Alles Geschichte - Der History-Podcast

ARD
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Sep 20, 2024 • 23min

INSEL-GESCHICHTEN - Korsika und die Autonomie

Korsika: Eine traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von Einwohnern, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Und die alten korsischen Lieder, die Musikgruppen wie "Alba" wieder zum Leben erwecken? Von Vanja Budde (BR 2023) Credits Autorin: Vanja Budde Regie: Ron Schickler Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Alain Di Meglio, Matthias Waechter Linktipps: BR (2022): L’Alba beim Nürnberger Bardentreffen 2022 Während die Musiker das Erbe des polyphonen Gesangs ihrer Heimat Korsika bewahren, sind sie offen für zeitgenössische Elemente aus Folk und Jazz sowie Einflüsse aus arabischen und nordafrikanischen Ländern sowie aus Italien, Griechenland, Portugal, dem Senegal und Simbabwe. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2022): Korsika, Frankreich und die ewige Frage der Unabhängigkeit Im Frühjahr 2022 kehrte die Gewalt zurück. Nach der Ermordung eines inhaftierten Nationalisten kam es zu Protesten auf Korsika. Die Forderung nach Unabhängigkeit ist wieder da, doch die korsische Bevölkerung ist bei diesem Thema zerstritten. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge:TC 00:15 – IntroTC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrtTC 05:15 – 14 goldene JahreTC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale PaoliTC 12:56 – Wege in die AutonomieTC 19:31 – Das Korsisch ParadoxonTC 22:45 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 – Intro MUSIKSprecherinAlgajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt. ATMOSprecherinEiner der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird. MUSIKTC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrt SprecherinKorsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OVOV MÄNNLICH„Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“ ATMO SprecherinSie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. MUSIKDabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich.TC 05:15 – 14 goldene Jahre 1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu. MUSIKSprecherinSeither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas. TC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale Paoli Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus.  O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt)„Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“SprecherinDenn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand. O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OVOV ALAIN„Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“SprecherinNeben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern. O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OVOV ALAIN„Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“ MUSIK SprecherinWeil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus. O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt)„Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“ SprecherinSo habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst. O-Ton 6 Matthias Waechter„1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“ SprecherinAn öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter: O-Ton 7 Matthias Waechter„Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen. […] Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“ SprecherinIn der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die „störrischen“ Korsen erheben könnten. O-Ton 8 Matthias Waechter„Und diese Angst ist natürlich immer noch im Hintergrund, dass eine Region, die zu viel Eigenständigkeit besitzt, separatistisch wird. Und dass die Autonomie nur der erste Schritt zur Sezession ist“.TC 12:56 – Wege in die Autonomie MUSIK Sprecherin Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert. O-Ton 10 Matthias Waechter„Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“ SprecherinÜber diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter. MUSIK SprecherinAuf der ganzen Insel weht der „Mohrenkopf“ mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an. MUSIK Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen. O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OVOV ALAIN„Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“ SprecherinDie Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe. O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN„Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“TC 19:31 – Das Korsisch Paradoxon MUSIK SprecherinAuf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio. O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt „Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“ SprecherinDoch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN„In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“MUSIK SprecherinDie UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung. Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt: Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen: O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OVOV MÄNNLICH„Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“ SprecherinMattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen. O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OVOV MÄNNLICH„Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist.ATMOTC 22:45 – Outro
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Sep 20, 2024 • 22min

INSEL-GESCHICHTEN - Das rätselhafte Urvolk der Kanaren

Fernab der einst bekannten Welten entwickelte sich um Christi Geburt auf den Kanaren eine rätselhafte Kultur. Die ersten Bewohner der Inseln im Atlantik scheinen weder über seetaugliche Boote noch über Kenntnisse der Schifffahrt verfügt zu haben. Wie aber waren sie dann auf die Inseln mitten im Meer gekommen? - Nur eines der vielen spannenden Rätsel rund um die Ur-Kanaren, die Guanchen. Von Lukas Grasberger (BR 2024) Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Carsten Fabian, Katja Schild, Jennifer Güzel Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Teresa Delgado, Prof. Harald Braem, Dr. Rosa Fregel, Dr. José Ignacio Sáenz Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2012): Eine Insel verlässt sich auf sich selbst Auf den Kanarischen Inseln gedeihen Pläne und erste Projekte, den Anteil sauberen Ökostroms zu erhöhen. Die kleinste Insel der Kanaren, El Hierro, geht dabei sehr weit: Die abgeschiedene, windumtoste Vulkaninsel will sich von diesem Jahr an zu hundert Prozent mit Wind- und Wasserkraft versorgen. ZUM BEITRAG WDR (2024): Teneriffa & Co. – Macht der Massentourismus die Kanaren kaputt? Millionen von Menschen zieht es jedes Jahr auf die Kanaren. Obwohl der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig für die Urlaubsinseln ist, bringen die Urlauber auch einige Probleme mit sich. Deshalb protestieren im Frühjahr 2024 rund 57.000 Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria und an vielen anderen Orten gegen den Massentourismus. Die größte Forderung: Mehr Wohnraum und günstigere Preise. Aber auch für eine bessere Wasserversorgung, eine Obergrenze für Touristen und für mehr Umweltschutz protestierten viele Einheimische. Die ARD-Korrespondentin Kristina Böker erzählt, wie es den Menschen vor Ort geht, welche Rolle der Tourismus für die Einheimischen spielt und auf wen die Menschen tatsächlich wütend sind. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENTimecodes (TC) zu dieser FolgeTC 00:15 - IntroTC 02:36 – Genetische VielfaltTC 06:13 – Eine Frage und zwei ThesenTC 11:14 - HöhlenfundeTC 13:38 – Rätsel über RätselTC 18:34 – Der Streit um PyramidenTC 21:45 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 - Intro MUSIK & ATMO Strandpromenade, Meeresrauschen SprecherTouristen schlendern über die Strandpromenade von Maspalomas auf Gran Canaria. Einige schlürfen Eis, andere lassen den Blick über den tiefblauen Atlantik streifen. Für die ovale Steinformation zu ihren Füßen, ein paar Meter strandwärts, scheinen sich die meist deutschen Urlauber kaum zu interessieren. Ganz anders die kanarische Archäologin Teresa Delgado. Für Forschende wie sie sind die Spuren derjenigen, die bereits ein paar Tausend Jahre vor den Touristen auf die Insel kamen, ein spannendes Rätsel - das sie nur nach und nach zu lösen lernen. O-Ton 1 Dr. Teresa Delgado, Konservatorin am Museo Canario, Las Palmas, span. Voice Over weiblich„Das sind Reste einer Siedlung, wie sie für die Ureinwohner der kanarischen Inseln typisch war. Damals boomte die Bevölkerung auf Gran Canaria, ihre Kultur blühte. Menschen, die seinerzeit in Berg-Höhlen lebten, zogen an die Küsten. Die Gesellschaft war im Aufbruch: Vormalige Viehzüchter entwickelten ihre Fähigkeiten im Ackerbau - und begannen auch den Ozean intensiv auszubeuten.“ SprecherIn den Ruinen von „Punta Mujeres“ fanden die Archäologen Hinterlassenschaften, die auf einen reichhaltigen Fischkonsum der ersten Bewohner Gran Canarias hindeuteten. Doch da war eine Sache, die die Forscher bald ins Grübeln bringen sollte... O-Ton 2 Delgado Voice Over weiblich„Bei dieser und anderen Ausgrabungen haben die Archäologen nie Gräten oder Köpfe von Hochsee-Fischen gefunden. Die ersten Bewohner der Inseln haben wohl nur an oder nahe der Küste gefischt. Darauf, dass sie das ohne Boote taten, weist eine besondere Ohrerkrankung hin, die man in Schädeln der Urkanarier gefunden hat. Diese hatten einen Tumor im Hörkanal, der bei häufigem Kontakt mit kaltem Wasser entsteht – etwa, wenn man am Ufer nach Meerestieren taucht. Auch hat man bei Ausgrabungen nie Überbleibsel von Schiffen entdeckt. In der Gesamtschau verleitet uns das zu dem Schluss, dass die frühen Bewohner der Inseln weder über Boote, noch über Fähigkeiten der Navigation verfügt haben dürften.“ MUSIK & ATMO Meeresrauschen SprecherWie aber waren die ersten Siedler dann auf die kanarischen Inseln gekommen – und warum? Und: Falls sie doch eigene Boote hatten: Weshalb hatten sie sich überhaupt auf die lebensgefährliche Überfahrt übers offene Meer, in unbekannte Gefilde, begeben? TC 02:36 – Genetische Vielfalt SprecherVieles zur Herkunft und Lebensweise der kanarischen Ureinwohner erscheint uns heute, gut 500 Jahre nach der endgültigen Einnahme der Inseln durch die Spanier, geheimnisvoll. Die iberischen Eroberer haben die Guanchen, Canarios, Majos und Majoreros, die Gomeros, Bimbaches und die Benahoaritas gnadenlos ausgerottet. Deren Kultur und Zivilisation versank im Dunkel der Geschichte. MUSIK Grabungs-Funde haben nachgewiesen, dass das mediterrane Seefahrer-Volk der Phönizier bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus einen Fuß auf die Insel Lanzarote setzte. Später kamen die Römer. Doch beide waren keine Siedler, betont die Archäologin Teresa Delgado: Es waren wenige Menschen, die dort saisonal Stützpunkte für den Handel, etwa mit Purpur, betrieben. Die Urkanarier, das erste Volk, das die Inseln im Atlantik dauerhaft besiedeln sollte, waren andere... O-Ton 3 Delgado Voice Over weiblich„Die erste nachhaltige Besiedlung der Inseln fand durch Berber-Völker aus dem Nordwesten Afrikas statt. Darauf deuten auch die jüngsten Untersuchungen von Spuren alten Erbguts hin.“ O-Ton 4 Dr. Rosa Fregel, Genforscherin, Universidad de La Laguna, Teneriffa, span. Voice Over weiblich„Nach unseren genetischen Analysen waren die ersten dauerhaften Bewohner der Kanaren Berber, die aus dem Norden Afrikas stammen.“ Sprecher  ...bestätigt die Forscherin Rosa Fregel von der Universität von La Laguna auf Teneriffa. Die Biologin untersuchte mit ihrer Arbeitsgruppe das Erbgut von 48 Menschen, deren Überreste Archäologen an verschiedenen Orten der Inseln ausgegraben hatten. Die alten Erbgutspuren verraten, dass die Ur-Kanarier offenbar in zwei Wellen übers Wasser kamen: In Fregels Analysen zeigte das Erbgut der ersten Bewohner der östlichen Kanareninseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria einen größeren europäischen Einschlag - während bei den westlicher gelegenen der Anteil an nordafrikanischen Genen überwog. Und: Es war kein homogenes Berber-Volk, das da aus Nordafrika auf das Atlantik-Archipel gelangte. O-Ton 5 Fregel Voice Over weiblich„Es war bereits ein Völkergemisch. Das Erbgut der ersten kanarischen Siedler weist nordafrikanische und mediterrane Elemente auf – sowie aus Subsahara-Afrika. Vor der ersten Migration auf die Kanaren dürfte es größere Wanderungsbewegungen im und in den Norden Afrikas gegeben haben. Auch von Menschen, die südlich der Sahara aufbrachen, Richtung Norden.“ SprecherWaren es Verwerfungen rund um die römische Einnahme von Nordafrika, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und in großer Zahl vertrieben, und diese zu einer Wanderung bis auf die kanarischen Inseln veranlassten? Nicht nur genetisch, auch ihrem Aussehen nach unterschieden sich die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, frühen Beschreibungen zufolge deutlich. Der Dominikaner-Pater Fray Alonso de Espinosa, der mit den spanischen Eroberern auf die Insel kam, schilderte die Urbevölkerung einerseits als „dunkel und braungebrannt“; andererseits fand der Priester und Geschichtsschreiber im Norden des Eilands „hellhäutige“ Menschen vor - darunter Frauen „mit blondem und schönem Haar“. Die Forschung der Biologin Rosa Fregel und ihrem Team bestätigt, dass es besonders unter den Ureinwohnern der großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria eine große genetische Vielfalt gab. TC 06:13 – Eine Frage und zwei Thesen MUSIK SprecherDoch: Wer genau wann auf die Inseln kam – und vor allem warum: Diese Fragen lassen sich auch mit Erbgut-Analysen nicht zufriedenstellend beantworten. Für Teresa Delgado passen die Erkenntnisse ihrer Forscher-Kollegin Fregel zumindest zu zwei Theorien über die Ankunft der ersten Siedler auf den Kanaren. O-Ton 6 Delgado Voice Over weiblich„Die erste These geht davon aus, dass ein anderes Volk – wie die Römer – die ersten Inselbewohner herübergebracht, sie quasi auf den Inseln ausgesetzt hat: Als Gefangene oder Sklaven. Eine zweite These ist, dass sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln gekommen sind. Demnach hätten die Ur-Kanarier die Kunst der Schifffahrt mit der Zeit einfach verlernt. “ SprecherEs gibt Quellen, die Wissenschaftler an der These vom Inselvolk ohne jegliche Kenntnisse und Mittel zur Seefahrt zweifeln lassen. So erwähnt der italienische Geschichtsschreiber Leonardo Torriani nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert, Boote von Ureinwohnern, gefertigt aus dem Holz von Drachenbäumen. Der deutsche Kanaren-Forscher Harald Braem verweist in diesem Zusammenhang auf Zeugnisse, die die indigene Bevölkerung selbst hinterließ. O-Ton 7 Braem„Gran Canaria ist stark vertreten mit interessanten Darstellungen…. die Felsbilder natürlich, sogar von einem Schilfboot.  