
D-DAY - In der Literatur
Alles Geschichte - Der History-Podcast
Intro
Diskussion ĂŒber eine literarisch verschlĂŒsselte Nachricht an die Resistance im besetzten Frankreich, die den Beginn einer bevorstehenden Invasion ankĂŒndigte.
Am 6. Juni 1944 landen alliierte Truppen in der Normandie. Etliche Schriftsteller sind Zeugen der spektakulĂ€ren Landung, darunter Ernest Hemingway, Jerome D. Salinger und Stefan Heym. In Frankreich verfolgen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre die Ereignisse, und in den USA lauschen exilierte Autorinnen und Autoren gebannt den Nachrichten ĂŒber den Ausgang der Invasion. Von Joachim Scholl (BR 2024)
Credits
Autor: Joachim Scholl
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Caroline Ebner, Stefan Merki
Redaktion: Andrea BrÀu
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD History (2024): 24 h D-Day
Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fĂŒnf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das gröĂte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jĂ€hrt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiĂ, wurde fĂŒr diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in SpielfilmqualitĂ€t. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel Ă€lter als 20 Jahre. In â 24 h D-Dayâ erzĂ€hlen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN
Linktipp:
ARD alpha (2024): D-Day â Die letzten Zeugen
6. Juni 1944. Der Tag, der als "D-Day" in die Geschichte eingeht. Kanadische, britische und US-amerikanische Truppen landen in der Normandie, um Europa von der Knechtschaft der Nazis zu befreien. Diese zweiteilige Dokumentation lĂ€sst Zeitzeugen zu Wort kommen und ermöglicht einen ebenso umfangreichen wie ausgewogenen Blick auf die UmstĂ€nde und Ereignisse jenes Tages, der die Welt verĂ€ndert hat. Ehemalige britische Matrosen, französische FreiheitskĂ€mpfer und deutsche Wehrmachtssoldaten gewĂ€hren Einblicke in ihre damaligen Erlebnisse, GefĂŒhle und Erfahrungen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps fĂŒr Geschichts-Interessierte:
Im Podcast âTATORT GESCHICHTEâ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt ĂŒber bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime â und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzĂ€hlt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrĂŒhrend, witzig und oft ĂŒberraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns ĂŒber Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ZITATOR
Achtung, Achtung, hier ist die BBC London. Wir senden nun Mitteilungen in französischer Sprache: (kurze Pause) â âLes anglots longs de violons de lâautomne / Blessent mon coeur dâune langue montone...â / Atmo stehen lassen, darauf Sprecherin)
SPRECHERIN
âLes anglots longs de violons de lâautomne / Blessent mon coeur dâune langue montone...â â âDas lange Schluchzen herbstlicher Geigen / Die mein Herz mit langweilender Mattigkeit verwundenâ â an einem Dienstag, in der Nacht zum 2. Juni 1944 erklingt im britischen Rundfunk französische Poesie. Nur die ersten beiden Zeilen von âChanson dâAutomneâ, aus dem Gedicht âHerbstliedâ von Paul Verlaine. Aber das genĂŒgt, die EmpfĂ€nger reagieren wie elektrisiert. MUSIK ENDE
Es ist eine literarisch verschlĂŒsselte Botschaft an die RĂ©sistance, die Widerstands- bewegung im besetzten Frankreich. Jahrelang haben die UntergrundkĂ€mpfer auf diese Verse gewartet, die jetzt nur eines bedeuten: Innerhalb der nĂ€chsten 48 Stunden beginnt hier, auf dem Kontinent, der groĂe Angriff â die Invasion!
SPRECHER
Noch einmal wird die Geduld der RĂ©sistance auf eine harte Probe gestellt. General Dwight D. Eisenhower, der amerikanische Oberbefehlshaber der alliierten Landungstruppen, hat den Invasionstermin auf den 4. Juni gelegt. Drei Millionen Soldaten sind an der sĂŒdenglischen KĂŒste zusammengezogen. Mehr als 5000 Schiffe drĂ€ngeln sich in den HĂ€fen am Kanal. 7000 Kampf- und ĂŒber 2000 Transportflugzeuge stehen bereit. Doch dann schlĂ€gt das Wetter um, Sturm kommt auf. Die erste Welle an Schiffen, die bereits unterwegs ist, muss umkehren. Das Warten wird unertrĂ€glich.
