Alles Geschichte - Der History-Podcast

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Jun 20, 2025 • 23min

DAS ALTE ROM - Die Geschichte eines imperialen Traums

Das alte Rom ist die Mutter der imperialen Idee. Sie wurde von Julius Caesar unabsichtlich begründet und seitdem immer wieder aufgegriffen: von byzantinischen Herrschern, Karl dem Großen, den heilig-römischen Kaisern oder von russischen Zaren und Napoleon Bonaparte. Vielleicht, bei genauerem Hinsehen sogar von der EU. Von Ulrich Zwack (BR 2020)Credits Autor: Ulrich Zwack Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Christian Schuler Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Thomas Morawetz   Im Interview: Dr. Julian Traut Besonderer Linktipp der Redaktion: SWR: Das Wissen    Täglich Neues aus Gesundheit und Geschichte, Wissenschaft und Weltgeschehen. Wichtige Zusammenhänge, gründliche Recherchen, überraschende Hintergründe über die unterschiedlichsten Themen: „Das Wissen“ spricht mit Menschen, die sich auskennen, reist an die wichtigsten Schauplätze und sammelt so Erkenntnisse um sich den drängendsten Fragen von heute, gestern und der Zukunft zu stellen  ZUM PODCAST Linktipps SWR (2025): Der römische Traum – Eine Anno-Story   Ein packender Hörspiel-Podcast im Anno-Universum: Zwei junge Männer verkaufen sich selbst in die Sklaverei – im Glauben, dass sie im Römischen Reich aufsteigen können. Was als verzweifelter Traum beginnt, wird zur abenteuerlichen Odyssee durch Kolonien, Intrigen und Machtzentren eines Imperiums. "Der römische Traum" erzählt die offizielle Vorgeschichte zu "Anno 117: Pax Romana" – als epische Audio-Serie mit deutschen Top-SchauspielerInnen, exklusivem Soundtrack von den Anno-Komponisten und live aufgenommen vom SWR-Symphonieorchester. Jetzt abonnieren – ab 20. August geht’s los! ZUM PODCAST   SWR (2021): Das Erbe des Römischen Reiches Das Limesmuseum in Aalen ist Basisstation für Dieter Moors Erzählung über das Erbe des Römischen Reiches. Die Reise geht weiter Rund ums Mittelmeer nach Bosra und Lepis Magna und endet bei Pont du Gard in Frankreich. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN:Paris ist die Stadt der Liebe, München leuchtet als Isar-Athen, New York preist sich als Big Apple. Viele Städte schmücken sich mit wohlklingenden Beinamen. Doch Rom ist einzigartig: Rom ist golden. Rom ist ewig. Denn Rom ist mehr als nur eine Stadt. Rom ist eine Idee. Nicht nur die einer Stadt, sondern die eines ganzen Reiches.  1. ZUSP: OT-TrautDas Besondere am Römischen Reich ist, dass es in seiner jahrhundertelangen Geschichte immer wieder transformiert wurde und auch durch verschiedene Ideen ergänzt wurde: Also das Römische Reich ist als historisches Gebilde eigentlich ein schwieriger Begriff. ERZÄHLERDer Münchner Historiker Dr. Julian Traut ist Spezialist für bayerische Landesgeschichte. Daneben beschäftigt er sich aber auch immer wieder mit dem römischen Reichsgedanken und den Veränderungen, die er im Lauf der Zeit erfuhr. 2. ZUSP:   OT-Traut (weiter)Es gab verschiedene römische Reiche, die römische Republik, das römische Kaiserreich. Als das Römische Reich zerbricht, kommt es dann zu verschiedenen Neuinterpretationen. Und es wird an die römische Reichsidee angeknüpft. ERZÄHLERIN:Die Vorstellung von Rom als Reich, das nicht sterben darf, liegt unter anderem darin begründet, dass einige biblische Texte wie das Buch Daniel, die Johannes-Apokalypse oder der 2. Thessalonicherbrief seit dem Altertum oft so interpretiert wurden, dass das Ende des Imperium Romanum den Weltuntergang einläuten würde. MUSIK ERZÄHLER:Ausgehend von einer am Tiber gelegenen, zunächst ziemlich unbedeutenden, Kleinstadt eroberten die Römer nach und nach ein ganzes Weltreich. ERZÄHLERIN:Nichtsdestotrotz ging es in Rom selbst ständig drunter und drüber; balgten sich Patrizier und Plebejer um die Macht. Bis im Jahrhundert vor Christi Geburt immer häufiger herausragende Einzelpersönlichkeiten nach der Alleinherrschaft strebten und der inzwischen arg in die Jahre gekommenen Republik den Garaus machten. ERZÄHLER:Der erste, der aus diesem Ringen siegreich hervorging, war Gaius Julius Caesar. Ein genialer Feldherr, herausragender Staatsmann, brillanter Schriftsteller und meisterhafter Ränkeschmied. ERZÄHLERIN:Anfang 44v.Chr. ließ sich er sich vom Senat - gewissermaßen Roms parlamentarischem Oberhaus - zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Damit schien er die traditionelle römische Republik beseitigt und sich zum Alleinherrscher aufgeschwungen zu haben. Ob er zusätzlich nach dem Königstitel strebte, ist bis auf den heutigen Tag umstritten. Nicht umstritten ist dagegen, dass rund 60 Senatoren den Diktator Caesar als lupenreinen Tyrannen betrachteten und am 15. März des Jahres 44 v. Chr. mit 23 Dolchstichen ermordeten. ERZÄHLER:Damit war Caesars Modell der Alleinherrschaft übers Römische Imperium kläglich gescheitert. Dennoch gehen die deutsche Bezeichnung Kaiser oder der in mehreren slawischen Sprachen gebräuchliche Titel Zar direkt auf seinen Namen zurück. MUSIK ERZÄHLERIN:Zum ersten Kaiser im eigentlichen Sinn wurde Caesars Adoptivsohn Octavian. der nicht nur das Vermächtnis seines Adoptivvaters antrat, sondern auch dessen Namen erbte. Er riss zwar ebenfalls die Alleinherrschaft an sich, vermied dabei aber tunlichst alles, was ihn als Usurpator hätte erscheinen lassen können. Stattdessen hielt er sich demonstrativ an die traditionellen republikanischen Spielregeln. Begnügte sich nach außen mit der Stellung eines Primus inter pares, also gleichsam eines Ehrenvorsitzenden unter ihm gleichrangigen Bürgern. Seine eigentliche Macht stützte er allerdings ebenfalls auf die lebenslange Sicherung wichtiger Amtsbefugnisse. Die eines Dictators war nicht darunter. Aber der lebenslange Titel eines Imperators oder die jährliche Verleihung der Amtsgewalt eines Volkstribuns bescherten ihm z.B. auf Dauer den Oberbefehl übers Militär oder das Vetorecht gegenüber den Inhabern anderer Staatsämter. ERZÄHLER:Auch auf religiöser Ebene spielte Octavian eine Sonderrolle. Nicht nur, dass er lebenslang das Amt des Pontifex Maximus bekleidete, das gewissermaßen dem eines Papstes über den römischen Götterkult entsprach - er ließ sich vom Senat obendrein den Ehrennamen Augustus verleihen. Das bedeutete der Erhabene und erhob den Kaiser gewissermaßen zu einem Wesen zwischen Mensch und Gott. ERZÄHLERIN:Die kaiserliche Hofpropaganda und unterwürfige Provinz-Obrigkeitsvertreter machten die sakrale Weihe, die den Herrscher dadurch umgab, im ganzen Reich publik. So frohlockte eine zeitgenössische Inschrift im kleinasiatischen Halikarnassos:       MUSIK ZITATOR: Das Göttliche hat den Menschen, den Caesar Augustus gesandt, auf dass unser Leben glücklich werde. Den Vater seines Vaterlandes, den Heiland des ganzen Menschengeschlechts, dessen vorausschauende Fürsorge die Gebete aller nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen hat. ERZÄHLER:Nun hing In der Antike der Himmel wesentlich tiefer als heute. Deshalb wurde Augustus von vielen auch ganz konkret als Erlöser betrachtet, gefeiert und verehrt. Hatte er doch für inneren und äußeren Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand gesorgt und die Weltherrschaft Roms gesichert. Kurzum: Er hatte sich als Götterliebling erwiesen und das sagenhafte Goldene Zeitalter wieder heraufgeführt. Und das dank übermenschlicher Fähigkeiten, die ihm die Götter verliehen hatten. ERZÄHLERIN:Diese Fähigkeiten bildeten die Basis für den kaiserlichen Herrscherkult, denn sie waren nach damaligem Glauben göttlicher Natur. Darum hatten sie auch Anspruch auf kultische Verehrung. Der Herrscher selbst konnte offiziell allerdings erst nach dem Tod zum Gott erhoben werden. Vorausgesetzt, seine Herrschaft wurde als eine gute betrachtet. Dann wurde er, wie z.B. Caesar, Augustus, Claudius oder Trajan vom Senat zum divus, zum Vergöttlichten, erklärt, der dasselbe Recht auf religiöse Verehrung besaß wie die herkömmlichen Staatsgötter Jupiter & Co. Erst als sich das Kaisertum im 3. Jahrhundert vom Prinzipat zum absolutistischen Dominat wandelte, führte der Herrscher bereits zu Lebzeiten regelmäßig den Titel dominus et deus - Herr und Gott. MUSIK ERZÄHLER:Seit Augustus blieb die römische Reichsidee eng mit dem Kaisertum verbunden, galt das Imperium Romanum als Idealstaat - in dem die verschiedensten Völker in Rechtssicherheit, Wohlstand und Frieden unter der Regentschaft eines von den Göttern eingesetzten Monarchen zusammenlebten. ERZÄHLERIN:Konstantin der Große stellte schließlich das Christentum dem Heidentum gleich und leitete dadurch die vollständige Christianisierung des Imperiums ein. Auf den ersten Blick bedeutete das den Verlust des sakralen Nimbus der Kaiser. Aber in Wahrheit war das Gegenteil der Fall. Denn der Herrscher war jetzt zwar kein Gott mehr, galt aber als Stellvertreter Gottes auf Erden. Und das erhob ihn selbstverständlich weiterhin himmelhoch über alle Normalsterblichen. So schrieb der Kirchenvater Eusebius von Caesarea über das Wesen der Regentschaft Konstantins des Großen: MUSIK ZITATOR:Christus übt die oberste Herrschaft über die ganze Welt aus und steht über allen Dingen. Er ist das Wort Gottes, durch das unser gottgeliebter Kaiser, gleichsam in Übertragung der göttlichen Machtfülle und Nachahmung Gottes, die Angelegenheiten dieser Welt regelt und lenkt.  MUSIK ERZÄHLERIN:Gegen Ende des 5. Jahrhunderts brach die Westhälfte des Imperiums unter dem Ansturm völkerwandernder Germanenstämme zusammen. Die Osthälfte bestand dagegen noch fast ein Jahrtausend lang fort. Auch wenn sie nach der Ausbreitung des Islam ständig an Ausdehnung und Macht einbüßte. ERZÄHLER:Heute wird das Oströmische Reich nach seiner Hauptstadt Konstantinopel, alias Byzanz, meist als Byzantinisches Reich bezeichnet.  Den Oströmern selbst wäre das jedoch nie in den Sinn gekommen. Bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanischen Türken im Jahr 1453 nannten sie sich ausschließlich Rhomaioi.  - Römer. ERZÄHLERIN:Aber auch im Westen blieb die Romidee weiterhin lebendig, betrachtete man den Fortbestand des Imperiums zumindest theoretisch als gegeben. Auch wenn der Thron bis zur Krönung Karl des Großen durch den Papst am Weihnachtstag des Jahres 800 gewissermaßen verwaist blieb. Julian Traut: 3. ZUSP:   OT-TrautDas Römische Reich, das Karl der Große begründet hat, setzt sich weniger aus einem einheitlichen Reichsgebiet zusammen, sondern ist mehr als eine politische Idee zu verstehen, als Bezugspunkt, als Ort der Kaiserwürde. Und der Papst als Spender dieser Kaiserwürde tritt da in den Vordergrund. Das Römische Reich, das dann später unter dem Titel des Heiligen Römischen Reich später noch mit dem Zusatz Deutscher Nation Bestand haben sollte, ist also ein supranationales und weniger politisch als mehr ideelles Gebilde. ERZÄHLER:Rein äußerlich stellte Karls Krönung die Wiederherstellung des einstigen Westreichs dar. Doch erfolgte die Neubelebung nicht nur gemäß römischer, sondern auch nach fränkischer Überlieferung. Das wies der Romidee teilweise eine ganz neue Richtung. Zwar blieb das Kaisertum weiterhin mit sakraler Weihe umgeben und stützte auch Karl seine Herrschaft nicht zuletzt auf die Schlagkraft seiner Truppen. Aber beides war nun auch mit germanischen Vorstellungen in Form des von Gott dem rechtmäßigen Herrscher verliehenen Königsheils und des Heereskönigtums verbunden. Hinzu kam die durch die päpstliche Salbung symbolisierte Vorstellung vom Gottesgnadentum. Dadurch wurde Karls Reich nicht nur zum neuen Rom, sondern auch zum neuen Jerusalem erhoben.    ERZÄHLERIN:Indes war Papst Leo III. eigentlich gar nicht dazu berechtigt, jemanden zum Kaiser zu erheben. Da das römische Reich in Gestalt des oströmischen ja noch konkret fortbestand, wäre allein der oströmische Kaiser befugt gewesen, einen Mitkaiser zu ernennen. Aber Nikephoros I. dachte gar nicht daran, einen ungehobelten Frankenkönig als Amtskollegen zu betrachten.     ERZÄHLER:Deshalb versuchte Karl, seine Legitimation durch eine betont römische Amtsführung zu beweisen: Er ließ für den Bau der Aachener Pfalzkapelle antike Säulen aus Rom und Ravenna importieren; wies die wichtigsten Gelehrten seiner Zeit an, die antike Literatur zu pflegen; schuf eine straffe Zentralverwaltung. Und wirklich: Als in Konstantinopel auf Nikephoros I. der wesentlich kompromissbereite Michael I. folgte und Karls Kaisertum anerkannte, galt auch der Frankenherrscher als rechtmäßiger Erbe der alten Caesaren und sein Reich wirklich als Westteil des Imperium Romanum.    ERZÄHLERIN:Dann dauerte es erst einmal anderthalb Jahrhunderte, ehe 962 mit der Kaiserkrönung Ottos I. die lange Reihe der römischen Kaiser deutscher Herkunft begann. MUSIK ERZÄHLER:Nun gehörte es seit der Spätantike zu den Hauptpflichten des Kaisers, als Schirmherr der Kirche aufzutreten. Dadurch wurden ihm folgerichtig nicht nur weltliche, sondern auch kirchliche Rechte eingeräumt. Wie die oströmischen Kaiser beriefen jetzt auch die römisch-deutschen Synoden und Konzilien ein, setzten nach Gutdünken Bischöfe und Äbte ein und ab - und manchmal sogar den Papst. ERZÄHLERIN:               Das zeugte nicht von Größenwahn, sondern entsprach den Erwartungen, die man in Kaiser und Reich setzte. Das Imperium war ja nicht als nationaler Flächenstaat gedacht, sondern als Universalmonarchie, deren Macht sich vor allem auf die Loyalität von Menschen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden gegenüber dem von Gott - zum Herrschen bestimmten - Regenten stützte. ERZÄHLER:Wohl erstreckte sich das Heilige Römisches Reich im Hochmittelalter von Antwerpen bis nach Breslau, von Hamburg bis nach Siena. Aber von echter Weltherrschaft kann da trotz aller Größe kaum gesprochen werden. Ein starkes Machtzentrum, mit dem sich auch das Ausland gut stellen wollte, bildete es jedoch allemal. So berichtete der Mönch und Chronist Widukind:    MUSIK ZITATOR: Der Kaiser wurde durch seine vielen Siege weithin berühmt. Deshalb besuchten ihn auch oft Gesandte von den Römern, Griechen und Sarazenen und brachten Geschenke: Goldene, silberne, bronzene, gläserne und elfenbeinerne Gefäße, Teppiche, Balsam, Gewürze und Tiere wie Löwen, Kamele, Affen und Strauße. ERZÄHLERIN:Aber das Heilige Römische Reich hatte nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Vor allem in Frankreich und in Italien polemisierte man ständig gegen die Vereinnahmung des Imperium Romanum durch die deutschen "Barbaren" Ja, selbst die Römer wollten vom Kaiser, der ihren Namen trug, nichts wissen. Als Otto III. die Tibermetropole tatsächlich zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches machen wollte, setzten sie ihm so zu, dass er nur knapp mit dem Leben davonkam. MUSIK ERZÄHLER:                          In Rom wurde auch der ideologische Krieg zwischen Papst und Kaisertum um die religiöse Führungsrolle im Abendland begonnen. Der Kaiser, so erklärte Papst Gregor VII. im Jahr 1076, maße sich eine Stellung an, die nach Christi Willen allein dem Papst als Nachfolger des Apostels Petrus zukomme. Die Antwort Heinrichs IV. erfolgte postwendend. In einem hochfahrenden Brief setzte er den Papst kurzerhand ab: MUSIK ZITATOR:Du wagtest zu drohen, du wolltest uns unserer von Gott verliehenen Gewalt berauben, als hätten wir das Reich von dir, und als ob die Kaiserkrone in deiner und nicht Gottes Hand läge, der uns zur Herrschaft berufen hat. Steig herab vom angemaßten Stuhl des heiligen Petrus. Steig herab, steig herab! ERZÄHLERIN:Nach den bisherigen Gepflogenheiten wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen. Aber jetzt folgte etwas völlig Neues: Der Papst verhängte seinerseits über den Kaiser den Kirchenbann. ERZÄHLER:In diesem Stil ging es über 150 Jahre lang weiter. Man setzte einander ab, ernannte Gegenpäpste und Gegenkaiser. Nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. konnte der Papst die Auseinandersetzung schließlich zu seinen Gunsten entscheiden. Seitdem besaßen die Kaiser in kirchlichen Angelegenheiten keinerlei Mitspracherecht mehr.                                      ERZÄHLERIN:So gingen Kaiser und Reich aus der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst erheblich geschwächt hervor. Den Rest besorgte sehr viel später der Dreißigjährige Krieg. Er ließ das Heilige Römische Reich ausgeblutet, verstümmelt und als Spielball fremder Mächte zurück. Trotzdem bestand es noch gut 150 Jahre lang weiter. MUSIK ERZÄHLER:Neben dem oströmischen und dem Heiligen Römischen entstanden ab dem Mittelalter auch andere Kaiserreiche. Etwa das bulgarische oder das serbische - und natürlich vor allem das russische. Denn als nach dem Fall von Konstantinopel die orthodoxe Kirche ihres kaiserlichen Schutzherren beraubt war, wollten die Großfürsten von Moskau an dessen Stelle treten. Deshalb begannen sie sich dem Ausland gegenüber dadurch zu legitimieren, dass sie Moskau zum Dritten Rom erklärten und sich selbst zu Zaren.  ERZÄHLERIN:Als Zar par excellence gilt bis heute Peter der Große. Dabei hat gerade er das Wort Zar durch Imperator ersetzt. Also durch den ursprünglich rein militärischen Namenstitel der römischen Kaiser. Denn Peter wollte weniger als spätantiker oder mittelalterlicher kaiserlicher Schirmherr der orthodoxen Gläubigen betrachtet werden, denn als auf der Höhe der Zeit stehender, absolutistischer Monarch einer neuen europäischen Großmacht. Bis 1917 bezeichneten sich auch seine Nachfolger nur noch als Imperatoren. MUSIK ERZÄHLER:Ganz anders Napoleon I. von Frankreich. Als Ziehsohn der Französischen Revolution, genialer Feldherr, Machtmensch und Politiker war er der vielleicht modernste Monarch seiner Zeit. Trotzdem bediente er sich, als er Ende 1804 das französische Kaisertum schuf, einer betont traditionellen Formensprache: 5, ZUSP:  OT-TrautNapoleon war es einerseits, der das Heilige Römische Reich deutscher Nation nach tausend Jahren beendet, im August 1806 so also mit einer großen Tradition bricht, andererseits sich aber dann selber schon durchaus in der Tradition der römischen Reichsidee und des Kaisertums sieht. Er vollendet sozusagen die Französische Revolution, krönt sich selbst zum Kaiser, aber er tut dies in Anwesenheit des Papstes und lässt sich auch vom Papst salben. Napoleon benutzt also verschiedene Versatzstücke, die sich vor allem in der Repräsentation zeigen. Er trägt den Lorbeerkranz. Es werden verschiedene Herrschaftssymbole kreiert, die an die römische Kaiseridee anknüpfen und so begründet er das französische Kaisertum MUSIK ERZÄHLER:Das 65 Jahre nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gegründete Kleindeutsche Kaiserreich wurzelte erklärtermaßen nicht im alten Rom, sondern im freien Germanien des fälschlich zum teutschen Volksheiland hochstilisierten Cheruskerfürsten Hermann. Hitlers Drittes Reich berief sich ebenfalls kaum auf römische Traditionen, aber dafür umso mehr auf die irrationale arische Rassentheorie. Anders Mussolini in Italien. Denn zu dessen erklärten Zielen gehörte bekanntlich die Wiederherstellung des Imperium Romanum unter zeitgemäßen Bedingungen. ERZÄHLERIN:Was Deutschland betrifft, ist die römische Staatsidee mithin bereits 1806 abrupt abgerissen. Lediglich der Bundesadler erinnert immer noch ein wenig daran. Lässt er sich doch unmittelbar vom den obersten römischen Staatsgott Jupiter verkörpernden Adler herleiten, den schon die römischen Legionen auf ihren Feldzeichen trugen. ERZÄHLER:Dafür hat Franz II., der letzte heilig-römische Kaiser, die Reichsidee bereits 1804 in seine Heimat verpflanzt und als Kaiser Franz I. von Österreich den imperialen Traum der alten Römer einfach weitergeträumt. Sein neues Kaiserreich besaß ja auch wirklich alles, was ein echtes Kaiserreich ausmacht. Es war ein Vielvölkerstaat und sein Kaiser ein Vielvölkerbeherrscher von Gottes Gnaden. Das ließ sich schon allein an seinem sogenannten großen Titel deutlich ablesen. Selbst in stark verkürzter Form:   ZITATOR:Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Galizien und Illyrien; König von Jerusalem etc. Herzog von Lothringen, von Krain und der Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen; Herzog von Friaul, Ragusa und Zara; Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien; Herr von Triest, und auf der Windischen Mark; Großwojwode der Woiwodschaft Serbien etc., etc. ERZÄHLERIN:Heute gibt es in Europa gar keinen Kaiser mehr. Doch ist zusammen mit der Kaiserwürde auch die römische Reichsidee erloschen? Ja und nein. Nach der Regentschaft selbstgefälliger Potentaten sehnt sich niemand mehr zurück. MUSIK Aber wenn man die Vorstellung akzeptiert, dass die EU lediglich einen Paradigmenwechsel vollzogen hat, indem sie das Gottesgnadentum eines Einzelnen durch einen freiheitlich-demokratischen Grundwertekatalog ersetzt, kann die Europäische Union durchaus als zeitgemäße Fortsetzung des römischen Traums gelten. Denn auch sie umfasst Gebiete mit vielen Völkern, in denen Wohlstand, Frieden und Recht herrschen. MUSIK ERZÄHLERIN:Folglich ist es vielleicht doch mehr als nur reiner Zufall, dass die Gründungsverträge der Staatengemeinschaft in Rom geschlossen wurden - jener Stadt, in die schon seit über 2000 Jahren alle Wege führen.
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Jun 20, 2025 • 25min