Was jetzt wirklich interessant diskutiert wird, ist, dass diese Boote Schilfboote waren. Dieses Schilf ist quasi unsinkbar, weil es ja hohl ist innen. Und dass mit diesen Schilfbooten diese Expeditionen gemacht wurden.“ SprecherOb es diese Boote wirklich gab, und wie groß der Bewegungsradius damit gewesen sein mag – dies ist und bleibt eine weitere Unbekannte in der Geschichte der Urkanarier. In jedem Fall dürften die ersten Bewohner der Kanaren ihr Dasein über 1000 Jahre lang in Isolation gefristet haben - bis die Europäer die Inseln im späten Mittelalter wiederentdeckten. Selbst die benachbarten Inseln waren stets zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Mangels Metallvorkommen stellten die Ur-Kanarier Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen her. Und noch eine These wird durch DNA-Analysen von Rosa Fregel gestützt: Dass sich Wirtschaft und Gesellschaft jeder einzelnen der Kanareninseln unabhängig voneinander entwickelten, Handel oder sonstiger Austausch fand nicht statt: Ton 8 Fregel Voice Over weiblich„Insgesamt recht seltene Krankheiten, die auf El Hierro gehäuft auftraten, deuten auf eine starke Blutsverwandtschaft hin - und eine geringe genetische Vielfalt der Bewohner. Auf Gran Canaria dagegen hat sich eine große genetische Diversität erhalten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass es auf dieser ungleich größeren Insel mehr Vieh und Getreide hab – und mehr Wasser, um auch eine größere Bevölkerung durch Krisenzeiten zu bringen.“ ATMO Plätschern Wasserquelle SprecherWasser – das gibt und gab es auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma im Überfluss. Noch heute füllen die unterirdischen Quellen zuverlässig die Trinkwasserreservoirs. Die Nähe zum Wasser: Sie war ein entscheidender Grund, warum gerade hier die einst wichtigste Siedlung der Ureinwohner entstand. O-Ton 9 Braem„Wir sind hier im barranco gomeros, im Westen von La Palma, und das ist eine besondere Zone, mit etwa 35 Höhlen der Ureinwohner. (...) Hier in dem barranco werden, hochgerechnet, 200 bis 250 Menschen gelebt haben, Männer, Frauen, Kinder.(…) Die Population der Einwohner hier, der Ureinwohner, wird ungefähr auf 10.000 geschätzt, zur Ankunft der Spanier, in zwölf Stämmen aufgeteilt.“ ATMO Schritte, Abstieg in den barranco SprecherÜber unwegsames Gelände geht es hinunter, zum Grund der Schlucht. Vor Ankunft der spanischen Eroberer, die Bäume und Sträucher in großer Zahl abholzten, dürfte der Barranco de Los Gomeros bewachsen und die Höhlensiedlung besser zugänglich gewesen sein. Heute prägen Sand, Fels und Geröll eine zerklüftete Landschaft, die schließlich ins Meer mündet.  O-Ton 10 Braem„Grundnahrungsmittel war das Meer. Dann war ja hier die Anbaumöglichkeit hier am Bach gegeben… Oder natürlich die Ziegen, die meiste Grundlage beruhte auf Ziegen. Also sowohl die Felle, für Kleidung. Oder die Sehnen, die Hörner. Also man konnte von der Ziege das Fleisch, alles verwenden. Das war hier so eigentlich eine ganz gut ausgewogene Kost zwischen Früchten… Beerensammler, nä? Und Gofio gabs ja auch. Gofio, das war die geröstete Wurzel des Farnkrauts...und dann hat man ein Mehl, so n Hirte hatte nen Beutel mit Gofio dabei für unterwegs: Schnell mal ein kleines Brot backen, oder so.“TC 11:14 - Höhlenfunde SprecherIn den Höhlen des Barranco de Los Gomeros fördern Archäologen noch immer zahlreiche Utensilien der Urkanarier zu Tage, weiß Harald Braem. ATMO Klettern O-Ton 11 Braem„Die interessantesten Sachen sind natürlich immer im vorderen Bereich, wo die Feuerstelle war, und wo man die Abfälle ´rauswarf. Und da findet man am meisten.“ MUSIK Sprecher Kunstvolle, aus Knochen geschnitzte Nadeln, mit denen die Ureinwohner Kleidung aus dem Leder der Ziegen nähten, fanden sich in den Höhlen ebenso wie steinernes Werkzeug, mit denen sie Fleisch schnitten. Unmengen an Splittern tönerner Töpfe lassen erahnen, dass hier groß aufgekocht wurde: Die Benahoaritas, so der Name der ersten Siedler auf La Palma, lebten wohl in Verbünden von Großfamilien zusammen. Ein Grund, warum die kanarischen Ureinwohner nicht in einzelnen Höhlen wohnten – sondern sich in Höhlenkomplexen niederließen: Überall dort, wo ihnen die vulkanische Geographie der Inseln genügend Platz bot. O-Ton 12 Dr. José Ignacio Sáenz, Leiter der archäologischen Stätte Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria, span., Voice Over männlich„Diese Orte bestehen teils aus natürlichen Höhlen, teils aus künstlichen Eintiefungen, die die Ureinwohner so in den Berg schlugen, dass sie einerseits unterirdische Wohnräume hatten, andererseits aber auch die Flächen der Terrassen nutzen konnten, die die Geografie der Hanglage für sie bereithielt. Später kamen auch freistehende, runde Steinhäuser dazu. Es entstanden nach und nach immer komplexere Siedlungen, wie etwa im Gáldar – wo sich mehr als 60 Häuser rund um die Cueva Pintada, die „bemalte Höhle“, gruppieren.“ Sprecher...sagt José Ignacio Sáenz. Er leitet das Museum Cueva Pintada in Gáldar, im Nordwesten von Gran Canaria. Der heute knapp 25.000 Einwohner zählende Ort war einst Hauptstadt des Nordreiches der Altkanarier. An der Cueva Pintada von Gáldar zeigt sich, dass die kanarischen Ureinwohner Höhlen nicht nur für weltliche Zwecke nutzten O-Ton 13 Sáenz Voice Over männlich„Die Cueva Pintada war keine normale Grabkammer. Bei den dort aufgebahrten Mumien dürfte es sich, ähnlich wie bei christlichen Heiligen-Reliquien, um bedeutende Persönlichkeiten gehandelt haben. Diese Bestattung, möglicherweise eines kanarischen Herrschers, dürfte die Höhle zu einem ,heiligen Ort’ aufgewertet haben.“TC 13:38 – Rätsel über Rätsel MUSIK SprecherAuch die „bemalte Höhle“ von Gáldar hält, wie José Ignacio Sánz einräumt, letztlich mehr Fragen als Antworten über das Leben und Sterben der kanarischen Ureinwohner bereit. Denn deren Kenntnisse der Mumifizierung wollen nicht recht zu einem ausgewanderten Berbervolk aus Nordafrika passen: Dies rief den französischen Forscher Jean-Paul Canamas auf den Plan: Der behauptete, verbannte oder verschleppte Ägypter seien einst gemeinsam mit den Berbern auf die Inseln gelangt, und hätten dort ihre Bestattungsbräuche eingeführt. Doch warum unterscheiden sich die Arten der Mumifizierung der alten Ägypter und der Altkanarier dann so deutlich? Wie erklärt sich, dass die Ägypter Verstorbene ausweideten, die Urkanarier ihren dagegen mitsamt aller Organe einbalsamierten – und die Leichen schließlich auch noch in Lederhäute einnähten? Auch der Sinn und Zweck der Zeichen und Formen an der Wand der Cueva Pintada von Gáldar bleibt bis heute im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Markierten die Kreise und Dreiecke, die Archäologen in unterschiedlicher Ausprägung auf allen Kanareninseln entdecken, die Zugehörigkeit zu einem Volk, Stamm oder Familie? Dienten sie einst als eine Art Kalender – oder für religiösen Riten? Die Forscherin Teresa Delgado glaubt: In der vorzeitlichen Gesellschaft der Urkanarier waren handfeste landwirtschaftliche Zwecke und spirituelle Praxis kaum zu trennen. O-Ton 14 Delgado Voice Over weiblich„Diese Menschen mussten den Blick nach oben richten, die Sterne, das Wetter und die Jahreszeiten verfolgen: Sie sahen sich also im wahrsten Sinn des Wortes den Himmelsmächten ausgesetzt.“ SprecherOb sich die Geheimnisse der indigenen Bildersprache jemals vollständig lüften lassen? José Ignacio Sáenz hat daran Zweifel: Denn die ersten Bewohner der kanarischen Inseln hinterließen keinerlei schriftliche Dokumente, ihre Kultur wurde mündlich überliefert. Selbst von ihrer Sprache sind nur Bruchstücke bekannt – etwa die Ureinwohner-Bezeichnung Guanche - die sich aus den Worten „Guan“ für „Mensch“ und „Chinet“ für die Insel Teneriffa zusammensetzt. So bleibt Wissenschaftlern wie Sáenz nur, Scherben zusammenzufügen, auf dass sich ein stimmiges Bild von den ersten Kanariern ergebe; oder, im wahrsten Sinn des Wortes, die Zeichen an der Wand zu deuten: Felsgravuren etwa, oder die Malereien in der Cueva Pintada. Doch diese in ihrer tieferen Bedeutung zu entschlüsseln: Für José Ignacio Sáenz eine schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe. O-Ton 15 Saénz Voice Over männlich„Als Archäologen kommen wir hier oft nicht weiter, weil wir mit den materiellen Zeugnissen einer Kultur arbeiten. Sobald es um die Welt des Denkens, des Glaubens, der Rituale und der Religion der Urkanarier geht, wird es für uns sehr schnell sehr kompliziert.“ SprecherDer Autor Harald Braem taucht in seinen Büchern und Filmen tief ein in diese mythenumrankte Welt der kanarischen Ureinwohner. Literarisch - und mit experimentellen Expeditionen folgt er den Spuren der Urkanarier, auch in seiner Wahlheimat La Palma. Die Gesellschaft der dort lebenden Benahoaritas, das wird dabei deutlich, war eine hierarchische. Die Autorität der Adelsklasse leitete sich ab aus dem Monopol über Mythen und Riten, aber auch aus der Fähigkeit, den Himmelskalender zu deuten. Als Mittler zwischen den Menschen und den übernatürlichen Kräften, als eine Art Priester und Zeremonienmeister traten dabei die Faycanes oder Fayzagues auf dem heiligen Berg der Ureinwohner auf: Dem Idafe – auf dem man Tiere opferte, die Götter beschwor - und weissagte. O-Ton 16 Braem„Also, Tieropfer, insofern, als man die Ziege danach aufgegessen hat, mit der ganzen Familie (lacht)...das ist klar. Aber die Innereien, das wurde dann zum Idafe hochgebracht, und dann auf einem kleinen Opferplatz hingelegt für die Seelenvögel, also Adler, Geier und Raben. Und dann hat man beobachtet, wie die Tiere sich verhalten haben. Und daraus dann geweissagt. Das ganze Ritual ging eigentlich immer um Himmel und Wasser. Dass es wieder regnet und das Wasser kommt. Da gabs ganz ausgeklügelte Rituale von Steinanbohrungen bis zu Zicklein, die angebunden wurden. Und die haben dann so gejammert, dass dann die große Regengöttin Munaiba dann ein Erbarmen hatte. Und hat´s dann regnen lassen“.TC 18:34 – Der Streit um Pyramiden MUSIK Sprecher Für kultische Zwecke genutzt worden sein soll auch eine Reihe von Steinbauten, die ebenfalls nach Himmelskörpern ausgerichtet sind - und die bis heute Rätsel aufgeben: Stufenpyramiden, die sich auf der Hälfte der acht kanarischen Inseln finden. Um den Ursprung der imposanten Bauten aus dunklem Lavastein entstand in den 1990er-Jahren eine erbitterte Kontroverse, an der sich Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien, aber auch kanarischen Nationalisten und Esoteriker beteiligten. Auch Harald Braem hat gemeinsam mit dem norwegischen Archäologen Thor Heyerdahl an der Pyramide von Güimar auf Teneriffa gegraben. Nach Heyerdahls abenteuerlich anmutender These bildeten die kanarischen Pyramiden sowohl zeitlich als auch geografisch eine Zwischenstation auf dem Weg von ägyptischen Sonnenanbetern zu den Maya in Mexiko. Demnach wäre ihre Bauzeit rund 1000 Jahre vor Christi anzusiedeln. Kanarische Wissenschaftler wie die Kuratorin des Museo Canario von Las Palmas, Teresa Delgado, reagieren auf solche Spekulationen zunehmend gereizt. O-Ton 17 Delgado Teil 1 Voice Over weiblich„Diese Pyramiden haben nichts mit der Welt der kanarischen Ureinwohner zu tun“ Sprecher..erklärt Teresa Delgado, Kuratorin des Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria. O-Ton 17 Delgado Teil 2 Voice Over weiblich„Das sind Anhäufungen von Lesesteinen, die Bauern von ihren Feldern entfernt haben, die Stufen wurden dazu angelegt, um Früchte oder Getreide zu trocknen. Archäologen haben die Pyramiden nach Ausgrabungen eindeutig auf die Zeit nach der spanischen Eroberung datiert. Es ist schon wichtig, hier der wissenschaftlichen Evidenz zu folgen: Wir können nicht einfach Geschichten verbreiten, die nicht durch die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnis gedeckt sind.“ Sprecher Diese „archäologischen Erkenntnisse“, entgegnet der deutsche Professor Harald Braem, seien das Ergebnis lediglich einer Grabung - und ließen andere Funde und historische Quellen außer Acht. O-Ton 18 Braem„Tatsächlich beschreiben Chronisten wie Leonardo Torriani die Rituale auf solchen Pyramiden. Das gabs ja vor den Spaniern! Da wurden die Könige, die Menceys gekrönt, da wurden die Feste gefeiert an diesen Pyramiden…und wir haben zum Beispiel unter der einen Pyramide eine Höhle ausgegraben, da lagen Scherben, und zwar der Ureinwohner! Also man wird nicht ernst genommen. Oder, die Ureinwohner werden nicht ernst genommen.“ MUSIK Sprecher Es mangle an Finanzmitteln und Motivation, behauptet Braem. Und es fehlten Forscherinnen und Forscher mit einem frischen Blick, um das archäologische Erbe der kanarischen Ureinwohner unvoreingenommen zu erkunden, ihre steinernen Zeugnisse zum Sprechen zu bringen. Und dennoch: Trotz aller Kritik ist Harald Braem zuversichtlich, dass die weit zurückliegende Zivilisation der Urkanarier nicht in Vergessenheit geraten wird. O-Ton 19 Braem„Die Kultur hier ist irgendwie in den Menschen drin, in der Landschaft: Die ist auf eine magische Weise so kraftvoll, dass sie einfach überlebt.“TC 21:45 – Outro
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Sep 6, 2024 • 24min

