Alles Geschichte - Der History-Podcast

ARD
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Oct 31, 2025 • 22min

WAHR ODER GELOGEN - Der Erfinder der PR, Edward Bernays

Michael Kunczik, ein Publizist und Experte für Public Relations und Propaganda, diskutiert die kontroversen Methoden von Edward Bernays, dem "Mister Meinungsmacher" des 20. Jahrhunderts. Er erläutert, wie Bernays Kriege für US-Präsidenten medial inszenierte und die Öffentlichkeit manipulierte. Die Rolle der Medien im Staatsstreich von Guatemala und Bernays’ Techniken, um Zigaretten als Symbol weiblicher Freiheit zu vermarkten, werden ebenfalls thematisiert. Eine spannende Auseinandersetzung mit Ethik, Propaganda und dem Einfluss von Freuds Theorien auf die Massenpsychologie.
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Oct 31, 2025 • 23min

WAHR ODER GELOGEN - Die Dolchstoßlegende

Ein Dolchstoß von hinten - Verrat an den kämpfenden Soldaten? Am Ende des Ersten Weltkrieges verschleierte die kaiserliche Militärführung ihr Scheitern. Rechte Verschwörungslegenden machten stattdessen die demokratischen Politiker der Weimarer Republik für die Kriegsniederlage verantwortlich. Und zur Zielscheibe rechter Gewalt. Von Renate Eichmeier (BR 2024)CreditsAutor dieser Folge: Renate EichmeierGesprochen haben: Katja Amberger, Christian BaumannIn der Technik war: Daniela RöderRegie: Sabine KienhöferRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Martina Steber, Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und Stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Linktipps: Bayern 2 (2025): Philosophie auf Abwegen - Eine kleine Geschichte der Verschwörung Fakt oder Verschwörung? Im Zweifel an der Wirklichkeit kann sich das Denken in Verschwörungstheorien verlieren. Doch auch Philosophie zweifelt an der Wirklichkeit. Wo hört Denken auf - wo fängt der Wahn an? Eine Gratwanderung in die Abgründe der Skepsis. ZUM PODCAST ARTE (2020): _Underscore (1/5) - Die Ästhetik der Verschwörung Haben erfolgreiche Verschwörungen eine bestimmte Ästhetik? Wie trugen digitale Medien zu ihrer Formung bei? Fragmente zensierter Dokumente, veränderte Screenshots und beschädigte Fotos finden wir dann als typische Zeugnisse vor. Es ist, als ob das Bild selbst in Zeiten von Pixeln und Bites weiterhin als eine Art Wahrheitsreferenz herhalten muss. Dabei wusste Susan Sontag schon vor dem Internet, dass jedes Bild lügt - im Digitalen ganz besonders. ZUR DOKU Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: August 1921. Gegen 11 Uhr vormittags. In der Nähe von Bad Griesbach hallen Schüsse durch den Schwarzwald. Sie gelten einem Mann, der mit einem Parteikollegen einen Spaziergang in seiner schwäbischen Heimat macht: Matthias Erzberger, Mitte 40, Gehrock, dunkle Hose, schwarzer Hut, Politiker des katholischen Zentrums, bis vor wenigen Monaten Finanzminister der Weimarer Republik. Matthias Erzberger wird von den Schüssen schwer verletzt, versucht zu fliehen, stürzt an einem Abhang, am Boden liegend treffen ihn weitere Kugeln. Die beiden Attentäter kommen aus rechtsextremen Netzwerken. Vor seiner Ermordung wurde Matthias Erzberger wie andere führende Politiker der Weimarer Republik von rechtsnationalen Kreisen mit Hetzkampagnen gejagt. ERZÄHLER: Fort mit Erzberger! Vaterlandsverräter! Novemberverbrecher! Verrat an den kämpfenden Soldaten! Ein Dolchstoß von hinten! ERZÄHLERIN: Am Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Militärführung des Deutschen Kaiserreiches ihr Scheitern verschleiert und damit den Boden für rechte Verschwörungslegenden bereitet. Diese machten die demokratischen Politiker der Weimarer Republik für die Kriegsniederlage verantwortlich. Und zur Zielscheibe rechter Gewalt. Prof. Dr. Martina Steber: In rechten Kreisen, in rechtsextremen Kreisen wird dieser Begriff des Dolchstoßes beständig überall aufgegriffen und wird zu einer Propaganda-Formel, zu einer Hetz-Formel, die Gewalt legitimiert, nämlich 'ne Gewalt, die sich dann in Morden an diesen führenden Vertretern der Novemberrevolution dann auch breit macht. ERZÄHLER: So die Historikerin Martina Steber, Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und Stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Prof. Dr. Martina Steber: Man kann sagen, dass das die Funktion hat, die historische Realität tatsächlich zu verschleiern. ERZÄHLERIN: Die historische Realität? Um sie zu verstehen, muss man zurückgehen zum Beginn des Ersten Weltkrieges.
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Oct 17, 2025 • 24min

