
Die Bewertungsgesellschaft - Heute schon gelobt, geliked, gedissed?
Radiowissen
Psychologie der digitalen Anerkennung
Dieses Kapitel untersucht die psychologischen Motive hinter dem Streben nach Anerkennung in sozialen Medien und deren Einfluss auf das SelbstwertgefĂŒhl. Es wird erörtert, wie Likes und Feedback das Belohnungssystem des Gehirns aktivieren, wĂ€hrend fehlende BestĂ€tigung negative psychische Auswirkungen haben kann.
Wir bewerten stĂ€ndig, ĂŒberall und alles. Menschen, Dinge, Taten, UmstĂ€nde - ohne Sterne geht nichts mehr. Likes und Dislikes, Daumen rauf und Daumen runter steuern, was wir kaufen, wohin wir reisen, wen wir daten oder haten. Von Simon Demmelhuber (BR 2025)
Credits
Autor dieser Folge: Simon Demmelhuber
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Katja BĂŒrkle, Robert Dölle, Benjamin Stedler
Technik: Regine Elbers
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Prof. Dr. Oliver Berli, Professor fĂŒr Soziologie, PĂ€dagogische Hochschule Ludwigsburg
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Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
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ZUM PODCAST
Literatur:
Berli, Oliver: Germanyâs next top novel. Eine Soziologie literarischer Bewertung am Beispiel von Literaturpreisen. In: Magerski, Christine/Steuerwald, Christian (Hg.): Literatursoziologie. Zu ihrer AktualitĂ€t und ihren Möglichkeiten. Wiesbaden [Springer VS], 2023, S. 107-128.
Berli, Oliver/Nicolae, Stefan/SchÀfer, Hilmar (Hg.): Bewertungskulturen. Wiesbaden [Springer VS], 2021
Jonathan Kropf/Stefen Laser (Hg.): Digitale Bewertungspraktiken. FĂŒr eine Bewertungssoziologie des Digitalen. Wiesbaden [Springer VS], 2019
Steffen Mau: Das metrische Wir. Ăber die Quantifizierung des Sozialen. Berlin [Suhrkamp Verlag], 2017
Wir freuen uns ĂŒber Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Radiowissen
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR:
1A-Ware, prima verpackt, netter Kontakt. Alles Topp! 5 Sterne!
ERZĂHLERIN:
Toller Film. Besser als der ĂŒbliche Mist. Drei Herzchen!
SPRECHER:
Der faulste Prof ever! Macht alle fertig, ertrĂ€gt selbst null Kritik. FĂŒnf Daumen runter!
ZITATOR:
Bester Inder der Stadt! Klasse Service, Spitzen-Ambiente. 5 Sterne!
SPRECHER:
Zimmer versifft, BaulÀrm rund um die Uhr. Urlaub in der Hölle. Null Sterne!
ERZĂHLERIN:
Klasse Rezept. Super lecker, super einfach. Drei Daumen rauf!
ATMO: SOCIAL MEDIA SOUND
ZITATOR:
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SPRECHER:
Dinge, Waren, Menschen, Erlebnisse - wir taxieren jede, jeden, alles in Dauerschleife und Echtzeit.
MUSIK 2 ( Ela Minus â Arbrir Monte 0â18)
ERZĂHLERIN:
SchĂŒler checken Lehrer, Chefs evaluieren Mitarbeiter, Paarungswillige mustern Dating-Matches. Like und Daumen rauf empfehlen den idealen Studienplatz, den einfĂŒhlsamsten Arzt, den geilsten MilchaufschĂ€umer. Was nicht gefĂ€llt, mĂ€hen Verrisse nieder.
ZITATOR:
Dislike! Daumen runter! Krasses Wutgesicht!
MUSIK 3 ( Ela Minus â Arbrir Monte 0â32)
SPRECHER:
Herzen und Sterne sortieren den Alltag, ohne Noten, Scores und Ratings geht scheinbar nichts mehr. Leitartikler und Zeitzeichendeuter attestieren uns daher lÀngst einen galoppierenden Bewertungswahn, Soziologen und Kulturwissenschaftler wÀhnen uns auf dem Weg in die Bewertungsgesellschaft.