FRÜHE WELTREISENDE - Die Naturforscherin Maria Sibylla Merian

Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Die 1646 geborene Tochter des berühmten Matthäus Merian ist künstlerisch hoch begabt. Jahre später gelingt ihr - fast undenkbar für eine Frau ihrer Zeit - eine Forschungsreise nach Surinam. Autorin: Renate Ell (BR 2013) Credits Autorin: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch Technik: Susanne Herzig Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Dr. Katharina Schmidt-Loske, Brigitte Strehler, Dr. Andreas Curtius, Prof. Dr. Anne-Charlott Trepp Linktipps: Deutschlandfunk (2018): Der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian Die Kupferstiche von Matthäus Merian zeigen deutsche Städte, wie sie vor dem Dreißigjährigen Krieg aussahen. Mit ihnen wurde der Kupferstecher und Verleger berühmt. Er ist es bis heute. Dazu haben besonders seine zwei Hauptwerke beigetragen, mit denen er zum Chronist seiner Zeit wurde. ZUM BEITRAG radioWissen (2020): Schmetterlingssammler – Von Hesse bis Nabokov Bis ins 20. Jahrhundert hinein streiften Schmetterlingsjäger und Sammler mit ihren Netzen durch Wald und Wiesen, um die flatternden Schönheiten zu erhaschen. Auch einige bekannte Schriftsteller frönten dem lustvollen Zeitvertreib. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENTimecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – IntroTC 04:09 – Nürnberger ZeitTC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue ErfindungTC 11:31 – Geistreich & gläubigTC 15:40 – In der SekteTC 18:27 – Eine Reise nach SüdamerikaTC 22:55 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 – Intro MUSIK ERZÄHLERIN1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt, ZITATORIN MERIAN "… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen." ERZÄHLERINMit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge. ZITATORIN MERIAN "Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen." ERZÄHLERINFrankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn.  (1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt." ERZÄHLERINEs sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. (2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER"Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da." ERZÄHLERINIm Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg. TC 04:09 – Nürnberger Zeit MUSIK ERZÄHLERINIn Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg. (3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS"Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell." ERZÄHLERINEs muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist. (4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS"Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft." ERZÄHLERINSicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske: TC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue Erfindung (5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu." ERZÄHLERINDieses „Metamorphosebild“ ist ihre … ZITATORIN MERIAN"…ganz neue Erfindung …" ERZÄHLERIN… wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert. (6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter." ERZÄHLERINAuch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen. MUSIK ZITATORIN MERIAN "Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein. Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist. Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein." ERZÄHLERINDie detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert. (7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER"Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da." TC 11:31 – Geistreich & gläubig ERZÄHLERINWährend in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik. (8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER"Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt." ERZÄHLERINNur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden. Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch … ZITATORIN MERIAN "… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern." ERZÄHLERINDie Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt. ZITATORIN MERIAN "Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen." ERZÄHLERINEinen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort. ZITATORIN MERIAN "Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen." ERZÄHLERINDie Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit. (9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP"Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet." ERZÄHLERINBücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken. (10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP"Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich." ERZÄHLERINDiese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften. TC 15:40 – In der Sekte MUSIK ERZÄHLERINRund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs. Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben. (11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP"Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben." ERZÄHLERINMit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: Als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs … ZITATOR "… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß." ERZÄHLERINGraff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung  ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie. TC 18:27 – Eine Reise nach Südamerika MUSIK ERZÄHLERINGraff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam. In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske. (12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten. ERZÄHLERINDie Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen. (13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben." ERZÄHLERINWird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat? Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt. (14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE"Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert." ERZÄHLERINCarl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf. MUSIK ERZÄHLERINMaria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen. TC 22:55 – Outro
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Sep 6, 2024 • 23min