MUSIK
ZITATOR
In der ganzen Welt fragten sich die Menschen, wann es soweit sein wĂŒrde, und nicht wenige beteten. Aber nirgends war die Spannung gröĂer als ins London. Hier fĂŒhlte man das Drama, auf beinahe schmerzend körperliche Weise. Es war so nah, nur eine Stunde entfernt, bis zur KĂŒste im SĂŒden.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN (auf Musik)
Der kanadische Kriegs-Korrespondent Lionel Shapiro in seinem 1956 veröffentlichen Roman âThe 6th of Juneâ, âDer 6. Juniâ:
MUSIK
ZITATOR
Die Menschen gingen in die Pubs, um die endlosen Abende zu verkĂŒrzen. Hier war es am schlimmsten. Die Lokale waren voll und trotzdem tödlich still. Warum nur? Es ist diese verdammte Warterei, sagten die Leute zu sich, aber es war der Tod an den StrĂ€nden, an den sie in Wahrheit dachten.
MUSIK ENDE
O-Ton engl. BBC-Kriegsberichterstatter 0â57 / mit Voice over
âThe Canal troops are landing, they are landing all around me, as I speak, red and white parachutes fluttering down, in perfect formationâŠâ
SPRECHERIN
Am 6. Juni ist âD-Dayâ, Decision Day, der Tag der Entscheidung. Ab 1.00 Uhr nachts landen 18.000 britische und amerikanische FallschirmjĂ€ger im Hinterland der normanischen KĂŒste zwischen Sainte-MĂšre-Ăglise und Caen. Sie treffen auf einen völlig ĂŒberraschten Gegner. Niemand bei der deutschen Heeresleitung hat den Angriff zu diesem Zeitpunkt erwartet. Auch nicht der Schriftsteller Ernst JĂŒnger, der als Offizier im Generalstab von Paris stationiert ist. Zwei Tage nach der Landung schreibt er in seinem Tagebuch:
ZITATOR
Am gestrigen Tag bei General Speidel in La Roche-Guyon. Wir fuhren gegen Mitternacht zurĂŒck. Auf diese Weise verpassten wir um eine Stunde das Eintreffen der ersten Meldungen ĂŒber die Landung. Sie wurde am Morgen bekannt und ĂŒberraschte viele. Die ersten abgesprungenen KrĂ€fte wurden nach Mitternacht festgestellt. Zahlreiche Flotten und mehrere tausend Flugzeuge traten bei den Operationen auf. Es handelt sich ohne Zweifel um den Beginn des groĂen Angriffs, der diesen Tag historisch machen wird.
SPRECHERIN
Und Adolf Hitler? Der âFĂŒhrerâ weilt in Berchtesgaden und verschlĂ€ft den Vormittag. Seit 5 Uhr 30 rollen die Angriffswellen gegen die StrĂ€nde der Normandie, um 10 Uhr 15 traut man sich endlich, Hitler zu wecken. Im Morgenmantel empfĂ€ngt er die Nachricht. Dann verstreichen entscheidende Stunden, der selbsternannte Oberbefehlshaber der Wehrmacht zögert, die bereitstehenden Panzer-Divisionen in Marsch zu setzen.
MUSIK
Generalfeldmarschall Rommel, der Oberkommandierende der deutschen Truppen in Frankreich, fleht Hitler förmlich an. Am Nachmittag, viel zu spÀt, gibt er endlich den Befehl. Erst am spÀten Abend wird die Invasion in Deutschland bekanntgemacht.
MUSIK hoch
SPRECHER
Als Ernst JĂŒnger in der Nacht zum 6. Juni durch Paris fĂ€hrt, hĂ€tte er zwei französischen Schriftstellern begegnen können: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.
MUSIK ENDE
Sie kommen gerade von einer Party, es wurde getrunken, gesungen, gelacht, Albert Camus hatte wie wild getanzt. In ihrer Autobiographie schreibt Simone de Beauvoir:
ZITATORIN
Wir gingen mit Olga und Bost zur ersten Metro und begleiteten die beiden bis zum Montparnasse. Die Place de Rennes lag verlassen im fahlen Licht der MorgendĂ€mmerung. Plakate an der Bahnhofsmauer verkĂŒndeten, dass der Zugverkehr eingestellt sei. Was ging vor? Ich schlief fĂŒnf oder sechs Stunden. Als ich erwachte, drang die Stimme eines Radios durch mein Fenster. Sie sagte lang erwartete, unglaubliche Dinge, ich sprang aus dem Bett. Die anglo-amerikanischen Truppen hatten in der Normandie FuĂ gefasst! Die Tage, die nun kamen, waren ein einziges Fest. Die Leute lachten einander zu, die Sonne strahlte â und wie fröhlich waren die StraĂen.