DAS ALTE ROM - Agrippina - Mutter, Monster, Mörderin?

Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019)Credits Autorin: Imogen Rhia Herrad Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Werner Eck  Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): Ein Zimmer für uns allein   Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? ZUM PODCAST Linktipps WDR (2023): Agrippina die Ältere: vom Volk geliebt, vom Kaiser verbannt Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. JETZT ANHÖREN BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike   Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. JETZT ANHÖREN WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068)   Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:MUSIKERZÄHLERINEs ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar. ERZÄHLERUngewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht. ERZÄHLERINWerner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen. ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck)Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen. MUSIK ERZÄHLERINAls Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet: ZITATOR Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um. ERZÄHLERINAgrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen. ERZÄHLERAls Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula. ERZÄHLERINDie Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen. ERZÄHLERCaligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt. ZITATOR Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten. ERZÄHLERINWenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben. MUSIK ERZÄHLERUnd dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt. ERZÄHLERINBasieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat? ERZÄHLEROder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen? MUSIK ERZÄHLERINSie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird. ERZÄHLERUnd wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann. ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck)Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen. ERZÄHLERINMessalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen. ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck)Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position. ERZÄHLERNicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator. ZITATOR  Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde. ERZÄHLERINDas alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck. ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck)Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war.  MUSIK ERZÄHLERIn der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen: ZITATOR Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt. ERZÄHLERINDie Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck.  ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck)Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina.  ERZÄHLERAgrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert. ERZÄHLERINDas ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt. ZITATOR Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht! ERZÄHLERDiese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck. ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck)Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen.  ERZÄHLERINAugustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht. ERZÄHLERAuch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen. ERZÄHLERINClaudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge. ERZÄHLERDie antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt: ZITATOR Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor... ERZÄHLERINNach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden. ZITATORDass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab. ERZÄHLERSo wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will.  ERZÄHLERINStimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht. ERZÄHLERNun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt: ZITATOR Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“. ERZÄHLERDie folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung. MUSIK ERZÄHLERINAgrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck: ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck)Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero. MUSIK ERZÄHLEREine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt. ERZÄHLERINImmer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer. ZITATOR Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet. ERZÄHLERErschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck. ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck)Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt.  ERZÄHLERINEin letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar: ZITATOR Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten. ERZÄHLERDie antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden. ERZÄHLERINAgrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren. ZITATOR Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden. MUSIK ERZÄHLERIn der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können. ERZÄHLERINDennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.
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Jun 20, 2025 • 24min

DAS ALTE ROM - Caesar!