MEDIZINGESCHICHTEN - Die Macht der Syphilis

Die Geschlechtskrankheit Syphilis wurde sogar als biologische Waffe eingesetzt. Denn wenn sich zu viele Soldaten ansteckten, konnte die Infektion kriegsentscheidend sein. Hunderttausende Menschen starben an Syphilis. Erst vor rund 100 Jahren hat man eine wirksame Waffe gegen den Erreger gefunden: Das Antibiotikum Penicillin. Von Lukas Grasberger (BR 2022)CreditsAutor dieser Folge: Lukas GrasbergerRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Christian Baumann, Andreas NeumannTechnik: Roland BöhmRedaktion: Nicole RuchlakIm Interview: Prof. Norbert Brockmeyer (Mediziner, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft), Prof. Verena Schünemann (Medizinerin für Evolutionäre Medizin), Dr. Lutz Sauerteig (Medizinhistoriker), Prof. Martin Tobin (US-Autor)Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025Besonderer Linktipp der Redaktion:SWR (2025): Der Schrei – Der rätselhafte Fall Rafael Blumenstock Seit 35 Jahren lässt eine Geschichte die Menschen in Ulm nicht los: Der Fall Rafael Blumenstock. Im November 1990 findet man den 28-Jährigen tot auf dem Münsterplatz - nur wenige Schritte vom Polizeipräsidium entfernt. Nur eine einzige Zeugin will seine Schreie gehört haben. Rafael fällt auf: Er spaziert mit Lippenstift und Handtasche durch die Stadt und tritt in langen Kleidern auf der Bühne auf. Wurde Rafael Blumenstock Opfer, weil ihn Ulm als anders wahrgenommen hat? ZUM PODCASTLinktipps tagesschau (2024): Mehr Sex, mehr Syphilis, mehr Scham Syphilis ist seit Jahren auf dem Vormarsch. Obwohl die gefährliche Krankheit leicht behandelbar ist, scheuen Betroffene teils den Arztbesuch: Sie schämen sich zu sehr. In dieser Folge von 11KM: der tagesschau-podcast geht Datenjournalistin Claudia Kohler auf die Suche nach den Ursachen. Warum nehmen Geschlechtskrankheiten zu und was macht den Kampf dagegen so schwierig? ZUR FOLGE Bayern 2 (2023): Aus Versehen genial - Wie der Zufall zu neuen Entdeckungen führte Penicillin, Röntgenstrahlen oder auch die Pockenimpfung - viele Meilensteine der Medizin verdanken wir dem Zufall. Aber auch alltägliche Dinge wie Tesafilm, die Mikrowelle oder das Eis am Stiel waren eigentlich so nie geplant. Wie kam es zu diesen Entdeckungen? Und was begünstigt Zufallsfunde? ZUR FOLGEUnd hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKENLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Es ist ein Brandbrief, den ein Sekretär im Jahr 1503 an Kaiser Maximilian I schickt: Soldaten sind Opfer einer bösartigen, unbekannten Seuche geworden. ZITATOR „Die einen waren vom Scheitel bis zu den Knien mit einer zusammenhängenden, fürchterlichen schwarzen Art von Krätze überzogen, und dadurch so abschreckend, dass sie, von allem Kameraden verlassen, sich in der Einsamkeit den Tod wünschten; die anderen hatten diese Krätze an einzelnen Stellen, aber härter als Baumrinde, am Vorder- und Hinterkopfe, an der Stirne, dem Halse, der Brust, dem Gesäße und zerrissen sich dieselben vor heftigem Schmerze mit Nägeln. Die übrigen starrten an allen Körperteilen von einer solchen Menge von Warzen und Pusteln, dass ihre Zahl nicht zu bestimmen war.“ SPRECHER Die Syphilis war in Europa angekommen – eine tückische Krankheit, die in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten von Italien bis Estland, von Russland bis nach Portugal ziehen sollte. Doch wo kam sie her – diese rätselhafte, extrem ansteckende Seuche? War sie ein Souvenir, das Christoph Kolumbus von seiner ersten Expedition nach Südamerika nach Europa einschleppte? Lange galt das als unstrittig und auch heute sind viele Wissenschaftler davon überzeugt. Kolumbus landete im Mai 1493 in Barcelona. Dort wurden bald infizierte Seeleute bei einem Arzt vorstellig, der notierte: Die neue Krankheit stamme von der Karibik-Insel Hispaniola, wo die Mannschaft des Entdeckers mit Eingeborenen in Berührung gekommen sei. Deutlicher wurde seinerzeit ein spanischer Geschichtsschreiber: „Die Krankheit“, so hielt es Gonzalo Fernández de Oviedo fest, „wird am leichtesten durch Geschlechtsverkehr übertragen, wie man es oft beobachtet hat ... Von den Spaniern, die mit den indianischen Weibern verkehrten, entgingen nur wenige der Ansteckung.“ Von den Häfen Spaniens sei die Krankheit dann nach Italien und in andere Länder gelangt. Doch: War es wirklich so einfach? Stimmte das so plausible wie willkommene Erklärungsmuster, nach dem die Syphilis gleichsam eine gerechte Antwort darstellte auf die mörderischen Krankheitserreger, die die Europäer nach Amerika einschleppten und durch die Völker sogar ausgelöscht worden waren? Zweifel an der These, dass Kolumbus die Syphilis aus Amerika nach Europa brachte, säten unlängst nicht nur Funde aus Niederösterreich: Archäologen gruben 2019 in Sankt Pölten das Skelett eines Kindes aus, das für Syphilis typische Zahnmissbildungen aufwies. Die Forscher datierten den Todeszeitpunkt auf mindestens 50 Jahre vor Kolumbus`Reisen. Auch Paläogenetiker der Universität Zürich fanden Hinweise darauf, dass die Syphilis bereits vor Christoph Kolumbus in Europa grassiert haben könnte.  Prof. Verena Schünemann „Wir haben im Moment Genome, die aus dieser Zeit kommen.“  SPRECHER …sagt die Züricher Forscherin Verena Schünemann, die DNA-Proben alter Knochen aus Finnland, Estland und den Niederlanden auf Syphilis-Erreger hin untersucht hat.  O-TON Schünemann „Das heißt, man kann sagen: Ja, sie kommen aus dem 15. Jahrhundert! Aber ob sie davor oder danach sind – das ist bei diesen Proben ein bisschen schwierig.  SPRECHER Sie habe – das räumt die Professorin für evolutionäre Medizin ein - nicht mehr in der Hand als eine Indizienkette, die sich indes nach und nach verdichte. Da sind zum einen die Berechnungen der Forscher, nach denen sich der Vorgänger aller modernen Syphilis-Formen vor mindestens 2500 Jahren entwickelt haben muss - und womöglich seinen Ursprung in Europa hatte. Und da ist der Fakt, dass es schon zum Ende des 15. Jahrhunderts eine große Vielfalt von Unterarten des Erregers Treponema pallidum in Europa gab – was gegen die bisherige Annahme steht, erst Kolumbus und seine Mannschaft hätten die Syphilis neu eingeschleppt.
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Oct 17, 2025 • 24min