FRÜHE WELTREISENDE – Der Indienfahrer Balthasar Sprenger

Im Jahr 1505 segelt der Gewürzkäufer Balthasar Sprenger an die indische Malabarküste. Seine Reise mit der portugiesischen Indienflotte ist die früheste deutsche Meerfahrt dahin, wo der heißbegehrte Pfeffer wächst. Von Simon Demmelhuber (BR 2022) Credits Autor: Simon Demmelhuber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Stefan Wilkening Technik: Regina Staerke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Maximilian Kalus Linktipps: WDR (2012): Bartholomeu Dias bricht zum Kap der Guten Hoffnung auf Seine Reise ist so geheim, dass bis heute niemand genau weiß, wie sie verlaufen ist: Im August 1487 sticht der Portugiese Bartolomeu Dias mit zwei Karavellen und einem Versorgungsschiff in See. Sein Ziel: die Umschiffung Afrikas und die Entdeckung eines Seewegs nach Indien, denn der verspricht reiche Gewinne im Gewürzhandel. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2022): Vasco da Gama, das Kap der Guten Hoffnung und der Seeweg nach Indien   Vor mehr als 500 Jahren umsegelte der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung – und entdeckte den Seeweg nach Indien. Für die Portugiesen war es der Beginn eines goldenen Zeitalters, in dem sie den Seehandel mit Indien dominierten. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - IntroTC 02:08 – Portugiesische WaagnisseTC 04:21 – Kupfer regiert die WeltTC 08:42 – Der bayerische SeefahrerTC 12:12 – Eine blutige SpurTC 14:53 – Teile und herrscheTC 19:19 - HeimreiseTC 22:40 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK ERZÄHLERINIndien! … ERZÄHLER… wo Pfeffer, Kurkuma, Kardamon, Nelken, Zimt gedeihen, wo kostbare Harze, Hölzer und Arzneien wachsen, wo Rubine, Smaragde, Diamanten, Perlen, Gold in Fülle überfließen. ERZÄHLERINIn der Antike schaffen Karawanen den verschwenderischen Reichtum des Orients aus den Tiefen Arabiens, aus China, Persien, Indien zu den Umschlagplätzen am östlichen Mittelmeer und in die Zentren der Alten Welt. Ab dem 10. Jahrhundert bringen vorwiegend italienische Großimporteure die Ware von Alexandria per Schiff nach Venedig und Genua, wo sie Käufer aus allen Winkeln Europas findet. ERZÄHLERINUm die Mitte des 15. Jahrhunderts sperrt das Osmanische Reich die uralten Handelsstraßen. Die neue Großmacht hat Konstantinopel erobert, beherrscht Anatolien und den Balkan, rückt über Syrien gegen Ägypten vor und kontrolliert nun den Zugang zum Orient. Mit weitreichenden Folgen, wie der Wirtschaftshistoriker Maximilian Kalus erklärt: O-TON KALUS 1Die Osmanen wollen die Christen von den asiatischen Gewürzen gewissermaßen komplett abschneiden. Das gelingt auch eine Weile, bis sie merken, dass dieser Handel verdammt lukrativ ist und sie deswegen selber mitmachen. ERZÄHLERINAuch im Mittelmeer versucht das Osmanische Reich, die abendländische Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Die Sicherung der Warenströme und Profite lässt den europäischen Großimporteuren nur eine Chance: Sie müssen neue Lieferwege erschließen und selbst in Asien einkaufen. ERZÄHLERAber wie? Die Landroute fällt aus. Bleibt nur der Seeweg. Doch niemand weiß, ob und wo ein Weg um Afrika herum nach Osten führt. TC 02:08 – Portugiesische Waagnisse MUSIK ERZÄHLERINDie Portugiesen wagen es trotzdem. Seit 1418 rüstet die Krone zahllose Expeditionen aus, die sich Fahrt um Fahrt an der Küste Westafrikas vortasten. Eine zentrale Behörde trägt den ständig erweiterten Wissensschatz über Küsten, Winde, Strömungen, Gezeiten, Untiefen, Ankergründe zusammen, der Portugals Goldenes Zeitalter befeuert. ERZÄHLERWozu die Mühe? Warum steckt ein kleines Land wie Portugal so viel Geld und Ausdauer in beschwerliche Entdeckungsfahrten mit unsicherem Ausgang? Aus Wissbegier und Missionierungseifer? Maximilian Kalus hat die Strukturen und Akteure des Orienthandels der frühen Neuzeit erforscht und hält ein anderes Motiv für ausschlaggebend: O-TON KALUS 2Natürlich werden religiöse Gründe vorgeschoben, da geht es immer auch um Christianisierung. Aber am Ende des Tages geht es um den schnöden Mammon. Am Ende geht es um Gewinn. ERZÄHLERAnders gesagt: Die Beseitigung des italienischen, osmanischen und asiatischen Zwischenhandels im Gewürz- und Orientgeschäft ist portugiesische Staatsräson. O-TON KALUS 3Das ist ein klassischer Verdrängungswettbewerb: Wenn ich das selber mache, greife ich den Gewinn ab, egal wie teuer das am Ende in Europa ist. Ich schöpfe hundert Prozent ab, und das ist der Deal, den die Portugiesen versuchen. MUSIK ERZÄHLERIN1488 ist das Ziel zum Greifen nah: Bartholomeu Dias umfährt das Kap der Guten Hoffnung und stößt in den Indischen Ozean vor. Nur zehn Jahre später landet Vasco da Gama an der Malabarküste: Der erste Europäer hat Indien auf dem Seeweg um Afrika erreicht und kehrt mit Zimt, Nelken, Pfeffer, Ingwer, Harz, Weihrauch, Duft- und Farbstoffen reich beladen heim. ERZÄHLERDie Welt hat sich für immer verändert: Die alten Monopole sind gebrochen, das Tor zur indischen Schatzkammer ist aufgestoßen, der direkte Zugriff auf die Schätze Indiens verheißt fantastische Renditen. TC 04:21 – Kupfer regiert die Welt ERZÄHLERINAuch den Augsburger und Nürnberger Kaufherrn ist die Tragweite des Durchbruchs auf Anhieb klar: Die Zentren des Orienthandels werden sich von Venedig, Genua oder Alexandria nach Lissabon und nach Antwerpen verlagern, wo Portugal die Gewürzimporte vermarktet. Wer im Geschäft bleiben will, muss dort präsent sein und investieren. O-TON KALUS 4Die Eliten der Reichsstädte, die europaweit Handel treiben, wissen genau, wo die Musik spielt, deswegen ist anzunehmen, dass sie diese Chancen wittern. Gerade die Welser gehen da ziemlich forsch voran. ERZÄHLERINHeute würde man die Augsburger Welser vermutlich als Early Mover bezeichnen. Schon 1502 gründen sie eine Niederlassung in Lissabon, wenig später ziehen mit den Fuggern weitere Handelshäuser nach. Und vermutlich sind es auch die risikobereiten Welser, die ab 1503 das Projekt einer deutschen Handelsfahrt nach Indien vorantreiben. ERZÄHLERDirektimporte aus Asien? Die ganze Lieferkette in einer Hand? Das klingt interessant, setzt aber einen Vertrag mit König Manuel von Portugal voraus. Zum Glück stehen die Chancen dafür gut. Denn die Deutschen haben zwei Dinge, die Manuel fehlen: Geld und Kupfer! ERZÄHLERINPortugal schickt seit 1498 alljährlich Handelsschiffe nach Indien, deren Finanzierung schwer auf der Staatskasse lastet. Vor allem der militärische Geleitschutz blutet die Ressourcen aus. König Manuel braucht also Fremdkapital, das er über ein beiderseits profitables Beteiligungsmodell einwirbt: Der Investor zahlt die Ausrüstung, den Unterhalt und die Heuer der portugiesischen Besatzung eines oder mehrerer Schiffe, dafür kann er frei in Indien einkaufen. Einen Teil der Rückfracht behält die Krone, den Rest der Geldgeber. ERZÄHLERAber Manuel hat noch ein zweites Problem: Indien besitzt keine eigenen Kupferminen. Das Metall ist begehrt, muss aber importiert werden und entwickelt sich so zum wichtigsten Tauschgut des Gewürzgeschäfts. O-TON KALUS 5Die Formel ist einfach: ohne Kupfer kein Pfeffer. Kupfer ist im Grunde das wichtigste Metall, Kupfer braucht man in wahnsinnigen Mengen für Dächer, für Alltagsgegenstände, alles Mögliche im Haushalt wird aus Kupfer hergestellt. Später werden auch die Rümpfe von Schiffen mit Kupfer beschlagen, Geschütze sind aus Kupfer […]. ERZÄHLERIn großen Mengen liefern können das begehrte Metall nur Augsburger und Nürnberger Handelsgesellschaften, allen voran die Fugger. Maximilian Kalus: O-TON KALUS 6Die Leute, die auf dem Kupfer hocken, sind im Grunde die oberdeutschen Kaufleute. Die haben fast die absolute Marktmacht. Die drei deutschsprachigen Reviere, nämlich Tirol, Neusohl und Mansfeld sind die größten Kupferabbaugebiete, und die Leute, die im Montanwesen tätig sind, sind genau die Leute, die dann im Pfefferhandel tätig sind. ERZÄHLERUm mit der Investitionslücke zugleich seine Kupferlücke zu schließen, kommt Manuel den Deutschen entgegen. Er gewährt ihnen beträchtliche Handelsvorteile in Portugal und fordert einen vergleichsweise geringen Kronanteil von 30 Prozent auf die in Indien geladene Ware. MUSIK ERZÄHLERIN 1504 ist der Vertrag unter Dach und Fach. Ein Konsortium, dem die Augsburger Handelsgesellschaften der Welser, Fugger, Gossembrot und Höchstetter sowie die Nürnberger Firmen Imhoff und Hirschvogel angehören, bringt 65.000 Dukaten für drei Handelsschiffe auf. Ein Drittel der Summe, die etwa 7 Millionen Euro entspricht, tragen die Welser, den Rest die Mitgesellschafter. ATMO ERZÄHLERIN25. März 1505: 20 Schiffe der siebten königlichen Indienflotte lichten im Hafen von Lissabon die Anker. Das Oberkommando hat Dom Francisco de Almeida, dem 1500 Soldaten, 200 schwere und 100 leichte Geschütze sowie ein Tross von Segelmachern, Zimmerleuten, Handwerkern, Geschützgießern, Beamten und Einkäufern unterstehen. TC 08:42 – Der bayerische Seefahrer MUSIK ERZÄHLERUnd: ein junger Mann, der an diesem Tag auf einer der drei deutschen Schiffe zur Reise seines Lebens aufbricht. ZITATORIch, Balthasar Sprenger aus Fils in Tirol, ein Bestellter der Welser zu Augspurg! ERZÄHLERINBalthasar Sprenger, von dem wir kaum mehr als den Namen wissen, wird für seine Auftraggeber 15 Monate auf See und fünf Monate in Indien zubringen. Er wird 42.000 Kilometer zurücklegen, wird unbekannte Tiere, Pflanzen und Merkwürdigkeiten bestaunen, wird in Seenot und Todesangst geraten, wird beten, bangen, hungern, dürsten und bisweilen an der Heimkehr verzagen. ERZÄHLEREr wird aber auch mit verstörender Selbstverständlichkeit an Gewaltexzessen, Kriegsgräueln, brutalen Plünderungen und Brandschatzungen teilhaben. Er wird auf Menschen treffen, deren Fremdheit sein Begreifen überfordert. Er wird sehen, ohne zu verstehen, und urteilen, ohne zu prüfen. Nur eines wird er nicht tun: Er wird nie, wird mit keinem Wort, keinem Gedanken an der Überlegenheit des christlichen Abendlands und seinem Vorrecht auf alle Schätze dieser Erde zweifeln. ERZÄHLERINNach vier Wochen auf See legt die Flotte erstmals eine lange Pause an der Küste des heutigen Senegal ein. Hier leben Wolofstämme, die sich mit den Europäern arrangiert haben. Viele Wolofhändler sprechen genug Portugiesisch, um Frischwasser und Proviant gegen Werkzeug oder Schmuck zu tauschen. ERZÄHLERDie Rast vor der Kapumfahrung ist dringend nötig. Navigationsfehler, Stürme, Strömungen und Havarien haben die Flotte zerstreut. Ohne sichere Sammelplätze wären die Nachzügler verloren. Außerdem sind selbst die modernen portugiesischen Naos, Karacken und Karavellen schwimmende Dauerbaustellen. Marodes Tauwerk und gerissene Segel müssen geflickt, gesplitterte Masten, gebrochene Anker und Steuerruder erneuert, Lecks gestopft und faulende Planken ausgetauscht werden. ATMO ERZÄHLERINDann wird es ernst. Die Umsegelung der Südspitze Afrikas entfesselt alle Schrecken des Meeres: Wolkenbrüche, gewaltige Strömungen, Fallböen und unberechenbare Winde zersprengen den Verband, drücken und schieben die Schiffe gegen Klippen und Riffe. Zwei später wiedergefundene Schiffe gehen verloren, für die übrigen öffnet sich nach schweren Tagen der Indische Ozean. MUSIK ERZÄHLERBislang liefert Sprengers Bericht erwartbare Entdeckerexotik: Wasser, Wellen, tanzende Horizonte, fremde Sterne, wundersame Tiere und Pflanzen, schwarze Menschen mit ‚seltsamen‘ Kleidern, Haaren und anstößiger Nacktheit. An der ostafrikanischen Küste kippt das launige Seestück. ERZÄHLERINAcht Schiffe ankern vor Kilwa, der Hauptstadt des gleichnamigen Swahili-Sultanats. Der reiche Handelshafen herrscht über den heute tansanischen Teil der Küste Ostafrikas. 1502 unterstellt Vasco da Gama das Sultanat der Herrschaft Portugals und verhängte einen jährlichen Tribut. Dass Kilwa diese Abgabe und den Vasallenstatus seither ungestraft verweigert, schwächt die Autorität Portugals. ERZÄHLERHöchste Zeit, ein warnendes Exempel zu statuieren! TC 12:12 – Eine blutige Spur MUSIK ERZÄHLERINAm Morgen des 24. Juli 1505 künden Kanonenschüsse ein blutiges Lehrstück an. 500 Bewaffnete stürmen den Palast des Sultans, der inzwischen geflohen ist und die Stadt einer so raub- wie mordlustigen Soldateska überlässt. Balthasar Sprenger ist, unklar ob als Zeuge oder Täter, in den Überfall verwickelt. ZITATORDa fuhren wir hin mit ganzer Macht zu der Stadt und schossen etlich Heiden tot, plünderten und fanden große Schätze von Gold, Silber, Perlen, Edelsteine sowie kostbare Kleidung. ERZÄHLERVon Skrupeln keine Spur. Auch als Generalkapitän Almeida kurz danach das feindliche Mombasa belagern, angreifen, plündern und bis auf den Grund niederbrennen lässt, billigt Sprenger die zügellose Gewalt. Was hier geschieht, ist Ausfluss der Gewissheit, gemeinsam einer überlegenen christlichen Zivilisation anzugehören, die einen universalen Herrschaftsanspruch begründet. MUSIK ZITATORDurch Gottes Vorsehung blieb mancher Heide tot. Wir eroberten und besetzen die Stadt mit großem Frohlocken, dankten dem Allmächtigen und begannen zu plündern und fanden unsagbar große Reichtümer. Amen! ERZÄHLERDie siebte Indienarmada von 1505 bis 1506 unter Francisco de Almeida ist keine Entdeckungs- und noch nicht einmal vorrangig eine Handelsfahrt. Sie ist eine brutale Inkasso- und Strafaktion. Die Demonstration militärischer Macht soll Widerstände brechen, Aufwiegler züchtigen, Nachahmer schrecken und allen zeigen, wer an den afrikanischen Küsten und im Indischen Ozean künftig das Sagen hat. ERZÄHLERINDabei verzichtet Portugal trotz massiver Militärpräsenz auf die Eroberung geschlossener Herrschaftsräume. Die expansive Strategie setzt vorerst auf die Sicherung des Seewegs und der Logistikkette durch befestigte Faktoreien, die den Armadas als Brückenkopf, als Waren- und Ausrüstungslager, als Nachrichtenbörse, Herberge und Servicezentrum dienen. Welche Mittel der Generalkapitän einsetzt, um seine Ziele zu erreichen, ist ihm überlassen: Er kann Freundschafts- und Bündnisverträge schließen, notfalls aber auch Gewalt anwenden. O-TON-KALUS 7In Westafrika gibt es hochentwickelte Kulturen und Königshäuser, da müssen sich die Portugiesen mit den Eliten arrangieren. TC 14:53 – Teile und herrsche ERZÄHLERMalindi ist der letzte ostafrikanische Halt vor der Überfahrt nach Indien. Im geschützten Hafen des muslimischen Stadtstaats kann die Armada gesichert ankern, Vorräte auffrischen, Schäden ausbessern, auf vermisste Schiffe warten. Dafür sorgt ein Beistandsvertrag auf Gegenseitigkeit: Der König gewährt das Aufenthaltsrecht, Portugal verspricht Schutz vor dem aggressiven Nachbarn Mombasa. Entsprechend freudig nimmt man die Nachricht vom Untergang des Rivalen auf. ZITATORDer Kunig was zufrieden, dass wir die Stadt gründlich verwüstet, ausgeraubt und eingeäschert haben. ATMO ERZÄHLERINEnde August stechen 15 überholte, bestens proviantierte Schiffe in See. Nach 16 Tagen und 4000 Kilometern über offenes Meer ist die Passage geschafft. Die Flotte steuert zunächst die menschenleere Insel Angediva vor der Malabarküste an. Während die Nachzügler eintreffen, errichten Bautrupps ein Fort nebst Kirche aus mitgebrachten Fertigbauteilen. Ende Oktober steht die Festung. Almeida stellt 80 Mann und zwei Schiffe zu ihrer Bewachung ab und nimmt Kurs auf die Malabarküste. MUSIK ERZÄHLERIm Südwesten des indischen Subkontinents treffen die Portugiesen auf eine verwirrende Vielzahl meist muslimisch, bisweilen hinduistisch geprägter Königreiche, Fürstentümer und Stadtstaaten. Unter allen Hafen- und Handelsstädten, in denen indische, tamilische, arabische, chinesische und jüdische Kaufleute mehr oder minder friedlich zusammenleben, ist keine berühmter, keine größer, reicher und wichtiger als Calicut. ERZÄHLERINIn Calicut, der Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, war auch Vasco da Gama bei seiner ersten Ankunft gelandet. Der Zamorin, der Herrscher der muslimischen Erbmonarchie, hatte die Portugiesen freundlich empfangen. Aber die Duldung währte nicht lange. Die Neuankömmlinge treten derart aggressiv und herrisch auf, dass sie zuletzt einen vollständigen Boykott seitens der eingesessenen Händler provozieren. Als sich schließlich niemand mehr bereitfindet, ihnen Ware zu verkaufen, weichen die Portugiesen auf andere Handelsplätze aus. ERZÄHLERDivide et impera – teile und herrsche! Ein Spiel beginnt, das die Portugiesen meisterhaft beherrschen: Wie in Afrika nutzen sie regionale Rivalitäten und Sezessionsbestrebungen für ihre Zwecke. Die Strategie geht auch diesmal auf: Weil Calicut die Vorherrschaft an der Malabarküste anstrebt und dabei nicht zimperlich vorgeht, sind die Portugiesen in den benachbarten Königreichen Cochin und Cannanore hoch willkommen. Für ein Beistandsversprechen gegen Calicut gewähren die Rajas nicht nur ungehinderten Zugang zu ihren Häfen und Märkten. Sie gestatten den Bau von Faktoreien und Festungen, akzeptieren die Dauerpräsenz bewaffneter Soldaten und erkennen die Oberherrschaft König Manuels an. ERZÄHLERINCalicut hält still, solange die Armada in Indien weilt. Kehrt sie mit dem Wintermonsun nach Portugal zurück, hagelt es Angriffe gegen die nun schutzlosen Nachbarn. Ein halbes Jahr später trifft die nächste Flotte mit dem Sommermonsun an der Malabarküste ein und führt sofort harte Strafexpeditionen durch. Das Hin und Her wechselseitiger Provokationen und Rachefeldzüge eskaliert: Calicut zerstört portugiesische Niederlassungen und befehdet Parteigänger Portugals. Die Portugiesen kapern und plündern muslimische Handelsschiffe, beschießen arabische Faktoreien, überfallen und verwüsten mit Calicut verbündete Städte. MUSIK ERZÄHLERSo stehen die Dinge, als Balthasar Sprenger am 26. Oktober 1505 in Cannanore erstmals indischen Festlandsboden betritt. Er landet in einem Gebiet schwelender Konflikte, die er nicht durchschaut, und nimmt selbst dann ungerührt an Kriegshandlungen teil, wenn Almeida im Namen des portugiesischen Königs und abendländischer Handelsinteressen auf Unbewaffnete schießen und ihre Häuser niederbrennen lässt. O-TON KALUS 8Sie wollen sich etablieren im Indischen Ozean. Es war klar, dass sie den gesamten Handel kontrollieren wollten. Es ist der Beginn dessen, was wir später als Globalisierung bezeichnen, dessen, was letztlich im Kolonialismus endet.TC 19:19 - Heimreise ERZÄHLERINWas Balthasar Sprenger miterlebt, ist die Gründung des Estato da India. Dieses vorkoloniale Gebilde, das Francisco de Almeida als erster der auf drei Jahre bestellten Vizekönige regiert, ist kein geschlossenes Herrschaftsgebiet. Das wäre zu Beginn des 16. Jahrhunderts sowohl verwaltungs- und militärlogistisch wie demografisch nicht zu stemmen. Die Herrschaft des Vizekönigs erstreckt sich über kleine, unverbundene Flächen mit portugiesischen Faktoreien, Festungen, Kirchen, Verwaltungs- und Wohngebäuden. Zum Schutz der Exklave bleiben erstmals zehn bemannte Schiffe in Indien zurück. Die dauerhaft stationierte Seemacht soll verbündete Städte und Häfen verteidigen, Passierzölle eintreiben, Piraten bekämpfen und den muslimischen Handelsverkehr stören. ERZÄHLERWährend Almeida sein Regiment als Vizekönig aufnimmt, beginnen die Kaufleute in Cochin und Cannanore mit dem Wareneinkauf und der Verladung. Ob Sprenger selbst handelt, in welcher Funktion er auftritt und wie das Geschäft abläuft, verschweigt der Bericht. Wir wissen nur, dass sich die drei Schiffe der oberdeutschen Kaufherren bis Ende Dezember mit Perlen, Edelsteinen, Ingwer, Zimt, Aloe, Schellack Kampfer, Gummi, kostbaren Harzen und rund 130 Tonnen Pfeffer füllen. ATMO ERZÄHLERINDann drängt die Zeit: Die gestaffelt abreisenden Heimkehrer müssen den Wintermonsun erwischen. Ein erstes Geschwader läuft am 2. Januar aus, die Leonarda, auf der Sprenger fährt, setzt am 21. Januar 1506 Segel in Richtung Lissabon, die dritte Abteilung folgt Anfang Februar. MUSIK ERZÄHLERDie Heimreise dauert zehn Monate und ist ein Fiasko. Schiffbrüche, Gegenwinde, Stürme, Flauten verzögern die Überfahrt. 123 Seefahrer sterben an Hunger, Durst und Fieber. 20 Monate nach seiner Ausfahrt macht Sprengers Schiff in Lissabon die Leinen fest. ZITATORAm 15. November setzen wir Anker vor der Stadt und hatten do mit diese Reis in dem Namen Gottes vollbracht und geendet. MUSIK ERZÄHLERAbgeschlossen ist die Reise damit noch nicht. Zumindest nicht für die süddeutschen Handelsgesellschaften. ERZÄHLERINKönig Manuel möchte verhindern, dass ein plötzliches Überangebot an Gewürzen und Orientwaren die Preise ruiniert. Also lässt er die Fracht der Deutschen beschlagnahmen und einlagern. Erst nach vier Jahren können die Fugger, Welser, Gossembrot, Imhof und Hirschvogel die Herausgabe vor Gericht erstreiten. ERZÄHLERAm Ende tröstet ein stattlicher Reingewinn von 150 bis 175 Prozent wohl über manchen Ärger hinweg. ERZÄHLERINUnd Balthasar Sprenger? ERZÄHLEREr kehrt nach Augsburg zurück, verfasst einen Reisebericht, der 1509 als illustrierte Merfart zu viln onerkanten Inseln und Kunigreichen im Druck erscheint. Wie es dem Chronisten der ersten deutschen Indienfahrt danach ergeht, ist ungewiss. Seine Spur verliert sich wie ein Ruderschlag im Ozean. TC 22:40 – Outro
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Sep 6, 2024 • 24min