Julius Cäsar, ein Gigant der Geschichte, wird auf dramatische Weise beleuchtet. Der verhängnisvolle Tag seines Mordes und die politische Intrige seiner Verschwörer stehen im Fokus. Die brutale Eroberung Galliens zeigt die verheerenden Auswirkungen seiner Ambitionen. Zudem wird Cäsars Leidenschaft für Kleopatra und der Bürgerkrieg gegen Pompejus thematisiert. Schließlich wird die Theorie erkundet, dass seine Selbstinszenierung zu seiner Verwundbarkeit führte, was den Weg für Augustus ebnete.
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Jun 6, 2025 • 24min

STARS DES ABSOLUTISMUS - Maria Theresia, die erstaunliche

Maria Theresia schaffte die Folter ab, führte die allgemeine Schulpflicht ein, und reformierte die Verwaltung. Das hätte der 23-Jährigen bei "Amtsantritt" als Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen niemand zugetraut. Bis heute gehört sie zu den erstaunlichsten Gestalten der Ära des Absolutismus. Von Mira Alexandra Schnoor ( BR 2011/2020)Credits Autorin: Mira Alexandra Schnoor Regie: Martin Trauner Es sprachen: Axel Wostry, Aglaia Szyszkowitz, Heiko Ruprecht, Heinz Peter  Technik: Angelika Vetter-WagnerRedaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Prof. Dr. Karl Vocelka (war bis 2012 Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Wien, inzwischen ist er außerordentlicher Professor für Österreichische Geschichte der Universität Wien im Ruhestand) KORREKTUR: In der aktuellen Version wurde ein Fehler korrigiert: Statt "Am 13. Mai 1717 wird dem österreichischen Kaiser Karl VI. ..." heißt es nun: "Am 13. Mai 1717 wird Kaiser Karl VI. ..." Das eigentliche "Österreichische Kaisertum", die Donaumonarchie, gab es erst ab 1804.Besonderer Linktipp der Redaktion: COSMO: Lost Sheroes Der mächtigste Pirat aller Zeiten? Eine Frau. Der erste Autor der Menschheit? Eine Frau. In diesem Podcast stellt euch die Schauspielerin Milena Straube immer eine Frau vor, die Großes geleistet hat, die Vorkämpferin, Pionierin, Role Model war. Ihr hört die spannenden Lebensgeschichten unbeachteter Heldinnen. Aus allen Zeiten, aus allen Ländern, aus allen Schichten ZUM PODCASTLinktipps WDR (2020): Franz I. – Ehemann von Maria Theresia Maria Theresia von Österreich war 23, als sie in Wien an die Macht kam. Ihr Vater hatte ihr bewusst einen Mann ausgesucht, der nicht besonders mächtig war: Franz, Herzog von Lothringen. Was im Barock selten vorkam: das Brautpaar kannte sich bereits zuvor und beide liebten einander ein Leben lang. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk Nova (2019): Warum Maria Theresia zum Mann erklärt werden musste   Frauen an der Macht sind heute keine Seltenheit mehr. Auch wenn sich viele darüber beklagen, dass dies bei weitem noch nicht oft genug der Fall sei. Die Habsburgerin Maria Theresia war die erste Frau auf dem Thron, die sich in Österreich gegen heftige Widerstände behaupten musste. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger distanziert sich in ihrem Vortrag dennoch von Feministinnen, die Maria Theresia noch heute als Ideal der Weiblichkeit loben. JETZT ANHÖRENUnd hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKENLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:Titelsprecher:Prolog. MUSIK ErzählerAm 13. Mai 1717 wird dem österreichischen Kaiser Karl VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel eine Tochter geboren, Maria Theresia. 'Nur' ein Mädchen - die Eltern wünschen sich einen männlichen Thronfolger, doch auf Maria Theresia folgen zwei weitere Töchter. Bereits vier Jahre zuvor hatte Kaiser Karl VI. die Thronnachfolge neu geregelt. Das salische Recht, wonach ausschließlich ein männlicher Nachkomme den Thron erben konnte, wurde außer Kraft gesetzt. Die neue Vereinbarung, die Pragmatische Sanktion, bestimmte, dass im Fall des Aussterbens der männlichen Linie der Habsburger die Tochter des letzten Throninhabers zur Herrscherin werden solle und nicht etwa angeheiratete männliche Verwandte. So vorausschauend der Kaiser in dieser Hinsicht handelte, so nachlässig war er bei der Erziehung. Die älteste Tochter erhielt keine Ausbildung, die sie darauf vorbereitet hätte, einmal Regentin einer Großmacht zu werden.Die junge Prinzessin tanzte gern, machte Musik und führte ein geborgenes Leben in ihrer Familie. Sie war übrigens recht hübsch, wie der preußische Gesandte Graf Podewils feststellte: Zitator„Ihr Gesichtsausdruck ist offen und heiter, ihre Anrede freundlich und anmutig. Man kann nicht leugnen, daß sie eine schöne Person ist.“ MUSIK Erzähler1736 heiratete Maria Theresia den neun Jahre älteren Herzog Franz Stephan von Lothringen, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Es war, äußerst ungewöhnlich in den Kreisen des Hochadels, eine Liebesbeziehung. Bis zum Tod Franz Stephans im Jahr 1765 waren die beiden 29 Jahre verheiratet oder, wie Maria Theresia berechnete: MARIA THERESIA„Mein glücklicher Ehestand währte Jahr 29, Monat 335, Wochen 1.540, Tage 10.781, Stunden 258.744.“ MUSIK TitelsprecherEine Frau auf Habsburgs Thron Erzähler1740 starb Kaiser Karl VI., Maria Theresia wurde zur Herrscherin über viele, unterschiedliche Länder. MARIA THERESIA„Königin zu Ungarn, Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slowenien. Erzherzogin zu Österreich, Herzogin zu Steyer, Kärnten und Krain, Schlesien, Brabant, Limburg, Luxemburg, Mailand, Mantua, Parma, Piacenza. Markgräfin zu Mähren. Fürstin zu Siebenbürgen. Gefürstete Gräfin zu Tirol und Flandern. Markgräfin des heiligen Römischen Reiches zu Burgau.“ Erzähler Dass sie den Thron tatsächlich besteigen konnte, schien zunächst alles andere als selbstverständlich, Maria Theresia musste damit rechnen, auf viel Widerstand zu stoßen, sowohl bei den Regenten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, als auch bei den Untertanen ihrer vielen Länder. Einigermaßen verblüfft konstatierte der venezianische Gesandte in Wien, dass die neue Herrscherin schnell allgemein anerkannt wurde. Zitator"Aus den Provinzen kommen täglich Berichte von der geleisteten Huldigung, alles vollzieht sich in bewunderungswürdiger und gleichsam unerwarteter Harmonie." ErzählerDas Erbe, das sie antrat, war kein glanzvolles. Sowohl die Armee als auch Wirtschaft und Verwaltung ihrer Länder waren marode. MARIA THERESIA„Niemand glaube (ich) werde widersprechen, dass ein gekröntes Haupt in schwerer- und misslicheren Umständen seine Regierung als ich angetreten habe.“ ErzählerDoch die erst 23 Jahre junge Frau ließ sich nicht entmutigen. Sie machte sich sofort daran, eine der prägenden europäischen Herrscher des 18. Jahrhunderts zu werden und ihr Land durch Reformen voranzubringen. Der Historiker Karl Vocelka, Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Wien: 1 O-Ton Vocelka1„Was sie charakterisiert hat ist, dass sie als Frau in eine Männerrolle schlüpfen musste, zur Herrschaft gelangt ist, ohne große Vorbereitung. Ihr Vater hat, obwohl er wusste, dass sie seine Nachfolgerin wird (…) sie dennoch nicht vorbereitet auf diesen Job, auf diese Funktion…“ MUSIK MARIA THERESIA„(Ich habe) die zu Beherrschung so weitschichtiger und verteilter Länder erforderliche Erfahr- und Kenntnüs um so weniger besitzen können, als meinem Herrn Vattern niemals gefällig war, mich zur Erledigung weder der auswärtigen noch inneren Geschäfte beizuziehen noch zu informieren.“ 2 O-Ton Vocelka „… und sie hat sich eigentlich mit Hilfe vieler Berater natürlich sehr gut geschlagen auf diesem Gebiet.“ MARIA THERESIA„Das bisschen Ruhm, das ich mir in der Welt erworben habe, schulde ich der guten Wahl meiner Vertrauten. Ich habe das Glück gehabt, verdienstvolle und rechtschaffene Leute zu finden.“ ErzählerBei aller Bescheidenheit: Maria Theresia war zum Herrschen geboren. Noch einmal der venezianische Gesandte: Zitator„Sie ist in der Tat nach allgemeinem Urteil so, dass man niemand anderen als sie zur Bewahrung des Erbes des Hauses Habsburg auswählen würde, wenn man die Möglichkeit hätte, frei die Erbin in der ganzen Welt zu suchen.“ MUSIK TitelsprecherKindersegen oder: MARIA THERESIA„Man kann nicht genug davon haben, in diesem Punkt bin ich unersättlich.“ ErzählerBereits ein Jahr nach der Hochzeit brachte Maria Theresia ihr erstes Kind zur Welt, die Tochter Maria Elisabeth, die im Alter von drei Jahren starb. Eineinhalb Jahre später, im Oktober 1738, kam Maria Anna, und im Januar 1740 folgte eine weitere Tochter, die aber nur ein Jahr alt wurde. Am 13. März 1741 dann endlich der ersehnte Thronfolger, Joseph. Zwischen 1737 und 1756 gebar Maria Theresia 16 Kinder, das macht in 19 Jahren 16 Schwangerschaften und Geburten. Sechs ihrer Kinder starben im Kindes- oder Teenager-Alter. Die übrigen zehn überlebten ihre Mutter. Die physische Leistung, die Maria Theresia erbrachte, ist kaum vorstellbar. Neben den zahlreichen Schwangerschaften und Geburten musste sie schließlich einen kriegsgeschüttelten Vielvölkerstaat regieren. MUSIK TitelsprecherArbeiten oder: MARIA THERESIA „Wir leben in dieser Welt, um unseren Mitmenschen Gutes zu tun, denn wir sind nicht für uns selbst da oder gar nur, um uns zu amüsieren.“ ErzählerMaria Theresias Einstellung zur Arbeit war vorbildlich. Sie stand um halb sechs Uhr in der Früh auf und ging zur Messe. Um halb acht Uhr begann sie mit der Arbeit: sie las Akten oder ließ sie sich vorlesen, und empfing ihre Sekretäre und Minister zum Referat. Das dauerte bis zwölf Uhr mittags. Am Nachmittag dann: MARIA THERESIA „4 uhr bis 6 uhr expedirn, schreiben, audienzen.“ ErzählerDer preußische Gesandte Podewils berichtete an seinen König: Zitator„Sie beschäftigt sich viel mit ihren Staatsangelegenheiten und bemüht sich, genaue Kenntnis von ihnen zu bekommen. Sie liest die meisten Berichte ihrer Gesandten, prüft die Entwürfe der Schriftstücke, unterhält sich oft mit ihren Ministern und wohnt den Konferenzen bei, die über Staatsgeschäfte von irgendwelcher Bedeutung abgehalten werden.“ MUSIK  TitelsprecherMilitärisches oder: MARIA THERESIA„Was für ein abscheuliches Geschäft ist doch der Krieg; er ist gegen die Menschlichkeit und gegen das Glück.“ ErzählerDie junge Königin saß kaum auf ihrem Thron, da begann Friedrich von Preußen einen Krieg. Der König, nur ein paar Monate vor Maria Theresia gekrönt, nutzte die Gunst der Stunde, denn die Habsburger Herrscherin stand ohne schlagkräftige Armee da - ihr Vater hatte es unterlassen, das Armeewesen zu reformieren. MARIA THERESIA„Die ihren Feinden so förchterlich ehedessen geweste kaiserliche Truppen, die für die erste in Europa gehalten wurden, verloren bei Freund- und Feinden den größten Teil ihres Ansehens.“ ErzählerFriedrich II. warf einen begehrlichen Blick auf das reiche Schlesien. Was ihn antrieb, aus dem Nichts einen Krieg zu beginnen, beschrieb er selbst so: Zitator„Beim Tod meines Vaters fand ich ganz Europa in Frieden. (Ich) war im Besitz schlagfertiger Truppen, eines gut gefüllten Staatsschatzes und von lebhaftem Temperament; das waren die Gründe, die mich zum Kriege mit Therese von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn, bewogen. Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch, mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag und der Krieg ward beschlossen.