
DK166 - Die Wirtschaftswissenschaft versteht das Klima nicht!
Das Klima
Erholung und wiederholte Schocks unterschätzt
Experten kritisieren schnelle Erholungsannahmen; wiederholte Schocks verringern Anpassungsfähigkeit dauerhaft.
DK166 - Warum die Wirtschaftswissenschaft das Klima nicht versteht
Und: Warum interessiert sich niemand dafür?
"Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.
In Folge 166 geht es um die Wirtschaftswissenschaft, die in einer aktuellen Studie über sich selbst sagt, dass sie nicht in der Lage ist, die Risiken der Klimakrise korrekt zu erforschen. Warum das so ist und warum das anscheinend niemanden so wirklich interessiert: Das diskutieren wir in der neuen Folge.
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Warum die Wirtschaftswissenschaft die Klimakrise nicht versteht
In dieser Folge sprechen wir über die Studie “Recalibrating Climate Risk: Aligning Damage Functions with Scientific Understanding”. Darin geht es um die Frage, ob die Wirtschaftswissenschaft die Risiken der Klimakrise für unsere Volkswirtschaften, Finanzsysteme und gesellschaftlichen Grundlagen überhaupt realistisch erfasst. Das Problem erinnert an die Geschichte vom induktivistischen Truthahn: Der Truthahn lernt aus seiner Vergangenheit, dass er jeden Tag gefüttert wird, und schließt daraus, dass das auch morgen so sein wird. Genau darin liegt der Fehler: Er erkennt den möglichen Bruch des Trends nicht. Diese Metapher passt erschreckend gut zu einem Teil der wirtschaftlichen Klimamodellierung. Wenn wir nur aus vergangenen Zusammenhängen lineare oder glatte Entwicklungen in die Zukunft verlängern, dann übersehen wir genau jene Brüche, Kipppunkte und systemischen Veränderungen, die die Klimakrise so gefährlich machen.
Im Zentrum stehen sogenannte Damage Functions, also Schadensfunktionen in ökonomischen Integrated Assessment Models. Solche Funktionen sollen Klimaveränderungen in wirtschaftliche Schäden übersetzen. Vereinfacht gesagt wird gefragt: Wenn sich die Erde um einen bestimmten Wert erwärmt, wie stark sinkt dann wirtschaftliche Leistung, Wohlstand oder Produktivität? Das Problem dabei ist laut Report nicht nur, dass diese Modelle oft auf historischen Beziehungen beruhen, die in die Zukunft fortgeschrieben werden. Das Problem ist auch, dass dabei meist zu einfache, zu glatte und zu lineare mathematische Annahmen verwendet werden. Gerade quadratische Funktionen, wie sie in vielen Modellen beliebt sind, können abrupte Umschläge, Kaskadeneffekte und Kipppunkte nur unzureichend erfassen.
Viele ökonomische Modelle tun außerdem immer noch so, als würde die Klimakrise vor allem etwas langsameres Wachstum verursachen. Genau diese Sprache kann gefährlich irreführend sein. Etwas weniger Wachstum klingt nach einem verkraftbaren Problem. Doch wenn die zugrunde liegenden Annahmen bereits fragwürdig sind, zum Beispiel weil selbst bei drei oder vier Grad Erwärmung weiterhin mit funktionierenden Wachstumsdynamiken gerechnet wird, dann verharmlost diese Darstellung möglicherweise eine Realität, in der ganze gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlagen ins Rutschen geraten.
Ein wichtiger Punkt des Reports ist deshalb, dass die globale Mitteltemperatur allein kein ausreichender Indikator für reale Schäden ist. Entscheidend sind oft lokale und regionale Extreme. Schäden entstehen nicht nur im globalen Mittel, sondern durch Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Stürme, Niedrigwasser oder den Ausfall kritischer Infrastrukturen. Als Beispiel wird der Wintersturm in Texas 2021 genannt, der enorme Schäden verursachte, Millionen Menschen betraf und zeigte, wie stark einzelne Extremereignisse Volkswirtschaften treffen können, obwohl sie in globalen Mittelwerten kaum sichtbar sind. Das galt auch für das Niedrigwasser des Rheins im Jahr 2022, das europäische Lieferketten und Industrieprozesse störte (Cascading effects of sustained low water on inland shipping).