SPRECHER
Jean-Paul Sartre zeigt weniger Enthusiasmus, er fĂŒhlt sich unschön abgelenkt. hat nur Sinn fĂŒr sein neues TheaterstĂŒck âHuis Clos - bei Geschlossene Geellschaftâ, das in diesen Tagen Premiere feiern soll. â Viele tausend Kilometer entfernt, im kalifornischen Exil, ist ein anderer Dramatiker von Weltgeltung ebenfalls ganz auf seine Arbeit konzentriert. Genau am Invasionstag vollendet Bertolt Brecht den âKaukasischen Kreidekreisâ. Dann geht er ins Kino. In seinem âJournalâ verzeichnet er diesen Eintrag:
6. Juni 1944. â Ich kam mit Homolka und Karin aus dem Film âMemphis Belleâ â der Flug einer Flying Fortress nach Wilhelmshaven â und saĂ schon wieder beim Schach, als Hanns Eisler telefonierte, die Invasion in Frankreich habe eingesetzt. Das Radio spie Nachrichten, ein Augenzeuge sprach schon von der Normandie aus.
SPRECHERIN
In Brechts Nachbarschaft wird die Nachricht mit gröĂerem Interesse aufgenommen. Der berĂŒhmteste Schriftsteller des deutschen Exils, Thomas Mann, feiert ausgerechnet am D-Day Geburtstag. Am Abend notiert er in sein Tagebuch:
ZITATOR
Pacific Palisades, Dienstag, den 6. Juni. â Mein 69. Geburtstag. Stand halb neun Uhr auf. WĂ€hrend Katja mir ihre Geschenke zeigte, rief Mrs. Meyer aus Washington an, von der ich, bevor ich die Zeitung gesehen, erfuhr, dass die Invasion Frankreichs bei Caen, Calais, Le Havre begonnen hat. EigentĂŒmliches Zusammentreffen. Beim FrĂŒhstĂŒck die Zeitungsnachrichten. Die Meyer erklĂ€rte,
befriedigende direkte Nachrichten aus dem Kriegsministerium zu haben. Spannung auf koordinierte Aktionen der Russen. Telephon mit den Franks. Man erwartet eine weitere Ansprache des PrÀsidenten.
Regie: O-Ton / Amerik. Nachrichtensprecher (In OF: ab 12â36)
âLadies and Gentlemen, the President of the United StatesâŠâ
SPRECHERIN
Tags zuvor hat Franklin D. Roosevelt im Rundfunk den Einmarsch alliierter Truppen in Rom verkĂŒndet. Nun wendet sich der amerikanische PrĂ€sidente erneut an sein Volk:
Regie: O-Ton / Roosevelt
My fellow Americans! Last night when I spoke to you about the fall of Rome I knew at that moment that troops of the United States and our allies were crossing the channel.â
DARĂBER
ZITATOR
Liebe MitbĂŒrger. Gestern Nacht, als ich zu Ihnen sprach, ĂŒber den Fall von Rom, wusste ich in diesem Moment bereits, dass Truppen der Vereinigten Staaten und unserer VerbĂŒndeten den Kanal ĂŒberquerten. Bis jetzt waren wir erfolgreich. Und so bitte ich Sie, in dieser kritischen Stunde, mit mir zu beten...
SPRECHERIN
Genau zu dieser Zeit arbeitet Thomas Mann an seinem Roman âDoktor Faustus â Die Geschichte des Tonsetzers Adrian LeverkĂŒhn, erzĂ€hlt von einem Freundeâ. Serenus Zeitblom heiĂt der eher furchtsame, brave Chronist, und in die Rekapitulation der tragischen Biographie LeverkĂŒhns mischt der ErzĂ€hler aktuelle Beobachtungen und Reflexionen. Am 23. Mai 1943 setzt der Roman ein, an diesem Tag beginnt Thomas Mann mit der Niederschrift. Im Juni 1944 befindet er sich im 33. Kapitel. Und die sensationelle Nachricht aus der Wirklichkeit diktiert ihm die Fiktion.