“ ErzählerAlso wurden tausende Soldaten in Marsch gesetzt, ein verlustreicher Krieg begann, in dem es hauptsächlich um Eitelkeiten, Gier und Machtansprüche ging. Im Dezember 1740 fiel der preußische König in Schlesien ein – der österreichische Erbfolgekrieg hatte begonnen. Er dauerte insgesamt acht Jahre, sämtliche europäischen Mächte waren mehr oder weniger involviert, gekämpft wurde auf verschiedenen Schauplätzen in Europa, Bündnisse wurden geschlossen und sofort wieder gebrochen, wenn es der eigene Vorteil gebot. Aus seiner Position der Stärke heraus verlangte Friedrich II., dass man ihm das besetzte Schlesien offiziell überlasse. Als notorischer Frauenfeind dachte er anscheinend, die junge, unerfahrene Königin mit seinem rechtswidrigen Verhalten und der Stärke seiner Armee einschüchtern zu können. Doch Maria Theresia widersetzte sich und ließ ihrem Widersacher mitteilen: Maria Theresia „Die Königin hat nicht die Absicht, ihre Regierung mit der Zerstückelung ihrer Staaten zu beginnen. (…) Sie (kann) weder einer Gesamt- noch einer Teilabtretung Schlesiens zustimmen.“ ErzählerAuf Maria Theresias Seite standen England, als Erzfeind Frankreichs, Russland, und der unsichere Kantonist Sachsen, während sich Preußen mit Frankreich, Bayern und Spanien verbündete. Der österreichische Erbfolgekrieg ist ein verwirrendes Hin und Her, bei dem Maria Theresia nicht nur gegen Preußen und Frankreich, sondern auch gegen den bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht kämpfen musste. Dieser hatte die Pragmatische Sanktion nicht anerkannt, und erhob Ansprüche auf einige Länder des Habsburger Reiches, da er mit einer Cousine Maria Theresias verheiratet war. Oberösterreich und Böhmen wollte er sich gemeinsam mit den Franzosen erkämpfen. Doch das misslang. Einen Erfolg konnte Karl Albrecht allerdings verbuchen: im Februar 1742 wurde er in Frankfurt zum deutschen Kaiser gekrönt. Als er drei Jahre später starb, änderte sich die Lage. Sein Sohn, Kurfürst Max III. Joseph schloss Frieden mit Maria Theresia und versprach, die Wahl ihres Mannes, Franz Stephan zum deutschen Kaiser zu unterstützen. Die Gefahr aus Bayern war Maria Theresia nun los, nicht aber die aus Preußen, und der Krieg ging weiter. Friedrich II. blieb Maria Theresias lebenslanger Feind. 3 O-Ton Vocelka7„Maria Theresia hat Friedrich von Preußen gehasst. Sie nennt ihn Scheusal und Bestie, sie hat ihn zutiefst verabscheut und gehasst. (…) Man hat (…) diese Abneigung verstehen können, weil ja in letzter Instanz der Beginn der ganzen Auseinandersetzung, die dann mit den beiden Schlesischen Kriegen und dem österreichischen Erbfolgekrieg 8 Jahre der Herrschaft Maria Theresias ausfüllen, natürlich durch diesen "räuberischen Überfall" Friedrichs von Preußen auf Schlesien ihren Anfang genommen hat.“ MUSIK ErzählerAcht Jahre Krieg. Nachdem der Erbfolgekrieg im Oktober 1748 mit dem Frieden von Aachen beendet wurde, blieben Maria Theresia nur acht friedliche Jahre, bis es 1756 mit dem siebenjährigen Krieg wieder los ging. 4 O-Ton Vocelka12 „Sie hat den Krieg im Prinzip grundsätzlich abgelehnt, aber hat keine großen Alternativen gehabt, als Kriege zu führen, (…) Sie war keine große Kriegsheldin in dem Sinne, dass sie eine Freude am Krieg hatte, sondern sie hat den Krieg als ein notwendiges Übel der Politik der damaligen Zeit betrachtet.“ MUSIK TitelsprecherDie "Kaiserin" ErzählerMit dem Tod des bayerischen Kurfürsten wurde im Januar 1745 der Kaisertitel wieder frei. Eigentlich hätte er Maria Theresia gehört, denn die Habsburger stellten schon seit Jahrhunderten den deutschen Kaiser. Aber für das Deutsche Reich galt die Pragmatische Sanktion nicht, hier war es unmöglich, dass eine Frau die Kaiserkrone erhalten konnte. Daher wurde Maria Theresias Ehemann Franz Stephan im Oktober 1745 zum Kaiser gekrönt. "Kaiserin" war Maria Theresia fortan nur als Ehefrau des Kaisers. MUSIK TitelsprecherReformen ErzählerNicht nur die Armee musste reformiert werden, Maria Theresia stand vor der Aufgabe, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz und das Bildungswesen ihres Landes zu erneuern. Sie begann mit einer Heeresreform, denn die Schlesischen Kriege hatten gezeigt, dass die österreichische Armee im europäischen Vergleich nicht bestehen konnte, oder, wie ein Bonmot aus späterer Zeit lautete: Zitator„Österreich hinkt immer nach, um eine Idee oder ein Jahr oder eine Armee.“ 5 O-Ton Vocelka5„Einerseits waren die Reformen in der Monarchie notwendig. (…). Schlesien ging im 1. Schlesischen Krieg an Preußen verloren (…) und innerhalb kürzester Zeit hat sich herausgestellt, dass Preußen imstande war, mehr Steuern aus diesem Schlesien herauszuwirtschaften, als das die Habsburger Monarchie davor gekonnt hat und das hat gezeigt, dass hier dringende Reformen des Systems notwendig sind. Dort beginnt's auch mit der Steuerpolitik, man hat versucht, die adeligen Stände zu entmachten und die Steuerpolitik ganz zu einer Aufgabe des Staates zu machen. Das zieht viele andere Reformen nach sich. Im Wesentlichen (…) kommt es zu einer Zentralisierung der Verwaltung, der Versuch die Verwaltung in unterschiedlichen Schichten aufzubauen, d.h. bis in die untere Ebene hinein, bis in die Kreisebene hinein gab es eben dann Kreisämter, die sowohl Einfluss auf die Politik des Kreises nahmen, aber auch nach Wien berichteten, also auch diesen Zentralismus verstärkt haben.“ ErzählerIm Gegensatz zu anderen Großmächten war Österreich ein Vielvölkerstaat. Die verschiedenen Länder, die er vereinigte, hatten unterschiedliche Sprachen, Gesellschaftsordnungen, Rechtssysteme und auch unterschiedliche Armeen und Militärausbildungen. Dies alles galt es anzugleichen. 6 O-Ton Vocelka5„Es gab Reformbedarf in vieler Hinsicht, etwa eine Frage, die in ganz Europa zu diesem Zeitpunkt diskutiert wurde, war die allgemeine Verpflichtung zum Unterricht, also in Österreich gibt’s keine Schulpflicht bis heute, sondern eine Unterrichtspflicht, die Maria Theresia eingeführt hat. Aber auch in vielen anderen Bereichen gab es Reformansätze, die im Geist der Zeit lagen. Es ist letztlich eine Zeit, in der Gedanken der Aufklärung eine Rolle spielen, selbst wenn Maria Theresia nicht als aufgeklärte Monarchin zu bezeichnen ist, so ist doch ihr Umkreis sehr stark von diesem Reformgeist der Aufklärung beeinflusst gewesen.“ MUSIK Titelsprecher.Die alten Werte oder: MARIA THERESIA„Nichts ist so nützlich und heilsam wie die Religion.“ ErzählerObwohl Maria Theresia viele Reformen auf den Weg brachte und durchaus einen pragmatischen Modernismus pflegte, hielt sie konservative Werte sehr hoch. Als tiefgläubige Katholikin besuchte sie regelmäßig die Messe, unterzog sich Exerzitien und hielt die Fasttage ein. Als Herrscherin und Mutter versuchte sie ihre Landeskinder und ihre eigenen Kinder vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Vor aufklärerischen Gedanken zum Beispiel. Eine Zensurbehörde hatte Schriften zu verbieten, die die katholische Religion oder die gesellschaftliche Ordnung in Frage stellten. Laster und Unmoral ihrer Untertanen versuchte Maria Theresia mit teilweise drastischen Mitteln zu bekämpfen: eine Keuschheitskommission sollte dafür sorgen, dass Prostituierte von den Straßen verschwanden und bestraft wurden. Auch die Freier - oft verheiratete und angesehene Mitglieder der besten Gesellschaft - sollten überwacht werden. Das Gut der Ehe war eines der höchsten für Maria Theresia, sie war glücklich mit Franz Stephan verheiratet und hielt ihm selbstverständlich lebenslang die Treue. 7 O-Ton Vocelka4„Er hingegen hat durchaus auch andere Abenteuer gehabt und böse Zungen haben behauptet, schon Zeitgenossen haben behauptet, dass Maria Theresias Einrichtung der Keuschheitskommission nicht zuletzt ein Überwachungsmechanismus für ihren untreuen Gemahl gewesen sein könnte.“ MUSIK Titelsprecher Der Tod des Kaisers: MARIA THERESIA „Ich lebe dahin wie ein Tier, habe kein Gefühl und keine Vernunft, ich vergesse alles.“ Erzähler1765 erlag Kaiser Franz Stephan in Innsbruck einem Herzinfarkt. MARIA THERESIA„Kaiser Franciscus mein Gemahl hat gelebt 56 Jahr, 8 Monat, 10 täge, ist den 18 augusti 1765 gestorben halbe 10 Uhr Abends.“ ErzählerMaria Theresias Witwenschaft sollte fünfzehn Jahre dauern. Sie litt. Doch ihr Pflichtgefühl verbot es ihr, sich ganz von der Regierung zurückzuziehen. Ihr Sohn wurde nach dem Tod seines Vaters zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt und von Maria Theresia zu ihrem Mitregenten ernannt. MUSIK Titelsprecher Mutter und Sohn oder: MARIA THERESIA„Es ist fürwahr ein großes Unglück, mit dem besten Willen verstehen wir uns nicht.“ 8 O-Ton Vocelka6„Joseph II. war von all den Herrschern des 18. Jahrhunderts ganz sicher der am weitesten mit dem Gedankengut der Aufklärung vertraute, und auch das Gedankengut der Aufklärung umsetzende. Die zwei Kernfragen der Aufklärung hat ja Maria Theresia schon unter dem Einfluss ihres Sohnes gelöst, nämlich die Frage der Abschaffung der Folter. Und auf der anderen Seite der zweite große Diskurs war die religiöse Toleranz. Die ist erst unter Joseph II. zustande gekommen. Maria Theresia war religiös sehr intolerant als sehr eifrige Katholikin. Die Zusammenarbeit von Mutter und Sohn hat natürlich nicht sehr gut geklappt. Die beiden waren grundverschieden von ihrer Zugangs¬weise zu den Dingen und es gab einen heftigen Generationenkonflikt, (…) weil Joseph II. in vieler Hinsicht sehr viel radikaler die Gedanken der Aufklärung vertreten hat, als das seine Mutter je gekonnt hat.“ ErzählerIhre Vorstellungen in politischen und gesellschaftlichen Fragen klafften weit auseinander, und der Versuch Übereinstimmungen zu finden, zermürbte beide. MARIA THERESIA„Ich bin so unglücklich, den Kaiser meistens nicht von meinen Absichten überzeugen zu können. Er hat sehr oft andere: das bringt viel Nachteil für die Geschäfte mit sich und macht mir das Leben unerträglich.“ MUSIK TitelsprecherDas Ende oder: MARIA THERESIA„Ich kann mich nicht beklagen: der Mensch muss aufhören.“ ErzählerNach all' den Schwangerschaften und Geburten, den Sorgen um ihr Land und der schwierigen Regentschaft mit ihrem Sohn war Maria Theresia im Laufe der Jahre müde und krank geworden; sie war sehr korpulent, kurzatmig und fast blind.Am 29. November 1780 starb sie im Alter von 63 Jahren. 9 O-Ton Vocelka14„Bei den Österreichern hat es ganz sicherlich einen bis heute prägenden Eindruck hinterlassen, man spricht von der Maria-Theresianischen Epoche. Maria Theresia ist eine der beliebtesten Persönlichkeiten auch heute noch, wenn man Österreicher befragt, fast gleichauf mit Leuten wie Mozart. Und zweifellos hat ihre Epoche, die eine Epoche der Modernisierung des Staates ist, wo es einen erheblichen Modernisierungsschub gegeben hat, wo eine Verwaltung geschaffen wurde, die grundlegend bis zum Ende der Monarchie bestanden hat und in manchen Elementen darüber hinaus ihre Wirkung gehabt hat, hat eine ganz große Vorbildrolle gespielt und ist eine ganz eine wichtige Epoche zumindest für die Geschichte der Habsburger Monarchie und die österreichische Geschichte.“
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Jun 6, 2025 • 26min