Ein weiterer zentraler Gedanke der Folge ist, dass Schäden nicht einfach auftauchen und kurz darauf wieder verschwinden. Viele Modelle gehen implizit davon aus, dass zerstörtes Kapital relativ schnell ersetzt werden kann und sich Wirtschaftsräume bald erholen. Die im Report befragten Expertinnen und Experten widersprechen dem deutlich. Reale Erholung dauert oft Jahre oder Jahrzehnte. Manche Regionen erholen sich nie vollständig. Besonders kritisch wird es dort, wo wiederholte Schocks die Anpassungsfähigkeit selbst untergraben.
Ab einem höheren Erwärmungsniveau geht es nicht mehr nur um kleine Dämpfer im Wirtschaftswachstum. Dann verändert die Klimakrise die Grundstruktur von Volkswirtschaften. Betroffen sind Lebensräume, Landwirtschaft, Wasserverfügbarkeit, Gesundheit, Infrastruktur, Migration und geopolitische Stabilität. Mit anderen Worten: Die Frage ist dann nicht mehr nur, ob das Wachstum etwas langsamer wird. Die Frage ist, ob die Annahmen, auf denen dieses Wachstum überhaupt beruht, noch gültig sind.
Der Report plädiert dafür, in Schadensfunktionen mehr Klimavariablen einzubeziehen als nur die globale Mitteltemperatur. Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Meeresspiegelanstieg, Dürre, Extremhäufigkeiten und regionale Unterschiede müssten viel stärker berücksichtigt werden. Ebenso braucht es Funktionsformen, die Nichtlinearitäten, Unsicherheiten und abrupte Veränderungen besser abbilden. Darüber hinaus reichen selbst bessere aggregierte Schadensfunktionen nicht aus. Ergänzende prozessbasierte Ansätze sind notwendig, etwa für Kapitalzerstörung, sinkende Arbeitsproduktivität, Innovationsverluste, Anpassungskosten, Anpassungsgrenzen oder die langfristige Volatilität extremer Ereignisse.
Und es bleibt die Frage, ob das Bruttoinlandsprodukt überhaupt ein sinnvolles Zielmaß ist, wenn wir über Klimaschäden sprechen. Das BIP misst wirtschaftliche Aktivität, aber nicht automatisch Wohlstand, Lebensqualität oder Verlust. Nach Katastrophen kann das BIP durch Wiederaufbau sogar steigen, obwohl gleichzeitig reale Vermögenswerte zerstört wurden, Menschen krank werden, sterben oder ihre Heimat verlieren. BIP-basierte Modelle erfassen menschliches Leid, Mortalität, Gesundheitsfolgen, Ungleichheit, Verteilungswirkungen, kulturelle Verluste, Vertreibung, Biodiversitätsverlust und Ökosystemschäden nur unzureichend.
Der Report formuliert klar, dass Klimarisiko immer auch ein Finanzstabilitätsrisiko ist. Wenn wirtschaftliche Modelle die Schäden der Klimakrise zu niedrig ansetzen, dann werden Risiken in Finanzmärkten, bei Investitionen, in der Regulierung und letztlich auch in der Klimapolitik systematisch unterschätzt. Das ist kein bloß technisches Detail, sondern kann dazu führen, dass politische Entscheidungen zu spät, zu vorsichtig oder auf falscher Grundlage getroffen werden.
Bücher
Das neue Buch von Florian heißt “Die Farben des Universums”.
Das neue Buch der Science Buster heißt "AUS! - Die Wissenschaft vom Ende" und erscheint im Hanser Verlag. Tickets und Infos für die Live Show gibt es unter sciencebusters.at Live Shows Tickets für die Sternengeschichten Live Tour 2025/2026 von Florian gibt es unter sternengeschichten.live.
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