch Darstellung, die nicht geschlechtlich für uns heute identifizierbar sind oder die auch mehrdeutig sind. Also beispielsweise kleine Plastiken, die man sowohl als Brüste als auch als ein Penis mit Hoden interpretieren kann. Da scheint mir, dass es eher ein Kontinuum war, wie man sich Geschlecht gedacht hat, vielleicht sogar, dass es so eine Art Wechselspiel zwischen männlichen und weiblichen Aspekten gab. Es wird auch dazu passen, dass man offenbar auch damals keinen kategorialen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gemacht hat, sondern es gibt Mensch-Tier-Mischwesen, die in diese Richtung deuten könnten. MUSIK SPRECHER: Die Altsteinzeit macht den größten Teil der Urgeschichte aus, man verortet ihren Beginn grob vor über 2,5 Millionen. Vor ca. 10.000 Jahren beginnt die Mittelsteinzeit, während der die Menschen noch überwiegend Jäger waren und vor etwa 7.500 Jahren die Jungsteinzeit mit einer geradezu revolutionären Veränderung der Lebensweise: mit der ersten Sesshaftwerdung, dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, wobei auch das grobe Vereinfachungen sind, denn die Menschen wurden nicht überall gleichzeitig sesshaft. Wenn überhaupt sind wir wohl eher die Erben des Neolithikums, also der Jungsteinzeit. In der so genannten Schnurkeramischen Kultur Ende der Jungsteinzeit finden sich z.B. Bestattungskulturen, denen vielleicht ein binäres Geschlechtermodell zugrunde liegt. Männer und Frauen werden hier unterschiedlich begraben, in anderen Posen, mit anderen Grabbeigaben. Im Lechtal bei Augsburg fand man Gehöfte mit daran anschließenden Friedhöfen ebenfalls vom Übergang der Jungsteinzeit in die Bronzezeit. Hier konnte man ein sogenanntes patrilokales Heiratssystem nachweisen, d.h. der Wohnort des Mannes war ausschlaggebend für die angeheiratete Frau. Auch das ein uns vertrautes Muster. ZUSPIELUNGEN 11 Brigitte RöderDa konnte man jetzt dank sehr guter DNA-Erhaltung Verwandtschaft rekonstruieren und konnte sehen, dass das Gehöft immer in der männlichen Linie weitergegeben wurde. In Kombination mit so genannten Isotopenanalysen, über die man die Mobilität von Individuen rekonstruieren kann, konnte man auch sehen, dass die Frauen, die mit den lokalen Männern Nachwuchs gezeugt haben, von weit her kamen, also die Männer blieben immer vor Ort, die Frauen kamen von außen rein. Das wäre jetzt durchaus zum Beispiel eine Erwartung, die man aufgrund des bürgerlichen Geschlechter-Modells gehabt hat. Allerdings, was auch damit verbunden war, nämlich die Vorstellung, dass die Frauen einfach getauscht und verheiratet werden. Das ist wiederum ein kulturelles Konzept. Es kann ja auch sein, dass die Frauen aus eigener Freiheit raus in diese andere Gruppe gegangen sind, um dort zu leben. Das finden wir jetzt wiederum nicht raus mit archäologischen Quellen. MUSIK SPRECHER:Es scheint sich also abzuzeichnen, dass sich mit der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit einige Gepflogenheiten und Vorstellung gegenüber der Altsteinzeit wohl grundsätzlich geändert haben. Denn einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die nomadischen Gesellschaften der Altsteinzeit eher gleichberechtigt bzw. frei von festen Hierarchien waren. Tatsächlich finden sich kaum Spuren von physischer Gewalt an Frauenskeletten der Altsteinzeit, so Claudine Cohen. Sie denkt sogar, dass die Vorstellung von Macht, sei sie nun von Männern oder Frauen, zu dieser Zeit gar nicht existierte. Aber in manchen Bereichen hatten Frauen sicher trotzdem eine besondere Bedeutung, z.B. bei der Familienplanung. Für Nomaden sind viele Kinder von Nachteil, schließlich gibt es schon genug andere Dinge, die man mit sich herumschleppen muss. ZUSPIELUNG 12 Claudine Cohen OVERVOICECe qu'on sait des sociétés nomades … le rapprochement entre les hommes et les femmesWir wissen über nomadische Jäger- und Sammlergesellschaften, dass sie die Anzahl ihrer Kinder stark begrenzen. Das heißt, sie sorgen dafür, dass sie nur alle drei oder vier Jahre ein Kind bekommen, und zwar nicht nur durch Verhütungspraktiken, die den Gebrauch von abtreibenden oder empfängnisverhütenden Pflanzen beinhalten konnten, sondern auch, wenn es nötig war, und das war in diesen Gesellschaften bekanntlich der Fall, durch Kindstötung. . Und dann gibt es natürlich auch Normen, die von der Gruppe auferlegt werden, die von den Männern auferlegt werden, die die Annäherung zwischen Männern und Frauen einschränken können. SPRECHER:Als die Menschen in der Jungsteinzeit dann sesshaft werden und Ackerbau betreiben, ändert sich die Bedeutung von