FRÜHE WELTREISENDE – Hans Schiltberger, der deutsche Marco Polo

Unfreiwillig verschlug es Johannes (Hans) Schiltberger in die Fremde. Im Mittelalter geriet der Bayer als Kriegsgefangener des Sultans bis nach Indien. Seine Erlebnisse beschrieb er in einem packenden Reisetagebuch. Von Lukas Grasberger (BR 2018)Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Stefanie Ramb Es sprachen: Xenia Tiling, Thomas Lettow Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christoph Paulus, Prof. Birgit Studt, Markus Tremmel Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: Die Grandauers und ihre Zeit Mit Podcasts kann man tief in besondere Geschichten eintauchen. Die Hörspiel-Serie “Die Grandauers und ihre Zeit” ist so eine besondere Geschichte: Die Familiensaga erzählt unter anderem das Leben von Kriminaloberwachtmeister Ludwig Grandauer und dessen Sohn, dem Münchener Kriminalkommissar Benno. Drei Generationen einer Münchner Familie durchleben und durchleiden in den Jahren von 1893 bis 1945 fast fünf Jahrzehnte bayerische und deutsche Geschichte - eine dramatische Zeit voller Träume, Hoffnungen, aber auch Kriege. ZUM PODCAST Linktipps: phoenix (2024): Kreuzritter im Orient Kriege im Namen Gottes - Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht: Diese Folge erzählt die Geschichte der muslimischen Rückeroberung des Heiligen Landes. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2005): Im Osmanischen Reich respektiert – in Resteuropa gefürchtet Liegt zwischen der Türkei und Europa ein „Kulturgraben“? Diese Frage hat ihren Ursprung im Nachhall der im 15. und 16. Jahrhundert weitverbreiteten sogenannten „Türkengefahr“. 1529 standen die Osmanen zum ersten Mal vor den Toren Wiens, ein traumatisches Ereignis für die mitteleuropäischen Königtümer. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENTimecodes (TC) zu dieser Folge:TC 00:15 – IntroTC 02:57 – Ein Bayer auf ReisenTC 05:10 – Die Schlacht von NikopolisTC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion?TC 14:48 – Andere Länder, andere SittenTC 19:05 -  Die Anziehungskraft des SchiltbergersTC 21:29 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 – Intro MUSIKZITATOR „Dann befahl der König, dass ein jeder seine Gefangenen töte. (…) Auch meine beiden Mitgefangenen wurden gepackt, und man schlug ihnen die Köpfe ab.  ATMO Als ich an der Reihe war, da erblickte mich der Sohn des Königs und erwirkte, dass ich am Leben blieb. Man führte mich zu den anderen Knaben, denn keiner unter zwanzig Jahren durfte getötet werden, und ich war zu der Zeit kaum sechzehn Jahre alt.“ SPRECHERINNüchtern, ja fast lakonisch erzählt der Jüngling Johannes Schiltberger, wie er 1396 nach einem gescheiterten Kreuzzug dem Türkenherrscher Bayezid in die Hände fiel – und dem Tod gerade noch einmal von der Schippe sprang. Die folgenden über 30 Jahre sollte der Spross eines alten bayerischen Adelsgeschlechts in Gefangenschaft verbringen. Doch Schiltberger saß nicht etwa in Kerkerhaft: Er musste seinen Herren als Soldat auf verschiedensten Feldzügen dienen. Johannes Schiltberger verschlug es nach Sibirien, nach Samarkand, ja gar nach Indien: Fremde Länder, die kaum je ein Zeitgenosse bereiste. Er will fantastische Begebenheiten erlebt haben, wie etwa Kamele, die man in Flammen setzte, um Kriegselefanten in die Flucht zu schlagen. MUSIK  SPRECHERINUnd Johannes Schiltberger schrieb seine Erlebnisse auf. Sein „Reisebuch“ über die Begebenheiten als „Sklave im Osmanischen Reich und bei den Tartaren 1394-1427“ wurde ab dem späten Mittelalter zu einer Art Bestseller - zunächst in mehreren Handschriften verbreitet, dann vielfach nachgedruckt. Die ins Neuhochdeutsche übertragenen Zitate stammen aus der Ausgabe von Ulrich Schlemmer. Die Schilderungen des unfreiwilligen Weltreisenden aus Bayern waren nicht nur für damalige Zeitgenossen eine spannende Lektüre. Schiltbergers Berichte fesseln noch heute, sagt Dr. Christoph Paulus vom „Haus der Bayerischen Geschichte“ in Augsburg. O-Ton 1 Christoph Paulus, Historiker am „Haus der Bayerischen Geschichte““Für unseren Bereich, konkret Bayern um das 14. Jahrhundert, ist dieser Text wahrlich ein Solitär [...]. Weil wir keine vergleichbaren Texte haben, und weil er uns in vielerlei Hinsicht eine ungemein interessante Mischung zwischen eigener Anschauung und eben systematischen ‚Abhandlungen‘ über fremde Länder, fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religionen und Gebräuche liefert.” SPRECHERINEs sind diese anschaulichen Schilderungen, derentwegen Schiltberger zuweilen auch als „bayerischer Marco Polo“ bezeichnet wird. TC 02:57 – Ein Bayer auf Reisen MUSIK Doch wer war dieser Johannes Schiltberger wirklich? Wo kam er her? Was veranlasste ihn, gen Osten gegen die Heiden in den Krieg zu ziehen? Und wie kam es zu seinem vielgelesenen Bericht? Geboren wird Johannes Schiltberger in ein Bayern des späten Mittelalters. Ein Bayern, das bewegten Zeiten entgegensieht... O-Ton 2 Prof. Birgit Studt, Mittelalterliche Geschichte, Uni Freiburg„Das war eine Zeit der Erbfolgestreitigkeiten, wo nun konkurrierende Teilherzogtümer entstanden […]“ SPRECHERIN...sagt die Freiburger Historikerin Birgit Studt. Bayern ist damals aufgeteilt unter den Enkeln und Urenkeln des deutschen Königs Ludwig des Bayern. Da gibt es die Münchner, die Landshuter, die Ingolstädter und die Straubinger – sich allesamt gegenseitig spinnefeind. Besitztümer sind zersplittert, der Stammsitz derer zu Schiltberg war auf einer Burg im heutigen Landkreis Aichach-Friedberg. Ein Zweig der Familie hatte sich in München niedergelassen, wo wohl auch Johannes Schiltberger zur Welt kam. Als nicht Erstgeborener Sohn konnte er sich wohl keine Hoffnung darauf machen, das Familienerbe anzutreten. O-Ton 3 Studt„Das Problem für Zweit- und Drittgeborene war nun tatsächlich: Wenn die Herrschaft nicht geteilt wurde, dass man sich Möglichkeiten anderer Verdienste suchte. Und da gab es eben die klassischen Wege: Politikberatung, indem man nun tatsächlich auch den Hofdienst suchte, den Dienst an größeren Fürstenhöfen, wo es eben darum ging, den Fürsten zu beraten, und hier die fürstliche Politik zu steuern. Oder auf der anderen Seite dann tatsächlich eine militärische Karriere zu unternehmen, und dann so etwas zu werden wie ein Offizier.“ MUSIK SPRECHERINJohannes Schiltberger geht also als Knappe in die Lehre, lernt vom Kreuzritter Leonhard Reichartinger, der aus der Umgebung von Trostberg stammte, das Kriegshandwerk. Dass es ihn damit in fremde Länder ziehen würde, war nahezu vorgezeichnet, sagt die Freiburger Professorin Birgit Studt. O-Ton 4 Studt„Darauf beruhte das Selbstverständnis von Adeligen, namentlich von adeligen Rittern, unterwegs zu sein, um zu kämpfen, Kriege zu führen, Reisen zu organisieren […]“   TC 05:10 – Die Schlacht von Nikopolis ATMO SPRECHERINRitter und Knappen, die sich quasi als Ich-AG in den Dienst verschiedener Herren stellten, wurden damals gebraucht – zumal es nicht nur innenpolitisch im deutschen Reich unruhig war. Besonders laut um Unterstützung rief Sigismund, der König von Ungarn. Osmanische Krieger bedrohten sein Königtum, auch im Rest der abendländischen Welt grassierte die Angst vor der „Türkengefahr“. Johannes Schiltberger eilte also Sigismund gemeinsam mit seinem Herrn Reichartinger zur Hilfe. Es war ein bunt zusammengewürfeltes christliches Heer, mit dem Johannes Schiltberger im September 1396 bei Nikopolis auf die Osmanen und ihre Verbündeten stoßen sollte. Das christliche Abendland im Kreuzzug gegen die Heiden zu verteidigen – das war zuweilen eher ein vorgeschobenes Motiv, sagt die Mediävistin Birgit Studt.  O-Ton 7 Studt”Das kann man schon in Nikopolis sehen: Da ging es Sigismund natürlich darum, sein Reich zu schützen. Diejenigen aber, die sich an diesem Kreuzzug beteiligten, hatten natürlich durchaus andere Motive. Und in der Berichterstattung über Nikopolis kann man sehen, dass da ganz unterschiedliche Motivkomplexe verhandelt wurden. Und eigentlich gar nicht deutlich sichtbar wurde: War das tatsächlich ein Kreuzzug oder war es eben dann einfach auch ein traditioneller ritterlicher Kampf, der gesucht wurde. Um eben auch militärische Bewährung zu finden - oder zum Beispiel von Seiten der Fürsten von Burgund sich als großer europäischer Player darzustellen“. SPRECHERINEigeninteressen sollten die Unternehmung zum Scheitern bringen: Als am 25. September im heutigen Norden Bulgariens die christlichen und osmanischen Armeen aufeinandertrafen, beharrten die französischen Ritter darauf, den ersten Angriff zu führen. Gegenüber diesem Wunsch zeigte sich König Sigismund skeptisch, wie Johannes Schiltberger berichtet. Prompt geht die Sache schief. Schiltberger gelang es zunächst, seinem Herren Reichartinger das Leben zu retten – doch war die Schlacht schnell verloren. Die Kreuzritter flüchteten, König Sigismund wurde auf ein Schiff begleitet, das ihn nach Konstantinopel brachte. Viele andere versuchten ebenfalls ihr Glück mit einer Flucht über das Wasser – doch vergebens. ZITATORSehr viele wollten auf die Schiffe, doch waren diese bald so voll, dass kein Platz mehr war. Versuchten doch noch welche, auf ein Schiff zu gelangen, so schlugen ihnen die, die schon darin saßen, die Hände ab, so dass sie ertranken.“ SPRECHERINEin Teil des Heeres – auch der Ritter Reichartinger - fiel in der Schlacht oder wurde auf der Flucht getötet... ZITATOR„...der größere jedoch geriet in Gefangenschaft. So wurden auch (…) zwei Adelige aus Frankreich gefangen. Auch der Großgraf von Ungarn und andere mächtige Herren, Ritter und Knechte, darunter ich, gerieten in Gefangenschaft“. ATMO SPRECHERINHans Schiltberger erlebte in der Folge einen Gewaltmarsch von rund 500 Kilometern -  barfuß, gefesselt und unter sengender Sonne. Über Gallipoli unweit von Konstantinopel ging es übers Meer nach Bursa, der damaligen Hauptstadt des osmanischen Reiches. Für die Qualen, die er erlitten haben muss, findet der Kriegsgefangene gerade einmal einen Satz: Er sei… ZITATOR„mit drei Wunden schwer verletzt, und man befürchtete, dass ich auf der Reise sterben könnte“. SPRECHERINÜber seine Gefühle angesichts eigener und fremder Qualen in Gefecht und Gefangenschaft verliert Johannes Schiltberger kein Wort. SPRECHERIN Ausgeblendet wird in dem Bericht auch, was Johannes Schiltberger später im Dienst morgenländischer Kriegsherren genau getan hat – und möglicherweise auch gegen seinen Willen tun musste. Mit Vorsicht kann man aus diesem Schweigen auch den Schluss ziehen, dass seine persönliche Rolle bei diesen kriegerischen Unternehmungen nicht unbedingt vorzeigbar war. Eine Lesart, der auch der Augsburger Historiker Christoph Paulus einiges abgewinnen kann. O-Ton 9 PaulusDass er unter Umständen auch für Handlungen in der Fremde herangezogen worden ist, die alles andere als christlich waren – und mit seinem Weltbild vereinbar – das hat durchaus einiges für sich...”  TC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion? SPRECHERINNachdem sich Johannes Schiltberger wohl im mehr oder weniger ritterlich ausgefochtenen Kampf als Fußsoldat bewährt hat, bekommt er ein Pferd. Ein Aufstieg, mit dem er die Erzählperspektive wechselt. Er berichtet nun nicht mehr persönliche Erlebnisse, sondern von den Feldzügen unter dem Sultan Bayezid. Zwölf Jahre lang ist Schiltberger als Chronist dabei. Bayezid erobert während dieser Zeit zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer Stadt für Stadt – manchmal bietet er belagerten Städten Verhandlungen an – begleitet von unmissverständlichen Drohungen. ZITATOR  „Danach ordnete der König an, Karamans Haupt auf einen Spieß zu stecken, und es daran herumzuzeigen, damit die anderen in der Stadt, wenn sie hörten, dass ihr Herr getötet wurde, sich desto eher ergeben würden. SPRECHERIN Doch schließlich wendet sich das Kriegsglück gegen Sultan Bayezid: Im Kampf um Armenien unterliegt die osmanische Armee dem zentralasiatischen Militärführer und Eroberer Timur. Johannes Schiltberger wird gefangen genommen - und muss fortan seinem neuen Herrn dienen. Dieser Furcht und Schrecken verbreitende Kriegsherr erobert nun weite Teile Vorder- und Mittelasiens. Schiltberger gelangt mit Timur bis nach Indien – wo sich die aufsehenerregende Episode mit den Kriegselefanten zuträgt. Timurs indischer Gegner verfügt über Elefanten mit einem … ZITATOR„turmartigen Aufbau, der mit wenigstens zehn Männern besetzt ist“. ATMO SPRECHERINTimur – seinerzeit auch Tamerlan genannt - berät sich mit seinen Ratgebern, wie denn nun die Elefanten zu besiegen seien. Einer von ihnen hat die zündende Idee, wie man dem indischen König begegnen kann: Holz auf die Kamele binden! ZITATORTamerlan zog ihm entgegen, ließ die Kamele vorantreiben und das Holz auf ihnen anzünden. Die Kamele erhoben ein fürchterliches Geschrei, und als die Elefanten das hörten, und dazu das Feuer sahen, drehten sie um und flohen. Und keiner konnte sie aufhalten.