ZITATOR:
âDie These lautet dabei, dass Bewertungen nicht nur in nahezu jedem Winkel der Gesellschaft anzutreffen sind, sondern sich in der jĂŒngsten Vergangenheit auch immer weiter ausbreiten, intensivieren und transformieren.â
ATMO: SOCIAL MEDIA-SOUND
SPRECHER:
Dass BewertungsphĂ€nomene zulegen, bestĂ€tigt auch Oliver Berli, Professor fĂŒr Soziologie an der PĂ€dagogischen Hochschule Ludwigsburg. Von einer vorschnellen Etikettierung rĂ€t er dennoch ab:
01 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Ich wĂŒrde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir in einer Bewertungsgesellschaft leben. Ich wĂŒrde aber sagen, dass wir zunehmend in Situationen kommen, in denen Bewertungen relevant gemacht werden. Das kann eben sein, dass man aufgefordert wird, die Erfahrung beim Reifenwechsel zu bewerten, oder dass man sich durch FlughĂ€fen, Bahnhöfe bewegt und ĂŒberall aufgefordert wird, Dienstleistungen, EinkĂ€ufe zu bewerten. Diese quantitative Zunahme lĂ€sst sich in der Tat beobachten.
MUSIK 4 ( Blackfish â Deep Village 0â35)
ERZĂHLERIN:
Die Hinweise verdichten sich in allen Lebensbereichen, vor allem jedoch im Handel- und Dienstleistungssektor. Kein Online-Kauf, kein Friseurbesuch, kein Reifenwechsel ohne anschlieĂende Sternchenbettelei. Doch auch in den Sozialen Medien wird geliked und gedisst, was das Zeug hĂ€lt.
SPRECHER:
Aber warum? Wieso sind plötzlich alle versessen auf Likes und Reviews? Ist das wieder so ein nerdiges Internetding, mit dem die Netzkultur den Alltag flutet? Ganz sicher nicht, sagt Oliver Berli:
02 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Bewerten wĂŒrde ich sehen als eine ganz basale menschliche TĂ€tigkeit, genauso wie klassifizieren, vergleichen und quantifizieren. Das sind grundlegende Techniken des Ordnens von RealitĂ€t. Und natĂŒrlich gibt es dann Konjunkturen in einzelnen Teilen der Gesellschaft, dass Rankings an PopularitĂ€t gewinnen und auch in andere Bereiche der Gesellschaft herĂŒberschwappen. Aber grundsĂ€tzlich sind das ja etablierte Ordnungsformen wie das Erstellen von einer Liste.
SPRECHER:
Was auf den ersten Blick aussieht wie ein trendiges Online-PhÀnomen, gehört schon immer zu unserer biologischen, sozialen und kulturellen Grundausstattung.
ERZĂHLERIN:
Unser Gehirn ist eine hochkomplexe Bewertungsmaschine, die unablÀssig Wahrnehmungen, Personen, Ereignisse analysiert und einstuft.
MUSIK 4a ( Ela Minus â Arbrir Monte 0â32)
ZITATOR:
Was raschelt im GebĂŒsch? Der Wind? Ein Raubtier? Droht Gefahr oder winkt Gewinn?
MUSIK 5 ( Konstantin Gropper â Excercises 1â05)
ERZĂHLERIN:
Die FĂ€higkeit, zwischen Freund oder Feind, nĂŒtzlich oder schĂ€dlich zu unterscheiden, war in Savanne und Dschungel ein Ăberlebensvorteil. Und sie bewĂ€hrt sich noch heute im Job, an der Börse, im privaten und öffentlichen Miteinander. Bewerten war und ist eine grundlegende Strategie der DaseinsbewĂ€ltigung, die unser gesamtes Verhalten prĂ€gt: Wir bewerten Sachen, Situationen und Chancen, wir mustern Menschen und weisen ihnen dadurch ihren Platz im Leben zu:
SPRECHER:
Wer darf studieren? Wer macht Karriere? Wer hat Klasse, wer ist Masse? Bewertungen organisieren soziale Ordnungen. Sie bestimmen, wer im Kindergarten, in der Schule, im Beruf, beim Liebesreigen in einer Hauptrolle oder als Komparse mitspielt. Anders gesagt: Sobald es nötig ist, die Verteilung knapper Ressourcen, einen Status oder Rang zu begrĂŒnden, fĂŒhrt an Wertzuschreibungen kein Weg vorbei.