MEDIZINGESCHICHTEN - Weiße Kittel im Ost-West-Konflikt

Menschenversuche im "Kalten Krieg" - im Namen der Feindesabwehr wurden zigtausende Menschen zu medizinischen Versuchskaninchen. Im Osten wie im Westen. Zum Beispiel gab es radioaktive Verseuchung von Menschen in der Sowjetunion genauso wie Experimente mit Drogen und giftigen Chemikalien an Strafgefangenen in den USA. Von Lukas Grasberger (BR 2018)CreditsAutor dieser Folge: Lukas GrasbergerRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Johannes Hitzelberger, Martin FogtTechnik: Adele KurdzielRedaktion: Nicole RuchlakIm Interview: Allen Hornblum (US-Autor), Prof. Wolfgang U. Eckart (Medizinhistoriker, ehem. Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uni Heidelberg), verstorben 2021Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025Besonderer Linktipp der Redaktion:MDR (2025): DNA des Ostens 35 Jahre sind wir wiedervereint, aber die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach wie vor ein Thema. Man könnte sagen, die Wiedervereinigung ist unvollendet. Menschen im Osten fühlen sich als Bürger zweiter Klasse - der Westen schaut dagegen oft mit Unverständnis gen Osten. In „DNA des Ostens“ stellt Host Anna Thalbach die Fragen: Warum ist das Zusammenwachsen so schwierig? Und wie könnte es besser gehen? ZUM PODCAST Linktipps Deutschlandfunk Kultur (2025): Späte Einsicht – Deutsche Ärzte arbeiten NS-Vergangenheit auf Keine andere akademische Gruppe hat sich so konsequent und bedingungslos dem Nationalsozialismus unterworfen wie die deutsche Ärzteschaft. Ihre Vergehen und Verbrechen blieben lange unaufgearbeitet. Jetzt findet ein Umdenken statt. JETZT ANHÖREN Bayern 2 (2022): Ohne Zustimmung geht gar nichts - 75 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess Im Dritten Reich beteiligten sich viele Mediziner ohne Skrupel an Menschenversuchen, bis hin zum Tod. Aber nur wenige davon mussten sich beim Nürnberger Ärzteprozess verantworten. Es ist ein Prozess, der bis heute große Bedeutung hat, wenn es um die Selbstbestimmung der Patienten geht. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKENLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN   Nürnberg im Dezember 1946: Ein junger Arzt ringt bei seiner Aussage als Zeuge vor dem Kriegsverbrechertribunal mit sich - und um die Wahrheit.  O-Ton Wolfgang Lutz, NS-Luftfahrtmediziner „Wir gingen dabei von der Voraussetzung aus, dass kriegswichtige Versuche vorgenommen werden. Deren Ergebnis geeignet ist, das Leben von Soldaten zu retten. Und dass diese Versuche ausgeführt werden an kriminellen Verbrechern, die durch ein ordentliches Gericht zum Tode verurteilt worden sind. Und denen durch Teilnahme an den Versuchen die Möglichkeit gegeben wird, begnadigt zu werden. Und wir haben das reichlich hin- und her diskutiert – aber wir sind nicht zu einem ganz eindeutigen Ergebnis gekommen.“ SPRECHERIN   Worüber der Mediziner Wolfgang Lutz mit Kollegen diskutiert haben will - das waren Menschenversuche: vorgenommen an Häftlingen im KZ Dachau. Die Versuchsperson wurde dabei etwa in eine Unterdruckkammer gesteckt, um den Absturz eines Kampfpiloten aus großer Höhe zu simulieren. Dutzende Häftlinge kamen bei den so genannten Höhenversuchen in Dachau ums Leben. Allein bei medizinischen Menschenexperimenten in Konzentrationslagern sollen mindestens 20.000 Menschen ermordet worden sein; insgesamt gab es Schätzungen von Forschern zufolge fast 200.000 Todesopfer allein im Namen der NS-Medizin. Lediglich 20 Ärzte und drei Nichtmediziner mussten sich ab 1946 dafür bei den „Nürnberger Ärzteprozessen“ verantworten. Es war ein amerikanisches Militärgericht, das ihnen den Prozess machte, betont Allen Hornblum, Verfasser mehrerer Bücher zur Ethik in der Medizin. Die Vertreter der Vereinigten Staaten agierten dabei aus einer Position der ethisch-moralischen Überlegenheit, so der amerikanische Autor.  SPRECHER: O-Ton Allen Hornblum, US-Autor „Wir haben den Nazi-Ärzten, Deutschland und dem Rest der Welt gezeigt, wie medizinische Versuche ausgeübt werden sollten. Und die Juristen haben in der Urteilsbegründung den „Nürnberger Kodex“ entwickelt: Den bis heute wohl besten Kodex, um Menschen zu schützen, die an wissenschaftlichen Versuchen teilnehmen.“  SPRECHERIN Nie wieder sollten Probanden mit Gewalt oder Zwang, durch Täuschung oder Überredung dazu gebracht werden, an medizinischen Versuchen teilzunehmen. Nie wieder sollten Ärzte Experimente an Menschen vornehmen, bei denen diese von vorneherein der Tod oder ein dauernder Schaden erwartet. Versuche sind demnach auch immer nur dann zulässig, wenn der Proband weiß, was mit ihm passiert: Wenn er aus freiem Willen eine verständige und informierte Entscheidung trifft. All dies wurde im „Nürnberger Kodex“ dauerhaft festgeschrieben - und fand angesichts der nationalsozialistischen Medizinverbrechen Konsens der Ärzteschaft weltweit. Doch die Tinte unter dem „Nürnberger Kodex“ war kaum trocken, schon wurde er gebrochen, sagt Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart, Autor eines Buchs zur Medizin in der NS-Diktatur. O-Ton Prof. Wolfgang U. Eckart „Es ist ganz erstaunlich, dass trotz der Nürnberger Erklärung (…) dass dann trotzdem sehr intensiv auf amerikanischer, aber auch auf französischer Seite, vermutlich auch auf sowjetischer Seite Humanexperimente angestellt wurden. Dass ganz deutlich gegen diese Nürnberger Deklaration verstoßen wurde - und zwar in einem großen Umfang.“ SPRECHER: O-Ton Hornblum OV Die amerikanische Medizin fand nach dem Krieg keinen Bezug zu den Ärzteverbrechen der Nazis – und wollte ihn vielleicht auch nicht finden. Das waren doch keine echten Ärzte! Das waren doch abscheuliche Betrüger und Folterer – das dachte man. Die echte Medizin wird doch von Menschen gemacht, die verschiedene Eide geschworen haben, das Leben von Menschen zu retten und zu bewahren.“ SPRECHERIN Jenseits des Atlantiks wähnte man sich auf der „richtigen Seite“, sagt Allen Hornblum. Auf der „richtigen Seite zu stehen“ - das war bald weniger eine moralische, als vielmehr eine strategische Anforderung: Aus dem Ringen der Siegermächte um die Ordnung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg war schnell ein Wettstreit der Systeme von Ost und West geworden. Den die Sowjets wie die USA mit Hilfe der besten Köpfe zu gewinnen trachteten. 
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Oct 17, 2025 • 22min