“  SPRECHERINEine drastische Szene, die Historiker zumindest für möglich halten. Auch Schlittenhunden und Giraffen will Schiltberger begegnet sein. Gern berichtet er von Schlangen – zuweilen aber kommt der selbsternannte Chronist auf Abwege – und erzählt Begebenheiten, die aus heutiger Sicht völlig unglaubwürdig wirken. Schlangen, 8000 an der Zahl, die eine Stadt belagern – und von Sonnenaufgang bis -untergang miteinander kämpfen: Konterkariert das nicht den Anspruch dabei gewesen, ein glaubwürdiger Augenzeuge zu sein? Für den Historiker Christoph Paulus ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. O-Ton 10 Paulus„Grundsätzlich ist Augenschau, die eigene Teilnahme an Ereignissen ein Qualitätskriterium des Mittelalters für Berichte. Auf der anderen Seite – und das hängt sehr stark mit dem Adressatenkreis zusammen – sind so fabulöse, unterhaltsame, an Aventüren mittelalterlicher Ritter und an Heldengeschichten erinnernde Episoden, dass die Erwartungshaltung Schiltberger auch zur Ausformulierung dieser fabulösen Passagen gezwungen hat […].  SPRECHERINAuch Markus Tremmel, der Schiltbergers „Irrfahrt durch den Orient“ neu herausgegeben hat, glaubt nicht, dass es sich dabei quasi um einen Eins-zu-Eins Augenzeugenbericht eines Reporters handelt, der von vor Ort berichtet. O-Ton 11 Tremmel „Bei seiner Beschreibung von Jerusalem etwa: Die ist aus anderen Berichten seiner Zeit eingeflochten. Das kann Schiltberger gewesen sein, aber auch ein Redakteur, der gesagt hat: „Hans, da wär´s jetzt günstig, gleich einmal ein bisschen Jerusalem zu beschreiben...Wenn du da schon in der Nähe warst“ SPRECHERINVon Hans Schiltbergers Bericht ist keine Original-Handschrift erhalten, betont Christoph Paulus. Der Text ist Forschern nur in späteren Handschriften und Drucken zugänglich. O-Ton 12 Paulus “Es handelt sich möglicherweise um einen “wachsenden Text” Um einen Kern, der tatsächlich aus der Feder Schiltbergers stammt, haben sich im Laufe der Zeit weitere Texte von anderen Autoren gelegt: Immer im Spiel auch mit der Erwartungshaltung der Leser. […] Die Frage nach der Fiktionalität des Textes verknüpft sich auch sehr stark mit der Frage nach der Realität Schiltbergers. Also konkret: Hat er gelebt, oder ist er ein sprechender Name, eine Kunstfigur. ,Schiltberger´ – der sein Schild in Sicherheit bringt, und der sich hinter seinem Schild verbirgt. So könnte man seinen Namen deuten. Es gibt also durchaus einiges, was für die Fiktionalität dieses Textes und damit auch die Fiktionalität Schildbergers spricht”. MUSIK   SPRECHERINHat es diesen Johannes Schiltberger etwa möglicherweise nie gegeben? So einfach ist es nicht, sagt der Mittelalter-Forscher Paulus. O-Ton 13 Paulus“Auf der anderen Seite gehen das 15. und 16. Jahrhundert, ein Aventin, die gehen von einer realen Person Hans Schiltberger aus. Und der Text strahlt durchaus Kenntnisse über Land und Leute aus, die aus eigenen Anschauungen zu erwachsen scheinen.”  TC 14:48 – Andere Länder, andere Sitten SPRECHERINBesonders plastisch beschreibt Johannes Schiltberger, der Christenmensch unter Heiden, religiöse Sitten und Gebräuche der Muslime. Diese nehmen etliche Kapitel in seinem Reisebuch ein. ZITATOR“Sie fasten den ganzen Tag, bleiben ohne Speise und Getränk, bis die Sterne am Himmel stehen”, SPRECHERIN… schreibt er etwa über den Fastenmonat Ramadan. ZITATOR“Die Heiden sagen auch, dass sie nach dem Jüngsten Tag mehrere Frauen haben werden, mit denen sie schlafen, doch bleiben diese immer Jungfrauen”, SPRECHERIN… heißt es an einer anderen Stelle. Markus Tremmel fasziniert dabei der unverstellte Blick Schiltbergers auf den Islam – just in einer Zeit, in der die Dämonisierung der Osmanen, die “Türkenfurcht” begann. O-Ton 14 Tremmel  “Er beschreibt das ganz neutral, auch interessiert: Was haben die für Sitten und Gebräuche? (…) Das wertet er nie, sondern es scheint immer durch, dass er mit denen in interessierter Diskussion und Runde zusammengesessen ist.” SPRECHERINDie Wahrnehmung, dass er sich in Gefangenschaft, in der Fremde befindet – die hat Johannes Schiltberger trotz seiner langen Abwesenheit vom Abendland nie verloren, sagt Markus Tremmel. O-Ton 15 Tremmel“Was in seinem Bericht immer ein bisschen durchscheint, ist, dass er sich stark zurücksehnt in die Christenheit. Also dort, wo er zu Hause ist.” MUSIK  SPRECHERINAm deutlichsten wird dies bei Johannes Schiltbergers letztem Fluchtversuch, der schließlich erfolgreich sein wird. Bereits unter Bayezid war ein ähnliches Unterfangen gescheitert – und hatte für ihn mit Kerkerhaft geendet. Nun, Jahre später, hat sich Timurs einst eiserne Herrschaft längst in Stammesfehden seiner Söhne und Enkel aufgelöst. Im Zuge dieser Wirren verschlägt es Johannes Schiltberger nach Georgien. Dort beschließt er, mit vier Glaubensbrüdern zu fliehen.   ZITATOR“Wir sind Christen, die gefangen wurden, als der ungarische König vor Nikopolis unterlag, und mit Gottes Hilfe sind wir bis hierher gelangt”, SPRECHERIN... erklärten Schiltberger und einige Schicksalsgenossen nun einer Bootsbesatzung an der Küste des Schwarzen Meeres. ZITATOR“Wenn wir über das Meer kommen, dann haben wir die Hoffnung, doch noch zu unseren Familien und zu unserem christlichen Glauben zurückkehren zu können.” ATMO SPRECHERINDie Besatzung des Handelsschiffs erhört Schiltbergers Bitte – und bringt ihn nach Konstantinopel. Über die Walachei gelangt er nach Lemberg in der westlichen Ukraine, wo er noch einmal drei Monate krank darniederliegt.  ZITATOR“Von da reiste ich weiter nach Eger, Regensburg und Landshut. Schließlich erreichte ich Freising, wo ich geboren wurde. Mit der Hilfe Gottes bin ich endlich wieder nach Hause und zu meinem Glauben zurückgekehrt. Gott dem Allmächtigen und allen, die mir dabei halfen, sei gedankt. Ich hatte schon geglaubt, dass ich den Heiden und ihrem schlechten Glauben nicht mehrentkommen könne.” SPRECHERINDies ist indes ein Satz, der Christoph Paulus aufhorchen lässt. Denn die Geschichte Johannes Schiltbergers wirft für Mittelalter-Forscher eine gewichtige Frage auf... MUSIK O-Ton 16 Paulus“Wie konnte er drei Jahrzehnte in der Fremde bei einer anderen Religion überleben? Es ist durchaus denkbar, dass er, um sein nacktes Leben zu retten, zum Islam konvertieren musste“. SPRECHERINVielleicht, sagt Christoph Paulus, steckt in Schiltbergers streitbarem Verhältnis zum Islam auch letztlich die Motivation, sein Reisebuch zu schreiben. Paulus steht folgende Szenerie vor Augen. O-Ton 17 Paulus“Er kommt nach Bayern zurück. Man fragt ihn natürlich, wo er gewesen ist – und er erzählt seine Geschichte. Es werden an ihn Fragen gestellt, die in seinen Ohren natürlich auch wie Vorwürfe geklungen haben müssen. Und man macht ihm vielleicht auch den Vorwurf, dass er sich allzu sehr an den Islam angenähert habe.Und das Ganze fügt sich doch in ein apologetisches Bild, ein Rechtfertigungs-Bild dieses Reisebuchs. Das wäre gleichermaßen die Außenperspektive dieses Textes. Und nach Innen könnte sich Schiltberger sozusagen auch sich selbst gegenüber und seinem Gott gegenüber Rechenschaft über sein Handeln und sein Tun abgelegt haben.” TC 19:05 -  Die Anziehungskraft des Schiltbergers   SPRECHERINFür die Freiburger Professorin Birgit Studt kommt noch ein anderer Grund in Frage, warum Johannes Schiltberger seine Geschichte niedergeschrieben hat. Auch dieser hat mit seiner langen Abwesenheit zu tun. Schiltbergers Bericht könne man auch als einen Tätigkeitsbericht in der Fremde, als eine Art Bewerbungsschreiben lesen. O-Ton 18 Studt“Das ist natürlich einfach auch ein formaler Ausweis seiner Fertigkeit. Die Dokumentation eben auch seiner Erfahrungen, mit denen er sich beispielsweise für den diplomatischen Dienst in Stellung bringt. Das kann natürlich seine Person dann auch wertvoll machen für den Hof- und Fürstendienst.” SPRECHERINLetztlich scheint der unfreiwillige Weltreisende Johannes Schiltberger - zurück in der Heimat - gut an- und auch untergekommen zu sein. Einer Notiz des bayerischen Geschichtsschreibers Aventinus zufolge wirkte er nach seiner Rückkehr als Kämmerer des Herzogs von Bayern-München, Albrecht III. Sein weiterer Lebensweg, auch wann und wo er gestorben ist, bleibt im Ungefähren – was die Anziehungskraft des geheimnisumwitterten Weltreisenden nur noch weiter steigert. Für den Moderator und Verleger Markus Tremmel ist Johannes Schiltberger gar sein “Lieblingsbayer”:  O-Ton 19 Markus Tremmel, Journalist und Verleger Das war ein sympathischer Mensch, er wertet nie, er beschreibt einfach, was er erlebt hat – auf eine nette, bescheidene, offen interessierte Art.” SPRECHERINDer studierte Slavist Tremmel ist Schiltberger schon ein paar Mal auf der Seidenstraße gefolgt. Dessen Bericht sei auch 600 Jahre nach dem ersten Erscheinen ein immer noch aktueller Reiseführer. ATMO Wenn er gen Osten, nach Armenien, Georgien, Usbekistan oder in die Türkei reise, habe er daher immer seinen Schiltberger im Gepäck, sagt Tremmel. Auch auf Laien und Forscher in diesen Ländern übe Johannes Schiltberger bis heute eine Faszination aus. O-Ton 20 Tremmel“Ich war vor ein paar Jahren einmal in Istanbul, bin da in einer Universitätsbibliothek gesessen, und sehe da, wie neben mir so ein Wissenschaftler mit einem Text beschäftigt ist. Und wir kommen ins Gespräch - und er erzählt, dass er gerade diesen Schiltberger da behandelt.” SPRECHERINSo wirkt Johannes Schiltberger mit seiner Geschichte noch heute als verbindendes Band zwischen Orient und Abendland.TC 21:29 - Outro
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Aug 23, 2024 • 22min

VÖLKERWANDERUNG UND DANACH – Der Missionar Korbinian

Korbinian war ein Missionsbischof aus dem 8. Jahrhundert, der das Christentum in Bayern verbreitete. Im Podcast wird erzählt, wie er einen hungrigen Bären zähmte und als Bischof Einfluss auf die christliche Entwicklung hatte. Die Machtspiele der Zeit werden beleuchtet, insbesondere zwischen heidnischen Traditionen und dem aufkommenden Christentum. Korbinians Flucht nach einem Mordanschlag sowie die politischen Intrigen mit Herzog Tassilo und Karl dem Großen zeigen, wie Religion und Macht im frühen Bayern eng miteinander verknüpft waren.
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Aug 23, 2024 • 25min

VÖLKERWANDERUNG UND DANACH – Die Herkunft der Bajuwaren

Thomas Grasberger, ein Experte für die Geschichte der Bajuwaren, erläutert die faszinierenden Ursprünge dieses Volkes. Er diskutiert die verschiedenen Theorien über ihre ethnische Identität und Herkunftsorte. Dabei legt er dar, wie soziale Dynamiken die Identität formten und archäologische Funde neue Erkenntnisse liefern. Außerdem beleuchtet er die Transformation von der Spätantike zum Frühmittelalter und die wichtige Rolle von Wasserstraßen. Abschließend wird die Organisation der Siedlungen im Voralpenraum betrachtet und deren Einfluss auf die bayerische Identität.
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Aug 23, 2024 • 23min

VÖLKERWANDERUNG UND DANACH – Wer ist wirklich warum gewandert?