03 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Bewertung wird in all den Bereichen interessant, wo Orientierung notwendig ist. Ein Beispiel wÀre eben die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Bewerbungen, um eine Stelle mit einer bestmöglichen Person zu besetzen.
ZITATOR:
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.
SPRECHER:
Orientierung finden, Konflikte lösen, EntschlĂŒsse fassen, die Wirklichkeit ordnen und gestalten â all das setzt unbewusste oder bewusste Bewertungsprozesse voraus. Einfacher wird das unverzichtbare Evaluieren, wenn wir auf vorhandene EinschĂ€tzungen und Erfahrungen zurĂŒckgreifen. Ranglisten und Werturteile beschleunigen die Urteilsfindung, weil sie die Informationsmenge reduzieren und Gehirnressourcen schonen. Deshalb vertrauen wir bei weitreichenden Entscheidungen, gröĂeren Anschaffungen und selbst eher trivialen Vorhaben, wie der Wahl einer neuen LektĂŒre, auf Rankings und Rezensionen. So wie Oliver Berli:
04 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Ich lese gerne Romane. Es erscheint nur wahnsinnig viel auf dem deutschen Buchmarkt jedes Jahr. Wie orientiere ich mich in der groĂen Masse von BĂŒchern, die ich lesen könnte? Was lese ich als nĂ€chstes? Ich könnte eine Rezension lesen. Ich könnte schauen, was gut verkauft wird. Ich könnte in der Buchhandlung meines Vertrauens nachfragen. Das sind alles gangbare Arten, diesem Entscheidungsproblem zu begegnen, ohne viel Zeit zu investieren.
MUSIK 6 ( Ziggy Has Ardeur â Me-Time 0â38)
SPRECHER:
Bewertungen sorgen dafĂŒr, dass wir in komplexen Situationen besser zurechtkommen. Sie sortieren Sachen, Personen und Handlungen aber auch Gedanken und Haltungen nach Merkmalen, die wir als wertvoll oder wertlos einstufen. Und genau damit verwandeln sie ein ungeordnetes, potenziell bedrohliches Durcheinander in etwas, das uns geordnet, sinnvoll und beherrschbar erscheint.
ERZĂHLERIN:
Das Internet mit seinen vernetzten, direkten KommunikationskanĂ€len kommt diesem BedĂŒrfnis entgegen. Zugespitzt formuliert, hat das World Wide Web eine gigantische Bewertungs- und Ratingmaschine geschaffen, die entscheidungsrelevante Informationen mit sozialem Austausch und Unterhaltung kombiniert. FĂŒr viele Menschen ist dieser Ă€uĂerst psychoaktive Mix eine unverzichtbare Alltagsroutine geworden.
MUSIK 7 ( Lisa-Marie Puy â My Secret Language 0â43)
SPRECHER:
Einfach so einen Film gucken, ein Buch lesen, eine Kaffeemaschine kaufen? Nie und nimmer! Nicht ohne Yelp, HolidayCheck, TripAdvisor, Trustpilot, Yameda und Co.
ERZĂHLERIN:
Dutzende spezialisierter Portale liefern Bewertungen fĂŒr Unis, Reisen, Hotels, Restaurants, Ărzte, Handwerker und praktisch alle Branchen. Kein Online-Anbieter verzichtet auf wertende Kommentar- und Feedbackangebote. Egal, welches Produkt, welche Dienstleistung, welchen Rat wir suchen, das nĂ€chste Ranking, die nĂ€chste Empfehlung, der nĂ€chste Erfahrungsbericht ist nur einen Klick weit entfernt.
ATMO: MODEMEINWAHL 1990er JAHRE
ERZĂHLERIN:
Was heute selbstverstĂ€ndlich ist, beginnt Mitte der 1990er Jahre mit der GrĂŒndung erster Verkaufsplattformen im Internet. Dabei entstehen anonyme MarktplĂ€tze, die einen hohen Vertrauensvorschuss einfordern. Anbieter und KĂ€ufer kennen sich nicht persönlich, die Waren existieren nur als Bild und Beschreibung. In dieser virtuellen Umgebung schaffen ungeschminkte Kundenurteile, ehrliche Feedbacks und authentische Meinungen die beruhigende Illusion einer soliden Entscheidungsgrundlage. Das fĂŒhlt sich gut an, rĂ€umt Bedenken aus, steigert die Kaufbereitschaft und entpuppt sich rasch als wichtigster Absatzmotor im Online-Handel.