STARS DES ABSOLUTISMUS - Friedrich II. und die Seidenraupen

Friedrich der Große förderte nicht nur die Kartoffel, sondern auch den Seidenbau. Ausgerechnet im unwirtlichen Brandenburg. Dazu ließ er die Eier des Seidenspinners nach Preußen bringen, warb Fachkräfte aus dem Ausland an, ließ Waisenkinder im Seidehaspeln anlernen und machte sich damit herzlich unbeliebt. Von Katharina Hübel (BR 2020)Credits Autorin: Katharina Hübel Regie: Axel Wostry Es sprachen: Heiko Ruprecht, Katja Schild, Axel Wostry   Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Susanne Evers, Dr. Silke Kamp Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): WirTier Dieser Podcast erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen und Erkenntnisse über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und lassen uns teilhaben an ihrem Wissen über Tiere. Denn auch Forscherinnen und Forscher wissen zunehmend: Tiere haben Gefühle, Intelligenz und ein Sozialleben. Und auch Vici und Julius, die Hosts von WirTier, verändern sich durch diese Begegnungen – und stellen sich vielfältigen Herausforderungen auf der Weide, im Garten oder auch in freier Wildbahn. ZUM PODCAST Linktipps planet wissen: Geschichte der Seide Seit die Seidenherstellung vor gut 5000 Jahren in China entdeckt wurde, ranken sich um den begehrten Stoff Geheimnisse und Mythen. Dabei hat die Seide nicht nur die Mode, sondern auch die Wirtschaft ganzer Länder beeinflusst. JETZT LESEN WDR (2021): Friedrich der Große erlässt den Kartoffelbefehl Friedrich der Große liebte Kartoffeln: Weniger für sich, um so mehr für seine Untertanen. Immer wieder versuchte er, die Kartoffel unters Volk zu bringen: Mit Tricks, durch Predigten - und in Befehlen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:Zitatorin: „Leider haben sich die Würmer einigermaßen zu Krankheiten geneiget, welche darin bestehen, dass sie häufig auf den Rändern laufen, durch starke Bewegungen eine gewisse Angst äußern und sogar das frische Futter meiden. Einige fressen sehr gut, bleiben aber dessen ungeachtet klein und vertrocknen auch an den Schachteln, welches eine Art von Schwindsucht ist.“ Sprecher: Das ist der Bericht von Anne Marie Baral, einer bemerkenswerten Frau. Ehemalige Tagelöhnerin. Witwe. Alleinerziehende Mutter. Eine von den Armen im Preußen des 18. Jahrhunderts. Sie hat eine steile Karriere gemacht und ist Angestellte von keinem Geringeren als von Friedrich dem Zweiten, dem preußischen König. Seinem Kommissar legt sie Rechenschaft ab: Zitatorin:„Die meisten dieser kranken Würmer sind blanke Würmer, welche zuletzt, nachdem sie an den Rändern gelaufen, platzen und auslaufen“ Sprecher:„Die Würmer“, um die sie sich sorgt, sind: „Seidenwürmer“, also: Seidenraupen. Anne Marie Baral ist königliche Seidenbauerin im „Jägerhof“ zu Potsdam, einer so genannten „Seidenbau-Musteranstalt“, in der landesweit ausgebildet wird. Eine absolut privilegierte Position: Anne Marie Baral bekam ein jährliches Gehalt von 150 Reichstalern und war mit Abstand die bestbezahlte Seidenkultivateurin des Landes, zudem konnte sie mietfrei wohnen und erhielt Gewinnbeteiligung, mehr noch: die königlichen Behörden verpflichteten für sie Pflücker, die das Futter für die Seidenraupen besorgten und anlieferten. Baral musste nichts davon finanzieren, die Kosten trug Friedrich der Große. Auch für die sechs Waisenkinder, die ihr bei der Pflege und Aufzucht der Raupen halfen, bezahlte sie keinen Groschen: der König höchstpersönlich verpflichtete die Waisen und sah seinerseits ebenfalls davon ab, sie zu bezahlen – in seinen Augen erhielten sie genug Lohn in Form einer Gratis- Ausbildung. Anne Marie Barals Tochter Susette hingegen wurde vom König bezahlt mit vier Groschen Lohn pro Tag. Zudem erhielten die Barals 16 Lot Graines frei Haus. Musik „Graines“ - die Eier des Seidenspinners, aus dem die Raupen schlüpfen. Die fressen sich einen guten Monat lang groß und spinnen sich dann in einen Kokon ein, den Seidenkokon. Sofern sie solange überleben. Eine verwegene Vision Friedrichs des Großen: Ausgerechnet im klimatisch wechselhaften, unwirtlichen Brandenburg heimische Seide gewinnen zu wollen. Er versuchte es mit allen Mitteln: Anne Marie Baral hatte drei beheizbare Säle und bekam Holz fürs Befeuern geliefert. Doch all das reichte nicht. Zitatorin:„So beklagte ich mich wegen Mangel an Futter. Da nun dieses wohl daher kommt, weil die Arbeiter beym Schneiden zu nachlässig sind, und statt, wenn gutes Wetter ist, um acht Uhr aufhören könnten, so hören selbige schon um vier Uhr auf. Bitte demnach Euer Hochwohlgeboren denen Leuten scharf anzubefehlen, dass selbige fleißiger schneiden und ich mehr Futter bekomme, sofern die Würmer vor Mangel der Blätter umkommen müssen.“ Sprecher:…berichtet Anne Maria Baral dem so genannten Seidenbaukommissar, der im Auftrag von Friedrich dem Zweiten alle Arbeiten rund um die Gewinnung preußischer Seide kontrollierte. Die Seidenraupen – normalerweise in wärmeren, asiatischen Gefilden heimisch – sind wählerisch: Sie fressen nur die Blätter des Maulbeerbaumes. Und da Friedrich der Große unbedingt mit eigener Seide glänzen wollte, griff er ein Jahr nach seiner Thronbesteigung per Dekret in die Flora Brandenburgs ein: Er ließ tausende Linden fällen und machte Platz für Maulbeerbäume. Samen wurden verteilt, für je 1.000 Stämme gab es eine Geldprämie von 50 Thalern. Manche der Maulbeerbäume stehen heute noch, gut 200 Jahre später, wie in Zernikow. Die Historikerin Dr. Silke Kamp hat dort die Dauerausstellung „Vom Maulbeerbaum zur Seide“ wissenschaftlich begleitet. Sie weiß: Der Pflanz-Befehl des absolutistischen Herrschers war nicht von heute auf morgen umsetzbar. 01 / OT Kamp Diese Bäume müssen erstmal in Baumschulen, bevor sie ins Freiland gesetzt werden, müssen in den ersten Jahren auch noch sehr liebevoll gepflegt werden, damit sie nicht eingehen, nicht vertrocknen, auch regelmäßig beschnitten werden. Musik Sprecher:Das Gedeihen der Maulbeerbäume im unwirtlichen Brandenburg war oberste Staatsaufgabe: Selbst die Akademie der Wissenschaften unter Leitung des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz beschäftigte sich damit. Auch die Königliche Realschule bildete aus, Plantagen-Inspektoren und Kreisgärtner schwärmten aus, um auf dem Land den Anbau zu überwachen. Friedrich der Große selbst unternahm Reisen ins Brandenburgische. Selten war er zufrieden. Er schreibt an die Kammer: Zitator Friedrich „...die Amtleute ernstlich zur Befolgung ihrer Pflicht anzuhalten. Es seindt Faule Esels“ SprecherDer König wurde zum Botaniker. Zitator Friedrich„Glaubwürdigen Berichten zufolge werden die meisten Maulbeerbaumplantagen nicht richtig kultiviert, sondern von Anfang an dadurch verdorben, dass die Baumwurzeln nicht ordentlich beschnitten werden“ Sprecher:Friedrich war ungeduldig mit seinen Untertanen. Doch der Seidenbau erforderte enorme Fachkenntnis. Italien und Frankreich waren damals die führenden Nationen im Seidengewerbe – ihnen wollte Friedrich Konkurrenz machen. Die absolutistischen Herrscher standen im Wettkampf - um Gebiete, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Prestige. Doch das Geschäft mit der Seide war durchaus heikel und wirtschaftlich riskant. Wer sollte das wagen? Wie sollte die nötige Kenntnis nach Preußen kommen? Friedrich der Zweite warb kurzerhand Facharbeiter aus dem Ausland an. Silke Kamp: 02/ OT KampZum Teil hatte man sie durch das Edikt von Potsdam durch die Aufnahme der Hugenotten auch bereits im Land. Oder bereits Nachfahren dieser französischen Religionsflüchtlinge und konnte auf deren Wissen zurückgreifen. Sprecher:Wie auf das von Anne Marie Baral, eine der geschicktesten Seidenhasplerinnen, die Brandenburg wohl hatte, wenn man dem Obersten Seidenbauinspektor glauben mag. Sie war die Tochter von Hugenotten und lebte schon länger in Potsdam. Die Fertigkeit des Seidehaspelns – also des Abwickelns des Seidenfadens – hat sie von ihren Eltern gelernt. Know-How war für die Hugenotten die Chance, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Anne Marie Baral bildete auch Lehrlinge aus. Musik Der Arbeitsplatz einer Hasplerin sieht so aus, 03 / OT Kampdass vor ihr ein Behältnis mit heißem Wasser steht, in dem die Kokons eingeweicht werden. Die werden zu mehreren herausgefischt und (…) behutsam über eine Spule gelegt, die dann durch eine Kurbel angetrieben (…) den Faden langsam abwickeln vom Kokon. Und das erfordert dann sehr viel Geschick, dass man darauf achtet, dass sich diese Kokons nicht untereinander verheddern, daher das Wort verhaspeln. Sprecher:Auch die Seidenraupen selbst erforderten viel Sorgfalt. 30 bis 45.000 Raupen versorgte Anne Marie Baral pro Saison. Die Eier lagerte sie in kleinen Papierschachteln auf Holzregalen, die penibel reingehalten werden mussten, sortierte kranke und tote Raupen aus, versorgte die anderen bis zu fünf Mal täglich mit frischem Futter. 1.500 Kilogramm Maulbeerbaum-Blätter benötigte sie in der Saison, jeden Tag frisch angeliefert. Sprecher:Daher ordnete Friedrich der Große an, dass preußische Beamte und Pastoren auf ihren Grundstücken und Kirchhöfen Maulbeeren pflanzen und Seide kultivieren sollten. Daraufhin pflanzten Adlige Maulbeerbaum-Alleen bei ihren Schlössern. Doch vor allem niedere Stände trafen Zwangsmaßnahmen.Die Bauern wurden ohne Nutzen für sich selbst verpflichtet – zu ihrem Leidwesen. 05 / OT Kamp   Der Baum selber bringt dann auch keinen Ertrag, wenn der Seidenbau (…) schiefläuft, weil die Raupen sich nicht entwickelt haben, weil sie durch Krankheit dahingerafft wurden, weil es Fäulnis gab. All diese Faktoren, die (…) oftmals zum Totalausfall führten. Das frustrierte die Bauern ungemein, denn sie waren darauf angewiesen, genau abzuwägen, was lukrativ ist, was Gewinn bringt und sie hätten die Bäume lieber umgehauen, um wenigstens Obstbäume zu pflanzen. Sprecher:Sie versuchten es zum Teil – und wurden rigoros bestraft. Die Bauern mussten gezwungen werden. Nicht die besten Voraussetzungen für Friedrichs Projekt. 06/ KampMan muss verstehen, dass sich diese Seidenkultur nicht etabliert hat und auch nicht etablieren konnte, weil sie nicht über Jahrhunderte gewachsen ist wie in Italien oder Frankreich, in den Dörfern der Cevenne, wo jede Familie nebenbei auch noch Seide kultiviert. Hier muss sich diese Seidenkultur in die bestehende Landwirtschaft einordnen. Sprecher:Und sie will nicht so recht ins bäuerliche Jahr passen. Seidenraupen brauchen konstant Wärme – doch der Sommer kommt nicht in Frage – ab Juli ist Ernte in Brandenburg. 07/KampSie brauchen Wagen, auf denen das Laub transportiert werden muss. Das sind dann Fuhrwerke, die dann den Bauern eventuell fehlen in der Erntezeit, daher waren sie allein deswegen schon nicht besonders glücklich darüber, da so in die Pflicht genommen zu werden. Sprecher:Der Seidenbau wurde also vorgezogen – in den unwirtlichen, klimatisch wankelmütigen Mai. Ein Problem für die empfindlichen Seidenraupen. Von den 45.000 Eiern blieben Anne Marie Baral am Ende vielleicht 50 Kokons. Silke Kamp: 08 / OT Kamp(…) Wenn es dort zu Temperaturschwankungen kommt, dann wird dieser Faden, der gesponnen wird von der Raupe, auch unterbrochen. (…)  Der Faden erreichte nicht diese Länge wie von der italienischen oder französischen Seide von bis zu vier Kilometern. Musik Sprecher:Für aufwändige Webarbeiten mit komplexen, mehrschichtigen Mustern, benötigen die Webstühle lange, stabile Fäden. Ein Faden, der reißt oder zu kurz ist, bewirkt Unebenheiten im Stoff. Auch beim Färben gibt es Probleme bei minderwertigen Seidenfäden. Und so war Friedrichs Landseide für die aufwändigen Seidenstoffe ungeeignet. Der Faden hatte keine besondere Qualität. Wofür also der ganze Aufwand? Friedrich der Zweite war es leid, seinen politischen Konkurrenten viel Geld zuzuschustern, indem er teure Rohseide oder auch fertige Seidengewebe importierte. Wirtschaftspolitische Maxime war der so genannte Merkantilismus. Die eigene Wirtschaft zu subventionieren und aufzubauen und gleichzeitig ausländische Güter auszubremsen durch Zölle oder Importstopps. Und Preußen brauchte viel Seide. Schon allein fürs Militär – für Seidenstrümpfe und seidene Haarbänder. Was manieriert klingt, war höchst funktional: Seide war damals die einzige reißfeste Faser. Doch Friedrich der Große wollte mehr als Strümpfe. Doktor Susanne Evers ist Kunsthistorikerin bei der Stiftung preußische Schlösser und Gärten und eine Kennerin der Seidenkunst unter Friedrich dem Großen. 09 / OT EversEs war ihm natürlich auch unglaublich wichtig zu zeigen, dass  sein Land, das ja erst seit relativ kurzer Zeit zu den europäischen Größen gezählt werden konnte, dass eben in diesem Land diese hochwertige Kunst auch hergestellt werden konnte, dass man sich schmücken konnte mit Werken, die in eigenen, in heimischen Manufakturen gefertigt wurden. Das war damals ein ganz großer Prestigepunkt. Und Friedrich hatte es halt relativ nötig. Weil er eben ein Neuling war. Musik Sprecher:Friedrich der Große wollte eine ganze Industrie aufbauen. Er investierte in Seidenmühlen, die den Zwirn herstellten und in königliche Manufakturen, Webereien, die Stoffe für Kleidung und Tapeten herstellten. Susanne Evers: 10 / OT Evers Die Textilmanufakturen, die Fabrikation war eigentlich einer der führenden Wirtschaftszweige. Es waren unglaublich viele Menschen an der Herstellung von Textilien beteiligt. (…)Dazu kommt noch, dass in diesem Bereich auch die Technologie gefordert war. Das heißt, man musste immer wieder neue Innovationen wagen, um die Webstühle auf den neuesten Stand zu bringen. Musik 11/ OT EversWie wird ein Webstuhl eingerichtet, damit man die komplizierten Muster tatsächlich fabrizieren kann? Das war im Land einfach nicht vorhanden. Deswegen hat Friedrich gleich nach seiner Thronbesteigung auch Edikte erlassen, dass aus den führenden Seidennationen, das war in erster Linie natürlich Frankreich, aber auch Italien und auch Holland, dass Musterzeichner, Färber und eben einfach auch Weber nach Preußen gelockt wurden, muss man sagen: mit Anreizen, mit Unterstützung von Ansiedlung und so weiter. Sprecher:Es waren Hugenotten, die bei der Einreise schon eine Generation vorher ganze Webstühle mitgebracht hatten, das Wissen, sie zu konstruieren und zu bedienen. Es waren Zeichner von Webmustern aus Italien und Holland, es waren so genannte „Liseurs“, diejenigen, die die Muster lesen und auf den Webstuhl übertragen konnten, es waren Ziehjungen, die halfen, den Webstuhl zu bedienen; Färber, die wussten, die Seide zu färben. Und jüdische Unternehmer, die das finanzielle Risiko wagten, um beruflich Fuß fassen zu können.Anfangs brachten die preußischen Seidenmanufakturen trotzdem nur einfache Stoffe zustande. Aus Lyon, dem führenden Zentrum der Seidenkunst, kamen die kompliziertesten Motive für Seidentapeten her, dort wurden die fehlerfreisten Stoffe aus der hochwertigsten Seide gewebt. Dieses Niveau wollte Friedrich der Zweite erreichen. 11 / OT EversWas sich mit der Zeit entwickelte, waren dann mehrschichtige Muster, die ein Grundgewebe hatten, eine erste Musterebene und oft auch noch eine zweite. Und das ist technologisch sehr kompliziert. Sprecher:Beispielsweise ein Stoff mit Hintergrundmuster, auf das dann Blumen gewebt wurden, die sich plastisch in einem 3-D-Effekt abhoben. Die preußischen Webereien machten unter Friedrich dem Zweiten eine enorme technische Entwicklung durch und konnten nach einiger Zeit eben auch diese aufwändigen Stoffe herstellen, die sich mit der internationalen Konkurrenz messen ließen. Kunsthistorikerin Susanne Evers: 12 / OT EversEin schönes Beispiel ist ein Brief von der Schwester Friedrichs des Zweiten. Er hat offensichtlich seiner Schwester einen schönen Stoff geschickt und sie schreibt zurück, dieser Stoff ist ja wundervoll. Sie ist völlig überrascht, dass der in Preußen hergestellt werden konnte. (…) Sie hätte sich einen großen Spaß daraus gemacht, all ihren Bekannten diesen Stoff zu zeigen. Und alle hätten gedacht, er wäre aus Frankreich. Sprecher:So sehr Friedrichs Zeitgenossen beeindruckt waren - für einen solch aufwändigen Stoff nahmen die preußischen Webereien keine heimische Seide her, bis zum Schluss nicht. Sie benötigten die besseren Seidenfäden aus dem Ausland. Friedrich der Große kam nicht ohne importierte Rohseide aus. Die in Brandenburg gewonnene so genannte Landseide war nach wie vor von minderer Qualität und reichte auch von der Menge her nicht aus. Dieser Makel blieb. Dennoch ist der Preußenkönig stolz auf die heimische Webkunst, er sucht eine Art „Showroom“ und findet ihn im „Neuen Palais“ in Sanssouci. Nach dem Siebenjährigen Krieg stattet er dieses repräsentative Gästeschloss aus, das sogar öffentliche Besuchszeiten für Untertanen hatte. Susanne Evers kennt dort jedes Detail. 13/ OT EversEs ist nirgends in einer Quelle geschrieben, dass das Neue Palais das Musterbuch der Seidenproduktion ist. Aber die Beobachtung legt das sehr nahe. (…) Es ist so, dass in diesem Haus wirklich alle Qualitäten der Seidentapetenkunst, die es damals gab, vorhanden sind. (…) Das ist außergewöhnlich. Sprecher:Seidentapeten waren damals tatsächlich die wertvollsten Kunstobjekte in den Schlössern. Das zeigt sich unter anderem daran, dass auch Friedrichs Schlösser im Siebenjährigen Krieg geplündert wurden – Seidenstoffe waren oft Kriegsbeute. 14 / OT EversDas fand ich auch spannend, das war lange gar nicht so bekannt. Offensichtlich war es so, dass man so einen hohen Preis zahlte für solche Seidenstoffe, dass es sich sogar lohnte, eher die Stoffe als zum Beispiel die Gemälde mitzunehmen. (...) stattdessen schnitt man tatsächlich rundum so einen Seidenpaneel aus der Wand aus. Auch von Stühlen und von Sesseln hat man den Bezug abgeschnitten. Sprecher:Friedrich der Zweite kam also 1763 aus dem Krieg wieder und musste seine Schlösser neu ausstaffieren. Und das bei leeren Staatskassen. Dennoch: die perfekte Gelegenheit für eine Leistungsschau der preußischen Seidenkunst. 15 / OT EversDa ist sicherlich vieles auch auf Pump gewesen. Er hat ja auch das Neue Palais selbst, eine Fanfaronade, also eine Angeberei genannt. Aber er wollte damit zeigen, wir sind wer. Wir sind jetzt unter den wichtigsten fünf in Europa. (…) Ich habe mal ausgerechnet nach dem, was in den Rechnungen überliefert ist, dass ein ganzer Raum mit einer allerhöchsten Qualität der reichen Seidenstoffe bis zu 8.400 Taler gekostet hat. Der Stoff für einen Raum mit ganz einfacher Seidenbespannung war dann nur knapp 2.000 Taler teuer. Was haben andere Dinge gekostet? Da kann man sagen, ein Gemälde von Antoine Pesne, das war damals der bekannteste Hofmaler, hat 200 Taler gekostet. Sprecher:Fast nichts im Vergleich zur Seide, die also ganz entscheidend zum Prunk, zur „Fanfaronade“, beigetragen hat. Musik Sprecher:Seide als Teil einer universalen königlichen Raumkunst – für die Kunstgeschichte ein Gewinn. Doch für die Menschen damals? 18 / OT EversEs gibt sehr viele Reiseberichte, die wirklich sehr lobend über diese Ausstattung schreiben. Aber es ist nicht so, dass er eine große Nachfolge gehabt hat. Denn der Zweck war natürlich unter anderem auch, dass die Bestellungen in den Manufakturen sich stapeln. Dass die Menschen, die dahinkommen sagen: das will ich auch. Das hat nicht geklappt. Sprecher:Friedrich der Große kam zu spät. Die Mode war längst eine andere: Papiertapeten, auch fürs Bürgertum erschwinglich. Die Seidenmanufakturen überlebten noch einige Zeit dank königlicher Aufträge, die aber auch weniger wurden. 19 / OT EversDas ist so ein schleichender, schleichender Abschied gewesen. Sprecher:Doch Friedrich der Zweite hatte mit seiner Vision trotz aller Anstrengungen und Hindernisse auch etwas geschaffen, das blieb: Er hatte es geschafft, die Textilindustrie auszubauen, Technologie, Wissen und Fachkräfte ins Land zu holen und Arbeit für sozial ausgegrenzte Gruppen zu schaffen. Musik Und der Seidenbau? Millionen von Maulbeerbäumen prägten zwei Jahre vor Friedrichs Tod das Landschaftsbild und immerhin fünf Prozent der Seide konnte Preußen selbst produzieren. Doch bei all den Subventionen über fast 50 Jahre - ein wirtschaftspolitisches Desaster. Historikerin Silke Kamp: 20 / OT KampDie Geschichtsschreibung hat sich sehr lange dagegengestemmt einzugestehen, dass der Seidenbau wirtschaftlich nicht erfolgreich war. Sprecher:Und den Untertanen einfach lästig. Nach dem Tod von Friedrich dem Zweiten, ab 1786, holzten viele die ungeliebten Maulbeerbäume einfach ab. Friedrich und die Seidenraupen – ein historisches Kapitel voller Widerstände, Mühen und Kuriositäten. Was so energisch begann, war letzten Endes dann doch nur eine sehr anstrengende Illusion. Musik
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Jun 6, 2025 • 24min