Die Völkerwanderung verändert unser Bild vom Untergang des Römischen Reiches. Anstatt massenhaften Zerstörung, gibt es florierende Kulturen und tiefe Wechselwirkungen zwischen Römern und Barbaren. Zahnschmelz- und Isotopenanalysen bieten spannende Einblicke in die Mobilität der Langobarden. Strategische Allianzen und interkulturelle Begegnungen führten zum Niedergang des Imperiums. Wie haben die Menschen auf diesen Wandel reagiert und welche Rolle spielte Karl der Große in der neu entstehenden Ordnung?
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Aug 13, 2024 • 24min

DIE BERLINER MAUER – Erich und Margot Honecker

"Der Sozialismus ... hat unwiderruflich gesiegt", sagte die 61jährige Margot Honecker noch im Juni 1989 im Palast der Republik. Wenige Wochen später begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR. Die Ära Honecker ging zu Ende und mit ihr der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Mehr als zwei Jahrzehnte prägten die Honeckers den sogenannten Staatssozialismus der DDR. Dabei verloren sie zunehmend den Kontakt zum Volk und verweigerten sich der Reformpolitik von Michail Gorbatschow. Im Winter 1989 wurden sie zum Rücktritt gezwungen. Von Renate Eichmeier (BR 2019) Credits Autorin: Renate Eichmeier Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Peter Lersch Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Stefan Wolle Anmerkung der Redaktion: Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER. Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959 Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST Linktipps: ARD History (2009): Besuch bei Margot Honecker Spurensuche in Chile: Seit 1992 lebt hier Margot Honecker im Exil. Die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker war einst die mächtigste Politikerin der DDR - heute wohnt sie zurückgezogen in einem Haus im noblen Vorort von Santiago, verschanzt hinter hohen Mauern. Was denkt die heute 82-Jährige über die DDR und den Fall der Mauer? NDR-Autorin Christine Adelhardt hat Freunde und Weggefährten besucht und versucht, mit Margot Honecker ins Gespräch zu kommen. Ihre Erkenntnis: Auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR findet sich bei ihr keine Einsicht. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2017): Wo die DDR-Elite wohnte In der DDR-Siedlung Wandlitz lebte die politische DDR-Elite, abgeschottet vom Rest des Volkes. Kaum einer durfte hier rein – und so hielten sich beständig Gerüchte von Luxuspalästen und goldenen Wasserhähnen. Nun ist die DDR-Elitesiedlung unter Denkmalschutz gestellt worden. Zum Beitrag geht es HIER.Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge:TC 00:15 - IntroTC 06:04 - ErichTC 09:14 - MargotTC 11:06 – Außereheliche PfadeTC 14:03 -  Kronprinz der DDRTC 18:04 – Die Honecker-ÄraTC 23:20 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 - Intro MUSIK SPRECHER:  Margot habe ihn fasziniert, weil sie ein hübsches junges Mädel war, sagte Erich Honecker einmal in einem Interview. Und weil sie sehr aktiv war in der kommunistischen Bewegung. SPRECHERIN:Und Margot Honecker meinte rückblickend, Erich habe ihr gefallen, weil er ein guter Kamerad war, er sei sehr spontan und liebevoll gewesen. ERZÄHLERIN: Erich und Margot Honecker lernten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle an der Saale kennen. Der Faschismus war besiegt. Europa lag in Trümmern. Erich und Margot stürzten sich euphorisch in die kommunistische Jugendarbeit, wollten dabei sein beim Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft unter der Direktive der mächtigen Sowjetunion und ihres "großen Führers" Stalin. Über ihre politische Arbeit kamen sich die beiden näher. Erich Honecker war Vorsitzender der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Margot war dort ebenfalls Funktionärin und trat bei der Gründung der DDR im Oktober 1949 zum ersten Mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Fotos zeigen die 22-Jährige glücklich strahlend neben dem Spitzenkommunisten Wilhelm Pieck, den sie im Namen der Jugend einen Blumenstrauß überreichte und ihm zu seiner Wahl zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik gratulierte. MUSIK Vier Jahrzehnte später hatte sich das Szenario grundlegend geändert. Erich und Margot Honecker, mittlerweile ins Machtzentrum der sozialistischen DDR aufgestiegen, standen an ihrem politischen Ende. Der Historiker und wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin Dr. Stefan Wolle: O1 WOLLE 14''Insgesamt war ja das gesamte kommunistische Lager, das Herrschaftssystem der Sowjetunion war ja vollkommen brüchig geworden, und es war bloß die Frage eigentlich, kann man im Nachhinein sagen, in welcher Form es zusammenbricht. MUSIK ERZÄHLERIN:6. und 7. Oktober 1989: Die Führungselite der DDR feierte den 40. Jahrestag der sozialistischen Staatsgründung. Auf dem Alexanderplatz riefen tausende Demonstranten: "Gorbi! Gorbi, hilf uns! Gorbi, hilf uns!" Gemeint war damit der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow, der als Ehrengast zu den Feierlichkeiten in Ostberlin eingeladen war. Die innenpolitische Lage der DDR war angespannt. Das sozialistische Machtsystem unter dem 77-jährigen Erich Honecker wankte. Seit Wochen flohen DDR-Bürger und Bürgerinnen über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Nicht nur in Ostberlin, auch in Leipzig, Halle und anderen ostdeutschen Städten kam es zu Protesten. Zusp.: O-Ton Erich Honecker - W0328587 Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. ERZÄHLERIN:Hatte Erich Honecker noch im August 1989 gesagt. SPRECHERIN: Und Margot hatte verkündet, dass der Sozialismus (…) unwiderruflich gesiegt habe und es niemandem gelingen werde, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. ERZÄHLERIN:Das war Mitte Juni 1989, als unter ihrer Leitung im Palast der Republik der IX. Pädagogische Kongress der DDR stattfand. Als Ministerin für Volksbildung hatte sie ihn von langer Hand vorbereiten lassen – mit dem Ziel, öffentlich die Errungenschaften der sozialistischen Bildungspolitik zu demonstrieren. Fast zeitgleich war der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow auf Staatsbesuch in Westdeutschland. "Gorbi! Gorbi! Gorbi!" skandierten auch dort Tausende. Die Reformpolitik von Gorbatschow nährte die Hoffnung auf eine Öffnung des sozialistischen Ostblockes, auf ein Ende des jahrzehntealten Ost-West-Konfliktes MUSIK …In Westdeutschland als Politstar gefeiert, von der ostdeutschen Bevölkerung als Reformer begrüßt, begegnete ihm die sozialistische Führungsriege der DDR unter Erich Honecker mit Ablehnung. Mit starrem Gesicht hatte Margot Honecker auf dem Pädagogischen Kongress im Palast der Republik verkündet, dass – SPRECHERIN:mancher, der das weit von sich weisen würde, sich mit den Gegnern des Sozialismus zusammengetan habe. Und sie verstieg sich zu der Forderung, dass unsere Zeit eine Jugend brauche, die kämpfen könne, die den Sozialismus stärken helfe, die für ihn eintrete und ihn verteidige mit Wort und Tat und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand. ERZÄHLERIN:Wenige Wochen nach der skurrilen Rede von Margot Honecker begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR und leitete das Ende der Ära Honecker und das Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden ein. Lange Jahre hatten Erich und Margot Honecker den sogenannten Staatssozialismus der DDR geprägt: mit zunehmender Härte und wachsendem politischem Starrsinn. Erich Honecker war als Staats- und Parteichef zum mächtigsten Mann des DDR-Regimes aufgestiegen. Die 15 Jahre jüngere Margot setzte ab 1963 als Ministerin für Volksbildung innovative Konzepte wie polytechnische Bildung und Ganztagsbetreuung durch, aber auch umstrittene Maßnahmen wie den Wehrkundeunterricht. MUSIK SPRECHERINDer beste Freund des deutschen Volkes solle leben, der Freund aller jungen Menschen, der große Stalin.TC 06:04 - Erich ERZÄHLERINAufnahmen Anfang der 1950er Jahre zeigen die junge Margot Feist bei FDJ-Veranstaltungen: Sie ist Anfang 20, ein hübscher Lockenkopf in blauer FDJ-Uniform, eine strahlende Sozialistin, eine mitreißende Rednerin, eine, der man glaubt, was sie sagt. Nicht selten ist neben ihr Erich Honecker zu sehen, ein gutaussehender Mann, Mitte 30, ebenfalls in FDJ Uniform, ebenfalls einer, der Begeisterung für den Sozialismus ausstrahlt. MUSIK Erich und Margot stammten aus Arbeiterfamilien, waren in kommunistischen Elternhäusern groß geworden und hatten den Terror der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren. Margots Vater war jahrelang in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Erich Honecker schmuggelte kommunistisches Propagandamaterial nach Nazideutschland, bis er 1935 von der Gestapo verhaftet wurde. Er war 23 Jahre alt und verbrachte 10 Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit davon im Zuchthaus Brandenburg. 1945 war der Krieg zu Ende, die Nazis besiegt, viele Städte zerstört, Millionen Menschen ermordet ... Erich Honecker war 32 Jahre alt, als russische Soldaten der Roten Armee ihn befreiten. O2 Wolle 19''Er hat sich dann nach Berlin begeben, wo die ersten kommunistischen Emissäre aus Moskau angekommen waren und hat sich denen zur Verfügung gestellt. Und die waren da sehr glücklich, da einen relativ jungen Mann zu bekommen mit Erfahrung in der Jugendarbeit. Und er hat dann sehr schnell die Leitung der Freien Deutschen Jugend übernommen. ERZÄHLERINSo der Historiker und DDR Spezialist Stefan Wolle. Trotz der langen Jahre im Gefängnis konnte Erich Honecker Erfahrungen in der kommunistischen Funktionärsarbeit vorweisen. 1912 im Saarland geboren, war er bereits als Kind in einer kommunistische Kindergruppe, wechselte später in die Jugendorganisation der kommunistischen Partei KPD, übernahm organisatorische Aufgaben und stieg schnell in Funktionen von überregionaler Bedeutung auf. Er fing zwar eine Dachdeckerlehre an, brach diese aber ab, als er 1930 als vielversprechender Nachwuchskader auf die Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau geschickt wurde. Erich Honecker war also bestens geeignet für den Posten der FDJ Leitung. O3 Wolle 42''Die Freie Deutsche Jugend war nicht von Anfang an eine kommunistische Organisation, sondern sie legte großen Wert auf ihre angebliche – muss man jetzt mal sagen – angebliche Überparteilichkeit, das heißt, in dem Leitungsgremium der FDJ, dem Zentralvorstand, waren auch Sozialdemokraten anfangs und einige bürgerliche und christliche Politiker. Aber die Kommunisten hatten natürlich alles in der Hand. Und da war Erich Honecker von Anfang an ein getreuer Erfüllungsgehilfe der Weisungen der Partei, und hat das auch von Anfang an alles da durchgepeitscht, was die SED, also erst die Kommunistische Partei, dann die zur SED zusammengeschlossene Führungspartei, angeordnet hat.TC 09:14 - Margot MUSIK SPRECHERIN:Ihre Mutter habe immer gesagt, Kommunisten seien die besseren Menschen, erzählte Margot Honecker später. ERZÄHLERIN: Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Margot vier Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Armut und Angst: Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, Verhaftungen des Vaters, Druck auf die Mutter. SPRECHERIN:Zu einer Überzeugung, zu einer Sache müsse man stehen, ob das zur Familie sei, ob das zu unserer, der kommunistischen Sache sei, das habe ihre Mutter gesagt –so Margot Honecker später in einem Interview. Vor allen Dingen dürfe man sich nicht kleinkriegen lassen. MUSIK ERZÄHLERIN:Als ihre Mutter an einer versuchten Abtreibung starb, war Margot 13. Sie übernahm den Haushalt, kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder und unterstützte trotz ihrer Jugend die illegale Arbeit der KPD. Mit dem Ende von Naziterror und Krieg begann für die 18-jährige Margot 1945 eine Zeit der euphorischen politischen Arbeit. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, gab sie auf Drängen der Partei auf. Sie konzentrierte sich auf ihre Funktionärskarriere und stieg in der FDJ zielstrebig zur Vorsitzenden der Kinderorganisation "Junge Pioniere" auf. Die Genossen beschrieben Margot als lebendig, freundlich, kameradschaftlich, als ein attraktives Mädchen mit großer Ausstrahlung – das auch dem gutaussehenden FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker auffiel, der in der Aufbruchsstimmung jener Jahre durchaus charmant und eloquent sein konnte. Im Dezember 1949 reisten Erich und Margot als FDJ-Repräsentanten gemeinsam mit einer Delegation nach Moskau zur Feier von Stalins 70. Geburtstag.TC 11:06 – Außereheliche Pfade MUSIK SPRECHER:Das sei natürlich für sie beide ein großes Erlebnis gewesen, erinnerte sich Erich Honecker später: Festveranstaltung im Bolschoitheater, Stalin und Mao Tse Tung auf der Bühne, später dann die Geburtstagsfeier im Kreml. Eine große Gemeinschaft sei das gewesen. Alle hätten auf das Wohl Stalins getrunken, auf weitere Erfolge der kommunistischen Weltbewegung. MUSIK ERZÄHLERIN:Irgendwann in dieser Zeit kamen sich Margot Feist und Erich Honecker näher: begeistert von Stalin, gehorsam gegenüber der Partei, klassen- und karrierebewusst. Doch als Erich die Affäre mit Margot begann, war er bereits verheiratet: mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin im FDJ Vorstand. O4 WOLLE 39''Das war das große Problem, denn das war nicht üblich in den Führungszirkeln der SED, dass man da irgendwie auf außerehelichen Pfaden wandelte. Das war strengstens untersagt. Die Partei war damals noch sehr puritanisch und sehr auf – ja, was sie selbst Moral, Sitte und Anstand nannten – ausgerichtet und es bedurfte dann einer speziellen, ja fast, Erlaubnis von Walter Ulbricht, dass sich hat Erich Honecker scheiden lassen und hat dann eben Margot Honecker geheiratet. Da gab es auch schon ein Baby. ERZÄHLERIN:Walter Ulbricht war Chef der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, bei der alle Macht in der DDR lag. Unter dem Druck der Sowjets war er dafür verantwortlich, Partei und Gesellschaft der neu gegründeten DDR auf stalinistischen Kurs zu bringen und weltanschauliche Abweichungen in allen Lebensbereichen auszuschalten. Für die Affäre seines FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker zeigte er wenig Verständnis. Er stellte sich auf die Seite von Erichs Frau Edith Baumann, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte. Mitglieder der FDJ schilderten, wie Erich Honeckers Führungsstil sich in dieser Zeit veränderte: Er wurde zunehmend verschlossen und autoritär, ließ sich auf keine Diskussionen mehr ein und berief sich im Zweifelsfall auf Walter Ulbricht und das Politbüro. Im privaten Bereich wagte er aber, sich gegen die Partei zu stellen, und entschied sich für Margot. Bis die beiden heiraten konnten, sollten allerdings einige Jahre vergehen. O5 WOLLE 32''Das Pärchen Margot und Erich haben das dann auch gegen alle Widerstände durchgesetzt, und er wäre wohl auch bereit gewesen, zugunsten seiner geliebten Margot auf seine politische Karriere zu verzichten. Das war wirklich was Besonderes: Er hat es riskiert. Andere sind über solche Sachen wirklich gestolpert und von der Karriereleiter runtergefallen. Honecker nicht so.TC 14:03 -  Kronprinz der DDR ERZÄHLERIN: Als überzeugter Stalinist wurde er 1950 Mitglied im Zentralkomitee, dem obersten Gremium der SED. Der Kreml drängte auf eine Umsetzung von Stalins Richtlinien: Enteignung und Kollektivierung sollten forciert werden, ebenso der Aufbau von Produktionsgenossenschaften, die Ausschaltung politischer Gegner … Gemeinsam mit Margot verstärkte Erich Honecker den Kampf der FDJ gegen kirchliche Jugendgruppen. Die Unruhe in der Bevölkerung nahm zu. Es kam zu Versorgungsengpässen. Viele flüchteten in den Westen. Am 17. Juni 1953 kam es in Ostberlin und anderen Städten der DDR zu Protesten, die von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden. Da tausende FDJ-Mitglieder die Demonstrationen unterstützt hatten, gerieten Erich Honecker und Margot Feist als führende FDJ-Funktionäre in die Kritik. Beide waren auf einem Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Erich immer noch nicht geschieden war, lebten sie bereits zusammen. 1952 hatte Margot die gemeinsame Tochter Sonja bekommen. Politisch geschwächt und mit einem immer noch ungeordneten Privatleben mussten die beiden sich die Maßregelungen der Partei gefallen lassen. Margot musste eine einjährige Trennung von ihrer kleinen Tochter in Kauf nehmen. SPRECHER: Aufgrund von Intrigen, die er nicht habe verhindern können, so Erich Honecker, sei Margot per Parteibeschluss 1953 für ein Jahr auf die Jugendhochschule in Moskau geschickt worden. ERZÄHLERINEs sollte einige Jahre dauern, bis die Karriere der Honeckers wieder ins Laufen kam. Nach Erichs Scheidung konnten die beiden endlich heiraten. Und als Margot 1954 aus Moskau zurückkam, durfte sie ihre Tätigkeit bei der FDJ zwar nicht mehr aufnehmen. Nach einigem Hin und Her bekam sie aber die Leitung der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung übertragen – und nutzte die Chance: Sie arbeitete sich schnell ein, suchte sich politisch verlässliche Mitarbeiter und baute ihre Macht aus. 1958 wurde sie stellvertretende Ministerin für Volksbildung – und Erich Honecker der verantwortliche Sekretär für Sicherheit. O6 WOLLE 45''Das ist eine ganz wichtige und zentrale Position gewesen, etwas im Hintergrund. Er war nicht mehr so exponiert wie als FDJ-Chef und war dann eben auch wirklich im Politbüro, das heißt im Kreis der ganz mächtigen Leute, als so eine Art Schildknappe von Walter Ulbricht – muss man schon sagen. Er hat auch Walter Ulbricht die Treue gehalten, als die Position des Generalsekretärs zur Disposition stand zweimal 1953 und 1956. Da wäre Ulbricht also fast gestürzt worden, aber Erich Honecker hat ihm bis dahin immer treu zur Seite gestanden, ist dafür gewissermaßen auch belohnt worden und hat dann die folgenden Jahre als eine Art Kronprinz im Hintergrund agiert. MUSIK ERZÄHLERIN:Anfangs lebten die Honeckers noch in Berlin Pankow, umgeben von Nachbarn und Freunden, mit denen sie mal Skat spielen oder ein Bier trinken konnten. 1960 mussten sie wie alle Mitglieder des Politbüros in die neu gebaute Siedlung Wandlitz umziehen. Das Gelände lag in der Nähe von Bernau etwa 40 Fahrminuten nördlich von Berlin, umgeben von einer Mauer, bewacht vom Ministerium für Staatssicherheit, ausgestattet mit einigem Komfort: Klubhaus, Schwimmbad, Hauspersonal, einem Laden mit hochwertigen Westprodukten und Waren, an denen es in der DDR mangelte wie frisches Obst und Gemüse. Wandlitz sollte der Sicherheit des sozialistischen Führungskaders dienen, bedeutete aber auch eine Überwachung des Privatlebens, jedes Kommen und Verlassen der Siedlung, jeder Besuch wurde registriert.  TC 18:04 – Die Honecker-Ära Die Proteste von 1953, die Unruhen in Ungarn 1956, die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der DDR, die weiterhin massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland … 1961 fiel der Beschluss, die Grenzen nach Westen zu schließen – mit einem sogenannten "antifaschistischen Schutzwall", der Berliner Mauer. Als Sicherheitssekretär konnte Erich Honecker sich nun als politischer Hardliner profilieren: Er plante und organisierte den Mauerbau und befürwortete den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. Die Karriere der Honeckers ging steil nach oben. Beide wussten sich in den Machtkämpfen innerhalb der SED durchzusetzen. 1963 wurde Margot "Genossin Minister für Volksbildung" – wie es im DDR Jargon hieß. O7 WOLLE 33''Das war also nicht unbedingt jetzt eine Folge der hohen Positionen, die ihr Mann hatte. Das war durchaus eine eigenständige politische Karriere, die sie da eingenommen hat seit 1963, war ein Teil einer sehr entschiedenen Modernisierung der Volksbildung, hatte zwar formal nicht die entsprechende Qualifikation: Sie hatte ja bloß die Volksschule besucht. Aber das machte in der DDR nichts. Wenn man die rechte politische Einstellung hatte, da konnte man über formale Qualifikationen sich hinwegsetzen. ERZÄHLERIN:Als Margot Honecker das Ministeramt übernahm, war sie Mitte 30 und brachte mit ihrem lockeren und angenehmen Führungsstil aus der Jugendarbeit frischen Wind ins Ministerium. Sie arbeitete intensiv und war kompetent. Unter ihrer Leitung wurde das Konzept der polytechnischen Bildung umgesetzt, ausgerichtet auf naturwissenschaftliche und technische Fächer, kombiniert mit einer Ausbildung. Währenddessen baute Erich Honecker seine Machtbasis aus und putschte sich mit sowjetischer Unterstützung 1971 an die Macht. Er zwang Walter Ulbricht zum Rücktritt, übernahm selbst zuerst die Funktion des Parteichefs, später dann auch die des Staatschefs. O8 WOLLE 41''Er hatte also alle Zügel der Macht in der Hand. Und die Jahre von 71 bis 89, die kann man mit Fug und Recht sozusagen als die Honecker-Ära bezeichnen, die bestimmte Charakteristika aufweist. Da ist zunächst zu nennen, eine noch engere Anschließung an die Sowjetunion, eine Wirtschaftspolitik, die sehr regressiv war. In dem Sinne, dass die mittelständischen Unternehmen, die es noch gegeben hat in der DDR und die auch noch eine große Rolle gespielt haben, eine positive Rolle. Die wurden ohne Not verstaatlicht, ziemlich gewaltsam, und mit sehr negativen Folgen für die ökonomische Situation der DDR. ERZÄHLERIN:Warum Erich Honecker das getan hat, ist umstritten. Er wollte wohl die Reste des kapitalistischen Systems beseitigen, während er gleichzeitig für soziale Verbesserungen sorgte, die allerdings nicht gegenfinanziert waren: höhere Löhne, höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten. Ein kleiner kulturpolitischer Frühling endete 1976 mit der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann und zerschlug die Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Öffnung der DDR. Während in allen Bereichen Mangelwirtschaft herrschte, lebte die Führungselite abgeschottet in Wandlitz, politisch starrsinnig, misstrauisch gegenüber der eigenen Bevölkerung, misstrauisch auch einander gegenüber. Private Kontakte zwischen den Politbüromitgliedern gab es kaum. Die Staatssicherheit überwachte zeitweise sogar Margot Honecker. Es gab Gerüchte über Affären. Die Ehe der Honeckers kriselte, aber politisch waren sie sich immer einig. Die Reformpolitik von Michail Gorbatschow, der seit 1985 sowjetischer Parteichef war, lehnten beide ab, politisch und emotional immer noch Stalin verbunden, blind für dessen Verbrechen, blind auch für die Realität im eigenen Land. Margots Ministerium für Volksbildung entwickelte sich zu einer Hochburg der Reformverweigerer, während die Bevölkerung der DDR mit zunehmender Lautstärke protestierte. Der Historiker Stefan Wolle: O9 WOLLE 21''1989, als dann Gorbatschow hier in Berlin auftauchte und die sinnreichen Worte sprach: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – hat er so nicht gesagt, aber es ist so sprichwörtlich geworden in der falschen Übersetzung, die dann verbreitet wurde. Das war sozusagen das Todesurteil für das Honecker-System. MUSIK ERZÄHLERIN:Am 17. Oktober 1989 trat Erich Honecker zurück, einige Tage später seine Frau Margot. Die beiden verbrachten ihr Lebensende in Santiago de Chile. Erich Honecker starb 1994, seine Frau Margot 2016. (Version mit  Zusp.:) O-Ton Margot Honecker W0394272 "Ich bin auch immer mehr der Meinung, dass wir da ein Korn in die Erde gelegt haben, da wird der Samen aufgehen. Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat." MUSIK ERZÄHLERIN:Bis zum Schluss vertrat Margot Honecker in seltenen Interviews immer wieder die Meinung, dass der Sozialismus wiederkomme.TC 23:20 – Outro
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Aug 13, 2024 • 23min