MUSIK 8 (Citokid â Focus On Money 0â35)
SPRECHER:
Wie bedeutsam Bewertungen, Rankings und Produktzensuren inzwischen fĂŒr die Branche sind, bestĂ€tigen Marktanalysen Jahr fĂŒr Jahr erneut.
ZITATOR:
97 Prozent der Verbraucher geben an, dass Onlinerezensionen und Referenzen ihre Kaufentscheidungen massiv beeinflussen.
57 Prozent kaufen nur bei Unternehmen, die wenigstens vier Sterne haben.
39 Prozent haben kaum Vertrauen in Angebote oder Produkte ohne Bewertung.
ERZĂHLERIN:
Weil sich Kundenbewertungen als hochwirksame Verkaufshilfe und Wertschöpfungsfaktor herausstellen, siedelt sich schon bald ein professionelles Bewertungsgewerbe rund um Shops und Plattformen als expandierender Wirtschaftszweig an. Spezialisierte Dienstleister ĂŒbernehmen auf Wunsch sĂ€mtliche Facetten des Bewertungsmanagements: Sie entwerfen Strategien zur Like-Beschaffung, entwickeln und betreiben Bewertungssysteme, lassen missliebige Kommentare löschen oder gehen juristisch gegen negative Urteile vor.
SPRECHER:
Falls alles nicht reicht und der Erfolg trotzdem ausbleibt, lĂ€sst sich der Sternensegen auch kĂŒnstlich erzeugen: Spezialagenturen liefern gefĂ€lschte Rezensionen und Phantomkommentare, einige Bewertungsportale verhökern gezinktes Lob an alle, die Anzeigen schalten.
MUSIK 9 ( Martijn Konijnenburg â Money In My Head 0â22)
MUSIK 10 (Kevin Yost â These Lonely Winds 0â34)
ERZĂHLERIN:
Das klÀrt zumindest zwei Dinge: Erstens, warum uns Shops, Content-Anbieter und Influencer unentwegt um Likes anhauen und Kommentare schnorren. Zweitens, warum sich gekaufte Bewertungen, gefÀlschte Rezensionen und manipulierte Rankings hÀufen. Doch es erklÀrt noch immer nicht, warum wir dieses Spiel so gerne mitmachen und unseren Senf so bereitwillig abgeben.
SPRECHER:
Abgesehen vom Wunsch, auf gute Produkte hinzuweisen oder vor FehlkĂ€ufen zu warnen, sehen Psychologen vier mĂ€chtige Treiber am Werk. Alles dreht sich um Anerkennung, Kompetenzerleben, SelbstbestĂ€tigung und Macht. Das Erlebnis, als gewiefter Kenner und gefragter Experte aufzutreten, schmeichelt dem Ego, verleiht AutoritĂ€t, suggeriert Urteilsvermögen. Die eigene Meinung als kategorischer Imperativ â das tut gut, das will man öfter genieĂen. Und weil diese Online-Duftmarken viele Menschen erreichen, spendieren sie ihren Urhebern ein selbstwertstreichelndes WohlgefĂŒhl. Einen weiteren Anreiz liefert die Vorstellung, durch Lob oder Tadel konkrete Macht ĂŒber das Image eines Unternehmens auszuĂŒben.
MUSIK 11 ( Konstantin Gropper â Excercises 1â05)
ERZĂHLERIN:
Wir benoten jedoch nicht nur Produkte. Wir bewerten auch â und das sogar besonders gern â uns selbst und andere. Genau davon leben Onlinedienste wie Facebook, Instagram, TikTok &Co. Laut Handbuch Soziale Medien unterbreiten diese KanĂ€le:
ZITATOR:
âAngebote auf Grundlage digital vernetzter Technologien, die es Menschen ermöglichen, Informationen aller Art zugĂ€nglich zu machen und davon ausgehend soziale Beziehungen zu knĂŒpfen und zu pflegenâ.