MEDIZINGESCHICHTEN - Magengeschwür im Selbstversuch

Niemand hat ihm geglaubt. Aber Robin Warren hat nicht aufgegeben und dadurch unzähligen Menschen das Leben gerettet. Der Pathologe hat das Bakterium entdeckt, das Magengeschwüre verursacht - das Helicobacter Pylori. Jahre nach seinem Kampf um die Anerkennug seiner Entdeckung haben er und sein Kollege Barry Marshall den Nobelpreis für Medizin bekommen. Von Justin Patchett (BR 2025)CreditsAutor dieser Folge: Justin PachettRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer, Johannes HitzelbergerTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Nicole RuchlakIm Interview: Prof. Sebastian Suerbaum (Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene an der LMU München)Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025Besonderer Linktipp der Redaktion: NDR (2025): Abenteuer Diagnose Im Podcast nimmt Anke Christians ihre Hörer mit auf spannende Medizin-Abenteuer - in jeder Folge geht es um Menschen mit rätselhaften Symptomen, die einfach nicht mehr weiterwissen.  Und es geht um engagierte Ärzte und ihre Suche nach der Diagnose - eine Jagd nach Indizien, Spuren und Beweisen. Stecken die Hinweise in den Blutwerten, Röntgenbildern oder einer Nervenwasserprobe? ZUM PODCAST Linktipps ZDF (2025): Fatale Experimente Die moderne Medizin ist eine hart erkämpfte Errungenschaft. Pioniere der Forschung trieben rettende Ideen voran – und ließen dabei ihr eigenes Leben: Sie starben, damit Millionen Menschen leben. Wie weit darf man im Namen der Wissenschaft gehen? ZUR DOKU BR (2025): Medizin-Geschichte mit Dr. Werner Bartens Menschen wurden wohl schon immer krank und mussten geheilt werden. Der Arzt und Medizinjournalist Dr. Werner Bartens nimmt uns im Ratsch mit Hermine Kaiser mit auf "Eine Reise durch die Geschichte der Medizin". JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKENLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Man sieht nur das, was man auch sehen möchte. So funktioniert unser Gehirn. Es kann nur eine bestimmte Menge an Informationen verarbeiten. Überflüssige Dinge – weil sie unmöglich oder unwahrscheinlich erscheinen – blenden die Menschen aus. Nur so kann sich Robin Warren erklären, was ihm nach seiner Entdeckung am 11. Juni 1979 widerfährt. Warum ihm jahrelang fast niemand glaubt. Obwohl er damit Hunderttausenden Menschen das Leben retten wird. Am Tag jener Entdeckung hat der Pathologe seinen 42. Geburtstag – und verbringt ihn im Labor des Royal Perth Hospitals in Australien. Durch sein Mikroskop schaut er sich die Biopsie eines Patienten mit einer entzündeten Magenschleimhaut an. Eigentlich eine Routine-Untersuchung für Robin Warren. Doch er entdeckt etwas, war er bis dahin nicht gesehen hatte: eine feine blaue Linie auf der Oberfläche der Gewebezellen aus dem Magen. 1. Warren: It looked suspicious to me, and it looked like masses of bacteria stuck on the surface to me, which was unusual because they're not supposed to be there. Sprecher (Voice Over) Warren : Es sah verdächtig aus, wie eine Ansammlung von Bakterien, die auf der Oberfläche der Zellen klebten. Was ungewöhnlich war, weil sie dort nicht sein sollten. Erzählerin: Das erzählt Robin Warren bei einem Vortrag auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung im Jahr 2015. Er ist inzwischen verstorben. Warren präsentiert seine Entdeckung damals umgehend den Kolleginnen und Kollegen im Labor. Die wollen nicht wahrhaben, dass es sich bei den blauen Stellen auf den Zellen des Magengewebes um Bakterien handeln soll. Doch Warren sieht das anders. Er kennt sich mit Magenbiopsien besonders gut aus – und er hat ein Hobby, das in diesem Moment möglicherweise den Unterschied macht. Er zeichnet gerne – genauso wie er viel fotografiert. So hat er das später bei dem Vortrag in Lindau erzählt: 2. Warren And I think all of these things help you to see detail which other people perhaps might miss, because taking a good photograph, you've got to actually see everything in the picture. You don't just sort of see somebody's face there, you see everything in the picture and try and fix it all together, work it so that it looks right. Sprecher (Voice Over) Warren: All diese Dinge helfen einem, Details zu erkennen, die andere Leute vielleicht übersehen. Denn bei einem guten Foto muss man wirklich alles im Blick haben. Nicht nur das Gesicht einer Person, sondern auch das drum herum. Die Komposition muss stimmen.
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Oct 3, 2025 • 24min

IM SPÄTEN MITTELALTER UND DER FRÜHEN NEUZEIT - Was das Leben kostet, etwa in Augsburg