DIE BERLINER MAUER – Checkpoint Charlie

Unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 errichteten die Westalliierten in der Friedrichstraße eine Grenzübergangsstelle. Der Checkpoint Charlie sollte fast drei Jahrzehnte lang den Ostteil Berlins mit dem Westen verbinden und den Transfer der Alliierten ermöglichen. Bereits im Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie US-amerikanische und sowjetische Kampfpanzer gegenüber. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Tagen der Panzerkonfrontation. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden. Von Thomas Grasberger (BR 2023) Credits Autor: Thomas Grasberger Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Verena Fiebiger, Peter Weiß Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Hanno Hochmuth Anmerkung der Redaktion: Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER. Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST Linktipps: ARD: Mauerbau – Konfrontation am Checkpoint Charlie 1961 Zahlreiche historische Clips zeigen die angespannte Situation an der innerdeutschen Grenzen rund um den Checkpoint Charlie. JETZT ANSEHEN ZDF (2011): „Checkpoint Charlie: Ich zog die Linie“   Hagen Koch, damals beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski, über seine Inspektion des Grenzverlaufs im Vorfeld des Berliner Mauerbaus. JETZT ANSEHENUnd hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – IntroTC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten KriegTC 05:32 – Die PanzerkonfrontationTC 10:15 - GrenzgängerTC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & TodTC 15:44 – Zwischen Kommerz und GedenkenTC 22:07 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 – Intro MUSIK Erzähler:Am 13. August 1961, nachts gegen ein Uhr, beginnen die Soldaten, Volkspolizisten und Betriebskampfgruppen der DDR ihr Werk. Die gesamte Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wird praktisch lückenlos abgeriegelt. Ebenso die zwischen West-Berlin und der DDR. ZSP: Walter UlbrichtNiemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten! Erzählerin:Allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz hat der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schon seit längerem die Absicht, eine Mauer zu bauen. Denn seinem sozialistischen Staat laufen scharenweise die Leute davon, nicht zuletzt Fachkräfte und Eliten. Eine bedrohliche Situation für die junge DDR. Ulbricht bedrängt daher den sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow. Der hat sich den Mauerplänen bislang widersetzt. Aber nach harten Verhandlungen in Moskau gibt Chruschtschow schließlich nach. Erzähler:Kein Wunder, allein im Juli 1961 sind mehr als 30.000 Menschen in den Westen geflohen. Die meisten über Berlin, weil die innerdeutsche Grenze ja seit 1952 fast hermetisch geschlossen ist. In Berlin aber gilt der Vier-Mächte-Status, die Grenze ist im Prinzip noch durchlässig. Dieses letzte Schlupfloch will Ulbricht jetzt stopfen. Erzählerin:Quer durch die Stadt werden Sperranlagen errichtet – zunächst mit Stacheldraht, später mit Zement. Die Mauer wächst rasch heran, und bewaffnete Volkspolizisten verhindern Grenzüberschreitungen in beide Richtungen. Die waren bis dahin ganz normal, sagt Hanno Hochmuth, Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Berlin war zwar seit 1948 politisch geteilt, aber nicht im Alltag. ZSP 1 Hochmuth verflochten 0,35Es gab viele Ostberliner, die im Westen arbeiteten oder auch zur Schule gingen oder dort studierten. Es gab aber auch viele Westberliner, die in den Osten fuhren, um dort zum Beispiel sehr, sehr günstig Lebensmittel einzukaufen, was in Westberlin übrigens verpönt gewesen ist. Aber dieses Berlin war tatsächlich bis zum 13. August 1961 noch eine sehr stark verflochtene Gesellschaft, und das war mit einem Mal dann vorbei. Und viele Westberliner reagierten entsetzt und empört und erwarteten eigentlich eine unmittelbare Reaktion der Westalliierten, dass sie sich das nicht gefallen lassen und waren enttäuscht. MUSIK Erzählerin:Denn die erhoffte Machtdemonstration des Westens bleibt aus. US-Präsident John F. Kennedy – 44 Jahre alt und gerade erst frisch ins Amt gewählt – klingt am 13. August 1961 richtiggehend erleichtert: Zitator:„Es ist keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg.“ Erzähler:Die USA, formuliert Hanno Hochmuth etwas zugespitzt, waren froh über den Mauerbau. Denn er nahm Druck aus der angespannten politischen Lage zwischen den Supermächten. ZSP 2 Hochmuth befriedet 0,27Dass jetzt die Sowjets zuließen, dass die DDR den sowjetischen Sektor von Berlin, Ostberlin abriegelt, war im Prinzip ein Zugeständnis von Chruschtschow in den Augen der Amerikaner, dass die Sowjets nicht mehr ganz Berlin für sich beanspruchen. Und insofern waren sie eigentlich froh, dass diese dramatische Eskalation, die es eigentlich vorher gegeben hat, durch den Mauerbau ein Stück weit befriedet wurde. Erzähler:Im nun geteilten Berlin gilt weiterhin der Vier-Mächte-Status. Das bedeutet, alle vier Besatzungsmächte haben freien Zugang zu allen vier Sektoren der Stadt. Sowjetische Militärs unternehmen „Missionsfahrten“ in die drei Westsektoren. Und amerikanische Offiziere steuern ihre Militärjeeps durch den sowjetischen Sektor. Ein reger Austausch also, trotz Mauer. Aber ... ZSP 3 Hochmuth Def 0,13Dafür musste auch eine ganz besondere Grenzübergangsstelle eingerichtet werden, die nur für diesen alliierten Transfer praktisch von einem Teil Berlins in den anderen Teil eingerichtet wurde. Und das war der Checkpoint Charlie.TC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten Krieg Erzählerin:Ein Nadelöhr im Kalten Krieg. Eines von mehreren, benannt nach den Buchstaben im NATO-Alphabet. Der Grenz-Kontrollpunkt C war der Checkpoint Charlie. Den musste passieren, wer innerhalb Berlins zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor hin- und herfahren wollte. Erzähler:Eingerichtet hatten ihn die Westalliierten unmittelbar nach dem Mauerbau. Und zwar mitten in der Friedrichstraße, zwischen Zimmer- und Kochstraße. Fast drei Jahrzehnte lang sollte der Checkpoint Charlie als ein Symbol des Kalten Kriegs existieren. Erzählerin:Dass Amerikaner, Franzosen und Briten stets nur vom Checkpoint, vom Kontrollpunkt sprachen, hatte mit dem Vier-Mächte-Status zu tun. Für die Westalliierten war Berlin eine gemeinsam verwaltete Stadt, in der es keine Grenze und somit auch keine echten Grenzkontrollen geben konnte. Erzähler:Die DDR sah das anders. Für sie verlief mitten durch Berlin tatsächlich eine Staatsgrenze. Deshalb nannte sie das nördliche Gegenstück zum Checkpoint Charlie auch „Grenzübergangsstelle“, kurz „GÜST Friedrichstraße“. Erzählerin:Dass hinter solchen Namens-Fragen massive politische Interessen standen, wurde schon wenige Wochen nach dem Mauerbau deutlich.TC 05:32 – Die Panzerkonfrontation MUSIK Erzähler:Sonntag, 22. Oktober 1961. Edwin Allan Lightner, der stellvertretende Chef der US-amerikanischen Militärmission in Berlin, fährt mit seiner Frau in den Ostteil Berlins. Die beiden wollen ins Theater, in den Friedrichstadtpalast. Schon vor dem Mauerbau haben sie dort oft Kulturveranstaltungen besucht. Diesmal aber erlebt Lightner eine Überraschung. ZSP 4 Hochmuth Theater 0,20Als der rüberfahren möchte, wird er angehalten, und zwar nicht von sowjetischen Militärs. Das wäre ja vielleicht noch okay gewesen, sondern von DDR-Grenzsoldaten. Das war für ihn eine ganz klare Verletzung des Vier-Mächte-Status seiner Rechte als amerikanischer Top Diplomat und Top Militär. Erzähler:Die DDR-Grenzsoldaten sind angewiesen, amerikanische Militär-Angehörige in Zivil nach ihren Ausweisen zu fragen. Edwin Lightner ist wütend, der amerikanische Militär protestiert gegen die Passkontrolle. Vergeblich. Das Ehepaar muss umkehren. Erzählerin:Lightner wendet sich umgehend an Lucius D. Clay, den amerikanischen Stadtkommandanten. Als Vater der Berliner Luftbrücke von 1948 ist Clay ein berühmter Mann. Präsident Kennedy hat ihn 1961 erneut nach Berlin geschickt, quasi als seinen persönlichen Vertreter in der Stadt. Clay hört sich Lightners Geschichte an und reagiert rasch. ZSP 5 Hochmuth Panzer 0,18Indem er amerikanische Panzer auffahren ließ am Checkpoint Charlie. Und die Sowjets ihrerseits reagierten damit, dass sie sowjetische Panzer von Norden her auf den Checkpoint Charlie zurollen ließen, und diese standen sich dann dort mehrere Stunden gefechtbereit gegenüber. MUSIK Erzähler:Am 27. Oktober 1961, gegen 17 Uhr, beginnen die Panzer zu rollen. Die Konfrontation am Checkpoint Charlie dauert 16 Stunden. Stunden, in denen der heiße Draht zwischen Moskau und Washington glüht. Am Ende geht alles glimpflich aus, aber die Lage war keineswegs ungefährlich, meint der Historiker Hanno Hochmuth. ZSP 6 Hochmuth Glaubwürdigkeit 0,36Denn es standen sich in der Tat zum Ersten Mal direkt Panzer von den beiden Supermächten gegenüber. Die hatten auch geladene Kanonenrohre. Es war militärisch klar, dass die paar amerikanischen Panzer Westberlin nicht hätten verteidigen können. Aber es ging im Kalten Krieg immer nicht nur um Truppenstärke, sondern auch um Glaubwürdigkeit, dass man dem, was man sagt und was man behauptet, auch etwas folgen lässt. Und für die Amerikaner war es immer ganz wichtig, wenn Kennedy schon sagt, dieses Westberlin muss Bestand haben, dann muss man im Zweifelsfalle auch dafür einstehen. MUSIK Erzählerin:Was aber bedeutet das in Zeiten des Kalten Kriegs? Nur drei Tage nach der Berliner Panzerkonfrontation führt die Sowjetunion im Nordpolarmeer den größten Atomtest aller Zeiten durch. Und auf amerikanischer Seite ist man nicht minder stark gerüstet. Das Vernichtungspotenzial auf beiden Seiten ist enorm. Ein Jahr später, in der Kubakrise, wird die Welt am Rand des atomaren Abgrunds stehen. Erzähler:Das erste Kräftemessen am Checkpoint Charlie wirkt medial noch lange nach. Beängstigend spektakulär waren die Fotos, die damals um die Welt gingen: auf der einen Seite die US-amerikanischen M48- Kampfpanzer, auf der anderen sowjetische T54. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Oktobertagen 1961. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden. Erzählerin:Die Berlin-Krise endet 1961 mit einem Kompromiss: Amerikanische Militärs, die künftig nach Ostberlin fahren, müssen nun ihre Militärausweise in die Windschutzscheibe legen. Und die DDR-Grenzsoldaten dürfen sie fortan nicht mehr kontrollieren. Erzähler:Dramatischer sind die Veränderungen im Alltag der Bürger. Mehr als eine Million Ostberliner waren von den 2,2 Millionen Westberlinern vollständig getrennt. Persönliche Kontakte gab es zunächst keine mehr, sagt Hanno Hochmuth. Es sollte mehr als zwei Jahre dauern, bis die ersten Westberliner an Weihnachten 1963 wieder nach Ostberlin reisen durften. ZSP 7 Hochmuth getrennter Alltag 0,19Für Ostberliner ist es noch eine viel längere Wartezeit. Da wird das Ganze ja erst in den 70er Jahren so geregelt, dass zumindest ältere Leute und privilegierte Leute in den Westen reisen können. Das heißt, diese sehr, sehr stark verflochtene Gesellschaft, die reißt vollkommen entzwei.TC 10:15 - Grenzgänger MUSIK Erzähler:Im Alltag ganz normaler Ostberliner spielte der Checkpoint Charlie keine Rolle. Sofern sie überhaupt reisen durften, fuhren sie über die ein Kilometer weiter nördlich gelegene „GÜST Bahnhof Friedrichstraße“ in den Westteil der Stadt. Erzählerin:Der Checkpoint Charlie hingegen war jenen vorbehalten, die innerhalb Berlins Freizügigkeit genossen: Mitglieder der Alliierten Streitkräfte, Angehörige des Militärpersonals, Diplomatinnen und Diplomaten oder ausländische Touristen. Und auch DDR-Funktionäre durften hier passieren. Erzähler:Eine schillernde Schar von Grenzgängern also, die die Fantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren anregte. Zumindest wenn sie sich mit Agentengeschichten befassten. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ heißt ein berühmter Spionageroman des britischen Autors John le Carré aus dem Jahr 1963. Als das Buch zwei Jahre später verfilmt wird, ist in der Eingangsszene natürlich die Ikone des Kalten Kriegs zu sehen – der Checkpoint Charlie. Erzählerin:Solch mythische Überhöhungen hatten mit dem schnöden Grenzer-Alltag in der Regel wenig zu tun. Viel Zettelkram und Bürokratie herrschte am Kontrollpunkt, bzw. an der GÜST. Wo anfangs nur ein kleines Grenzkontrollhäuschen stand, kam bald ein zweites hinzu, und später eine große Baracke. In den 1970er und 80er Jahren wurde der Checkpoint Charlie dann immer weiter ausgebaut, zu einem wahren Grenz-Bollwerk aus Beton. Erzähler:Auf westlicher Seite standen die alliierten Kontrolleinheiten in einer Baracke, die einen langen Gang und eine Glasfront beherbergte. Alle westlichen Besucher mussten sich am Schalter ihrer jeweiligen Besatzungsmacht ausweisen und wurden mit Instruktionen versehen, bevor sie nach Ostberlin reisen durften. Den Amerikanern, Briten und Franzosen war es wichtig, dass sich ihre Landsleute im Osten korrekt verhalten, ganz im Sinne des Vier-Mächte-Status. Erzählerin:Auf DDR-Seite standen sogenannte Passkontrolleinheiten, kurz PKE. Die sahen aus wie reguläre Grenzsicherungseinheiten, unterstanden in Wahrheit aber dem Ministerium für Staatssicherheit. Erzähler:Die DDR-Grenzsoldaten kontrollierten genau, welche Ausländer nach Ostberlin einreisten. Und vor allem achteten sie darauf, dass niemand in den Westen floh. Solche Versuche gab es immer wieder, sagt Hanno Hochmuth, obwohl man nur ganz langsam und in Schlangenlinien durch die gesicherte Grenzanlage fahren konnte. Selbst mit einem LKW war sie kaum zu durchbrechen.TC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & Tod MUSIK Erzähler:Der Checkpoint Charlie war immer wieder Schauplatz spektakulärer Fluchtversuche aus dem damaligen Ost-Berlin. Und früh schon kam es zu tödlichen Zwischenfällen. Am 17. August 1962, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Mauerbau, wird in der Nähe vom Checkpoint ein junger Mann angeschossen, der zusammen mit einem Kollegen in den Westen fliehen will. Der 18-jährige Peter Fechter verblutet unmittelbar an der Grenzmauer in der Zimmerstraße, vor den Augen zahlreicher West-Berliner. Niemand traut sich ihm zu helfen – aus Angst vor den bewaffneten DDR-Grenzern. Erzählerin:Insgesamt – schätzen Historiker – gab es zwischen 1961 und 1989 etwa 5500 gelungene Fluchten vom Osten in den Westen der Stadt. Einige auch am Checkpoint Charlie, weil amerikanische Militärs dort von Ost-Grenzern nicht mehr kontrolliert werden durften. So kam es immer wieder vor, dass GI´s im Osten der Stadt DDR-Bürger einsammelten, um sie dann im Kofferraum ihrer Fahrzeuge zu verstecken und in den Westen zu schmuggeln. Erzähler:Aber die US-amerikanischen Befehlshaber sahen solche Aktionen nicht gern. Und auch vom Westberliner Senat wurden die zahlreichen West-Berliner Fluchthelfer bald mit Argwohn betrachtet. Denn erstens war Fluchthilfe – egal ob sie aus ideellen oder materiellen Motiven heraus geschah – immer eine lebensgefährliche Sache. Und zweitens, sagt Hanno Hochmuth, wollte man dem Osten keinen Vorwand für weitere Eskalationen liefern. Denn unmittelbar nach dem Mauerbau war es verschiedentlich zu heftigen Konfrontationen zwischen DDR-Grenztruppen und Fluchthelfern gekommen. ZSP 8 Hochmuth Mauertote 0,42Dabei sind ja auch mehrere DDR-Grenzsoldaten ums Leben gekommen, die von Fluchthelfern erschossen worden sind. Das ist natürlich dann auf der Ostseite propagandistisch extrem ausgeschlachtet worden, und genau das wollte man jetzt auf der Seite des Senats nun wiederum auch nicht, dass DDR-Grenzsoldaten als Märtyrer verehrt werden und zelebriert werden auf der DDR-Seite. Erzähler:Der Checkpoint Charlie war von Anfang an ein Brückenkopf auf dem geschichtspolitischen Schlachtfeld des Kalten Kriegs. Ein knappes Jahr, nachdem der 18-jährige Peter Fechter erschossen worden war, entstand auf Privatinitiative ein sogenanntes Mauermuseum: Das „Museum Haus am Checkpoint Charlie". Sein Gründer Rainer Hildebrandt hatte schon gegen Hitler Widerstand geleistet. Jetzt half er DDR-Bürgern bei der Flucht und prangerte das totalitäre System des Kommunismus mit seinem blutigen Grenzregime und den Mauertoten an. Erzählerin:Die Erinnerungsarbeit am Checkpoint setzte also lange vor dem Mauerfall 1989 ein.TC 15:44 – Zwischen Kommerz und Gedenken MUSIK ZSP Archiv Günter Schabowski: Nach meiner Kenntnis ist das... sofort Erzähler:Der Abend des 9. November 1989. Kurz nachdem der SED-Funktionär Günter Schabowski das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR verkündet hat, laufen von beiden Seiten der Mauer Menschen auf den Checkpoint Charlie zu: „Lasst uns rein!", rufen die West-Berliner. „Lasst uns raus!", die Ost-Berliner. Und kurz danach ist das Grenzregime Geschichte. Die Schlagbäume sind offen. Erzählerin:Nur ein halbes Jahr später, noch vor dem Ende der DDR, wird die Anlage am Checkpoint Charlie abgebaut. Kaum sind am 22. Juni 1990 die letzten Reden gehalten, werden Gurte um das Grenzhäuschen gespannt, ein Kran hebt es in die Luft. ZSP Schließungsfeier ( W0523261 101) 3,13-3,29...for lifting. Madames et Messieurs… Erzähler:Es ist nicht das Ende vom Mythos Checkpoint Charlie. Auch wenn 1990 erst einmal eine Phase der Geschichtsvergessenheit einsetzt. Denn unmittelbar nach dem Mauerfall denkt kaum jemand daran, hier einen Erinnerungsort zu bewahren, sagt Historiker Hochmuth. Oberstes Ziel war es, die Brachen, die die Mauer geschlagen hatte, schnell zu beseitigen. Die Stadt sollte wieder zusammenwachsen und eine Metropole werden, wie einst in den goldenen 1920er Jahren. ZSP 9 Hochmuth 1990 0,29Dazu gehört es, dass man Investoren in die Stadt locken möchte. Dazu gehört der Glaube, dass ganz schnell dort wieder viel gebaut wird, dass große Unternehmen wieder zurückkehren nach Berlin. Und deswegen ist das eine Zeit mit wahnsinnig viel Versprechungen gegenüber Investoren, wo auch das Baurecht sehr leichtfertig vergeben wird. Und das prägt die Stadt bis heute, weil dort viele Fakten geschaffen worden sind, die bis heute Pfadabhängigkeiten für Berlin bedeuten. Erzähler:Pfade, die sich als geschichtspolitische Holzwege erweisen. Mit Pleiten, Pech und Pannen. Als 2004 der Mauer-Museumsgründer Rainer Hildebrandt stirbt, beginnt bald eine Phase der Kommerzialisierung der Gedenkstätte. Geschichte als Geschäftsmodell. Die Zeiten sind dafür günstig. Denn Berlin wird damals gerade zum Hotspot im Städtetourismus. Millionen strömen jedes Jahr an die Spree, nicht nur Party-Touristen, sondern auch viele Kunst- und Geschichtsinteressierte. Berlin boomt. ZSP 10 Hochmuth Witwe 0,23Und der Checkpoint Charlie gehört dort unmittelbar dazu. Und die Witwe Alexandra Hildebrandt erkennt das auch und verwandelt dieses Mauermuseum und auch das Mauer-Gedenken am Checkpoint Charlie in eine trivialisierte Kost für die Touristen, die dort mächtig abgeschöpft werden durch horrende Eintrittspreise in diesem Museum. Erzähler:Das private Mauer-Museum nutzt die Lücke, die durch Versäumnisse des Berliner Senats entstanden ist. Authentisch ist am Checkpoint Charlie bald nichts mehr. Weder das alte Sektorenschild noch das Kontrollhäuschen der Westalliierten. Ganz zu schweigen von den Schauspielern, die in US-Uniformen ein wenig Grenz-Geschichte nachspielen. Erzählerin:2004 ließ Witwe Hildebrandt am Checkpoint Charlie eine weiß gestrichene Mauer aus Pappmaschee, versetzt mit originalen Mauersegmenten, aufstellen. Und davor 1067 Kreuze zum Gedenken an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes. Erzähler:Weder der Ort der nachgebauten Mauer noch die Zahl der Todesopfer war historisch exakt. Dennoch hatte die Aktion eine heilsame Wirkung, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Denn sie offenbarte eine Leerstelle im Erinnern und beflügelte die Forschung. ZSP 11 Hochmuth Forschung 0,39Und das führt dazu, dass vom Berliner Senat 2006 endlich ein Gedenkkonzept für die Erinnerung an die Berliner Mauer verabschiedet wird und dass gleichzeitig eine gemeinsame Historikerkommission eingerichtet wird von der Stiftung Berliner Mauer, die ins Leben gerufen wird, und vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, die zum ersten Mal mit wissenschaftlichen Kriterien ermitteln, wie viele Menschen tatsächlich an der Berliner Mauer ums Leben gekommen sind und die biografischen Hintergründe dieser gescheiterten Fluchten und dieser tragischen Todesfälle zum ersten Mal ermitteln. Erzähler:136 Mauertote zählte die 2009 veröffentlichte Studie. Vier weitere konnten später noch ausfindig gemacht werden. Von 1961 bis 1989 sind also mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer ums Leben gekommen. Erzählerin:Die wissenschaftlich fundierte Erinnerungsarbeit kam seit 2006 langsam in Gang. So wurde unter anderem die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße massiv ausgebaut. MUSIK Erzähler:Am Checkpoint Charlie aber herrschen bis heute Show und Kommerz. Ergänzt nur durch ein paar historisch fundierte Provisorien, die mittlerweile in die Jahre gekommen sind. Das geplante neue Museum des Kalten Kriegs aber lässt weiter auf sich warten. Die Lage ist äußerst komplex, sagt Hanno Hochmuth. Grund und Boden gehören nicht der öffentlichen Hand, sondern privaten Investoren. Ohne die wird ein Museum nicht zu errichten sein. Erzählerin:Und mit ihnen? Viele Berliner haben daran ernste Zweifel, zumal ihre Stadt durch Gentrifizierung und steigende Mieten ohnehin stark unter Druck geraten ist. All das hat seit 2018 zu einer völlig neuen Debatte geführt. ZSP 12 Hochmuth Debatte heute 0,27Nämlich zu der Debatte, ob ein solcher prominenter Freiraum inmitten der Stadt eigentlich von privaten Investoren gefüllt werden sollte. Und deswegen gibt es dort einen neuen Bebauungsplan. Es gibt Gespräche vom Senat mit einem neuen Investor, aber es ist alles andere als einfach und auch nicht sicher, ob in absehbarer Zeit dort dieses eigentlich sehr, sehr notwendige Museum des Kalten Kriegs entstehen kann. Erzählerin:Dreieinhalb bis viereinhalb Millionen Menschen besuchen jährlich den Checkpoint Charlie. Und nicht wenige werden dort ratlos zurückgelassen. Es ist höchste Zeit für ein neues Museum, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Ein Haus an historischem Ort, wo wissenschaftlich fundiert an alle Aspekte des Kalten Kriegs erinnert wird. ZSP 13 Hochmuth global 0,23Der Checkpoint Charlie könnte eine Klammer darstellen, sowohl für die deutsche Erinnerungskultur als auch für eine globale Erinnerungskultur. Und in einer Zeit, die wie unsere heute so sehr stark von globalen Herausforderungen geprägt ist, ist es auch wichtig, dass unsere Erinnerungskultur globalisiert wird. Und das geht eigentlich an keinem Ort so gut wie am Checkpoint Charlie.TC 22:07 – Outro

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