STARS DES ABSOLUTISMUS - Die Mätresse Madame Pompadour

Marquise Madame Pompadour gilt also glanzvollste "Maitresse" im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Aber sie war nicht nur die Geliebte des französischen Königs Ludwig XV. Sie förderte auch Kunst und die noch junge Wissenschaft. Auch politisch agierte sie ehrgeizig und riskant. Von Renate Kiesewetter (BR 2021)Credits Autorin: Renate Kiesewetter Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Carsten Fabian, Rahel Comtesse Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Andrea Weisbrod   Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): Ein Zimmer für uns allein Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? ZUM PODCAST Linktipps ARD Klassik (2023): MDR-Sinfonieorchester – Joseph, ach Joseph Tanja Kuhn und Carl Rumstadt singen "Joseph, ach Joseph" aus der Operette "Madame Pompadour", dem erfolgreichsten Bühnenwerk von Leo Fall. Der österreichische Komponist, dessen Werke später von den Nationalsozialisten verboten werden sollten, starb 1925. "Madame Pompadour" wurde 1922 in Berlin uraufgeführt. Die Aufnahme mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Leitung von Florian Ludwig von 2023 ist eine Produktion von MDR Klassik. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:SPRECHER: „Mätresse“ – das Wort klingt heute ziemlich abwertend. MUSIK SPRECHERIN:Eine "Maitresse-en-titre" nannte man am Hof von Versailles die nicht geheime Liebesbeziehung der Könige. Keine dieser Mätressen hatte so viel Macht und Einfluss wie Madame de Pompadour. ZUSPIELUNG 1: Was man bei Madame de Pompadour auch sagen kann, dass eine große Ambition bestanden hat, aber auch eine große intellektuelle Kapazität und vielleicht auch eine Vision, was Kunst anbelangt und auch durchaus, was Politik anbelangt. Und das macht sie innerhalb dieses Jahrhunderts doch sehr besonders.  SPRECHERIN:Die Historikerin und Kunsthistorikerin Dr. Andrea Weisbrod hat zu Madame de Pompadour geforscht und die umfassende Monographie geschrieben: Madame de Pompadour und die Inszenierung der Macht MUSIK SPRECHERIN:Die Pompadour und Ludwig. Beginnen wir mit ihm. König Ludwig XV. lebte von 1710 bis 1774. Er war der Urenkel von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, und folgte ihm - bereits mit fünf Jahren - auf den Thron. Den zweijährigen Waisen erzog eine Gouvernante aus dem Hochadel, sein Hauslehrer, Bischof Fleury, betreute seine formale und religiöse Bildung. Mit 16 übernahm Ludwig die Staatsgeschäfte selbst, Kardinal Fleury als Premierminister an seiner Seite. Ein Jahr zuvor noch hatte Ludwig die acht Jahre ältere tief religiöse polnische Königstochter Marie Leszczy¬nska geheiratet, damit es beizeiten einen männlichen Thronfolger gab. MUSIK SPRECHER:Madame de Pompadour wurde am 29. Dezember 1721 in Paris als bürgerliche Jeanne Antoinette Poisson geboren. Ihr Vater Francois, ein wohlhabender Armeelieferant, musste nach einem Finanzskandal nach Deutschland fliehen. Jeannes Mutter Louise Madeleine de la Motte, galt als eine sehr schöne, intelligente und lebenslustige Frau mit zahlreichen Affären. Darunter eine mit dem reichen Steuerpächter und Finanzier Lenormant de Tournehem, möglicherweise Jeannes leiblichem Vater. Zumindest gewährt er als Vormund Jeanne die für Adelstöchter übliche Erziehung mit Gesprächskreisen sowie täglichem Üben in Balletttanz, Schauspiel und Gesang. Als 16-jährige grazile Schönheit mit "großen blauen Augen, schmalem Gesicht und einer Porzellanhaut", wie es heißt, brilliert sie mit Opernarien in den besten Pariser Salons. Verheiratet wird sie von ihrem Ziehvater mit seinem reichen adligen Neffen und Erben Le Normant d`Etiolles. Über die junge Madame d`Etiolles wird Voltaire in seinen Memoiren schreiben, sie sei… ZITATOR: …gut erzogen, reizend, angenehm, bezaubernd und talentiert. SPRECHERIN:Das geistige Leben Frankreichs blüht im 18. Jahrhundert in den Pariser Salons. Hier verkehren alter Hochadel und Großbürger, Kardinäle, Staatsmänner, Gelehrte, Philosophen und Schriftsteller . Die junge Madame d´Etiolles trifft auf Voltaire, Montesquieu, Helvetius, die mit ihren neuen gesellschaftsverändernden Ideen, dem rationalen Denken den Weg ebnen wollen. Später wird sie den Schriftsteller Denis Diderot und den Physiker Jean d`Alembert protegieren. Sie sind Autoren der Encyclopédie, eines der Hauptwerke der französischen Aufklärung. SPRECHER: Legenden über Madame de Pompadour gibt es genug. Befeuert werden sie bis in die jüngste Zeit vor allem durch zwei Fälschungen. Einmal durch die angeblichen Memoiren ihrer Kammerfrau Nicole de Hausset. Und dann durch eine Briefsammlung, die noch 1999 ins Deutsche übersetzt wurde. Doch das können keine Originalbriefe sein. Andrea Weisbrod: ZUSPIELUNG 2:   Also bei ihren echten Briefen kann man sehen, dass das sehr kurze Briefe sind, sie sind sehr zielgerichtet, und die gefälschten Briefe, im Gegenzug dazu, sind sehr lang, manchmal seitenweise. Und die erzählen alles Mögliche, die erzählen, wie dumm der König ist, und wer wieder gegenüber dem König sich frech verhalten hat, die sind plump und in einer Art und Weise indiskret, dass ein einziger solcher Brief Madame de Pompadour ihre Stellung gekostet hätte, wenn der in die Hände des Königs geraten wäre. MUSIK SPRECHERIN:Verbürgt ist jedenfalls: Auf der Hochzeit des Thronfolgers mit Marie-Thérèse von Spanien, im Februar 1745, lernen sich Ludwig und Madame d´Etiolles kennen. Nach dem prächtigen Maskenball in Versailles wundert sich der am Hof etablierte Herzog de Luynes über die enge Vertrautheit der beiden. ZITATOR: Madame d'Etiolles soll angeblich bis über beide Ohren in den König verliebt sein und er soll ihre Gefühle erwidern. SPRECHER:Hinter ihren aufgeklappten seidenen Fächern lästern die Höflinge: Eine Bürgerliche?? ZUSPIELUNG 3:  Madame de Pompadour kommt natürlich nicht aus dem Nichts. Sie ist zwar eine Bürgerliche, aber sie ist vernetzt mit dem Pariser Großbürgertum und vor allen Dingen mit der Pariser Hochfinanz. Die wiederum in der Hand des Großbürgertums war, und da hat sie eben sehr, sehr gute Kontakte, und aus dem Kreis gab es wiederum Kontakte zu dem Hof, die geholfen haben, sie überhaupt am Hof zu platzieren um dieses Kennenlernen mit Ludwig möglich zu machen.  MUSIK SPRECHERIN:Ein paar Monate später wird sie – zum Entsetzen vieler Höflinge - offiziell am Hof vorgestellt, auch der Königin. Und zwar als frischernannte Marquise de Pompadour. Denn kurz vorher hat Ludwig ihr eine freie Markgrafschaft geschenkt und ihr so zu "einem makellosen Namen“ verholfen. Anfang des Jahres 1746, sitzt Madame de Pompadour am Hof "unangreifbar fest im Sattel", versichert Andrea Weisbrod in ihrem Buch über Madame de Pompadour. ZITATORIN: Bald schon drängeln sich bei ihrer morgendlichen Toilette, die den höfischen Gebräuchen gemäß öffentlich stattfindet, beinahe ebenso viele Höflinge wie beim Lever des Königs.        SPRECHERIN:Madame de Pompadour kennt die erfolgreichen Großbankiers, die Brüder de Paris. Sie finanzieren die meisten Projekte des Königs: Ludwig ist von ihnen sozusagen finanziell abhängig. ZUSPIELUNG 4:   Der Finanzminister, da war der Posten vakant, der wird dann mit jemandem besetzt aus diesem Pariser Kreis. Ihr Ziehvater bekommt das Amt des Kulturministers, das nannte man damals Generalintendant der königlichen Bauten, der war also für Architektur und Kunstankäufe am Hof zuständig, d.h. sie besetzt also gleich in den ersten Monaten wichtige Ämter am Hof, d.h. sie hat dann auch Stützen am Hof. MUSIK SPRECHERIN:Sie beauftragt ihren Ziehvater Tournehem mit dem Ausbau eines Theaters. Und übergeht damit demonstrativ den Herzog von Richelieu, der für Festivitäten am Hof eigentlich zuständig wäre. Später finden sich in ihrer großen Bibliothek in Versailles unter den über 3.500 Büchern immerhin "über 3.000 Opern, Theaterstücke und Abhandlungen zu Oper und Schauspiel ". SPRECHER:Sie trommelt selbst ein buntes Ensemble zusammen. Höflinge, Diener und Dienerinnen sowie von den Pariser Bühnen professionelle Schauspieler und Schauspielerinnen, sogar ein Kinderballett aus Söhnen und Töchtern der besten Tanzlehrer. Ohne Standesgrenzen. Die Hauptrollen spielt sie meist selbst. ZUSPIELUNG 5:   Das Theater war ein weiteres Ausdrucksmittel ihrer Macht, sie hat das Publikum bestimmt, und nach dem Theater gab es ein Abendessen, was sie für den König veranstaltet hat, in ihren Räumen oder in den Räumen des Königs. Und dazu hat sie wieder eine handverlesene Zahl von Gästen eingeladen, d.h., alle haben natürlich versucht, Einladungen zu diesem Abendessen zu bekommen, weil das Ganze so zwanglos war, dass der König manchmal für seine Gäste am Ende des Essens einen Kaffee gekocht hat. SPRECHER:Als gebildete und politisch versierte Frau nimmt Madame de Pompadour auch teil an Staatsratssitzungen, organisiert politische Arbeitsessen mit Ludwigs Ministern in ihren Räumen. Der Soziologe Norbert Elias hat in seiner Abhandlung Die höfische Gesellschaft beschrieben, wie die Anordnung der Räume am Hof Rang und Bedeutung der adligen Höflinge widerspiegelt. Das ungewöhnlich große Appartement von Madame de Pompadour hat durch eine geheime Wendeltreppe direkten Zugang zu den privaten Gemächern des Königs. MUSIK SPRECHERIN:Den lässt sie später allerdings zumauern, denn ihr Verhältnis zum König wird für diesen vor allem mit Blick auf die mächtige Kirche zunehmend auch eine Belastung. In der vom Katholizismus geprägten Gesellschaft lebt der König offiziell in Sünde, kann als Ehebrecher z.B. bei der Messe nicht die Heilige Kommunion empfangen. Auch keine Sterbesakramente. Sobald der König also krank oder verletzt wurde, das heißt, möglicherweise in Lebensgefahr geriet, mussten die Mätressen sofort verbannt werden. Das erlebte eine Vorgängerin von Madame Pompadour. So verging sogar das Heilige Jahr 1750, ohne dass Ludwig die Kommunion empfangen hätte, und der Druck der Kirche und seiner sehr religiösen Familie auf ihn ließ nicht nach. SPRECHER:Eine "extreme Zwangslage" für den König, er will Madame de Pompadour in seiner Nähe behalten. Und sie möchte ihren Verbleib am Hof sichern. Fegefeuer und Höllenschlund. Wie also die Kirche besänftigen? Andrea Weisbrod: ZUSPIELUNG 6:  Dann entsteht eben dieser Plan, dass quasi diese Liebesbeziehung in eine platonische Freundschaft umgewandelt wird, dass Madame de Pompadour auch versucht, zu ihrem Mann zurückzukehren, der aber dann dankend ablehnt, und dass Madame de Pompadour sich einen Beichtvater nimmt, der sie in religiösen Dingen berät. Dass auf einmal Skulpturen entstehen, die Madame de Pompadour als die Freundschaft darstellen, d.h. all dies wurde öffentlich gemacht, um dem Hof und der Kirche zu zeigen, wir sind kein Paar mehr, wir sind nur noch befreundet. Und in diesem Zug bekommt dann Madame de Pompadour dieses Amt als Palastdame der Königin, um damit ein offizielles Amt zu haben, was ihr auch ermöglicht hat, am Hof zu bleiben, unabhängig von Ludwig.  SPRECHERIN: So notiert Herzog de Lynes 1754 in seinem Tagebuch. ZITATOR: Madame de Pompadour ist von der Mätresse zur Freundin des Königs geworden und übt durch diesen neuen Status vielleicht sogar noch mehr Einfluss auf ihn aus als zuvor. SPRECHER:Zwei Jahre vorher hatte der König die Marquise de Pompadour zur Herzogin von Ménars erhoben. SPRECHERIN:Und sie inszeniert ihre Macht äußerst geschickt. Ihre Portraits – im 18. Jahrhundert ein zentrales politisches Mittel der Machtdarstellung – kann die Öffentlichkeit regelmäßig in Salonausstellungen im Pariser Louvre sehen. Auf uns heute wirken die Rokokokleider prachtvoll genug, das Publikum damals aber wusste, dass es Tageskleider sind, als Ausdruck ihrer prominenten Stellung am Hof. Es fehlt nicht das Perlenarmband, ein Geschenk Ludwigs, der Quelle ihrer Macht. Von allen Portraits, sorgt Mitte der 1750er Jahre das lebensgroße Werk von Maurice-Quentin Delatour, für Aufsehen in Paris. Madame de Pompadour verkörpert hier die machtvolle Politikerin. Zu erkennen am Aufbau des Gemäldes, der genauso ist wie bei anderen Ministerportraits jener Zeit. Auf dem Globus im Hintergrund ist nur Frankreich aufgemalt, noch dazu mit einer blauen Linie umrandet. Eindeutiger geht’s nicht mehr: Frankreich ist ihr Machtbereich. SPRECHER:Auf dem Gemälde ist nichts zufällig. ZUSPIELUNG 7:Auf ihrem Schreibtisch stehen verschiedene Bücher von Aufklärern, unter anderem ein Band von der Encyclopédie, eines großen Lexikonprojektes in der Zeit und ein Buch von Montesquieu, einem berühmten Aufklärer, beide Bücher waren zu der Zeit verboten. D.h. sie zeigt eben auch, sie hat diese Bücher und diese Autoren gefördert, weil ihre Machtstellung das eben zulässt. MUSIK SPRECHER:In den 1750er Jahren lässt sie eine Militärakademie errichten, um die Ausbildung des Nachwuchses im Heer zu systematisieren. In Sèvres entsteht die königliche Porzellanmanufaktur in Konkurrenz zum bekannten Meißner Porzellan. SPRECHERIN:In der Außenpolitik geht es um nichts Geringeres als die Vormachtstellung in Europa. MUSIK SPRECHERIN:Das "renversement des alliances" – die Umkehrung der Allianzen wirft fast alle Mächte auf den Kriegsschauplatz, an allen Enden der Welt. Das erstarkende Preußen unter König Friedrich II., bisher Frankreichs Verbündeter, wendet sich England zu. Das wiederum gegen Frankreich erbittert um die nordamerikanischen Kolonien kämpft. Österreich unter Kaiserin Maria Theresia, bisher klassischer Kriegsgegner von Frankreich, muss sich Preußen erwehren und sondiert bei Frankreich für ein Bündnis. SPRECHER:Madame de Pompadour übernimmt die Vermittlerrolle zwischen der österreichischen und der französischen Seite. ZUSPIELUNG 9: Sie hat den ersten Brief überbracht von der Kaiserin Maria Theresia an Ludwig, und sie war danach auch bei den ersten Verhandlungen zugegen, die im kleinsten Kreis mit dem österreichischen Botschafter, dem damaligen französischen Außenminister Bernis, und ihr eben geführt wurden, d.h., sie waren nur zu dritt, bevor das Ganze dann eben öffentlich gemacht wurde. SPRECHERIN:Der 1756 signierte Vertrag zwischen Frankreich und Österreich schlägt an den anderen europäischen Höfen ein wie ein "Donnerschlag". Der preußische König Friedrich II. sieht sich von allen Seiten bedroht. Er marschiert sofort in Sachsen ein, bevor dieses sich der neuen Allianz anschließen kann - und ruft dadurch alle Mächte auf den Plan und auf die Schlachtfelder. Es ist der Beginn des Siebenjährigen Kriegs. Ob Madame de Pompadour da den König klug beraten hat? ZUSPIELUNG 10: Sie hat ihn falsch beraten, das kann man in jedem Fall sagen, allerdings muss man auch sagen, dass zur Zeit sich alle gegenseitig falsch beraten haben. Weil, es gab auf der französischen Führungsebene kaum Stimmen gegen dieses neue Bündnis, sowohl der König als auch sein Außenminister haben sich davon eben Vorteile versprochen und es hat wahrscheinlich damit auch niemand gerechnet, dass Friedrich II. aufgrund dieses neuen Bündnisses sofort angreift und er sofort einen Krieg vom Zaun bricht. SPRECHER:Auch als Frankreich nach anfänglichen Erfolgen zurückfällt, will Madame de Pompadour noch keine Verhandlungen mit den Gegnern, im Gegensatz zu ihrem alten Freund, dem französischen Außenminister de Bernis. Machtbewusst verschafft sie ihm die Kardinalswürde, lässt ihren neuen Günstling, den Grafen de Stainville, zum Herzog von Choiseul-Stainville küren, und überzeugt Ludwig, der etwas bei ihr gutzumachen hatte, de Bernis gegen de Choiseul auszutauschen. SPRECHERIN: Friedensverhandlungen oder nicht? Der englische Außenminister Newcastle bringt es auf den Punkt: ZITATOR: Die große Frage ist, auf welcher Seite die Lady steht. Das wird alles entscheiden. MUSIK SPRECHER:Der Ausgang des Siebenjährigen Krieges ist für Frankreich desaströs: Die nordamerikanischen Kolonien sind verloren, die österreichischen Niederlande bekommt Frankreich auch nicht, Preußen erstarkt in Europa, und Frankreich steht kurz vor dem Staatsbankrott. Bei seinen Untertanen wird Ludwig, der "Vielgeliebte", zum "Vielgehassten". Und mit ihm Madame de Pompadour. Verprasst habe sie alles mit der prunkvollen Ausstaffierung ihrer Schlösser, dem Theater, ihren sündteuren Garderoben, den immensen Kriegskosten. SPRECHERIN:Freilich gab es das "System der Verschwendung" schon länger, so Andrea Weisbrod: ZUSPIELUNG 11:  Alles war eben darauf angelegt, Schulden zu machen, und letztlich diese Schulden wieder zu decken durch Einkünfte, die man aus den Kolonien erzielen konnte, aus Leibeigenschaften. Und nachdem dieses System dann nach und nach bröckelt, und durch den Krieg die französische Kolonialherrschaft in Amerika abrupt beendet wird, fielen auch viele Geldquellen weg. Letztlich war sie aber greifbar, sie war das Sinnbild und konnte damit auch zu einer Art Sündenbock gemacht werden. SPRECHER: Auch wenn ihr Altersportrait sie am seinerzeit modischen Stickrahmen zeigt - natürlich, sittsam und nur im Haus wirkend: eine solche neue Pompadour gibt es nicht! Den König Friedrich II. von Preußen bringt sie zur Raserei, weil sie sich nicht in die Karten schauen lässt. Ihr großes Netzwerk an Kontakten auch zu anderen Fürstenhöfen zusammen mit einem florierenden Günstlingshandel sichert ihre Macht: Auf einen Gunstbeweis folgt eine Gegenleistung und darauf wieder eine Gunst. So entstehen immer neue Abhängigkeiten. SPRECHERIN: Gleichwohl ist der Preis für ihre Machstellung hoch. Ständig verfügbar sein für den König, häufiges Reisen mit dem Hof, ein immenses Arbeitspensum. Sie schrieb, meistens nachts, an die 60 Briefe pro Tag. ZUSPIELUNG 12:  Dann kam eben dazu, diese persönlichen Schicksalsschläge, vor allen Dingen, der Tod ihrer Tochter Alexandrine, die mit 10 Jahren dann ganz überraschend gestorben ist, und von diesem Tod sagt sie, dass ihr das quasi einen Schlag versetzt hat, von dem sie sich nicht mehr richtig erholt hat. MUSIK SPRECHER: Sie bewahrt dennoch die Contenance. Legt sich selbst eiserne Disziplin auf gegenüber einem als schwierig beschriebenen, manchmal depressiven, ängstlichen und schweigsamen König. Sie nimmt stets trotz Migräne und Fieber an Hoffesten teil, Ludwig zuliebe. Sie muss Intrigen der Hofschranzen abwehren, kann niemandem vertrauen. Sie bannt auch zahlreiche Versuche, sie durch jüngere Frauen zu ersetzen. Und Ludwig ist kein Heiliger, er fühlt sich zu blutjungen Frauen hingezogen.Sie vergisst indes nie: Sie ist vollständig von ihm abhängig. Einmal verrät sie in einem Brief ihren geheimen Wunsch: ZITATORIN: Ich hätte den großen Thron bevorzugt, muss mich aber mit dem kleinen begnügen, der nicht im geringsten meinem Temperament entspricht. SPRECHERINNach dem Attentat auf Ludwig XV. im Jahr 1757 will Madame de Pompadour schon von sich aus den Hof verlassen, damit er vor seinem Ableben in den Schoß der Kirche zurückkehren kann. Aber Ludwig, der nach einer Woche Wehklagen merkt, dass er doch nicht lebensgefährlich verletzt ist, kann ihren Weggang noch verhindern. MUSIK SPRECHER: All dies zehrt über die Jahre an ihrer fragilen Gesundheit. Sie ist oft krank, wird immer häufiger bettlägerig. Von einer Erkältung kann sie sich nicht mehr erholen. Sie stirbt am 15. April 1764, im Alter von 42 Jahren, an Lungenentzündung. Der König, so flüstert man am Hof, sei "tief betroffen" über den Tod seiner Freundin. SPRECHERIN:Keine 25 Jahre später fegt die Französische Revolution mit einer neuen aufsteigenden bürgerlichen Schicht das höfische System weg. Politisch, freilich nur aus unserem heutigen Rückblick, hat Madame de Pompadour, zusammen mit dem König, durch Fehlentscheidungen Frankreich destabilisiert und den Weg zur Französischen Revolution bereitet. Das Erbe ihres Mäzenatentums aber, so Andrea Weisbrod, wirke bis in unsere Zeit hinein.  ZUSPIELUNG 13:  Sie hat Diderot gefördert, sie hat Montesquieu gefördert, sie hat selbst Rousseau gefördert, sie hat Voltaire gefördert, d.h. sie hatte ein Gespür letztlich auch für Umwälzungen in diesem Zeitalter, und hat die entscheidenden Personen gefördert, die bis heute eben Reichweite haben.
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May 23, 2025 • 26min