Was bekam im Mittelalter der Henker für eine Hinrichtung? Wie viel Steuern zahlten die Huren an die Stadt? Die Augsburger Baumeisterbücher verraten es. Insgesamt 31 Regalmeter umfasst das Verzeichnis der städtischen Ausgaben und Einnahmen zwischen 1320 und 1784. Von Carola Zinner (BR 2024)CreditsAutor dieser Folge: Carola ZinnerRegie: Martin TraunerEs sprachen: Julia Fischer, Peter WeißTechnik: Simon LobenhoferRedaktion: Thomas MorawetzIm Interview: Dr. Dieter Voigt Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: Bernhard Heckler: Die beste Idee der Welt Heinz, nach einer gescheiterten Geschäftsidee und von seiner Liebe Jenny verlassen, erhält ein Angebot von Freund Franky: Er will eine Wrestling Show aufs Oktoberfest bringen und Heinz soll das Drehbuch schreiben. Nach einem misslungenen Erpressungsversuch des Wiesnchefs Claudius Schowalter findet sich Heinz am Tegernsee als Geisel wieder – neben ihm überraschenderweise Jenny. ZUM HÖRSPIEL Linktipps: Unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft arbeitet ein Team der Universität Mainz an einer Online-Präsentation der Augsburger Baumeisterbücher, in diesem Fall von 1320 bis 1466. ZUR WEBSEITE ARD (2021): STAAT UND GELD: Noch nie ging es ohne Kredit Auch eine Erfindung des Mittelalters: Staatsanleihen. Der Stadtstaat Florenz gibt Ende des 14. Jahrhunderts die ersten Schuldscheine aus, um seine Kriege zu finanzieren. Bürger leihen der Regierung Geld und bekommen es später mit Aufschlag zurück. Um 1800 verschulden sich England und Frankeich massiv - aber die Folgen könnten unterschiedlicher kaum sein. ZUM PODCAST SWR Kultur (2025): Was wir vom Mittelalter lernen können - Das ökosoziale Zeitalter? Das Mittelalter war in manchen Punkten moderner als die "Moderne": Nachhaltigkeit, Recycling und Generationengerechtigkeit waren schon Thema - natürlich mit anderen Begriffen. Manches können wir uns vom Mittelalter abschauen. ZUM PODCAST Alltag im Mittelalter: Eine Digital Story des Germanischen Nationalmuseums Das Mittelalter folgt uns auf Schritt und Tritt. Wenn wir durch die Stadt gehen, auf die Uhr sehen, ein Buch aufschlagen oder eine Universität besuchen. Wie sehr uns die Zeit vor 500 Jahren bis heute prägt, zeigt die digitale Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums. Sie erforscht: Wie lebten, wohnten und arbeiteten die Menschen im Mittelalter? Welche Hoffnungen und Ängste hatten sie, was wussten sie über die Welt? ZUR AUSSTELLUNG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Item 2 Guldin Vnd 13 Schilling dem Augustin ainem potten der Uns Brieff pracht der Berihtun von Costantz.   ZITATOR An Unser Frauen Tag Natiuitas haben Wir den Zoll empfangen Von dem Torhueter daselbst 29 Pfund.      ERZÄHLERIN Zolleinnahmen, Botenlohn für Nachrichten vom Konzil in Konstanz, milde Gaben an Bedürftige: alles, was Augsburgs Stadtkasse füllt oder belastet, wird in den „Baumeisterbüchern“ sorgfältig vermerkt.   O-TON Voigt Wir würden heute sagen, das sind städtische Rechnungsbücher, ab 1320 und das geht bis 1784.   ERZÄHLERIN Auch andere Städte führten „Baumeisterbücher“, wie die Verzeichnisse heißen, weil die Gelder zunächst fast ausschließlich für den Bau und Erhalt der schützenden Mauern und Gräben rund um die Stadt verwendet wurden. Nirgendwo sonst jedoch wurden die Listen über einen derart langen Zeitraum so sorgfältig geführt und aufbewahrt wie in Augsburg.
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Oct 3, 2025 • 19min

IM SPÄTEN MITTELALTER UND DER FRÜHEN NEUZEIT - Die Marketenderin

Die Marketenderin - bis heute ist sie mehr Mythos als reale Figur. Sie nahmen als Frauen am Krieg teil, etwa bei der Verwertung der Beute. Sie leisteten Care Arbeit, versorgten die Soldaten etwa mit Nahrungsmitteln und mit Kleidung - und gehörten daher immer mit zum Tross. Von David Boos (BR 2025)CreditsAutor dieser Folge: David BoosRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Xenia Tilling, Shenja LacherTechnik: Moritz HerrmannRedaktion: Nicole RuchlakIm Interview: Prof. Dr. Hiram Kümper, Lehrstuhl für Spätmittelalter und frühe Neuzeit Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: rbb: Der Bruch – Frauen zwischen Ost und jetzt Von heute auf morgen ändert sich alles! Die Gesetze, die Regeln, das Leben. Was früher richtig war, ist heute falsch und umgekehrt. Ruth-Maria Thomas erzählt von ostdeutschen Frauen, die nach der Wiedervereinigung ihr Leben neugestalten mussten. Ihre oft unerzählten und ungewürdigten Erfahrungen sind heute relevanter denn je. ZUM PODCAST Linktipps: ARD (2025): WIE MENSCHEN FRÜHER REISTEN - Unterwegs sein im Mittelalter Ob Pilger, Kreuzritter oder Handelsreisende: Die Menschen im Mittelalter waren - anders als landläufig bekannt - sehr mobil. Sich seinerzeit auf den Weg zu machen war indes meist kaum bequem - und nicht selten ein lebensgefährliches Unterfangen. ZUM PODCAST WDR Zeitzeichen (2025): Ein Manifest gegen Frauenhass im Mittelalter: Christine de Pizan Im Jahr 1405 wagt eine Frau in Paris das Unvorstellbare: Sie widerspricht. Christine de Pizans "Stadt der Frauen" ist ein Meilenstein feministischer Literaturgeschichte – die Ich-Erzählerin bekommt Besuch von drei vornehmen Damen. Sie heißen Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. ZUM PODCAST Alltag im Mittelalter: Eine Digital Story des Germanischen Nationalmuseums Das Mittelalter folgt uns auf Schritt und Tritt. Wenn wir durch die Stadt gehen, auf die Uhr sehen, ein Buch aufschlagen oder eine Universität besuchen. Wie sehr uns die Zeit vor 500 Jahren bis heute prägt, zeigt die digitale Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums. Sie erforscht: Wie lebten, wohnten und arbeiteten die Menschen im Mittelalter? Welche Hoffnungen und Ängste hatten sie, was wussten sie über die Welt? ZUR AUSSTELLUNG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN 17 Jahrhundert, eine Stadt irgendwo in Deutschland. Die Bewohner der Stadt sind in heller Aufregung, denn sie werden angegriffen. Sie kennen die Geschichte, die man sich über Belagerungen erzählt: Plünderungen, Brände, Mord und schlimmeres. Die Stimmung ist angespannt. Und dann kommen sie: Die Ritter, Söldner, Landsknechte. Männer, bereit jeden zu töten, der sich ihnen in den Weg stellt. Ohne zu zögern erklimmen sie die Mauern und nehmen die Stadt ein.   ERZÄHLERSo zumindest stellen wir uns typische Szenen im 30-jährigen Krieg vor. Aber das ist mindestens ungenau. Denn erstens endeten Belagerungen nicht zwangsläufig mit dem heldenhaften Erstürmen einer Burg. Manchmal gaben die Belagerten schon davor auf und ließen die Belagerer freiwillig in die Stadt ziehen, in der Hoffnung, nicht geplündert zu werden. Und: Die Soldaten kamen bestimmt nicht alleine. Auch wenn das in vielen Darstellungen des Krieges oft ausgelassen oder vergessen wird: Die Heere im Dreißigjährigen Krieg bestanden nicht nur aus Soldaten und nicht nur aus Männern. Teil eines Regiments waren zum Beispiel auch Wagenmeister, Feldscherer, Diener, Trommler, Feldprediger und Marketenderinnen. ERZÄHLERINNicht nur Soldaten also, die in den Krieg zogen, sondern auch viele andere. Denn eine Armee muss nicht nur kämpfen, sondern vor allem versorgt werden. Und so sorgt der Regimentstrommelschläger für die Motivation, der Feldpriester fürs Seelenheil und die Marketenderin – sie sorgt, ja wofür? Der Historiker Professor Hiram Kümper ist Experte für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit.  Er lehrt an der Universität Mannheim. O-TON Prof. Hiram KümperDie Marketenderin war die Logistikerin, die Versorgerin - also vor allem für Nahrungsmittel, Kleidung, das Ausbessern der Kleidung. Man muss sich ja vorstellen, die vormodernen Heere, da sind die Staaten in der Regel mit diesen Aufgaben, gerade wenn die Heerzüge größer und auch die Heere größer werden, vollkommen überfordert. Und die Marketenderinnen, das ist eben eine der Gruppen, die das tun. Es tun durchaus nicht nur Frauen, es tun auch Männer, aber an die Marketenderinnen erinnern wir uns irgendwie stärker.
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Oct 3, 2025 • 23min