SPRECHER:
Erfolgreich sind die einschlĂ€gigen Anbieter also deshalb, weil sie uns genau da packen, wo wir am EmpfĂ€nglichsten sind, wo es menschlich ans Eingemachte geht: Wir sind soziale Wesen: Wir streben nach sozialer Anerkennung. Unsere IdentitĂ€t, was wir sind, wofĂŒr wir uns halten, hĂ€ngt von der Anerkennung anderer ab. Wir sehen uns selbst so, wie wir glauben, dass andere uns sehen.
ZITATOR:
Bin ich schön? Bin ich gut? Bin ich wertvoll, liebenswert, witzig, klug?
ERZĂHLERIN:
Soziale Medien geben uns die Möglichkeit zur Selbstinszenierung. Wir posten Videos, Bilder, Statements, wir probieren, was ankommt, und hoffen auf BestĂ€tigung durch positives Feedback in Form von Likes und Kommentaren. Je mehr wir punkten, je mehr Lob und Zustimmung wir einfahren, desto besser fĂŒhlen wir uns. Virtuelle Likes, das haben Studien immer wieder bestĂ€tigt, tun körperlich gut. Sie aktivieren das Belohnungszentrum des Gehirns und spĂŒlen, wie Sex, Essen oder Erfolg, einen berauschenden GlĂŒckscocktail durch den Körper.
MUSIK 12 (Lizzo â Truth Hurts 0â25)
SPRECHER:
Solange das Feedback stimmt, solange die Daumen nach oben zeigen, die Zahl der Freunde, Follower und Reposts passt, ist alles im grĂŒnen Bereich. Doch wehe, wenn die SelbstbestĂ€tigungszufuhr stockt. Die Erfahrung - oft schon allein die BefĂŒrchtung -, schlecht bewertet zu werden, schĂŒrt soziale Ăngste. Die Stimmung schwankt, Selbstzweifel nagen, das Gedankenkarussell rast.
MUSIK 13 (Kieran Brunt â Boston Blue Period 0â37)
ZITATOR:
Warum hat das letzte Foto, die letzte Aktion keine Likes bekommen? Hat es niemand gesehen? Oder ist es blöd angekommen? Also warum schneiden mich plötzlich alle? Bin ich echt unten durch?
ERZĂHLERIN:
Womöglich noch fataler wirken sich abwertende Kommentare, direkte Beleidigungen und brutal provozierte Körperscham aus.
ZITATOR:
Mit dem Gesicht wĂŒrde ich nur nachts rausgehen.
Iss mal weniger, du Walross!
ERZĂHLERIN:
Solche Attacken prallen nicht spurlos an ihren Opfern ab. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor den nachweislich schweren psychischen Folgen öffentlicher DemĂŒtigungen. Die permanente Bewertung durch andere, der andauernde Beprobungsstress, der Druck, im sozialen Vergleich mitzuhalten, steht zahlreichen Studien zufolge im direkten Zusammenhang mit Ăngsten, DepressivitĂ€t, Essstörungen, sozialem RĂŒckzug bis hin zu Suizidgedanken.
MUSIK 14 (Lizzo â Everything Was So Much Simpler 0â14)
SPRECHER:
Scheinbar gibt es kein Entkommen, weder on- noch offline. Ratings, Rankings, Bewertungen, Zensuren bestimmen nicht nur unser privates oder öffentliches Leben. Sie lenken auch das Geschick ganzer LÀnder.
ERZĂHLERIN:
Stufen Rating-Agenturen die BonitĂ€t von Staaten zurĂŒck, kollabieren Börsen und wackeln Regierungen. Werden Wissenschaftler nicht oft genug zitiert oder publizieren sie zu wenig in hochbewerteten Fachzeitschriften, trudeln Karrieren. Wenn Unis auf den hinteren PlĂ€tzen im Hochschulranking landen, bleiben Fördergelder aus; ein einziger prominenter Verriss vernichtet ein Buch, einen Film, ein TheaterstĂŒck.
SPRECHER:
Das Prinzip Evaluation ist derart allgegenwÀrtig, dass selbst so vorsichtig wÀgende Forscher wie der Soziologe Oliver Berli viele Aspekte unseres Lebens als bewertungsgetrieben charakterisieren:
05 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Wenn wir uns das Bildungssystem anschauen und die Relevanz von Zeugnissen und Zertifikaten fĂŒr Karrieren in bestimmten Feldern, wenn wir uns anschauen, welche Relevanz und auch welches Interesse Bewertungen teilweise in kulturellen Feldern auf sich ziehen und auch welchen Unterhaltungswert die haben, hat die Rede von der Bewertungsgesellschaft eine gewisse PlausibilitĂ€t fĂŒr viele Bereiche unserer Gesellschaft.