DAS LEBEN DER HANDWERKER – Wie Pflasterer die Straßen brachten

Die Römer hatten gepflasterte Straßen nach Deutschland gebracht, aber im Mittelalter verfielen sie langsam. Ohne feste Straßen versanken die Menschen im Schlamm, und Krankheiten breiteten sich schneller aus. Erst viel später überlegten die Stadtväter, wie sie ihre Wege mit einem sicheren Belag ausstatten könnten. Unter ihnen verlief bald auch die Kanalisation. - Das harte Handwerk des Pflasterns war entstanden. Von Anja Mösing (BR 2010 // 2019) Credits Autorin: Anja Mösing Regie: Anja Mösing Es sprach: Christiane Roßbach Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Dr. Wolfgang Czysz Archäologe (verstorben 2022) ; Dr. Lutz Dallmeier Stadtarchäologe; Dr. Brigitte Huber Kunsthistorikern; Ludwig Bauer Steinmetzmeister (Organisation und Leitung des Hauzenberger Granitzentrums seit Juli 2023 neu geregelt), Walter Braun Pflasterer Obermeister Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): WirTier Zu Gast bei Radiowissen: WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und ihr Wissen über Tiere. Sechs Folgen - ab dem 13. Mai jeden Dienstag neu. ZUM PODCAST  Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN 
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May 23, 2025 • 23min

DAS LEBEN DER HANDWERKER - Die Geborgenheit der Zünfte

Zünfte regelten das gesamte Leben von Handwerks-Familien über 800 Jahre lang. Sie waren das Erfolgsmodell, das Arbeit erstmals zu einem anerkannten Wert machte. Bis heute haben die Zünfte Spuren in Sprache, Gesellschaft und Wirtschaft hinterlassen. Von Leo Hoffmann (BR 2015)Credits Autor: Leo Hoffmann Regie: Frank Halbach Es sprachen: Caroline Ebner, Thomas Loibl, Carsten Fabian   Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Katrin Keller (inzwischen Direktorin des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2025): Stars unserer Kindheit Es ist eine Liebe, von der nur wenige wissen: Peter Lustig, der Moderator von Löwenzahn, und Elfie Donnelly, die Erfinderin von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, waren ein Paar. Alles beginnt mit einem Partyflirt in München. Und wenig später erleben Peter und Elfie zusammen die wohl aufregendsten Jahre ihres Lebens. Sie werden zu Ikonen der Kinderunterhaltung – mit Sendungen, die bis heute Generationen von Kindern prägen. Aber auch Krankheiten, Traumata und Krisen stehen sie gemeinsam durch. Und als Löwenzahn, Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs sind, brechen Peter und Elfie aus. Sie schließen sich der Bewegung des indischen Gurus Bhagwan an, die manche eine „Sex-Sekte“ nennen. Nach diesem Podcast werdet ihr die Werke von Peter Lustig und Elfie Donnelly, also Löwenzahn, Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, mit ganz anderen Augen sehen. Jetzt in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. ZUM PODCAST Linktipps NDR: Zimmerleute und ihre Zunft Die Zimmergesellen beenden die Walz und werden zu Zimmerleuten ernannt. Eindrücke aus dem Zunftwesen 1959. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2023): Hat sich das Arbeitsethos gewandelt? Arbeitsmoral der Generationen Die Arbeitsmoral von jungen Menschen steht immer wieder in der Kritik. Sie würden nur Dienst nach Vorschrift machen wollen, seien viel zu wählerisch beim Job, und die Freizeit gehe sowieso über alles. Stimmt das? JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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May 23, 2025 • 24min

DAS LEBEN DER HANDWERKER – Die Banausen in Athen

"Du Banause!" - Heute gibt es viel schlimmere Schimpfwörter, doch im Athen des 4. Jahrhunderts v.Chr. sollte der Begriff "die kleinen arbeitenden Leute" abwerten und verletzen. "Banausen" sind wörtlich übersetzt "Ofenheizer". Eine Erzählung aus der Frühzeit der Demokratie. Autor: Thomas Morawetz (BR 2017) Credits Autor: Thomas Morawetz Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer, Peter Veit Technik: Cordula Wanschura Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. em. Dr. Christian Meier, Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2025): Unterleuten Im idyllisch gelegen Dorf Unterleuten in Brandenburg soll ein Windpark entstehen. Als die Investmentfirma der Dorfgemeinschaft ihre Pläne dazu vorstellt, kommen unterdrückte Feindschaften und finanzielle Begehrlichkeiten ans Licht. Denn nicht alle im Dorf werden von den Plänen profitieren. Der Streit eskaliert innerhalb von wenigen Tagen. Wer wird den Zuschlag für die Nutzung der Grundstücke erhalten? Und welche Abgründe werden im ansonsten beschaulichen Dorfleben sichtbar? Der preisgekrönte Hörspiel Podcast nach dem Bestseller von Juli Zeh - mit Jaecki Schwarz und den Tatort Kommissaren Axel Prahl, Boris Aljinovic und Udo Wachtveitl. Jetzt exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Linktipps ARD alpha (2024): Wie man traditionell vom Baum zum Brett kommt Eine 30 Meter hohe Esche im Westerwald. Wie hat man früher, als es noch keine Maschinen gab, einen solchen Baum gefällt und weiterverarbeitet? Zwei Männer aus Härtlingen bei Westerburg wissen noch, wie das geht: Mathias Gläser und Jan Vockel. Die beiden sind Zimmerermeister und Restauratoren im Handwerk. Früher brauchte ein geübter Hauer nur sechs Minuten, um einen Meter des Stammes eckig zu bekommen, unsere beiden Handwerker leben heute, aber ihr Ergebnis überzeugt dennoch. Ein akkurater Balken, aus dem sie dann Bretter schneiden. "Handwerkskunst" zeigt die traditionelle Bearbeitung von Holz. Eine Arbeit, die sichtbar schweißtreibend ist. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Nova (2023): Demokratiegeschichte – Die Reformen des Solon Die moderne Demokratie hat den Ursprung in Athen 602 v. Chr. Angehörige des Adels haben wegen Unruhen Angst um ihren Status. Staatsmann Solon sorgt mit seinen Ideen für Beruhigung. Er legt den Grundstein für die Demokratie, wie wir sie heute kennen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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May 8, 2025 • 17min

WIE WAR DAS DAMALS? Der 8. Mai. Niederlage oder Befreiung?

Für viele Deutsche bedeutete der 8. Mai 1945 und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands die totale militärische Niederlage, verbunden mit Schuld, Scham und dem Verlust von Heimat. Die Erinnerungskultur hat sich seit den 1970er-Jahren gewandelt und mit der Zeit einen neuen Umgang mit dem 8. Mai hervorgebracht. Heute gilt er als ein Tag des Nachdenkens über Geschichte und Verantwortung.Credits Autoren: Christian Schaaf & Michael Zametzer Redaktion: Heike Simon & Eva Kötting LinktippDeutschlandfunk Kultur (2024): Erinnern als Erlösung – „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung“ Bis heute gilt die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985 als Meilenstein der deutschen Erinnerungskultur. Was ist der Hintergrund dieser Rede? Und welche Rolle spielen ihre Konsequenzen heute noch? JETZT ANHÖREN

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