IM SPÄTEN MITTELALTER UND DER FRÜHEN NEUZEIT – Die Landsknechte

Sie waren bewundert und gefürchtet: die Landsknechte. Ursprünglich als Fußsoldaten nach dem Vorbild der Schweizer Söldner geschaffen, verdrängten sie am Ende des Mittelalters die Ritterheere und revolutionierten mit ihren langen Spießen, bunten Gewändern und ihrem ganz eigenen Ehrenkodex die Kriegsführung in Mitteleuropa. Von Michael Zametzer (BR 2025)CreditsAutor dieser Folge: Michael ZametzerRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Irina WankaTechnik: Viktor Fölsner-VeressRedaktion: Nicole RuchlakIm Interview: Dr. Christopher Retsch Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD: Hateland Reichsbürger, Neonazis, Verschwörungsideologen: Im neuen Podcast "Hateland" der ARD begeben sich Reporter an den extremen Rand der Republik. Warum radikalisieren sich Menschen und was bedeutet das für unsere Gesellschaft? In der ersten Staffel “Deep State – Vom Elite Soldaten zum Reichsbürger” geht es um die sog. "Gruppe Reuß". Sie soll einen bewaffneten Umsturz geplant haben - im Zentrum dabei: Rüdiger von Pescatore: der mutmaßliche Oberbefehlshaber einer "neuen deutschen Armee". ZUM PODCAST Linktipps: Alltag im Mittelalter: Eine Digital Story des Germanischen Nationalmuseums Das Mittelalter folgt uns auf Schritt und Tritt. Wenn wir durch die Stadt gehen, auf die Uhr sehen, ein Buch aufschlagen oder eine Universität besuchen. Wie sehr uns die Zeit vor 500 Jahren bis heute prägt, zeigt die digitale Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums. Sie erforscht: Wie lebten, wohnten und arbeiteten die Menschen im Mittelalter? Welche Hoffnungen und Ängste hatten sie, was wussten sie über die Welt? ZUR AUSSTELLUNGUnd hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Vom Bodensee bis Kempten, von Heilbronn bis Würzburg, von Schwaben bis Thüringen: Im Jahr 1525 greifen einfache Männer zu den Waffen. Leibeigene Bauern, Knechte, Handwerker ziehen zu Tausenden in einen ungleichen Krieg gegen ihre adeligen Grundherren. Gegen erdrückende Abgaben, gegen Unrecht, für Freiheit und Selbstbestimmung. Sie scheitern. Eine Schlacht nach der anderen geht verloren. Die Bauern werden erbarmungslos bekämpft, verfolgt und niedergemetzelt. Etwa 75.000 Tote, schätzt man heute. Als meist ungeübte Kämpfer haben sie gegen die bestens ausgerüsteten, kriegserprobten Heere der Fürsten keine echte Chance... Diese erbarmungslosen und schlagkräftigen Krieger sind: Landsknechte. Eine einzigartige Infanterieeinheit der frühen Neuzeit. Ihre Waffe, der lange Spieß, lässt sie selbst für berittene Gegner gefährlich werden. Ihre Kleidung ist für die Zeit extravagant und auffallend. Landsknechte verstehen sich als eingeschworene Gemeinschaft, als Söldner, die sogar eine Art frühdemokratischer Selbstverwaltung pflegen. Und – sie sind so bewundert wie gefürchtet. Denn bei der Bevölkerung haben die Landsknechte einen Ruf wie Donnerhall, seit sie in der Zeit des Habsburger Kaisers Maximilians I. Ende des 15. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern erschienen sind... Es ist ein Volk,   ZITATOR: „....das ungefordert, ungesucht, umläuft, Krieg und Unglück sucht und nachläuft..“   ERZÄHLERIN:...schreibt der Dichter Sebastian Franck 1531 wenig positiv über das neue Phänomen auf dem Schlachtfeld...   ZITATOR: „.das unchristlich verloren Volk, deren Handwerk ist Hauen, Stechen, rauben, brennen, morden, spielen saufen huren Gott lästern, freiwillig Witwen und Waisen machen, ja das sich nicht dann anderer Leute Unglück freut...und außerhalb und innerhalb des Kriegs auf dem Bauern liegt, garten, schinden und brandschatzen und nicht allein jedermann sondern auch ihnen selbst nicht Nutz ist, kann ich mit keinem Schein entschuldigen, dass sie nicht aller Welt Plage und Pestilenz seien.“   ERZÄHLERIN:Wer sind diese schillernden Fußkrieger, begehrten Kämpfer und gefürchteten Marodeure, die ab dem späten 15. Jahrhundert das Militärwesen in Mitteleuropa für etwa 100 Jahre bestimmen sollen? Was verbinden wir heute noch mit dem Wort „Landsknecht“?   O-TON Christopher Retsch: Wir verbinden, wenn man uns jetzt einfach optisch vorstellen, den meist bunt angezogenen, der mit einer langen Waffe einem langen Spieß, später auch Pike genannt, seinen Kriegsdienst ausführt.   ERZÄHLERIN:Der Historiker Christopher Retsch ist Kenner der Landknechtsphänomens und ihrer Ausrüstung, wie den charakteristischen Spieß.   O-TON Christopher Retsch: Diese langen Spieße kennen wir schon seit dem ausgehenden Hochmittelalter, das ganze Spätmittelalter hindurch gibt es erste Erwähnungen schon im dreizehnten Jahrhundert. 
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Sep 19, 2025 • 23min