MUSIK 15 (Röyksopp â Slow Fade / R 0â39)
ERZĂHLERIN:
Mit diesem Befund steht eine Problematik im Raum, die fĂŒr Oliver Berli sowie viele seiner Kolleginnen und Kollegen das zentrale Forschungsfeld absteckt:
06 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Wie funktioniert eigentlich bewerten? Wie werden solche Sachen verhandelt, wie werden Sachen kritisiert und gerechtfertigt?
SPRECHER:
Wie kommen Bewertungen zustande? Wer entscheidet darĂŒber, was richtig und falsch, gut und schlecht, wertvoll und wertlos ist? Welche Prozesse stecken hinter Wertzuschreibungen, wer hat die Finger im Spiel und immer wieder: Cui bono â wem nĂŒtzt es?
MUSIK 16 (Blumentopf + Texta - #HMLR 0â42)
ERZĂHLERIN:
Im Sport ist die Sache relativ klar: Wo Leistung messbar ist, sind Bewertungen und Rangfolgen auf Anhieb plausibel. Weite, Höhe, Geschwindigkeit, Tordifferenz, alles, was sich wiegen, zĂ€hlen, berechnen lĂ€sst, erzeugt klare Ordnungen. Schwieriger wird es, wenn subjektives Ermessen den Ausschlag gibt. Etwa bei Wertungsnoten im Eiskunstlauf, beim Turmspringen, beim Reiten. Dasselbe gilt fĂŒr Wissenschaften und KĂŒnste.
SPRECHER:
Was macht das beste Buch, die beste Sinfonie, den besten Film, den besten Kandidaten aus? War Dschingis Khan ein groĂer Herrscher oder ein blutsaufender Egomane? Und was ist ein guter Versicherungsmakler? Einer, der möglichst viele AbschlĂŒsse tĂ€tigt ohne RĂŒcksicht auf den Kundennutzen? Oder einer, der zum Wohl und Nutzen seiner Kunden handelt? Alles Ansichtssache, alles muss stĂ€ndig neu erwogen, gewichtet und ausgehandelt werden.
ERZĂHLERIN:
Immaterielle, weder greifbare noch messbare Wertzuschreibungen sind soziale Konstrukte, die vom jeweils kulturellen und zeitlichen Kontext abhÀngen. Sie entstehen durch gesellschaftliche Vereinbarungen und antworten auf die Frage, welche FÀhigkeiten und Ressourcen eine Gesellschaft aktuell oder perspektivisch am meisten benötigt.
MUSIK 17 ( Röyksopp â And so ⊠0â50)
SPRECHER:
Eine kriegerische Gesellschaft wird in ihren kulturellen ĂuĂerungen und ihren hierarchischen Strukturen vor allem Eigenschaften wie Kampfkraft, Mut, KörperstĂ€rke hoch bewerten und den Zugang zu Status, Rang, Lebenserfolg ĂŒber diese Merkmale regeln. Autokratische Gesellschaften legen andere BewertungsmaĂstĂ€be an als freiheitliche Systeme, und in nomadischen Kulturen rangieren gewiss andere Werte weiter oben als in technologiezentrierten Gesellschaften.
ERZĂHLERIN:
FĂŒr den Soziologen Oliver Berli macht genau diese zeit- und gesellschaftsgebundene Dynamik das PhĂ€nomen Bewerten und Bewertung zum spannenden Untersuchungsgegenstand:
07 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Bewertung klingt ja so, als wenn es immer das gleiche wĂ€re. Ist es aber natĂŒrlich nicht, weil BewertungsmaĂstĂ€be sich historisch wandeln. Ein Beispiel wĂ€re eben die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Bewerbungen, um eine Stelle mit einer bestmöglichen Person zu besetzen. Also besetze ich eine Stelle mit jemandem, der mir sozial nah ist? Oder besetze ich eine Stelle mit jemanden, der eine gute Leistung auf dieser Stelle verspricht? Die Relevanz von Leistungsnachweisen in Bewerbungsunterlagen verĂ€ndert sich, worauf geschaut wird, wie sortiert wird, das ist alles in Bewegung.