MUSIK
ZITATOR
Die Invasion Frankreichs, als Möglichkeit lĂ€ngst anerkannt, hat sich vollzogen â eine mit vollkommener Umsicht vorbereitete technisch-militĂ€rische Leistung ersten oder ĂŒberhaupt neuen Ranges, und bald waren es der zu Strande gebrachten Truppen, Tanks, GeschĂŒtze und jederlei Bedarfe mehr, als wir wirder ins Meer zu werfen vermochten. Cherbourg hat nach heroischen Radiogrammen des Kommandierenden Generals an den FĂŒhrer kapituliert, und seit Tagen schon tobt eine Schlacht, deren Streitgegenstand die normannische Stadt Caen ist.
MUSIK ENDE
Regie: O-Ton / Dt. Kriegsberichterstatten 0â15 (In OF: 21â08)
âHier hart an uns vorbei heulen die Granaten der englischen Artillerie, sie beschieĂt den Dorfrand hinter unserem RĂŒcken, wo man anscheinend Fahrzeug- bewegungen erkannt hat. In der Talsohle vor uns sind die grauen Ruinen und zerfetzten BaumstĂŒmpfe eines total, bis auf das letzte Haus heruntergebrannten Dorfes zu sehen. .
MUSIK
SPRECHER
Um 3.30 Uhr hat der Feuerschlag begonnen. Tausende von SchiffsgeschĂŒtzen beschieĂen die deutschen Befestigungsanlagen. In der Luft ist die gesamte Bomberflotte im Einsatz. Noch warten die ĂŒber 4000 Landungsboote im sicheren Schutz der Geleitschiffe. Die alliierte FĂŒhrung hat den 30 Kilometer langen KĂŒstenstreifen in fĂŒnf Landezonen eingeteilt. Im Abschnitt âUtahâ und âOmahaâ landen amerikanische Soldaten, und in einem Boot vor âOmaha Beachâ sitzt mitten unter den durchnĂ€ssten und frierenden G.I.s der weltberĂŒhmte Romancier Ernest Hemingway. Als Kriegs-Korrespondent hat er schon zuvor von vielen Fronten berichtet. Die Invasion sollte die Krönung fĂŒr den Boxer, Stierkampf-Liebhaber und notorischen Macho sein. Seinen Wunsch, gleich in der ersten Angriffs-Welle mitzufahren, lehnt das alliierte Presse-Ministerium entsetzt ab â den ersten Lande-Einheiten werden wenig Ăberlebens-Chancen eingerĂ€umt. Man rechnet mit 10.000 Toten, eine Zahl, die sich als realistisch erweisen sollte. Hemingway darf in die siebte Welle!
ZITATOR
Wir nĂ€herten uns der KĂŒste im Morgengrauen. Das Landungsboot war sechsundreiĂig FuĂ lang und sah aus wie ein Sarg. Er nahm viel Wasser ĂŒber, das in grĂŒnen Schauern auf die Stahlhelme der Soldaten prasselte, die Schulter an Schulter hockten, in der steifen, ungeschickten, ungemĂŒtlichen, einsamen Genossenschaft von MĂ€nnern, die in die Schlacht gehen. Unter der Back des stĂ€hlernen Boots lagen Kisten voll TNT, mit Gummischwimmwesten umwickelt, um in der Brandung zu schwimmen, und Bazookas in Haufen und Kisten voll Bazooka-Raketen, und alle diese Munitionspacken steckten in wasserdichten PlastikhĂŒllen wie die College-Girls, wennâs regnet. Voraus war die französische KĂŒste zu sehen.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Der Reporter Hemingway war auf âOmaha Beachâ gelandet; im sĂŒdlichsten Abschnitt âUtahâ liegt der einfache Gefreite Jerome D.Salinger im Sand. Der spĂ€tere Verfasser von âDer FĂ€nger im Roggenâ wird nur ein einziges Mal in seinem Leben von diesem Tag erzĂ€hlen, leicht angetrunken, auf einem Veteranentreffen, sonst hĂ€tte die Welt nie davon erfahren.