WIE WIR MENSCHEN WURDEN – Das Kochen und das Gehirn

Der aufrechte Gang kam zuerst, danach entwickelte sich das menschliche Gehirn in Millionen Jahren zu der Größe und Leistungsfähigkeit, wie es den modernen Menschen auszeichnet. Ist der Grund dafür ein Wechsel in der Ernährung, oder haben veränderte Lebensbedingungen den Ausschlag dafür gegeben? Von Daniela Remus (BR 2023)CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Irene SchuckEs sprach: Katja AmbergerTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Yvonne MaierIm Interview: Philipp Gunz, Ottmar Kullmer, Gerhard WeberEine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD: Wie wir ticken – Euer Psychologie-Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der Psychologie Podcast von SWR Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCASTLinktipps:WDR Zeitzeichen (2023): Die Eiszeitkünstler: Als der Homo Sapiens kreativ wurde Wissenschaftler finden bei Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb drei kleine Skulpturen aus Mammutelfenbein. Sie sind ein neuer Beleg dafür, dass das Gebiet an der oberen Donau ein wichtiges Zentrum der kulturellen Entwicklung des anatomisch modernen Menschen ist. ZUM PODCAST Senckenberg Naturmuseum Frankfurt: Dauerausstellung “Evolution des Menschen”Wie gingen unsere Vorfahren auf zwei Beinen? Wann fing der Mensch an, Werkzeuge zu benutzen – und wie veränderte das Feuer unser Miteinander? In der Dauerausstellung “Evolution des Menschen” im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt bekommst du einen Blick in unsere Ursprünge – wie sich Gesichter wandelten und wie wir heute durch Forschung Stück für Stück unsere Geschichte zusammensetzen. ZUR AUSSTELLUNG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auc in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Wann und warum wurden wir zu denen, die wir heute sind? Die Frage nach dem Ursprung des Mensch-Seins ist bis heute nicht sicher zu beantworten. Ob mythologische Erzählungen, religiöse Zuschreibungen oder philosophische Theorien, Antwortversuche gibt es viele. Aber erst mit der Aufklärung und der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften haben sich solche Erklärungsversuche grundlegend verändert. Vor allem durch die Arbeiten des britischen Naturforschers Charles Darwin. Seine naturwissenschaftlich fundierte Evolutionstheorie gilt als Erklärung für Artenvielfalt, Weltwerdung und die Entwicklung der Gattung Mensch.   Seit dem 19. Jahrhundert tragen die Forschenden mithilfe fossiler Fundstücke immer mehr Puzzleteile zusammen, um das Rätsel der menschlichen Entwicklung vielleicht irgendwann wissenschaftlich zu lösen.   Philipp Gunz schließt eine schwere Tür aus Metall auf. Dahinter in einem schmucklosen Raum bewahren die Forschenden des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig verschiedene Fossilien auf. Oberschenkel-Knochen, Stücke von Wirbelsäulen, Teile eines Beckens, Zähne, Schädel und weitere Knochen-Fragmente:   O-TON Gunz Das sind Abgüsse von den Originalfossilien, die Originale liegen in dem Fall in einem Safe in Südafrika, wir haben hier quasi die Plastikversionen dieser Fossilien, an denen man ein bisschen nachvollziehen kann, wie sich die Vorfahren der menschlichen Linie über die Jahrmillionen entwickelt haben.   SPRECHERIN Philipp Gunz ist Paläoanthropologe. Das Wort kommt aus dem Griechischen. Genaugenommen ist es aus drei Begriffen zusammengesetzt: Paläo heißt alt, Anthropos der Mensch und Logie bedeutet Lehre oder Wissenschaft. Paläoanthropologen erforschen also die Entwicklung der frühesten menschenähnlichen Spezies bis hin zum modernen Menschen, dem Homo Sapiens. Die Paläoanthropologie geht davon aus, dass vor rund 6 Millionen Jahren der letzte gemeinsame Vorfahre der heute lebenden Menschenaffen und der heutigen Menschen gelebt hat.   O-TON Gunz Also, was wir hier haben, ist ein Ausdruck des allerersten Australopithecus Kindes, das jemals gefunden wurde. Australopithecus ist eine wichtige Vormenschen-Art und dieses spezielle Fossil wurde 1924 zufällig gefunden bei Minenarbeiten in Südafrika, in der sogenannten Taung Höhle.   SPRECHERIN Philipp Gunz zeigt einen Schädel. Er sieht aus wie von einem Menschen, mit angerundeter Schädeldecke, Kieferknochen, Augen- und Nasenhöhle. Aber er ist so klein, dass er locker in eine Hand passt.   O-TON Gunz Hier handelt es sich um eine versteinerte Form einer fossilen Art, die damals beschrieben wurde als ‚missing link‘ zwischen den Menschenaffen und dem Menschen. Mittlerweile wissen wir, dass das stimmt, dass es sich nämlich tatsächlich um eine afrikanische Form handelt, die auf unserer Linie liegt, im weitesten Sinn.
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Sep 19, 2025 • 23min