SPRECHER:
Damit qualifizieren sich die historisch und rĂ€umlich geprĂ€gten Kulturen des Bewertens als brauchbare Indikatoren, um Entwicklungstendenzen fĂŒr Bereiche unterschiedlichster Gesellschaften aufzuspĂŒren.
08 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Das ist in den Wissenschaften so, das ist auch im Sport so. Wenn wir uns den Leistungssport anschauen und Diskussionen darĂŒber, was ist zulĂ€ssig, beispielsweise zur Leistungssteigerung und was nicht. Was ist eine faire Einteilung? Brauchen wir Leistungsklassen nach Alter, Geschlecht, Gewicht?
MUSIK 18 ( Blackfish â Deep Village 0â35)
ERZĂHLERIN:
Weil die Inhalte und Praktiken des Bewertens nicht einfach nur gesellschaftliche Wirklichkeiten spiegeln, sondern diese Wirklichkeiten auch formen und steuern, weil diese Wirklichkeiten uns alle betreffen, weil sie zu Missbrauch und Manipulation einladen, mĂŒssen wir dafĂŒr sorgen, dass die Mechanismen sozialer, politischer, religiöser oder moralischer Wertzuschreibungen transparent bleiben. Wir mĂŒssen gemeinsam darĂŒber wachen, wie Werte und Bewertungen zustande kommen, wie sie einzuordnen sind, was sie aus- und anrichten können.
SPRECHER:
Ein profundes VerstĂ€ndnis fĂŒr die Bedeutung, die Prozesse, Praktiken und auch die Problematik des privaten und öffentlichen Bewertens ist der beste Schutz gegen Missbrauch und Manipulation. Vor allem Heranwachsende und Jugendliche sollten ihn möglichst frĂŒh erwerben.
09 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Im Kontext einer allgemeinen Medienbildung, könnte es durchaus Sinn machen, darĂŒber zu sprechen, was einzelne Formen digitaler Bewertung, wie die funktionieren, wie die einzuordnen sind. Ob es da so einfach ist, eindeutige Empfehlungen abzugeben, da bin ich eher skeptisch. Aber ab einem gewissen Alter ein Bewusstsein dafĂŒr zu schaffen, kann mit Sicherheit nicht schaden!
SPRECHER:
Das muss dann auch gar nicht immer in Sozialkunde oder im Religions- und Medienunterricht passieren. Chancen fĂŒr erhellende Aha-Momente öffnen sich beispielsweise auch im Fach Deutsch:
10 Zsp. Bewertungsgesellschaft BERLI:
Wir haben so viele Preise und Wettbewerbe im Feld der Literatur, gerade im deutschsprachigen Raum. Da wĂŒrde jetzt niemand auf die Idee kommen, dass das erstmal negativ zu bewerten ist. Aber es ein interessanter Zugang, um sich die Frage zu stellen Hey, was passiert da eigentlich? Lasst uns da mal drĂŒber reden. Warum gibt es auf einmal in manchen Bereichen von Gesellschaft so viele Preise oder Wettbewerbe?
MUSIK 19 (Lisa-Marie Puy â Breathing Under Water 0â52)
SPRECHER:
Am Ende aber hat den entscheidenden Aspekt, wenn es um Werte und Wertungen geht, hat der römische Satiriker Juvenal bereits vor fast 2.000 Jahren so auf den Punkt gebracht:
ZITATOR:
Quis custodiet ipsos custodes? â Wer bewacht die WĂ€chter, wer kontrolliert die Kontrolleure?
SPRECHER:
Auf die Mechanismen und Akteure des Bewertens ĂŒbertragen heiĂt das: Vorsicht! Schaut den Werteschmieden und WertewĂ€chtern genau auf die Finger!
ZITATOR (aus dem Lautsprecher):
Herzlichen GlĂŒckwunsch! Sie sind angekommen. Wir haben das Ende unserer gemeinsamen Fahrt erreicht.
SPRECHER:
Und wenn Sie mit unserem Service zufrieden warenâŠ
ERZĂHLERIN:
⊠na, Sie wissen schon: lassen Sie uns ein Like, einen Daumen, ein Herz und gern auch fĂŒnf Sterne da!