Kindern und damit auch die Rolle der Frau, so Claudine Cohen. Jetzt ist es von Vorteil möglichst viele Kinder zu haben, denn ihre Arbeitskraft wird gebraucht. Sie müssen auch helfen, das Eigentum zu verteidigen. ZUSPIELUNG 13 Claudine Cohen OVERVOICEAu moment du néolithique … plus fort qu'au paléolithique.In der Jungsteinzeit, als die Menschen sesshaft wurden, als sich all diese Revolutionen in der Landwirtschaft, der Viehzucht usw. vollzogen, wurde die Lage der Frauen sehr viel schwieriger, weil sie im Haus eher isoliert waren. Sie sind an die Kinder gebunden, sie sind an die häusliche Pflege gebunden, und zu diesem Zeitpunkt entsteht tatsächlich eine soziale Ungleichheit und eine Unterjochung der Frauen, die sicherlich viel stärker ist als im Paläolithikum. MUSIK Ebenso wie Frauen vermutlich gegenüber Männern einen Wissensvorsprung rund um die Themen der Fortpflanzung und Geburt hatten, so könnte dies auch in Bezug auf Pflanzenkenntnisse der Fall gewesen sein. Claudine Cohen hält es für nicht unwahrscheinlich, dass Frauen mit der Sesshaftwerdung den Garten- wie Ackerbau erfunden haben. Denn dazu würde als Vorgeschichte passen: So wie es heute in vielen traditionellen Gesellschaften Aufgabe der Frauen ist, Früchte, Beeren und Kräuter zu sammeln, so könnte das auch in der Altsteinzeit schon der Fall gewesen sein. ZUSPIELUNG 14 Claudine Cohen OVERVOICESi elles étaient spécialistes des plantes… le relais de cette activité féminineWenn sie Pflanzenspezialistinnen waren, kannten sie sich auch bestens mit Fasern aus, was sie sicherlich zu den Ersten machte, die Seile, Körbe, Stoffe usw. herstellten. Aber sie haben sicher auch beobachtet, wie die Pflanzen wuchsen, wo die Samen am besten aufgingen, welche Böden am fruchtbarsten waren usw. Und so ist diese Erfindung der Landwirtschaft sicherlich etwas, das man den Frauen zuschreiben kann, auch wenn es nach der Erfindung sicherlich zu Veränderungen in der Rollenverteilung gekommen ist. Und wahrscheinlich, als die Feldarbeit schwerer wurde, als die Arbeitsgeräte schwerer und schwieriger zu bedienen waren, vielleicht gab es hier eine Umkehrung und vielleicht übernahmen dann die Männer diese weibliche Tätigkeit. SPRECHER:Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen das Aufkommen einer Hierarchisierung der Gesellschaft wie auch die Entstehung von Kriegen in engem Zusammenhang mit der Sesshaftwerdung des Menschen und dem Beginn des Eigentums. Gewalt, vielleicht sogar Formen von Krieg kann es allerdings schon vorher gegeben haben. Brigitte Röder mahnt hier zur Vorsicht: ZUSPIELUNG 15 Brigitte RöderIch finde es schwierig zu sagen, die Altsteinzeit war egalitär, ab der Jungsteinzeit haben wir Hierarchien. Es gibt andere Konzepte, die sagen die Herrscher-Hierarchien entstehen mit den Metallen in der Bronze-Zeit, also da gibt es verschiedene Ansätze heute, die aber meines Erachtens alle nicht wissenschaftlich fundiert sind. Wir können in der Archäologie immer nur über Fallstudien seriöse Aussagen machen. Und wenn man jetzt auf der Ebene von Fallstudien wäre, da könnte man dann einiges zusammentragen und sagen ja, in der Fallstudie kommt das raus, in der Fallstudie kommt jenes raus, und dann könnten wir zeigen, dass es eben nicht die Lebensverhältnisse in der Steinzeit gab, sondern dass man immer auf der Fall-Ebene argumentieren muss. MUSIK SPRECHER:Der Blick auf die Frauen in der Urgeschichte hat sich geändert, vieles ist noch ungewiss, vieles bleibt noch Hypothese, doch dank moderner Untersuchungsmethoden konnten auch schon zahlreiche Fehlinterpretationen geradegerückt und neue Erkenntnisse gewonnen werden, und das ist erst der Anfang. Eines ist für Brigitte Röder wie Claudine Cohen aber sicher: Die Menschen der Steinzeit haben viele Transformationen erlebt und folglich gab es eine Vielzahl von Formen des Zusammenlebens und eine Vielfalt von Geschlechterrollen. ZUSPIELUNG 16 Claudine Cohen OVERVOICEJamais dans les sociétés humaines… doivent aussi changerIn den menschlichen Gesellschaften gab es nie ein naturgegebenes Geschlechter-Verhältnis. Es war immer eine Struktur, die von der Gruppe durch Verwandtschaftsregeln, durch Verhaltensregeln und durch die Hierarchie in diesen Gruppen erzeugt wurde. Es gibt kein Modell, an das wir uns in unseren Beziehungen zwischen Männern und Frauen halten sollten, sondern es handelt sich um variable Beziehungen. MUSIK SPRECHERGeschlechterverhältnisse während der Steinzeit – ein Thema mit noch vielen offenen Thesen und Überlegungen. Es bleibt spannend.  

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