SPRECHER
Dort, wo die Einheit von Jerome D.Salinger gelandet ist, trifft sie auf den heftigsten Widerstand der Deutschen. Hier sind die Verteidigungsanlagen am besten ausgebaut. Minenfelder, Sperrhöcker, Stacheldraht und in den Sand getriebene Balken machen die Landung von Panzern und Fahrzeugen schier unmöglich. Diese Balken heiĂen im Jargon der deutschen Landser âRommelspargelâ. Sie liefern, bald 15 Jahre spĂ€ter, dem Schriftsteller GĂŒnter Grass den Anlass fĂŒr ein satirisches Gedicht in seinem Roman âDie Blechtrommelâ. Im Sommer 1944 ist der Held Oskar Matzerath Mitglied in einer Fronttheatertruppe. Man gastiert in Frankreich. WĂ€hrend eines Picknicks auf den Betonbunkern des âAtlantik-Wallsâ wird spontan gedichtet. KĂŒnstlerin Kitty sagt die Verse auf:
Regie: Blechtrommel-Wirbel
MUSIK
ZITATORIN
Noch waffenstarrend, mit getarnten ZĂ€hnen
Beton einstampfend, Rommelspargel
Schon unterwegs ins Land Pantoffel,
Wo jeden Sonntag Salzkartoffel
Und freitags Fisch, auch Spiegeleier:
Wir nÀhern uns dem Biedermeier
(Trommelwirbel)
((Noch schlafen wir in Drahtverhauen
Verbuddeln in Latrinen Minen
Und trÀumen tags darauf von Gartenlauben,
Von KegelbrĂŒdern, Turteltauben,
Vom KĂŒhlschrank, formschön Wasserspeier:
Wir nÀhern uns dem Biedermeier!
(Trommelwirbel)
Muss mancher auch ins Gras noch beiĂen
Muss manch ein Mutterherz noch reiĂen
TrÀgt auch der Tod noch Fallschirmseide
KnĂŒpft er doch RĂŒschlein seinem Kleide
Zupft Federn sich vom Pfau und Reiher
Wir nÀhern uns dem Biedermeier! ))
Blechtrommel-Wirbel
SPRECHER
Anderntags ist der SpaĂ vorbei, wird das KĂŒnstlervölkchen vom Angriff der Alliierten ĂŒberrascht, Oskars Freundin Roswitha von einer Granate getötet.
SPRECHERIN
Tausende Kilometer entfernt, tief im Osten, empfĂ€ngt ein weiterer spĂ€terer deutscher Literatur-NobelpreistrĂ€ger die Nachrichten aus der Normandie. Seit fĂŒnf Jahren, vom ersten Tag des Krieges an, marschiert der Infanterist Heinrich Böll durch den Schrecken. Er wird schwer verwundet und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Die Landung der Alliierten lĂ€sst Böll hoffen. SehnsĂŒchtig schreibt er gleich am 7. Juni aus einem ungarischen Lazarett an seine Frau Annemarie:
ZITATOR
Gestern Abend erfuhren wir alle mit groĂer Erregung und Erwartung von der Invasion im Westen. Das ist ein unglaublich wichtiges Ereignis, diese Invasion, das kann wirklich zur Entscheidung des Krieges noch in diesem Jahr fĂŒhren; wĂ€re es nicht toll, wenn uns endlich einmal ein Zeichen vom Beginn des Endes leuchten wĂŒrde, ach, dieser wahnsinnige, verbrecherische Krieg muss bald zu Ende gehen!
Regie: O-Ton Winston Churchill (In OF: 33â41)
âWe tried again and again to prevent this war...
ZITATOR
âImmer wieder haben wir versucht, diesen Krieg zu verhindernâ, hat der britische Premierminister Winston Churchill im November 1939 gesagt.
Regie: O-Ton kurz hochziehen
â...which should not have happenedâŠ
ZITATOR 1
âAber jetzt sind wir im Krieg, und wir warden Krieg fĂŒhren, und wir warden ihn solange fĂŒhren, bis die andere Seite genug davon hat.