WIE WIR MENSCHEN WURDEN – Der Neandertaler

Neandertaler waren keine primitiven Halbaffen, sondern eine Menschenart mit Sprache, Kultur, Ritualen, und entwickeltem Sozialverhalten. Sie haben die gleichen Vorfahren wie der moderne Mensch, begegneten dem Homo Sapiens über mehrere Jahrtausende und zeugten mit ihm Nachkommen. Noch heute trägt der moderne Mensch Gene dieses Vorfahren in sich. Von Geseko von Lüpke (BR 2023)CreditsAutor dieser Folge: Geseko von LüpkeRegie: Martin TraunerEs sprachen: Thomas Birnstiel, Julia Fischer, Rahel ComtesseTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Andrea BräuIm Interview: Rebecca Sykes, Svante Pääbo, Francois Savatier, Harald Floss, Joachim BauerEine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025Linktipps:radioeins (2024): Spermienkonkurrenz und das Verschwinden der Neandertaler  Der Neandertaler verschwand erstaunlich schnell, nachdem der moderne Mensch seinen Lebensraum in Europa und Westasien besiedelte. Als eine Theorie für das schnelle Aussterben gilt die Spermienkonkurrenz. ZUM PODCAST Senckenberg Naturmuseum Frankfurt: Dauerausstellung “Evolution des Menschen”Wie gingen unsere Vorfahren auf zwei Beinen? Wann fing der Mensch an, Werkzeuge zu benutzen – und wie veränderte das Feuer unser Miteinander? In der Dauerausstellung “Evolution des Menschen” im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt bekommst du einen Blick in unsere Ursprünge – wie sich Gesichter wandelten und wie wir heute durch Forschung Stück für Stück unsere Geschichte zusammensetzen. ZUR AUSSTELLUNG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auc in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | Alles GeschichteJETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Sie war in Felle gehüllt – die kleine Gruppe von Erwachsenen mit vielen Kindern. Ihre großen Augen lasen die Landschaft mit großer Aufmerksamkeit.  Vielleicht war das Land eine Tundra mit Pferden, Büffeln, Mammuts. Vielleicht auch tropisch mit Flusspferden und Löwen. Oder eiskalt mit Bären, Rentieren, Wölfen. Als sie die Höhle in der engen wilden Klamm fanden, von der man heute noch redet, waren sie bepackt mit Speeren, Steinmessern, geflochtenen Körben voller einfacher Utensilien. Die kleinen Kinder der Horde wurden getragen, einige pflückten Essbares, heilende Pflanzen, Kräuter. Irgendjemand von ihnen trug schützend die Glut des letzten Feuers, das bald schon die Höhle im Neandertal wärmen sollte.   SPRECHER Früher war es eine 1000 Meter lange und etwa 50 Meter tiefe enge Schlucht mit überhängenden Wänden, Wasserfällen, vielen kleineren Höhlen und großem Artenreichtum. Wir wissen nichts Genaues vom Leben der Menschen vor oder in der Höhle, von der Sprache ihrer Bewohner, von ihren Liedern und Ritualen, von ihren Gefühlen und ihrem Denken. Wir wissen nicht, wie und warum einer von ihnen vor 42.000 Jahren starb und hinten in der Höhle liegen blieb oder begraben wurde, bis man Jahrzehntausende später, im Jahr 1856, seinen Schädel und einige seiner Knochen fand. Im Neandertal selbst  blieb seit dieser historischen Entdeckung kein Stein auf dem anderen.   SPRECHERIN Zwar wurden die Schädelplatte und ein paar Knochen erkannt und aufgehoben. Doch alles andere landete auf einem Schuttberg, wurde weggesprengt, abgetragen, verwertet: Hundert Jahre Kalk-Bergbau haben das malerische Tal inzwischen fast vollständig zerstört. Statt Wildbächen rauscht heute unweit die A3 vorbei. Über die einst urzeitliche Landschaft fliegen die Passagierjets zum Flughafen Düsseldorf. Um an die Stelle zu gelangen, wo die Knochen lagen, die dem Neandertaler seinen Namen gaben, hat man jüngst einen 20 Meter hohen Turm errichtet – denn wo sich eins die historische Höhle befand, ist heute nichts, nur Luft.   Oben auf der Plattform kann man auf Knopfdruck Filme einer möglichen Vergangenheit abspielen und in Fernrohren fingierte Neandertaler beobachten. Und selbst die sind nicht mehr, für wen man sie lange hielt, sagt die Direktorin des Neandertal-Museums Bärbel Auffermann. Nicht primitive Halbaffen, sondern stolze indigene Menschen. O-TON Bärbel Auffermann Wissenschaft ist ja immer auch ein Spiegel der aktuellen Zeit. Die allerersten Darstellungen des Neandertalers, die man sieht, zeigen immer so einen sehr haarigen, nackten Menschen. Meistens in der Nähe einer Höhle, kauernd oder lauernd und eigentlich immer mit einer Keule in der Hand.  Das sind alles Attribute, die ihm aus diesem abendländischen Mythos des wilden Mannes zugeschrieben werden. Das konnte, sollte nicht unser direkter Vorfahre sein, war etwas Primitives, über das wir uns mit unserer Zivilisation erhoben haben. Das ist so ein eurozentristischer Blick auf das Fremde. Jetzt sind wir diverser aufgestellt in unseren Gesellschaften und lassen vielleicht den Neandertaler auch hinein. Er ist nicht unser direkter Vorfahre.  Er ist unser - 'Cousin' trifft es ganz gut -  ein entfernter Verwandter, mit dem sich unsere direkten Vorfahren immer wieder in verschiedenen geografischen Regionen sicherlich auch getroffen und vermischt haben.

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