Regie: O-Ton kurz hochziehen
â...until the other side has had enough of it.â
SPRECHERIN
Am 11.Juni vereinigen sich die alliierten BrĂŒckenköpfe zu einer geschlossenen Front, die Invasion ist endgĂŒltig gelungen â mehr als eine halbe Million Soldaten und 90.000 Fahrzeuge stehen auf französischem Boden. Es wird nur noch zwei Monate dauern, bis die Streitmacht Paris erreicht. Am 25. August wird die Hauptstadt befreit. - Als passionierter und bekannter Schriftsteller wird Winston Churchill ebenfalls ĂŒber die Invasion und den Siegeszug der Alliierten schreiben, in seinem Buch âDer Zweite Weltkriegâ â noch vor Abschluss des sechsbĂ€ndigen Werks erhĂ€lt er dafĂŒr 1953 den Literatur-Nobelpreis.
SPRECHER
Im selben Jahr 1948, als der erste Band von Winston Churchills Kriegs-Memoiren erscheint, kommt in New York der Roman eines deutschen Schriftstellers auf den Markt: âThe Crusadersâ â ein weitgespanntes 800-Seiten-Epos, das nach der Landung der Normandie einsetzt, die Befreiung Frankreichs beschreibt, die Schicksale von Amerikanern und Deutschen gleichermaĂen schildert und bis zur Eroberung Deutschlands reicht. Der Verfasser heiĂt Stefan Heym! â
SPRECHERIN
Als Technical Sergeant hat er im Presse-Korps der 12. US-Armee die Invasion aus nĂ€chster NĂ€he erlebt, es ist fĂŒr ihn auch die Wiederkehr nach Europa! â 1933, mit zwanzig Jahren, war der Sohn einer jĂŒdischen Kaufmanns-Familie nach dem Reichtagsbrand aus Deutschland geflohen. In den USA wurde er zum Amerikaner und erfolgreichen Schriftsteller, 1943 meldete er sich freiwillig zum MilitĂ€r. Im Einsatz in Frankreich arbeitet er fĂŒr die FeindaufklĂ€rung, verfasst FlugblĂ€tter und Ansprachen, die ĂŒber Lautsprecher die deutschen Soldaten zur Aufgabe bewegen sollen. Im Roman hat Stefan Heym eines dieser von ihm entworfenen FlugblĂ€tter eingebaut:
ZITATOR
... wofĂŒr kĂ€mpft Ihr? Um einen verlorenen Krieg zu verlĂ€ngern, einen Krieg, der Europa vernichtet, einen Krieg, der euch selbst vernichtet. FĂŒnf Jahre lang habt ihr gekĂ€mpft. Milllionnen sind in Russland gefallen, und tĂ€glich nĂ€hern sich die Russen der deutschen Grenze. Die Front im Westen rollt donnernd vorwĂ€rts. Wenn ihr euch noch retten wollt, wenn ihr Deutschland noch retten wollt, gibt es nur einen Ausweg: SCHLUSS MACHEN!
SPRECHERIN
Stefan Heym wird nach dem Krieg zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der jungen DDR. âThe Crusadersâ erscheint dort 1950 unter dem deutschen Titel âKreuzfahrer von heuteâ, in Westdeutschland wird die Ausgabe spĂ€ter âDer bittere Lorbeerâ heiĂen. FĂŒr seine militĂ€rischen Dienste wird Stefan Heym von den USA mit dem Bronze Medal Star ausgezeichnet. â Und in seinem Flugblatt hat er die Wahrheit gesprochen: Am 22. Juni, zwei Wochen nach der Invasion, sind 200 Divisionen der Roten Armee zur Offensive im Osten angetreten, sie sind den Deutschen fĂŒnffach ĂŒberlegen. Ăberall nun brechen die deutschen Fronten zusammen.
Regie: Musik / unter Text
SPRECHER
Jetzt beginnt das Ende. Auch Serenus Zeitblom hat die Nachrichten gehört. In Kalifornien lÀsst Thomas Mann seinen Àngstlichen Helden um Deutschland zittern:
MUSIK
ZITATOR
Kein Halten mehr! Seele, denkâ es nicht aus. Wage nicht, zu ermessen, was es heiĂen wĂŒrde, wenn in unserem extremen, durchaus einmalig-furchtbar gelagerten Fall die DĂ€mme brĂ€chen und es kein Halt mehr gĂ€be gegen den unermesslichen Hass, den wir unter den Völkern ringsum gegen uns zu entfachen gewusst haben. (...) Das Strafgericht â es komme! Nichts anderes bleibt mehr zu hoffen, zu wollen, zu wĂŒnschen. (...) Ein einsamer Mann faltet seine HĂ€nde und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnĂ€dig!
MUSIK ENDE


